Klingendes Wien

Eröffnung der Ausstellung im Rahmen des Tages der Wiener Bezirksmuseen
22.03.2015

Der 23. März 2015 war wieder ein besonderer Tag für alle Wiener Bezirksmuseen: Wie jedes Jahr wurde im Rahmen eines Tages der offenen Tür ein interessantes Thema  präsentiert. Heuer stand mit dem Motto „Klingendes Wien“ das regionale musikalische Geschehen im Mittelpunkt.  Ein schönes Thema für Hietzing, denn hier wurde und wird viel Musik geschaffen und aufgeführt. Freilich musste sich die Veranstaltung und die im Rahmen dieser Veranstaltung eröffnete Ausstellung auf das prominente historische Musikgeschehen konzentrieren, denn das gesamte Spektrum oder gar die Berücksichtigung der aktuellen „Szene“ hätten den Rahmen dieser Veranstaltung gesprengt.

Entworfen und gestaltet wurde die Ausstellung von Rudolf Wawra, unterstützt wurde er dabei von der Familie Fuchs und von Frau Emma Zorga. Unterlagen beigesteuert haben Norbert Rubey von der Musikaliensammlung der Wienbibliothek, Dr. Paolo Budroni von der Bibliothek der Universität Wien und Hofrat Dr. Sieghard Neffe (früherer Leiter der Bibliothek der Universität Wien). Die Bemühungen wurden vom Publikum honoriert und Museumsdirektor Mag. Ewald Königstein konnte viele Gäste begrüßen, unter ihnen Bezirksvorsteherin Mag. Silke Kobald, den Vorsitzenden des Museumsvereines DI Heinz Gerstbach und Bezirksrätin Dorothea Drlik.

Klingendes Wien. Hofrat Dr. Sieghard Neffe, Prof. Dr. Walter Deutsch, BV Mag. Silke Kobald, Museumsdirektor Mag. Ewald Königstein und Rudolf Wawra während des Tages der Bezirksmuseen am 22. März 2015 im Bezirksmuseum Hietzing © Archiv 1133.at

Zur Einstimmung spielte Peter Kostov aus einem in der Musiksammlung der Wienbibliothek aufbewahrten Erstdruck den Walzer „Natursänger“. Carl Michael Zierer hatte ihn 1890 als Denkmal für die Wiener Natursänger komponiert. Uraufgeführt wurde er im Harmoniesaal von Schwenders Etablissement in Rudolfsheim.

Höhepunkt der Veranstaltung war der von Dr. Sieghard Neffe eingeleitete Vortrag von Prof. Walter Deutsch über die Wiener Volksmusik und alles was zu diesem Genre gehört. Prof. Deutsch war von 1965–93 Leiter des Instituts für Volksmusikforschung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien, von 1992–1999 Präsident des Österreichischen Volksliedwerkes, und seit 1999 dessen Ehrenpräsident. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke zur Volksmusik in Österreich. Als Herausgeber der vielbändigen Gesamtausgabe der Volksmusik in Österreich, „Corpus Musicae Popularis Austriacae (COMPA)“, führte er den 1904 festgelegten Gründungsauftag des Österreichischen Volksliedwerkes weiter, der die Erforschung und Publizierung der traditionellen Musik Österreichs zum Inhalt hat.

Klingendes Wien
Haben Sie schon gesungen heute?
22.03.2015

Prof. Deutsch erklärte zur Veranstaltung und den Natursängern sinngemäß: „Was heißt das, 'Klingendes Wien'? Alle Bezirksmuseen haben dieses Thema in besonderer Art in ihren Ausstellungen gestaltet. Aber eigentlich, das klingende Wien beginnt bei uns selbst. Haben Sie alle schon gesungen heute? Wenn Sie nicht singen, dann klingt es nicht in Wien! Verlassen Sie sich nicht auf die Autohupen! Ich will Ihnen einige Punkte vortragen, die Sie sicher interessieren und die vor allem in Hietzing besonders wertvoll sind, aufgeklärt oder zu illustriert zu werden. Ich schließe an den von Herrn Kostov gespielten herrlichen Walzer an. Was ist ein Natursänger, und was ist ein Volkssänger? Hier in Wien war es so: Zwischen 1840 und 1900 gab es diese Ansammlung von Sängerinnen und Sängern, wobei jene, die nebenberuflich einfach nur gesungen haben, die Fiaker, die Handwerker, die Wäscherinnen, alleinstehende Damen usw., die damals berühmt waren, Natursänger genannt wurden; und es gab jene, die mit einer Lizenz professionell aufgetreten sind. Von der Stadt Wien war alles genau geregelt: Nach besonderen Fähigkeiten wurde eine Lizenz zum Singen ausgestellt, das war dann der Haupterwerb der Volkssänger. Einer der ganz großen Volkssänger war ein gewisser Edmund Guschelbauer, er hat oft mit den Schrammeln gesungen. Natürlich gab es einen großen Streit, denn die professionellen Sänger hatten Angst, von den Natursängern ins Eck geschoben zu werden. Die Natursänger sind nur dann und wann aufgetreten, vor allem im Bereich der Brüder Schrammel. Dort sind häufig Fiaker aufgetreten, denn unter ihnen waren gute Sänger; einer der großen war jener Fiaker, der Kronprinz Rudolf nach Mayerling brachte, Bratfisch hieß er. Der Allgemeine Wiener Volkssängerverein richtete 1887 die dringende Bitte an die Stadt Wien, 'Übelstände zu beseitigen, durch welche der Erwerb der lizenzierten Volkssänger und insbesonders der Erwerb der besteuerten Volkssänger auf das Empfindlichste geschädigt werden'. Sie bekamen Recht und ein Zirkulardekret wurde herausgeben, aber die Natursänger sind deshalb nicht weniger geworden. Carl Michael Zierer war mit den Natursängern freundschaftlich verbunden und hat ihnen mit dem Natursänger-Walzer ein musikalisches Denkmal gesetzt."

