Die Wien. Vom Kaiserbrünndl bis zur Donau

Das Buch über den Wienfluss von Josef Holzapfel
10.07.2014

"Mit diesem Buch will ich möglichst viele Aspekte der Wien über ihren gesamten Verlauf und ihre gesamte nachvollziehbare Geschichte fundiert, kompakt und reich bebildert darstellen. Vielleicht gelingt es damit, die gegenwärtige Wiedergeburt des Flusses in seiner Funktion als Freiraum zu unterstützen."

Josef Holzapfel im April 2014

Das Buch ist im Sutton-Verlag erschienen und wurde am 2. Oktober 2014 im Bezirksmuseum Hietzing präsentiert. Das Buch ist in erster Line als Bildband konzipiert, doch die Einleitungstexte zu jedem der 13 Kapitel und die präzisen Bildbeschreibungen, die auf umfangreichen Recherchen basieren, geben diesem Werk eine Fülle an Informationen zu allen Aspekten des Flusses. Wer sich also kurzweilig und trotzdem ausführlich über die Wien informieren will, wird mit diesem Buch zufrieden sein.

Die im Folgenden veröffentlichten Einleitungstexte aller Kapitel und kurze Beschreibungen der weiteren Inhalte geben einen genaueren Eindruck vom Inhalt aller 13 Kapiteln Buches: "Lesen Sie rein!“

Einleitung

Fischen im Mündungsbereich des Wienflusses. © Archiv 1133.at

Die im Zuge der Siedlungsentwicklung gezogenen Grenzen Ober St. Veits orientieren sich kaum an topografischen Merkmalen und sind schwer nachvollziehbar. Auch für diejenigen nicht, die zeitlebens oder so wie ich schon viele Jahrzehnte hier leben und sich als Ober St. Veiter fühlen. Doch im Norden Ober St. Veits setzt der Wienfluss eine klare Grenze, die auch für ganz Hietzing und andere Bezirke der Stadt gilt.

Trotz seiner Unscheinbarkeit war der Wienfluss bzw. die Wien in allen Zeiten ein bedeutender Faktor in der strukturellen und wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region. An seinen Ufern können alle Phasen der Siedlungsentwicklung nachvollzogen werden, von der Hütte bis zum imperialen Schloss, ebenso wie alle Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung, vom Jagdgebiet und der Landwirtschaft bis zur Industrie.

Die Wien repräsentiert auch in trefflicher Weise die „Unschuld vom Lande“, die von der Stadt verdorben und dafür verachtet wurde. Seit langer Zeit leben wir in Wien nicht mehr mit dem Fluss, sondern neben dem Fluss und er wird nicht mehr als lebendes Gewässer wahrgenommen, sondern weckt als überdimensionierte und schwer zu überquerende Betonrinne eher negative Assoziationen, die durch seine Nähe zur Kanalisation verstärkt werden.

Es kann also am Wienfluss nachvollzogen werden, wie unsere Gesellschaft mit ihren Ressourcen umgeht. Trotzdem blieb die Wien im Gegensatz zu den anderen fließenden Gewässern im Stadtgebiet ein großteils offener Fluss. Das verdankt sie ihrem zeitweisen Anschwellen, nach heftigen Regengüssen oder zur Schneeschmelze, und dem knappen städtischen Budget. Heute begünstigt ihre Offenheit die Abkehr vom Gedanken der totalen Verstädterung und die Wiederkehr des Gewässers in seiner Funktion als Freiraum. Damit kann von einem Fluss „mit Wiederkehr“ gesprochen werden.

Fluss der Kontraste

Der Zusammenfluss von Mauerbach und Wien nach den Rückhalteanlagen bei Auhof. © Archiv 1133.at

Die Wien trägt ihren kurzen Namen erst ab dem Zusammenfluss von Dürrer Wien und Kalter Wien in Pressbaum. Die Quelle der Dürren Wien ist das etwa 520 Meter hoch gelegene Kaiserbrünndl am Nordosthang des Kaiserbrunnberges südlich von Rekawinkel. Der zweite Quellbach bringt das Wasser der bei Pfalzau zusammenfließenden Bäche Pfalzauer Bach und Kalte Wien heran. Der Pfalzauer Bach kommt aus mehreren Gräben südlich des Kaiserbrunnberges, die Kalte Wien kommt aus mehreren Gräben an der Nordseite des Hengstlberges. Dieser Zubringer wurde früher auch als Große Wien, Grotte Wien oder Weiße Wien bezeichnet.

Da die Böden in den Einzugsgebieten (Kalkmergel, Tonmergel und Sandstein, die typischen Gesteine der Flyschzone) überwiegend wasserundurchlässig sind, reagieren die Wien und ihre Zubringer sehr rasch auf Niederschläge: Bei starkem Regen schwellen sie schlagartig an und kurz andauernde, aber mächtige Hochwässer machen die Gerinne zu reißenden Wildbächen. Nach aktuellen Statistiken beträgt die mittlere Wasserführung des Wienflusses nur rund 1,2 Kubikmeter pro Sekunde, zur Zeit der stärksten Niederschläge kann er aber zum reißenden Strom mit über 400 Kubikmetern wasser pro sekunde werden.

Auf seinem Weg zur Mündung in den Donaukanal fließen dem Wienfluss von links – über die vielen kleinen, meist trockenen Gräben hinaus – der Weidlingbach, der Tullnerbach, der Große und der Kleine Steinbach, der Gablitzbach, der Wurzbach, der Mauerbach, der Halterbach, der Rosenbach, der Ameisbach und nach dessen Umleitung auch der Ottakringerbach zu. Von rechts kommen der Brentenbach, der Wolfsgrabenbach, der Dambach, der Deutschwaldbach (Baunzenbach), das Rotwasser, der Grünauerbach, der Hirschenbach, der Marienbach und der Lainzerbach. Die Zuflüsse im Stadtgebiet münden nicht mehr direkt in die Wien, sondern in die sie begleitenden Sammelkanäle. Die Mündung der Wien in den Donaukanal liegt ca. 157 Meter über dem Meer, somit fällt sie während ihres rund 34 Kilometer langen Laufes vom Kaiserbrünndl bis zur Mündung bei der Urania, wovon ca. 16 Kilometer auf das Bundesland Wien entfallen, um rund 363 Meter.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: eine vereinfachte Darstellung des Flussverlaufes mit Fotos markanter Flussbereiche.

Von der Vorgeschichte zur Geschichte

Ein Teil des Altarsteines im Römermuseum am Hohen Markt. © Archiv 1133.at

Die Begehung des Wiener Raumes durch Menschen ist schon in der Altsteinzeit anzunehmen. Archäologische Funde belegen eine Besiedelung des Wientals von der Jungsteinzeit an (ab dem 6. Jahrtausend v.Chr.).

