Eine neolithische Ansiedelung in Wien

Der Maler und Anthropologe Ludwig Hans Fischer nahm im Auftrag der Anthropologischen Gesellschaft Grabungen am Gemeindeberg in Ober St. Veit vor. Hier sein Bericht aus dem Jahr 1898.
1898

Ludwig Hans Fischer

(Verfasst von Dr. Elisabeth Ruttakay, Prähistorische Abteilung, Naturhistorisches Museum Wien.)

Ludwig Hans Fischer (1848–1915) war gebürtiger Salzburger, akademischer Maler und Radierer der seine Ausbildung an der Wiener Akademie erhalten hatte. (THIEME-BECKER 1916: 12, 35; SANTIFALLER & OBERMAYER-MARNACH 1957,1: 323; MIGACZ 1972: 63–64; MENGHIN 1915). Ab 1879 wohnte er – falls er sich nicht gerade auf einer seiner zahlreichen Reisen befand – in Wien, zuletzt in seiner Villa in Neuwaldegg. Er bereiste alle Länder am Mittelmeer und gelangte 1888 auch nach Ostasien. Das Hauptgebiet seines Wirkens war die Landschaftsmalerei, wobei er gerne Motive aus dem Orient benützte. Er erstrebte eine realistische, naturgetreue Darstellung frei von der Romantik des beginnenden 19. Jahrhunderts und auch frei von der Sorge bei der Wiedergabe des Lichtes, was bereits für die Impressionisten kennzeichnend war.

Es ist bekannt, dass in unserem Naturhistorischen Museum mehrere Ansichten aus Ägypten und Indien von der Hand Fischers stammen, darunter allein im Saal XIV, der ehemals zur Enthnographischen Sammlung gehörte, fünf Bilder. Auch im Kunsthistorischen Museum befinden sich Bilder vom ihm: österreichische Grabungsplätze in Kleinasien und auf Samothrake.

Möglicherweise leiteten ihn diese Staatsaufträge für die k. k. Hofmuseen, die er im Laufe der 1880er-Jahre des vorigen Jahrhunderts ausführte zur enthnographischen und prähistorischen Forschung. Er war Mitglied der Wiener Anthropologischen Gesellschaft, der Wiener Prähistorischen Gesellschaft, sowie Korrespondent der k. k. Wiener Zentralkommission für Denkmalpflege. Gegen Ende der 1880er-Jahre und in den 1890er-Jahren hat Fischer an mehreren Stellen in Niederösterreich und einmal auch in Wien Ausgrabungen durchgeführt, so in den paläolithischen Stationen Aggsbach und Willendorf, auf zwei neolithischen Höhensiedlungen, in Schönbühel und auf dem Gemeindeberg in Wien 13, Ober St. Veit. In Karlstetten konnte er hauptsächlich bronzezeitliche Funde bergen. Er verfasste wichtige Abhandlungen über seine Erfahrungen im Gelände und illustrierte sie selbst. Die Studien über die Paläolithstationen in der Wachau, über die Station Willendorf I und über die Siedlung auf dem Gemeindeberg galten lange Zeit als grundlegende Publikationen. Von seinen Grabungen wurden einige oder alle (?) im Auftrag der Anthropologischen Gesellschaft durchgeführt und finanziert. Die Funde dieser Untersuchungen gelangten in die Sammlung der heutigen Prähistorischen Abteilung (MOSCHNER 1982). Von einer Reise nach Indien im Jahre 1889 brachte Fischer eine Kollektion an Volksschmuck für das k. k. Hofmuseum mit. Der Bericht über die Reise, reich illustriert, ist in den Annalen unseres Museums erschienen (FISCHER 1890).

