Siedlung Auhofer Trennstück – SAT

Die erste Siedlung im Grätzel St. Hubertus, ehemals Katastralgemeinde Mauer, heute Katastralgemeinde Auhof und Teil des 13. Wiener Gemeindebezirks Hietzing
10.10.2014

1.) Einleitung

„Hubertus“ nennen wir unser Grätzel mit etwa 4.000 Einwohnern, dessen Grenzen mit denen des Pfarrgebietes der Kirche „St. Hubertus am Lainzer Tiergarten“ identisch sind. Im Gegensatz zu anderen Bezirksteilen von Hietzing, die aus Vororten von Wien entstanden sind, hat sich unser Gebiet aus 14 Siedlungen entwickelt. Jede dieser Siedlungen hat eine eigene Gründungsgeschichte, hat ein eigenes Gründungsdatum, jedoch eine Gemeinsamkeit: Alle befinden sich auf einem Territorium, das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein Teil des kaiserlichen Jagdgebietes Lainzer Tiergartens war.

2.) Entwicklung zum Siedlungsgebiet

Nur etwa 4% des Wienerwaldes liegen heute auf dem Gebiet der  Gemeinde Wien. Ein wesentlicher Teil davon ist der Lainzer Tiergarten, ein 25 Quadratkilometer großer Naturpark. Bezieht man die Gründung des „Saugartens“ (seine damalige Bezeichnung) auf den Hinweis im Patent von Kaiserin Maria Theresia vom 2. April 1772, so ist das heutige Erholungsgebiet der Wiener mit dem Jahr 2009 genau 237 Jahre alt.

Der k.k. Saugarten war ein streng abgeschirmtes Jagdgebiet der Habsburger, in dem die jungen Erzherzöge den Umgang mit der Waffe erlernten. Die Bezeichnung „Saugarten“ stimmt auch nur für die Gründerzeit, als Maria Theresia eine Umzäunung mit Holzplanken zum Schutz vor Wildschweinen errichten ließ. Ihr Sohn Joseph II erneuerte die brüchigen Planken und beauftragte den Maurergesellen Philipp Schlucker mit der Errichtung einer etwa 26 km langen Ummauerung.

Mit der Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph I. kommt der Aufschwung für die Residenzstadt Wien. Das Militär verzichtet auf Grund der neuen Waffentechnik auf den Schutz des Zentrums mittels Stadtmauern, die Befestigungen werden geschleift. Die Ringstraße wird geplant, die Investitionen setzen ein. Ab 1868 geht es mit dem Umbau von Wien zur damaligen Weltstadt richtig los. Ein lawinenartig ansteigender Bedarf von Arbeitskräften für die Bautätigkeit und deren Nebenarbeiten stellt sich ein. Starker Zugang, der weit über die Länder der Monarchie hinausgeht, ist zu verzeichnen.

Wir erinnern uns an wesentliche Bauwerke der Ringstraße und deren Architekten:

  • 1868 Parlament (Theophil Hansen)
  • 1868 Musikverein (Theophil Hansen)
  • 1868 Rathaus (Friedrich Schmid)
  • 1869 Oper (Eduard van der Nüll, August Sicard von Sicardsburg)
  • 1891 Hofmuseen (Eduard van der Nüll, August Sicard von Sicardsburg)

Die Gründung der Sozialdemokratie in Österreich 1888 hat mit der Ringstraße nichts zu tun. Die Forderung nach Mitbestimmung der Arbeiter hatte ihre Wurzeln aber in einer Vielzahl von Missständen in dieser Zeit. Die Ringstraßenbauten verstärkten die Anliegen der Arbeiter. Für heutige Begriffe ist die Wohnsituation der Wiener Bürger katastrophal, die Lebenserwartung oftmals gering. Die Gemeinde Wien unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger muss im Sinne der Versorgung der Bevölkerung handeln. So wird seit dem Jahr 1900 die zweite Wiener Hochquellenwasserleitung von Wildalpen / Hochschwab nach Wien gebaut.

Bau der Zweiten Hochquellenwasserleitung im Gebiet Kalksburg- Wittgensteinstraße – Rosenhügel. Ölgemälde von Ing. Cav. Luigi Faccanoni im Wasserleitungsmuseum Wildalpen © Heimatrunde St. Hubertus
Baustelle einer Dükerleitung im Zuge der Wasserleitungsführung. © Archiv E. Berg

Sozialeinrichtungen werden nicht nur im Zentrum, sondern auch am Stadtrand von Wien situiert. Es entsteht in den Jahren ab 1902 das Versorgungsheim Lainz (Geriatriezentrum am Wienerwald) und in den folgenden Jahren 1908 bis 1913 das Kaiser-Jubiläums-Spital (Krankenhaus Lainz, heute Krankenhaus Hietzing).

Das Versorgungsheim in der Wolkersbergenstraße kurz nach Fertigstellung. Photo M. Sperling 1904

Am 15. Juli 1912 erfolgt die Inbetriebnahme des Neurologischen Krankenhauses Rosenhügel der „Nathaniel-Freiherr-von-Rothschild-Stiftung“. Hand in Hand mit der Bautätigkeit erfolgt ein Ausbau des Verkehrs in den Randbezirken. Schon ab 1883 fährt eine Dampftramway vom heutigen „Amtshaus“ Hietzing über Lainz, Mauer, Rodaun bis Perchtoldsdorf.

Die Dampftramway am Weg von Hietzing nach Mauer vor der 1886 bis 1965 bestandenen Herz-Jesu-Kirche in Lainz. Ein Foto aus der Zeit vor 1908. © Archiv K. Buberl

Anfang 1901 wird die Straßenbahn-Linie 60 elektrifiziert und führt vorerst bis 1908 zur Jagdschlossgasse. Ab 1912 geht es elektrisch bis in die Gemeinde Mauer in Niederösterreich. Ein Besuch der Umgebung des Lainzer Tiergartens wird verkehrstechnisch immer leichter möglich; der Eintritt in das Habsburger Jagdrevier ist der Bevölkerung aber untersagt. Die „Schlucker“-Mauer steht als Grenze gegen Osten an der Wienerstraße (Speisinger Straße) und die Beamten des Linienamtes kontrollieren den Warentransport von Niederösterreich nach Wien. Den Grenzstein aus 1891 gibt es auch heute noch beim ehemaligen Linienamt zu besichtigen.

