Alt-Hietzing

Die Geschichte des Hietzinger Bezirksteiles kurz und bündig

Die Einwanderer

Hietzing kann als der Ort bezeichnet werden, an dem die Leute des Hezzo wohnten. "Hez(z)o" ist eine Kurzform von "Heinrich". Die Endung "-ing" ist typisch für Ortsnamen in Bayern, und von dort drangen im 9. Jahrhundert n. Chr. die ersten deutschen Einwanderer bis in unseren Raum vor. Die sozialen Strukturen dieser ersten Einwanderer werden aber die Einfälle der Ungarn bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich nicht überdauert haben.

Es ist daher anzunehmen, dass der Dorfkern entlang der heutigen Altgasse seine Wurzeln in der folgenden Einwanderung zur Zeit der ersten Babenberger hat. Urkundlich wird der Ort erstmalig um 1130 im Klosterneuburger Traditionskodex erwähnt. Das Stift Klosterneuburg hatte schon in frühester Zeit Grundbesitz in Hietzing und war ab dem 13. Jahrhundert der alleinige Grundherr.

Das Dorf

Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Hietzing ein kleines Dorf, dessen Bevölkerung von der Landwirtschaft lebte. Die dafür erforderlichen, umfangreichen Rodungen waren selbst in der Mitte des 15. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen. Die wichtigste Einnahmequelle war, wie bei fast allen Orten entlang den Abhängen des Wienerwaldes, der Weinbau. Im 16. Jahrhundert soll es in Hietzing fast nur noch Weingärten gegeben haben, die allerdings zu einem großen Teil im Fremdbesitz standen, z. B. von Bürgern der Stadt Wien.

Als Gewerbsleute im Ort werden ein Bäcker und ein Fleischhauer genannt, später auch ein Schneider. Schon im Mittelalter entstanden zwei Mühlen, die von einem den Wienfluss entlangführenden Mühlbach angetrieben wurden. Die eine stand im Bereich der heutigen Lainzer Straße 10, die andere verödete bald und wurde in der Zeit Maria Theresias durch das Kaiserstöckl ersetzt. Ein Steinbruch in der Gegend des heutigen Hietzinger Friedhofs soll Material an die Dombauhütte zu St. Stefan geliefert haben, später wurde aus ihm Material zum Bau des Schlosses Schönbrunn abgebaut.

Wie alle Orte in der Region wurde auch Hietzing zum Opfer verschiedener Kriegsereignisse und anderer Katastrophen, die Menschen, Bauwerke und landwirtschaftliche Flächen arg in Mitleidenschaft zogen  und manchmal sogar eine Neubesiedelung erforderlich machten. In die Zeit der ersten Türkenbelagerung 1529 spielt die Legende von der wundersamen Befreiung der vier von Janitscharen gefangenen Männer durch eine Marienerscheinung, die ihnen "Hiet's enk!" zugerufen haben soll. Davon habe der zerstörte Ort, dessen Name vergessen worden sei, seinen neuen Namen erhalten. Die zu Ehren Mariens errichtete Hietzinger Kapelle, die schon zuvor einige Bedeutung als Wallfahrtsort erlangt hatte, wird von dieser Legende weiter profitiert haben.

Vor allem die Türkenkriege und die Pestepidemien von 1679 und 1713 förderten das religiöse Empfinden und die Wallfahrten zu Marienverehrungsstätten wie der in Hietzing. Vom Stift Klosterneuburg wurde alljährlich eine Prozession nach Hietzing geführt. 1738 wurden in Hietzing angeblich 20 Messen pro Tag gelesen und annähernd 6000 Menschen sollen damals jährlich die hl. Kommunion empfangen haben. Doch mit den Reformen Josephs II. fanden die Wallfahrten 1772 ein jähes Ende.

Bis dahin war Hietzing trotz der vielen Besucher ein kleines Dorf geblieben. Das älteste Verzeichnis der Einkünfte des Stiftes, das Urbar aus dem Jahre 1258, zählte 15 Häuser bzw. Bauernwirtschaften unterschiedlicher Größe. Für 1428 wurden in Hietzing 17 bewohnte Güter bezeugt, und sogar in der Zeit Josephs II. zählte Hietzing nur 29 Häuser bzw. 273 Einwohner. Größere Bedeutung hatte bis zu dieser Zeit z. B. das benachbarte St. Veit an der Wien mit seinem Erzbischöflichen Schloss. Es hatte über all die Jahrhunderte seiner früheren Geschichte um die 90 Häuser und über 800 Einwohner. Außerdem war dort der Sitz des auch für Hietzing zuständigen Landgerichtes. Das Stift Klosterneuburg als Grundherr Hietzings war für die niedere Gerichtsbarkeit zuständig.

Schönbrunn

Doch mit dem Neubau des Schlosses Schönbrunn, das unter Maria Theresia im Wesentlichen seine heutige Gestalt erhielt, und mit der kaiserlichen Hofhaltung setzte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Wandel ein, der Ortsbild und soziale Struktur grundlegend veränderte.

Adelige und Bürger, aber auch Schmarotzer und Spekulanten wurden angezogen. Nicht nur der Weinbau, der schon an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert den ersten Rückgang verzeichnete und nach der Türkenbelagerung 1683 weitgehend dem Ackerbau gewichen war, verschwand endgültig, sondern auch das Interesse an jeder Landwirtschaft. Das Vermieten bot viel einträglichere Verdienstmöglichkeiten.

Die damit verbundene rege Bautätigkeit schildert anschaulich Adalbert Stifter in seinen 1844 erschienenen "Landpartien": "Da ist zum Beispiel Hietzing, ein Dorf am Ende des Schönbrunner Parks, wo es im Sommer so gedrängt ist, wie fast in keinem Teil der Stadt selbst. Das Dorf vergrößert sich aber auch so, dass es eigentlich eine Stadt ist, mit Gassen, in denen man sich in der Tat vergehen kann."

