Historische Grenzen und Grenzsteine

im Lainzer Tiergarten

Der Wienerwald

Das Weströmische Reich war zerfallen, doch Rom blieb der Amtssitz des Bischofs aller Bischöfe. Die Mission brachte das Christentum zu den Germanen, und deren Fürsten lernten Gottes allerhöchste Legitimation zu schätzen. Karl der Große war anno 800 der erste Herrscher Westeuropas, der sich vom Papst zum Kaiser krönen ließ. Aber erst die mittelalterlichen Herrscher späterer Generationen ab Otto I. erhoben den dauerhaften Anspruch, nach Gottes Willen die Nachfolger der römischen Kaiser der Antike und damit auch die weltlichen Oberhäupter der Christenheit zu sein, über allen anderen Königen. Das Heilige Römisches Reich – später auch Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation – war entstanden. Über die Klöster sickerte allmählich auch die antike Kultur in diesen Raum.

Die Ottonen festigten das Reich nach Osten gegen die Einfälle der Ungarn, die österreichischen Markgrafen trugen wesentlich zur endgültigen Sicherung der östlichen Grenzen bei. Das war um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend. Zum Dank wurden sie vom Kaiser mit großen Ländereien in diesen neuen Gebieten beschenkt. Durch mehrere solche Schenkunken wurde der Babenberger Markgraf Heinrich I. zum persönlichen Eigentümer des Waldgebietes zwischen Piesting und Donau – dem späteren Wienerwald. Die Grafschaft und später das Herzogtum Österreich blieben aber ein vom Kaiser aus der Reichsmasse verliehenes Reichslehen. Nach dem Aussterben der Babenberger und dem Ende Ottokars von Böhmen übernahmen die Habsburger mit Rudolf I. als römisch-deutschem König das Babenberger-Lehen, und der Wienerwald wurde zu ihrem persönlichen Besitz. Ab dem 15. Jahrhundert stellten die Habsburger auch alle deutschen Könige bzw. römisch-deutschen Kaiser.

Um das Jahr 1500 nahm die Verwaltung des Wienerwald-Gebietes eine entscheidende Wendung durch eine von Kaiser Maximilian I. ausgehende Neuorganisation. Fortan gab es einen Waldmeister mit einem Kaiserlichen Waldamt im Schloss Purkersdorf als Verwaltungszentrum und ihm unterstellte weitere Organe. Durch Tausch und Kauf wurde dieser habsburgische Grundbesitzes laufend erweitert, ein wesentlicher Schritt aus unserer auf den Lainzer Tiergarten konzentrierten Sicht war der 1560 erworbene Auhof mit seinen Forsten und Wiesen.

Die Hauptnutzung des Waldes bestand in der Jagd oder besser gesagt im Recht auf den Wildbestand dieses riesigen Gebietes, im Zuge der Industrialisierung gewann aber der Wert als Rohstofflieferant an Bedeutung. Der Bereich des dem  Waldamt Purkersdorf zugehörigen Lainzer Tiergartens und dessen Jagdrecht blieb auch dann im Besitz der Habsburger, als Erzherzogin Maria Theresia 1755 den kaiserlichen Waldbesitz in das Eigentum des sich allmählich bildenden Staates übertrug.

Der Lainzer Tiergarten

Das Gebiet des Tiergartens war bis ins 17. Jahrhundert sehr zerstückelt. Die noch erhaltenen Flurnamen des Königskloster-, Laurenzer-, Schotten-, Jakober-, Dorotheer- und Augustinerwaldes und zugehörige Wiesen sowie das Kaiserspitalmais, die Kleine Spitalwiese und der Bürgerspitalwald belegen, dass hier sechs Klöster und zwei Spitäler Besitz hatten. Zwei Bischofswiesen, ein Bischofsmais und der Bischofswald erinnern daran, dass auch die Bischöfe von Wien mit ihrem Sommersitz in St. Veit an der Wien Grundbesitz im Tiergarten hatten. Natürlich gibt es im Tiergarten noch viele andere erhaltene oder abhanden gekommene Flurnamen die ehemalige Besitz- oder Nutzungsrechte anzeigen. 

