Villa Schratt

Gloriettegasse 9, gebaut um 1850, 1893 umgstaltet durch Andreas Streit, Eduard Frauenfeld-Berghof. Ein Auszug aus dem Buch "In Hietzing gebaut".

Baugeschichte

Die Grundstruktur des heutigen Baues stammt vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im alten Grundbuch  wird bereits für 1804 "eine neu erbaute Behausung" für Dominikus Hofer ausgewiesen. Sie ist in dem Plan Schönbrunns mit Umgebung von C. Otto aus dem Jahr 1817 eingezeichnet, und zwar hangaufwärts, abgesetzt von der Gloriettegasse. In dem 1827 erstellten Plan Schönbrunns mit Hietzing und Penzing von Ziegler und Vasquez ist dieses Haus mit zwei vom Hauptbau abgesetzten, bis zur Gloriettegasse reichenden Seitentrakten versehen. Spätestens 1869, höchstwahrscheinlich schon um 1850, wurden der heute noch bestehende Haupttrakt und wohl auch die Seitentrakte errichtet. Die frühesten konkreten Daten aus den Bauakten betreffen leider erst die Jahre 1870 und 1872.

1870 erstellte Baumeister Josef Kopf Abänderungsvorschläge für den linken Seitentrakt, von denen noch eine eher skizzenhafte Zeichnung von Fassadendetails existiert.

1872 suchte der damalige Besitzer Wilhelm von Glaser um Bewilligung für eine Rauchfangänderung im linken Seitentrakt sowie um eine Bestimmungsänderung des "Glashauses", eines Verbindungselementes zwischen Haupttrakt und rechtem Seitentrakt, an. Es handelt sich hiebei um jenen, einem Wintergarten ähnlichen Raum, der später von Katharina Schratt als Frühstückszimmer verwendet wurde und von dem aus der kleine Platz im Freien an der Ecke Gloriettegasse/Wattmanngasse, auf dem bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ein Pavillon stand, begehbar war.

Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es seit Bestehen dieses Sommerhauses um 1850 die Dreiteilung in ein ebenerdiges Hauptgebäude an der Gloriettegasse und in zwei Nebentrakte, den rechten, zum Teil zweigeschoßigen, mit dem Haupttrakt durch das erwähnte Glashaus verbunden, entlang der heutigen Wattmanngasse und den linken ebenerdigen, der nicht direkt am Hauptteil anschloss, sondern durch einen begehbaren Bogen, eine Art Brücke, mit demselben verbunden war. Anfang der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts ersetzte man im Zuge der Generalrenovierung das im Krieg zerstörte Glashaus durch einen gemauerten Verbindungsgang mit Arbeitsraum. Hiebei wurde der Abgang in den Keller verlegt. Die begehbare bogenförmige Verbindung mit dem linken Seitentrakt wurde damals nicht wiederhergestellt.

Die U-förmige Anlage öffnet sich an der straßenabgewandten Seite zu dem beeindruckenden Garten, der, leicht ansteigend, bis zur Weidlichgasse reicht.

Die an den in erster Linie zu gesellschaftlichen und repräsentativen Zwecken dienenden Haupttrakt angrenzenden Nebentrakte beherbergten einerseits das Gesinde im linken Trakt, andererseits die Küche, eine Anrichte sowie ein Teezimmer im rechten.

1893  erwarb die Burgschauspielerin und Vertraute Kaiser Franz Josephs, Katharina Kiss-Schratt (1855-1940), den Bau und ließ durch Baurat Andreas Streit und Stadtbaumeister Eduard Frauenfeld-Berghof folgende Änderungen vornehmen: im Keller Einrichtung einer Waschküche mit gasgefeuertem Waschkessel; im Trakt an der Wattmanngasse Einbau eines Dienstbotenzimmers, eines Bades und eines WC, Vergrößerung der Küche; im linken Seitentrakt Abänderung der WC-Anlage, Anbau einer steinernen Bodenstiege, Vergrößerung einzelner Raumhöhen durch gewölbte Decken auf 3 m sowie Einbau einer neuen Senkgrube auf dem Straßengrund der Gloriettegasse.

Außerdem wurde 1894 eine neue Einfriedungsmauer mit kleiner Eingangstür an der Weidlichgasse (ehemals Feldgasse) errichtet. Zwischen 1894 und 1898 erfolgte eine Vergrößerung des oberen Gartenteiles, 1894 durch Stadtbaumeister E. Frauenfeld-Berghof der Bau eines an der Südgrenze des Gartens gelegenen Badehauses mit Schwimmbecken im Freien. Für das Bassin existiert ein Wasserablaufplan aus dem Jahr 1894, der einen Rohrkanal mit 10 cm Querschnitt außerhalb der Grundgrenze entlang der Wattmanngasse vorsieht.

