Theater und Kino

Auch das gab's in Ober St. Veit

Früher war das amateurhafte Theaterspiel zur Unterhaltung von sich und anderen gang und gäbe. Die damit einhergehende Beschäftigung mit den literarischen Vorlagen hatte natürlich auch einen Bildungseffekt.

Die älteste bekannte Theaterinstitution war bei uns der um 1890 von jungen Ober St. Veitern gegründete Theaterverein „Edelweiß“. Der damalige Direktor des Deutschen Volkstheaters, Emmerich von Bukovics, bewohnte eine Villa in der Veitlissengasse und soll eine der Vorstellungen des Theatervereines besucht haben. Einer der Darsteller beeindruckte ihn dermaßen, dass er ihn an sein Theater engagierte: Karl Jäger. Der Sangesbruder, Schauspieler, Hornist und Schriftsteller Prof. Karl Jäger wurde schließlich Direktor der Wiener Urania.

Am aktivsten war und ist – was das amateurhafte Spiel betrifft – die Jugend. Dementsprechend gehen die frühen Berichte von Theatervorstellungen meist auf Jugendgruppierungen im pfarrlichen Bereich zurück, die Theaterabende oft als wesentlichen Teil ihrer Gemeinschaft sahen.

In diesem Sinne gab es alljährlich in den Souterrainräumen des Elisabethinums 12 bis 14 Theateraufführungen des katholischen Jünglings-Vereines und zwei der Patronage. Diese Jugendgruppen wurden 1907 vom damaligen Kooperator und späteren Monsignore und Ehrenkanonikus Gotthard Blümel ins Leben gerufen. Radio und Fernsehen gab es noch nicht, nicht einmal ein Kino, und das Volk strömte in Scharen herbei.

Auch in den 1920er- und 1930er-Jahren wurde im Rahmen der Katholischen Jugend fleißig Theater gespielt. Der katholische Jünglingsverein tat dies meist im Erzbischöflichen Palais, wohin er 1919 übersiedelt war. Überliefert sind u. a. drei Aufführungen des Stückes „Die Erben von Schloss Ülzenpritz“ 1930 im Elisabethinum.

Auch die 1919 gegründete Marianischen Mädchenkongregation erfreute sich am Theaterspiel, entweder im Festsaal des Elisabethinums oder auf der Theaterbühne in der Wittegasse in Unter St. Veit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten diese Aktivitäten wieder auf. Die erste Vorstellung im Rahmen der Marianischen Kongregation fand am 12. Februar 1947 statt. Dann wurden Rollen auch aus den Reihen der Katholischen Jugend besetzt. Kaplan Matjeka, der auch die Kongregation leitete, Maria Koller, Gretl Meyer-Meindl, Theo Stöhr und Erna Reitmeyer gehörten zu den treibenden Kräften. Geprobt wurde meist in den Räumen der Pfarre, gespielt im Theatersaal in der Wittegasse. Spieltage waren jedes Jahr an zwei Wochenenden (Samstag und Sonntag). Auf dem Spielplan standen Volksstücke, religiöse Texte und heitere Einakter (Die große Frage, Sein Ferdinand, Elisabeth, Bruder Martin, Die Umkehr, Der Heiratsantrag, Frühere Verhältnisse etc.). Die Begeisterung unter den Akteuren und Zusehern war groß.

Mit der Versetzung Kaplan Matjekas Ende der 1950er-Jahre nach Penzing schwand diese Begeisterung allmählich. Unter den vereinzelt mithilfe des Kaplan Flesch dargebotenen Spielen war das Apostelspiel von Max Mell im Pfarrsaal, „Schlimme Buben“ in der Wittegasse und „Hinüber, herüber“ im Pfarrgarten mit Beteiligung des Madrigalchors.

In den frühen 1960er-Jahren trat eine neue Entwicklung ein. Die Mitglieder der Theatergruppe waren nicht mehr unbedingt anderweitig in der Pfarre aktiv und kamen zum Teil auch aus anderen Pfarren. Unter Leitung von Arthur Saliger bildete sich 1963/64 das „Ensemble Proskenion“, das zunächst vorwiegend große Klassiker spielte (Faust, Antigone, Urfaust, Maria Stuart, Hamlet), aber auch österreichische Meisterwerke (Einen Jux will er sich machen, Der Bauer als Millionär).