Eine neolithische Ansiedelung in Wien (Ober St. Veit), Gemeindeberg

(Verfasst von Ludwig Hans Fischer)

Der Wienerwald läuft nach Osten in sanften Hügelketten aus, welche die Geologen wegen ihrer eigentümlichen Formation und Beschaffenheit längst interessieren. Besonders bei Ober-St. Veit schiebt sich ein langer Rücken bis gegen Hietzing vor, der an einzelnen Punkten größere Erhebungen, die wie Kegel aufragen, zeigt. Es sind das die letzten der sogenannten Juraklippen mit zahlreichen Einschlüssen von Fossilien (Ammoniten), während die in der Nachbarschaft auftretenden Sandsteine häufig Knollen von verschiedenfarbigem Jaspis enthalten.

Besonders auffallend ist jener Hügel, welcher sich unmittelbar hinter der „Einsiedelei“ erhebt und alle anderen überragt. Das Vorkommen der Jaspise und die Formation der Hügel legte mir den Gedanken nahe, hier eine prähistorische Ansiedelung zu vermuten, und bald fand ich auch zahlreiche Topfscherben, welche diese Vermutung bestätigten. Es ist dies das erste Mal, dass auf dem Boden Wiens eine prähistorische Ansiedelung entdeckt wurde.

Der Hügel, auf welchem diese Ansiedelung lag, heißt gegenwärtig Gemeindeberg und war einst mit einer kleinen Ruine gekrönt, welche der Verschönerungsverein abtragen und mit dem Material die Höhe zu einem Plateau ausgleichen ließ. Die Südseite des Hügels besteht aus Geröll, welches teilweise von den weiter unten stehenden Weingärten herrührt. Die Nordseite, welche in einem Winkel von circa 40 Grad abfällt, ist teilweise mit Buschwerk und Bäumen bewachsen.

Einst waren auf diesem Teil gegen den Tiergarten zu teilweise Weingärten und habe ich noch Wurzeln davon ausgegraben.

Auf diesem Abhang, nicht weit unter der Spitze angefangen, zieht sich die Fundstelle etwa 200 Schritte in der Breite des Abhanges gegen Norden hinab.

Ich habe an verschiedenen Stellen im Auftrag und auf Kosten der Anthropologischen Gesellschaft Grabungen vorgenommen, doch konnte ich wegen der zu großen Ausdehnung der Ansiedelung nicht das ganze Terrain aufdecken.

Das Bild, welches ich durch diese Ausgrabungen von der Ansiedelung gewonnen habe, ist ein ziemlich vollständiges. Es scheint demnach, dass der Hügel auf seiner ganzen Nordseite – vielleicht auch auf der Höhe – mit einzelnen Hütten bedeckt war, deren Wände mit Lehm beworfen waren. Die Situation war eine dem Kulturzustand dieses Volkes entsprechende, der tiefe Wald reich an Wild, während in den Niederungen seeartige Gewässer sich ausbreiteten. Lehm zur Erzeugung der Geschirre und Mauern, Sandstein zu Reib- und Klopfsteinen, sowie Jaspis zur Erzeugung von Werkzeugen fand sich in nächster Nähe vor. Der Jaspis, wie er aber hier vorkommt, ist sehr brüchig und eignet sich schlecht zur Verarbeitung, so dass auch die von mir gefundenen Artefakte sehr mangelhaft erzeugt sind, was in diesem Falle dem Materiale und nicht dem Mangel an Kunstfertigkeit dieses Volkes zuzuschreiben ist. Man sieht in den Steinwerkzeugen immer die Absicht, sie auf eine bestimmte Form zu bringen, das widerspenstige Material gestattete aber nicht die vollkommene Ausführung.

