Die Österreichische Sahara-Tibesti-Expedition 1954

Otto Bieber, Dr. Hans Weis und Andreas Kronenberg, alle aus Wien. Expeditionbericht von Otto Bieber und Dr. Hans Weis
31.03.1954

Der afrikanische Kontinent – der dunkle Erdteil – kann heute, von einigen abgelegenen Gebieten abgesehen, als erschlossen betrachtet werden. Die großen weißen Flecke auf den Landkarten sind fast verschwunden, die „klassische“ Zeit der Afrikaforschung ist vorbei.

Die nördliche Hälfte Afrikas wird fast zur Gänze von den unendlichen Weiten der Sahara eingenommen, die mit einer West-Ost-Erstreckung von 6.000 km nicht nur das größte Wüstengebiet der Erde, sondern geradezu ein Kontinent für sich ist. Eine Erschließung und wissenschaftliche Erforschung war noch bis vor wenigen Jahrzehnten nur mit Hilfe des Kameles möglich. Die fortschreitende Technik hat auch hier eine gewaltige Umwälzung mit sich gebracht und durch Auto und Flugzeug die riesigen Entfernungen zusammenschrumpfen lassen – aus wochen- und monatelangen Kamelreisen wurden Flugstunden.

Nur im Südosten der Sahara liegt ein Gebiet, welches von dieser Entwicklung noch nicht erfasst wurde – das Bergland von Tibesti. Dieser gewaltige Gebirgsstock inmitten der Sahara – bis zu Alpenhöhen ansteigend – war wohl schon einige Male das Ziel von Expeditionen, die aber meist nur an der Lösung wissenschaftlicher Teilprobleme (archäologischer, geologischer, botanischer Art) interessiert waren, sodass nach wie vor nur recht spärliche Kunde von diesem geheimnisvollen Gebirge zu uns gelangte.

Allseits von Wüsten umgeben, abseits der häufig befahrenen Autopisten, außerordentlich dünn besiedelt und wirtschaftlich so gut wie wertlos (französische Geologen wollen allerdings in letzter Zeit Spuren von Erdöl entdeckt haben) ist Tibesti, das „Land des Hungers“, heute noch, so wie in den Tagen des großen deutschen Afrikaforschers Gustav Nachtigall, der vor 80 Jahren als erster Weißer das Gebirge erreichte, abge­schlossen und unnahbar – ein Eldorado für den Forscher und Kameramann.

Einer der Expeditionsteilnehmer – Dr. Hans Weis – versuchte seit vielen Jahren Tibesti zu erreichen und Kunde zu bringen von diesem wilden und romantischen Bergland. Schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg und dann wieder 1952 weilte Dr. Weis in Libyen und im Fezzan, um von dort aus nach dem Tibesti-Gebirge vorzudringen. Trotz aller Anstrengungen war ihm ein Erfolg in dieser Richtung bisher versagt. 1953 schlossen sich nun Otto Bieber, der Sohn des vor drei Jahren verstorbenen Abessinienforschers Friedrich Julius Bieber, und Andreas Kronenberg, der bereits umfangreiche ethnologische Studien bei den Tuareg des Hoggar-Berglandes betrieben hatte, mit Dr. Hans Weis zusammen, um gemeinsam nach Tibesti aufzubrechen.

Unserer Expedition war damit von Anbeginn ein besonderes Ziel gesteckt – also mit den gerade in den letzten Jahren so modern gewordenen Auto- und Motorradrundfahrten oder Durchquerungen des afrikanischen Kontinents auf Autostraßen und Pisten in keiner Weise vergleichbar.

Mit Befürwortungen des Bundesministeriums für Unterricht, des Institutes für Völker­kunde und des Archäologischen Institutes der Universität Wien, der Geographischen Gesellschaft und der Französischen Gesandtschaft in Wien ausgestattet und unterstützt durch einige bescheidene Geldzuwendungen (Otto Bieber finanzierte die Expedition größtenteils aus eigenen Mitteln) verließen die drei Österreicher Ende Dezember 1953 Wien, um sich zunächst nach Tripolis zu begeben.

Das junge Königreich Libyen erteilt derzeit nur sehr kurzfristige Aufenthaltsbewilligungen. Durch die vorzüglichen Empfehlungsschreiben und die guten Beziehungen, über die Dr. Weis in Tripolis seit Jahren verfügt, konnte diese erste Klippe leicht überwunden werden.

Nach mehrtägiger Autofahrt gelang es Sebha, das Zentrum des Fezzan und den eigentlichen Ausgangspunkt unserer Expedition, zu erreichen. Hier standen wir bereits vor dem ersten Problem: Wie kommen wir rasch und einfach nach Tibesti? Die beiden anderen entscheiden­den Fragen – die der Durchquerung Tibestis selbst und die Erreichung unserer Ausgangs­basis Sebha – zu lösen, war ja erst später in Tibesti möglich.

