Abrissgefahr für die Schweizertalstraße 16 in Wien-Hietzing

Ein Beitrag von Dr. Gerhard Hertenberger im "Denkmail", den Nachrichten der Initiative Denkmalschutz Nr. 19 / Jänner–April 2015
26.05.2015

Biedermeier-Idylle, Literaten- Wohnhaus und ein Hauch von Afrika

In der Schweizertalstraße 16 in Ober St. Veit träumt ein altes Haus von seiner schillernden, ungewöhnlichen Vergangenheit. Doch der Traum könnte bald jäh beendet sein, wenn es dem neuen Eigentümer gelingt, mittels der legendären „technischen Abbruchreife“ das teilrenovierte Ensemble mitten in einer Schutzzone abzureißen und somit lukrativen Baugrund zu gewinnen.

1819 sind im franziszeischen Kataster noch zwei quer von der Straße abgehende Hausteile ohne Verbindung sichtbar, bald danach dürfte der heutige Straßentrakt errichtet worden sein. Die Grundmauern sollen sogar aus der Zeit vor 1683 stammen. Eine noble Toreinfahrt und ein Pawlatschengang auf der Gartenseite bieten ein stilvolles Vorstadtambiente, ergänzt durch eine romantische kleine Gartenvilla in gründerzeitlichem Stil. Nur die Straßenfront ist etwas schlicht – irgendwann wurde die gegliederte Fassade „glatt“ gemacht. Das Bundesdenkmalamt erließ nach einer Begutachtung keinen Denkmalbescheid, immerhin aber steht das Haus in einer Schutzzone der Stadt Wien.

Der Innenhof des Hauses Schweizertalstraße 16. Mit Seitentrakt und Veranda an der Rückseite des Hauptgebäudes. Fotografiert im Jahr 2010 © Archiv Rudolf Wawra
Plan der Straßenfront des Hauses Schweizertalstraße 16 mit gegliederter Fassade. Fotografiert im Jahr 2010 © Archiv Rudolf Wawra

Von Ober St. Veit nach Nordafrika

Am 7.6.1857 wurde in diesem Haus Rudolf Slatin geboren, dessen Lebenslauf so schillernd verlief, dass viele Verlage eine solche Abenteuergeschichte wohl als absurd ablehnen würden. Mit 17 Jahren brach Slatin die Schule ab und schlug sich nach Kairo durch, wo er als Buchhandelsgehilfe arbeitete. In Ägypten herrschten damals die Nachfolger Muhammad Alis als osmanische Vizekönige. Slatin bereiste ab 1874 den Sudan, wo er den in Oberschlesien geborenen, zum Islam konvertierten Afrikaforscher Eduard Schnitzer kennen lernte, der später als „Emin Pascha“ Gouverneur einer sudanesischen Provinz wurde. Schnitzers Empfehlung bewirkte, dass Slatin im Westsudan als Finanzinspektor arbeitete. 1881 wurde der Schulabbrecher Slatin aus der Schweizertalstraße sogar Gouverneur der westsudanesischen Provinz Darfur.

Die Zeit war unruhig: Im Süden bekämpften die osmanischen Vizekönige den Sklavenhandel, von Norden her eroberten die Briten Ägypten und den Sudan, und gleichzeitig wehrte sich eine Gruppe um den Religionsgelehrten Muhammad Ahmad gegen die britische Besatzung. Ahmad wurde von Anhängern als von Gott gesandter „Messias“ (Mahdi) verehrt, weswegen die blutigen Kämpfe der folgenden Jahre mit tausenden Toten auf beiden Seiten als Mahdi-Aufstand bezeichnet werden. Ende 1883 geriet Slatin in die Gefangenschaft von Ahmad und lebte 12 Jahre lang als Sklave im „Mahdi-Reich“. 1895 gelang ihm die Flucht, er schlug sich zu den Briten nach Kairo durch und schrieb einen Bestseller über seine Erlebnisse. Der ägyptische Vizekönig und die Briten verliehen Slatin den Titel „Pascha“ und gaben ihm hohe militärische Befehlsgewalt im Kampf gegen die Mahdi-Anhänger.

Nach der Vernichtung des Mahdi-Reichs wurde „Slatin Pascha“ von der britischen Königin Victoria in den Adelsstand erhoben, er wurde Truppeninspektor und suchte nach Schätzen. Auch Kaiser Franz Joseph adelte ihn, und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde „Freiherr von Slatin“ zum Geheimrat ernannt und heiratete in der Votivkirche eine um 16 Jahre jüngere Baronesse. Im Krieg leitete er für Österreich-Ungarn das Rote Kreuz und den Austausch der Kriegsgefangenen, und 1919 konnte er durch seine britischen Kontakte zusätzliche Kartoffel- und Kohlelieferungen nach Österreich ausverhandeln, was wohl vielen Menschen das Leben rettete. Mit einer Pensionszahlung der ägyptischen Regierung lebte er dann als Pensionist bei Meran und starb 1932 im Cottage-Sanatorium in Wien-Währing. Sein Grab befindet sich auf dem Ober St. Veiter Friedhof.

