Brasilien

Amazonas, Zuckerhut und ein Hauch Österreich. Ein Reisebericht von Anton Schmoll.
12.01.2019

Der mächtige Amazonas-Strom, das Architekturjuwel Brasilia, das kolonial geprägte Salvador und das bunte Rio: Brasilien ist fraglos ein Land der Superlative. Und wer es aufmerksam bereist, der stößt dabei auch auf Bezüge zu Österreich. Am Samstag, den 12. Jänner 2019 präsentiert Dr. Anton Schmoll im Ober St. Veiter Seniorenklub seine Multivisions-Show „Samba – Sonne – Sklaven“ über dieses Land. Dieser Reisebericht soll darauf einstimmen.

Nahezu geräuschlos gleitet unser Boot dahin. Nur die Schreie wilder Affen aus dem nahen Dschungel durchbrechen die Stille. Wir befinden uns auf einem Seitenarm des Amazonas in Brasilien. Etwa 70 Kilometer oberhalb der Stadt Manaus erleben wir ein besonderes Naturparadies: die Anavilhanas-Inselgruppe inmitten des Rio Negro, der an dieser Stelle eine Breite von 27 Kilometern (!) hat. Es ist eines der größten Flussinsel-Archipele der Welt. Bei Niedrigwasser bilden sich hier auf einer Länge von 90 Kilometern rund 400 kleine Inseln, die vom Urwald überwuchert werden.

Plötzlich wir die Stille auf dem Strom unterbrochen: „Da, ein Krokodil!“, ruft jemand. Tatsächlich sind es aber Krokodilkaimane, die sich hier im Wasser tummeln. Sie ähneln mit ihren Körperproportionen den echten Krokodilen, sind aber ungefährlich. Das meint zumindest unser Guide, und daher wagen einige ein Bad im Rio Negro.

Ein besonderes Erlebnis ist auch die Wanderung durch den Dschungel. Der Guide geht mit einer Machete voraus und schlägt uns quasi den Weg frei. Er zeigt uns allerlei Tricks für das Überleben im Urwald – wie man Feuer macht oder aus bestimmten Zweigen Wasser gewinnen kann.

Die Bäume ringsherum mit ihrer roten Rinde erinnern an den Ursprung des Namens „Brasilien“. Der geht nämlich auf das Brasilholz (pau brasil) zurück, dessen rote Farbe der Feuerglut (brasa) ähnelt. Dieses Holz hatte in der Kolonialzeit als Färbemittel in Textilmanufakturen eine große Bedeutung.

Brasilien. Die historische Stadt Paraty. © Dr. Anton Schmoll

Manaus – Millionenstadt im Urwald

Rund 20 Kilometer südöstlich von Manaus mündet de „schwarze Fluss“ in den Amazonas. Dieses Zusammentreffen bietet ein interessantes Naturphänomen: Die beiden Gewässer fließen zunächst elf Kilometer im gleichen Flussbett nebeneinander her. Vor allem aus der Luft ist die unterschiedliche Färbung der Gewässer gut zu erkennen. Die Ursache liegt einerseits in der unterschiedlichen Fließgeschwindigkeit (das trübe Wasser des Amazonas fließt viel schneller) und andererseits in den unterschiedlichen Temperaturen (der dunkle Rio Negro ist je nach Tageszeit um zwei bis sechs Grad wärmer).

Das Zusammentreffen der Flüsse wird auch durch das Steinmuster auf dem Platz vor der Oper in Manaus symbolisiert: Der Boden ist mit schwarz-weißen Steinen gepflastert, die ein Wellenmuster zeigen. Das Teatro Amazonas, das Opernhaus, wurde 1896 feierlich eröffnet und ist das bekannteste Gebäude der Stadt. Die Baumaterialien wurden allesamt importiert: Marmor aus Carrara, Glasleuchter aus Murano, Mobiliar aus Paris. Mit dem Luxus wollte man der ganzen Welt zeigen, wozu man hier mitten im Dschungel imstande ist. Der Kautschukboom hatte aus dem einstigen Urwalddorf eine reiche Stadt gemacht.