Das Linienamt 1910. © Archiv E. Berg
Grenzstein Nr. 100 der Gemeinde Wien an der Speisingerstraße 104. Aufgenommen am 1. September 2006 © Heimatrunde St. Hubertus

An dieser Stelle ist auch die Zonengrenze im Tarifsystem der Wiener Straßenbahn. Der Wienerwald präsentiert sich damals noch durchgängig mit Wald und Wiesen bis zur heutigen Speisinger Straße. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gibt es Pläne für die Verbauung des Hörndl- und des Leitenwaldes, die schon länger als entwicklungshemmend für die sich ausdehnenden Bezirke Ober St. Veit, Speising und Mauer empfunden werden.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ist der Auhof bzw. Lainzer Tiergarten im Besitz des Kaiserhauses Habsburg. Die Gutsverwaltung Auhof (die damalige Bezeichnung für den Tiergarten) untersteht als kaiserliches Jagdgebiet bis 1919 dem k.k. Hofärar. Das Kriegsministerium erwirbt vom Hofärar einen kleinen Abschnitt, das sogenannte „Auhofer Trennstück“. Das Ministerium beabsichtigt ab 1910 das Theresianum, die Tierärztliche Hochschule, Villen, aber auch weitere öffentliche Einrichtungen im Bereich des Tiergartens entlang der Wiener Straße (heute Speisinger Straße) anzusiedeln.

So wird 1912 gegen Westen und parallel zur alten Grenze an der Speisinger Straße eine neue Mauer  errichtet und mit Teilrodungen des Waldes begonnen. Diese Mauer von 1912 steht, bis auf einige Lücken, heute noch zwischen Aschergasse und Anatourgasse. Sie bildet die Grundgrenze zwischen den Parzellen in der SAT und den Siedlungen Friedenshöhe und Am Hang. Das abgegrenzte Gelände wird der Gemeinde Mauer einverleibt, die dafür den im Tiergarten liegenden „Fasselberg“ abtritt.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wird die Situation der Einwohner Wiens noch schwieriger, geplante öffentliche Bauvorhaben kommen zum Stillstand.
Seit 1916 regiert Kaiser Karl I. Um die Not seiner Bevölkerung etwas zu lindern, darf im Nahebereich der Tiergartenmauer  Brennholz gesammelt werden. Die Heimkehr von Soldaten aus Krieg und Kriegsgefangenschaft verstärkt nochmals die Nachfrage nach Arbeitsplätzen, Lebensmitteln und leistbarem Wohnraum.

Am 11. November 1918 unterschreibt Karl I. die Verzichtserklärung. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Übernahme des Vermögens des Hauses Habsburg- Lothringen ins Staatsvermögen wird das „Auhofer Trennstück“ der staatlichen Forstverwaltung (später Bundesforste) unterstellt. 

3.) SAT, die erste Siedlung im Grätzel

In den Jahren 1918/19 liegt das teilweise gerodete Gelände öde und brach da. Bis auf zwei Wiesenflächen, die Hedelwiese  und die Große Haid, ist das Gebiet großteils noch dicht bewaldet. Mächtige Baumstümpfe ragen aus dem Boden. Dazwischen zu finden sind halb verfallene Bunker und Schützengräben, die 1915 zur Verteidigung von Wien angelegt worden sind. Ein Teil des Trennstückes ist Sumpfgebiet großteils durch den Niederreiterbergbach verursacht, der, aus dem heutigen Napoleonwald kommend, durch das Gelände fließt. Eine rationelle Forstwirtschaft scheint auf dem isolierten Gelände nicht lohnend. Auch kommt es zu weiteren wilden Rodungen. Nur einige Teile, die als zukünftige Parkflächen inmitten einer vorgesehenen Villensiedlung ausersehen waren, bleiben vorerst verschont. Aber auch dieser Baumbestand fällt nach und nach der großen Kohlennot der Nachkriegszeit zum Opfer.

In der Festschrift zum zehnjährigen  Bestand der SAT (Siedlung Auhofer Trennstück) aus 1930 ist zu lesen:

 „Mit wachsender Erbitterung sahen insbesondere Heimkehrer aus dem Felde und aus der Kriegsgefangenschaft, durch die damals wie heute herrschende Arbeitslosigkeit zu feiern gezwungen, dass allen Nöten zum Trotze das Auhofer Trennstück unbebaut der Krösusse wartete, die dort ihre Landhäuser erbauen sollten.“

Besonders die Straßenbahner, die täglich an der Mauer entlang fahren, sehen sehnsüchtig auf  das ungenützte Gelände. In der Straßenbahner-Hauptwerkstätte Penzing hat sich eine Wohnbaugenossenschaft gebildet. Diese hat zwar die entsprechende Organisation, aber Baugrund fehlt. Was es aber gibt, ist der „direkte Draht“ zur Gemeinde Wien. Vorerst will die Gemeinde Wien das Auhofer Trennstück für dreißig Jahre zum Zwecke der Jugendfürsorge pachten. Die Straßenbahner sollen mit der Anlage von Schrebergärten das Land kultivieren, damit später Jugendspielplätze entstehen können. Die Verhandlungen mit der Bundesforstverwaltung scheitern. Die von Seiten der Straßenbahner eingebrachten Begriffe wie „Gartensiedlung“ und „Jugendfürsorgebauten“ erwecken Misstrauen. Die Erträge der Forstverwaltung sollen dem Kriegsgeschädigten- Fond zugeleitet werden. Man hält den Plan eines Verkaufes von Villengründen für ertragreicher. Auch scheint noch ungewiss, welche Auswirkungen der Friedensvertrag vom 10. September 1919 in St. Germain-en-Laye für die Nachfolger der Monarchie haben wird. So wird etwas auf Zeit gespielt und abgewartet, ob eventuell die neuen Nationalstaaten Ansprüche auf Teile des Habsburgerbesitzes stellen werden. Am
16. April 1920 wird überraschend der Plan bekannt, dass das Auhofer Trennstück an die Gemeinde Mauer zur landwirtschaftlichen Nutzung verpachtet werden soll.