Mit den Römern gelangte auch der Wienfluss von der Vorgeschichte in die Geschichte, insbesondere durch einen während der Regulierungsarbeiten 1899 gefundenen Altarstein aus dem 3. Jahrhundert. Bis vor kurzem hielten Experten ihn für einen Beweis römischer Regulierungsversuche, weil sie in der teilweise unleserlichen Inschrift das Wort „naumachia“ (ungefähr für Wasserwerk) vermuteten und einen gehörnten Kopf als Symbol für den bezwungenen Wienfluss deuteten. Nach neuen Erkenntnissen symbolisiert der gehörnte Kopf jedoch die an der Donau besiegten „Barbaren“. Der Stein bleibt von hoher Bedeutung für den Wienfluss, denn er ist neben anderen Göttern auch dem „Fluvius Acaunus“ gewidmet. Dies war die damalige Bezeichnung für den Wienfluss, der auch als Personifizierung des lokalen (keltischen) Wassergottes galt.

Die älteste bekannte Nennung des Namens Wien ist in einer Zeile der Salzburger Annalen des Jahres 881 zu finden: „primum bellum cum Ungaris ad Uueniam “, übersetzt: „Erstes Gefecht mit den Ungarn bei (bzw. an der) Wien“. Die Fachwelt ist sich einig, dass Wien gemeint ist, kann aber nicht entscheiden, ob es sich um die Siedlung oder um den Fluss handelt, wobei der Fluss als die wahrscheinlichere Variante gilt. Sehr wohl scheint aber entschieden, dass die Stadt nach dem Fluss benannt ist und nicht umgekehrt. Gänzlich verworfen wurde die Ableitung des Namens von der Römersiedlung Vindobona.

Ein weiterer historischer Meilenstein ist die Godtinesfeld-Urkunde aus dem Jahr 1015. Ihr zufolge schenkte Kaiser Heinrich II. dem Domkapitel von Bamberg „30 königliche Hufen aus seinem Eigentum zu Godtinesfeld im Gaue Osterriche in der Grafschaft des Grafen Heinrich mit allem Zugehörigen, Knechten, Mägden, Hofstätten, bebauten und unbebauten Ländereien, Mühlen, Wasser und Wasserläufen“. Die Schenkung betrifft wahrscheinlich ein Gebiet, das sich vom heutigen Alt-Hietzing bis nach Ober St. Veit erstreckte.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Abbildungen des Altarsteines im Römermuseum und der Godtinesfeld-Urkunde mit kurzer Beschreibung.

Die Wien auf Landkarten

Ein geometrischer Plan des Wienflusses von Jean Baptiste Brequin de Demenge aus dem Jahr 1783. Dieser Ausschnitt zeigt den Verlauf der Wien und einen Regulierungsvorschlag bei Schönbrunn und Meidling. © WStLA

Schon der älteste Plan von Wien, der sogenannte Albertinische Plan aus den Jahren 1421/22, zeigt den Wienfluss außerhalb der Stadtmauern.

Eine der ersten Karten, die den Wienfluss in seiner ganzen Länge zeigen, ist die Österreich-Karte des 1585 veröffentlichten „Mercator-Atlas“. Die Entwicklung der kartografischen Darstellungen, die unter Erzherzogin Maria Theresia nicht mehr nur militärischen, sondern auch steuerlichen Zwecken zu dienen begannen, erreichte mit den Franziszeischen Katasterplänen, der Urmappe zu den späteren Katasterplänen, ab 1819 ihren Höhepunkt. Diese zeigen natürlich auch den Verlauf des gesamten Wienflusses in hinreichender Genauigkeit.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Ausschnitte aus dem Albertinischen Plan, dem Plan von M. Bonifatius Wolmut, dem Mercator-Atlas, der kolorierten Handzeichnung von Leander Anguissola und Johann Jacob Marinoni, aus der Huber’schen Szenografie, aus dem geometrischen Plan des Wienflusses von Jean Baptiste Brequinde Demenge und aus dem Franziszeischen Katasterplan samt Informationen dazu.

Die Wien in alten Ansichten

Eine Ansicht des Dorfes Hütteldorf um 1780. Kolorierte Radierung nach einer Darstellung von Laurenz Janscha im Verlag F.X. Stöckl. © Antiquariat Christian M. Nebehay G.m.b.H.:

Die erste topografisch informative Ansicht Wiens mit dem Wienfluss ist die Tafel „Die Flucht nach Ägypten" des Schottenaltars. Sie entstand um 1470 und zeigt im Hintergrund die Stadt Wien mit der Wieden.

Ein bedeutendes Dokument des spätmittelalterlichen Wien ist die Rund­ansicht des Nürnberger Malers, Druckers und Verlegers Niclas Meldemann. Die­ses historische Schlachtengemälde zeigt die Stadt inklusive Wienfluss während der Türkenbelagerung 1529 aus der Vogelschau und reicht bis an die heutigen Grenzen der Stadt. Ähnlich zeigt der Wolmuet-Plan der Befestigungen Wiens aus dem Jahr 1547 den Bereich zwischen Stadtmauern und Wienfluss.

Viele der Orte entlang des Wienflusses nennen einen Kupferstich von Georg Matthäus Vischer (1626–1696) aus der „Topographia Austriae Inferioris" als ihre erste bildliche Darstellung. Die ersten Ansichten entstanden in den 1670er-Jahren.

Im Wiener Raum waren es vor allem die 1773 gegründete Akademie der bildenden Künste, in der sich eine eigene Landschaftsklasse etablierte, und ihre Vorläufer, die hervorragende Landschaftsmaler hervorbrachten. Das untere Wiental wurde eine beliebte Kulisse für das damals geförderte Zeichnen nach der Natur. Der obere Wienfluss lag abseits der großen Wanderrouten dieser Zeit und blieb ein seltenes Motiv. Wienfluss-Bilder gibt es von Jakob und Rudolf von Alt, Johann Adam Delsenbach, Josef Fide-Fußnecker, Joseph Heideloff, Laurenz Janscha, Joseph Orient, Tobias Raulino, Franz Josef Sandmann, Emil Jakob Schindler, Johann Varrone etc. und von zahlreichen moderneren Künstlern. Große Verbreitung fanden die Werke von Kupferstechern wie Carl Schütz und Johann Andreas Ziegler. Sie vervielfältigten hervorragende Werke anderer Künstler oder waren selbst Maler. Meist kolorierte Ansichtenfolgen aus der näheren und weiteren Umgebung von Wien erschienen zuerst um 1795 bei F.X. Stöckl, dann bei Artaria in Wien. Die ersten fotografischen Wienfluss-Ansichten stammen aus den 1870er-Jahren.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: ein Ausschnitt aus dem Altar des Wiener Schottenmeisters, eine Wiener Gesamtansicht aus dem Jahr 1609 sowie Ansichten von Wienflusspassagen unter der Kirche St. Ägyd 1672, bei der Steinernen Brücke vor dem Kärntnertor 1719,  1780 und 1787, bei Hütteldorf um 1780, vor dem Theater an der Wien im 1815, vor der Karlskirche um 1830 und vor der Sezession um 1900 samt kurzen Beschreibungen.

