Die Kamillianer in Lainz

Seit 1906 sind sie für die Seelsorge im Versorgungsheim Lainz (heute Geriatriezentrum Am Wienerwald) zuständig. Dieses ist bald komplett abgesiedelt.
17.07.2015

Die von Kamillus von Lellis in Rom gegründete Gemeinschaft von Krankenpflegern wurde 1591 von Papst Gregor XIV. zum religiösen Orden erhoben. Die Verbindung von Krankenpflege und Krankenseelsorge war und ist das Leitmotiv dieser Gemeinschaft. Von Anfang an betreuten die Ordensbrüder unter Einsatz ihres Lebens die Opfer von Hungersnöten und Seuchen und die Verwundeten auf den Schlachtfeldern Europas. Im Zuge seiner Expansion etablierte sich der Orden auch außerhalb Italiens und ist heute weltweit tätig. Mehrmals waren gravierende Rückschläge hinzunehmen, die meist von staatlichen Repression ausgingen, und wiederholt waren es charismatische Einzelpersonen, die den Orden wieder aufrichteten und manchmal auch an seine ursprüngliche Sendung, nämlich den Dienst an Kranken und Alten, erinnerten. Das rote Kreuz, das die Kamillianer als ihr Erkennungszeichen am Ordensgewand trugen, war schon Jahrhunderte vor den von Henry Dunant ausgehenden Rotkreuz-Gesellschaften ein Symbol für Hilfe in Not.

Das Kamillianer-Kreuz. Das Erkennungszeichen der Kamillianer ist ein rotes Kreuz auf schwarzem Ordensgewand. Das daraus weiterentwickelte Logo verwendet gerne einen goldenen Strahlenkranz als Untergrund, wie hier auf einer Kerze in der Versorgungsheimkriche. Fotografiert am 15. Juli 2015 © Archiv 1133.at

Der Dienst am Krankenbett hat sich im Laufe der Zeit verändert. Heute betreut der Orden auch in eigenen, teilweise hochspezialisierten Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen die Patienten medizinisch-pflegerisch, psychologisch und seelsorglich in ganzheitlichem Sinn. In den fremden Krankenhäusern sind die Krankenhausseelsorge inkl. der Betreuung des Personals und die Mitarbeit in der Krankenpflegeausbildung die Schwerpunkte.

Spät, nämlich im Jahr 1906, begann der Orden auch auf dem Gebiet des heutigen Österreich zu wirken. Aus der deutschen Ordensprovinz wurden zwei Ordensleute zur Krankenseelsorge im 1904 eröffneten Versorgungsheim in Lainz zur Verfügung gestellt. Durch prominente Förderung kam sehr bald auch die Seelsorge in anderen Wiener Krankenanstalten hinzu, am Höhepunkt betreuten die Kamillianer 18 Wiener Spitäler, wozu auch das damalige Kaiser-Jubiläums-Spital (heute Krankenhaus Hietzing) gehörten. Die Niederlassung der Kamillianer in der Jagdschloßgasse war bald zu klein, und am 28. August 1910 wurde das mit adeliger und kommunaler Unterstützung gebaute Kloster Lainz mit seiner Kirche „Maria, Heil der Kranken” in der Versorgungsheimstraße 72 eingeweiht. Die Glasfenster am Treppenaufgang des Klosters zeigen die Porträts der adeligen Wohltäterinnen und Wohltäter.

Ausschnitt aus dem Gnadenbild „Maria, Heil der Kranken“, fotografiert am 15. Juli 2015. „Heilige Maria, … Du Heil der Kranken, bitte für uns!“ So lautet der Auszug aus der auf mittelalterliche Wurzeln zurückgehenden Lauretanischen Litanei, der diesem Gnadenbild und mehreren Kirchen den Namen gegeben hat, unter anderem der Kirche des Kamillianerklosters in Lainz. Das Gemälde wird seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts in der St. Magdalenen-Kirche der Kamillianer in Rom unter diesem Titel verehrt und hat einen prominenten Platz in der Kamillianergeschichte. Die Herkunft des Bildes liegt im Dunkeln, eine unkontrollierbare, von dem Kamillianerchronisten P. Regi aufgezeichnete Tradition nennt den berühmten Fra Angelico (+1455) als Künstler. Einen Nachweis gibt es nicht. Später soll das Bild die Privatkapelle der Päpste geschmückt haben. Erst seit dem Auftreten des Bildes in der Kamillianergeschichte gibt es sichere Nachrichten. Pater Simonio, ein Zeitgenosse des heiligen Kamillus fand es Anfang des 16. Jahrhunderts im Privatbesitz einer angesehenen römischen Dame und konnte erreichen, dass sie es der Magdalenenkirche des Kamillianerordens zur öffentlichen Verehrung überließ. Dem Bild wurde bald Wundertätigkeit zugesprochen, und es erlangte in ganz Italien und darüber hinaus Bekanntheit. Überall werden seine Nachbildungen verehrt, seit 1906 auch in Lainz. Seit 1991 wird jeweils am 16. des Monats ein Fürbittgottesdienst in der Versorgungsheimkirche vor der Nachbildung des Gemäldes abgehalten. © Archiv 1133.at

Wie der Orden als Ganzes hatte auch die Niederlassung in Österreich, die 1946 zu einer selbstständigen Provinz erhoben wurde, ein sehr wechselhaftes Schicksal und je nach politischer Konstellation auch einen wechselnden Wirkungsbereich. Im Zentrum blieb aber die umfassende Krankenhausseelsorge inklusive der seelsorglichen Betreuung der Ärzte und des Pflegepersonals und in weiterer Folge auch Fortbildungseinrichtungen und die Herausgabe von Druckwerken. Die österreichische Ordensprovinz verfügt über eine Niederlassung in Salzburg, die ebenfalls vorwiegend in der Krankenhausseelsorge und in der Krankenhausseelsorgeausbildung tätig ist.

