Bauen in Hietzing

Der Club 13, das Hietzinger Forum für Kultur, Politik und Wirtschaft, lud im Rahmen der "Bunten Couch" zum Gespräch über das Baugeschehen im 13. Wiener Gemeindebezirk Hietzing.
17.03.2011

Die Veranstaltung fand im Souterrain der Villa Wustl in der Auhofstraße 13–15 statt. Diese Räume dienten ursprünglich mit Kegelbahn, Billardzimmer und Weinkeller der Unterhaltung der Besitzerfamilie. Zuletzt wurden sie von einem Fotostudio benutzt, jetzt sollen sie zu einem exquisiten Veranstaltungsbereich adaptiert werden. Unter der Leitung von Mag. Klaus Daubeck und mit reger Beteiligung des zahlreich gekommenen Publikums diskutierten Oberstadtbaurat Dipl.-Ing. Robert Kniefacz von der MA19 (Stadtbildgestaltung), Dipl.-Ing. Stefan Menz (Bauherr in Hietzing), und Mag. Gerhard Weissenbacher (Autor der beiden Architekturbücher "In Hietzing gebaut") zum Thema Bauen in Hietzing.

Im Vorfeld wurden folgende Themen für die Diskutanten formuliert: Waren die Bauherren vor 100 Jahren mutiger, in dem sie die Avantgarde der damaligen Zeit (Hoffmann, Loos, Oerley, Lichtblau usw.) im Bezirk bauen ließen? Bewahren wir angeblich wertvolle historische Bauten (Klimt-Villa), die gar keine sind? Lassen wir stattdessen Bauten verfallen, die wirklich Weltgeltung haben (Werkbundsiedlung)? Ist nur Fassadenerhaltung nicht potemkinsches Bauen? Verhindern Schutzzonen qualitätsvolle neue Architektur? Was machen wir mit Bausünden?

Als aktuelles Referenzobjekt für den Vergleich von Bauherren- und Architektenleistungen diente das jüngst entstandene "goldene" Haus der Familie Menz in der Gloriettegasse 1b.

Der Bauherr Dipl.-Ing Stefan Menz, beruflich einer der Internetpioniere Österreichs (Stichworte: Open Systems, Eunet und jüngst Open Networks GmbH), hatte Gelegenheit, die Entstehungsgeschichte dieser Villa und das zugrunde liegende Konzept zu erläutern. Oberstadtbaurat Dipl.-Ing. Robert Kniefacz, der mit der Architektonischen Begutachtung der MA 19 einer Stelle vorsteht, die mit sieben Mitarbeitern jährlich rund 10.000 Projekte zu beurteilen hat, ließ zunächst die Problematik einer solchen Massenabfertigung anklingen. Nur bei komplexen und mit hoher Wahrscheinlichkeit bekämpften Ablehnungen werden ausführlichere Gutachten, deren Adressat die MA 37 (Baupolizei) ist, geschrieben. Die erste Ausnahme, in der trotz Befürwortung eine 20-Seitige Begründung verfasst wurde, betraf eben dieses Projekt der Familie Menz. Daraus mag die Schwierigkeit ermessen werden, moderne Architektur in historische Ensembles einzufügen, doch soll das Hietzinger Cottagevietel mit seinem Reichtum an extremen Architekturen aller Stilrichtungen auch für die heutige Avantgarde nicht tabu sein.

Mag. Gerhard Weissenbacher stellte zunächst die Bedeutung der Klimt-Villa als "genius loci" (= der "Geist des Ortes", also ein Ort, der von einem herausragenden Menschen oder einem besonderen Ereignis geprägt ist) unabhängig vom baulichen Wert außer Zweifel und betonte auch die Besonderheit der darüber errichteten neobarocken Villa. Die Spannungsfelder im heutigen Baugeschehen erläuterte er am Beispiel Ober St. Veits, das vom Bauernhaus bis zum experimentalen Bau alle Bauformen aufzuweisen hat und wo es eine große Herausforderung darstellt, das Bestehende ganzheitlich zu bewahren und trotzdem heute Zeitgemäßes zu ermöglichen. In diesem Umfeld bedarf es hoher Kunstfertigkeit, behutsam und trotzdem ökologisch und technisch aktuell und dem heutigen Lebensgefühl entsprechend so zu bauen, dass kein potemkinsches Dorf (= eine vorgetäuschte Leistung, praktisch eine schöne Fassade vor völlig bezugslosem und qualitätslosem Baukörper) entsteht.

In der Diskussion herrschte dann aber Konsens, dass sich der Begriff "Qualitätsvolle Architektur" einer verbindlichen Definition entzieht, und nur fallbezogen mit subjektiv völlig unterschiedlichen Zugängen diskutiert werden kann. Die bleibenden kontroversiellen Meinungen zum "goldenen" Haus in der Gloriettegasse und zu anderen aktuellen "Schöpfungen" untermauern dies. Allerdings scheint weitreichende Einigkeit zu herrschen, dass es den Bezirk nur aufwerten kann, wenn engagierte Bauherren auch der heutigen Avantgarde eine Chance geben. In höchstem Maße schädlich ist es jedoch, wenn maßlose "Investoren" zur Flächen- und Gewinnmaximierung die gegebenen Möglichkeiten inklusive aller Ausnahmeregeln bis zum Limit ausreizen. Vor allem deren gesichtslose Kolosse zerstören das Ortsbild und damit den Wert der Region. Allen ist klar, dass nur das gemeinsame Auftreten aller Kräfte guten Willens den permanenten Druck auf den historischen Baubestand und auf die Lebensqualität unserer Grätzl entschärfen kann und schon im Flächenwidmungsbereich höchste Aufmerksamkeit geboten ist.

Für die bestehenden Bausünden konnte – naturgemäß – kein Rezept genannt werden, nur die Feststellung, dass sie permanent vor Augen bleiben und nicht wie ein Bild von der Wand genommen werden können. Zuletzt bestand während der Bauphase die Möglichkeit, wenigstens auf die strenge Einhaltung des genehmigten Einreichplanes zu achten.

Gemeinderat Bernhard Dworak gab schließlich noch einen Bericht zum Stand der Sanierung der Werkbund-Siedlung. Hier sind hohe rechtliche, finanzielle und schließlich auch bauliche (z. B. hohe Feuchtigkeit) Hürden zu überwinden. Mittlereile gibt es ein Konzept, das die Sanierung nach § 18 des Mietrechtsgesetzes anstrebt. Die erforderlichen Leistungen wurden ausgeschrieben.

Freilich haben und hätten die anwesenden Gäste noch andere wunde Punkte zur Sprache gebracht, wie die Parkplatzsituation oder die Einbruchsgefahr, doch war der Zeitrahmen des interessanten Abends bereits erschöpft.

Der gemütliche Ausklang der Veranstaltung wurde von den Original Karlsbader Oblaten des Gert Lagler (www.karlsbader-oblaten.at) und den guten Weinen aus der Hietzinger Vinothek des Robert Sponer-Triulzi (www.1130wein.at) unterstützt.

hojos
18. März 2011