Seine konkrete Gestalt und Ausdehnung nahm der der Tiergarten mit dem Patent Maria Theresias vom 4. April 1772 zur Schaffung des Lainzer Tiergartens an. Innerhalb des mit einer Mauer einzufriedenden Areals lagen der Königskloster Wald, die Dorotheer Wiese, der Jacober Wald, die Lorenzer Wiese, der Schottenwald, das Bischofsmais, der Vösendorfer Wald, der Erlaaer Wald und der Mauer Wald. Der ab 1781 durch Josef II. errichteten Mauer um den Tiergarten ging ein hölzerner Zaun voraus. Schon davor hatten sich vom Wildschaden betroffene Orte wie Mauer mit Wildzäunen beholfen: von sämtlichen Grundbesitzern zu erhaltende „sehr kostbare, 7 Läden hohe weitläufige Planken“.

Obwohl die Habsburger neu gestiftete Klöster wie die oben genannten immer wieder mit Waldbeständen begütert hatten, war und blieb es ihr nachhaltiges Bestreben, den landesfürstlichen Waldbesitz zu arrondieren und Fremdbesitz durch Kauf oder Tausch zu übernehmen. Dass dies auch für den nun verbliebenen Tiergarten galt, zeigt schon ein St. Veit an der Wien betreffendes Beispiel: der Kauf von Schloss und Herrschaft St. Veit durch Erzherzogin Maria Theresia im Jahr 1762. Kardinal Migazzi kaufte die Herrschaft 1779 zwar zurück, doch ohne den dazugehörigen Waldbesitz, der beim kaiserlichen Waldamt verblieb. Im Zuge der Klosteraufhebungen durch Josef II. kamen innerhalb der dann schon bestehenden Mauer weitere Flächen dazu. Große Teile des Tiergartens gelangten und Kaiser Franz I. ins hofärarische Eigentum. 1823 hatten noch die Gemeinde Mauer, die Herrschaften Mauer, Inzersdorf, Erlaa, Vösendorf, das Stift Schotten und der Deutsche Ritterorden Grundbesitz im Tiergarten. 1830 gab es Waldabtausche mit dem Stift Schotten (gegen Wald im Haltertal), dem Bürgerspital und den Herrschaften Vösendorf, Erlaa, Inzersdorf und Mauer. 1856 hatten nur mehr das Gut Inzersdorf und die Gemeinde Mauer Grundbesitz im Tiergarten. Der Fasslberg bei Mauer wurde 1913 von Kaiser Franz Josef I. als letzter Fremdbesitz im Tiergarten erworben. Erst dann bekam der Tiergarten das Gepräge eines konsequenter abgesperrten Wildparks.

„Mappa über den Kayserlichen Wienner Wald“. Kopiert von Francisco Flameck (1759) nach einer Karte von Johann Jakob Marioni (1726). Dieser – hier in etwa genordete – Ausschnitt zeigt die östliche Hälfte des späteren Lainzer Tiergartens vom Auhof (bzw. Wienfluss) bis vor Kalksburg. Der landesfürstliche Besitz ist bräunlich gefärbt, der gesamte Bereich um die nach Wien weisende Waldgrenze war im Besitz anderer Eigentümer (Herrschaften, Orden etc.). Im grünen Kreis die Stelle an einem Zubringer des Gütenbaches, an der sich der dreieckige an anderer Selle zu besprechende Grenzstein befindet. Die Deutung der hier stehenden Steine muss die in diesem Plan eingetragenen Waldbesitzungen und den Verlauf der Landgerichts-Grenzen mit berücksichtigen. Viele historische Waldbezeichnungen bleiben hier jedoch ungenannt. © Österreichische Nationalbibliothek Wien, E 31.456-C
<p><b>„Mappa über den Kayserlichen Wienner Wald“</b></p><p>Kopiert von Francisco Flameck (1759) nach einer Karte von Johann Jakob Marioni (1726). Dieser – hier in etwa genordete – Ausschnitt zeigt die östliche Hälfte des späteren Lainzer Tiergartens vom Auhof (bzw. Wienfluss) bis vor Kalksburg. Der landesfürstliche Besitz ist bräunlich gefärbt, der gesamte Bereich um die nach Wien weisende Waldgrenze war im Besitz anderer Eigentümer (Herrschaften, Orden etc.). Im grünen Kreis die Stelle an einem Zubringer des Gütenbaches, an der sich der dreieckige an anderer Selle zu besprechende Grenzstein befindet. Die Deutung der hier stehenden Steine muss die in diesem Plan eingetragenen Waldbesitzungen und den Verlauf der Landgerichts-Grenzen mit berücksichtigen. Viele historische Waldbezeichnungen bleiben hier jedoch ungenannt.</p><p><i>&copy; Österreichische Nationalbibliothek Wien, E 31.456-C</i></p>