Das Leben am Fluss

Die Wienfluss-Riviera im August 1929. „Stärker als alle Verbotstafeln ist das Badebedürfnis der Menschen geworden." © Vorwärts Verlag

Früher war der Wienfluss einer der Mittelpunkte des täglichen Lebens. Hier wei­deten Tiere, hier wurde gefischt, in seinem Wasser wurde die Wäsche gewaschen, an bestimmten Stellen wurden die Pferde gereinigt und gekühlt. Wer Zeit hatte, kam hierher, um sich zu erholen oder Leute zu treffen, und die Kinder fanden einen unerschöpflichen Freiraum.

Im 18. Jahrhundert begann man mit Flussverbauungen und Vertiefungen, u.a. durch die Schottergewinnung, den Uferbereich auch oberhalb der Stadt zu ver­ändern. Die Siedlungen und Betriebe entlang der Wien wurden dichter und der Fluss als wichtiger Wasserlieferant musste gleichzeitig alles abtransportieren, was die Menschen weghaben wollten. Schon 1772 soll der Stadtrat den Fleischhauern verboten haben, auf dem Glacis ihre Schafe, Schweine und Ochsen weiden zu lassen, nur blieb diese Verordnung jahrelang unbeachtet. 1830 entwässerte fast ein Drittel der Häuser und Betriebe innerhalb des Linienwalls – das ist etwa der heutige Gürtel – über die Haus- oder Straßenkanäle in die Wien. Zusammen mit dem beim Getreidemarkt einmündenden Ottakringerbach floss beinahe die Hälfte der Brauchwässer und Fäkalien in den Fluss. Gleichzeitig entwickelten sich ein steigendes Bewusstsein und erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Schmutz und Krankheitserregern.

Aus diesem Grund mag es erstaunen, dass trotz der abnehmenden Attrak­tivität des Flusses an seinen Ufern die schönsten Bauwerke entstanden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zur Zeit des Baus der Karlskirche, wurden noch Fischereirechte vergeben. Später, als Gebäude wie der Kursalon (1865–1867) und wenig später das Musikvereinsgebäude und das Künstlerhaus entstanden, galt der Wienfluss längst als Synonym für Kloake und Gestank.

Doch gänzlich ging der Freizeitwert des Flusses niemals verloren. Ein schönes Zeugnis dieses trotz des längst evidenten Müllproblems beliebten Spiel­platzes lieferte im Jahr 1914 der Publizist Richard Genthner: „Du liebe Zeit! Was hat der unter dem Straßengrund verschwindende Bach unserer Jugend nicht alles an Unterhaltung geboten. Da war vor allem schon das Herumgatschen mit bloßen Füßen in der braunen Brühe, auf der die Schaumblasen in großen Flocken träge dahinglitten. Auf der schottrigen Sohle des Flussbettes gab es allerlei zu finden: Bunte Glastrümmer, schillernde Reste von Muschelschalen in den bizarrsten Formen, Abfälle der Perlmutterknopfdrechslerei, Reindeln, Häferln, alte Gießeimer, die man noch zu allem möglichen brauchen konnte, Rudimente von Hüten, zermörserte Regenschirmgestelle, Kleiderfetzen, Ofenroste."

Eine Zäsur für das Leben am Fluss war die durchgängige Regulierung in Wien. Innerhalb der heutigen Kennedybrücke war er praktisch nicht mehr zugänglich, außerhalb hinderten Verbotsschilder am Betreten der Anlagen.

Im Wienerwald blieb dem Wienfluss diese radikale Veränderung erspart. Doch auch hier rückte ab dem 19. Jahrhundert, vor allem aber mit der Erschlie­ßung des Gebietes durch die Westbahn ab 1858, die Verbauung durch Siedlungen und Straßen immer näher an den Fluss. Die Sommerfrischler badeten gerne, taten dies aber weniger in aufgestauten Bereichen, sondern in den entlang des Flusses entstehenden Freibädern. In fast allen Ortschaften von Penzing bis Press­baum, auch in Gablitz und Mauerbach, wurden solche Bäder angelegt, und einige von ihnen bestehen heute noch.

Zurück nach Wien: Im eingewölbten Bereich und den Begleitkanälen war es nicht so ruhig, wie die Schöpfer erwartet hatten. Mit der kilometerlangen Einwölbung wurde der Wienfluss vor allem im Bereich des Karlsplatzes zu einem unter­irdischen Stadtraum, wie es ihn in Wien vorher nicht gegeben hatte. Es entstand eine Stadt im Untergrund, ein Zufluchtsort und Versteck für Obdachlose, Ausge­grenzte und Kriminelle. Mit der Zeit verdichtete sich der Wienflusstunnel sym­bolisch zur Ikone des unterirdischen Wiens und der unterirdischen Stadt an sich.

Die Schlussszene des um 1950 gedrehten Filmklassikers „Der dritte Mann" machte die Wiener Kanalisation und den überwölbten Wienfluss – also gerade das, was man quasi als Unterseite der Stadt nicht unbedingt zu Gesicht bekom­men sollte – mit einem Mal weltberühmt.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Ein Bilderbogen, der von alten Ansichten Laurenz (auch Lorenz) Janschas um das Jahr 1800, die das beschauliche Leben am ursprünglichen Gewässer zeigen, bis zu Fotografien des 20. Jahrhunderts reicht. Die Beschreibungen der Szenen beim Kaiserbrünndl, in den Badeanstalten, am Wienerwaldsee, in den Anhaltebecken bei Auhof und direkt am unregulierten oder regulierten Fluss inkl. Aufnahmen mit dem Flugpionier Wilhelm Kress bieten zahlreiche Detailinformationen.