Pantanal – Südamerikas Serengeti

Ein Natur-Highlight der besonderen Art ist die Erkundung von „Südamerikas Serengeti“ – dem Pantanal, was so viel wie „Sumpflandschaft “ bedeutet. Der Weg dorthin führt über die bekannte Transpantaneira, die 145 Kilometer lang ist. Über staubige Pisten und viele wackelige Holzbrücken gelangen wir zu unserer Lodge in Porto Jofre. Ein idealer Ausgangspunkt, um die atemberaubende Tierwelt zu erkunden.

Unzählige Arten teilen sich dieses 210.000 Quadratkilometer große Paradies: Man zählt hier rund 80 Säugetierarten und 50 Reptilienarten, dazu kommen noch 240 verschiedene Fischarten sowie 650 Vogelarten. Aus allernächster Nähe können wir die blauen Hyazinth-Aras dabei beobachten, wie sie mit Hilfe ihres starken Schnabels die steinharten Früchte der Acuri-Palmen öffnen.

Brasilien. Der blaue Hyazinth-Ara im Pantanal. © Dr. Anton Schmoll

Auf ausgedehnten Bootstouren auf dem Rio Cuiaba dringen wir tief in das weltweit einzigartige, riesige Feuchtbiotop vor. Wir sehen Schlangenhalsvögel, die in der Sonne ihre Flügel zum Trocknen ausstrecken. Etwas weiter lauert ein Tukan vor dem Nest eines anderen Vogels, um dessen Eier zu stehlen. Am Ufer stolzieren die bekannten Jabiru-Störche. Im Wasser tummelt sich ein Rudel von Capivaras (Wasserschweinen), und im Schutz der Uferböschung verzehren Riesenotter ihre Fischbeute.

Mit etwas Glück sollte es möglich sein, einen Jaguar, die größte Wildkatze Südamerikas, zu sehen, meint die Reiseleiterin. Denn an den Nebenflüssen des Rio Cuiaba leben viele dieser Tiere, die auf der Jagd nach ihrer Lieblingsbeute, den Wasserschweinen und Kaimanen, gern das Flussufer absuchen. Und tatsächlich: Als wir um eine Flussbiegung kommen, sehen wir in der Ferne auf einem sandigen Uferstreifen etwas, das sich bewegt. Es ist tatsächlich ein Jaguar, der sich hier eine Sandbank zum Ausruhen ausgesucht hat. Langsam und leise nähern wir uns mit dem Boot, um ihn gut sehen zu können. Majestätisch liegt die Großkatze in der Sonne vor uns und gewährt genügend Zeit für Fotos. Dann erhebt sich der Jaguar und marschiert zum nahen Gebüsch, um sich ein schattiges Plätzchen zu suchen. Große Stille – aber vor allem Ehrfurcht und Freude im ganzen Boot.

Brasilien. Viel Geduld ist erforderlich, um einen Jaguar zu entdecken… © Dr. Anton Schmoll

Brasilia – die Metropole vom Reißbrett

Szenenwechsel: Nach der unberührten Natur geht es auf das zentrale Hochplateau im Landesinneren zu moderner Architektur. Brasilia steht auf dem Programm, die einzige Hauptstadt der Welt, die im 20. Jahrhundert entstanden ist. Innerhalb von vier Jahren wurde die am Reißbrett entworfene Metropole Ende der 1950er-Jahre von 50.000 Arbeitern im Niemandsland aus dem Boden gestampft. Bereits der Grundriss der „Innenstadt“ birgt eine Kuriosität: Er sieht von oben aus wie ein Flugzeug und ist symmetrisch angelegt.

Geplant wurde die Stadt von Lucio Costa und Oscar Niemeyer, dessen moderne und außergewöhnliche Architektur das ganze Stadtbild prägt. Als ein Meisterwerk von Niemeyer gilt die Kathedrale mit ihren vielen symbolischen Elementen: Die kühne Konstruktion wird von 16 Betonrippen getragen, welche die Dornenkrone Christi symbolisieren. Links von der Kathedrale befindet sich eine riesige Betonscheibe als Symbol für die Hostie und rechts ein hoch aufragender Kelch.