Die Wohnhütten standen jede ganz isoliert und scheinen keinen großen Umfang eingenommen zu haben. Ich habe manchmal ganz deutlich die Bodenfläche erkennen können, welche sich durch ihre braune Farbe zu erkennen gab, ja ich sah ganz genau die Linie des Wandbewurfes, hinter welchem der braune Boden plötzlich aufhörte Die Länge einer solchen Wand betrug 4–5 m. In diesem rechtwinkeligen Hüttenraum fand ich die meisten Artefakte und zuweilen solche Massen Tonscherben beisammen, dass es mir gelang, dieselben ganz oder teilweise wieder zusammenzusetzen. Einmal fand ich in einer Ecke des Hauses zwei solche Gruppen von Tonscherben beisammen, als wären diese hier stehen geblieben, als das Haus durch Feuer zerstört wurde. Wegen des hart gebrannten Wandbewurfes und verbrannter Artefakte muss ich annehmen, dass diese Häuser oder Hütten ihr Ende in der Regel durch Feuer gefunden haben. Tonscherben findet man zwar überall, aber außerhalb der Hütten zumeist nur in kleinen abgerundeten Stücken zerstreut.

Der Boden der Wohnhütten scheint nicht tief unter der Erde gewesen zu sein, und erscheint nur etwas in die Berglehne eingegraben, so dass oft nackte Felsstücke in den Wohnraum hineingeragt haben.

Die Estriche der Wohnräume liegen selten über ½ m unter der Oberfläche. Gegen die Spitze des Hügels zu liegen sie noch seichter nach abwärts, bis zu 1 m Tiefe. Diese Böden der Hütten, welche jene braune speckige Schicht bilden, sind ziemlich hart, durchsetzt mit Stückchen Kohle, gebrannten Tones und Splittern von Steinen und Knochen und liegen unmittelbar auf dem gewachsenen Boden – zumeist verwittertem Gestein – auf.

Der Querschnitt einer Grabung innerhalb eines Wohnraumes stellt sich in der Regel in folgender Weise dar:

0,05–0,10 m   Humus,

0,20–0,50 m   lockerer Boden,

0,07–0,15 m   braune Erde (Estrich)

gewachsener Boden.

Die Funde, welche ich hier machte, lassen darauf schließen, dass das Volk, welchem sie angehörten, der späteren Steinzeit zuzurechnen sei und Metalle vorhanden waren, wenngleich ich nicht das Geringste davon zu finden vermochte. Es scheint eben noch zu rar und zu kostbar gewesen zu sein.

Auf das Vorhandensein von Metall lassen verschiedene Funde schließen. Vor Allem eine Beinpfrieme (Fig. 72), welche ganz blaugrün gefärbt war, also neben Kupfer oder Bronze gelegen sein musste. Außerdem fand ich verschiedene Enden von Hirschgeweih, welche tief durchbohrt waren, als hätten sie als Griff zu einem Metallinstrumente gedient. Es wäre nicht nötig gewesen, ein so tiefes Loch zu bohren, hätte es nur zur Aufnahme eines Steinwerkzeuges gedient.

In zwei Fällen fand ich Tonscherben mit Löchern, welche offenbar geflickt waren, ob aber mit Metalldraht, steht in Frage.

Beschreibung der Fundobjekte

a) Wandbewurf

Die Wände der Hütten scheinen in der Weise gemacht gewesen zu sein, dass Stäbe nebeneinander, zaunartig, in den Boden geschlagen wurden. Geflechte, wie man sie in Ungarn und Galizien noch heute macht, scheinen es nicht gewesen zu sein, da ich immer nur Abdrücke nach einer Richtung beobachtete. Die Dicke der Stäbe variierte zwischen 1 und 10 cm. Holzkohle fand sich verhältnismäßig selten vor.

b) Gefäße und Gegenstände aus Ton

Die Gefäße und Gefäßscherben, welche sich in dieser Ansiedelung vorfanden, sind nicht verschieden von jenen, welche wir sonst in Niederösterreich dies- und jenseits der Donau an ähnlichen Fundstellen vorfinden. Die Formen der Gefäße sind in vier Typen vorkommend.

