In Erdheims Welt

Der 14. Hietzinger HNO-Tag stand im Zeichen denkwürdiger Jahrstage: 75. Todestag Jakob Erdheim und 300. Geburtstag Charles-Michel de L'Épée
24.11.2012

Schon der Titel des 14. Hietzinger HNO-Tages "In Erdheims Welt" wies auf den großen Pathologen Jakob Erdheim (1874–1937) hin, und seinem Hauptarbeitsgebiet, der zentralen Schädelbasis, waren auch die meisten Fachbeiträge gewidmet. Erdheim war von 1923 bis zu seinem Tod 1937 der Vorstand des nunmehrigen Jakob-Erdheim-Institut für Pathologie des Lainzer Krankenhauses. Die Belebung der Medizin durch neu entstandene Fächer wie Endokrinologie, Neurochirurgie und andere Kopf-Hals-Fächer wurde durch den Pathologen Jakob Erdheim wesentlich bestimmt. Die enge Zusammenarbeit zwischen HNO und Neurochirurgie ist eine eigenständige Leistung der dritten Blüte der Wiener Medizinischen Schule.

Das Veranstaltungsdatum 24. November 2012 fiel auch genau auf den 300. Geburtstag Abbé de l'Epées, der sein Leben in den Dienst einer allgemein zugänglichen Erziehung der bis dahin vernachlässigten Gehörlosen stellte, ein Paradigma für das heute gefährdete gesellschaftliche Solidarpinzip einer allgemein zugänglichen medizinischen und rehabilitativen Versorgung.

Die Gedenktage fallen mit dem 100-jährigen Jubiläum der baulichen Fertigstellung des Krankenhauses Hietzing (damals Kaiser Jubiläums Spital) zusammen. Das Spital, das erste der Gemeinde Wien und das letzte unter der Ägide der Monarchie, ist durch seine innovative Raumplanung und Architektur von bleibender Bedeutung, aber durch die aktuellen Spitalskonzepte der Gemeinde Wien akut gefährdet.

Eine Sonderveranstaltung am Abend vor dem HNO-Tag war rein dem Erdheim-Gedenken gewidmet. Dafür gab es eine eigene Einladung.

Diese von Dr. Herwig Swoboda, Veranstalter der HNO-Tage und Vorstand der Hals-, Nasen-, Ohren-Abteilung im Krankenhaus Hietzing, eingeleitete Gedenkveranstaltung begann der wissenschaftliche Leiter des Institutes für Geschichte der Medizin, Dr. Michael Hubenstorf, mit einen Überblick über die medizin-geschichtlichen Zusammenhänge jener Zeit. Claudia Erdheim, die Großnichte Jakob Erdheims, zeigte den Weg der Erdheim-Brüder vom galizischen Boryslaw (damals Österreich-Ungarn), wo sie geboren wurden, nach Wien. Der Neurologe Dr. Manfred Schmidbauer, Primarius der Neurologischen Abteilungen im Krankenhaus Hietzing und im Neurologischen Zentrum Rosenhügel, referierte über die Richtungsweisungen des Schädelbasis-Pioniers. Dr. Walter Ulrich, Vorstand des Jakob-Erdheim-Insitutes, zeigte einen von Harald Köck bearbeiteten historischen Film über sein Institut und sprach über über die Entwicklung der Pathologie am Beispiel der Histiozytosen.

Hier ein paar Fotos von diesem Tag (zum Vergrößern anklicken):

Der zweite Tag der Doppelveranstaltung war der eigentliche Hietzinger HNO-Tag mit fachspezifischen und inderdisziplinären Referaten zur zentralen Schädelbasis. Hier ist der Link zur Einladung für den 24. November 2012.

Der Tag begann mit der Begrüßung durch Dr. Herwig Swoboda und einer von ihm moderierten Diskussion von Gehörlosen mit DI Heinz Gerstbach, Vorsteher des 13. Bezirks, Alois Mayer, Gemeinderat für den 13. Bezirk und Barbara Gerstbach, Gebärdendolmetsch.

Den ersten Vortrag hielt Dr. Swoboda über die Pioniere der Gehörlosenrehabilitation: "Geste mit Nachhall – Abbé de l’Épée und seine Besucher aus Österreich". Auszüge aus diesem Vortrag enthält auch ein kurzer Artikel Dr. Swobodas, den Sie hier abrufen können.

Hier ein paar Fotos von der Eröffnungsphase des HNO-Tages (zum Vergrößern anklicken):

Die zentrale Schädelbasis umfasst im wesentlichen die Sehnerven, die durch die Nasennebenhöhlen ziehen und dadurch endoskopisch durch die Nasenlöcher zugänglich sind, und die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), die unser saisonal, also auch tageslichtgesteuertes Funktionieren bestimmt. Daher die gemeinsame Betrachtung von HNO, Augenheilkunde und Neurochirurgie. Kortison ist das hauptsächliche hormonelle Produkt der Hirnanhangsdrüse und wird als Medikament häufig in der HNO-Heilkunde gebraucht (Nasenspray gegen Entzündung), in höchsten Dosen in der Augenheilkunde zur Rettung des Sehvermögens bei Sehnervenschaden, daneben in vielen Bereichen, in denen Entzündung eine entscheidende Rolle spielt (z.B. Rheumatismus, Autoimmunkrankheiten).