Heute ist der Lainzer Tiergarten Teil des 13. Wiener Gemeindebezirkes Hietzing und Schutzgebiet nach mehreren Richtlinien. Er blieb weitgehend unverbaut, verfügt aber trotzdem – oder gerade deswegen – über ein beachtliches Kulturgut: Über Grenzsteine, die hier häufiger anzutreffen sind, als anderswo.

Die Grenzen und ihre Beschreibungen

Grenzen gibt es von Alters her. Oft fallen sie mit natürlichen, nur schwer überwindbaren Hindernissen wie Bergkämmen oder Flüssen zusammen, manchmal dienen markante natürliche Punkte (z. B. ein Felsen oder eine Eiche, von dessen altslawischer Bezeichnung auch das Wort Grenze stammen soll) als Anhaltspunkt für Grenzverläufe, später auch vom Menschen geschaffene Einrichtungen wie gesetzte Bäume, Furchen, Gräben, Wälle und Mauern, Holzpflöcke und eben auch Grenzsteine. Mehr zu den Grenzen und der Entwicklung ihrer Kennzeichnung erfahren Sie u. a. unter http://de.wikipedia.org/wiki/Grenze und https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Grenzsteine.

Sehr alte Grenzverläufe beschreiben die ab 1572 erhaltenen Grenzbeschreibungen in den Waldbüchern:

Ausmarchung des Wienerwaldes vom 12. März 1572, erhalten in einer gebundenen Abschrift aus dem Jahr 1672: https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=388284

Kaiserliches Wald- und Forstbuch über die Ausmarchung des Wienerwaldes, 1674–1678: https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?id=388286

Moderner und wesentlich genauer sind die Grenzbeschreibungen „des k.k. Thiergarten mit dehsen enclavierten Waldbestaenden“ in den Protokollen des Franziszeischen Katasters 1819: Sie können auch in den schon sehr präzisen Katasterplänen nachvollzogen werden. Durch diesen Franziszeischen Kataster erhielten die Katastralgemeinden ihre bis heute wirksame Ausprägung. Der k.k. Thiergarten wurde zusammen mit der Gemeinde Auhof in der Mappe 20 der Katasterpläne für das Viertel unter dem Wienerwald erfasst. Eine georeferenzierte Zusammenfassung dieser Pläne kann HIER aufgerufen werden.

Als Grundeigentümer werden in diesen Protokollen 1819 außer dem dominierenden vereinigten k.k. Obersthof-Landjägermeisteramt- und Niederösterreichischen Waldamt, die Herrschaften Mauer, Erlaa, Hacking, Inzersdorf, Kalchspurg, Schotten, Vösendorf, die Pfarrherrschaft Hütteldorf und mit minimalem Anteil eine Handvoll Weinhauer aus St. Veit angeführt.

Wenn wir nun die Grenzen im Bereich des heutigen Lainzer Tiergartens über die letzten Jahrhunderte seiner Geschichte verfolgen, so werden wir auf verschiedene Arten von Grenzen stoßen:

  • Auf Grenzen der Habsburger als Landesfürsten oder private Waldbesitzer.
  • Auf Grenzen des Besitzes von Orden, Spitälern, Grundherrschaften und natürlicher Personen.
  • Auf Grenzen von alten oder durch die (provisorischen) Gemeindegesetze ab 1848 selbstständig gewordenen neuen Ortsgemeinden.
  • Auf Grenzen von Untereigentum oder anderer Rechte.
  • Auf die Grenzen der durch die Eingemeindung 1890-92 vergrößerten Gemeinde Wien.
  • Auf die Grenze des Grundes rund um die Hermesvilla, die Kaiserin Elisabeth von Kaiser Franz Joseph geschenkt bekam.
  • Auf die Grenzen von Landgerichtszuständigkeiten, etwa zwischen jener St. Veits und der waldamtlichen Gerichtsbarkeit.
  • Auf die Ausmarkung von Revier und Jagdgrenzen aber auch von Verwaltungsdistrikten.
  • Natürlich gibt es auch moderne Steine, die den Verlauf von Wasserleitungen oder Postkabel etc. bezeichnen.