I. Wenig gebauchte große Töpfe, zumeist nur mit einem Lappen als Handhabe anstatt des Henkels, unseren noch gebräuchlichen Milchtöpfen wahrscheinlich ähnlich (Fig. 24, 52); II. kesselförmige mit Henkeln, zumeist ornamentiert und mit warzenförmigen Knöpfen verziert (Fig. 23, 25, 26), dann III. krugförmige mit kurzem weiten Hals und bauchigem runden Körper (Fig. 29, 30, 31). Zwischen Hals und Bauch zieht sich oft ein ornamentiertes Band und 2–4 kurze Henkel, dazwischen häufig zapfenförmige Knöpfe als Verzierung (Fig. 29) aufweisend; IV. schalenförmige (Fig. 27, 28, 32).

Fig. 23–35, bitte anklicken:

Außer diesen vier Formen fand ich einige Gefäßscherben, welche besonderen Zwecken gedient haben mögen, so ein Gefäß mit dicken Wänden ohne ausgebogenen Rand, mit einem seitlichen aufrechtstehenden Lappen als Handhabe (Fig. 40) von wahrscheinlich topfförmiger Form. Ein anderes Fragment scheint einer Lampe oder einer Art Löffel angehört zu haben. Es ist aus dickem grauen Thon und scheint die Form eines Bügeleisens gehabt zu haben, welche an der Spitze in einen deutlichen Schnabel ausging.

Die Ornamentierung der Gefäße ist sehr mannigfaltig.

Die großen milchtopfartigen und kesselförmigen Gefäße sind in der Regel mit einer Art Reisigbesen überstrichen und erhalten dadurch eine rau gestreifte Oberfläche, bald der Länge nach, bald senk­recht gezogen. Zumeist unter dem Rande befindet sich ein Wulst, in dem mit dem Fingernagel nebeneinander Eindrücke gemacht wurden.

Größere Sorgfalt hat man auf die Ornamentierung von schalen- und krugähnlichen Gefäßen verwendet, die auch feiner im Ton und dünner in der Wand sind. Bald sind es Eindrücke nach bestimmter Ordnung mit einem spitzen Instrument, bald sind es Einschnitte nach entgegengesetzter Richtung, nie aber kommt eine längere gerade Linie vor, was wohl der Schwierigkeit der Darstellung ohne Drehscheibe zuzuschreiben ist. Schüchterne Versuche, eine Linie um das ganze Geschirr zu ziehen, kommen zwar vor, sind aber stets mit kurzen Strichen gemacht, die sich gewöhnlich schlecht aneinander schließen. Auch Wellenlinien kommen nicht vor. Von den Gefäßscherben (Fig. 33, 34, 35) konnte ich leider immer nur kleine Bruchstücke erhalten.

Ein ganz merkwürdiges Gefäß, von welchem ich leider nur zwei Scherben ohne Zusammenhang vor­fand, zeigt zwei subkutane Durchbohrungen von 5½ cm Länge. Die Durchbohrung war senkrecht geführt und das Bohrloch sehr enge. Diese subkutane Durchbohrung zeigt an der Innenseite des Gefäßes einen deutlichen Wulst.

Das Gefäß ist bauchig, zeigt einen Ansatz von einem 2½ cm breiten bandförmigen Henkel. Es war durch einen bandförmigen Streifen in dreieckige Felder geteilt, welche abwechselnd flach kanneliert waren.

Die Ornamentierung der Gefäße bedarf keiner weiteren Beschreibung und ist aus den beigegebenen Zeichnungen ersichtlich (Fig. 33–53). Zu bemerken ist noch, dass häufig die Ränder der Gefäße ornamentiert sind durch Eindrücke mit dem Finger oder eines Knochens (Fig. 36, 37, 38).

An anderen Gegenständen aus Ton fanden sich vor: Ein Webgewicht (13 cm hoch, vierkantig, oben durchbohrt). Verschieden geformte Spinnwirtel (Fig. 54, a, b). Tonscheiben verschiedener Größe, durchlocht und zuweilen ornamentiert (Fig. 55, 56), zumeist konkav, konvex, oft aber auch nur scheibenförmig, bis zu 1½ cm Dicke und 0,08 cm im Durchmesser. Diese Scheibchen können wohl kaum als Spinnwirtel betrachtet werden und müssen einem anderen Zwecke gedient haben.