Das aus Holz errichtete und als "Gartensalon" bezeichnete Badehaus beinhaltete u. a. einen Heizkessel aus Kupfer, sodass das Wasser im Freien entsprechend temperiert werden konnte. Dieser Kessel wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Das anmutige Gebäude erinnert vor allem durch sein vorspringendes Dach an fernöstliche Hausformen. Die Außenwände weisen feine Details auf: Die Sockelzone ist durch überlappte Holzbretter horizontal gegliedert, der darüber liegende Bereich wird durch schwach vorspringende Stäbe akzentuiert, die Zone unter dem Dach weist Felder mit Rundbögen auf, zwischen denen die gekurvten Stützen für das betonte Dachgesims liegen. Der Ausgang in das ehemalige Bassin ist mittig angeordnet.

Auf einem Plan aus dem Jahr 1910 ist noch eine ebenfalls an der heutigen Weidlichgasse gelegene Kegelbahn eingezeichnet.

In dem großzügig angelegten Garten befindet sich außerdem ein kleiner Pavillon. Die leicht wirkende achteckige Holzkonstruktion ist an drei Seiten offen, die übrigen Seitenflächen sind zum Teil verglast. Unter dem ausgeprägten Dachgesims ist – als Übergang zur Verglasung bzw. totalen Öffnung der Wand – ein Bereich in Holzgitterwerk ausgebildet, über dem Gesims sitzt ein Zwiebelturm.

Die gesamte Anlage wurde von der Familie des heutigen Besitzers in der Zwischenkriegszeit gekauft und renoviert. Der Zweite Weltkrieg verursachte durch mehrere Luftminentreffer verheerende Schäden, sodass in den fünfziger Jahren erneut mit der Renovierung, die zum Teil ein Wiederaufbau war, begonnen werden musste. Mit außerordentlichem Engagement gelang es in mühevoller Kleinarbeit, einen Bauzustand wieder herzustellen, der dem originalen sehr nahe kommt, und diese Restaurierungsarbeiten auch auf die Details der Inneneinrichtung auszudehnen. Darüber hinaus wurden das zerstörte Badehaus und der Pavillon im Garten originalgetreu aufgebaut. Dieser privaten Initiative ist es zu danken, dass die historisch und kulturhistorisch faszinierende Anlage auf überzeugende Weise erhalten blieb.

Bei Redaktionsschluss (Jänner 1998) stand die Villa zum Verkauf.

Baubeschreibung

Der über Grundmauern aus Stein und Ziegel errichtete symmetrische, fünfachsige Haupttrakt ist ebenerdig. Die Mitte der straßenseitigen Fassade wird durch einen risalitartigen Vorsprung der drei mittleren Achsen, die höher als die seitlichen sind, betont. Die Sockelzone ist über einem glatten Unterteil gebändert ausgebildet. Die halbkreisförmigen Souterrainfenster werden durch Metallplatten mit den Initialen KS in einem Lorbeerkranz abgedeckt.

Die Fenster im Hauptgeschoß sind links und rechts von Pilastern flankiert, neben denen in den Seitenachsen vertiefte rechteckige Felder liegen, die reiche florale Stuckornamentik mit kreisförmigen Medaillons aufweisen. In ihnen befinden sich stark hervortretende Knaben- und Mädchenköpfe.

Direkt über den rechteckigen Fenstern, die im Mittelteil einfacher gegliedert sind, liegt ein stark profiliertes, auf den Pilastern ruhendes Gesims, welches, wie auch das Dachgesims, zur Betonung der Horizontalen beiträgt. Die Fenster sind über diesem Gesims durch Lünetten abgeschlossen, in denen sich Stuckreliefs befinden. Sie stellen – verwoben mit pflanzlicher Dekoration – zwei spiegelbildlich angeordnete Schwäne dar. Über dem Mittelfenster wird die Lünette von einem Eierstab, einer jonischen Zierleiste, gerahmt und durch einen Halbkreisbogen mit phantasievoller pflanzlicher Ornamentik erweitert. Die Dekorationen in den Bogenfeldern weisen in ihrer Gestaltung auf die Zeit der Adaptierung des Hauses durch Katharina Schratt, während die Grundstruktur der Fassade stilistisch dem ursprünglichen Biedermeier Sommerhaus entspricht.