Das schillernde Leben zwischen Schweizertalstraße und Afrika wurde 2012 von Thomas Macho verfilmt („Slatin Pascha. Im Auftrag Ihrer Majestät“). Zur Filmpräsentation in Wien kamen sowohl der Enkel des Mahdi, Imam Ahmed Abd er-Rahman al-Mahdi, als auch Slatins Enkel George Galitzine, der dem Bezirksmuseum Hietzing Uniformen von Slatin Pascha übergab.

Makart-Festzug und Satire-Blatt

Als der 12jahrige Slatin noch zur Schule ging, kaufte der k. u. k. Hofmodewarenlieferant Christian Dürr 1869 das Nachbarhaus Schweizertalstraße Nr. 18 (siehe dazu „Die Häuser Schweizertalstraße 16 und 18“). Seine Tochter Bertha heiratete in die Schneiderfamilie Uzel ein, beide Familien sind mit dem pompösen Festzug vom 27. April 1879 verknüpft. Der Maler und Dekorationskünstler Hans Makart stellte anlässlich der Silbernen Hochzeit von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth die Landesgeschichte in einem Historien-Umzug dar. Ein damals vom Schneider Jakob Uzel getragenes Renaissance-Kostüm wurde vom Bezirksmuseum Hietzing 2003 erworben.

1908 kam auch Haus Nr. 16 in den Besitz von Bertha Uzel. An der vermutlich damals errichteten Gartenvilla steht heute noch ihr Familienname neben der Glocke und erzählt von einer längst vergangenen Zeit.

Noch eine Geschichte ist mit den alten Mauern der Schweizertalstraße 16 verbunden. Hier wohnte Anfang des 20. Jahrhunderts der Dichter und Schriftsteller Wilhelm Freiherr von Appel, der seit 1905 die Satire-Zeitschrift „Die Muskete“ herausgab. Sie zeichnete sich durch (eher unpolitische) Satiren und großformatige Zeichnungen aus und erschien meist wöchentlich bis 1941. Mit nur 36 Jahren starb Appel am 22.11.1911 in diesem Haus, wie auch eine Gedenktafel verkündet. Im Ersten Weltkrieg vermisst man in der „Muskete“ ein wenig die satirische Kritik am eigenen Land, am 3.9.1914 z.B. wird von Pflicht, Vaterland und „dem Feind entgegen bebenden“ Kriegern gedichtet. Gespottet wird nur über panisch flüchtende Gegner: „Hör´st Schurl, schau her - die attackieren mit dem Hintern voran!“ Im Herbst 1939 ist die Zeitschrift sehr sanft geworden, es werden harmlose Berichte über Filmstars, Anekdoten und Plaudereien abgedruckt.

„Ein bissl die Zeit stehen geblieben“

Noch lange blühte das Haus, in seinen Geschäftslokalen gingen Kunden aus und ein, und im Garten schwelgten die Bewohner in einer grünen Oase. Um 2009 kaufte ein Immobilien-Händler das Ensemble und pries in einem Prospekt das „seltene Kleinod“ an: „Altwienerhaus, Straßentrakt um 1800 erbaut. Die Gewölbeeinfahrt, die ehemaligen Pawlatschen und viele andere Details weisen unverkennbar auf die Biedermeierepoche hin. Im abgeschirmten Hofgarten liegt die idyllische Gartenvilla mit leicht ausbaubarer Mansarde und großzügigem Souterrain. Alle Wohnungen haben Gasetagenheizung und sind teilrenoviert.“ Und er zitiert seinen Fotografen: „Dort ist ein bissl die Zeit stehen geblieben! Wenn Sie mal in einem Liegestuhl an einem Sommermorgen Musik hören würden, inmitten all dem ruhigen kühlen Grün, dann hätten Sie dort ein kosmisches Erleuchtungserlebnis“.

Gekauft wurde das Kleinod kurz darauf allerdings von der Firmengruppe Raiffeisen, die zunächst auf mehreren Webseiten unter der Überschrift „Wohnen beim Lainzer Tiergarten“ von einer teilweisen Erhaltung spricht: „Elegante Architektur: Die Kombination aus generalsaniertem Altbau und harmonisch angepasstem Neubau ergibt eine kleine elegante Wohnanlage, die perfekt in die beliebte Wohngegend passt“, schreibt Raiffeisen und schwärmt: „Zum liebevoll bewahrten ländlichen Charakter kommen eine Vielzahl an Einkaufsmöglichkeiten.“ Unter anderem werden auf der Webseite hochwertige Markenprodukte im Sanitärbereich angekündigt, sowie falls gewünscht ein passender Ablebensschutz.

