Alexander Wunderer

(1877 - 1955)
1877

Alexander Wunderer und Franz Schmidt (1874 – 1939) waren seit ihrer Studienzeit am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ab dem Studienjahr 1891/92 in lebenslanger, nahezu unzertrennlicher Freundschaft verbunden. Beide waren „Wahl - Hietzinger“, Wunderer wohnte zuerst in der Nähe von Schönbrunn, später in der Ghelengasse, die Familie Schmidt einige Jahre in der Auhofstrasse.

Eine Biographie Franz Schmidts wäre ohne den Namen Wunderer unvollständig, die Autobiographie von Alexander Wunderer ist durchzogen von Erinnerungen an seinen Freund. Die Gestaltung des Gedächtniskonzerts für Alexander Wunderer mit Werken der beiden Künstlerpersönlichkeiten, welche die Musikwelt Wiens – neben anderen Großen – in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bereicherten, ergab sich daher fast zwingend.

Alexander Wunderer erhielt eine hervorragende Ausbildung als Oboist am Konservatorium, bei Richard Baumgärtl; im Jahre 1900 wurde der Dreiundzwanzigjährige Mitglied des Hofopernorchesters bzw. der Wiener Philharmoniker, zu deren Vorstand er 1923 gewählt wurde. 1932, fünf Jahre vor seiner Pensionierung, erkoren die Philharmoniker Alexander Wunderer zu ihrem Ehrenvorstand.

Wesentlich für die künstlerische Entwicklung des jungen Oboisten war neben dem Unterricht an seinem Instrument das Erlebnis der Musik von Johann Sebastian Bach. Wunderer berichtet: „Damals hatte ich das Glück, mit meinem späteren Lehrer und Freunde Eusebius Mandyczewski zusammenzutreffen. Dieser hörte mich im Orchester, fand Gefallen an meinem Oboe-Blasen und zog mich zu einer besonderen Arbeit heran. E. Mandyczewski war über Brahms’ Empfehlung Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde, war im Direktorium der (deutschen) Bach – Gesellschaft, Sitz Leipzig, und mittätig an der Edition der Gesamtausgabe der Werke Bachs.“ Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass der junge Student dem Herausgeber von Bachs Werken editorische Hilfsdienste leisten durfte und dass sich ihm dadurch die Welt J. S. Bachs offenbarte. So konnte er schreiben: „Es war ein Erlebnis, das für meine künstlerische Laufbahn bedeutend wurde“. Nicht nur für Wunderer war das Erlebnis der Werke Bachs von Bedeutung: 1913 gründete er die Wiener Bach-Gemeinde und schuf damit die Basis für eine kontinuierliche Pflege der Musik von Bach und seinen Zeitgenossen in Wien.

1918 wurde Alexander Wunderer an die aus dem Konservatorium hervorgegangene Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien als Lehrer für Oboe (ergänzend dazu für Bläserkammermusik und Instrumentenkunde) berufen. Bis 1938 wirkte er an diesem Hause.

Die Tradition seiner Schule, deren wesentliches Merkmal die Pflege der „Wiener Oboe“ im Gegensatz zur „Französischen Oboe“ ist, wurde und wird von Schülern, Enkelschülern und bereits Urenkelschülern wie ein Schatz gehütet und gepflegt; Apologeten beider Richtungen diskutieren heute noch.

Gemeinsame Fahrten der beiden Philharmoniker Wunderer (Oboe) und Schmidt (Cello) mit der Stadtbahn zur und von der Oper und vor allem der nächtliche Heimweg durch Hietzing, waren erfüllt von Gesprächen über Musik. Auffassungsunterschiede und divergierende Werturteile waren oft Anlass für geistvolle Auseinandersetzungen in gegenseitigem Respekt.

Gemeinsamkeit wurde auch gepflegt beim Kartenspiel oder im Kegelklub, während gegenseitiger Besuche in Wien, in Tullnerbach, im Landhaus Wunderers, später in dessen Alterssitz in Zinkenbach am Wolfgangsee, in Franz Schmidts steirischem Urlaubsort Hartberg oder in seiner Villa in Perchtoldsdorf.

