HNO um die Burg – medizinische Schule und musikalische Klassik

Rundgang mit Univ.-Prof. Dr. Herwig Swoboda zum 300. Geburtstag Maria Theresias – mit Ausklang im Klavierhaus Blüthner. Samstag: 16. September 2017, 09:00–11:30 Uhr. Treffpunkt: Treffpunkt: Schweizerhof, Botschafterstiege, Eingangshalle (Österreichischer HNO-Kongress)
16.09.2017

Als MARIA THERESIA VON HABSBURG (1717-1780) in hegemonialer Bedrängnis ihren Staat reformierte, bewies sie auf dem Bildungs- und Gesundheitssektor eine besonders glückliche Hand: Mit der Bestellung von GERARD VAN SWIETEN (1700-1772) holte sie einen der bedeutendsten Schüler des in Europa führenden Arztes HERMAN BOERHAAVE (1668-1738) aus Leiden nach Wien. Sein organisatorisches Geschick sollte die Grundlage der Wiener Medizinischen Schule werden. Die Universität Leiden war im goldenen Zeitalter der Niederlande aufgeblüht und hatte von der Universität Padua die Führung in einer experimentalwissenschaftlich gestützten medizinischen Lehre übernommen. Mechanik, Optik, Akustik und Anatomie brachten eine tonotopische Hörtheorie hervor (DUVERNEY 1683, SCHELLHAMMER 1684, VALSALVA 1704, 1707, 1717). VAN SWIETEN empfahl 1745 noch in Leiden die von EDMÉ-GILLES GUYOT 1724 angegebene transorale Tubensondierung. In Wien etablierte er eine dosierbare Quecksilbertherapie, die von JOSEPH JACOB PLENCK (1735-1807) ergänzt wurde. Die Botanik NIKOLAUS VON JACQUINS (1727-1817), die Montanistik IGNAZ VON BORNS (1742-1791) und die umfassende Entwicklungshilfe des Südamerika-Reisenden THADDÄUS HAENKE (1761-1816) scheinen sich in WOLFGANG AMADEUS MOZARTS (1756-1791) Oper „Die Zauberflöte“ zu spiegeln. JOHANNES HUNCZOVSKY (1752-1798) lehrte eine fortschrittliche Kopf-Hals-Chirurgie (Trepanation, Tubeneinspritzung, Gehörgans-Op, Bellocq-Tamponade, Kieferhöhlenspülung, Spalt-, Zahn- und Tumorchirurgie, Tonsillektomie, Tracheotomie in „Anweisungen zu chirurgischen Operationen“, Wien 1785). LEOPOLD AUENBRUGGER (1722-1809) entwickelte mit der Perkussion des Thorax (Inventum novum 1761) eine akustische Lokalisationstechnik innerer Erkrankungen, die eine Vertrautheit mit der Wiener Pauke vermuten lässt. Die Sprechmaschine des theresianischen Beamten WOLFGANG VON KEMPELEN (1734-1804) bezeugt seine Kenntnis der Sprechphysiologie und des Instrumentenbaues. Mit seinem Notenlesebehelf für die blinde Pianistin MARIA THERESE PARADIS (1759-1824) war er ein Pionier der Blindenschrift. Nie kamen sich Wissenschaft, Medizin, Musik und Wohlfahrtspolitik so nahe wie in der von Maria Theresia geprägten Epoche der Wiener Klassik!

Der 300. Geburtstag dieser großen Monarchin lädt ein, im Rahmen des 61. österreichischen HNO-Kongresses durch das Areal der Hofburg mit Blick auf Denkmäler und Schauplätze der Medizin, Otologie und Musik zu flanieren. Die Route führt vom Festsaaltrakt durch das Widmertor und den inneren Burghof (Denkmal Kaiser FRANZ II./I.) in den Schweizertrakt, den vermutlich babenbergischen Ursprungsbau des 13. Jahrhunderts, der für den Aufschwung der Stadt, des österreichischen Staatswesens und den Beginn einer von den Minoriten getragenen Wohlfahrtspflege steht, Wirkstätte bedeutender Ärzte wie GIOVANNI BATTISTA CANANI d.Ä., Leibarzt von MATTHIAS CORVINUS (1487-1490), und Zentrum der Musikpflege in Kaiser MAXIMILIANS I. Hofmusikkapelle. Das Denkmal für JOSEPH II. am Josephsplatz zeigt eine Gedenkplakette für das Taubstummeninstitut 1779.

Kaiser JOSEPH II. führt die Gehörlosen in die Gesellschaft zurück. Denkmal für Kaiser Joseph II. (1741-1790) von FRANZ ANTON ZAUNER (1746-1822; 1805). ABBÉ DE L’ÉPÉE (1712-1789) bezeugte 1784 seinen eineinhalbstündigen Besuch 1777 in seiner Gehörlosenschule. © Dr. Herwig Swoboda

Die unter KARL VI. neu errichtete Hofbibliothek war die Wirk- und Wohnstätte VAN SWIETENS, der in der Augustinerkirche bestattet ist. Durch den Bibliothekshof geht es an FRIEDRICH OHMANNS (1858-1927) Jugendstil-Palmenhaus vorbei zu den Denkmälern für FRANZ I. STEPHAN VON LOTHRINGEN und WOLFGANG AMADEUS MOZART im Burggarten und zum Maria-Theresien-Denkmal zwischen den Museen (Fassadenskulpturen, Rossbändiger und Brunnenskulpturen).