Nationale und internationale Referenten des HNO-Tages wie Heinz Stammberger (Lehrstuhlinhaber Graz, Begründer der endoskopischen Nasennebenhöhlenchirurgie, siehe auch Kongress im April 2012: http://www.endovienna2012.com), Gerhard Schlosser (Galway, Irland, Evolutionsgenetiker der Sinnesorgane, hatte im Juli 2012 einen Weltkongress ausgerichtet: http://evodevo.eu/conferences/2012), Michael Freissmuth, Engelbert Knosp, Walter Ulrich, Manfred Schmirbauer, Pia Vecsei-Marlovits (Wien) sind weltführend auf ihrem Gebiet.

Die Hietzinger HNO-Tage sind ein gutes Beispiel für die akutelle wissenschaftliche Arbeit im Krankenhaus Hietzing mit dem Neurologischen Zentrum Rosenhügel. Es ist mit rd. 54 Tausend stationär behandelten Patienten (2011) nach der Uniklinik AKH Wien und knapp vor dem Donauspital nach wie vor das größte Gemeindespital Wiens. Initiiert wurden die erstmals im Oktober 1999 abgehaltenen HNO-Tage vom Vorstand der HNO-Abteilung, Prim. Univ.-Doz. Dr. Herwig Swoboda. Sie sollen ein Gesprächsforum des Krankenhauses mit den niedergelassenen Fachärzten (HNO und kooperierende Fächer, Praktiker) sein. Anfänglich wurden eigene Themen und Aktivitäten vorgestellt, später konnten renommierte Kollegen aus dem In- und Ausland zu Beiträgen gewonnen werden. Die Besucher kamen vorwiegend aus dem niedergelassenen Bereich und aus den Spitälern in Ostösterreich, aber auch aus allen Bundesländern, einschließlich der Vorstände von Universitätskliniken. Die Besucherzahl schwankte zwischen 30 und 120 (2011). Die Themen waren immer praxisorientiert und hatten unmittelbare therapeutische Relevanz. Sie umfassten alle Bereiche der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und ihrer angrenzenden Fächer: Mittelohrchirurgie, endoskopische Laserchirurgie des Kehlkopfes, Nasennebenhöhlenchirurgie, Chirurgie der Kopfspeicheldrüsen und der Gesichtsnerven, funktionelle Rehabilitation von Stimme, Schlucken und Gehör, Infektiologie und Schlafmedizin.

Prominente Gastredner aus dem Inland waren unter anderen die Lehrstuhlinhaber Klaus Ehrenberger, Wolfgang Gstöttner (Wien) und Gerd Rasp (Salzburg), Wolfgang Graninger (Wien), die Abteilungsvorstände Bruno Welleschik (Wien Rudolfstiftung), Hans Eckel (Klagenfurt), Manfred Schmidbauer, Ludwig Kramer, Michael Brunner, Andreas Steiner, Klaus Geissler (Wien Hietzing), Günther Bernert (Wien Preyer'sches Kinderspital), Günther Bernatzky (Salzburg, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft), Kurt Stephan (Audiologie Innsbruck) und Manfred Tschabitscher (Anatomie Wien).

Aus dem Ausland kamen Henning Hildmann (Mittelohrchirurgie, Bochum), Markus Jungehülsing (Speicheldrüsenchirurgie; erste Durchführung einer submukösen Mandibulotomie wegen Parotistumors in Österreich), Mohssen Ansarin, Vorstand der HNO-Abteilung am Istituto Europeo die Oncologia, Mailand, Antonio Mazzoni (Bergamo; 1992 Begründer der European Skull Base Society) und der Mikrobiologe Alexander Swidsinski (Berlin Charité).

Frei zugängliche Satellitenveranstaltungen wie etwa zum 100. Todesjahr Gustav Mahlers 2011 (Mahler zwischen Musik und Medizin; Invalidenhauskirche) oder zum 150. Geburtsjahr Arthur Schnitzlers, Gustav Klimts und Claude Debussys 2012 (Von der Laryngologie zum impressionistischen Realismus; Invalidenhauskirche) runden diese Fortbildungstätigkeit ab.

http://www.wienkav.at/kav/khr/ZeigeVeranst.asp?ID=18475

http://www.wienkav.at/kav/ZeigeVeranst.asp?ID=19748

Im Prinzip sind auch die anderen Veranstaltungen frei zugänglich, doch sind sie eben fachspezifisch und werden nicht im eigentlichen Sinn beworben.

Anhang zu den Gedenkanlässen

Otorhinolaryngologische (HNO-heilkundliche) Gedenkanlässe:

Ophthalmologische (augenheilkundliche) Gedenkanlässe:

Quellen:
Die Informationen wurden freundlicherweise von Herrn Prim. Dr. Herwig Swoboda zur Verfügung gestellt

hojos
im September 2012