Als das Licht kam

Die Elektrifizierung in der Region

Einleitung

Das „Licht“ als von den meisten Menschen erlebte erste Anwendung der aufkommenden Elektrizität ist zum Synonym für elektrische Energie geworden.

Das Kochen, das Heizen und das Leuchten haben ihren Ursprung im Feuer. Das offene Feuer bot die ursprüngliche Funktionseinheit für alle drei Aufgaben. Als erste Funktion aus dieser Einheit herausgelöst wurde das zur mobilen Lichtquelle gewordene brennende Stück Holz. Der Holzspan mit seinem schwachen und unregelmäßigen Licht, das den Raum verrußte und eine stete Brandgefahr darstellte, war in manchen Gegenden bis ins 19. Jahrhundert die einzige Lichtquelle. Ganz außer Gebrauch kam er erst nach der jeweiligen Elektrifizierung.

Wachskerzen gab es wohl schon seit der Antike, doch für den täglichen Gebrauch waren sie dem meisten Menschen zu teuer und nur besonderen Anlässen vorbehalten. Aus Abfallfetten hergestellte Talg und Unschlittkerzen gaben ebenfalls nur ein schwaches, stark rußendes Licht.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Öllampe mit ihrem verstellbaren Flachdocht im Glaszylinder zur dominierenden Beleuchtungsmethode. Nach der Entdeckung des Petroleums wurde sie als Petroleumlampe geradezu zum Symbol der „guten alten Zeit“. Trotz ihrer umständlichen Wartung blieb auch sie noch lange in Gebrauch.

Gemeinsam mit der industriellen Entwicklung machten aber auch die Beleuchtungstechniken enorme Fortschritte: Weite Verbreitung fand das Gaslicht und um 1870 das Bogenlicht. Das Bogenlicht war die erste in Serie produzierte elektrische Lampe mit einem Lichtbogen zwischen zwei Elektroden aus Graphit. Diese Beleuchtungsmethoden setzten sich über die industrielle Anwendung hinaus auch in öffentlichen Gebäuden wie Bahnhofshallen und zur Straßenbeleuchtung durch. Das Gaslicht war wegen seines Geruches, seiner Giftigkeit und der hohen Feuergefahr für Wohnräume weniger geeignet, der von Carl Auer von Welsbach entwickelte Glühstrumpf zieht sich aber neben der Petroleumlampe durch fast alle historischen Erzählungen. Die Bogenlampe wurde wegen des lauten Geräusches und des grellen Lichts in Innenräumen gemieden.

Auch das an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert aufkommende elektrische Licht aus der genialen Glühbirnen war zunächst den – in privater Hand befindlichen – industriellen Einrichtungen vorbehalten. Sie waren es, die als erste in die zur Erzeugung des notwendigen Stroms erforderlichen Kraftwerke investiert hatten, schließlich erforderten die neuen Produktionsweisen immer mehr Licht und Arbeitsstrom.

Das neue elektrische Licht war wegen seiner Sauberkeit und Unschädlichkeit natürlich auch in Wohnungen hochwillkommen, doch die für eine breite Anwendung erforderlichen Kraftwerke und Stromleitungsnetze wurden zu einer kommunalen Aufgabe, die Jahrzehnte in Anspruch nahm. 

Der Einleitung des elektrischen Lichts folgten im Laufe der Zeit mehrere Wellen elektrisch betriebener Geräte: Bald das elektrische Bügeleisen, spätestens 1938 ein Radio in jedem Haus, Mitte der 1960er-Jahre die ersten elektrischen Waschmaschinen, der Staubsauger, der Kühlschrank, der Rasierapparat, Fernsehgeräte, schließlich auch die Elektroheizung und eine unübersehbare Vielfalt weiterer moderner Hausgeräte.