Herrscherportraits und frühe Wachsfiguren finden sich in der Kunstkammer. Palais Epstein und Parlament zeigen Karyatiden bzw. Quadrigen von VINCENZ PILZ (1816-1896), dem Bildhauer der Büste LUDWIG TÜRCKS im AKH. Seine Skulpturen „Pegasus, von den Musen gezähmt“ wurden wegen öffentlicher Kritik wieder von der Hofoper abgenommen (1863, seit 1871 Philadelphia, USA).

Über den Heldenplatz geht es zur Minoritenkirche neben dem ehemaligen Hofspital: Mosaik nach LEONARDOS (1452-1519) Abendmahl; Fresko des Hl. FRANZ VON ASSISI (1181/82-1226); Grabdenkmal für den Hofdichter PIETRO METASTASIO (1698-1782); verschollenes Grab von FRANCISCUS VESALIUS (C1521-1552). Als erster Wiener Magister sanitatis fiel er der Pest zum Opfer.

Michaelerplatz und Kohlmarkt erinnern an große Musiker und Dichter und den Pionier der Laryngologie und Neurologie LUDWIG TÜRCK (1810-1868). Am Kohlmarkt 5 befand sich der Laden der Hofjuweliere JOSEF TÜRCK sen. und jun., Vater und Bruder des Laryngologen, eines ausgezeichneten Cellisten. Bruder Josef war langjähriger Freund ADALBERT STIFTERS (1805-1868), dessen Hauptwerk „Die Mappe meines Urgroßvaters“ den Beruf des Landarztes schildert. Kohlmarkt 9 war 1830 und 1831 die Wohnadresse FRÉDÉRIC CHOPINS. Im „Großen Michaelerhaus“ Kohlmarkt 11 wohnten Hofpoet PIETRO METASTASIO, NICOLA PORPORA, JOSEPH HAYDN und die von ihm unterrichtete Pianistin, Sängerin und Komponistin MARIANA MARTINEZ (1744-1812) sowie ANNA PLOCHL (1804-1885), Ehefrau ERZHERZOG JOHANNS (1782-1859). Der nach ihm benannte Jodler von ANTON SCHOSSER (1801-1849), einem Vertrauten des CZERMAK-Schülers und Pioniers der amerikanischen Laryngologie ERNST KRACKOWITZER (1821-1875), ist ein Denkmal österreichischer Tonkunst, die Musikgattung Forschungsthema von Phoniatrie und Stimmphysiologie. In der Michaelerkirche wurden am 10.12.1791 Auszüge von Mozarts Requiem aufgeführt. SIEBER-Orgel 1714 und Manuskriptsammlung sind von musikhistorischem Interesse.

Im Klavierzentrum BLÜTHNER, Bräunerstraße, werden Reflexionen der Verflechtung von Physik, Medizin und Kunst mit Musikbeispielen für Stimme und Klavier aus der Wiener Klassik untermalt. Der erste Kunde von JULIUS FERDINAND BLÜTHNER (1824-1910) 1854 in Leipzig war kein geringerer als ERNST HEINRICH WEBER (1795-1878), Freund des Begründers der experimentellen Akustik ERNST CHLADNI (1756-1827) und Pionier der experimentellen Audiologie (Weber-Fechner’sches Gesetz, Weber’sche Ossicula; Wellenlehre 1824). Jeder Ohrenarzt beginnt seine klinisch-audiologische Untersuchung mit dem Stimmgabelversuch nach Weber. Der Otologe und Phthisiologe FRANZ POLANSKY (1810-1887), Anhänger JOSEF ŠKODAS (1805-1881), setzte die Beurteilung der Knochenleitung als einer der ersten klinisch ein („Grundriss zu einer Lehre von den Ohren-Krankheiten“, Wien 1842).

Tonotopie der Schallleitung im Jahrhundert der Mechanik – vom Kosmos zum Ohr

Neben Gravitation und Planetenbewegung fesselten Pendelbewegung und Isochronie die Aufmerksamkeit der Wissenschaft seit GALILEO GALILEI (1564-1642). CHRISTIAAN HUYGENS (1629-1695) erforschte elastischen Stoß, Oszillationszentrum und mitteltönige Stimmung, entwarf Pendel- und Taschenuhr: Themen, der wohl auch die Hörphysiologie einiges verdankt. Die Denkmodelle Uhr
(Isochronie der Schallwellen) und Instrumentalakustik (Reihung der Cembalosaiten) prägten otologische Vorstellungen von CLAUDE PERRAULT (1613-1688) über JOSEPH-GUICHARD DUVERNEY (1648-1730) und ANTONIO VALSALVA (1666-1723) bis HERMAN BOERHAAVE. Die Uhr, deren Mechanik auch den heutigen Otologen inspiriert, fand zwei ihrer besten Ausführungen im Umfeld MARIA THERESIAS: Die „Kaiserliche Vorstellungsuhr“ der Brüder KNAUSS (1750, Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg, Rosenzimmer) und ABRAHAM BREGUET’S berühmte Uhr No. 160 „Marie Antoinette“ (1827). Der Taktregulator JOHANN NEPOMUK MÄLZELS (1772-1838), der für LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770-1827) Hörrohre entwarf, wurde 1815 in Paris als Metronom patentiert und sollte fortan die musikalische Aufführungspraxis mitbestimmen. Aus der Feder Beethovens stammen, wie von JOACHIM DU BELLAY (1522-1560) vor ihm und FRIEDRICH SMETANA (1824-1884) nach ihm, ergreifende Selbstzeugnisse eines Schwerhörigen.

hojos
im August 2017

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