Neuerliche, kurzfristig anberaumte Verhandlungen der Straßenbahner bleiben wieder ohne Erfolg. So wird am freien Gelände des Auhofer Trennstück von den interessierten Schrebergärtnern eine Versammlung einberufen. Die Versammlung beschließt folgende Resolution:

„Die am 18. April 1920 am Auhofer Trennstück stattgehabte Versammlung fordert die sofortige Verpachtung des Auhofer Trennstückes an die Gemeinde Wien für die Anlage von Schrebergärten für das Proletariat der Gemeinde Wien und Mauer zu einem annehmbaren Preise und mit langfristiger Pachtdauer.“

Die Sprecher der Siedlungswilligen geben dem Staatsamt für Land- und Forstwirtschaft zwei Tage Frist zur Einleitung von Verhandlungen, anderenfalls werden die Interessenten zur Besitznahme und Bearbeitung des Grundstückes schreiten. Den Landwirten von Mauer soll als Ersatz das an der Wittgensteinstraße gelegene abgeholzte Grundstück zugewiesen werden. Der massive Druck führt schließlich zur Einigung zwischen dem Staatsamt für Land- und Forstwirtschaft, Mauer und Wien. Die Maurer Schrebergärtner sollen ein Viertel, die Bauern aus Mauer ein weiteres Viertel und die Schrebergärtner aus Wien die Hälfte des Grundkomplexes zugewiesen erhalten.

Ohne die schriftliche Fixierung abzuwarten, wird  mit der Planung und den Vorarbeiten begonnen. Auf Anregung von Franz Siller (Präsident des Kleingärtner-, Siedler- und Kleintierzüchtervereines Österreich sowie Inspektor des Landwirtschaftsamtes der Gemeinde Wien) plant der städtischen Baudirektor Daniel Doppelreiter, ein Mitarbeiter der Gemeinde Wien, die Parzellierung. „Diesem schwebte als Vorbild eine englische Siedlung vor, mit nicht zu breiten, rechts und links von den Obstbäumen flankierten Wegen, so dass das Gesamtbild eines einzigen, mit Promenadenwegen versehenen Obstgarten sich ergeben müsste.“

Ausschnitt aus der Karte des Gemeindegebietes von Mauer bei Wien. © Verlag der Volks- und Bürgerschule Mauer bei Wien

Die ursprünglichen Straßennamen wie Birnen-, Zwetschken- oder Apfelallee bestätigen die planerische Idee. Später entstehen richtige Straßennamen nach berühmten Menschen, wie Goethe, Schiller, Anzengruber, Stifter, von Suttner, Jahn, Zola und andere mehr. Im Heft „Grätzel-Geschichten 1“ sind in einer Aufstellung die alten und neuen Straßenamen aufgelistet).

1938 kommt Mauer zu Groß-Wien, und unser Grätzel wird nach Hietzing eingegliedert. Wegen zahlreicher Straßen-Doppelbenennungen müssen wieder Umbenennungen stattfinden. Nur der Sillerplatz und die Dr.-Schreber-Gasse bleiben.

Die Parzellengröße wird mit etwas über 450 Quadratmeter festgesetzt. Bei der Grundgröße nehmen die Planer an, dass von den Schrebergärtnern an eine spätere Verbauung mit festen Häusern erfolgen wird. So entsteht ein Siedlungsplan, der heute noch weitgehend erkennbar ist.

Am 1. Mai 1920 werden die ersten Parzellen an Mitglieder des Schrebergartenvereins vergeben. Der Tag gilt als Geburtstag der Genossenschaft. 19 Hektar erhält der Schrebergartenverein „Kolonie Siller“ mit 267 Mitgliedern, vorwiegend Straßenbahnern des Betriebsbahnhofes Speising. Eine an die Wittgensteinstraße anschließende Fläche mit neun Hektar geht an den „Kleingartenverein Mauer“ mit 141 Mitgliedern. Die Haidwiese an der Wiener Grenze bekommt der „Rinderzuchtverein Mauer“ zur Grasnutzung.

Eine zum Verkauf anstehende Küchenbaracke aus dem Versorgungsheim Lainz wird zu Ostern 1921 von 250 Mann kurzerhand zerlegt und auf das Trennstück übersiedelt. Neu errichtet wird die Baracke als Siedlerheim und gleichzeitig als Vereinslokal, Notunterkunft, Versammlungsraum und Gasthaus. Die Fertigstellung dauert bis zum Juli 1922.

Im August 1921 gelingt es schließlich, die beiden Körperschaften Schrebergartenverein Mauer und Schrebergartenverein Speising zu einer Baugenossenschaft zusammenzuführen. Sie nennt sich

„Gemeinnützige Bau-, Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft
Auhofer Trennstück,
Kolonie Siller“.

