In Hietzing gebaut: Villa Blum

Angermayergasse 1, Architekt: Carl Witzmann, 1922/23
1923

Baugeschichte

Auf dem ausgedehnten Grundstück (ca. 30 000 m2), das die Anhöhe des Trazerberges miteinschließt, stand mit großer Wahrscheinlichkeit bereits um 1800 ein Gebäude. Der Besitz ist im Franziszeischen Kataster-Plan von 1819 eingezeichnet und ist neben der 1797 errichteten Villa am Nordhang des Trazerberges das einzige um 1800 in St. Veit abseits der damals bestehenden Straßenzüge gebaute Anwesen. 1869 ist es im Plan Artaria & Comp. als aus einem Hauptbau und vier Nebengebäuden bestehend zu erkennen.

Der grobe Grundriss eines um 1880 errichteten und bereits als Villa zu bezeichnenden Gebäudes ist im Situationsplan aus dem Jahr 1893 ersichtlich. Damals war die Anlage im Besitz von Carl Schulda. Gegen Westen bestand eine zweiarmige Auffahrt zum Haupteingang im Mittelrisalit. Gewundene Wege und mehrere Treppen führten zu der Gartenanlage im Norden und Osten der Villa. Auf der Anhöhe des Trazerberges stand ein Aussichtsturm, der in modifizierter Form noch heute existiert. Dieser Plan zeigt auch das ebenfalls bis in die Gegenwart erhaltene Nebengebäude (ehemals Portierhaus) an der heutigen Angermayergasse (früher Maier-Gasse). Das ungefähre Aussehen der Villa ist auf einem um 1880 gemalten Aquarell von Ludwig Hans Fischer (1848–1915) zu erkennen. Über der Hauptfassade gegen Westen befand sich eine Attika.

Unter dem Besitz des Großindustriellen Dir. Isidor Schlesinger kam es 1916 zu einem Planentwurf Carl Witzmanns für ein Gärtnerwohnhaus, einen Schupfen und ein neues Gewächshaus mit neun separat angeordneten Glasbeeten. Diese Planung wurde in etwas abgeänderter Form erst 1923 unter dem damaligen Besitzer Leopold Blum, der das Anwesen 1918 gekauft hatte, ausgeführt. Blum, Besitzer der Wachstuchfabrik Blum & Haas in der Eitelbergergasse, gab Carl Witzmann auch den Auftrag für die Planung eines Einfamilienhauses an der Stelle der alten Villa, die um 1921 abgetragen worden war.

1934/35 gestaltete der Gartenarchitekt Josef Oskar Wladar einen "Gesellschaftsplatz" an der Nordseite der Villa. Die Terrasse über die gesamte Breite des Hauses diente auch zur Entwässerung des Hanges; der Wasserlauf wurde in einem beleuchteten Blumenbeet gefasst.

Eine Stützmauer in zwei Ebenen und eine Treppe sind überleitende Elemente zum Garten. Verschiedene Pflanzen und bewachsene Fugen des Plattenbelages stellen eine weitere Verbindung dieses "Wohnraumes" im Freien mit dem Garten her.

1941 beschlagnahmte die Gestapo den gesamten Besitz; 1942 kaufte Prof. Dr. Ernst Heinkel die Anlage. Der Gründer der Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke – er entwickelte 1938/39 das erste Turbinen-Luft-Strahltriebwerk der Welt – ließ 1943 die Villa adaptieren und an der Ostseite einen dreiachsigen Anbau errichten. Im Souterrain entstanden ein Archiv und Entwurfsbüros, im Erdgeschoß Modellraum, Arbeitszimmer und Halle, im ersten Stock ebenfalls Arbeitsräume und eine Halle. Der Architekt für diese der Rüstung dienenden Um- und Einbauten war Hans Payer.

Die in den Südhang gegrabenen alten Kelleranlagen wurden von Heinkel ausgebaut. Nach dem Krieg waren die Räume Obstlager. Ein Großteil der Anlage ist infolge Abmauerung überhaupt nicht mehr zugänglich.

1947 wurde dem Rückstellungsbegehren der Tochter Leopold Blums stattgegeben, 1950 war sie Eigentümerin der Liegenschaft, 1951 übergab sie den Besitz ihrer Mutter, die ihn 1952 an das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft verkaufte. Das Ministerium richtete hier ein Bundesseminar für das land- und forstwirtschaftliche Bildungswesen ein.