Salvador – zurück in die Kolonialzeit

Nach der Besichtigung der neuen Hauptstadt führt uns die Reise in die erste Metropole und damit quasi zur Wiege des Landes: In Salvador da Bahia beginnt die Geschichte Brasiliens. 1501 ging hier Amerigo Vespucci an Land, und 1549 wurde die Stadt vom Vertreter des portugiesischen Königs als Sitz der Kolonialverwaltung gegründet. In der Folge blieb Salvador bis 1763 die Hauptstadt von Brasilien.

Die historische Altstadt wurde aufwendig restauriert. Neben den bunten Herrschaftshäusern aus der Kolonialzeit befinden sich etliche Kirchen mit dem typisch portugiesischen Barockstil. So ist die Franziskanerkirche aus dem 18. Jahrhundert gemessen an der Blattgoldverzierung die reichste Kirche Brasiliens. Ein besonderer Höhepunkt ist das Stadtviertel Pelourinho, benannt nach dem Pranger, an dem die Sklaven früher ausgepeitscht wurden. Das Wahrzeichen ist die blaue „Kirche der Schwarzen“ (Nossa Senhora do Rosario dos Petros), die von den Sklaven und freien Schwarzen aus eigenen Mitteln erbaut wurde.

Brasilien. Die Kirche der Schwarzen in Salvador. © Dr. Anton Schmoll

Das alles erinnert an die dunkle Epoche der Sklaverei: Von den knapp zehn Millionen Westafrikanern, die ab dem 16. Jahrhundert als Sklaven auf den Plantagen der Neuen Welt arbeiten mussten, wurden knapp vier Millionen nach Brasilien gebracht, viele davon nach Salvador. In kaum einer anderen Region des Landes ist daher der afrikanische Einfluss so stark sichtbar. So kann man auf den Straßen Frauen mit bunten Turbanen, in weißen Spitzenblusen und stark aufgebauschten Röcken sehen. Aber auch in der Küche, der Religion und der Musik ist die Kultur der Afrobrasilianer spürbar.

Auf manchen Plätzen können wir Vorführungen der akrobatischen Capoeira-Tänzer verfolgen. Capoeira ist eine aus den alten Stammestänzen der verschleppten Schwarzen entwickelte und von den Weißen gefürchtete waffenlose Kampftechnik. Tanz und Musik verleihen der Stadt eine ganz besondere Atmosphäre. Auch am Abend liegt überall Musik in der Luft: Da sind zum Beispiel die Umzüge der vielen Trommlertruppen. Wenn sie in einem ungeheuer schnellen Rhythmus und mit gewaltiger Kraft ihre Instrumente bearbeiten, bebt fast die Erde. Bis spät in die Nacht wird an vielen Plätzen getanzt. Alle, Einheimische wie Touristen, lassen sich mitreißen, es herrscht eine unglaubliche fröhliche Stimmung.

Brasilien. Auf den Straßen von Salvador. © Dr. Anton Schmoll

Licht und Schatten in Rio

Ebenfalls eine unbeschreibliche Stimmung – wenn auch durch die um vieles größeren Dimensionen eine völlig andere – erleben wir in Rio de Janeiro. Wahrscheinlich sind es die tropische Umgebung, der Multikulti-Mix der Bewohner, die heißen Rhythmen an nahezu jeder Straßenecke, die allgegenwärtige Fußballbegeisterung und natürlich die weltbekannten Sehenswürdigkeiten, welche die Faszination der Stadt ausmachen.

Rio ist mehr als Zuckerhut, Christusstatue und Copacabana. Das wird einem erst bewusst, wenn man die Stadt zu Fuß erkundet – oder mit der historischen Straßenbahn. Sie bringt uns in das Viertel Santa Teresa. Im 18. und 19. Jahrhundert suchten in den Hügeln reiche Cariocas Zuflucht vor der Sommerhitze. Heute befindet sich hier ein Künstlerzentrum mit vielen Galerien und Kuriositäten. Ebenfalls unkonventionell ist die Escadaria Selarón. Der aus Chile stammende Keramikkünstler Jorge Selarón hat eine Treppe mit Hunderten von Fliesen aus rund 60 Ländern gestaltet. Auch „unsere Sisi“ ist auf den Fließen verewigt.