Die neue Bautätigkeit ab 1755 betraf zunächst vorwiegend die Gründe nördlich der Hietzinger Hauptstraße und bald  entstanden auch die ersten Häuser an der Hietzinger Hauptstraße zwischen Wienfluss und Kirche. In der Folge waren auch die Gründe südlich der Hietzinger Hauptstraße und der Lainzer Straße betroffen, und schließlich entstand das Gassennetz südlich der Altgasse zwischen Lainzer Straße und Maxingstraße.

Damit ergab sich auch eine gewisse soziale Teilung, denn der alte Ortskern um die Altgasse blieb den eingesessenen Kleinbauern und Taglöhnern, während im neuen Ortsteil meist Leute gehobener sozialer Stellung wohnten, die in Hietzing oft nur den Sommer verbrachten. Die Gesamtzahl der Häuser war bis 1819 auf 160 gestiegen.

Interessante, aber nicht mehr bestehende Beispiele für Bauten des Adels in Hietzing in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren u. a. die um 1830 errichtete Villa des kaiserlichen Leibarztes Johann Malfatti am nördlichen Abhang des Küniglberges und die um 1840 für den Naturforscher und Reiseschriftsteller Karl Alexander Anselm Freiherr von Hügel errichtete Villa in der Auhofstraße 15.

Ausschnit aus dem Franziszeischen Katasterplan 1819. In einer Bearbeitung des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen 1971. Er zeigt das Zentrum von Alt-Hietzing mit der heutigen Altgasse. Auch die heutige Hietzinger Hauptstraße war längst angelegt. Der eingezeichnete Mühlbach verlief nördlich der Hietzinger Hauptstraße. Rot hervorgehoben sind jene alten Gebäude, die zumindest bis 1971 existierten. Eingezeichnet sind auch die alten Hausnummern (Konskriptionsnummern, CN). Die Häuser CN 1 und 2 zeigen noch den Grundriss der Häuser auf dem Titelbild dieses Blatt'ls und werden im Protokoll als herrschaftliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude bezeichnet. Das Haus CN 3 gehörte dem Bäckermeister Franz Hartmann.

Das Gewerbe

Der Aufschwung des Ortes machte neben dem alt eingesessenen auch andere Gewerbe lebensfähig. Es siedelten sich ein Chirurg (Wundarzt), ein Apotheker (die Apotheke befand sich schon damals im Hause CN. 17, jetzt Hietzinger Hauptstraße 24), ein Kaffeesieder, ein Schlosser, ein Uhrmacher und ein Webermeister an. Eine bedeutende Industrie konnte sich in Hietzing aber nicht entwickeln.

Gasthäuser haben in Hietzing eine überproportionale Rolle gespielt, zuerst wegen der Wallfahrtstätigkeit und dann wegen der Nähe zum kaiserlichen Hof. Beispielsweise wird von einem herrschaftlichen Schankhaus berichtet, das als Einkehrgasthaus für Wallfahrer diente (CN 2 = Am Platz 2) und während der Zweiten Türkenbelagerung niedergebrannt wurde. Ab 1649 gab es am Beginn der heutigen Auhofstraße ein Schankhaus "Zum Schwarzen Hahn" (im Plan oben CN 27). Darin stiegen in erster Linie die Wallfahrer nach St. Veit ab. Der "Schwarze Hahn" hat aber auch mit der Überleitung zum neueren Hietzing zu tun, denn der Schwiegersohn des "Hahnwirtes" hieß Ferdinand Dommayer. Er etablierte ab 1823 die bekannteste Gaststätte des Ortes, das Dommayersche Casino in der Hietzinger Hauptstraße 12 (später 10–14). Dieses wurde vor allem durch seine Konzertaufführungen und Ballveranstaltungen zu einem Begriff in ganz Wien und ist eng mit dem Namen Strauß verbunden. Doch auch diese Zeit verblasste und 1907/08 wurde an seiner Stelle das Parkhotel Schönbrunn errichtet.

Ein weiteres Vergnügungsetablissement war von 1867 bis etwa 1882 zwischen Lainzer Straße, Neue-Welt-Gasse und Hietzinger Hauptstraße die "Neue Welt". Nach dem Niedergang des Unternehmens parzellierte man den Grund, legte Aufschließungsstraßen an, und es entstand ein neues Villenviertel, das "Hietzinger Cottage".

Als immer mehr Menschen in Hietzing und Ober-St. Veit sesshaft wurden, benötigte man effizientere Verkehrsverbindungen als die alten Zeiselwägen und später die Stellwägen. 1869 wurde eine Pferdetramwaylinie von der Ecke Mariahilferstraße-Gürtel zur heutigen Kennedybrücke (später bis zur Dommayergasse) geführt. Von 1897 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden die Linien nach und nach elektrifiziert. Ab 1898 wurde die Stadtbahn im Wiental in Betrieb genommen und bis 1981 das letzte Teilstück der U4.

Die Eingemeindung nach Wien

Die politische Selbständigkeit des bis dahin auf über 300 Häuser gewachsenen Ortes Hietzing endete 1892. Gemeinsam mit Hacking, Lainz, Ober St. Veit, Speising, Unter St. Veit und anderen, nördlich des Wienflusses gelegenen Orten, die heute den 14. Gemeindebezirk bilden, wurde er zum 13. Wiener Gemeindebezirk. Da er diesem auch den Namen gab, sollte er als Bezirksteil "Alt-Hietzing" genannt werden.

hojos
im Mai 2013