4.) Infrastruktur

Die Räume der Vereinsbaracke sollen mit Leben erweckt werden. Gedacht wird an eine Art Schutzhaus als Unterstand und zur Verköstigung der Siedler. Ein Brauhauskredit zur Führung einer Gastwirtschaft sichert die Grundausstattung. Im Juli 1922 nehmen fast alle Gartenbenützer an der Eröffnung der Gaststätte Braunsteiner teil. Die Pächter bis 1967 sind dann nacheinander Rudolf Weide, Margarete Schmid, Karl Sperl und Brabez. Karl Sperl übernimmt später das Gasthaus in der Mozartgasse, heute Eyslergasse, nach den Vorbesitzern Thekla und Ludwig Braunsteiner. „Der Sperl“ war auch lange Vereinslokal des Sportvereins
ASV 13. Über die Erreichbarkeit der Siedlung mit der Straßenbahnlinie 60 ist bereits berichtet worden. Die Siedler verlassen beim Linienamt die Bahn und weiter geht es zu Fuß, denn eine Weiterfahrt nach Niederösterreich zum Sillerplatz würde eine Aufzahlung erfordern.

Eine der wesentlichen Bemühungen der neu gegründeten Genossenschaft gilt der Wasserversorgung. In Eigenregie wird eine Reihe von Brunnen geschlagen. Das Trinkwasser muss jedoch in Kannen und Kübeln vom einen Kilometer entfernten öffentlichen Auslaufbrunnen beim Linienamt aus Wien geholt werden. Die erste Wasserversorgung besteht dann aus einer knapp unter der Erde liegenden Sommerleitung, die an der Rückseite der Parzellen verläuft. Vier Siedler erhalten einen gemeinsamen Auslauf.

Auf Grund von winterlichen Schäden keimt bald das Verlangen nach einer frostsicheren Wasserversorgung. Und so lässt die Genossenschaft mit dem Bau einer neuen 1,40 Meter unter der Straßenoberfläche liegenden Wasserleitung beginnen. Zur  Fertigstellung der Leitung wird 1928 vor dem Siedlerheim eine Eiche gesetzt und mit einer Erinnerungstafel versehen.  An der Feier nimmt der Gemeinderat von Mauer geschlossen unter dem Bürgermeister Franz Ruzicka teil.

Eröffnung der Wasserleitung SAT mit Bürgermeister F. Ruzicka, Mauer. Inschrift der Marmortafel: „Sillereiche, 7. Sept. 1924. Sat" © Archiv K. Buberl

Wie sieht es mit der Stromversorgung aus? An den Abenden sind in den Sommerhäuschen Kerzen, Karbid- und Petroleumlampen als Lichtquellen üblich.
1919 werden den österreichischen Filmpionieren Anton und Louise Kolm-Veltee mit der „Wiener Kunstfilmindustrie Ges.m.b.H.“ die Dachateliers im der Wiener Neustiftgasse zu klein. Am Ende des Jahres 1919 erwirbt die „Wiener Kunstfilm“ in der Gemeinde Mauer die ehemalige Meierei und Restauration Schuen in der Wienerstraße 84, heute Speisinger Straße 121–127, und anschließende Grundstücke mit 22.000 Quadratmeter. Die Erschließung des Rosenhügelgeländes beginnt. Um eine eigene Filmproduktion zu ermöglichen, gründet der Geldgeber, die „Allgemeine Depositenbank“, die „Vita Filmindustrie AG“. Die „Vita“ und die „Wiener Kunstfilmindustrie“ werden vereinigt und gemeinsam unter „Vita“ weitergeführt. Es entsteht eine der modernsten, größten und bestens ausgestatteten Filmproduktionsstätten Europas. Auf dem Gelände stehen insgesamt zwölf Objekte; Zentren werden die beiden Kunstlichtateliers in einer Eisenbetonhalle. In Nebengebäuden finden wir Entwicklungs- und Kopieranstalt, Vorführräume, Büros und Werkstätten.

Zur Energieversorgung muß eine eigene Anspeisung mit Transformatorstation gebaut werden. Eine Bedingung der Gemeinde Wien für die Dimensionierung der Trafostation war, dass auch zusätzlich die Siedlung Auhofer Trennstück SAT von diesem Stützpunkt aus versorgt werden kann. Und so wird es auch realisiert.

Die Filmproduktionsstätte am Rosenhügel. Markierung Nr. 4 zeigt die Elektrozentrale mit der Transformatorenstation © Heimatrunde St. Hubertus

Die „Vita“ Film kommt 1925 in wirtschaftliche Schwierigkeiten und muss den Ausgleich eröffnen. Die Rosenhügelanlagen gelangen 1928 in den Besitz der „Astra National Productions Ltd.“ und im Jahr 1932 in das Eigentum der „Sascha Filmindustrie AG“, die wieder 1934 in die „Tobias Sascha Filmindustrie AG“ umgewandelt wird. 1939 werden alle Film-Produktionsstätten in die „Wien-Film G.m.b.H“ eingebracht. 1945 fällt der Rosenhügel in die sowjetische Zone und wird zum USIA-Betrieb. Mit dem Staatsvertrag kommen die Studios an Österreich zurück. 1966 bis 1970 kauft der ORF tranchenweise die Liegenschaft. Trotz den wechselnden Besitzern der Rosenhügelstudios ist die Elektroversorgung der SAT immer aufrecht geblieben.

Für den Straßenbau wird mit der Straßenbahn in den Nachtstunden Material angeliefert und tagsüber mit einer Feldbahn verführt. Als Ersatz des Kaufes von Genossenschaftsanteilen wird von dem Siedlungswilligen Arbeit im Gemeinwesen verlangt. In diesen „Pflichtstunden“ werden auch die lehmigen Wege mit dem Schotter befestigt und somit für Transporte besser befahrbar gemacht.

Bis 1709 heißt die Straße von Wien / Linienamt  bis zum Maurer Hauptplatz Schrannengasse. Von 1709 bis 1866 wird sie als Fuhrstraße von Wien bis in die Maur vermerkt. 1866 erfolgt eine Umbenennung auf Wienerstraße ab Wien / Linienamt. Erst 1957 wird die Wienerstraße in Speisinger Straße umbenannt. Dies bedeutet, dass die Speisinger Straße stadtauswärts verlängert und umnummeriert werden muss. Den Hausnummern nach wird die Ausrichtung nicht mehr von Mauer, sondern vom Zentrum Wien aus vorgenommen.

