Die Wiener Rosenhügel-Filmstudios

Ein Beitrag von Mag. Wolfgang Burghart und Dr. Gerhard Hertenberger, veröffentlicht im Denkma[i]l Nr. 18 / September-Dezember 2014, der Zeitschrift der Initiative Denkmalschutz
04.02.2015

Die Rosenhügel-Filmstudios im 23. Wiener Gemeindebezirk (Bezirksteil Mauer, Speisinger Straße 121) sind ohne Zweifel der bedeutendste erhaltene Schauplatz der österreichischen Filmgeschichte. Von den 1920er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit wurden am Rosenhügel Filme gedreht, darunter nicht wenige bis heute bekannte Klassiker. Kürzlich wurden das Gelände an private Investoren verkauft, die 200 Wohnungen und einen Supermarkt anstelle der Studio-Bauten errichten wollen. Gegen einige Widerstände konnte das Bundesdenkmalamt immerhin die zwei wichtigsten Gebäude unter Schutz stellen: die „Halle 1“ und die sog. „Synchronhalle“ bleiben erhalten und sollen umgenutzt werden. Dazu hat der Industriearchäologe Oliver Schreiber die Geschichte der beiden außergewöhnlichen Hallen, die sowohl filmhistorische als auch technische Denkmäler von Rang sind, ausführlich erforscht.

Die Straßenansicht der Rosenhügel-Filmstudios, Speisinger Straße 121. Fotografiert am 28. September 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Die Stummfilmzeit 

Am Anfang der Filmproduktion auf dem Rosenhügel steht das Filmpionier-Paar Anton und Luise Kolm, die 1910 die „Wiener Kunstfilm-Industrie“ gründeten, aus der 1919 die „Vita-Film“ hervorging. Für ihre florierende Filmproduktion erwarben sie die Grundstücke einer am Rosenhügel bestehenden Meierei (Ausflugslokal) und beauftragten den Architekten Leopold Simony 1919 mit dem Bau eines Filmstudios.

Was Simony, der hauptsächlich als Architekt von Wohnhausanlagen hervorgetreten ist, am Rosenhügel entwarf, war ein in vielerlei Hinsicht höchst innovativer Bau: Erste Planungen als Tageslichtstudio wurden geändert, als sich mit den neu aufgekommenen Jupiterlampen die Möglichkeit abzeichnete, tageslichtunabhängig zu filmen. Mit der 1923 eröffneten Aufnahmehalle („Halle 1“) entstand somit das erste Kunstlichtstudio Europas: eine Stahlbetonhalle von 24 m Breite, 90 m Länge und 16 m Höhe, deren Rahmenbinder als Zweigelenksfachwerkbögen ausgebildet sind, was es ermöglichte, Laufstege, Kranbahnen und Beleuchtungskörper in zweckdienlicher Weise unterzubringen. Die Lampen selbst waren über ein von der renommierten Aufzugfirma A. Freißler entwickeltes System an Kranbahnen so zu disponieren, dass die maximale Lichtstärke an jedem Punkt der Halle zum Einsatz kommen konnte. Eine weitere Besonderheit stellt die Versenkung in der Mitte der Halle dar, die normalerweise mit Holzbohlen abgedeckt ist, aber geöffnet als Freitreppenaufgang oder als Wasserbecken verwendet werden konnte. Das Wasser selbst konnte mittels aufwändiger Technik innerhalb kurzer Zeit erwärmt werden, seitlich angebrachte Nischen ermöglichten zudem auch Unterwasseraufnahmen. Zusätzlich gab es im Außenbereich eine 25 Meter große Drehscheibe, die einen Kulissenaufbau bei lang dauernden Dreharbeiten dem Sonnenstand nachführen konnte.