Nach dem Abgang Saligers 1968 übernahmen Heinz Pribil – später Kunstkritiker – und das Ober St. Veiter Brüderpaar Markus und Götz Kauffmann – Götz stand vor einer Karriere in Theater und Fernsehen –  das Kommando. Der Probenbetrieb verlagerte sich immer mehr von Ober St. Veit weg. Die Wittegasse blieb bis 1970 Spielstätte, danach wurde sie den Ober St. Veitern nicht mehr zur Verfügung gestellt. Die beiden letzten Inszenierungen dort waren „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams und „Ingeborg“ von Curt Goetz. Nach einer vernichtenden „Kurier“-Kritik über die „Proskenion“-Aufführung von Büchners „Woyzeck“ im Schönbrunner Schlosstheater (Juni 1971) zerfiel dieses längst nicht mehr zu Ober St. Veit gehörige Ensemble.

1972 nahm die – wieder aus der Pfarrjugend hervorgegangene – Theatergruppe „Experimental“ mit zwei Nestroy-Einaktern (Ein gebildeter Hausknecht, Frühere Verhältnisse) ihre Tätigkeit auf. Gründer Heiner Boberski gab im Herbst 1973 nach einer Moliere-Freilichtaufführung (Scapins Streiche) im Hof des Erzbischöflichen Palais und einem „Biedermeierabend“ die Leitung der Gruppe ab. Unter Federführung von Werner Kaitan, Otto Svabik und Karl Hans Benes folgten noch Einakteraufführungen von Tschechow, Nestroy und Calderóns „Dame Kobold“ unter dem neuen Gruppennamen „Dilettanten“.

Heiner Boberski gründete 1974, kurz nach seinem Abschied von der Theatergruppe „Experimental“, neuerlich eine Theatergruppe, nämlich die „Theatergruppe Vaganten“ und veranstaltete im Rahmen dieses Vereines Theateraufführungen an verschiedenen Orten Wiens, nicht aber in Ober St. Veit. Allerdings wurde dieser Verein 1988 – nach wie vor unter der Obmannschaft Heiner Boberski – in den „Kultur- und Sportverein Vitus 88“ unbenannt und veranstaltete als solcher drei „Ober St. Veiter Frühlingsläufe“ (1989, 1990 und 2003). Zu ursprünglich geplanten Kulturveranstaltungen kam es nicht. Der Verein bestand bis 2005.

Zurück zum Theater: Im Herbst 1974 ging die kontinuierliche Theatertätigkeit in Ober St. Veit vorerst zu Ende, es fehlte an genügend Theaterbegeisterten.

Ergänzt und in weiterer Folge fast ersetzt wurde das Theaterspiel durch verschiedenste Gesangsvorträge, Lesungen und schließlich Diavorträge. Letzte Rückzugsgebiete dieser Beschäftigungsart sind Pfarre, Schulen und Pfadfinder, die im Rahmen von Feierlichkeiten manchmal auch kleine Stücke zur Aufführung bringen. Lokale Pflegestätten für die interessiertere Jugend sind die Gymnasien, die entsprechende Neigungsgruppen unterstützen oder die Schauspielerei als Wahlfach eingerichtet haben.

Einer der frühen Konkurrenten des Theaterspiels war – noch vor dem Fernsehen – das Lichtspieltheater. Auch Ober St. Veit verfügte über ein solches Kino, es war in der Auhofstraße und hieß Oeser-Kino, später Auhof-Kino. Leider war nichts Genaueres über dieses Kino zu erfahren, nur eine Handvoll Fotos  und wenige Eckdaten. Die bekannten Informationen sind im Album eingearbeitet.

Quellen:
Chroniken des Ober St. Veiter Männergesangvereines.
Klötzl, Gebhard – Boberski, Heiner: 700 Jahre Pfarre Ober St. Veit. Wien: Eigenverlag der Pfarre Ober St. Veit, 1987.
Auskünfte: Heiner Boberski, Wilfried Brenner, Clemens Meyer und Theodor Stöhr.

hojos
Übertragen im Mai 2013