Auch die Aufgaben des Klosters in Lainz waren unterschiedlich (Lazarett in Kriegszeiten, Exerzitienhaus, seit 2003 Noviziat etc.), mit Unterbrechungen blieb es aber geistiges und geistliches Zentrum des Ordens.

Seit 1946 sind das Versorgungsheim (zuletzt Geriatriezentrum Am Wienerwald) und das Lainzer Spital (heute Krankenhaus Hietzing) ein eigenes vom Kamillianerkloster geleitetes Pfarrgebiet mit Gottesdienststätten im Kloster (Klosterkirche „Maria, Heil der Kranken”), in der Kirche des Hl. Karl Borromäus im Geriatriezentrum, in der Kapelle zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit im Krankenhaus Hietzing und in der bescheidenen Kapelle des Neurologischen Zentrums Rosenhügel.

Eine der jüngeren Aktivitäten des Ordens ist die Unterstützung der Gemeinschaft der Kamillianischen Familien Österreichs. Dabei handelt es sich um Laiengruppen, die sich in den Pfarren um kranke und arme Menschen kümmern. Diese Idee ist sehr erfolgreich und mittlerweile in 24 Ländern der Welt wirksam, in Österreich in den Bundesländern Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg.

Doch die Krankenhausseelsorge als Hauptmission der Kamillianer ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen und beschränkt sich in Wien auf Einrichtungen in unserer Region: Das Geriatriezentrum am Wienerwald und das Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, also auf das eigene Pfarrgebiet. Das ist zu einem Gutteil eine Folge des überalterten und schrumpfenden Kollegiums der österreichischen Patres. Es gibt keinen heimischen Nachwuchs, die wenigen Novizen kommen durchwegs aus dem Ausland. Das ungarische Sprachgebiet mit dem 1996 aus Wien gegründeten Kloster in Nyíregyháza und Osteuropa im Allgemeinen ist eines der Hoffnungsgebiete des Ordens. Novizen kommen auch aus Indien, Afrika und Brasilien.

Die aus dem Ausland kommenden Priester geben dem Kloster in Lainz eine weitere wichtige Aufgabe, denn hier können sie am besten auf ihre österreichischen Aufgaben vorbereitet werden, inkl. der Festigung der deutschen Sprache. Es ist wohl ein ordensweites Phänomen, dass die Begeisterung, die einst aus Europa in die Welt hinausgetragen wurde, nun als deren spätes Echo unter anderem die österreichische Provinz am Leben erhält. Es steht aber auch außer Zweifel, dass dies weitere Änderungen in jeder Hinsicht zur Folge haben wird.

Die gegenwärtigen Änderungen in unserer Region betreffen vor allem das in Absiedlung befindliche Geriatriezentrum am Wienerwald und die zugehörige Versorgungsheimkirche, eine der schönsten Kirchen Wiens. Rektor und Krankenhausseelsorger ist Pater Edmund Dorner, der gemeinsam mit Pater Leonhard Gregotsch die täglichen Messen in dieser Kirche feiert. Ausgelastet war diese große ca. 800 Menschen fassende Kirche schon lange nicht mehr, denn es verringerte sich im Laufe der Zeit sowohl die Anzahl der praktizierenden Katholiken als auch die Anzahl der Pfleglinge und Patienten in der Geriatrie aufgrund steigender Standards in der Unterbringung. Jetzt hat ihr die Absiedlung der Geriatrie überhaupt das Hinterland genommen. Seit Ende Februar 2015 besteht das Geriatriezentrum Am Wienerwald nur mehr aus der Abteilung für Psychosoziale Rehabilitation am Pavillon XIV mit etwa 18 verbliebenen betreuten Personen. Dementsprechend karg ist auch die Beteiligung an den täglichen Messen mit rd. 5–8 Personen, an Sonntagen nicht viel mehr als 20.

Die Kamillus-Statue in der Versorgungsheimkirche. Der ursprüngliche Innenschmuck der Versorgungsheimkirche nimmt keinerlei Bezug auf den Kamillianerorden, da dieser erst zwei Jahre nach der Fertigstellung der Kirche die Seelsorge im damaligen Altersheim übernahm. Die Statue des Hl. Kamillus ist gleich hinter dem Kommuniongitter aufgestellt und zeigt ihn als Beschützer der Kranken. Hier haben viele Insassen des Pflegeheimes Trost gefunden, Bitten vorgetragen und Dank gesagt. Fotografiert am 15. Juli 2015 © Archiv 1133.at

Das zukünftige Schicksal der im Besitz der Gemeinde Wien stehenden Versorgungsheimkirche ist als logische Folge dieser Entwicklung völlig ungewiss, einen weiteren Schritt ins Ungewisse bedeutet die auch altersbedingte Entbindung Pater Dorners von seinen Pflichten als Krankenhausseelsorger und als Rektor der Kirche per 31. August 2015 durch den Bischof der Erzdiözese Wien. Pater Dorner wird bis auf Weiteres seinen Dienst mit gewissen noch festzulegenden Einschränkungen freiwillig versorgen und versuchen, den verbliebenen Patienten und dem Personal das Gefühl zu geben, dass jemand für sie da ist und ihre Leidensgeschichten und Probleme teilt.

hojos
18. Juli 2015