Hermann Leopoldi

Eine Hommage von Dieter Bock aus Anlass des 130. Geburtstag des Wiener Komponisten, Pianisten und Kabarettisten
15.08.2018

Als Klavierhumorist, Schöpfer und Interpret zahlreicher auch zeitkritischer Wienerlieder und Couplets wurde er weltberühmt. Er wohnte mit seiner Partnerin Helly (Helene) Möslein von 1949 bis 1959 in der Diesterweggasse 8 im 14. Bezirk, knapp an der Grenze zu Hietzing. Der Titel seines 1957 entstandenen Liedes „Ich bin ein Durchschnitts-Wiener“ (Text: Charles Berndt) trifft auf ihn keinesfalls zu. Hermann Leopoldi, geboren am 15. August 1888 als Hermann Kohn im damaligen Wiener Vorort Gaudenzdorf (heute Wien 12, Meidling) war ein überdurchschnittlich begabter Komponist, Kabarettist, Klavierhumorist und bedeutender Vertreter des Wienerliedes.

Seine Eltern, Leopold (1860–1933) und Hermine Kohn (1858–1929), förderten ihn und seinen älteren Bruder Ferdinand (1886–1944). Beide erlernten das Klavierspiel vom Vater, der beruflich als Violinist und Pianist tätig war und als Künstlernamen „Leopoldi“ wählte. Diesen machte Hermann 1921 zu seinem bürgerlichen Namen.

Nach vier Jahren Gymnasium, einem Jahr Handelsschule und kurzer Zeit in einer Galanterie-Großwarenhandlung hatte er genug von der bürgerlichen Tätigkeit und wechselte zu seiner eigentlichen Berufung als Pianist. Mit 16 Jahren ging er als solcher mit einem Wiener Volkssänger auf Tournee. Es folgten viele Auftritte in den Kronländern der österreichischen Monarchie.

1911 heiratete er Eugenie Kraus (1894–1982), deren Eltern Hugo und Amalie Kraus in den 1920er-Jahren in die USA auswanderten. Dass sie amerikanische Staatsbürger wurden und ihm bei seiner Auswanderung helfen konnten, rettete ihm das Leben. Sein Bruder hat den Naziterror leider nicht überlebt. Hermann Leopoldi und seine Frau lebten bis zu ihrer Auswanderung 1938/39 in der Marxergasse im 3. Bezirk. Das Paar bekam zwei Kinder, Norbert (1912–1992) und Gertrude (1915–1992). Die Ehe sollte bis 1950 dauern.

Im ersten Weltkrieg diente er von 1914 bis 1918 bei den Deutschmeistern und machte sich dort als Kapellmeister und Klavierhumorist einen Namen.

Mit seinem Bruder Ferdinand und dem Conferencier Fritz Wiesenthal gründete er 1921/22 das Kabarett „L. W.“ (Abkürzung für Leopoldi und Wiesenthal) im ersten Bezirk. Dort wurde er rasch zum Star. Auf Grund mangelnder Geschäftstüchtigkeit musste das Theater Anfang 1926 schließen. Als Musiker und Komponist war Leopoldi viel erfolgreicher.

Einen ersten Riesenerfolg hatte er gemeinsam mit Robert Katscher mit der 1922 entstandenen Hymne auf einen Rapid-Stürmer, „Heute spielt der Uridil“. Einer der wenigen Schlager, zu denen Leopoldi „nur“ den Text beisteuerte. In den 1920/30er-Jahren entstanden viele Wienerlieder, Schlager und Couplets (u. a. „Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne“ (1925), „In einem kleinen Café in Hernals“, „Ich bin ein stiller Zecher“, „Überlandpartie“, „Powidltatschkerln“), die im Radio gespielt und auf Schallplatten zu großen Erfolgen wurden. Von 1929 bis 1938 war seine wichtigste Bühnenpartnerin die jüdische Pianistin und Sängerin Betja Milskaja.

Er fand kongeniale Textautoren wie Arthur Rebner, Robert Katscher, Fritz Grünbaum, Fritz Löhner-Beda und Peter Herz, mit denen er Schlager wie „Wien, sterbende Märchenstadt“, „Schön ist so ein Ringelspiel“, „Schön sind die Mädeln von Prag“ und „Soirée bei Tannenbaum“ schuf. Auch amerikanische Schlager wurden von ihm bearbeitet und mit neuen Texten versehen. 1924 komponierte Leopoldi sogar einen Shimmy „Wenn die Jazzband spielt“. In Liedern wie „Der Völkerbund“, „Immer voran“, „Wo der Teufel gute Nacht sagt“ und „Die Novaks aus Prag“ behandelte er auch gesellschaftliche und politische Themen.

Dem ehemaligen Vorort Hütteldorf hat er 1936 mit dem Marschcouplet „Wir treffen uns in Hütteldorf am Sonntag um halbzehn!“ ein klingendes Denkmal gesetzt. Seinem Geburtsort Meidling widmete er 1948 das Wienerlied „Meidlinger Buam“.

Einer seiner wichtigsten Textautoren, der Wiener Peter Herz, schreibt in seinem Buch „Gestern war ein schöner Tag“ u.a. folgendes über Leopoldi: „In Wien ist der Begriff „Kaffeehausliterat“ üblich – Peter Altenberg war der bekannteste unter ihnen. Mit Hermann Leopoldi tritt nun ein „Kaffeehauskomponist“ ins Blickfeld.“

Ausschnitt aus einem CD-Cover.

Nach dem Einmarsch der Nazis 1938 in Österreich wurde auch der jüdische Künstler Hermann Leopoldi in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert. Mit Fritz Löhner-Beda schrieb er dort den „Buchenwälder-Marsch“. Dank seiner Frau und ihren Eltern wurde er 1939 freigelassen und konnte in die USA emigrieren.

In New York trat er bald wieder auf und lernte in einem Exilantenlokal („Alt Wien“) die Sängerin Helly Möslein (1914–1998) kennen, die schon bald seine Bühnen- und Lebenspartnerin wurde. In Chicago nahm er einige seiner früheren Erfolge in englischer Fassung („I’m just a quiet drinker“, „The little Café down the street“) auf Schallplatte auf.

Nach dem Krieg kehrten Hermann Leopoldi und Helly Möslein 1947 nach Wien zurück. Gemeinsam tourten sie durch Österreich, Deutschland und die Schweiz und spielten Schallplatten ein. Das Publikum riss sich nach wie vor um ihn und seine schmissigen Wienerlieder. Mit Helly Möslein war ihm auch spätes Vaterglück vergönnt. 1955 wurde Sohn Ronald geboren, der bis heute als Nachlassverwalter seiner Eltern fungiert.

1958 erhielt Hermann Leopoldi das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich.

Am 28. Juni 1959 starb Hermann Leopoldi an den Folgen eines Herzinfarktes. Er liegt in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof. Helly Möslein starb am 6. Juli 1998 und wurde in diesem Grab wieder mit ihm vereint.

Ein Querschnitt seines Schaffens ist auch auf CDs („Hermann Leopoldi in Amerika“, „Wiener Bonbons“ bei Preiser und „In einem kleinen Café in Hernals“ bei RST) erhältlich. Weitere Informationen sowie Bücher und CDs finden Sie auf www.bocksmusicshop.at.

Quellen:
Startfoto: Hermann Leopoldi in New York, etwa 1941 (Ausschnitt). Mit freundlicher Genehmigung von Ronald Leopoldi.

Dieter Bock
im August 2018