Transkripte von Grenzbeschreibungen

Zu den Transkripten der im Franziszeischen Kataster protokollierten Grenzbegehungen führt dieser LINK. Größte Relevanz für den heue noch existierenden Bestand an historischen Grenzsteinen hat das vollständige Transkript der Grenzbeschreibung des „in den k.k. Tiergarten der Löbl. Herrschaft Inzersdorf angehörigen Waldbestand“. An dieser Grenze ist der dichteste Bestand an historischen Grenzsteinen erhalten.

Ein weiteres Beispiel ist die Grenzbeschreibung der Gemeinde St. Veit an der Wien. Sie nennt neben älteren Steinen viele Grenzsteine aus dem Jahr 1818, die offensichtlich anlässlich dieser Begehung gesetzt wurden.

Die Grenzsteine im Lainzer Tiergarten

Grenzsteine machen den einvernehmlich bestimmten Grenzverlauf in der Natur sichtbar. Historische Grenzsteine gibt es in den verschiedensten Formen, es gab keine fixe Regelung für ihre Gestaltung und auch nicht für ihre Beschriftung. In unserer Region haben sie meist einen rechteckigen Grundriss mit abgerundetem oder flachem Kopf und sind aus lokaler Gesteinsart. Auf dem Kopf ist oft der Verlauf der Grenze durch eine Kerbe eingemeißelt. Auf den beiden flachen Seiten sind die Anfangsbuchstaben, Wappen oder Symbole der Eigentümer jener Gebiete, denen die jeweilige Seite zugewandt ist. Manchmal blieb die Rückseite leer, und der zweite Anlieger verwendete einen eigenen Stein. Oft wurden diese Zeichen durch die Jahreszahl der Grenzbegehung und die Nummer des Steines ergänzt. Die Nummer konnte auch auf der Schmalseite angebracht und für beide Anlieger ident oder unterschiedlich sein. Die Lage der Grenzsteine wurde auf verschiedene Art und Weise gesichert, oft legte der „Feldschieder“ Scherben aus beständigem Material, sogenannte "(stumme) Zeugen" ganz tief in das Loch, ehe er den Stein setzte.

Bei uns soll es Grenzsteine ab dem 14. Jahrhundert gegeben haben, der älteste von mir im Lainzer Tiergarten gefundene Grenzstein trägt die Jahreszahl 1536. ihre „Glanzzeit“ hatten sie im 17. und 18. Jahrhundert, als manche von ihnen zu wahren Kunstwerken gerieten. Ab dem 19. Jahrhundert wurden sie wieder einfacher und meist nur mit den Initialen der Eigentümer versehen.

Anlass zum Setzen der Grenzsteine waren Änderungen in den Eigentumsverhältnissen, Änderungen der Grenzverläufe, der Ersatz abhanden gekommener Grenzmarken, gemeinsame Grenzbegehungen aus verschiedenen Anlässen etc. Im Wienerwald wurden im 16. Jahrhundert mehrere Anläufe zur Grenzbeschreibung und Ausmarkung unternommen, aber erst 1572 mit der oben angeführten Grenzbeschreibung im Waldbuch abgeschlossen. 1622 folgte eine weitere und von 1674 bis 1678 folgte die im Leopoldinischen Waldmarkbuch niedergelegte. Die meisten für das Leopoldinische Buch gesetzten Steine trugen das Jahr 1677. Zahlreiche der später gesetzten Steine zeugen von der Ausmarkung unter Maria Theresia von 1777 bis 1778.