Fig. 36–57, bitte anklicken:

Das Material, aus welchem die Gefäße erzeugt sind, entspricht jenem, welches man an anderen Orten aus dieser Zeit vorfindet, ein mit Sand und Glimmerteilchen reichlich durchsetzter Ton, welcher gewöhnlich an der Außenseite mit einer Schichte feineren Tones überstrichen wurde. Daher sind die Bruchflächen gewöhnlich schwärzlich mit weißen Steinchen darin und zeigen nach beiden äußeren Seiten rötliche Streifen des feinen Überzuges. Jene Gefäßscherben, welche lange der Witterung ausgesetzt waren, haben oft den äußeren Überzug verloren und erscheinen daher sehr rau.

Die Farben der Gefäße sind in der Regel helleres oder dunkleres Braun, zuweilen grau (Fig. 28, 30, 40), selten rot (Fig. 26, 31, 35). Die meisten Gefäße (z. B. Fig. 23, 26, 31) sind an den unteren Partien stark durch Feuer verbrannt, daher der Ton ganz schwarz gefärbt und brüchig.

c) Gegenstände aus Stein

Wie bereits erwähnt, eignet sich das an der Fundstelle vorkommende Materiale an Jaspis wenig zur Bearbeitung, daher die Versuche, aus diesem Steine bestimmte Formen zu schlagen, zumeist misslungen und schwer zu erkennen sind. Da aber der Jaspis gerade an dieser Stelle, wo die Ausgrabungen stattfanden, nicht vorkommt, sondern weiter oben und nur in tieferen Schichten, so muss man annehmen, dass alle Steine dieser Art, welche hier vorkamen, hierhergebracht wurden.

Dennoch sind einige Steinwerkzeuge (Messer) bestimmt als solche zu bezeichnen (Fig. 58–62), da man deutlich die Schlagmarke daran erkennt. Einige Stücke darunter sind von einem gelben Steine, welchen ich bis jetzt in St. Veit noch nicht gefunden habe; dieselben sind auch besser geschlagen und scheinen aus anderer Gegend, vielleicht durch Handel dahin gelangt zu sein (Fig. 58). Man scheint sich aber auch mit einfachen muschelförmig abgebrochenen. Stücken begnügt zu haben, denn man findet solche Stücke (Fig. 62) auffallend häufig in den Wohnstätten.

Fig. 58–83, bitte anklicken:

Runde und längliche Kiesel, Jaspis und Sandsteine wurden sehr häufig als Klopfsteine, erstere wahrscheinlich oft als Sudsteine verwendet. Es ist auffallend, wie viele davon man oft in einer Wohnstätte beisammen findet (Fig. 63 aus Jaspis, 64 aus Sandstein). Reibsteine und Mahlsteine finden sich häufig aus Sandstein oder feiner Breccie, letztere oft in Platten von 50 cm im Quadrat.

Merkwürdig ist ein kleiner Stein aus rotem harten Jaspis, der die Form einer breiten Fingerspitze hat und an einer Seite wie poliert ist. Er scheint einen polierenden Zweck gehabt zu haben und dürfte in seiner ursprünglichen Form ein längliches Geschiebe gewesen sein.