Der Verkehrsweg

Die Wientalstraße auf der rechten Seite des Wienflusses mit der Auhofbrücke. Schon 1934 bis 1937 wurde die Verkehrsachse bis Schönbrunn als Schnellstraße ausgebaut und praktisch zur verlängerten Westautobahn. © Österreichiche Nationalbibliothek

Schon die Funde aus der Urgeschichte belegen den Felskegel des Gemeindeberges in Ober St. Veit als günstigen Siedlungsort, weil er die Überwachung des Weges durch das Wiental ermöglichte. Diese wichtige Ost-West-Verbindung eta­blierte sich nördlich des Wienflusses und entspricht im Wesentlichen von der Mariahilfer Straße ausgehend der heutigen Linzer Straße bis Purkersdorf. Ab dem 9. Jahrhundert entstanden an dieser Linie die Ansiedlungen Purkersdorf, Weidlingau, Hadersdorf, Hütteldorf, Baumgarten und Penzing. Von Purkersdorf gibt es in den verschiedenen Epochen unterschiedlich intensiv genützte Verbin­dungen durch den Wienerwald Richtung St. Pölten, eine folgte dem Wiental über Tullnerbach, Rekawinkel und weiter über Neulengbach, die andere führte über Gablitz und Ried. Dem ersten Straßenzug dürften die Römer gefolgt sein, dem zweiten die ersten deutschen Kolonisten. Dieser Weg wurde im 16. Jahrhundert zur Reichsstraße und diente später auch der Post als Hauptverbindung in den Westen Österreichs. Allerdings waren die Verkehrswege in schlechtem Zustand und trotz zahlreicher Bestrebungen blieb es vor allem der Regierungszeit Kaiser Karls VI. vorbehalten, den Kunststraßenbau zu fördern. 1725 wurde eine Brücke bei Purkersdorf geschlagen und 1726 holte man für den Ausbau der Poststraße den Rat des berühmten Baumeisters Jakob Prandtauer ein. 1731 war die Strecke durch den Wienerwald fertiggestellt.

Teilweise rückte die 1858 in diesem Bereich eröffnete Westbahn sehr nahe an den Fluss. Ihre Dämme kamen in Teilabschnitten einer Regulierung gleich, bei Purkersdorf ersetzte sie einen Nebenarm der Wien und manchmal wurde der Fluss sogar verlegt. Die Westbahn führt durch das enge obere Wiental Richtung Neulengbach.

Auch der Fluss selbst wurde vom Menschen als Transportweg genutzt. Im Zuge der Kolonisation des Wienerwaldes ab ca. 1650 wurden Fachleute aus dem Westen in den Wienerwald geholt, um das Holzschwemmen auf den Flüssen und Bächen durch den Bau der erforderlichen Klausen (Stauanlagen) zu ermög­lichen. Damit wurde der Holztransport aus den entlegenen und unwegsamen Waldgebieten erleichtert. 1688 wurde unter der Anleitung des aus Ischl berufenen Zimmerers Georg Redenbacher oberhalb von Purkersdorf ein „wasserclaus und rechengebäu" („Rechenfeld") errichtet. Diese Anlage wurde 1754 aufgelassen, aber die Rechenfeldstraße in Purkersdorf ist Zeuge dieser früheren Nutzung des oberen Flusslaufes.

Die Stadtentwicklung und die steigende Mobilität im 20. Jahrhundert rückten die Verkehrswege immer näher an den Fluss und teilweise auf Einwölbungen sogar über den Fluss. Der Massenverkehr begann mit der im Zuge der Regulierung errichteten Wiener Stadtbahn. Dass die Straße entlang dieser Achse statt zu einer Prachtstraße eher zur „Rückseite der Stadt“ mit reiner Verkehrsfunktion und wenig ambitionierter Architektur verkam, lag neben wirtschaftlichen Grün­den vor allem am ausufernden motorisierten Individualverkehr mit direktem Anschluss an die Westautobahn. Die Jugendstil-Häuserzeile im Bereich des Naschmarktes und andere Farbtupfer im Grau dieser Verkehrshölle sind die verbliebenen Ansätze der einstigen Ambitionen.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: die letzten Spuren des einstigen Schwemmbetriebes, Pilotierungsarbeiten in der Wienflussmündung 1929, historische Bahn- und Straßenfotos, der Bau der Brücke für die Hadikgasse über den Wienfluss und die einstige Entsorgung des Schnees von den Straßen mit Erläuterungen.

Furten und Brücken

Der Hackinger Steg. Diese Lithographie von Tobias Dionys Raulino um 1820 zeigt den damaligen Hackinger Steg (später ersetzt durch die Franz-Carl-Brücke, heute Zufferbrücke) und die Furt davor. © Bezirksmuseum Penzing

Die Überquerung der Wien erfolgte ursprünglich durch Furten an seichten Stellen. Fuhrwerke mussten sich bis in die 1830er-Jahre mit den Furten begnügen, die bis dahin errichteten Holzstege waren Fußgehern vorbehalten. An zwei Stel­len gab es schon im Mittelalter steinerne Brücken: ab 1404 die Steinerne Brücke beim Kärntnertor, die 1854 (bis zur Regulierung 1897) durch die Elisabethbrücke ersetzt wurde, und ab 1402 die Steinerne Brücke beim Stubentor, wo sich heute die Stubenbrücke befindet.

Dem steigenden Bedarf folgend wurden die Holzstege im 19. Jahrhundert zu Brücken aus Eisen oder Stein erweitert. Zum Beispiel wurde der Holzsteg im Bereich der heutigen Lobkowitzbrücke 1820 durch eine hängende Drahtbrücke ersetzt. Diese erwies sich aber als untauglich und wurde 1837 durch die sogenannte Eisenbogenbrücke, kurz Eiserne Brücke, ersetzt. Der erste, der über diese Brücke fuhr, war der damalige Regierungsvertreter Fürst August Longin von Lobkowitz, nach dem sie benannt wurde. Sie war von einer Aktiengesellschaft erbaut worden, die für jedes Stück Schlacht- oder Zugvieh, das die Brücke passierte, eine Maut (ein bis zwei Kreuzer) einhob. Das Recht hierzu blieb bis 1877 bestehen, als die Brücke zum öffentlichen Gut erklärt wurde. Anlässlich der Regulierung der Wien wurde sie 1898 abgerissen und durch eine neue ersetzt, die auch das Stations­gebäude Meidlinger Hauptstraße der neuen Stadtbahn trug.

Ab 1895 wurden fast alle steinernen, eisernen und hölzernen Brücken in Wien der Regulierung geopfert. Im Bereich der damaligen Kaiser-Franz-Joseph-Brücke (heute: Kennedybrücke) bis zur Johannesgasse wurden alle notwendigen Straßen­überführungen als gewölbte Betonbrücken hergestellt, um sie in die geplante Ein-wölbung integrieren zu können.

Einige der alten Brücken wurden oberhalb der Hietzinger Brücke wieder auf­gestellt. St.-Veit-Brücke (ehem. Kaiser-Franz-Joseph-Brücke), Baumgartenbrücke (ehem. Lobkowitzbrücke), Braunschweigbrücke (ehem. Kaiser-Joseph-Brücke) und Badhaussteg (ehem. Wackenroder Steg) sind heute noch in Verwendung, die anderen wurden in den 1960er-Jahren durch Spannbetonbrücken ersetzt.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: eine Auswahl an historischen Bildern und Fotos, beginnend mit einer von Rudolf von Alt um 1870 gemalten Ansicht der Radetzkybrücke an der Mündung der Wien in den Donaukanal bis hinauf zur Wienflussbrücke bei der „Mostschank“, dem heutigen „Lindenwirt“ in Purkersdorf während ihrer Belastungsprobe im Jahr 1880.