Die Entwicklung der Wiener Städtischen Elektrizitätswerke

In Wien wurden die Stromerzeugung und -verteilung in nahezu monopolistischer Weise durch die Wiener städtischen Elektrizitätswerke übernommen. Einen guten Einblick in diese frühe Entwicklung gibt ein Beitrag in der Broschüre „Die Elektrifizierung Österreichs“. Zweite Auflage der unter Mitwirkung des Österreichischen Wasserkraft- und Elektrizitäts-Wirtschaftsamtes im Jahre 1925 veröffentlichten Broschüre zur zweiten Weltkonferenz, Berlin 1930. Wirtschaftszeitungs-Verlags-Gesellschaft m.b.H., Wien I., Strauchgasse 1.

Den Anstoß zur Gründung der Wiener städtischen Elektrizitätswerke gab die um die Jahrhundertwende von der Gemeindevertretung beschlossene Umwandlung des Pferde- und Dampfbetriebes der Straßenbahn auf elektrischen Betrieb. In Wien bestanden bis dahin drei private Elektrizitätswerke, die nur wenige Bezirke mit elektrischer Energie versorgen konnten. Da an eine Erweiterung der mitten im Stadtgebiet gelegenen, privaten Elektrizitätswerke nicht zu denken war, beschloss die Wiener Gemeindevertretung die Stromversorgung der Stadt, speziell der Straßenbahnen, selbst in die Hand zu nehmen. Sie beauftragte das Stadtbauamt im Verein mit den Österreichischen Schuckertwerken ein Projekt auszuarbeiten. Dieses sah die Errichtung eines Dampfkraftwerkes in Simmering auf einem unmittelbar neben dem Donaukanal gelegenen Grundstück vor. In fünf über das Stadtgebiet verteilten Unterwerken sollte der gelieferte Drehstrom in Gleichstrom umgewandelt werden. Darüber hinaus waren Hoch- und Niederspannungskabelnetzen anzulegen. Ermöglicht werden sollte die Abgabe von Straßenbahn-, Kraft- und Lichtstrom an allen Stellen des verbauten Gemeindegebietes. Die Gemeindevertretung bewilligte das Projekt und die dafür erforderlichen Mittel. Nach kurzer Bauzeit konnte das Kraftwerk Simmering 1902 mit einer Anfangsleistung von 16.000 kVA in Betrieb genommen werden.

Dampfkraftwerk I, Simmering, der Wiener Städtischen Elektrizitätswerke. Von Süden gesehen, vor 1930 © Archiv 1133.at
<p><b>Dampfkraftwerk I, Simmering, der Wiener Städtischen Elektrizitätswerke</b></p><p>Von Süden gesehen, vor 1930</p><p><i>&copy; Archiv 1133.at</i></p>

In der Folge entbrannte ein heftiger Kampf zwischen dem städtischen Elektrizitätswerk und den privaten Elektrizitätsgesellschaften, der mit einer Niederlage der privaten endete und zur allmählichen Aufsaugung ihrer Betriebe durch das städtische Elektrizitätswerk führte.

Von den drei privaten Dampfkraftwerken wurden die beiden Gleichstromwerke in Unterwerke umgewandelt und die Kabelnetze jenen der städtischen Elektrizitätswerke einverleibt. Das in der Engerthstraße gelegene Wechselstromwerk wurde weiter betrieben aber durch den Einbau von Dampfturbinen an Stelle der alten Dampfmaschinen in seiner Leistung wesentlich verstärkt. Schon 1907 hatten die städtischen Elektrizitätswerke die Alleinherrschaft in der Wiener Stromversorgung erreicht.

In den Dampfkraftwerken wurde ursprünglich ein Gemisch von Ostrauer und Oberschlesischer Steinkohle mit aus dem Brüxer Revier stammender Braunkohle verfeuert; die Brennstoffe mussten also aus großen Entfernungen herbeigeschafft werden. Die städtischen Elektrizitätswerke waren daher bemüht, die Stromerzeugungskosten entweder durch den Ausbau von Wasserkräften oder die Verwendung minderwertiger, inländischer Braunkohle zur Kesselheizung herabzudrücken. Projekte auf Basis eingehender Studien über die Wasserkräfte der mittleren Enns und der aus den Niederen Tauern kommenden Zuflüsse wurden nicht ausgeführt.