Ackerflächen des Rosenhügels im Jahr 1905. Im Hintergrund der Wald des Lainzer Tiergartens. © Archiv E. Berg

Die Fläche des Rosenhügels bis zur Wittgensteinstraße außerhalb der SAT Siedlung wird noch lange freigehalten. Das Gebiet wird für Ackerbau und Viehzucht genützt. Ein Flughafen Mauer wird vorbereitet und der Ausbau als Zentralflugplatz Wien angedacht. Der Bürgermeister von Mauer Franz Ruzicka ist davon besonders angetan. Eine Zeit lang landen kleine Maschinen auf einer Graspiste. Die Gemeinde Wien denkt nicht an einen Ausbau auf dem Gelände von Mauer, und für die Gemeinde Mauer ist ein Flughafenbau finanziell einige Nummern zu groß.

Plan für einen Flughafen Wien am Rosenhügel, Mauer . © Archiv K. Buberl

1938 keimt der Plan, Groß-Wien mit einem U-Bahnnetz zu erschließen. Über Mauer hinaus sollen die Gebiete bis Mödling verkehrsgünstig angebunden werden. Von der Firma Siemens liegt ein Entwurf mit einem konkreten Streckenplan aus dem Jahr 1942 vor. Die Flächen von der SAT Siedlung aus südlich über den Rosenhügel bis zum heutigen Sportplatz der Union Mauer, sind für U-Bahn Remisen und Hallen der Wartungseinrichtungen verplant. Auch das Grundstück Wittgensteinstraße Nr. 2 ist einbezogen und mit Bauverboten versehen.

Plan für die Errichtung der Infrastruktureinrichtungen der U-Bahn. © Archiv K. Buberl

Erst 1957 wird der Plan für die U-Bahn verworfen, die Gründe an der Speisingerstraße werden freigegeben. Die Firma Pawlik kauft den Grund Wittgensteinstraße 2, erhält die Baugenehmigung und kann ihr Fliesengeschäft errichten. Die Räumlichkeiten werden heute für das Restaurant „Gallo Nero“ genützt.

5.) Wie geht es weiter?

Der Widerspruch zwischen den Auffassungen der Siedler und der Forstverwaltung über die Pacht und die Nutzung des Trennstückes führt in der Folge zu erheblichen Schwierigkeiten. Die Forstverwaltung will den fünfjährigen Pachtvertrag mit der Gemeinde Wien nur bei Nutzung als Schrebergärten verlängern, während die Siedler an feste Häuser denken. Ohne entsprechende Genehmigung haben einige Siedler bereits auf den gepachteten Flächen feste Häuser errichtet. Die Forstverwaltung wertet dies als Vertragsbruch und kündigt Anfang 1923 das Pachtverhältnis mit der Gemeinde Wien. Der Gemeinde Wien gelingt es schließlich, durch das Angebot eines Grundstückstausches die drohende Absiedlung und den Abbruch der Häuser zu verhindern. Trotz den Konflikten wird von der Genossenschaft eine Baumschule errichtet, sodass den Siedlern günstiges und bestens geeignetes Pflanzmaterial zur Verfügung steht. Ebenso wird ein Materialplatz für den Kauf von Baumaterial und dessen Zwischenlagerung geschaffen. In kürzester Zeit errichtet die Genossenschaft Verkaufsstände für Erfrischungen sowie am Sillerplatz Freizeiteinrichtungen für Kinder mit Ringelspiel. Auch kommt es zur Gründung eines eigenen Konsumwarengeschäftes und einer Fleischhauerei.

Einerseits werden die Siedler bei der Planung und dem Bau ihrer Häuser so beraten, dass sie später Benützungsbewilligungen erwarten dürfen, andererseits werden von der Genossenschaft selbst Häuser gebaut und zum Selbstkostenpreis abgegeben. Auf den Parzellen 358 und 359 in der Schillergasse errichtet die Baugenossenschaft zwei Einfamilienhäuser in Eigenregie (heute Palmaygasse 4–6).

Due von der Genossenschaft gebauten gekoppelten Einfamilienhäuser Schillerplatz 4 und 6. © Heimatrunde St. Hubertus
Die Häuser Schillerplatz 4 und 6 heute. Fotografiert am 23. September 2009 © Archiv C. Gold

Es kommt zu keiner Einigung zwischen Gemeinde Wien und dem Bundesforstamt über den Grundtausch. Nach vielen Querelen und Verhandlungen werden schließlich die einzelnen Grundstücke von der Forstverwaltung direkt an die Siedler verkauft. Der verlangte Preis entspricht dem Wert für voll aufgeschlossene Baugründe. Die ganze Arbeit, die von den Siedlern selbst geleistet worden ist, muss nun von den Werbern nochmals bezahlt werden.

6.) Der Sportplatz

Am nördlichen Ende der Siedlung in der Nähe des Linienamtes  befindet sich eine Wiese, genannt „Große Haid“. Gemäß dem Pachtvertrag aus 1920 ist es Weidegebiet des „Rinderzuchtvereines Mauer“. Grundbesitzer ist nach dem k.k. Hofärar ab 1918 die staatliche Forstverwaltung und weder die Gemeinde Mauer noch die Gemeinde Hadersdorf-Weidlingau. Das Grundstück ist heute noch Eigentum der Bundesforste.