Die Lösung dieses schweren Problems war entscheidend für den Verlauf und den Erfolg der Expedition, welche sich geographische, ethnologische und archäologische Arbeiten als Ziel gesteckt hatte und außerdem möglichst viele Bilddokumente in die Heimat mitbringen wollte.

Rückblickend können wir sagen, dass es uns vergönnt war, unser Vorhaben durchzuführen und alle unsere Ziele zu erreichen. Allerdings waren wir dabei vom Glück außerordentlich begünstigt und fanden weitgehendste Unterstützung bei den libyschen Behörden, den französischen Dienststellen im Fezzan und vor allem bei der für uns wichtigen Militärverwaltung in Tibesti. Ohne ihre Hilfe wäre es kaum gelungen, unsere Pläne auch nur annährend zu verwirklichen, und wir möchten daher an dieser Stelle unseren Dank zum Ausdruck bringen.

Bereits drei Tage nach unserer Ankunft in Sebha konnten wir Zufälligerweise mit einem Geleitzug schwerer Wüstenwagen die Weiterreise antreten. Neben der Versorgung der Forts im Süden war vor allem die Erkundung einer neuen und besseren Piste nach Fort Lamy am Tschadsee die Hauptaufgabe dieses Konvoys, der aus sechs Fahrzeugen bestand und uns, über Auftrag der fezzanesischen Provinzbehörde, bis Zouar am Westrande von Tibesti mitnahm. Die neuntägige Fahrt durch menschenleere und wasserlose Wüste erbrachte einzigartige Fotos.

Durch Unterstützung des Distriktskommandanten Tibestis in Zouar waren in wenigen Tagen ein Dolmetscher, ein wegekundiger Führer und sechs Gebirgskamele bereitgestellt, mit welchen wir unsere Durchquerung Tibestis antreten konnten. Durch fantastische Schluchten und über steile Pässe, am 2800 Meter hohen Zuckerhut des Piz Botoum vorbei, passierten wir den Riesenkrater Trou Natron (700 Meter tief, zwei Kilometer Durchmesser) am Fuße des gewaltigen Vulkankegels Toussidé (5200 Meter) und erreichten ohne weitere Zwischenfälle die Oasengruppe von Bardai, wo Nachtigal 1869 durch die feindseligen Tubbus zur Umkehr gezwungen wurde und mit knapper Not die rettenden Oasen des Fezzan erreichte.

Der Ethnologe Kronenberg blieb hier zurück, um mit seinen Studien bei den Tubbus, den eingeborenen Tibestis, zu beginnen. Er wird voraussichtlich Ende März über Zouar die Heimreise antreten; Bieber und Dr. Weis setzten mit vier Kamelen den Weitermarsch nach Aozu im Norden des Hochlandes fort.

Waren wir bisher die ersten Österreicher, die Tibesti erreichen konnten, so ist die nun folgende Route noch von keinem deutschsprachigen Reisenden begangen worden, und in den Tälern westlich von Aozu dürften wir die ersten Weißen überhaupt gewesen sein.

Nach beschwerlicher Kamelreise über schwierige Pässe und durch kilometerlange, oft nur wenige Meter breite Schluchten, eingerahmt von senkrechten Wänden – hunderte von Metern aufsteigend – erreichten wir die kleine Oase Aozu, die zum Ausgangspunkt eines einwöchigen Rittes in das fast gänzlich unbekannte Gebiet des Emi Toukoulea und Arabi wurde. Interessante Felszeichnungen und wichtige geographische Erkenntnisse waren das Ergebnis dieser Kundfahrt.

Hier im Norden gewannen wir auch engeren Kontakt mit den Eingeborenen, die bald ihre anfängliche Zurückhaltung ablegten. Sehnige, mittelgroße Gestalten sind es, von fast schwarzer Hautfarbe ohne dabei negroid zu wirken, die Männer mit weiten Hosen und hemdartigem Überwurf bekleidet, am linken Oberarm den Dolch; die Frauen, die sich meist scheu im Hintergrund hielten oder durch die Ritzen ihrer bienenkorbförmigen Strohhütten lugten, sind zumeist unverschleiert in schmucklose schwarze Tücher gehüllt, mit Nasenring und schweren breiten Hand- und Fußringen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten gefürchtete Räuber, die ihre Beutezüge bis in den Fezzan und in die Oasen des Sudan ausdehnten, sind die Tubbus, deren Zahl auf zirka Zehntausend geschätzt wird (auf einer Fläche, die Österreich fast um das Doppelte übertrifft), heute genauso gezähmt wie die Tuareg im Westen der Sahara und gelten als hervorragende Kamelzüchter und Karawanenleute. Wo genügend Wasser vorhanden ist (eine kurze Regenzeit im Juli und August verwandelt die meisten Wadis in reißende Wildbäche), wird bescheidener Ackerbau betrieben.