Ein späterer Anlass zur Erneuerung von Ausmarkungen waren die Grenzbegehungen für den oben genannten Franziszeischen Kataster 1819, jedoch nur für den Inzersdorfer Wald, die anderen Grenzsteine waren vorhanden und wurden nur aufgenommen. Die hier beschriebenen bzw. neu gesetzten Grenzsteine verloren jedoch bald ihre praktische Relevanz, denn die meisten nicht habsbugrischen Waldungen wurden in den folgenden Jahrzehnten im Rahmen von Tauschgeschäften dem Hofärar eingegliedert. 

Eine letzte Erneuerung von Grenzsteinen, die Waldbesitz innerhalb des Lainzer Tiergartens belegten, war wohl die 1863 erfolgte Ergänzung bzw. Erneuerung der Steine um den Inzersdorfer Wald. Gesetzt wurden Grenzsteine mit dem Zeichen H.I. für die Herrschaft Inzersdorf, der Jahreszahl 1863 und den Nummerierungen von I bis XXXI.

Der Hauptanteil der heute noch im Wald stehenden historischen Grenzsteine entfällt auf jene, die in den Grenzbegehungen 1819 für den Waldbesitz der Herrschaft Inzersdorf und der Gemeinde Mauer festgehalten wurden. Diese beiden Wälder waren ja am längsten in nichtärarischem Besitz. Von den 32 Grenzsteinen um den Schottenwald sind nur mehr drei Stück auffindbar, von der Grenze um den Erlaaer Wald habe ich über die mit dem Inzersdorfer Wald gemeinsamen hinaus noch zwei Stück gefunden. Alle anderen Steine sind verbliebene Einzelstücke anderer Waldgrenzen, einige davon sind weiter unten dargestellt.

Häufig beschrieben werden allerdings auch noch jüngere Grenzsteine, doch dabei handelt es sich offensichtlich um die Ausmarkung von Revier- und Jagdgrenzen, wie sie zum Beispiel im Situationsplan aus dem Jahr 1823 eingezeichnet sind. Hier ist vor allem die Linie von der Tiergartenmauer bei der Baderwiese (Stein Nr. 1)  über das Rohrhaus und nördlich des Kaltbründelberges vorbei zum Hirschgestemm und weiter bis zur Tiergartenmauer im Glasgraben (Stein Nr. 32) zu nennen. Von diesen Steinen sind noch ca. 16 Stück vorhanden. An der Nordseite tragen sie durchgehend das das Zeichen H für Hütteldorfer Revier, an der Südseite von der Baderwiese bis zum Dreieckstein Nr. 21 an der Weggabelung von der  Hubertuswarte zum Hirschgestemm das Zeichen L für Lainzer Revier und ab dann das Zeichen Lb für Laaber Revier. Der Dreieckstein trägt auch die Jahreszahl 1838. Diese Steine haben wohl alle auf dieser Linie liegenden und obsoleten Grenzsteine, vor allem diejenigen um den damals eingetauschten Schottenwald verdrängt.

Diese Reviereinteilung wird auch durch einen Bericht der k. k. Landwirtschafts-Gesellschaft aus dem Jahr 1857 bestätigt, in dem es auf Seite 346 heißt: „Der Thiergarten ist in 3 Reviere eingetheilt, nämlich in das Hütteldorfer, Lainzer und Laaber Revier, von denen jedes ein Wirthschaftsganzes bildet und von einem k. k. Hofjäger, der zugleich auch Förster ist, verwaltet wird. Die Oberleitung führt ein k. k. Forstmeister im Auhofe. Als untergeordnetes Schutzpersonale sind noch 3 Hausjäger, 4 Thierwächter und 7 Jägerjungen angestellt...“ (= einer von zahlreichen Hinweisen von Frau Dr. Elisabeth Knapp).

Allerdings gibt es noch eine Grenzstein-Besonderheit im Lainzer Tierarten: 1882–1886 ließ Franz Joseph I. die Hermesvilla als Refugium für Kaiserin Elisabeth errichten und die zugehörige unmittelbare Umgebung mit Grenzsteinen kennzeichnen. Diese schön gestalteten Steine sind heute noch vorhanden und viele von den Wegen aus gut sichtbar.