Es wurden ferner aufgefunden:

Ein Steinmeißel aus Sandstein (Fig. 66). Ein kleiner polierter Steinmeißel aus hartem schwarzen Stein (Fig. 65). Ein Bruchstück eines polierten Steinbeiles aus lichtem Serpentin mit Loch (Fig. 67). Ein unvollendetes Steinbeil aus Serpentin mit angefangenem Loch (Fig. 68). Ein Serpentingeschiebe, zur Hälfte durchbohrt, einem Hammer nicht unähnlich (Fig. 69).

d) Gegenstände aus Bein und Horn

Bei den zur Arbeit verwendeten Beinpfriemen war man in der Wahl des Materials nicht wählerisch. Wie es der Zufall beim Zerschlagen der Knochen ergab und eine längere Spitze ausfiel, verwendete man ihn wahrscheinlich sofort zu bestimmten Arbeiten so, dass wahrscheinlich die deutliche Abrundung der Spitze erst durch den Gebrauch entstand (Fig. 70, 71). Zuweilen sieht man aber wohl die direkte Absicht, den Knochen zu einer Spitze zuzuschleifen, wozu die so häufig vorkommenden Sandsteine gedient haben mögen, wie in Fig. 72, 73, 75 ersichtlich ist. Andere Knochen sind nadelförmig zugespitzt (Fig. 74, 76) oder ein Röhrenknochen schief abgeschliffen (Fig. 81).

Auch Meißel aus Knochen, welche sehr sauber zugeschliffen sind, kommen vor (Fig. 77, 80).

Ein sehr häufig verwendetes Material war Hirschhorn; man findet überall, wo Wohnungen waren, mindestens Bruchstücke davon. Am häufigsten findet man Enden des Geweihes so durchbohrt, als hätten sie als Griff zu einem Metallinstrument gedient (Fig. 78), zuweilen ist die Spitze (Fig. 79) meißelförmig zugeschliffen.

Ein merkwürdiges Stück ist das in Fig. 83 abgebildete. Es ist der untere Teil eines schwachen Geweihes, das bis zur Rose gleichmäßig dick und ziemlich weit durchbohrt ist. An der Außenseite des Geweihes ist eine Vertiefung, als hätte man ein Loch zu bohren angefangen. Ähnlich, ganz durchbohrt, ist das in Fig. 82 abgebildete Stück.

An Tierknochen wurden folgende gesammelt:

Rind, Pferd, Hirsch, Reh, Schwein, Schaf oder Ziege, Hund oder Fuchs.

Die größeren Knochen der Tiere sind durchwegs zerschlagen und sehr häufig angebrannt, nur vom Pferd fand ich einen ganzen größeren Knochen. Dieses Pferd, welches ich nur in einem Exemplar vorfand (ein Knochen und daneben Stücke des Kiefers, sowie ein Huf), scheint, dem Hufe nach zu schließen, einer sehr kleinen Rasse angehört zu haben. Am häufigsten kommen Knochen von Rind und vom Hirsch vor.

Die Knochen lagen zumeist außerhalb, aber ganz nahe den Wohnstätten, während im Inneren derselben zumeist kleinere Knochen und Teile (meist bearbeitet) von Hirschgeweih sich vorfanden. Deutliche Feuerstellen mit Anhäufungen von Holzkohle oder Asche habe ich nicht finden können; nur an einer Stelle fand ich zwischen größeren, durch Feuer mürbe gewordenen Steinen etwas mehr Kohle und große Tierknochen. Spuren des Feuers sind aber überall nachzuweisen und deuten auch auf eine Vernichtung der Ansiedelung durch Feuer hin, nicht nur weil der Wandbewurf fast durchwegs als gebrannt nachzuweisen ist, sondern auch deshalb, weil so viele der Gebrauchsgegenstände aus Bein und Horn angebrannt sind, was ich mir nur durch einen Brand des Wohnraumes erklären kann. Ebenso erkläre ich mir das Vorkommen von ganzen Gefäßen (nämlich Haufen von Topfscherben, welche sich zusammensetzen ließen) innerhalb der Wohnräume, die offenbar dort zurückgelassen wurden.

Dass bei dieser Gelegenheit nicht auch Gegenstände von Metall zurückgeblieben wären, ist nicht rätselhaft und beweist, wie wertvoll und selten das Metall gewesen sein musste. Gefunden habe ich absolut keines davon.