Die Rosenhügel-Filmstudios. Originalkräne der "Halle 1": Diese wurde 1923 als erste europäische Kunstlicht-Aufnahmehalle von der Stummfilm-Produktionsfirma "Vita-Film" (1919–1924) eröffnet. Fotografiert am 23. November 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger
Die Rosenhügel-Filmstudios. Originalkräne der "Halle 1": Diese wurde 1923 als erste europäische Kunstlicht-Aufnahmehalle von der Stummfilm-Produktionsfirma "Vita-Film" (1919–1924) eröffnet. Fotografiert am 23. November 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Noch vor Fertigstellung des Studios wurde am Gelände 1922 der Monumentalfilm „Samson und Delila“ gedreht. Die Möglichkeiten der „Halle 1“ allerdings konnte die Vita-Film selbst  nur kurze Zeit nutzen, denn bereits 1924 ging die Firma aufgrund der Konkurrenz billig produzierter amerikanischer Kinofilme pleite. Bis 1933 standen die Studios weitgehend leer, dann übernahmen die Gebrüder Pilzer, jüdische Unternehmer, mit der von ihnen übernommenen Sascha-Film den Rosenhügel. Sie führten die Tontechnik ein und produzierten am Rosenhügel 1934 den ersten großen Willi-Forst-Film, „Maskerade“.

Der Einstieg des deutschen Tobis-Tonbild-Syndikats als Investor hatte zur Folge, dass ab 1935 keine jüdischen Schauspieler und Regisseure mehr beschäftigt wurden. Durch Fälligstellung von Krediten wurden die "nicht-arischen" Pilzer-Brüder aus ihrem eigenen Unternehmen gedrängt, das 1938 schließlich als "Wien-Film" neu gegründet wurde und nun endgültig der deutschen Reichsfilmkammer unterstand. Wien wurde neben Berlin, München und später Prag ein Zentrum der Filmproduktion des Deutschen Reichs, zu diesem Zweck wurde das Rosenhügel-Areal großzügig ausgebaut.

Babelsberg an der Donau

Insgesamt sollen 17 Millionen Reichsmark in den Ausbau der Studios gesteckt worden sein, noch teurer waren hochfliegend geplante, aber kriegsbedingt nicht realisierte Vorhaben: Vorgesehen waren eine unterirdische Bahn-Station und ein eigener Flugplatz zum Einfliegen von Schauspielern, sowie 1944 das Projekt von vier riesigen Holzhallen, wo wechselnder Auf- und Abbau ein permanentes Drehen ermöglichen würde. Für deren Bau kamen im Februar 1945 umfangreiche norwegische Holzlieferungen in Mauer an: Aus ihnen wurden nach Kriegsende Baracken errichtet, die erst jüngst abgerissen wurden.

Die ehemaligen Holzbaracken am Gelände der Rosenhügel-Filmstudios. Sie entstanden aus dem Holz, das 1944 für große Holzhallen gedacht war und wurden erst jüngst abgerissen. Fotografiert am 2.Oktober 2012 © Erich J. Schimek

Innerhalb des NS-Staates hatten die Wiener Studios ihren Schwerpunkt auf Musik- und "Kulturfilmen" – u.a. entstanden hier die meisten Willi-Forst-Filme – weshalb auf akustische Erfordernisse wesentlich mehr Wert gelegt wurde als beispielsweise in Berlin-Babelsberg. Ergebnis dieser Bemühungen ist die 1938–1941 errichtete, für Tonaufnahmen (insbesondere mit den Wiener Philharmonikern) gedachte „Synchronhalle“ (Halle 6), die im Wesentlichen unverändert erhalten ist. Durch ihre zweischalige Bauweise ist sie gegen Vibrationen und Störgeräusche optimal abgeschirmt – um 1940 wurden außerhalb sogar Probesprengungen vorgenommen, um den damals geplanten U-Bahn-Bau zu simulieren.

Die Rosenhügel-Filmstudios. Die Akustik und Schallisolierung der "Synchronhalle" gilt heute noch als außergewöhnlich gut. Hier wurde und wird künftig Filmmusik für Kinofilme produziert. Fotografiert am 2. Oktober 2012 © Erich J. Schimek

Herzstück der technischen Ausstattung war eine elektropneumatische Orgel der 1940er Jahre, mit der neben verschiedenen Klangfarben auch zahllose Geräusche erzeugt werden konnten – Pferdegetrappel, Donner, Kuhglocken, Wind, Meeresbrandung und vieles mehr. Das einmalige Stück ist bis heute erhalten.

