75 Jahre Bezirksmuseum Liesing

1938 – 2013
15.09.2013

Es ist zweifelsohne ein erklärungsbedürftiges Jubiläum, denn das Jahr 1938, das als Beginn des Liesinger Bezirksmuseums gefeiert wurde, ist für Vereinsschließungen bekannt und nicht für Gründungen. Gegeben hat es dank des in der Zwischenkriegszeit zugenommenen Interesses an der Lokalgeschichte schon mehrere Museen bzw. Museumsvereine. Prominente Namen sind in diesem Zusammenhang die Lehrer und Heimatforscher Hans Pemmer und Karl Hilscher, die 1923 gemeinsam das erste Wiener Bezirksmuseum in Meidling gründeten. Museen in Simmering, Hernals, Favoriten und Landstraße folgten.

„Dr. Anton Matzig, Gerichtspräsident i.R. und Heimatforscher, gestaltete 1938 seine erste Ausstellung im Festsaal des Liesinger Rathauses, das somit als Heimatmuseum deklariert wurde“. So begründete Museumsleiter Maximilian Stony in seiner Begrüßungsansprache die nähren Zusammenhänge des Jubiläums.  Zu einer wirklichen Museumsgründung kam es aber nicht, denn alle Vereine, Organisationen und Verbände konnten nach dem „Anschluss“ nur bestehen, wenn sie nationalsozialistisch ausgerichtet und geführt wurden.

Zur vereinsmäßigen Etablierung kam es erst – wie bei anderen Bezirksmuseen auch – in den 1950er-Jahren. Am 8. Dezember 1953 wurde der Museumsverein Liesing gegründet, und am 18. August 1954 konnte Josef Ehn, der Schwiegersohn des 1939 verstorbenen Dr. Anton Matzig, den Museumsbetrieb in zwei Räumen im Amtshaus (dem ehemaligem Kaffeehaus) beginnen. Ein wesentlicher Schritt für das Museum war der Bezug der ehemaligen Knabenvolksschule in Atzgersdorf im Jahr 1983.

Dank der intensiven Sammlertätigkeit der Museumsleiter seit Matzig und Ehn erfreut sich das Museum eines enormen Bestandes an historischen Objekten aller Art. Dem unbefangenen Besucher ist aber anzuraten, zur Gewinnung eines repräsentativen Eindrucks möglichst rasch an den im Vorgarten vergammelnden alten Weinpressen und Leiterwägen etc. vorbei in die Museumsräumlichkeiten zu eilen.

Dr. Ferdinand Opll, von 1989 bis 2010 Direktor des Wiener Stadt- und Landesarchivs, Dozent für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien und Mitherausgeber der jüngsten im Böhlau-Verlag erschienenen 4-bändigen Geschichte Wiens, war der Festredner des Abends. Er unterhält schon jahrzehntelang eine enge Verbindung zu dem Bezirksmuseum Liesing und hob dessen umfangreiche Fotosammlung hervor. Gemeinsam mit Fotos aus anderen Archiven präsentierte er einen Ausschnitt daraus.

Beim Besuch jedes Bezirksmuseums zeigt sich relativ bald dasselbe Dilemma: Jeder Bezirk ist aus mehreren, in ihrer historischen Entwicklung höchst unterschiedlichen Dörfern gebildet, deren Geschichte nicht gemeinsam erzählt werden kann. Im Falle des Bezirksmuseums Liesing sind das Atzgersdorf, Erlaa, Inzersdorf, Kalksburg, Liesing, Mauer, Rodaun und Siebenhirten. Auf alle in gleicher Weise einzugehen, übersteigt aber jedes Platzangebot und den Zeithorizont jeder Veranstaltung. Folgerichtig war Dr. Oplls Hauptgegenstand die Entwicklung des namengebenden Bezirksteiles von Liesing. Es mag sein, dass diese „Verkürzung“ öfters passiert und dieses Defizit von spezialisierten Heimatrunden wie etwa der Mauerer Heimatrunde ausgeglichen werden muss. Allerdings muss auch hinzugefügt werden, dass die erste Ausstellung im Jahr 1938 vermutlich vor dem Inkrafttreten des Gesetzes über „Groß-Wien“ am  15. Oktober und damit noch in der selbständigen Stadt Liesing stattfand.

Die weiteren Programmpunkte der Festveranstaltung waren die Vorführung der DVD: „Das Bezirksmuseum Liesing 1997“ und die Ansprache von Bezirksvorsteher Gerald Bischof. Den musikalischen Rahmen bereitete das Quartett der Wiener Damenkapelle Johann Strauß, den Abschluss bildete das Buffet.

hojos
15. September 2013