Heute werden die verbliebenen Grenzsteine kaum beachtet, doch für den Kundigen sind sie steinerne Geschichtsbücher. Viele dieser alten Zeugen einstiger Grenzverhältnisse – soweit sie noch gab – wurden allerdings schon vor dem Ersten Weltkrieg entfernt und teilweise beim Lainzgrabenstadl verwahrt, bis sie als Pflastersteine Verwendung fanden. Andere wurden von schwerem Gerät überfahren. Einige sind umgefallen und werden allmählich vom Erdreich verschluckt. Nur zwei dieser alten Zeitzeugen wurden unter Denkmalschutz gestellt.

Herrschaftssymbole und Symboldatenbank

Über das Nachvollziehen historischer Grenzziehungen hinaus sollen auch die in Stein gemeißelten Zeichen entziffert werden, hier allerdings beschränkt auf die im Lainzer Tiergarten anzutreffenden Grenzsteine. Im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten muss allerdings wiederholt mit bloßen Vermutungen das Auslangen gefunden werden, ergänzende Hinweise sind natürlich jederzeit willkommen. Hier ist der Link zu der im Aufbau befindlichen Grenzstein-Datenbank auf Basis nachgezeichneter Herrschaftssymbole. Weitere – auch andernorts – auf den Grenzssteinen zu findende Abkürzungen sind auf Wien Geschichte Wiki alphabetisch geordnet abrufbar.

Beispiele aus alter Literatur und neuer Suche

Östlich des Weges von der Baderwiese zum nunmehr geschlossenen Adolfstor (einst Hackenbergtor) standen zwei Doppelsteine, von denen jeder kleinere die Buchstaben SV und die Jahreszahl 1615, jeder größere in einem Kreis das Zeichen OCO = O(fficium), CO(nventus) = Gebiet (Amt) des Klosters und ebenfalls die Jahreszahl 1615 trägt. Sie erinnerten daran, dass hier um diese Zeit eine Grenzbestimmung zwischen der Grundherrschaft St. Veit (Bistum Wien) und dem Königskloster stattgefunden hat. Ein historisches Foto zeigt sie noch so, wie sie ursprünglich aufgestellt waren:

Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Ein Grenzstein des Königsklosters aus dem Jahr 1615, dahinter der kleinere St. Veiter Stein. Foto aus Amon, 1923
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Ein Grenzstein des Königsklosters aus dem Jahr 1615, dahinter der kleinere St. Veiter Stein. Foto aus Amon, 1923</p>

Von den vier Steinen steht heute nur mehr einer an seinem ursprünglichen Platz. Die folgenden Fotos dokumentieren dies:

Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Dieses Foto von der Abzweigung zum Adolfstor zeigt ganz rechts den größeren der einstigen zwei Grenzsteine an diesem Platz. Fotografiert am 3. September 2011 © Archiv 1133.at
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Dieses Foto von der Abzweigung zum Adolfstor zeigt ganz rechts den größeren der einstigen zwei Grenzsteine an diesem Platz. Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
LTG Grenzstein Nr. 21a. Der schöne Grenzstein des Köngisklosters aus der Grenzziehung 1615, der an der Weggabelung zum Adolfstor steht, ist der letzte aus der Gruppe dieser Grenzsteine, der noch an seinem angestammten Platz steht. Der kleinere Grenzstein der Herrschaft St. Veit ist nicht mehr auffindbar. Fotografiert am 3. September 2011 © Archiv 1133.at
<p><b>LTG Grenzstein Nr. 21a</b></p><p>Der schöne Grenzstein des Köngisklosters aus der Grenzziehung 1615, der an der Weggabelung zum Adolfstor steht, ist der letzte aus der Gruppe dieser Grenzsteine, der noch an seinem angestammten Platz steht. Der kleinere Grenzstein der Herrschaft St. Veit ist nicht mehr auffindbar. Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Ein anderer Grenzstein aus dieser Gruppe lag bis Anfang September 2011 in der Nähe des Platzes, wo er einst stand. Der St. Veiter Stein war von jüngerer Hand auf den Köngiskloster-Stein und wahrscheinlich beide auf einen Sockel aufgemauert worden. In der ersten Septemberwoche 2011 wurden sie von der Forstverwaltung geborgen und trocken gelagert. Das Foto stammt vom 3. September 2011. © Archiv 1133.at
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Ein anderer Grenzstein aus dieser Gruppe lag bis Anfang September 2011 in der Nähe des Platzes, wo er einst stand. Der St. Veiter Stein war von jüngerer Hand auf den Köngiskloster-Stein und wahrscheinlich beide auf einen Sockel aufgemauert worden. In der ersten Septemberwoche 2011 wurden sie von der Forstverwaltung geborgen und trocken gelagert. Das Foto stammt vom 3. September 2011.</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Eine Gruppe von Grenzsteinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert an der Forststraße bei der Baaderwiese steht unter Denkmalschutz. Möglicherweise sind auch diese Steine betroffen.

