Karl Hentschel

Bürgermeister von Ober St. Veit
07.01.1827

Hentschel wurde am 7. Jänner 1827 in Lainz geboren und hatte sich nach Verehelichung mit seiner in Ober St. Veit beheimateten Gattin Maria 1854 hier in der Glasauergasse 7 angekauft. Das St. Veiter Heimatrecht erhielt er erst 1861. Seine Existenzgrundlage war eine gutgehen­de Schuhmacherei, die er während all seiner Bürgermeisterjahre weiterführ­te. Vor seiner Wahl zum Ober St. Veiter Bürgermeister im April 1868 war er von 1864–68 Gemeinderat der damals noch vereinigten Gemeinde St. Veit gewesen und war als solcher für die Beaufsichtigung der Ober- und Unter St. Veiter Sicherheitswachmänner zuständig.

Wie die meisten Gemeindepolitiker des 19. Jahr­hunderts kann man ihn keiner bestimmten Parteirichtung zuordnen, da es bei den Wahlen keine Parteilisten, sondern nur freie Kandidatennennungen gab. Von ihm selbst sind keine Äußerungen erhal­ten, die eine weltanschauliche Zuordnung ermöglichen. Immerhin kann man aus einem späteren Zeitungsartikel in dem liberalen Blatt „Der Urwähler“ schließen, dass die Liberalen ihn zumindest als einen Mann ihres Geistes ansahen, denn der Artikel stellte die Epoche vor Hentschel als finster und rück­ständig hin und preiste sodann fast hymnisch, wie sich unter ihm in allen Zwei­gen der Gemeindeverwaltung der Geist des Fortschrittes entfaltete. In späteren Jahren hatte er allerdings bereits viele Feinde, die in anderen Lokalblättern Attacken auf ihn lancierten. Die Redaktion der „Wiener Communal-Bezirks-Zeitung“ zählte ab den 1880er-Jahren absolut nicht zu seinen Freunden. Ziem­lich unverblümt wurden ihm da seine vielen „Weibergeschichten“ vorgehal­ten. Als sogar der Schuhmachermeister-Verein „Fortschritt“ im Hietzinger „Weißen Engel“ eine Versammlung abhielt, die die Vergabe der Beschuhung für arme Kinder durch den Bürgermeister Hentschel an den Schuhmacher Hent­schel heftig kritisierte und ein Komitee wählte, das sich darüber bei der Bezirkshauptmannschaft beschweren sollte, wurde es für den Angegriffenen aller­dings tatsächlich schon sehr ungemütlich.

In Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung war er jedenfalls sehr fleißig und persönlich einsatzfreudig: Es gibt kaum eines unter den mehreren hundert erhaltenen Kommissionierungsprotokollen (hauptsächlich in Bausachen), aus denen nicht die persönliche Teilnahme von Bürgermeister Hentschel hervor­geht. Dazu kamen noch all die Vorsprachen bei höheren Behörden, mit denen er sich bei heiklen Interventionen regelmäßig vom Gemeindeausschuss beauf­tragen ließ und all die vielen Ausschusssitzungen, die er leitete. Wahrscheinlich kamen mehr solche Sitzungen zusammen, als sich Karl Hentschel bei seinem Amtsantritt selbst gedacht hätte, denn er blieb Bürgermeister zunächst bis 1876 und dann nach einer einmaligen Abwahl und insgesamt viermaliger Wiederwahl neuerlich von 1878 bis 1891. Er war also schlussendlich ein Langzeitbürger­meister und epochemachender Gemeindevater, in dessen insgesamt 26-jähriger Wirkungsperiode (die Jahre als bloßer Gemeinderat mitgerechnet) der Ort Ober St. Veit sein Gesicht radikal verändert und große Teile der Entwick­lung von der ländlichen Agrargemeinde zum Wiener Wohnvorort durch­gemacht hat.

Nach der Vereinigung Ober St. Veits mit Wien hatte er kein öffentliches Amt mehr inne. Er starb am 10. Mai 1898 an Herzversagen und wurde auf dem Ober St. Veiter Friedhof beigesetzt, wo sich heute noch sein ehrenhalber auf Friedhofsdauer gewidmetes Grab befindet.

Quellen:
Klötzl, Gebhard: Die Gemeinden Ober St. Veit und Unter St. Veit 1848–1891. Dissertation an der Universität Wien, 2004
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Im Oktober 2012