Die weiteren von Prof. Dr. Deutsch angesprochenen Themen können den folgenden Videos entnommen werden:

Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über die Wallfahrt
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über das Dommayer'sche Casino
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über den Weißen Engel
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über die Neue Welt
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über die Hietzinger Schützen
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über die Widmungsmärsche
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über die Werkelmänner
22.03.2015
Klingendes Wien
Prof. Dr. Walter Deutsch über Katharina Schratt
22.03.2015

Nach dem Vortrag von Prof. Deutsch intonierte Peter Kostov „I hab‘ halt a Faible für Ober St. Veit“. Dieses Lied wird von vielen, vor allem von den aus Ober St. Veit stammenden Hietzingern, als die inoffizielle Hymne der Region gewertet.

Formal eröffnet wurde die Ausstellung von BV Mag. Kobald. Sie dankte für das vortreffliche Motto „Klingendes Wien“ und betonte den Wert der Musik als ganz wesentlichen und tief in unserer Seele verankerten Teil unseres Wiener- und Wienerinnenseins ist. Musik beschert uns die wunderbarsten Momente in unserem Leben. Mag. Kobald nahm aber auch die Gemeinde Wien in die Pflicht, die Stellung Wiens auf diesem Gebiet durch weitere Schritte vor allem in der musikalischen Frühförderung und im Musikunterricht zu behaupten, denn hier wird der Grundstein für die zukünftige Begeisterung gelegt. An Mag. Ewald Königstein und Rudolf Wawra richtete sie den Dank für die Tradition, die das Bezirksmuseum in diesem Sinne lebt und dafür ein Netzwerk an hervorragende Experten aufgebaut hat. Dieses engagierte Museumsteam mit den vielen unsichtbaren Händen im Hintergrund ist etwas ganz Besonderes.

Die Ausstellung befindet sich auf zwei Ebenen. Im Erdgeschoß des Bezirksmuseums enthalten große Tafeln kurzweilige und reich bebilderte Beschreibungen zu folgenden Themen:

  • Hietzing „Das schönste Dorf der Monarchie“ – eine Feststellung von Karl Baedecker, der in der Biedermeierzeit Österreich bereiste.
  • Das Parkhotel Schönbrunn – von seiner Entstehung bis heute.
  • Vom Casino Dommayer zum Café Dommayer – bloß eine Namensgleichheit.
  • Der Hietzinger Hof – eine verschwundene Vergnügungsstätte.
  • Das Ottakringer Bräu – dort, wo einst der „Schwarze Hahn“ stand ist heute der Gourmettempel Plachuta.
  • Die Neue Welt – Karl Schwenders großflächige Hietzinger Dependance.
  • Zum Weissen Engel – was der Dommayer für die Strauß-Dynastie, das war der Weisse Engel für Joseph Lanner.
  • Johann Strauß – ein paar Eindrücke zu seinem Leben und Wirken
  • Anton Dermota – eine Stimme als Symbol für Jahrzehnte der Wiener Operngeschichte.
  • Leo Fall und Oskar Straus – die Komponisten der silbernen Operette.
  • Hansi Niese – im Wirtshaus „Zum alten Jagdschloss“ fing alles an.
  • Ausflugsziel Ober St. Veit – Gasthäuser, Heurige und Restaurants gab es genug.
  • In Ober St. Veit im Winzerhaus – Kegelbahn, Gastgarten und an Wochenenden Schrammelmusik.
  • Karl Döltl‘s Weinhaus – die Wiege von „I hab‘ halt a Faible für Ober St. Veit“.
  • Das Ober St. Veiter Casino – einst das kulturelle Zentrum Ober St. Veits.

Im zweiten Stock werden das große Sängerfest 1928 mit Tausenden Besuchern und Sängern sowie die Tiroler Schützen thematisiert. Zu sehen ist auch eine handschriftliche Einladung von Josef Lanner zu einem Konzert Ende August 1830 im Weißen Engel. Sie wurde 2013 von Dr. Neffe im Stiftsarchiv Klosterneuburg gefunden. Dr. Neffe identifizierte auch die Orangerie als weiteren bekannten Schauplatz des „Klingenden Wien“. Hier fand am 7. Februar 1786 die Uraufführung von Mozarts „Der Schauspieldirektor“ statt, und zwar in einer Art Opernwettbewerb, den Josef II. anlässlich eines großen Festes in der Orangerie mit Antonio Salieri und Mozart arrangiert hatte. Die Originalradierung einer Abbildung dieses Festes hat Dr. Neffe durch Zufall in der Universitätsbibliothek gefunden.

„Die Ausstellung wird ins Bewusstsein rufen, wie lebendig die Musik in Hietzing ist. Unsere Straßenschilder zeigen das, und die Tradition lebt. Zum Beispiel haben wir am 20. Mai das Platzkonzert der Gardemusik. Wir bemühen uns aber auch, den Bogen in die Moderne zu spannen, z.B. mit den großen zeitgenössischen Hietzinger Komponisten Friedrich Cerha – es gab unlängst eine Uraufführung von ihm – Heinrich Gattermeyer und Erich Urbanner, sie alle sind auch in den Hietzinger Festwochen prominent vertreten. Hietzing soll in unser aller Herzen und im Alltagsleben ein lebendiger Musikplatz bleiben!“ So lautete die abschließende Würdigung durch Mag. Kobald.

hojos
im März 2015