Die Grenzsteine am Weg von der Baderwiese zum Rohrhaus und zum Hirschgestemm und um den Kalten Bründlberg betreffen die Ausmarkung von Revier- Jagdgrenzen. Sie tragen auf der einen Seite oben ein "N" für Nummer und darunter die Nummer des zu dieser Gruppe gehörigen Grenzsteines und darunter ein „H“ für Hütteldorfer Revier. Auf der anderen Seite ist ein „L“ für Lainzer Revier oder „Lb“ für das Laaber Revier zu sehen.

<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Ing. Hans Popp</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

An der Stelle, wo der Weg vom Kalten Bründlberg auf den Weg zum Hirschgestemm stößt steht ein Grenzstein mit drei Seiten, offensichtlich an der Schnittstelle dreier Herrschaftgebiete.

Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. An der Abzweigung des Weges vom Hirschgestemm zur Hubertuswarte am Kalten Bründlberg steht ein Grenzstein an der Schnittstelle der drei Revier- bzw. Jagdgrenzen. In diesem Foto ist er ganz links zu sehen. Fotografiert am 3. September 2011 © Archiv 1133.at
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>An der Abzweigung des Weges vom Hirschgestemm zur Hubertuswarte am Kalten Bründlberg steht ein Grenzstein an der Schnittstelle der drei Revier- bzw. Jagdgrenzen. In diesem Foto ist er ganz links zu sehen. Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Der Dreiherrschaftsstein an der Weggabelung Hirschgestemm – Hubertuswarte. Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Die Richtung Osten weisende Seite des Dreiherrensteines zweigt wieder die Steinnummer mit dem "H". Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Die Richtung Osten weisende Seite des Dreiherrensteines zeigt vermutlich die Buchstaben "Lo". Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>
<p><b>Alte Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Die Richtung Süden weisende Seite des Dreiherrensteines trägt das "L", vermutlich mit einer Jahreszahl aus dem 19. Jahrhundert. Fotografiert am 3. September 2011</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

Weitere, in der Literatur angeführte Grenzsteine:

An der Straße auf der großen Bischofswiese unmittelbar an der Brücke über den Rotwassergraben am linken Straßenrand (talaufwärts). Dieser Grenzstein hat noch Spuren des viergeteilten Apfels mit dem Kreuz, hier Sinnbild der Heilkraft, und der Jahreszahl 1566. Er bezeichnet die Grenze des Bürgerspitalbesitzes. Ihm gegenüber am rechten Straßenrand ist ein Stein aus dem Jahr 1720 mit dem bischöflichen Wappen.

Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Ein Grenzstein des Bürgerspitals aus dem Jahr 1566 © Amon Rudolf: Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt. Wien: Haase 1923
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Ein Grenzstein des Bürgerspitals aus dem Jahr 1566</p><p><i>&copy; Amon Rudolf: Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt. Wien: Haase 1923</i></p>
Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Ein Stein aus dem Jahr 1720 mit dem bischöflichen Wappen © Amon Rudolf: Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt. Wien: Haase 1923
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Ein Stein aus dem Jahr 1720 mit dem bischöflichen Wappen </p><p><i>&copy; Amon Rudolf: Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt. Wien: Haase 1923</i></p>

Am Grünauergraben unweit des Johannserschütt mit dem Zeichen KC 1732, KC für das Königskloster.

Königskloster-Grenzstein im Auhof-Mais. © l. Amon-Leeder
<p><b>Königskloster-Grenzstein im Auhof-Mais</b></p><p><i>&copy; l. Amon-Leeder</i></p>

Auf der großen Stockwiese stehender Grenzstein von 1704 (steht unter Denkmalschutz).