Da dieser Platz bisher freigehalten wurde, ist die Wiese für die Anlage eines Sportplatzes bestens geeignet. Diese Überlegung wird ab dem Jahre 1923 aufgegriffen. Der Fußballklub „HAC Nordstern“ bekommt hier sein Zuhause und muss aber auch Pacht zahlen. Die Betreiber des Sportplatzes bemühen sich um zusätzliche Einnahmen. Das Gelände wird zu verschiedenen Veranstaltungen genutzt. Unter anderem werden Hunderennen abgehalten; nur geplante Box- und Ringveranstaltungen untersagt die Behörde. Nach 1939 pachtet der „SV Wien-Film“ den Platz. Die Infrastruktur ist denkbar primitiv. Es gibt kein Fließwasser und in der Umkleidebaracke keine Heizung. Erzählt wird: Als die Baracke bei einer Silvesterfeier 1943/1944 abbrennt, ist es in der Unterkunft zum ersten Mal richtig warm.

Als 1945 der „SV SAT“ gegründet wird, übernimmt dieser das Gelände.

Die ersten Anfänge des späteren „ASV 13“ gehen auf die Wiese im Napoleonwald und dann auf den Sportplatz Hörndlwald zurück. Unter dem Namen „SV Hörndlwald/ Sektion 8“ wird  Fußball gespielt. 1947 kommt es schließlich zur Gründung des ASV 13 und nach der Fusion mit dem „SV SAT“ im Jahr 1956 übersiedelt man auf dessen Fußballfeld.

Historische Spielerpässe des ASV. Spielerpass 1947 (Leihgabe H. Mauritsch) und 1953 © Heimatrunde St. Hubertus

1950/1951 übernimmt der ASVÖ den Platz und gestaltet ihn zum schönsten Leichtathletikplatz und zweitschönsten Fußballplatz Wiens (nach dem Praterstadion), wie ehemalige Sportler berichten.

Plan der Sportanlage aus 1950 . © Archiv K. Buberl

Bekannte Leichtathleten haben hier trainiert und gekämpft: Heidegger (Mittelstrecke), Würth (100 m), Pektor sen. und jun., Pöchacker (Speer), Flaschberger (Hürden), Neumann (Kugelstoßen), Thun (Hammerwerfen), Schmidleitner (Stabhochsprung), Köppel (Diskus) usw.

1971/1972 wird der Sportplatz erneut umgebaut. Der Fußballplatz wird verschoben, um für Tennisplätze Raum zu schaffen, Trainingsplätze entstehen zusätzlich.

Einfahrt zum ASVÖ Sportplatz in der Linienamtsgasse. Fotografiert am 7. April 2009 © Archiv C. Gold

7.) Die alte „Schlucker“-Tiergartenmauer

Wie schon erwähnt, gibt es die Mauer von 1912, die zur Abtrennung des Auhofer Trennstückes errichtet worden ist, von der Wittgensteinstraße bis zur Grenzgasse großteils heute noch. Einige Grundbesitzer haben sie auch vorbildlich erhalten, ergänzt und restauriert. Entlang der Grenzgasse wird die Abgrenzung, bis auf ein etwa 85 Meter langes Stück entlang dem ASVÖ-Sportplatz, Anfang der 1980er-Jahre geschleift. Die Mauer aus dem 18. Jahrhundert, die „Schluckermauer“, besteht entlang dem Sportplatz (Linienamtsgasse) noch bis in die 1970er-Jahre. Vom Sportplatz bis zur Speisinger Straße wird sie im Zusammenhang mit dem Abbruch der Mauer entlang der Speisinger Straße ebenfalls abgetragen. Die Mauer Speisinger Straße – Wittgensteinstraße  erwirbt die Siedlungsgenossenschaft Friedensstadt und verwendet sie für Bauzwecke.

Entlang der Wittgensteinstraße nach Westen wird die Mauer von den SAT-Siedlern selbst ab 1927 nach und nach abgetragen. Die Steine dienen auf den Grundstücken für Grundmauern und zur Bodenverfestigung.

8.) Die Zeit zwischen 1938 und 1945

Die Siedler der SAT bleiben auch trotz eindeutiger politischer Ausrichtung nicht vom Ungeist des Nationalsozialismus verschont. Bereits 1937 wird in der Siedlung ein
45 Mann starker SA-Trupp aufgestellt. Er ist in den „Sturm 4“ der „Standarte 84“ eingegliedert. Nach dem Anschluss zählt man im Grätzel drei NS-Ortsgruppen: „Am Hang“, „Friedensstadt“ und „SAT“. Sie werden zur Ortsgruppe „Lainzer Tiergarten“ vereinigt. Der Sitz liegt in der Friedrich Ludwig Jahn-Gasse 23 (heute Treffzgasse). In der Ortsgruppe haben auch die „NS Frauenschaft – Deutsches Frauenwerk“, die „DAF – Deutsche Arbeitsfront“ und die „NS Volkswohlfahrt“ ihren Sitz. Im Siedlerheim,
Sillerplatz 6, hat die „Siedlergemeinschaft Wien-Mauer im Deutschen Siedlerbund“ und auf Sillerplatz 7 der „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ sein Büro.

Werbeplakat für den BDM. © Archiv E. Berg

Der Sillerplatz, der 1934 in Dr. Engelbert Dollfuß-Platz umgetauft wird, erhält 1938 wieder den ursprünglichen Namen zurück. (Franz Josef Siller lebte von 1893–1924)

Die Bomben der Alliierten kommen. Was auf die SAT und die angrenzenden Siedlungen fällt, sind keine gezielten Abwürfe. Im Abwurfgebiet befinden sich keine Industrieflächen. Es geht um Notabwürfe nach dem Beschuss der alliierten Flieger aus den Flak-Stellungen am Maurer Berg und am Küniglberg. Ferner auch um Abwürfe, die die Flugzeuge vor dem Heimflug erleichtern. Ein Dokument über Bombentreffer auf den Sportplatz ist ein gefundener Brief aus 1946: „Der Sportplatz bei der Siedlung (gemeint ist die Hermeswiese) wurde im besten Sinne des Wortes umgeackert. Dort fielen etwa 10 Bomben (je 250 kg).“ (Es waren genau 9)

9.) Das Bildungswerk

Seit Bestehen des Siedlerheimes 1922 werden dort nicht nur die für den Aufbau und den Bestand der Genossenschaft notwendigen Sitzungen und geselligen Veranstaltungen durchgeführt, sondern es wird auch Bildung vermittelt.

