Jeep-Safari durch West-Tibet

Zanskar – Ladakh von Anton Schmoll. Eine „Einstimmung“ zur Präsentation im Senioren-Klub der Pfarre Ober St. Veit am 16. Jänner 2016
04.01.2016

Eine Jeep-Safari in die Abgeschiedenheit des westlichen Himalayas ist kein Erholungsurlaub – aber dafür ein Abenteuer mit unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen.

Wir starten unsere Jeep-Tour in Srinagar, das in der Region Kaschmir liegt, und früher ein wichtiger Handelsplatz im Vorderen Himalaya war. Hier war der Kreuzungspunkt von Karawanenstraßen zwischen Vorder-, Zentral- und Südasien. Jakob, unser Reiseleiter (ein gebürtiger Tiroler, der bereits seit 30 Jahren in Indien lebt) besitzt zwei alte Militär-Jeeps mit denen wir in zum Teil sehr abgelegene Gebiete von West-Tibet unterwegs sind.

Dem Wind entgegen

Neben der Geländegängigkeit boten uns diese Fahrzeuge noch eine Besonderheit: bei einem Jeep war hinten ein Brett angebracht, auf dem wir stehen konnten. Und so hatten wir einen 360-Grad-Blick. Neben etwas Mut bedarf es aber einiger Gleichgewichtsübungen, um die harte Federung auf den Pisten auszugleichen. Der Begriff „Straße“ gehörte nämlich bald der Vergangenheit an.

Jeep-Safari durch West-Tibet. 360-Grad-Rundblick vom Jeep aus. Foto vom 20. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Auf kurvenreichen, waghalsig angelegten und von Schlaglöchern übersäten Schotterpisten erreichen wir den Zoji-La Pass auf 3800 m Höhe. Im Winter liegen hier bis zu 20 m Schnee und im Monsun gibt es sintflutartige Regenfälle.

Bereits um 5 Uhr früh geht es los, um die sehr lange Tagesetappe von Kargil bis nach Zanskar zu schaffen. Auch heute noch eine Herausforderung – wenngleich eine nicht so große wie in vergangenen Zeiten. Vor dem Bau dieser Piste im Jahr 1988 konnte man diese 240 km lange Strecke nämlich nur in einem Zehn-Tages-Marsch bewältigen! Der Weg von Kargil nach Padum schließt stets am 15. September. Denn während der Wintermonate zwischen November und Mai gibt es immer heftige Schneefälle. Zanskar ist dann sieben Monate von der Außenwelt abgeschieden. Und die Menschen können nur auf dem zugefrorenen Zanskar-Fluss nach Ladakh gelangen.

Konzentriert steuern Jakob und Anil die Fahrzeuge. Die Luft ist klar und die Aussicht auf die umliegenden Berggiganten grandios. Vorbei an den 7.000 Meter hohen Eisriesen Kun und Nun erreichen wir den Penzi-La Pass. Der Höhenmesser zeigt: wir befinden uns auf 4.440 Meter Höhe und die Luft wird dünner…

Das nächste Naturschauspiel in der Nähe des Passes ist der mehrere Kilometer lange Durung Drung – Gletscher. Mit seinen gewaltigen Eismassen ist er einer der größten Gletscher im Himalaya. Wie sehr auch in diesem Gebiet der Klimawandel sichtbar wird, zeigt sich daran, wie dieser Gletscher geschmolzen ist. Vor 20 Jahren reichte die Eiszunge noch knapp bis zur Straße – heute hat sie sich weit ins Tal hinaufgezogen.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Der Durung Drung – Gletscher. Foto vom 23. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Hinter diesem Pass liegt, begrenzt von der eisigen, schroffen Hauptkette des Himalaya zu unserer Rechten und der Zanskarkette zu unserer Linken, in einer fruchtbaren Oase das einstige buddhistische Königreich Zanskar.

Padum – Ort der Abgeschiedenheit

Zanskar liegt etwa zwischen 3.500 m und 7.000 m über dem Meeresspiegel, auf dem „Dach der Welt“. Zanskar war lange Zeit ein eigenständiges buddhistisches Königsreich und hat sich durch die isolierte Lage bis heute seine traditionelle Kultur bewahrt, wie man sie selten findet. Wie bei vielen tibetischen Dörfern steht am Eingang ein Chörten. Der weiß getünchte Hauptkörper hat die Form einer umgestülpten Glocke und erhebt sich auf einem hohen, vielfach abgestuften Unterbau. Wie die Bewohner umrunden auch wir das Gebäude mit Respekt im Uhrzeigersinn.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Chörten am Eingang von Padum. Ausschnitt aus einem Foto vom 19. Juli 2003 © Dr. Anton Schmoll

Gompas – Orte der Spritualität

Die Region wird oft als „Kleintibet“ oder „West-Tibet“ bezeichnet. Dieser Name stimmt insofern, als Ladakh und Zanskar jahrhundertelang engste kulturelle und spirituelle Verbindungen mit Zentraltibet pflegten. Von Padum aus besuchen wir etliche Gompas, wie die buddhistischen Klöster genannt werden. Sie wurden oftmals an strategisch wichtigen Stellen erbaut und thronen wie mittelalterliche Trutzburgen über den Dörfern. Das Leben hinter den Klostermauern hat sich über die Jahrhunderte kaum geändert. Eltern schicken noch immer in alter Tradition den jüngsten Sohn als Mönch ins Kloster. Und wir haben die Gelegenheit, kurz beim Unterricht der sechs- bis achtjährigen Buben dabei zu sein.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Das Leben in den Gompas hoch über den Dörfern hat sich über die Jahrhunderte kaum geändert. Foto vom 20. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll
Jeep-Safari durch West-Tibet. Wir hatten die Gelegenheit, beim Unterricht der sechs- bis achtjährigen Buben dabei zu sein. Foto vom 19. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Farbenprächtige Maskentänze

