Gerhard Weissenbacher

Auf der Suche nach der Symbolkraft der Dinge
09.08.2023

„Hintergründigkeit und Ambivalenz des Inhalts sowie mit minimalen Mitteln konsequent erarbeitete formale Bewältigung sind wohl die Hauptmerkmale von Gerhard Weissenbachers Oevre, die ihm ein gewisses Alleinstehungsmerkmal verleihen.“ Wolfgang Huber in „Metamorphose“

Anfangsbild: Ausschnitt aus „Mauerbach“, Kreide, Pastell, 2002.

Gestatten Sie mir, vor der Würdigung dieses großen Künstlers ein wenig auszuholen. Es liegt in der Natur dieser Plattform, Dinge in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Und es liegt in der Natur von Regionen, Lichtgestalten – wozu natürlich auch gute Künstler zu rechnen sind – für sich zu vereinnahmen. Sie alle. Auch wenn sie in der jeweiligen Region nur geboren wurden, hinsichtlich Ober St. Veit zum Beispiel am Himmelhof, dem Geburtsort zahlreicher späterer Zelebritäten. Oder wenn es sich beim jeweiligen Aufenthalt nur um eine von vielen Stationen auf dem Lebensweg handelte, wie bei Alexander Rothaug. Oder wenn sie das Schicksal dorthin warf, wie Egon Schiele für die letzten sechs Jahre seines kurzen Lebens. Oder wenn sie Fortuna zu uns brachte, spät aber doch, für einen schönen Lebensabend, wie Eduard Diem, den unbeugsam Vielfältigen. Die höchste erreichbare Stufe wäre, zu den „Alteingesessenen“ gezählt zu werden.

Schon spüre ich die misstrauisch gehobene Augenbraue ob solchen Regionaldenkens in einer Welt der Mobilität und Übernationalität. Somit bitte ich um Entschuldigung – die Entschuldigung ist ja zum rettenden Schleier geerbten Denkens geworden. Die hier genannten Künstler eint aber nicht nur das ersessene oder honoris causa erworbene Prädikat „Ober St. Veiter“, sondern ein ganz wesentliches Merkmal: Sie zählen zu den Künstlern, die das Merkantile ihrer künstlerischen Freiheit unterordneten. Die natürliche Folge ist ein sehr unterschiedlicher Bekanntheitsgrad.

Doch jetzt zu Gerhard Weissenbacher: Von 26. September bis 21. Oktober 2023 wird er seinem künstlerisches Leben mit einer Einzelausstellung im Kunst-Service, 1040 Wien, Sankt-Elisabeth-Platz 6, einen weiteren Höhepunkt hinzufügen. Zu diesem Anlass hat er einen bemerkenswerten Prachtband als Dokumentation seiner Kunst und seines Lebens herausgegeben. „Metamorphose“, das Motto dieses Werkes, deutet auf ein wesentliches Merkmal der Kunst: Das ständige Suchen nach der persönlichen und ureigenen Sprache zur Veranschaulichung der großen Zusammenhänge. Gerhard Weissenbacher unternimmt dies nunmehr seit sechs Jahrzehnten, also von den 1960er-Jahren an bis heute. Doch schon zu seinen Anfangszeiten war der naturalistische Kunstbegriff längst aufgelöst, auch in Wien, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den internationalen Entwicklungen regime- und kriegsbedingt weitgehend abgekoppelt war. Damit fällt seine Arbeit gänzlich in eine Zeit entfesselter Kreativität und genauso entfesselter Technik. Leider war es auch eine Zeit für Scharlatane.

Dem durchschnittlich versierten Kunstbetrachter – wie zum Beispiel mir – ist es daher angeraten, sich vorerst mehr mit dem Künstler selbst als mit dessen Kunst zu beschäftigen, um ein Gefühl seiner Aufrichtigkeit zu erhalten. Es ist oft das Realistische der frühen Jahre, die Porträts, die Landschaftsbilder etc., auch ausgelebte Phantasien, bei den akademisch Ausgebildeten oft die Abendakte, aber auch noch spätere Übersteigerungen oder Reduktionen, die einen Aufschluss über das Talent geben. Spätere Entwicklungsstufen alleine sind oft dazu angetan, den Betrachter zu überfordern. Ersteres kann auch bei Gerhard Weissenbacher nicht schaden und der jüngste, in Schaffensphasen gegliederte Katalog ermöglicht dies ausreichend. Letzteres aber – die Überforderung des Betrachters – trifft bei diesem Künstler nur dann zu, wenn die subtile Hintergründigkeit nicht erkannt wird. Im Laufe der Jahre verfestigten sich die markant-reduzierten Inhalte und die perfektionierte Technik in einer unverwechselbaren Art und Weise. Das Zeichnen wurde zu einem meditativen Mikro-Prozess, bei dem der geringste Fehler zur Zerstörung des Werkes führt. Das vollendete Werk jedoch führt mit seinem eine geheimnisvoller Ruhe ausstrahlenden Bildaufbau in fein abgestuften Pastelltönen und den eingestreuten, hintergründigen Objekten schließlich auch beim Betrachter zu einem meditativen Prozess. Ein wohltuender Kontrast zum heutigen Lärm.