Die Abbildungen zeigen die nackte Hinterseite der Hermes-Statue bei der gleichnamigen Villa. Die ungünstige antike Symbolik war dem Gestalter der Webseite vermutlich nicht klar. Inzwischen hat Raiffeisen als Eigentümer einen Antrag auf Komplettabbruch gestellt, der in diesen „liebevoll bewahrten ländlichen Charakter“, mitten in die Schutzzone, eine schmerzende, klaffende Lücke schlagen würde.

Technische Abbruchreife?

In Schutzzonen kann man Bauten laut § 60 d der Bauordnung – vereinfacht formuliert - nur abreißen, wenn an der Erhaltung kein öffentliches Interesse besteht, oder wenn der Erhaltungszustand so schlecht ist, dass eine Instandsetzung nicht gerechtfertigt erscheint (z. B. „technische Abbruchreife“). In der Bezirkszeitung (BZ) vom 21.1.2015 erklärte die Raiffeisen (RBI)-Pressesprecherin, man habe „desolate Dach- und Deckenkonstruktionen, massive Feuchtigkeitsschäden und mangelhafte Fundierungen“ festgestellt. Ein Gutachten attestiere eine technische Abbruchreife, es sei laut Gutachten kein Gebäudeteil zu erhalten, sodass man einen Antrag auf Komplettabbruch eingereicht habe.

Offenbar sieht das in den involvierten Institutionen (Investor, Behörde, Gutachterbüro) nicht jeder so. Der Initiative Denkmalschutz wurden Informationen und Fotos zugespielt, die (bis auf feuchte Mauern im Erdgeschoß wegen unbeheizter Leerräume) zumindest beim Straßentrakt einen durchaus brauchbaren Erhaltungszustand vermuten lassen. Eine Erhaltung wäre also definitiv machbar und im Kontext der Schutzzone auch wünschenswert. Ein Neubau wäre allerdings für den Eigentümer gewiss lukrativer. Auch Bezirksvorsteherin Silke Kobald wirkt misstrauisch, sie plädiert in der Bezirkszeitung für den Erhalt des historischen Ensembles: „Ein Aushebeln der Schutzzonenregelung durch eine Hintertür ist inakzeptabel.

Dippelbaumdecke am Dachboden des Hauses Schweizertalsstraße 16. Der Initiative Denkmalschutz zugespielte Fotos vom Biedermeier-Straßentrakt lassen einen durchaus brauchbaren Bauzustand vermuten. Hier ein offenbar vom Gutachter freigelegter Balken der Dippelbaumdecke am Dachboden. © privat

Schwierige Kommunikation

Ich fragte die RBI-Pressesprecherin am 17.2. telefonisch, ob sie in dem BZ-Artikel korrekt zitiert worden sei, und erfuhr am 23.2. per Mail, das Zitat sei korrekt, und das Gutachten sei „von einem unabhängigen [...] Gutachter“ erstellt worden. Am folgenden Tag wurde mir mitgeteilt, dass ich die Presse-Dame zwar anrufen dürfe, man aber das Thema (Schweizertalstraße 16) über das Zeitungszitat hinaus nicht diskutieren werde.

Die im Internet für das Bauprojekt als zuständig genannte Ansprechpartnerin bei der Raiffeisen Bausparkasse erwiderte am 24.2. auf meine Frage, ob man nun teilerhalten (wie die Webseite sagt) oder komplett abreißen wolle (siehe Bezirkszeitung), sie müsse erst nachfragen, jemand werde mich zurückrufen. Mich rief bis zum 3.3. niemand zurück, und ich habe kaum je so viele fruchtlose Anrufversuche gemacht wie in diesen 14 Tagen („nicht da“, „in Besprechung“, „wird rückrufen“).

Ich ersuchte am 3.3. darum, in das Gutachten, das die „technische Abbruchreife“ angeblich nachweist, Einsicht nehmen zu dürfen, oder von Raiffeisen die Schäden am Haus gezeigt zu bekommen, um die Behauptungen des Whistleblowers aus der Welt zu schaffen. Am 5.3. teilte mir Raiffeisen (mit Mail-Kopie an 6 weitere Raiffeisen-Funktionäre!) mit, dass weder eine Einsichtnahme ins Gutachten, noch eine Schadensbegutachtung vor Ort möglich sei. Grund wurde keiner genannt, obwohl ich für den Fall der Ablehnung um eine Begründung gebeten hatte.

Derzeit schaut es danach aus, dass auf dem Areal eine Totalzerstörung aller Gebäudeteile stattfinden wird, wenn die Behörde dem Gutachten Glauben schenkt.

Dr. Gerhard Hertenberger
26. Mai 2015