Hildegard Burjan wurde selig gesprochen

Hildegard Burjan (geborene Freud), geboren am 30. Jänner 1883 in Görlitz, Lausitz, gestorben am 11. Juni 1933 in Wien
23.01.2012

Heimat bist Du großer Töchter!

Diese Sentenz kommt einem in den Sinn, wenn man vom Lebenswerk Hildegard Burjans liest oder erzählen hört. Dabei war Hildegard Burjan ja gar keine „Tochter der Heimat“.Erst im zweiten Teil ihres leider so kurzen Daseins war Wien Mittelpunkt ihres Lebens.

1883 in Görlitz/Schlesien geboren wächst Hildegard in einer bürgerlichen Mittelstandsfamilie auf, sie ist jüdischer Abstammung, aber konfessionell nicht gebunden. Aus beruflichen Gründen übersiedelt ihre Familie 1895 nach Berlin, wo Hildegard das Lyzeum besucht, und 1899 in die Schweiz. Hildegard Burjan maturiert in Basel und studiert ab 1903 Germanistik in Zürich. Durch philosophische Vorträge und Diskussionsrunden angeregt, beschäftigt sie sich mit dem katholischen Glauben. Ab 1905 studiert sie auch in Berlin. 1907 heiratet sie ihren Studienkollegen Dipl.-Ing. Alexander Burjan, er ist in Györ geboren und ebenfalls jüdischer Abstammung. Das Ehepaar übersiedelt nach Berlin. Nach dem Doktorexamen 1908 erkrankt Hildegard an einer Nierenkolik. Sie muss innerhalb von 7 Monaten mehrere Operationen über sich ergehen lassen, am Karsamstag 1909 wird sie von den Ärzten aufgegeben und nur noch mit Morphium behandelt. Auf unfassbare Weise verbessert sich ihr Zustand am Ostermorgen, sie ist fieberfrei und die offenen Wunden verheilen.

Am 11.8.1909 konvertiert sie zum katholischen Glauben und das Ehepaar übersiedelt nach Wien. Ab Oktober 1909 ist das Ehepaar in Hietzing gemeldet, zuerst in der Altgasse 23, dann der Hietzinger Hauptstraße 89, in der der Titlgasse 9 und nochmals in der Altgasse, diesmal auf Nr. 20. Ab Juli 1925 wohnt das Ehepaar in der erworbenen Villa Larochegasse 35, an der sich heute eine Gedenktafel befindet. Ihr Gatte ist inzwischen Generaldirektor der RAVAG geworden. Im August 1910 kommt nach einer Lebensbedrohenden Schwangerschaft die Tochter Elisabeth zur Welt.

Unmittelbar nach der Ankunft in Wien schließt sich Hildegard Burjan katholischen Kreisen an und setzt sich mit der Sozialenzyklika Rerum Novarum auseinander. Sie entwickelt daraus ein soziales Konzept, das besonders auf die berufstätige Frau ausgerichtet ist. Unter anderem gründet sie den Verein der christlichen Heimarbeiterinnen, die Nähstubenaktion, die soziale Fürsorge für erwerbslose Frauen und Mädchen, den Reichsverband katholischer Arbeiterfrauen und schließlich 1922 die „Caritas Socialis“. Sie ist in ihrer Sorge um die Bedürftigen unermüdlich im Sammeln und Organisieren.

Durch ihre Kontakte zu Kardinal Piffel und Prälat Dr. Seipel lernt sie auch damals maßgebende Politiker der Christlichsozialen Partei kennen. 1918/19 ist sie Mitglied des provisorischen Gemeinderates von Wien und 1919/20 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung für Deutschösterreich. In dieser Zeit beantragt sie – sie ist die einzige christlichsoziale Abgeordnete mit den 7 weiblichen sozialdemokratischen Abgeordneten – zahlreiche Gesetze und Verordnungen für die Besserstellung der Frauen. Obgleich sie für die Wahl 1922 ein sicheren Listenplatz bekommt, verzichtet sie auf eine politische Karriere und widmet sich fortan nur der Gründung der Caritas Socialis und deren Aufgaben wie die Reaktivierung der Bahnhofsmission, der Einführung der Familienpflege und den von ihr 1931 gegründeten „St. Elisabeth-Tisch“. Von ihm wird eine Mahlzeit gegen ein kleines Entgelt abgegeben, was den meist aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Bewirteten das Gefühl nimmt, Almosenempfänger zu sein. Schließlich erreicht sie für ihre Schwesterngemeinschaft die kirchliche Anerkennung.

1932 ist sie die Initiatorin der Seipel-Gedächtniskirche. Der Baugrund für die Kirche im 15. Bezirk und ein dazugehöriges Volksfürsorgehaus wird von der Stadt Wien gratis zur Verfügung gestellt und Bürgermeister Seitz gestattet eine Straßensammlung. Der Plan von Clemens Holzmeister stößt aber auf Kritik. Hildegard Burjan legt dem Papst Pius XI., mit dem sie im Zusammenhang mit ihrer Schwesternschaft Gespräche führt, auch die Kirchenpläne vor. Dem Papst gefällt dieser Neubau, und die Bedenken in Wien gegen die Architektur verstummen. Nach der Einweihung der Kirche im September 1934 werden die Sarkophage der Bundeskanzler Dr. Seipel und Dr. Dollfuß in der Krypta beigesetzt und die Kirche erhält den Namen Seipel-Dollfuß-Gedächniskirche. 1938 wird die Krypta geschlossen und die Sarkophage in den ursprünglichen Gräbern beigesetzt.

Hildegard Burjan stirbt am 11. Juni 1933 im Sanatorium Auersperg und wird am Zentralfriedhof in der Familiengruft beigesetzt. Im Zuge des 1963 von Kardinal Franz König eingeleiteten Seligsprechungsverfahrens erfolgt 2005 die Exhumierung. Was an der Ordensgründerin sterblich ist ruht seither in der Hauskapelle Schwesternschaft in der Pramergasse in Wien-Alsergrund.

Alexander Burjan muss 1938 Österreich verlassen, wird enteignet, bekommt die Villa 1945 wieder zurück und verkauft sie. Er stirbt 1973 in Wien.

Die Tochter Elisabeth (1910–2005) besucht die Schulen der Dominikanerinnen und lebt ab 1934 in London, später in Washington. Sie ist im diplomatischen Dienst tätig und nach Beendigung ihrer Berufslaufbahn fast 30 Jahre für den Vatikan als Dolmetscherin im Einsatz. Sie stirbt in Rom und ist am Zentralfriedhof in Wien bestattet.

Die am 29. Jänner 2012 zelebrierte Seligsprechung Hildegard Burjans war die erste, die im Wiener Stephansdom stattfand. In den letzten Jahren wurden zwei weitere Personen mit Hietzing-Bezug selig gesprochen. 2004 Kaiser Karl – es war dies die letzte Seligsprechung Papst Johannes Paul II. – und 2010 in Porto Alegre/Brasilien die 1818 in Schönbrunn geborene Barbara Maix, Gründerin der Kongregation der Schwestern vom Unbefleckten Herzens Maria, die sich vor allem um Kinder annimmt.

Professor Felix Steinwandtner
23. Jänner 2012