Es zahlt sich jedenfalls aus, sich mit dem Künstler Gerhard Weissenbacher und seiner Kunst auseinanderzusetzen. Die den Katalog einleitenden, außerordentlich einfühlsamen Worte Wolfgang Hubers vor seinem reichhaltigen kunsthistorischen Orbit sind dazu eine ideale Gelegenheit. Nicht minder der üppige Bildteil. Die beste Gelegenheit ist allerdings der Besuch der bevorstehenden Einzelausstellung, bei der auch die genannte Dokumentation um 30 Euro erhältlich sein wird.

Traum III. Kreide, Pastell, 52,2 cm x 72,2 cm, 2003/04. „Dem flächenhaften, streifenartigen Aufbau sind – das jeweilige Gelände bezeichnende – Farben zugeordnet, wobei über dem dunklen Vordergrundstereifen die Farbe Gelb den sanft ansteigenden, breiten Mittelgrund bedeutet. Durch subtile Variation der Farbintensität werden Erhebungen und Senkungen der Landschaft evoziert, darin und in den unteren Ecken befindliche grüne Bereiche suggerieren wohl Wiesen und Bäume. Parallele, furchenartige, helle Streifen deuten auf menschliche Bearbeitung hin. Darüber erhebt sich die in einem zart bewegten Duktus abgeschlossene, grau modulierte Gebirgszone, deren stark aufgehellter Abschluss Sonnenbestrahlung bzw. Schnee suggerieren könnte. Der schmale, äußerst sensibel von Hell ins Dunkle modulierte Himmelsstreifen schließt die Komposition nach oben ab, in der Farbintensität ähnlich dem unteren Streifen. In diese ausgewogene Ideallandschaft ist im unteren Bilddrittel ein technisches Element eingefügt. Ein weißer, horizontaler Streifen schneidet linienartig das Bild, auf dieser Schiene fährt der von einer Dampflokomotive angetriebene Zug mit seiner langen Waggonreihe. Aus dem Schlot steigt eine, im Verhältnis zu den Dimensionen des Zuges große, vom Fahrtwind fahnenartig geformte Rauchwolke. Mit seiner langgestreckten, schmalen Formation fügt sich der Zug perfekt in die ruhige, ausbalancierte Bildkomposition ein, auch die Rauchwolke scheint in einer fixierten Form zu verharren und dadurch die durch das Motiv nahegelegte Dynamik wieder aufzuheben. Der Zug kommt scheinbar nicht vom Fleck, die Bewegung scheint traumartig eingefroren.“ Wolfgang Huber. © Archiv Weissenbacher
<p><b>Traum III</b></p><p>Kreide, Pastell, 52,2 cm x 72,2 cm, 2003/04. „Dem flächenhaften, streifenartigen Aufbau sind – das jeweilige Gelände bezeichnende – Farben zugeordnet, wobei über dem dunklen Vordergrundstereifen die Farbe Gelb den sanft ansteigenden, breiten Mittelgrund bedeutet. Durch subtile Variation der Farbintensität werden Erhebungen und Senkungen der Landschaft evoziert, darin und in den unteren Ecken befindliche grüne Bereiche suggerieren wohl Wiesen und Bäume. Parallele, furchenartige, helle Streifen deuten auf menschliche Bearbeitung hin. Darüber erhebt sich die in einem zart bewegten Duktus abgeschlossene, grau modulierte Gebirgszone, deren stark aufgehellter Abschluss Sonnenbestrahlung bzw. Schnee suggerieren könnte. Der schmale, äußerst sensibel von Hell ins Dunkle modulierte Himmelsstreifen schließt die Komposition nach oben ab, in der Farbintensität ähnlich dem unteren Streifen. In diese ausgewogene Ideallandschaft ist im unteren Bilddrittel ein technisches Element eingefügt. Ein weißer, horizontaler Streifen schneidet linienartig das Bild, auf dieser Schiene fährt der von einer Dampflokomotive angetriebene Zug mit seiner langen Waggonreihe. Aus dem Schlot steigt eine, im Verhältnis zu den Dimensionen des Zuges große, vom Fahrtwind fahnenartig geformte Rauchwolke. Mit seiner langgestreckten, schmalen Formation fügt sich der Zug perfekt in die ruhige, ausbalancierte Bildkomposition ein, auch die Rauchwolke scheint in einer fixierten Form zu verharren und dadurch die durch das Motiv nahegelegte Dynamik wieder aufzuheben. Der Zug kommt scheinbar nicht vom Fleck, die Bewegung scheint traumartig eingefroren.“ Wolfgang Huber. </p><p><i>&copy; Archiv Weissenbacher</i></p>

Übrigens: Gerhard Weissenbachers Zweitberuf war AHS-Lehrer und er ist auch ein prominenter Buchautor. Sein aus einem schulischen Forschungsprojekt hervorgegangenes zweibändiges Werk über die Bausubstanz Hietzings wurde zu einem Standardwerk. Mittlerweile ist es längst vergriffen, und kaum jemand – so er in seinen Besitz gelangt ist – trennt sich von diesem Bücherschatz. Die wenigen, ins „Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ gelangenden Exemplare werden mittlerweile mit über 150 Euro gehandelt. Pro Band.

hojos
im August 2023