Erholung am Himmelhof

Von der Meierei zum Sanatorium
1848

Die Geschichte „Das gute Rezept“ von J. Vinzenz (mit vollem Namen Vinzenz Jerabek), mag erfunden sein oder nicht, ist aber keinesfalls zu weit her geholt. Auch die dargestellten Charaktere und deren Umgebung passen gut ins bäuerliche Ober St. Veit. Wollte man einen Betrieb suchen, in dem sich so eine Geschichte zugetragen haben könnte – eine Meierei mit ansehnlichem Personal und Sommergästen aus der gehobenen Schicht – so kommt einem rasch die Meierei am Himmelhof, Himmelhofgasse 17–19, in den Sinn.

Ihre lange und abwechslungsreiche Geschichte beginnt mit dem Hofgraveur Franz Jauner, dem Vater des Schauspielers und Ringtheaterdirektors Franz Jauner jun. Er pachtete im Jahr 1848 die Gründe „Auf den Himmeln“ am Hagenberg vom damaligen Besitzer Prinz Gustav von Wasa. Im selben Jahr errichtete er auf diesem Areal einen aus mehreren Gebäuden bestehenden Wirtschaftshof mit Meierei.

1880 hatte das Ehepaar Franz und Marie Jauner 38 Kühe, 2 Ochsen, 4 Pferde, 7 Schweine und 6 Bienenstöcke. Im Betrieb arbeiteten 3 Schweitzer (Melker), 1 Kutscher, 1 Stalljunge, 1 Knecht, 1 Köchin, 1 Stubenmädchen und 3 Dienstmägde. Die Köchin hieß Marie Froschauer; war sie das Vorbild für Petronella? Der Betrieb wurde auch als Jausenstation geführt und entwickelte sich vor allem wegen des guten Oberskaffees zu einem beliebten Ausflugsziel.

Eine Zeichnung der ursprünglichen, möglicherweise noch Jauner‘schen Meierei mit sehr markantem Nordostturm. Die Um- und Zubauten veränderten den Gebäudekomplex stark. Der Grundriss und die Fensterachsen blieben auch nach den späteren Veränderungen erkennbar. © Bezirksmuseum Hietzing

1884 wurde der Besitz verkauft und die Meierei verlor an Attraktivität.

1894 ließ der damalige Besitzer A. C. Rosenthal das Anwesen nach einem Brand durch Maurermeister Franz Bürger wieder instand setzen. Der Hof war von drei Gebäudeflügel umgrenzt und straßenseitig gegen Nordosten durch eine Tormauer abgeschlossen. In dem straßenseitig rechts gelegenen zweigeschoßigen Hauptgebäude waren Wohnräume, im gegen Südwesten anschließenden ebenerdigen Trakt Ställe und ein Schuppen untergebracht; der Quertrakt bestand aus einer Vorhalle für den im Hang gelegenen Keller wie aus dem Teil eines dreigeschoßigen Hauses, das teilweise den nach Südosten gerichteten Flügel bildete. Dieser links vom Haupteingang und tiefer gelegene Trakt bestand straßenseitig nur aus dem Hochparterre mit aufgesetztem Dachboden. Am Hang oberhalb des gesamten Gebäudes lagen, durch einen gekurvten Fahrweg erreichbar, die Wagenremise und eine Requisitenkammer.

Die Meierei am Himmelhof. Lageplan 1894 © MA 37
Die Meierei am Himmelhof. Instandsetzungsplan der Brandstätte von Franz Bürger 1894, Straßenansicht © MA 37

1896 bis 1898 lebte hier der Maler Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) mit seinen Anhängern in der damals vielbesprochenen Kolonie „Per aspera ad astra“. Weitere Informationen zu dieser Künstlerkolonie bietet der Bericht Nr. 528.

1907 wurde ein Restaurantbetrieb eingerichtet. Aus dem Material der umgebenden Mauern wurde eine Aussichtsterrasse und eine Zufahrtsstraße in der Art einer Promenadenallee errichtet. Ein Adaptierungsplan aus dem Jahr 1914 zeigt im rechten Trakt die Schank, das Gastzimmer, ein Gesellschaftssaal, ein Extrazimmer, ein Clubzimmer, eine geschlossene Veranda, die Küche, die Abwäsche, eine Speis sowie die Wagenremise. Im Quertrakt lagen eine Garage und der Vorkeller. Der zum Teil dreigeschoßige Gebäudeteil an der linken Seite wurde bereits für einen Hotelbetrieb genutzt und umfasste in den beiden Obergeschoßen neben mehreren Küchen je fünf Zimmer mit Balkon.

Das beliebte Postkartenmotiv des Restaurationsbetriebes vor dem Ersten Weltkrieg. © Bezirksmuseum Hietzing
Das Hotel am Himmelhof. Ein Zeitungsausschnitt unbekannten Datums © Archiv 1133.at

Diese Anlage wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum „Sanatorium Himmelhof“ umgewandelt. In dem Wien-Führer von Baldass aus dem Jahr 1928 ist der Betrieb aber noch als Meierei und Gastwirtschaft eingezeichnet.

