Mit der Hietzinger Bezirksakademie in Steyr

Ein Ausflug zur Adventzeit
04.12.2010

Kann man über 50 Jahre alt werden, ohne jemals Steyr gesehen zu haben? Diese ehemalige Eisenmetropole, die zu einer der frühesten städtischen Siedlungen und im 15. Jahrhundert zu einer der wohlhabendsten Städte unseres Landes wurde? Leider ja.

Viele historische Zeugen der Kultur dieser Stadt haben sich bis in unsere Zeit erhalten, allen voran natürlich eine unvergleichliche Bausubstanz. Höchste Zeit also, die Unkenntnis auszumerzen. Die Hietzinger Bezirksakademie bot mit dem Adventausflug am 4. Dezember 2010 eine besondere Gelegenheit, weil im Advent auch die Attraktionen im 3 km südwestlich von Steyr gelegenen Christkindl geöffnet sind.

Die erste Station war dann auch gleich Christkindl mit seiner Wallfahrtskirche, dem Postamt sowie der mechanischen Krippe und der Pöttmesser Krippe im Pfarrhof. Wie die folgenden Bilder zeigen, waren schon die Besichtigung der Krippen alleine den Ausflug wert, wenn auch der Tumult rundherum die stille Betrachtung erschwerte. Was jedoch das Christkindl-Postamt betrifft, haben die von Jugend an empfangenen Berichte die Vorstellung von diesem Ort derart verklärt, dass die nüchterne Realität im sterilen Neubau-Ambiente dem niemals gerecht werden kann. Doch nimmt man die Gewissheit mit, dass es sich hier um kein von der Schließung bedrohtes Postamt handelt.

Die Wallfahrtskirche selbst, ein architektonisches Kleinod mit romantischer Geschichte, einem schönen Hauptaltar unter kühnem Kuppelfresko und zwei wertvollen Gemälden ist in dieser Saison ebenfalls alles andere, als ein Ort der Stille.

Die Stadt Steyr, auf deren Stadtplatz uns der Reisebus entlud, überwältigt zunächst durch ihr herrliches Altstadtensemble. Die enge Lage an den Bergflanken über dem Zusammenfluss von Enns und Steyr und die verträumten Hinterhöfe erhöhen den Reiz. Doch nach der ersten Begeisterung dringt der dichte Verkehrslärm ins Ohr und die unbedachte Flächenwidmung, die hässliche Geschäftsbauten ganz nahe heranlässt, ins Auge. Der Bereich um Zwischenbrücken mit seinem hochgelobten Aussichtspunkt bietet zweifelsohne viel an bemerkenswerten historischen Fassaden, Dächern und Türmen. Doch Asphalt und Beton, zwei Industrie-Brücken über Enns und Steyr, Leitschienen, Stahlgeländer und Stahltraversen bestätigen neuerlich, dass die Stadt aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen ihrem historischen Erbe nicht ganz gerecht werden kann. Der beste Blick auf diesen Bereich um den Zusammenfluss von Enns und Steyr öffnet sich wahrscheinlich aus dem "Romantikhotel" Minichmayr: Nicht nur, weil man hier gut versorgt ist, sondern weil man der Flickwerk-Fassade des Minichmayr selbst nicht gewahr werden kann.

Ein anderer Eindruck von dem Aufenthalt ist der gefällige Hüftschwung der modern gekleideten Fremdenführerin. Weniger einprägsam erweisen sich ihre Ausführungen, die großteils dem Lärm der Straße, insbesondere dem der überall als Attraktion aufgestellten Eisenschmieden zum Opfer fielen. "Hier im Rathaus wird die älteste Urkunde der Stadt Steyr aufbewahrt", so drang es leicht ans Ohr, doch der Blick des Autors dieser Zeilen ruhte gerade auf dem neugotischen Sparkassengebäude schräg gegenüber und riss die Gedanken endgültig fort. Im Jahr 1900 zeigte die Sparkasse Steyr mit dem Bau dieses Gebäudes ihre Potenz, doch heute prangt darauf das Logo der UniCredit. Welch unrühmliche österreichische Banken-Geschichte mag dem wohl vorausgegangen sein?

Das Tourismus-Geschäft Steyrs läuft allemal, viele Menschen kommen und spazieren durch die Stadt, füllen die historischen Postbusse nach Christkindl und füllen die Gasthäuser und Kulturstätten, wie zum Beispiel das Stabpuppentheater im Steyrer Kripperl. Die in der Art der Krippen gehaltende Kleinbühne ist offensichtlich ein Magnet, und in den kleinen Saal mit den eng gestellten Heurigenbänken werden unerwartet viele Menschen gepfercht. Vielleicht mit besonderem Kalkül, denn die Erinnerung an die schmerzenden Glieder überwiegt die Erinnerung an die schmerzend seichte Handlung á la Kasperltheater.

Um 16:00 Uhr verhieß unser Reise-Programm die Steyrer Adventbläser, doch ließen die Vorteile einer ehebaldigen Rückkehr nach Wien alle künstlerischen Erwartungen in dieses Konzert verblassen, und wir fuhren heim.

Möglicher Weise dauert es weitere 50 Jahre, bis der hier formulierte Eindruck korrigiert werden kann.

hojos
5. Dezember 2010