Acht Kilometer von Padum entfernt besuchen wir das Kloster Sani. „Gompa“ bedeutet so viel wie „einsamer Ort“. Doch von Einsamkeit oder beschaulicher Ruhe war an diesem Tag nicht viel zu merken. Wir hatten die Reise nämlich so geplant, dass wir zum großen Klosterfest in Sani sind. Von weit her strömen die Pilger in großen Scharen zu diesem mehrtägigen Fest.

Viele haben eine Gebetsmühle mit, die sie mit leichten Handbewegungen im Uhrzeigersinn drehen. Andere haben eine Gebetskette mit 108 Steinen um das Handgelenk geschlungen. Und unentwegt wiederholen sie die berühmten magischen Silben „Om mani padme hum“ („Du Kleinod in der Lotosblüte“). Wir verspüren hier eine ganz spezielle Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Ein Höhepunkt waren zweifelsohne die bunten Maskentänze, die Cham genannt werden. Diese Mysterienspiele sind keine Theateraufführung zur Unterhaltung, denn nach dem Glauben der Menschen steigen die Wesen der geistlichen Welt für die Zeit des Festes in ihre Träger und Masken. Sie haben vielfach belehrenden Charakter und sehr oft geht es dabei um den Kampf des Guten gegen das Böse.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Farbenprächtige Maskentänze im Kloster Sani. Foto vom 22. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Pulsierendes Leben in Ladakh

Im Unterschied zu Zanskar ist Ladakh touristisch erschlossen. Die Hauptstadt Leh ist auch das Touristenzentrum mit vielen Souvenir- und Antik-Shops. Es wird daher von manchen als „Klein-Kat mandu“ bezeichnet. Ein krasser Gegensatz zur Stille und Beschaulichkeit von Zanskar. Neben der pulsierenden Metropole mit ihrem alten Königspalast besichtigen wir in Ladakh viele berühmte Klosteranlagen wie Lamayuru, Hemis oder Alchi, wo sich einzigartige Kunstjuwelen aus dem 11. Jh. befinden.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Die gewaltige Klosteranlage von Thikse. Foto vom 28. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Dem Himmel näher

Bei Mahe überqueren wir den Indus und fahren durch ein kleines Seitental bergauf zu dem durchschnittlich 4000–5000 m hohen Changtang-Hochplateau. Dieses Gebiet, das sich von Zentraltibet im Osten bis nach Lhasa erstreckt, ist das Weideland der Changpa-Nomaden. Überall grasen Schafe und Ziegen – und natürlich die zotteligen Yaks.

Es ist ein hartes Leben. Manche fristen ihr Dasein in armseligen Steinbehausungen – andere haben bereits kleine Fahrzeuge und wohnen in Zelten, vor denen kleine solarbetriebene Batterien stehen. Gemessen an unseren Maßstäben haben sie materiell wenig bis nichts. Sie kennen maximal ihre Herden und ihre Weidegründe – und dennoch haben sie immer ein Lächeln, das echt und ehrlich erscheint. Stolz zeigen sie uns ihre Habseligkeiten und ihre Zelte. In einem liegt in dicke Felle gewickelt ein ganz kleines Baby, das hier geboren wurde.

Über die Pässe Kongka-La und Namshang-La führt unser Weg zum Tso-Kar Salzsee. Dort übernachten wir in einem fixen Zeltlager auf ca. 4.500 m Höhe.

Jeep-Safari durch West-Tibet. Fantastische Spiegelung im Tsokar- See. Foto vom 30. Juli 2013 © Dr. Anton Schmoll

Erfreut sind wir, als am nächsten Morgen die Sonne scheint und die Temperaturen nach oben klettern. So können wir uns im Freien beim Frühstück für die Wanderung stärken.

Immer wieder sage ich mir vor: Nicht zu rasch beginnen, langsam gehen und viel trinken. Umso höher ich komme, umso häufiger muss ich Pausen einlegen. Mit Freude bin ich bei der kleinen Gruppe, die das Ziel auf 5.100 m Höhe erreicht. Ein atemberaubendes Panorama tut sich auf. Vor uns liegt der „Weiße See“, in dem sich die umliegenden Berge spiegeln. Eine wunderschöne Verabschiedung von diesem einmaligen Gebiet.

Danach beginnt eine lange Rückreise, um die Jeeps wieder an ihrem Ausgangsort nach Dharamsala zurückzubringen. Denn dort leben nicht nur der Dalai Lama sondern auch Jakob. In über 2.000 Meter Höhe befindet sich sein Haus, zu dem es keine Straße gibt. Eben eine andere Welt …

Quellen:
Zeitschrift des Alpenvereins "Austria Nachrichten 1/2016"

Dr. Anton Schmoll