In der dritten Februarwoche hatten wir die Vorbereitungen für die letzte und schwerste Etappe unserer Expedition abgeschlossen und konnten den Rückmarsch nach Südlibyen antreten. Ein 18-tägiger Kamelmarsch lag vor uns. Mit Sorgfalt waren die für die flache Wüste erforderlichen Reittiere ausgesucht worden. Galt es doch, eine ca. 700 Kilometer lange Strecke zurückzulegen. Die Gerbas – die Ziegenschläuche – wurden prall gefüllt (erst nach zehn Tagen sollten wir das nächste Wasserloch finden), eine Ziege geschlachtet und nach uraltem Brauch dem Karawanenführer und seinen Leuten zum Geschenk gemacht.

Die beiden ersten Marschtage wanden wir uns vorsichtig durch tief eingerissene, geröllerfüllte Wadis und erklommen steile Pässe. Endlich traten die Berge zurück und wir sahen erstmals wieder die gelben, endlosen Weiten der offenen Wüste.

In dieser Randzone überraschte uns auch der erste Sandsturm, der von einem in dieser Jahreszeit sehr seltenen heftigen Gewitter abgelöst wurde. Schwere Wolkenbrüche ließen uns eine ganze lange Nacht um unsere Ausrüstung bangen.

Allmählich blieben die letzten Landmarken zurück, wir betraten den „Weißen Fleck“ der Landkarte, welche lakonisch vermerkte: „weder Wasser noch Vegetation“. Ein flachwelliges Gelände, in welchem Sandflächen mit Kiesstrecken und Granitkuppen abwechselten. Unbeirrbar hielt der Karawanenführer, derzeit vielleicht der beste Kenner dieser schwierigen Strecke, die Richtung ein. Höhenzüge wie: Ehi Karraga, Garama und Eringei tauchten auf, die bisher auf keiner Karte verzeichnet waren. Immer wieder wechselte das Landschaftsbild. Rotes und schwarzes Gestein lag wie ausgeglühtes Metall unter der schon sehr heißen Sonne. Phantastische Verwitterungsformen täuschten Ruinen, Tempel und Sphinxe vor.

Gleichmäßig vergingen die Tage, wir marschierten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang – täglich 10 bis 11 Stunden. Am 13. Tage endlich erblickten wir einen dunklen Streifen am Horizont, die Palmen von Gatrun. Wir hatten den Fezzan wieder erreicht, die ersten Weißen (soweit bisher bekannt), die auf dieser Route die südliche libysche Wüste durchquert hatten.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Gatrun, setzten wir noch am gleichen Tag unseren Marsch in Richtung Murzuch fort. Als am 18. Tage die Mauern der alten berühmten Sklavenhändlerstadt vor uns auftauchten, war unsere von Zuoar bis Murzuch ca. 1100 Kilometer lange Kamelkarawanen-Reise beendet. Wir hatten den Anschluss an die Zivilisation wieder gefunden.

Ein Funkspruch nach Zouar und Aozu meldete unser gutes Eintreffen, um geplante Suchaktionen bei verspätetem oder Nichteintreffen zu vermeiden. Ein zweites Telegramm ging nach Sebha. Schon am nächsten Tag brachte uns ein Wagen wieder zurück zum eigentlichen Ausgangspunkt unserer Expedition.

Um die von Dr. Weis schon 1938 begonnenen und dann 1952 fortgesetzten archäologischen Arbeiten in diesem Jahr zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, wurde von uns zum Abschluss unserer Expedition noch eine mehrtägige Rundfahrt in die großen Wadis des Fezzan, vor allem in das Wadi Agial – das Tal der 50.000 Gräber – unternommen.

Mit unserer Rückkehr nach Libyen hatte unsere Österreichische Sahara-Tibesti-Expedition 1954 alle gesteckten Ziele erreicht. Es war uns in verhältnismäßig kurzer Zeit erst­mals gelungen, umfangreiches Material – darunter auch eine sehr interessante ethnographische Sammlung – über ein bisher in aller Welt fast unbekanntes, phantastisch schö­nes und wildzerklüftetes Hochgebirgsland, mitten in der Sahara gelegen, nach Hause zu bringen.

Unsere fast ein Monat dauernde, zirka 1.100 Kilometer lange Kamelkarawanen-Reise brachte uns mit den Tubbus und deren Heimat erst richtig in Kontakt, brachte uns unzählige Erlebnisse und Entdeckungen, welche wir in Wort und in Farb- bzw. in Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten haben.

Die Ausarbeitung dieses Materials, dessen Publizierung in Presse, Rundfunk und Buchform ist unsere nächste Aufgabe.

Die Vorbereitung unserer nächsten Österreichischen Tibesti-Expedition unter Ausnutzung aller unserer gewonnenen Erfahrungen und Verbindungen unser neues Ziel.

Gezeichnet:

Otto Bieber, Wien 1., Esslinggasse 17, Tel. U 22-4-38

Dr. Hans Weis, Wien 3., Custozzag.13, Tel. B 51-1-79 Z

Beilagen:

1. Übersichtskarte von Afrika

2. Route der Österr.-Sahara-Tibesti-Expedition 1954

Quellen:
Niederschrift von Otto Bieber und Dr. Hans Weis vom 31. März 1954

Übertragen von hojos
im November 2012