Günstiger gestaltete sich die Verwendung inländischer Kohle durch Nutzbarmachung der Braunkohlengruben von Zillingdorf und Neufeld, die im Süden von Wien rund 45 km entfernt lagen. Vorgenommene Bohrungen erkannten das Vorkommen als ziemlich bedeutend und von ausreichendem Heizwert. Auf Grund dieser Ergebnisse wurde das Bergwerk Zillingdorf von der Gemeinde Wien angekauft. Gleichzeitig beschloss die Gemeindevertretung, ein Dampfkraftwerk in dem wenige Kilometer entfernten Ebenfurth samt einer 70 kV-Doppelfreileitung nach Wien zu bauen. Wegen der Verzögerung durch den Ersten Weltkrieg konnte das Kraftwerk mit einer Anfangsleistung 16.000 PS erst im Dezember 1916 in Betrieb genommen werden.

Das Werk, dessen Leistung bis 1930 auf 52.000 PS gesteigert wurde, bewährte sich schon in den ersten Jahren seines Bestandes. Österreich war nach dem Krieg vollständig von seiner früheren Kohlenversorgung abgeschlossen, und nur der Bestand dieses Kraftwerkes verhinderte das gänzliche Versagen der Wiener Stromversorgung. Der vermehrte Kohlenbedarf des Dampfkraftwerkes wurde aus dem damals auf ungarischem Gebiet gelegenen Tagbau Neufeld gedeckt. Natürlich machten die Umstände den Ausbau heimischer Wasserkräfte vordringlich.

Auf Grund eingehender Untersuchungen fasste der Wiener Gemeinderat 1921 den Beschluss, die zwischen Göstling und Opponitz vorhandene Gefällsstufe der Ybbs auszubauen. Die Baudurchführung wurde der eigens zu diesem Zweck gegründeten Wasserkraftwerke A.G. übertragen, der auch die Gemeinde angehörte. Der Betrieb des Wasserkraftwerkes wurde im Dezember 1927 mit drei Turbinensätze von zusammen 12.000 kW-Leistung aufgenommen. Die zur Verfügung stehende Höchstwassermenge betrug 12 sek/m3, das Nutzgefälle 112 m. Daraus ergab sich eine mittlere Jahreserzeugung von rund 55 Millionen Kilowattstunden.

Im Februar 1926 wurde auch mit der Nutzung des Gefälles der II. Wiener Hochquellenwasserleitung nächst dem Ort Gaming begonnen. Die Wasserleitungsmenge von 2,5 m3 je Sekunde mit einem Gefälle von rd. 180 m garantierte während des ganzen Jahres eine beständige Maschinenleistung rund 4000 kVA und eine Jahreserzeugung 30 Millionen Kilowattstunden.

Der in den beiden Wasserkraftwerken Opponitz und Gaming erzeugte elektrische Strom von 5000 Volt Spannung wurde auf 100.000 Volt gebracht und mittels einer 25 bzw. 10 km langen Fernleitung in die Freiluftschaltanlage Gresten geleitet. In diese wurde auch eine 70 km lange 100.000 Volt-Leitung eingebunden, die den aus dem Kraftwerk Partenstein der Österreichischen Kraftwerke-A.G. über die Schaltanlage Wegscheid bezogenen Strom beförderte. Der Stauweiher dieses Kraftwerkes erlaubte die Stromlieferung hauptsächlich während der Höchstbelastung des Wiener Netzes. 1930 waren das rund 55 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Vom Umspannwerke in Gresten führte eine rund 120 km lange Drehstrom-Doppelfreileitung nach Wien zum Umspannwerk Nord.