Siedlerheim und Gasthaus am Sillerplatz 1924. © Archiv K. Buberl

Im Vordergrund steht notwendigerweise der Gartenbau, die Kleintierzucht und der Hausbau. Für die Straßenbahnerfamilien und sonstige „Städter“ bedeutet das Siedlerwesen vollkommenes Neuland. Eine Leihbücherei wird eingerichtet und eine Theatergruppe gegründet.

Wie spielt sich der Alltag der Siedler ab? Wochentags, auch an Samstagen, wird der Arbeit nachgegangen. An den Abenden und am freien Sonntag muss am eigenen Grund und/oder für die Genossenschaft gearbeitet werden. Für die Aufsicht auf den Nachwuchs bleibt kaum Zeit. So wird ersatzweise vom Verein viel an Jugendarbeit geleistet. Kinderausflüge in die nahe Umgebung auf Heurigenbänken am LKW schätzen die Kleinen hoch ein. Auch die politische Bildung (die parteipolitische) hat ebenfalls ihren Platz. Im SAT-Programm für das Wintersemester 1925/26 finden wir folgende Mitteilung:

„Auf diese Art (gemeint ist die Ausgestaltung der Vortragsräume) ist es nun möglich ein größeres Programm zu entwickeln. Und zwar findet jeden Donnerstagabend von 7 bis 9 Uhr im großen Saale eine populäre Vortragsreihe statt, wo alle möglichen Themen über Politik, Freidenkertum, Alkohol, Musik, Gesang, Kunst und Wissen, aber auch über Haushalt und Wirtschaft in leicht verständlicher Weise vorgetragen werden. Es soll den Genossen sowie deren Frauen, Kindern oder sonstigen Angehörigen in allen Fragen des täglichen Lebens ein allgemeines Wissen ermöglichen und zur leichteren Auffassung werden Lichtbilder, Musik- und Gesangsvorträge sowie Exkursionen je nach Bedarf eingeschaltet.“

1938 wird das Vereinswesen vom politischen System gleichgeschaltet. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt die Bildungsarbeit erneut und selbstständig. Der Straßenbahner Karl Swoboda beginnt bereits 1945 im Vereinsheim der SAT den erneuten Aufbau einer Leihbücherei. Er hat bereits am Entstehen einer organisierten Bildungsarbeit Erfahrung aus der Zwischenkriegszeit. Als Leiter des „Bildungsausschusses der Hauptwerkstätte der städtischen Straßenbahner“ bringt er vom Straßenbahnerheim in der Penzingerstraße einschlägige Kenntnisse mit. Swoboda installiert für die Straßenbahner in Penzing ein regelmäßiges Veranstaltungs- und Kursprogramm. Swoboda hat mit seinem Programm regen Zuspruch und wird über die Grenzen der Siedlungen bekannt. Er  erinnerte sich später an das Jahr 1945 und die Wiederherstellung des Siedlerheimes in der SAT und schreibt:

„Aber wie sah dieses Heim, unsere Bildungsstätte, aus? Schmutz, Gerümpel, zerbrochene Einrichtungsgegenstände, Unreinlichkeit überall. Doch in gemeinsamer Arbeit konnten alle diese Unzulänglichkeiten bald überwunden werden. Nun konnte man mit der Bildungsarbeit beginnen, aber noch zu sehr schwebte die Angst über dem Siedlungsgebiet. In den Häuschen waren fremde Truppen einquartiert. Es gab noch keine Beleuchtung, die Straßen waren finster, die Menschen trauten sich abends nicht auf die Straße. Und doch begann unsere Tätigkeit. Aber wie? Behörden und Ämter funktionierten im Mai 1945 noch ungenügend, so bildeten wir vorläufig eine „Bildungssektion der Siedlergemeinschaft SAT“ und halfen mit, wo es nur möglich war.“

Seit dem Groß-Wien des Jahres 1938 gehörte das Grätzel zum 13. Bezirk. Mit Kriegsende wird gemäß Vereinbarung unter den Alliierten der 13. Bezirk zur englischen Besatzungszone erklärt. Die Russen erkennen diese Aufteilung in dieser Auslegung nicht an. Bis zum Einmarsch Hitlers gehört das Grätzel Hubertus, mit Ausnahme jener zehn Prozent, die zur Katastralgemeinde Speising (Speisinger Spitz) zählen, zu Niederösterreich. Der Auftrag der Alliierten lautete, Österreich so wieder zu errichten, wie es vor 1938 gegliedert war. Dies nehmen die Sowjets sehr genau, und daher wird die SAT russische Verwaltungszone.

Um etwas gegen die knappe Nahrungsmittelversorgung und den Hunger der Nachkriegszeit zu unternehmen, gelingt es der Bildungssektion Saatkartoffel zu organisieren und an die Siedler zu verteilen. Gleichzeitig werden so Kontakte hergestellt und Teilnehmer für Kurse und Vorträge geworben. Nach einer dieser Kartoffelausgaben melden sich 121 Teilnehmer für den Englisch-Anfänger-Kurs. Der Kurs findet dann auch im Theatersaal des Siedlerheimes statt. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus der benachbarten englischen Besatzungszone. Neben den Englisch-Kursen steht wie vor dem Krieg praktische Lebenshilfe auf der Tagesordnung mit Schneiderkursen, Schuhreparaturen, Angorakaninchenzucht, Wollspinnerei usw. Nachmittags werden Kindern betreut mit Märchen Vorlesen, abends gibt es Lichtbildvorträge für die Erwachsenen. Bis zu dreihundert Personen füllen manchmal den Saal.

