Die letzte Ruhestätte des Josef-Afritsch-Heimes

Die abgebrochenen Mauern wurden recycelt und teilweise zur Wegbefestigung im Lainzer Tiergarten verwendet.
05.10.2013

Die Wogen gingen hoch, und eine Bezirkszeitung sekundierte artig mit offensiven Fragen und natürlich ohne fundierte Antworten.

Es stimmt, dass ein Teil der an Ort und Stelle recycelten Mauern des ehemaligen Afritschheimes auf einigen Wegen im Lainzer Tiergarten aufgebracht wurde. Hannes Lutterschmied, Leiter der zuständigen Forstverwaltung Lainz, begründet das mit folgenden Argumenten:

Jeder Eingriff in das Europaschutzgebiet Lainzer Tiergarten ist über einem Managementplan geregelt. Eines der ökologisch wertvollen Charakteristika ist der hohe Eichenanteil in allen Lebensphasen, von der Jungpflanze bis zum liegenden Totholz. Die Eiche gilt als sehr wertvoller Lebensraum, da diese äußerst langlebig ist und auch die Zerfallszeit durch den hohen Anteil an eingelagerten zersetzungshemmenden Stoffen viele Jahrzehnte einnimmt. Somit finden hier viele Arten über eine lange Zeit ein Habitat. Allerdings ist die Eiche wegen ihrer Lichtbedürftigkeit sehr konkurrenzschwach. Um diese Baumart als Produkt jahrhundertelanger menschlicher Bewirtschaftung nachhaltig in ihrer Zahl zu halten bzw. zu steigern, sind Eingriffe durch den Menschen unumgänglich.

Diese pflegerischen Maßnahmen erfordern nach heutigen forstwirtschaftlichen Usancen befestigte Wege. Nach eingehenden Überlegungen führten folgende ökologischen und wirtschaftlichen Argumente zur Verwendung dieses Recycling-Materials für den Unterbau der Wege:

  • Das Material ist entsprechend dem Gutachten eines unabhängigen Institutes für diesen Zweck geeignet. Eine Beimischung anderen Materials (Pappe, Plastik etc.) von maximal 1% wird dabei als biologisch unbedenklich erachtet.
  • Der kurze Anfahrtsweg spart weite Transportwege.
  • Die Verwendung recycelten Materials ist der Ausbeutung von Steinbrüchen vorzuziehen.
  • Das Material wird kostenlos geliefert.

Diese Argumente scheinen durchaus stichhaltig genug zu sein, um aus der Sicht der Forstverwaltung die Verwendung des Materials zu rechtfertigen. Dem umweltbewussten Laien bleibt aber doch eine gewisse „kognitive Dissonanz“. Das beginnt mit der optischen  Unverträglichkeit von Bauschutt inkl. zertrümmertem Lilienporzellan und Wald. Diese „Faust auf's Aug“ ist gottseidank nur von vorübergehender Dauer, denn auf diesen Unterbau soll das übliche Greder-Material aufgetragen werden. Bleibt die Tatsache, dass es nach heutigen Kriterien als zulässig und sogar biologisch einwandfrei erachtet wird, wenn ein gewisser Anteil an Beimengung, der als chemisch unbedenklich eingestuft wird, in den Wald gelangt.

In der Bewertung dieser Tatsache, die wohl niemand als wirklich umweltfreundlich einschätzen kann, wird die Diskussion allerdings sehr grundsätzlich, und es wäre heuchlerisch, sie auf dem Rücken der Forstverwaltung Lainz auszutragen. Denn es ist allgemein tolerierte Praxis, einen beachtlichen Teil der Stoffwechselprodukte unserer Gesellschaft über die Welt zu verteilen. Myriaden Auspuffe und Schlote, immer mehr Deponien für Müll und Filterkuchen von Verbrennungsanlagen, achtlos verstreuter Müll bis hin zum knöcheltiefen Event-Müll, den der Wind verbläst, aufsteigende Luftballons zu allen Gelegenheiten, die immer häufigeren Hochwässer mit überlaufenden Kanalisationen und ihren gigantischen Schmutzwellen und vieles andere an vorsätzlicher oder fahrlässiger Verschmutzung lassen kaum noch einen Quadratmeter Natur unbelastet. Letztendlich sind auch die Weltmeere durchgehend kontaminiert, und es bilden sich sogar ganze Kontinente aus Müll. Und das ist erst der Anfang, denn die mittlerweile meistgeförderte Praxis unsere Zeit ist die Dämmung der Häuser mit Weich- und Hartschaum aller Art. Es darf geraten werden, wie das in gigantischen Mengen anfallende Abbruchmaterial dieser Verbundstoffe aussehen wird, und zu welchen Grenzwerten sich die Behörden steigern werden, um deren Deponie (im Wald?) zu ermöglichen.

Und wie haben unsere Parteien, die sogenannten „Grünen“ inklusive, im Zuge des jüngst vergangenen Wahlkampfes zur evidenten Umweltproblematik (siehe auch Klimabericht der Vereinten Nationen) Stellung genommen? Zugunsten der üblichen Wachstumsforderungen haben sie dieses Thema – wie gewohnt und sehr geflissentlich – negiert. Und sie wurden trotzdem gewählt.

hojos
Am 5. Oktober 2013