Freundschaft in Hietzing

Präsentation des Buches von Prof. Heinz Weiss
19.11.2012

Das Bezirkslokal der SPÖ-Hietzing in der Wolkersbergenstraße 170 hatte einen großen Tag. Vor vollem Haus und in Anwesenheit hoher Funktionäre wurden nicht nur das neue Buch präsentiert, sondern auch die renovierte und vergrößerte Bezirkszentrale gezeigt. Das erweiterte Lokal beherbergt jetzt im ersten Stock eine Außenstelle des Vereines für Geschichte der Arbeiterbewegung und hat einen Teil des umfangreichen Archivs übernommen.

Anwesend waren unter anderem Bürgermeister Dr. Michael Häupl, Landtagsabgeordneter und Gemeinderat Dr. Alois Mayer, der Vorsitzende der SPÖ Hietzing Mag. Dr. Gerhard Schmid und Bezirksvorsteher-Stv. Reinhard Feistritzer. Das Österreichische Staatsarchiv war durch Generaldirektor Univ. Doz. Dr. Wolfgang Maderthaner vertreten.

„Hietzing ist ein klassisch Bürgerlicher Bezirk. Das stimmt aber nur für einen Teil des Bezirkes, denn Hietzing hat auch in der Geschichte der Arbeiterbewegung eine sehr starke Tradition und hat kommunale Einrichtungen, die weit über den Bezirk hinaus bekannt waren. Wir haben das Pflegeheim, damals Versorgungsheim, das Krankenhaus Lainz, die Lockerwiese, die schon 1928 die größte Gartenbausiedlung Wiens war, die Werkbundsiedlung, die bis  zum heutigen Tag Architekten aus der ganzen Welt anlockt als Zeugnis der Verbindung von Wohnen und Kunst und Kultur mit bahnbrechenden Neuerungen im Wohnbau, und das hat er (Anm: Prof. Weiss) so wunderbar herausgearbeitet.“ Das war sinngemäß eine der würdigenden Aussagen zum neuen Buch von Prof. Weiss. Prof. Weiss hatte bereits 2008 mit „Das Rote Schönbrunn“ ein Buch mit Hietzing-Bezug verfasst.

Nach Durchsicht des neuen Buches ist festzustellen, dass es keine systematische „Geschichte der Hietzinger Sozialdemokratie“ enthält, wie man nach seinem Untertitel erhoffen könnte, sondern zahlreiche Interviews, in der vorwiegend Hietzinger Sozialdemokraten Fragen beantworten und persönliche Erinnerungen einbringen. Begleitet werden diese Interviews von der in  Fortsetzungen eingestreuten „Krämer-Story“,  Maria Krämers (1906-1986) Lebensgeschichte.

Die befragten Personen haben natürlich viele Aspekte zur Lokalgeschichte einzubringen, schweifen aber auch weit ab, und aus der Hietzinger Geschichte werden Geschichten von Hietzingerinnen und Hietzingern. Eine durchgängige Geschichte sozialdemokratischer Einrichtungen in Hietzing lässt sich daraus kaum ableiten. Damit bleibt die Geschichte etwa der Hietzinger Roten Falken (um ein Beispiel  zunennen) trotz mehrerer Wortmeldungen genauso im Dunkeln, wie sie es vorher war.

Für ein Geschichtsbuch untypisch werden auch viel Tagespolitik verwoben und aktuelle Probleme angesprochen. So kann man einem Beitrag entnehmen, dass die SPÖ im Hörndlwald eine Wohnbaunutzung anpeilt, auch wenn sie als „soziale“ verniedlicht wird.

Eine enorme kognitive Dissonanz resultiert aus dem divergierenden Zugang der Sozialdemokratie zu kommunal weit ausstrahlenden und de facto Weltkulturerbe darstellenden Errungenschaften wie dem einstigen Versorgungsheim (jetzt Geriatriezentrum am Wienerwald) und dem einstigen Kaiser-Jubiläums-Spital (jetzt Krankenhaus Hietzing). In einem Vortrag während der Präsentation des Buches fast schon als sozialistische Errungenschaft vereinnahmt (siehe oben), werden sie gemäß heutigen Wiener Spitalsplanungen verkauft, baulich und medizinisch zerstört und zum Millionengrab. In den Buchbeiträgen werden diese Vorgänge zur Vision (Parklandschaft Hietzing) oder zur „First Class Medizin“ stilisiert, die im neuen Spital ohne Kardiologie, ohne Onkologie und Bestrahlung, ohne Dermatologie, ohne HNO-Abteilung, mit weniger kompetenten Miniabteilungen und fast halbierten Intensivbetten schwierig zu leisten sein wird. Die „medizinischen Koryphäen, die hier tätig sind“ werden in die Entscheidungen erst gar nicht eingebunden und bestehende Kooperationen zerrissen.

Schließlich darf Dr. Ewald Nowotny, weil er in Hietzing wohnt, sogar die EU in die Geschichte der Hietzinger Sozialdemokratie einbeziehen.

Insgesamt kann beim Lesen des Buches der Eindruck entstehen, eine als Geschichtsbuch verbrämte Wahlkampfbroschüre in Händen zu halten. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung passt jedenfalls.

Hier ein paar Fotos der Veranstaltung:

hojos
21. November 2012