An der rechten Seite der Hauptfassade schließt, in einem Bogen zur Wattmanngasse überleitend, eine Stützmauer mit einem aus Lanzenformen gebildeten Eisengitter an. Sie setzt sich in der Wattmanngasse durch eine von Pfeilern mit Vasenaufsätzen gegliederte Mauer fort.

Die Grundform der Fassade in der Wattmanngasse gleicht jener in der Gloriettegasse; es fehlen aber die aufwendigen Stuckdekorationen. Über den Fenstern liegen vertiefte, glatte Lünetten. Die Sockelzone ist hier aus Stein gebildet.

Die ebenfalls fünfachsige Hauptfassade der Gartenseite ist durch tief gezogene, fein gegliederte Fenster mit verglastem Rundbogenabschluß gekennzeichnet. Die mittig angelegte Eingangstüre ist in Größe und Gestaltung den Fenstern angepaßt. Eine besondere Betonung der Horizontalen erfolgt auch hier durch ein Gesims, welches die geraden Fensterabschlüsse von den darüber befindlichen Rundbögen trennt. Die Fassaden der Seitentrakte entsprechen in den wesentlichen Details der Gartenfassade des Haupttraktes, wobei die Lünetten mit dekorativen verglasten Rundbögen über den Fenstern zum Teil durch Pflanzenformen ersetzt sind.

Der hofseitig gelegene Eingang in das Hauptgebäude führt in eine Art Veranda, die ihr natürliches Licht durch die erwähnten großformatigen Fenster erhält. Erst von ihr aus gelangt man in die Empfangsräume, sodaß ein stufenweise aufgebautes Raumerlebnis zum Salon, dem Zentrum des Hauses, führt. Er wird von zwei kleinen Räumen flankiert, wodurch die zur Straße gelegene Zimmerflucht gegeben ist.

Zwischen der zweifachen Verglasung der einzelnen Felder der Doppeltüre in den Salon befinden sich aus Messing geschnittene Pflanzen-, Vogel- und Vasenmotive. Die Wände des mit einer Stuckdecke versehenen Salons sind mit Seide tapeziert, der Boden weist eingelegte Parkette auf. Der Raum wurde von einem runden in Weiß und Gold gehaltenen Kamin beheizt.

Das im Westen an den Salon angrenzende Zimmer weist eine durch vorzügliche Handarbeit gefertigte Eichen-Kassettendecke in seltener Formgebung auf.

Im rechten Seitentrakt befinden sich die Küche mit einigen Originalmöbeln aus Holz sowie das Tee- bzw. Speisezimmer, das mit Stuckdecke und Seidentapete ausgestattet ist. In ihm steht ein 1896 eingebauter "Kachelofen", dessen Oberfläche aus zum Teil 200 Jahre alten chinesischen Tellern gestaltet ist. Von diesem Raum aus besteht ein direkter Zugang zum Garten.

So wie im Haupttrakt ein bewußt gestuftes Raumerlebnis von außen nach innen zu bemerken ist, so gilt dies auch im Erleben des "Außen", der gleichsam inszenierten Natur. Nach dem Verlassen des hellen, durchsichtigen "Vorraumes" gelangt man zunächst in den Hof. Dessen seitliche Begrenzung durch die Nebentrakte öffnet ihn zum Garten und setzt ihn gleichsam in diesen fort. Optische Barrieren vom Hof zum Garten sind eine schwache Geländestufe und auch das geschwungene schmiedeeiserne Gitter, das allerdings erst in späterer Zeit angebracht wurde. Ursprünglich bestand ein gerader Abschluß mit einigen Stufen in der Mitte, wie dies in einem Plan aus dem Jahr 1910 ersichtlich ist.

In dem zwanglos und frei gestalteten Garten mit altem Baumbestand (Kastanien, eine ca. 120 Jahre alte Weißbuche), in dem zur Zeit Katharina Schratts auch Pfaue lebten, existieren heute noch Teile der originalen plastischen Ausgestaltung. Im Hof befindet sich an der rechten Hauswand ein kleiner Brunnen, dessen Metalloberteil einen chinesischen Drachen darstellt. An der Grenze vom Hof zum Garten stehen, den Übergang flankierend, zwei Sphingen, Katharina Schratt und Charlotte Wolter (1834–97, ebenfalls Schauspielerin am Burgtheater) darstellend. Im unteren Teil des Gartens stehen eine Marmorplastik zweier spielender Kinder von F. Vichi (Florenz) und vereinzelt groteske Zwergenfiguren, die jenen im Garten des Schlosses Mirabell in Salzburg ähneln.

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band I 1996 ISBN 3-85493-004-6 und Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Eingestellt von Hojos
Im Juli 2012