Die Caritasdamen der Pfarre Ober St. Veit

Maria Reitmeyer, die „Seele von Hacking und Ober St. Veit“ ist am 22. August 2017 im 83. Lebensjahr gestorben. Der Himmel möge sie gebührend empfangen, sie hat es mit Sicherheit verdient. Ihre Erzählung über die „Caritasdamen von Ober St. Veit“ erklärt die Wurzeln ihrer Hilfsbereitschaft.
28.08.2017

Es war in den ersten Nachkriegsjahren des zweiten Weltkrieges, da stapfte ich, ca. elf Jahre alt, mit einer Gruppe jüngerer „Gassenkinder“ und einem großen Schlitten von Hacking nach Ober St. Veit. In der Pfarre waren von liebevoller Hand Lebensmittel, Gutscheine für Heizmaterial und Brieferln mit Geld zu Weihnachtspackerln zusammengebunden, mit den entsprechenden Adressen versehen auf Tischen und Stühlen aufgetürmt. Bald war unser Schlitten beladen, und wir rutschten und lachten die Firmiangasse hinunter, manchmal von wohlwollenden, manchmal von strafenden Blicken der Fußgänger begleitet. Mit roten Wangen und schneeverstaubt betraten dann immer drei von uns die Wohnung alter, alleinstehender, oft auch kranker Menschen, um ihnen von der Pfarre einen Weihnachtsgruß zu bringen. Die Tränen in den Augen, die Dankbarkeit, die Freude, nicht vergessen zu sein, prägte sich uns Kindern tief ein.

Dieses Bild ist mir in der Seelenmesse von Frau Papak ganz lebhaft vor Augen gestanden. War es doch eine Gruppe hilfreicher Frauen, die „Caritasdamen“ von Ober St. Veit, die in vielen Stunden alle die so sehr ersehnten Dinge beschafft hatten, die Spenden treppauf treppab eingeholt hatten, die Einsamen besuchten und vieles mehr. Mein Engagement für kranke, behinderte und betagte Menschen hat zum Großteil seinen Ursprung im positiven Vorbild dieser Frauen.

Meine Mutter hatte nach dem ersten Weltkrieg in Zeiten der Not und Krankheit Hilfe erhalten, aus Dankbarkeit arbeitete sie später selbst mit. Schon vor dem zweiten Weltkrieg gab es ein reiches Feld der Betätigung, die Linderung der materiellen, seelischen und pastoralen Not war ihr Anliegen. Bis über die Grenzen der Pfarre hinaus reichte ihr Einsatz. „Die Baracken von Baumgarten“ beherbergten Elend und Leid, viel wurde hier geholfen.

In den Kriegsjahren blieben die Hackinger nur in losem Kontakt mit der Pfarre, Drohbriefe in den Postfächern erlaubten ein Treffen in der Pfarre nicht. Doch wir Kinder, die in der nach außen verdunkelten Sakristei unsere „Religionsstunde“ hatten, brachten viele Anregungen nach Hause und Berichte von den anderen Mitgliedern der Pfarrcaritas. Frau Maria Koller und Herr Kaplan Leber hielten die Kontakte, gaben Anregungen und Ermunterung im religiösen Leben.

In dieser Zeit hatte ich meine ersten Einsätze in Sterbebegleitung, durfte an Krankenbetten sitzen, Hände halten, Wasser reichen, beten, zuhören und den Priester auf seinem Weg zur Spendung der Sakramente begleiten, zuerst mit meiner Mutter, später, als es immer mehr einsame, traurige Menschen wurden, auch allein.

Die letzten Reserven an Nahrung und Kleidung wanderten zu den Flüchtlingen, um deren großes Elend am Ende des Krieges zu stillen.

Schon bald nach dem Umbruch trafen sich die Damen wieder, um angesichts der großen Not wieder gemeinsam ans Werk zu gehen. Eine Nähstube wurde ins Leben gerufen und viele, viele Stunden genäht, geflickt und gebügelt. Von weit und breit kamen die Bedürftigen, um Kleidung zu erbitten. In vielen Gesprächen wurde ein großer Stock von Spendern gefunden, die sich verpflichteten, mit monatlichen Gaben die Tätigkeit der Damen zu unterstützen. Die Notleidenden wurden aufgesucht und die Bedürfnisse festgestellt. Freiwillige Helfer, allen voran die Ehegatten, verteilten, ordneten und sortierten, schrieben Briefe und halfen unter Anleitung die vielen Aufgaben zu bewältigen. Die Frauen arbeiteten unermüdlich und vergaßen dabei das eigene Leid, das der Krieg ihnen zugefügt hatte. Viele Söhne waren nicht mehr heimgekehrt.

Fünf Namen sind mir am besten in Erinnerung geblieben: Frau Stadlmann, Frau Banek, Frau Brenner, Frau Papak und meine Mutter.

„Mama“, sagte ich heute, „was fällt dir als Erstes ein, wenn du an Frau Papak denkst?“ „Drei blütenweißgekleidete Buben in der Maiandacht, weißes Hemd, weißer Anzug, weiße Schuhe, weiße Strümpfe; ich musste immer denken, wie schafft die Frau das, die viele Arbeit in der Pfarre und dann noch so eine vorbildliche Mutter sein.“

Die Zeiten sind anders geworden, die Not hat ein anderes Gesicht bekommen, wenn man aber die Kinder und Enkelkinder im Leben der Pfarre sieht, dann sieht man, dass die Saat aufgegangen ist.

Die ganze Familiengeschichte erzählt Maria Reithmeyer unter www.1133.at/document/view/id/1239

Quellen:
Maria Reitmeyer

übertragen von hojos
im August 2017

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