Die Rosenhügel-Filmstudios. Diese original erhaltene elektropneumatische Orgel aus den 1940er Jahren kann nicht nur Musik in verschiedenen Klangfarben, sondern auch diverse Geräusche erzeugen. Fotografiert am 28. September 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Von besonderem Interesse sind weiters die originalen Schneideräume, die ebenso wie die große Tonaufnahmehalle durch trapezförmigen Grundriss eine besonders gute Akustik aufweisen. Hier sind die Spezialschränke für die hochbrennbaren Filmrollen (samt Belüftungsvorrichtung) erhalten geblieben.

Die Rosenhügel-Filmstudios. Außenansicht der 1938–41 errichteten "Synchronhalle" zur Nachvertonung von Tonfilmen. Wegen der hochbrennbaren Zelluloidfilme gab es bei den Schneideräumen "Fluchtbalkone". Fotografiert am 28. September 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Entwicklung nach 1945

Den Zweiten Weltkrieg überstanden die Rosenhügel-Studios unbeschadet, sie wurden 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen, die hier – wie teilweise auch die Amerikaner – ihre entsprechenden „Kulturfilme“ synchronisierten. Daneben entstanden auf dem Gelände Produktionen wie G.W. Pabsts „Der Prozess“ oder auch der erste österreichische Farbfilm „Das Kind der Donau“ mit Marika Rökk. Nach dem Abzug der Sowjets wurden die Studios von der nun staatlichen Wien-Film an verschiedene Produktionen vermietet. 1966 kaufte der ORF das Areal und produzierte hier u.a. die Heinz-Conrads-Sendungen, die Kinofilm-Produktion kam fast zum Erliegen. Ein privater Investor plante 1990 schließlich den Einbau eines Supermarkts in die Synchronhalle und ein großes Einkaufszentrum, was durch das Engagement des ORF-Generalintendanten Thaddäus Podgorski knapp verhindert werden konnte: Der ORF kaufte das Areal zurück und verpachtete es an die „Filmstadt Wien GmbH“, die den Rosenhügel bis zuletzt recht erfolgreich bewirtschaftete. Am Rosenhügel entstanden beispielsweise "Der Bockerer II" (1996), „Comedian Harmonists“ (1997) oder „Die Klavierspielerin“ (2001).

Rosenhügel Studios, Filmstadt Wien. Fotografiert am 2. Oktober 2012 © Erich J. Schimek
Die Rosenhügel-Filmstudios. Alle Gebäude der legendären Filmstadt Rosenhügel bis auf zwei Hallen werden derzeit abgerissen, so auch dieser malerische Gebäudeflügel aus der Zwischenkriegszeit. Fotografiert am 28. September 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Filmmusik neben Wohnen

Nun hat der ORF neuerlich verkauft, derzeit läuft der Abbruch des historischen Filmstudio-Ensembles mit Ausnahme der Hallen 1 und 6. Während die künftige Nutzung der Halle 1 noch ungeklärt ist, scheint die Zukunft der Synchronhalle gesichert: Sie gehört neben Hallen in London und Los Angeles akustisch zu den fünf besten Tonaufnahmeorten der Welt und soll u.a. zur Vertonung internationaler Kinofilme genutzt werden. Die „Vienna Symphonic Library“ als neuer Eigentümer der Halle plant hier ein Aufnahmestudio, das dem neuesten Stand der Technik entspricht. Bei den notwendigen Adaptierungen soll der alte Bestand aus den 1940er Jahren erhalten bleiben, im Bereich des „Kleinen Aufnahmestudios“ allerdings  unsichtbar hinter einer inneren dritten Schale (zwecks Schalldämmung) und unter neu verlegten Böden.

Die Rosenhügel-Filmstudios. Der Abbruch, fotografiert am 29. Jänner 2015 © Dr. Gerhard Hertenberger
Die Rosenhügel-Filmstudios. Die Akustik und Schallisolierung der "Synchronhalle" gilt heute noch als außergewöhnlich gut. Hier wurde und wird künftig Filmmusik für Kinofilme produziert. Fotografiert am 28. November 2014 © Dr. Gerhard Hertenberger

Die tagesaktuelle Webseite der Initiative Denkmalschutz, die über vom Abbruch bedrohte Bauten berichtet, lautet https://www.facebook.com/Initiative.Denkmalschutz

Mag. Wolfgang Burghart / Dr. Gerhard Hertenberger / Redaktion Denkma[i]l
im Dezember 2014