Die Mühlen

Für die Nachfahren der letzten Müllersfamilie Petter waren die Stapel mit alten Mühlsteinen ein beliebter Spielplatz. Das Foto stammt aus den Jahren 1964/65. © Familie Pelikan

Man kann behaupten, dass alle Mühlen auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Wien von einem einzigen Mühlbach betrieben wurden, der sich vom Mariabrunner Wehr bis zum Donaukanal erstreckte. An den vier weiteren Wehranlagen, die es gab (das Wehr bei der heutigen Preindlgasse, das Große oder Meidlinger Wehr, das Steinerne oder Gumpendorfer Wehr und ein Wehr nahe der Innenstadt) wechselte der Mühlbach bloß die Flussseite. Nur zwei Ausnah­men lassen sich hier nicht einordnen: Vom 1793 errichteten Gaudenzdorfer Wehr unterhalb des Meidlinger Wehrs wurde Wasser nach links zur Pfeifferschen Lederfabrik geleitet und die 1803 errichtete Neumühle in Ober St. Veit hatte einen eigenen bei Hacking abgeleiteten Mühlbach.

Über das Alter der Mühlen kann nur spekuliert werden, doch ist davon aus­zugehen, dass sie schon in der frühen karolingischen Siedlungstätigkeit eine Rolle spielten. Während der intensiven Besiedelung im 11. und 12. Jahrhundert war es das Grafengeschlecht der Formbacher auf Stift Göttweig, das eine Siedlungsbewegung von St. Pölten bis Purkersdorf und durch das Wiental führte. Bis zum Aussterben ihres Geschlechts Mitte des 12. Jahrhunderts wird ihnen Besitz an beiden Ufern der Wien bis östlich von Gumpendorf zugeschrieben. Erst dann wurden die Babenberger zur bestimmenden Kraft im Wiental. Die ersten Urkunden, die einen Mühlbach und Mühlen vor der Stadt bestätigen, stammen aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Sie beurkunden in weiterer Folge eine führende Stellung der Hei­ligengeistmühle des Heiligengeist-Spitals in der Nähe der späteren Bärenmühle.

Die Mühlen und ihre Standorte haben sich im Laufe der Zeit verändert. Manche wurden nach Zerstörungen wieder aufgebaut, andere aufgegeben. Die Ursachen waren vielfältig. Überschwemmungen zerstörten die teuren Wehre, Kriege und Brände die Mühlen. Auch die Namen der Mühlen konnten sich über die Jahrhunderte mehrmals ändern. Sie wurden ja oft nach ihren Besitzern oder nach ihren Pächtern benannt und diese wechselten eben häufig.

Die Zählung der Mühlen an der Wien zu einem bestimmten Zeitpunkt wird durch die vielen Änderungen erschwert. Anton Schachinger zählt in seinem Buch über den Wienerwald für das 17. Jahrhundert 16 Mühlen auf, davon eine in Pur­kersdorf, eine in Gablitz (am Gablitzbach), eine in Hadersdorf (am Mauerbach), eine in Hacking, eine am Gluthafen, eine in Hütteldorf, eine in Baumgarten und neun Mühlen weiter stadteinwärts. Für Preßbaum wird um 1830 eine Hammer­schmiede genannt. Zählt man die im Franziszeischen Katasterplan eingezeich­neten Mühlen, kommt man alleine auf dem Gebiet des heutigen Wien auf die Zahl 14.

Die schwankende und durchschnittlich geringe Wasserführung der Wien setzte der Größe der Mühlen mit zwei bis vier Gängen (Anzahl der Mahlwerke, in der Regel ident mit der Anzahl der Mühlräder) eine natürliche Grenze. Damit waren sie mit den meisten Mühlen im Wienerwald vergleichbar, doch an der Schwechat standen Mühlen mit bis zu sechs und an der Leitha mit bis zu zehn Gängen und dementsprechend höherer Produktionsleistung.

Auch der ursprüngliche Zweck der Mühlen, nämlich Getreide (laut Hans Sachs' Versen aus dem 16. Jahrhundert auch Hirse, Erbsen, Stockfisch und Gewürze) zu mahlen, dehnte sich mit der zunehmenden Gewerbetätigkeit auf den Nicht-Lebensmittel-Bereich aus. Genannt werden der Betrieb von Schmiedehämmern und Schleifsteinen, das Schleifen von Holz und anderer Materialien und Stampfmühlen.

Eine Mühle erledigte aber nicht nur ihre jeweilige Hauptaufgabe, sondern war oft Ausgangspunkt einer weitergehenden Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung. Die Mühlbäche und Mühlen brauchten Holz und technische Einrich­tungen, also siedelten Händler und Handwerker in ihrer Nähe. Das Getreide musste angeliefert werden, also mussten die angrenzenden Verkehrswege inklu­sive der Stege dafür geeignet sein. Es musste ausreichende Lagermöglichkeiten für das angelieferte Getreide geben, also wurden entsprechende Nebengebäude errichtet. Die Kunden mussten oft lange warten, bis sie an der Reihe waren, also entstanden Gasträume. Die Gäste hatten Durst und Hunger, also wurde Bier gebraut und ausgeschenkt (aber auch Wein) und es entstanden Wirtshäuser. Im Laufe der Zeit entstanden auf diese Art ganze Siedlungen und Orte um eine Mühle. Als Beispiel kann die kleine Gemeinde Mühlfeld angeführt werden, die sich um die Schleifmühle bildete.

Doch auch die Ära der Wassermühlen ging zu Ende. Der erste Mühlbach und seine Mühlen fielen den wachsenden Verteidigungsanlagen Wiens zum Opfer. Nach der ersten Türkenbelagerung 1529 wurden nicht alle wieder aufgebaut, nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 war die der Heiligengeistmühle folgende Bärenmühle (abgesehen von der später entstandenen Staubmühle bei der Stubenbrücke) die unterste Mühle an der Wien. Das eigentliche Mühlensterben begann mit der übermächtigen Konkurrenz durch die mit Dampfmaschinen betriebenen Großmühlen. Der oft monatelange Stillstand der Mühlen wegen Wassermangels Anfang des 19. Jahrhunderts tat sein Übriges.