Doch Rio hat auch Schattenseiten: Dass hier viele Menschen in Armut leben, lässt sich an den Elendsvierteln, den Favelas, ablesen. Die Bezeichnung kommt von einer brasilianischen Kletterpflanze, die den Namen Favela trägt. Ähnlich wie die Kletterpflanze siedeln sich die Armen in Rio an den Bergen an und klettern diese gleichsam hoch.

Ihre Unterkünfte bestehen zunächst aus Materialien, die der Müll hergibt, wie Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmwedeln. Nach und nach bauen die Bewohner, die über keinen legalen Grundbesitz verfügen, stabile, kleine Häuser. Diese werden von der Stadtverwaltung entweder demoliert oder aber toleriert und später mit Infrastruktur ausgebaut. Wer Geld hat, bezahlt für Strom, ansonsten zapft man das öffentliche Stromnetz an.

Brasilien. Blick über Rio auf den Zuckerhut und auf den Morro da Urca. © Dr. Anton Schmoll

Petrópolis – Stadt mit Österreichbezug

66 Kilometer nördlich von Rio liegt das kleine Städtchen Petrópolis. Weit weg von der Heimat entdecken wir hier in mehrfacher Hinsicht einen Bezug zu Österreich. So wurde Petrópolis 1825 von deutschsprachigen, insbesondere Tiroler Einwanderern gegründet. Im Jahre 1843 ließ Kaiser Dom Pedro II. dort seinen Sommersitz erbauen, weil das Klima im Vergleich zum heißen Rio wesentlich angenehmer war. Die Mutter des Herrschers stammte aus Wien: Maria Leopoldine von Österreich, eine Tochter von Kaiser Franz I.

Am 6. November 1817 fand die prachtvolle Trauung von Leopoldine und Kronprinz Dom Pedro I. statt. Über die anfangs noch harmonische Ehe legte sich später ein düsterer Schatten: Der Kaiser hatte auf einer Reise eine Frau kennengelernt, die er bei Hofe offiziell als seine Geliebte einführte. Die persönlichen Auseinandersetzungen des Kaiserpaares steigerten sich derart, dass Pedro auch nicht mehr davor zurückschreckte, Leopoldine zu schlagen. Am 1. Dezember 1826 soll er seine schwangere Frau während eines Streits so sehr verletzt haben, dass dadurch eine Frühgeburt ausgelöst wurde. Sie starb nur zehn Tage später im Alter von 29 Jahren.

Ebenfalls ein tragisches Ende im fernen Brasilien fand ein anderer Österreicher – nämlich Stefan Zweig. Er stammte aus einer großbürgerlich-jüdischen Familie und floh im Jahre 1934 vor den Nazis nach London. 1936 kam er nach dem PEN-Kongress in Buenos Aires, wo er umjubelt wurde, nach Brasilien. Hier wurde ihm ein permanentes Aufenthaltsvisum angeboten. Anfangs lebte er mit seiner zweiten Frau Lotte Altmann in Rio, doch schon bald zogen sie weiter nach Petrópolis.

Kein anderes Land begeisterte den Kosmopoliten Zweig mehr als Brasilien. Mitten im Zweiten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt der Selbstzerstörung Europas, war er fasziniert von der natürlichen Schönheit und vor allem von der friedlichen Lebensweise, der Toleranz und Offenheit der Menschen. Doch als Heimatloser plagte ihn die Schwermut. In der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 schied er mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben.

Aus Begeisterung über ein Land, in dem von Rassenkonflikten nichts zu spüren war, und aus Dankbarkeit, Schutz gefunden zu haben, schrieb Zweig das Buch „Brasilien – Ein Land der Zukunft“. Und er kam zu dem Schluss: „Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für ein halbes Leben gesehen.“ Wie wahr.

Eingestellt von hojos
im Dezember 2018