1929 errichtete man nach Abtragung des eingeschoßigen Südosttraktes einen viergeschoßigen Anbau an das bestehende Sanatorium. Der Neubau war flach gedeckt und wies im Dachgeschoß neben einer ausgedehnten Terrasse die Teeküche und einen Duschraum auf. Im Hochparterre und im ersten Stock lagen je vier Zimmer, ein Bad und eine Teeküche, im Hochparterre gegen Südosten und Südwesten eine Terrasse, im ersten Stock gegen Südwesten Balkone.

In dem klar gegliederten Bau, der von der „Carl Korn Baugesellschaft A.G.“ für Dr. Leo Mautner errichtet wurde, saßen die etwas vertieften, kleinflächig unterteilten Fenster zum Teil über Eck. Details, wie die Art der horizontalen Fassadengliederung oder der dekorativ angewendete Backstein, erinnern an den sozialen Wohnbau der Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit.

Das Sanatorium Himmelhof. Postkarte aus dem Jahr 1934 zur Zeit des ersten Sanatoriumsinhabers © Archiv 1133.at
Sanatorium Himmelhof. Foto um 1950 © Bezirksmuseum Hietzing

Im Zweiten Weltkrieg diente die Anlage als Lazarett.

Ab 1948 wurde vom Ehepaar Gisela und Dr. Rudolf Holtemayer der Betrieb des Sanatoriums wieder aufgenommen. Das Wissen über den letzten Abschnitt im Bestand und der Nutzung der historischen Gebäude an Himmelhof verdanken wir den Informationen und Unterlagen der 1940 geborenen Frau Helga Bauer. Diese verbrachte ab ihrem 12. Lebensjahr jedes Wochenende am Himmelhof bei ihrer Tante Gisela Holtemayer. Der Vater war im Krieg geblieben, die Mutter musste arbeiten und die halbwüchsige Helga war dort gut aufgehoben.

In einer zur Werbung versandten Drucksache wird der Betrieb folgendermaßen beschrieben: „An einem der schönsten Punkte Wiens, am Rande des Lainzer Tiergariens in Ober-Si. Veit, mit dem Blick weit über die Stadt hinaus, liegt unter überaus günstigen klimatischen Bedingungen, inmitten eines großen, alten Parkes, am Abhange des Hagenberges, das Sanatorium Himmelhof. Dank seiner Höhenlage, dem Lärm und Staub der Stadt entrückt und doch von der Stadt leicht und schnell erreichbar, eignet sich das Sanatorium für alle intern Erkrankten, insbesondere für Erkrankungen des Herzens sowie der Atmungsorgane. ldealster Aufenthalt für Ruhebedürftige und Erholungssuchende. Behagliche Zimmer, Zentralheizung, Warmwasser, Lift, Telefonanschlüsse in den Zimmern vervollständigen den Komfort. Für beste Verpflegung ist gesorgt.“

Die Zimmerpreise von 140 bis 160 Schilling für das Doppelzimmer inkludierten fünf Mahlzeiten und Schwesternbetreuung. Nach Helgas Schilderung waren im vorderen Bereich des von der Straße aus linken Sanatoriumstraktes die komfortableren Gästezimmer angeordnet. Zwischen zwei solcher Zimmer war jeweils ein Badezimmer mit Badewanne, Waschbecken und zentral zubereiteten Warmwasser angeordnet. Im hinteren Bereich waren einfachere Zimmer mit einer gewöhnlichen Waschgelegenheit. Die Verbindungen zu den Zimmertelefonen stöpselte der Portier. Über Weihnachten, wenn es ruhiger war, durfte Helga eines der komfortableren Zimmer mit Bad bewohnen.

Eine kleine Bibliothek, ein Lesezirkel in der Halle und Tische zum Kartenspielen waren einige der gebotenen Unterhaltungsmöglichkeiten. Von dieser Halle führte ein Abgang in Abgang in den Keller mit den Behandlungsräumen. Zur Verfügung standen ein eigenes Laboratorium, Röntgen- und Elektrokardiographie und damals moderne Heilbehelfe wie Kurzwellen, Diathermie, Schwellstrom, Faradisation, Farblichttherapie, Höhensonne, Pystianer Schlammbäder und -packungen, Radium-Emanationen, Kohlensäure-, Sauerstoff- und Zellenbäder und Akupunktur. Natürlich wurden auch medizinische Heilmassagen sowie Freiluftkuren auf der Dachterrasse angeboten.

Dr. Holtemeyer versuchte auch, die von Dr. Paul Nihans im Jahr 1931 eingeführte und in Deutschland verbreitete Frischzellentherapie im Sanatorium zu etablieren. Die Injektion von Suspensionen mit fötalen Schafzellen wurde auch von der Wiener Prominenz nachgefragt, aber vom Gesundheitsministerium bald verboten.