Nach dem Ende der Mühlen blieb die Stadt reich an Hinweisen auf diese, z.B. in der Wieden, wo die Mühlgasse den Verlauf des Mühlbaches nächst dem noch bestehenden Gebäude der Heumühle in das Stadtbild zeichnet und Wehrgasse, Heumühlgasse und Schleifmühlgasse eng beieinander liegen.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Bilder und Pläne von Mühlen, Wehranlagen und Mühlbächen bzw. von deren letzten Spuren. Damit wird ein interessanter Überblick über das Mühlenwesen von der einstigen Hammerschmiede in Pressbaum bis hinunter zur Mühle „bei dem Schlifstein“, der einstmals untersten Mühle am Wienfluss, gegeben. Mehr zu den Wassermühlen an der Wien erfahren Sie auch unter www.1133.at/document/view/id/859

Das Gewerbe

Eine Wäscherin am Halterbach. Ein romantisches Bild des Wiener Landschaftsmalers Kletzinsky um 1835. © Bezirksmuseum Penzing

Für die frühen Gewerbe waren die Donau und selbst ihr Nebenarm in Stadtnähe, der spätere Donaukanal, unnötig groß und sie bevorzugten die Bäche im Stadtbereich, vor allem den Unterlauf des Alserbaches. Nach der Einwölbung dieser Gewässer in der Inneren Stadt zogen die wasserbedürftigen Gewerbe an die Wien. Im Vorfeld der Befestigungsanlagen Wiens, das nach der Belagerung 1529 von Gebäuden freigehalten werden sollte, wurden die Handwerker, die für ihr Gewerbe Wasser benötigten, vom Bauverbot ausgenommen. Es können aber nicht viele gewesen sein, denn glaubt man dem Schriftsteller und Stadtreporter Johann Pezzl, nützten gegen Ende des 18. Jahrhunderts nur ein paar Hundert am Fluss wohnende Wäscherinnen, die Fiaker (zur Pferdeschwemme) und ein paar Mühlen das Wasser der Wien.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als die Färber, Bleicher, Lederer, Appreteure, Seifensieder, Stärke- und Farbenmacher, die alle viel Wasser brauchten, zunahmen, entstand in der bis dahin noch sehr ländlichen Gegend ein dichtes Nebeneinander verschiedenster Gebäude. In unterschiedlicher Qualität gebaute und regellos nahe den Ufern stehende Wohn- und Nutzbauten samt den mancherorts errichteten Kaimauern ergaben einen ziemlich desolaten Gesamteindruck. Die Dampfmaschinen, die zum Hauptantriebsmittel wurden, ließen die Schornsteine wachsen, die das Gewerbebild dieser Zeit prägten.

Bald wurden die Betriebe vom eigenen Bedarf nach besseren Plätzen mit besserem Wasser und von der wachsenden Stadt weiter flussaufwärts gedrängt. Vor allem in den Orten des heutigen 12. und 15. Bezirks entstanden geradezu industrielle Ballungszentren.

An der Spitze dieser Wanderung flussaufwärts sind die Wäschereien auszu­machen, denn die mochten es gar nicht, wenn die ihnen anvertraute Wäsche mal blau und mal rot leuchtete. Sie brauchten aber nicht nur sauberes Wasser, sondern auch eine saubere „Hängestatt" zum Aufhängen der Wäsche, denn die Wiener Kunden liebten den würzigen Duft der sauberen Wäsche. Schließlich wurde sogar in der Pressbaumer Region für Wiener Kunden gewaschen. Die Verschmutzung des Wassers vertrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch schon stadtentferntere Wäscher, z. B. die in Unter St. Veit vorherrschenden Pferdehaarwäscher. Ein Gutachten des niederösterreichischen Landessanitätsrates ergab, dass auch dort die Aufrechterhaltung der Wienflusswäscherei aus sanitären Gründen nicht mehr zu vertreten war und es folgte ein Erlass der nö. Statthalterei vom 23.11.1872 mit einem endgültigen Verbot. Als die verschiedenen Wasserleitungen gebaut wurden, konnten die Betriebe allmählich auf das Wasser des Wienflusses verzichten.

Bei einzelnen Mühlen siedelten sich schon früher und unabhängig von der Gewerbewanderung flussaufwärts Betriebe an, wie etwa die Lederei bei der Hackinger Mühle, die schon 1684 genannt wird.

Im Bereich des Wienerwaldes war die Holzwirtschaft mit begleitenden Tätig­keiten, wie der Kohlenbrennerei, dominierend. Manche dieser Tätigkeiten, wie das Zerstampfen der Holzkohle als Bestandteil der Pulvererzeugung, nützten auch die Kraft des Wassers, zum Beispiel des Rotwassers im heutigen Lainzer Tiergarten. Der Name des Pulverstampftores weist heute noch auf diese Tätigkeit hin.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Im Bildteil wird ein Eindruck von der Arbeit der Wäscherinnen, der gewerblichen Verbauung und der Firma Winkler&Schindler als einer der flussaufwärts gewanderten Betriebe gegeben.

Das Hochwasser

Die Kraft eines Hochwassers. © MA 45

Bei heftigen Regengüssen in seinem Einzugsgebiet oder bei extremem Tauwetter kann der Wienfluss von einem unscheinbaren Bach zu einem reißenden Fluss anschwellen. Verantwortlich dafür sind die geologischen Verhältnisse im Wienerwald, die das Regen- und Schmelzwasser nicht in den Boden sickern, sondern rasch abfließen lassen. Gewaltige Hochwässer in allen Flussabschnitten waren vor den heute wirksamen Schutzmaßnahmen die logische Folge. Im Wiener Raum führte das einstmals flache Querprofil der Wien mit niederen Uferbereichen zu besonders großflächigen Überschwemmungen.

Schon in frühester Zeit rückte die Bebauung in die Überschwemmungsgebiete vor und die Hochwässer hatten dementsprechende Folgen. In manchen Beschrei­bungen werden verheerende Überschwemmungen sogar mit dem Verschwinden ganzer Dörfer in Zusammenhang gebracht, zum Beispiel mit den nahe Meidling gelegenen Orten Hohensunsdorf, Meinhartsdorf und Chatternberg. Letzteres soll an der Stelle des heutigen Schlosses Schönbrunn gelegen sein. Aber, wie so vieles in der älteren Geschichte, sind auch das nur Vermutungen und es könnten genauso die Scharen des ungarischen Königs Matthias Corvinus um 1485 oder die Türkenbelagerung 1529 für das Verschwinden dieser Orte verantwortlich gewesen sein.