Vor allem aber, wie könnte es anders sein, vertiefte sich die Freundschaft beim Musizieren an allen diesen Orten. Zu den schönsten Erinnerungen zählen für Alexander Wunderer jene Stunden, in denen er mit Franz Schmidt das Repertoire der Musik für zwei Klaviere spielte oder private Kammermusikabende mit Schmidt und seinen Künstler-Freunden.

Franz Schmidt hatte die Gepflogenheit, vollendete Kompositionen als Erstem zuerst dem Freund Wunderer zu zeigen und mit ihm zu diskutieren. Sogar die Pläne für seine Hausorgel besprach er mit ihm, und 1916 wurde Alexander Wunderer zum Widmungsträger des ersten Orgelwerks von Franz Schmidt, „Variationen und Fuge über ein eigenes Thema in D“ (Königsfanfaren aus Fredigundis). - Wunderer war es auch, der die Aufführung von Franz Schmidts „Husarenlied-Variationen“ nach deren Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern unter Clemens Krauss am 15. März 1931 bei den Salzburger Festspielen desselben Jahres erreichte.

Die menschliche und künstlerische Vertrautheit war beispiellos. Erst im letzten Lebensjahr des schon lange kränkelnden Franz Schmidt sollte sie – im Gefolge der politischen Ereignisse 1938 - einen Riss bekommen. Alexander Wunderer hat jedoch Jahre später durch die Niederschrift seiner Autobiographie diesen Riss – für seinen Freund leider posthum – wieder gekittet.

Die Kantate „Die Jahreszeiten in Ober-St.-Veit“, deren Text vom Komponisten stammt, vollendete Alexander Wunderer im Jahre 1934. Franz Schmidt kannte das Werk gewiss, jedenfalls bat er ein Jahr später den Freund um das Libretto zu einer Kantate für Chor und Orchester. Alexander Wunderer arbeitete zu dieser Zeit an einer philosophischen Dichtung „Welt und Leben“, einer kosmischen Deutung der Entstehung der Welt, deren erster Teil bereits vollendet war. Aus verschiedenen, nie ganz geklärten Gründen, wurde das Projekt nicht verwirklicht.

Franz Schmidt begann noch im selben Jahr, 1935 mit der Arbeit an seinem Opus summum, der Vertonung der Apokalypse, dem „Buch mit sieben Siegeln“.

Ein Zitat aus der Autobiographie von Alexander Wunderer mag ein Schlüssel zur Thematik der Kantate sein. In einem der vielen Gespräche der beiden Freunde über die Musik, die für Schmidt Lebensinhalt war, entgegnete ihm Wunderer: „Es ist nicht wahr, dass die Kunst allein mein Leben ausfüllte, das wäre mir zu wenig gewesen. Ich liebte die Natur ebenso, fast mehr. Zu dir habe ich gesagt: wenn ich im März den Wald im Nachtwind rauschen höre, durch die Knospen ganz anders rauschen als im Winter oder im Sommer, so sei das so schön und bedeutsam wie keine Symphonie von Beethoven, so sehr ich ihn schätze“ (Autobiographie).

Die Naturverbundenheit von Alexander Wunderer spiegelt sich wider in dem schwärmerischen, romantischen Text der Kantate, den einzelnen Stimmungsbildern, neben philosophisch angehauchten Betrachtungen. Die Komposition könnte als eine Bündelung musikalischer Eindrucke und Erlebnisse eines hervorragenden Musikers gedeutet werden, der in Jahrzehnten seines Wirkens oft und oft in Oper und Konzertsaal Sternstunden europäischer Musiktradition - aktiv mitwirkend - erleben durfte. Epochen von Bach bis Brahms, von Richard Strauss bis Franz Schmidt und vielen anderen sind gekonnt zu einer Einheit symbolischer Klänge, die an Programm-Musik denken lassen, verwoben zu einer Apotheose der Wunder der Natur.

Bericht über das Kammerkonzert am 10. Oktober 2005 "Die Jahreszeiten in Ober St. Veit"

Dr. Helga Scholz-Michelitsch