Schließlich wurde zwischen den Wiener städtischen Elektrizitätswerken und der Steirischen Wasserkraft- und Elektrizitäts-A.G. ein Vertrag geschlossen, demzufolge vom Herbst 1930 angefangen diese Gesellschaft rund 24.000 kW aus ihren an der Mur und Teigitsch gelegenen Wasserkraftwerken liefert. Dafür musste die bestehende 100.000 Volt-Freileitung vom Murkraftwerk Pernegg zum Umspannwerk Ternitz durch eine 70 km lange Leitung bis nach Wien verlängert werden. In der vergrößerten Freiluftumspannanlage des Umspannwerkes Süd war die Fernleitungsspannung von 100.000 Volt auf 28.000 Volt herabzumindern. Mit dieser Spannung wurde der Strom den einzelnen Umspannwerken der städtischen Elektrizitätswerke mittels Kabel zugeleitet.

In Wien selbst befanden sich sechs kleine Wasserkraftanlagen, die Druckgefälle aus den Anlagen der Wiener Wasserleitung nutzten. Der in diesen Kleinanlagen mit Asynchrongeneratoren erzeugte Drehstrom von 5000 Volt Spannung diente direkt zur Anspeisung des 5000 Volt Kabelnetzes.

Der gesamte jährliche Strombezug der Wiener städtischen Elektrizitätswerke aus Wasserkräften betrug 1930 160 Mill. kWst, nach Fertigstellung des geplanten Wasserkraftwerkes Mixnitz 240 Mill. kWst.

Im Laufe der Jahre wurden die drei Dampfkraftwerke der städtischen Elektrizitätswerke mit Rücksicht auf den stets steigenden Stromverbrauch allmählich erweitert, wobei die Kessel-, Maschinen-, Bekohlungs-, Entschlackungs- und Schaltanlagen vielfach umgestaltet und den neuen Verhältnissen angepasst wurden. So wurden im Kraftwerk Simmering im Jahr 1929 vier Kessel von je 1260 m2 Heizfläche aufgestellt. Sie lieferten die Dampf von 35 Atm. Spannung und waren für Kohlenstaubfeuerung eingerichtet. Die zu den beiden Kesseln gehörigen zwei Dampfturbinen besaßen zusammen eine Leistung von 64.000 PS, ein dritter Turbinensatz war in Aufstellung.

Auch im Kraftwerk Engerthstraße wurde 1928 Jahren eine neue Kesselanlage für 22 Atm. Druck mit einer Heizfläche von 1092 m2 fertiggestellt; die Leistung der zugehörigen Dampfturbine betrug 20.000 PS. An einer Erweiterung des Kessel- und Maschinenhauses wurde gearbeitet (stündlich bis zu 100 t Dampf von 22 Atm. Spannung aus den Kesseln, Leistung der Dampfturbine 30.000 PS).

Die Wiener städtischen Elektrizitätswerke verfügten 1930 über eine Zentralenleistung von rund 250.000 PS, die sich folgendermaßen auf die einzelnen Werke verteilt:

Kraftwerk Simmering........123.000 PS
Kraftwerk Engerthstraße.....55.800 PS
Kraftwerk Ebenfurth............52.000 PS
Kraftwerk Opponitz.............15.000 PS
Kraftwerk Gaming.................6.000 PS
Kleinwasserkraftwerke......... 1.000 PS

Der Fremdstrombezug aus Oberösterreich erreichte ein Höchstausmaß von rund 22.000 PS.

Bis zum Jahr 1917 erfolgte die primäre Kraftverteilung nur über ein 5000 Volt Kabelnetz. Von diesem Zeitpunkt an konnte mit dieser Spannung nicht mehr das Auslangen gefunden werden, da einerseits die stets wachsenden Energiemengen mit dieser Spannung nicht mehr wirtschaftlich verteilt werden konnten und anderseits durch die Schaffung neuer Stromquellen, als welche auch die an den Endpunkten der Überlandleitungen errichteten Umspannwerke angesehen werden mussten, eine Verschiebung in der Energieverteilung eingetreten war. Es musste daher ein neues Verteilsystem eingeführt werden, das aus einem 28.000 Volt Kabelnetz und einer Anzahl von Umspannwerken bestand, die, der Belastung entsprechend, über das Stadtgebiet verteilt lagen. Die in den beiden Wiener Dampfkraftwerken sowie in den Umspannwerken „Nord“ und „Süd“ bereitstehende Energie wurde 1930 mittels 28.000 Volt-Kabel den einzelnen Umspannwerken zugeführt, daselbst auf 5000 Volt transformiert und mit dieser Spannung an die Unterwerke abgegeben. Zwei dieser Umspannwerke, nämlich „Schmelz“ und „Michelbeuern“. befanden sich bereits seit 1926 in Betrieb, erfuhren aber nunmehr eine bedeutende Vergrößerung.