Unter den verkohlten Resten in einem Wohnraum fand ich einen kleinen Klumpen verkohlter Gerste (Fig. 57 vergrößert) mit Lehm vermischt. Die Gerstenkörner haben sich deutlich in den Lehm abgedrückt und man sah noch die verkohlten Spreublätter derselben, wenn man einen frischen Bruch in den Klumpen machte.

Ich bin vollkommen überzeugt, dass in Ober-St. Veit noch vieles zu Tage gefördert werden kann, und manche Fragen stehen vorläufig zu beantworten noch offen. Der Weg, welcher an der Einsiedelei vorbeiführt, heißt „Hausbergstraße“, dass setzt einen Hausberg voraus. Wahrscheinlich ist der ursprüngliche Name eines „Hausberges“ im Laufe der Zeit abgeändert worden. Mit diesem Namen „Hausberg“ kann aber nur jener kleine Hügel, welcher im Garten der Einsiedelei steht, gemeint sein oder der Gemeindeberg. Ersterer ist auch mit einiger Phantasie als solcher denkbar, wenngleich ich bis jetzt keinerlei Beweise fand, eine solche Vermutung aufrechthalten zu können. Weiters steht eine wichtige Frage offen: Wo sind die Gräber dieses Volkes vom Gemeindeberg? An der Straße nach Lainz steht ein länglicher Hügel mit einer nochmaligen Erhöhung als Krönung, von welchem behauptet wird, er sei künstlich, und wäre eine Grabung auf demselben lohnend. Auf welche Beobachtung sich diese Behauptung stützt, weiß ich nicht; es scheint aber, dass man doch irgend etwas gefunden hat, wodurch diese Vermutung entstanden ist. Vielleicht haben wir es hier mit einem Tumulus zu tun. Weiters vermute ich in dem Hügel, auf welchem die Kirche St. Veit steht, irgendwelche Ansiedelung oder Kultstätte. Die Lage der Kirche, wie sie zur übrigen Landschaft steht, ist der einzige Anhaltspunkt, an welchem sich meine Meinung knüpft. Es wird auch nur durch Zufall möglich werden, den dortigen Boden zu untersuchen, da er gegenwärtig ganz verbaut ist.

Außerdem soll der heilige Veit in der Zeit der Bekehrung der Germanen gerne für einen germanischen Gott sozusagen substituiert und eine derartige Kirche immer dahin gesetzt worden sein, wo früher ein heidnisches Heiligtum eines solchen war.

Ähnliche Hügel, wie der Gemeindeberg, erheben sich noch mehrere in der Richtung gegen Unter St. Veit; einige davon habe ich flüchtig untersucht, konnte aber bis jetzt keinerlei Spur einer ähnlichen Ansiedelung entdecken.

Weitere Beiträge zu Ausgrabungen am Gemeindeberg

Meldung der Rathauskorrespondenz vom 24.8.1948

Neue Ausgrabungen und Funde im Wiener Stadtgebiet: … Auch auf dem Gemeindeberg bei Ober Sankt Veit wurden neue Untersuchungen begonnen, deren Zweck es ist, festzustellen, wie weit der Gemeindeberg in neolithischer Zeit, drei Jahrtausende vor Christus, besiedelt war und ob später eine neuerliche Besiedelung erfolgte. Die Arbeiten haben bis jetzt zur Aufdeckung einer neolithischen Wohngrube mit dem gewöhnlichen Inventar an Waffen, Werkzeugen, Knochen und Gefäßresten geführt. …

Quellen:
Fischer, Ludwig Hans: Eine neolithische Ansiedelung in Wien (Ober St. Veit) Gemeindeberg. In: Mitteilungen der Antropologischen Gesellschaft, Band XXVIII. Es gibt auch einen Separatausruck im Selbstverlag der Anthropologischen Gesellschaft, Wien 1898

Übertragen von hojos
im November 2012