1958/59 erfolgte erneut ein umfangreicher Um- und Ausbau des Gebäudes (Hörsaal für 100 Personen, drei Klassenräume, Bibliothek, Verwaltungskanzleien und ein Heim für ca. 70 Studenten). Rasant steigende Schülerzahlen führten zu Planungen des Bundesseminars in Zusammenarbeit mit Arch. Kurt Keiter für eine zweite Erweiterung. Aus Geldmangel kam es 1978 lediglich zu einem Provisorium, einem Klassenpavillon, der zwischen der ausgebauten Villa und dem alten, noch zur ursprünglichen Anlage gehörenden Trakt an der Straße liegt.

Bundesseminar für das land- und forstwirtschaftliche Bildungswesen. Im Hintergrund Pfarrkirche Hietzing und Schloss Schönbrunn. Foto um 1960 © Archiv Weissenbacher

Baubeschreibung (Originalzustand 1923)

Die im Gegensatz zum Vorgängerbau (gegen Westen gerichtet) nach Süden gelegene Hauptfassade ist dreigeschoßig ausgebildet. Das von einem Rundbogenfenster und einer diesem entsprechenden Fensternische flankierte Hauptportal im Souterrain ist mittig gesetzt und von zwei Pilastern und einem darüberliegenden Querbalken gerahmt. Durch die Hanglage zeigt sich das Souterrain im Süden als Erdgeschoßzone. Bei geöffneten Läden wirken die Fenster des ersten Stockes (im Grundriss als Erdgeschoß bezeichnet) als horizontales, fein gegliedertes Band, das sich über die gesamte Fassade erstreckt. Die drei Fenster des zweiten Stockes (im Grundriss als erster Stock bezeichnet) sind jeweils zwischen zwei Fenster des darunterliegenden Geschoßes gesetzt. Alle Fenster sind fein gesprosst und nach oben durch gekurvte, vertiefte Mauerflächen abgeschlossen. Sie verweisen auf Formelemente der Architektur des Biedermeier.

Im wenig vorspringenden, steilen Walmdach befinden sich Fledermausgauben. Ein zartes Gesims zwischen Souterrain und Erdgeschoß trägt zur Gliederung der streng symmetrischen Fassade bei. Auch die Nordseite mit der von Pfeilern getragenen Loggia entspricht den bei Witzmann immer wieder erkennbaren Einflüssen Josef Hoffmanns und ihrer Verbindung mit Elementen des Klassizismus.

Der relativ schmale Haupteingang an der Südseite – er wird durch das linksseitig angeordnete Fenster bzw. durch die rechts liegende Fensternische sowie durch die Umrahmung optisch aufgewertet – führt in einen im Souterrain gelegenen Vorraum mit geradläufig versetztem Treppenaufgang in das Erdgeschoß. Im Souterrain liegen weiters eine Hausbesorgerwohnung mit separatem Zugang an der Ostseite sowie Wirtschaftsräume und zwei Zimmer mit dazwischenliegendem WC.

Der Aufgang in das Erdgeschoß endet in einem zweiten Vorraum, der den Zugang zur großzügig dimensionierten Halle mit Annex gegen Osten ermöglicht. Gegen Westen schließen an die Halle der Wintergarten bzw. das mit ihm verbundene Speisezimmer an. Vom Vorraum gelangt man über eine Loggia in die nordseitig gelegene Gartenanlage. Die ebenfalls im Erdgeschoß liegende Küche ist durch einen Speisenaufzug mit dem ersten Stock verbunden. In diesem Stockwerk liegen vier Schlafräume und ein Bad mit anschließender Dunkelkammer. An je einen Schlafraum im Osten bzw. Westen ist ein Balkon angebaut, gegen Norden liegt eine elf Meter lange und drei Meter breite Terrasse. Die Balkone sind nur in den Grundrissen, nicht aber in den ein Jahr vorher (1921) gezeichneten Ansichten eingetragen.

Ein zweiter Treppenaufgang – er liegt platzsparend innerhalb der Wendung des Hauptaufganges – verbindet das Erdgeschoß mit dem ersten Stock.

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band I 1996 ISBN 3-85493-004-6 und Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Übertragen von hojos
im November 2012