Doch ist die Geschichte des Wienflusses auch reich an gesicherten Überlieferungen von unzähligen Überschwemmungen, die bis weit zurück ins Mittelalter reichen. Aus dem Jahr 1295 wird von einem großen Hochwasser berichtet, das das Bürgerspital und die vor diesem gelegene Brücke überflutete. Am 29. Juli 1785 stieg der Wienfluss ganz unvermutet so hoch über seine Ufer, dass alle Gegenden an beiden Seiten auf eine Höhe von „acht bis neun Schuhen" überdeckt waren. Bäume, Stege, Brücken, Hütten und selbst gemauerte Häuser wurden fort- und die Wehre in Stücke gerissen. Besonders schlimm waren die Überschwem­mungen um die 1850er-Jahre. Das verheerende Hochwasser im Jahr 1847 wurde nur noch das Hochwasser am 18. Mai 1851, das bis auf zehn Meter stieg und alle Brücken und Stege wegriss oder beschädigte, übertroffen. Dieses Hochwasser war mit einer berechneten maximalen Abflussmenge von rund 600 Kubikmetern pro Sekunde letztendlich auch die Referenz für die um 1900 durchgeführte Regulierung im Wiener Gebiet.

An der Pegelstation Kennedybrücke werden die Wasserstände seit 1904 beobachtet. Das stärkste Hochwasser in diesem Zeitraum dürfte am 11. Mai 1951 gemessen worden sein, blieb aber weit unter den historischen Höchstständen. Der niedrigste gemessene Pegel wurde am 15. Dezember 1974 mit ca. einem Zentimeter beobachtet, das entspricht einem Durchfluss von einigen Litern pro Sekunde.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Die Abbildungen dieses Kapitels zeigen das Hochwasser 1785 und geben eine Eindruck von den späteren Hochwässern und deren Auswirkungen im unregulierten und regulierten Bereich.

Die Regulierung

Regulierungsarbeiten bei Mariabrunn. © Bundesforschungszentrum für Wald (BFW)

Das erste bekannte Regulierungsprojekt für die Wien stammt aus dem Jahr 1713 und zielte auf eine punktuelle Flussbegradigung im Unterlauf zwecks Hochwasserschutzes ab. Die ersten umfassenden Sanierungsprojekte legten in den Jahren 1781 und 1783 Wilhelm Beyer, Architekt und „Hofstatuarius", und Jean-Babtiste Brequin, Ingenieur und Hofmathematiker, vor. All diese Pläne gelangten ebenso wenig zur Ausführung wie zahlreiche Ideen und Entwürfe in den nächsten hundert Jahren.

Von einem ersten tatsächlichen Eingriff wird als Reaktion auf das Hochwas­ser vom 5. Juni 1741 berichtet. Auf Befehl Maria Theresias sollen noch im selben Jahr „die vorzüglichsten Quellen des Wienflusses und der einmündenden Wildbäche“ abgeleitet worden sein. Die Überschwemmungen konnten damit wohl nicht gezähmt werden, doch das Wasser dieser Zuflüsse scheint gefehlt zu haben, denn schon im Folgejahr wird erstmals von einer üblen Ausdünstung berichtet.

Eine erste Regulierung wurde 1787 vorgenommen. Die zerklüfteten Ufer des Wienflusses wurden begradigt und mit Weiden bepflanzt, das Bett streckenweise vertieft und geebnet. Diesen Eingriff bestätigt auch der Vergleich der Kupferstiche von Johann Ziegler aus den Jahren 1780 und 1792 um den Bereich der Elisabethbrücke.

Eine Stabilisierung der Flusssohle inklusive Bepflanzung der Ufer von der Stubentorbrücke bis zur Hundsturmer Linie ist für die Jahre 1814 bis 1817 über­liefert. Verschiedenste Maßnahmen im Laufe des 19. Jahrhunderts betrafen auch die Abschnitte im Bereich der Vororte und darüber hinaus.

Die Cholera-Epidemie in Wien führte ab 1831 zu einer neuen Phase in der Flussgeschichte: Die ersten Sammelkanäle, die das Gros der Abwässer direkt in den Donaukanal leiten sollten, wurden an beiden Seiten der Wien errichtet. In den 1850er-Jahren errichteten auch die Orte außerhalb der Linien bis Schönbrunn Kanäle, die in diese Sammelkanäle führten. Der sanitäre Zustand der Wien bes­serte sich aber nur teilweise, denn bei starkem Regen flossen die Sammelkanäle über und die wachsenden Vororte weiter außerhalb entsorgten ihre privaten und gewerblichen Abwässer nach wie vor in die Wien.

1882 fasste der Gemeinderat einen Beschluss zur Wienfluss-Regulierung inklusive Errich­tung einer Stadtbahn entlang der Wien. Die konkrete Ausführung wurde 1892 gesetzlich beschlossen (RGBl. Nr. 109 vom 18.7.1892). Sie beinhaltete den Umbau und die Erweiterung der Sammelkanäle, die Errichtung von großen Rückhaltebecken beim Auhof und die durchgehende Regulierung des Wienflusses inklusive der Befestigung der Ufer mit solide gemauerten Kais und des Flussbettes mit einer künstlichen Sohle aus Stein oder Beton und inklusive einer Steinmauer zwischen dem Fluss und der Trasse der Stadtbahn und einer teilweisen Einwölbung. Diese stand unter anderem in Zusammenhang mit dem Projekt einer repräsentativen Wientalstraße

Die tatsächlichen Regulierungsarbeiten begannen 1894 mit der Erweiterung der vor­handenen Cholerakanäle und wurden 1902 beendet, manche Arbeiten wie die Ausgestaltung im Stadtpark erst danach. Die Fundamente für die Einwölbung wurden wie geplant zwischen Hietzing und dem Stadtpark errichtet. Die Einwölbung selbst sollte in einem ersten Schritt nur von der Elisabethbrücke bis zur Schwarzenbergbrücke reichen und wurde im Zuge der Ausführung sukzessive auf die Strecke von der Leopoldsbrücke (Höhe Schleifmühlgasse) bis zum Stadtpark erweitert. Die Verlängerung der Wienflusseinwölbung um 1914 bis zur Magdalenenbrücke (Rüdigerhof) wurde dem erweiterten Naschmarkt gewidmet. Die Fortsetzung der Einwölbung Richtung Hietzing fiel dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Über die Otto Wagner'schen Beiträge hinaus geben die Anlagen und die reiche Dekoration von Friedrich Ohmann und Josef Hackhofer einen Eindruck von der somit unrealisiert gebliebenen Idee einer Prachtstraße.

Die Eröffnung der ersten Stadtbahnstrecke erfolgte 1898/99. Unabhängig von der Regulierung in Wien wurde bis 1897 der Wienerwaldsee als Nutzwasserreservoir für die Wientalwasserleitung und als Rückhaltebecken errichtet.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der bestehende Hochwasserschutz als unzureichend beurteilt. Ein extremes Hochwasser hätte zur U-Bahnlinie U4 überschwappen und in weiterer Folge sogar in die U1 eindringen können. 1997 wurde die Funktionsweise des Hochwasserschutzes an die derzeitigen bzw. prognostizierbaren hydrologischen Verhältnisse angepasst.