Geleitet wurde das Sanatorium von Helga Bauers Onkel Dr. Rudolf Holtemeyer. Er war der Herr Direktor und trug immer einen weißen Mantel. Das Sanatorium war also ein Ort, den die Leute zur Erholung aufsuchten, wobei ihre Motive am ehesten dem heutigen Wellnessgedanken entsprachen. Die Gäste waren meist wohlhabende, oft prominente Menschen mittleren Alters oder älter, die die heilige Ruhe und die Anonymität des Ortes schätzten. Hier konnten sie ungestört Mensch sein. Der Aufenthalt konnte vierzehn Tage dauern oder sogar ohne zeitliche Beschränkung den Aufenthalt in einem Altersheim ersetzen. Die Menschen kamen alleine oder mit ihren Bediensteten.

Neben Dr. Holtemeyer, der ständig Anwesend war und eine Wohnung über dem Wirtschaftsflügel nutzte, standen den Gästen auch ein weiterer ständig anwesender Arzt und ein übergeordneter nur an einzelnen Tagen anwesender Arzt zur Verfügung; über eine lange Zeit war der junge praktische Arzt Dr. Jost Lindner immer anwesend und wurde zum Liebling und Ersatzsohn so mancher älteren Dame. Später spezialisierte er sich zu einem Gynäkologen mit Praxis in Wels. Am Himmelhof tätig war auch der Magnetiseur Klein, er lebte in einer Wohnung neben der von Dr. Holtemayer.

Die Liste der klingenden Gäste, von denen viele zu Stammgästen wurden, enthält auch den Schauspieler Heinz Rühmann. Er erholte sich von einem Beinbruch und hatte viel weiblichen Besuch, nicht nur von seiner Frau Herta Freiler. Helga erinnert sich gern an die Spaziergänge mit dem freundlichen Herrn. Zu den Gästen zählten auch schillernde Persönlichkeiten wie die Frau eines ägyptischen Ministers samt ihrer Privatkrankenschwester. Sie lachte über alles; sie lachte auch, als ihr Mann erschossen wurde.

Helga erlebte inmitten dieser mondänen Gesellschaft nicht nur schöne Sachen, sondern auch Eifersuchtsdramen, Ehebruch, Streit etc.. Immer wieder gab es Todesfälle unter den betagteren Gästen. Hinter manchen Toten, die an ihr vorbeigetragen wurden, stritt sich schon ein Rudel Nachfahren hemmungslos um das Erbe.

Bewacht wurde das Anwesen durch einen Hund, der an einer auf einer Laufschiene eingehängten Kette zwischen zwei Kastanienbäumen pendelte. Eine Hundehütte bot ihm den Unterschlupf. In der Nacht patrouillierte er frei im riesigen, das Sanatorium umgebenden und komplett eingezäunten Park.

Gleich daneben lag eine der beliebten Skiwiesen der Ober St. Veiter. Für diese Skifahrer stand im Winter ein spezieller Kiosk in der Kastanienallee zur Verfügung. Dort verkauften Mädchen aus der Küche Tee mit Himbeersaft und Kartoffelbrote mit Margarineaufstrich, einem Blatt’l Wurst und Gurkerl. Im Sanatorium war auch ein bereits motorisiertes Rotes Kreuz stationiert. An manchen Wochenenden gab es 30 Rettungseinsätze. Das gefährliche an der Himmelhofwiese war der praktisch nicht vorhandene Auslauf, und der führte auch zu tödlichen Unfällen. Einmal prallte ein Vater mit seinem Sohn auf der Rodel auf ein Hindernis und der Bub starb. Einmal fuhren zwei Buben mit der Rodel über die Sprungschanze. Wegen dieser manchmal extremen Vorfälle am Himmelhof verlor Herta die Freude am Skifahren.

Die 1912 geborene Tante Gisela verstarb relativ jung mit 54 Jahren. Sie hatte auch eine Wohnung in der Josefstädter Straße. Es fand sich kein Nachfolger, der das Sanatorium weiterführen wollte. Helga Bauer hätte es gerne übernommen, aber sie war noch viel zu jung. Daher wurde der Betrieb praktisch über Nacht geschlossen und die Besitzer, es waren in Amerika lebende Juden, verkauften das Sanatorium um angeblich 2,2 Mio. Schilling.

Die Gebäude des ehemaligen Sanatoriums wurden 1960 abgerissen. An ihrer Stelle errichtete Hannes Lintl 1960–62 ein Bundeskonvikt, das 1994/95 nach Plänen von Andreas und Herbert Müller-Hartburg erweitert wurde.

Die ursprüngliche Überlegung, den Sanatoriumsbau, also den linken Trakt der alten Meierei, in den Neubau zu integrieren, wurde nicht verwirklicht.

Quellen:
Bezirksmuseum Hietzing
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut
Grundbücher
Volkszählung 1880
Informationen von Helga Bauer

hojos
im Feber 2009, ergänzt im Juli 2017

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