Zwei Steine an der Grenze zwischen Laurenzer- und Jakoberwald. Der eine trägt die Jahreszahl 1629 und das Wappen des Laurenzerklosters, den Rost, auf dem der Ordensheilige nach der Legende gebraten worden sein soll und die Buchstaben S L, das ist Sankt Laurenz. Auf dem Jakoberstein ist nur mehr die Jahreszahl 1576 zu erkennen.

Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. Grenzstein des Klosters St. Laurenz aus dem Jahr 1629, mit dem "Rost", dem Wappenzeichen des Klosters (Aufnahme L. Amon-Leeder).
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p>Grenzstein des Klosters St. Laurenz aus dem Jahr 1629, mit dem "Rost", dem Wappenzeichen des Klosters (Aufnahme L. Amon-Leeder).</p>

Eine Gruppe von Grenzsteinen steht "wegabseits" am Bachrand im Auhofer Gut. Der eine zeigt die Grenze des Ordensbesitzes der Johanniter an, trägt die Zeichen C S I = C(onventus) S(anct) J(ohannis), darunter das Ordenskreuz und die Jahreszahl 1745. Ein anderer Stein trägt die Buchstaben M T S V = M(aria) T(heresia) S(ylvia) V(iennensis) und die Jahreszahl 1774. Einer zeigt das Zeichen O Æ (Österreichsiches Ärar) und die Jahreszahl 1567.

Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. © Amon-Leeder, 1930
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p><i>&copy; Amon-Leeder, 1930</i></p>
Grenzsteine im Lainzer Tiergarten. © Amon-Leeder, 1930
<p><b>Grenzsteine im Lainzer Tiergarten</b></p><p><i>&copy; Amon-Leeder, 1930</i></p>

Der Schallautzer Grenzstein. Ungefähr 200 Meter südlich des Adolfstores ist in der Mauer eingemauert ein alter Grenzstein mit dem Zeichen HS und der Jahreszahl 1567. Er erinnert an Hermes Schallautzer, kaiserlicher Baumeister und Rat, Superintendent und Altertumsforscher, 1538 bis 1539 Bürgermeister von Wien, der damals im Gebiet des heutigen Tiergartens Waldbesitz hatte.

Quellen:
Waldbücher 1572 und 1678;
Plan des Kaiserlichen Wienerwaldes 1726;
Franziszeischer Kataster 1819;
Amon, Rudolf; Mitarbeit Traudth, Dr. Friedrich: Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt. Wien/Leipzig/Prag: Schulwissenschaftlicher Verlag A. Haase, 1923;
Amon, Rudolf; Mitarbeit Traudth, Dr. Friedrich: Der Lainzer Tiergarten und seine Umgebung. In: Führer für Lehrwanderungen und Schülerreisen, Hrsg: Prof. Dr. Leo Helmer, Heft 10, Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1930;
Pläne der Forstverwaltung Lainz 1960 und 1986;
Knapp, Elisabeth: Steinerne Zeugen. Über die historischen Grenzsteine des 17. und 18. Jahrhunderts in Mauerbach. In: Mauerbacher Beiträge Nr. 16, Hrsg. von Karl Fahringer. Mauerbach: Selbstverlag der Marktgemeinde 2009;
Philippi, Nikolaus: Grenzsteine in Deutschland. Entstehung und Geschichte der Grenzsteine als Steinerne Zeugen in Wald und Flur. Bad Langensalza: Verlag Rockstuhl 2010;
Schachinger, Anton: Der Wienerwald – eine landeskundliche Darstellung. In: Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich. Hg. vom Verein f. Landeskunde u. Heimatschutz von N.-Ö. und Wien. Geleitet von Karl Lechner. Bd. 1/2. Wien: Verein für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien 1934.
Twerdy, Wilhelm: Beiträge zur Geschichte des Wienerwaldes. Budapest; Schwarzach; Bruck a.d. Leitha: Heimat-Verlag, 1998. – 2 Bände
Diverse Beiträge auf https://www.geschichtewiki.wien.gv.at;
Waldbegehungen.

hojos nach Anregung und mit Hinweisen von Dr. Elisabeth Knapp und Ing. Hans Popp
Im August 2011, überarbeitet im Dezember 2022