Das heutige Fassungsvermögen der Auhofbecken und des Wienerwaldsees zusammen beträgt rund 2,7 Millionen Kubikmeter. Damit kann das Hochwasser ca. sieben Stunden lang um 100 Kubikmeter pro Sekunde verringert werden.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: In Wort und Bild wird auszugsweise ein Eindruck von Voraussetzungen, Planungen, Durchführungen und Ergebnissen der Regulierungen inkl. Begleitkanälen vom Wienerwaldsee stadteinwärts und von 1887 bis heute gegeben.

Ein Fluss mit Wiederkehr

Die naturnahe Gestaltung des Wienflusses zwischen Nikolaisteg und Halterbach, fotografiert im März 2014. © Archiv 1133.at

Während früher die Verdrängung des Flusses aus dem Stadtbild angestrebt wurde, bezeichnete der Stadtentwicklungsplan von 1984 das Wiental als wichtige Grünverbindung. Direkt am Wasser sollte eine hochwertige Fuß- und Radverbindung geschaffen werden, die mehrere attraktive Grünräume vom Stadtpark über den Auer-Welsbachpark und Schönbrunn bis zum Wienerwald inklusive Lainzer Tiergarten verbindet und „Hot-Spots" wie den Karlsplatz und den Naschmarkt einbindet.

1991 präsentierten interdisziplinäre Arbeitsgruppen ein neues Gestaltungs­konzept. Darin wurden gravierende Bestandsmängel (ungenügende Hochwassersicherheit, unterdimensionierte Sammelkanäle, bedingte Standsicherheit von Stützmauern, mangelhafte Gewässerökologie) festgestellt und Sanierungsgrundsätze festgelegt, die unter anderem die Erhaltung des offenen Talcharakters der Wien und die Gestaltung des Flussraumes als Freizeitraum enthielten.

Ab 1997 wurden die Rückhalteanlagen in Auhof, am Mauerbach und am Wienerwaldsee verbessert und revitalisiert, im innerstädtischen Bereich ein gänzlich anders ausgeführter Entlastungskanal errichtet, Teilstücke des äußeren Wiener Flussverlaufes naturnah umgestaltet und der „Wiental-Highway" von Weidlingau bis zur Kennedybrücke gebaut. Die wieder begrünten und zugänglich gemachten Teile des Wienflusses zeigen eine erfreuliche Entwicklung von Flora und Fauna und bilden einen an schönen Tagen fast überlaufenen Naherholungsraum.

Die räumlichen Qualitäten des kanalisierten Flussbettes und des unter­irdischen Flusskanals werden von abenteuerlustigen Einzelgängern, für die das Betreten der Anlagen oft Geheimtipp und Mutprobe gleichzeitig war und ist, bis hin zu findigen Eventveranstaltern genutzt. Es entstand sogar ein Verein zur Pflege der Unterwelten, der erfolgreich Fackeltouren durch Wiens Unterwelt organisierte. Diese Renaissance endete teilweise durch Verbote im Zusammen­hang mit dem Bau des Entlastungskanals. Das Unterweltenfieber aber blieb und wird heute mit der sogenannten Dritte-Mann-Tour befriedigt.

Eine flussnahe Fuß- und Radverbindung bis in die Stadt ist allerdings wegen Unrealisierbarkeit bzw. Unwirtschaftlichkeit außer Sichtweite.

Weitere Inhalte dieses Kapitels: Sie geben mit teilweise erstaunlichen Bildern Einblick in die Revitalisierung und individuelle Nutzung des Wienflusses.

Die Wien in Literatur und Liedern

Ausschnitt aus einem Notenblatt aus dem 19. Jahrhundert. © Österreichische Nationalbibliothek

Dieses Kapitel geht der bisher vernachlässigten Frage nach dem Stellenwert des Wienflusses in Literatur und Liedern nach. Mit Ausnahme der Abbildung eines Notenblattes werden die erstaunlichen Ergebnisse der Recherchen verbal beschrieben. Hier geht es zur umfangreichen → Literaturliste als wesentliche Basis der Recherchen für dieses Buch. Der folgende Link führt zu einer → Beschreibung der Wienfluss-Lieder samt Tondateien auf dieser Plattform.

Bild- und Informationsquellen

Steigende und konsequent verlangte Gebühren für Bildvorlagen, Verwaltungsaufwand und Veröffentlichungsrechte machen die Herausgabe insbesondere eines historischen Bildbandes immer teurer. Die Erstellung dieses Wienfluss-Buches war nur dank eines umfangreichen Archives des Verfassers und des Entgegenkommens privater Personen sowie privater und öffentlicher Archive und Museen möglich. Darüber hinaus standen sehr viele Mitarbeiter in diesen Institutionen und darüber hinaus mit zusätzlichen Informationen zur Verfügung. Hier die Liste aller Unterstützer, bei denen ich mich sehr herzlich bedanke (ich bitte um Nachsicht, die im Namen einer der unten genannten Institutionen auftretenden Personen nicht namentlich anführen zu können):

Akademie der bildenden Künste Wien, Kupferstichkabinett; Antiquariat Christian M. Nebehay G.m.b.H; Bezirksmuseum Hietzing; Bezirksmuseum Margareten; Bezirksmuseum Mariahilf; Bezirksmuseum Meidling; Bezirksmuseum Penzing; Bezirksmuseum Wieden; Bundesforschungszentrum für Wald (BFW); Bundesdenkmalamt, Wien; Dieter Halama; Fam. Pelikan; Fam. Winkler; Felix Krepler; Gebhard Klötzl; Hans Kiessling; Hans Stockinger; Heimatmuseum Gablitz; Heimatmuseum Pressbaum; Karl Fischer; Magistratsabteilung 45; Museum im Schottenstift, Wien; Österreichische Nationalbibliothek; Pfarre Mariabrunn; Stadtarchiv Purkersdorf; Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf; Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung; Wien Museum; Wien Kanal; Wiener Stadt- und Landesarchiv; Wolfgang Höfler; Staatsarchiv Bamberg.

Bezugsquellen

Das Buch ist in allen Buchhandlungen um € 19,99 erhältlich. Zum Beispiel in der Ober St. Veiter Buchhandlung "Bücher&Geschenkeladen" in 1130 Wien, Hietzinger Hauptstraße 147 (in der Passage). Sie können es aber auch unter der E-Mail-Adresse hojos@1133.at bestellen (bitte mit Angabe ihres Namens, der Adresse und Ihrer E-Mail-Adresse). In Rechnung gestellt werden der Buchpreis plus das Post-Porto.

ISBN 978-3-95400-400-3 • 124 S. • ca. 200 farb. Abb. • gebunden • 16,5 x 23,5 cm

Quellen:
Siehe Bericht Nummer 817

hojos
im Juli 2014