Noch 1945 wird die Verbindung mit der Bildungsanstalt Wiener Urania hergestellt. Die Einladungen der SAT tragen danach die Aufschrift „Wiener Urania – Zweigstelle Mauer e.V.“ Anfang 1946 wird daraus der „Volksbildungsverein Wien XIII-SAT“, im August 1946 der „Volksbildungsverein Wien XIII“. Am 13. Jänner 1947 wird schließlich der Verein  „Volkshochschule Hietzing“ gegründet.

Kursprogramm der VHS Hietzing, Nebenstelle SAT, 1948. © Archiv K. Buberl

Das Talent und die Verbindungen von Herrn Swoboda sind bereits weit über die Grenzen der Siedlung und des Bezirkes bekannt geworden. So ergibt es sich wie fast von selbst, dass er zum ersten Direktor der Volkshochschule Hietzing bestellt wird. Die Volkshochschule hat ab August 1947 eine Außenstelle in der Otto-Glöckel-Schule in der Veitingergasse. Im September 1954 übersiedelt sie ins Amtshaus am Hietzinger Kai. Heute ist die Volkshochschule Hietzing im eigenen Gebäude in der Hofwiesengasse Nr. 48 zu finden.

Die Volkshochschule Hietzing. Fotografiert am 12. März 2009. © Archiv C. Gold

Im Jahr 1967 werden das Siedlerheim in der SAT und das Konsumgeschäft  abgerissen, um einem sozialen Wohnbau Platz zu machen. Damit endet dieses für die SAT geschichtsträchtige Vereinslokal.

10.) Die Wohngegend

Heute ist die SAT ein Siedungsgebiet, in dem viel abgerissen und viel gebaut wird. Man siedelt sich hier an, weil die Wohnqualität gut ist. Von den einmal vorhandenen Geschäften ist kaum mehr etwas übergeblieben. Auszugsweise sei angemerkt:

Vergangenheit ist ein Gasthaus / Kaffeehaus des Franz Sterba in der
Wienerstraße 79, heute Speisinger Straße 182, und ein Milchgeschäft Johann Trösch in der Wienerstraße 49, heute Speisinger Straße 212. Wer erinnert sich noch an den Herren- und Damenfriseur Platzer, Speisinger Straße 110, heute Zoohandlung-Tieroase, an die Kinderwagen- und Spielwarenerzeugung Turecek, Eyslergasse / Mozartgasse 9–11 oder an die Schlosserei Aichinger, Viktor Leon / Zolagasse.

Inserat Friseur Platzer. © Heimatrunde St. Hubertus
Inserat Café-Restaurant A. Sperl. © Heimatrunde St. Hubertus
Inserat H. Turecek. © Heimatrunde St. Hubertus

Ebenfalls an ein Geschäft der ersten Stunde sei gedacht, an Elektro-Radio-Fernsehen Ladewig auf Parzelle 179 / Dr.-Ofner-Gasse / Overbeckgasse 9. Leer steht nicht mehr lang der Kiosk Speisinger Straße 152, ehemals Cafe Alfred, dann Cafe Reinhard und bald ein Wettbüro. Bestand hat schon lange das Cafe Gold, heute u. a. Wettbüro „Wettpunkt“, vormals Gold, vormals Cafe Braunsteiner. An dem Platz befinden sich lange das Bonbon-Geschäft Warthon, das Lebensmittel- und Delikatessengeschäft Weiser und daneben das Elektro- und  Radio Geschäft Stancik.

Delikatessengeschäft Weiser in der Linienamtsgasse . Fotografiert im Jahre 1933 © Archiv Dr. H. Weiser
Cafe Gold – „Wettpunkt". Fotografiert am 14. Jänner 2007. © Foto R. Angeli

Nicht vergessen sei das „Kaufhaus der SAT-Siedler“, an das „Figlhuber“-Geschäft, heute Pyringer, Speisinger Straße 128 (Alles für Haus und Garten).

Das "Figlhuber"-Geschäft in der Speisinger Straße 128. © Archiv K. Buberl
"Alles für Hausund Garten" Pyringer in der Speisinger Straße 128. Fotografiert am 15. Juni 2007 © Archiv C. Gold

Einen riesigen Qualitätsvorteil weist unser Grätzel, insbesondere die SAT auf. Bedingt durch die einstige Planung der Wege für eine Gartenstadt gibt es keine geplanten Durchgangsstraßen. Das eingeführte Einbahnsystem begrenzt auch die individuellen Schleichwege und damit den Verkehrslärm auf ein Minimum.

Der Individualität in Bezug auf die Architektur sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt. Man mag es sehen, wie man will – die SAT ist heute ein begehrtes und teures Pflaster für Bürger, die es sich leisten können. Leider ruft unsere Wohnqualität auch Bauträger auf den Plan, die die maximal mögliche Verbauung ausschöpfen wollen. So werden halt die Grünflächen immer kleiner, und das ursprüngliche Gesicht einer „Gartensiedlung“ wird immer mehr reduziert.

Quellen:
Festschrift aus Anlass der Zehnjahresfeier der Gemeinnützigen Bau-, Wohnungs- und Siedlergenossenschaft Auhofer Trennstück, Kolonie Siller. Wien 1930
Gergely, Gabriele; Gergely, Thomas; Prossinagg, Hermann: Vom Saugarten des Kaisers zum Tiergarten der Wiener. Die Geschichte des Lainzer Tiergartens – entdeckt in einem vergessenen Archiv. Wien, Köln, Weimar 1993
Heimatrunde St. Hubertus: Grätzel-Geschichten. Beiträge zur Chronik von St. Hubertus, Band 1
Lunardi, Heinrich: Berichte und Aufzeichnungen im Bezirksmuseum Hietzing
Schwarz, Otto: Hinter den Fassaden der Ringstrasse: Geschichte - Menschen - Geheimnisse. Wien: Amalthea Verlag 2007
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band I 1996 ISBN 3-85493-004-6 und Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Ing. Christian Gold, Heimatrunde St. Hubertus
12. September 2009