Die Inbetriebnahme zweier weiterer Umspannwerke im X. und II. Gemeindebezirk war für Ende 1930 geplant. Die beiden Wiener Dampfzentralen erhielten ebenfalls je ein Umspannwerk, in welchen der mit 5 kV erzeugte Drehstrom auf 28 kV zur Speisung des Hochspannungsnetzes gebracht wurde.

Um eine möglichst hohe Betriebssicherheit zu erreichen, wurde eine besondere Schaltungsart der 28.000 Volt- und 5000 Volt-Kabel, welche die Umspann-, bzw. Unterwerke anspeisen, vorgenommen: Die Umspannwerke und die Hochspannungsanlagen der Unterwerke wurden in je 2 – 3 unabhängige Teile geteilt und jeder Teil von einer anderen Stromquelle mit Strom versorgt. Falls beim Versagen einer Stromquelle eine der vorhandenen Gruppen stromlos wurde, konnten die beiden übrigen nach erfolgter Schienenkupplung die Speisung übernehmen. In den Unterwerken standen überdies noch Akkumulatorenbatterien zur Verfügung.

Die im Laufe der Jahre veralteten Unterwerke wurden einer gründlichen Erneuerung unterzogen und ihre Leistungen durch Aufstellen stärkerer Maschinen, Gleichrichter und Akkumulatorenbatterien wesentlich vergrößert. Hierzu kam noch eine Reihe neuer Unterwerke. Eines davon wurde mit Einankerumformern, die übrigen mit Quecksilberdampfgleichrichtern und mit großen Akkumulatorenbatterien ausgestattet. Eine Anzahl dieser Gleichrichteranlagen lieferte einen Teil des Stromes für den Straßenbahnbetrieb sowie den gesamten Stadtbahnstrom.

Während die erstmals eingestellten Gleichrichter für je 1000 Amp. bemessen waren, gaben die zuletzt aufgestellten bereits je 4000 Amp. Die Gleichrichter, deren Wirkungsgrad wesentlich größer als jener der Motorengeneratoren und Einankerumformer war, hatten sich nach Überwindung der Kinderkrankheiten betrieblich außerordentlich gut bewährt. Der Hauptvorteil lag wohl darin, dass ihre Inbetriebsetzung an keinen Synchronlauf gebunden war, weshalb sie nach einer Störungsbeseitigung ohneweiters wieder gleichstrom- und drehstromseitig zugeschaltet werden konnten. Überdies war durch die Einstellung von Gleichrichtern an Stelle von Umformern die Möglichkeit gegeben, die Leistung der Unterwerke ohne bauliche Erweiterung zu steigern, oder bei gleichbleibender Leistung einen Teil der Maschinenhalle anderweitig, etwa für die Errichtung einer neuen Hochspannungsanlage, zu verwenden. Von beiden Möglichkeiten wurde Gebrauch gemacht.

Der gesamte, für den Betrieb der Wiener Stadtbahn erforderliche Gleichstrom wurde von Gleichrichtern geliefert, die teils in bestehenden Unterwerken, teils in eigens hierzu errichteten Gebäuden untergebracht waren. Für den Betrieb der Straßenbahnlinie Mauer-Mödling wurde von den städtischen Elektrizitätswerken eine vollkommen selbsttätig arbeitende Gleichrichteranlage in Perchtoldsdorf errichtet, deren Überwachung durch die Gleichrichteranlage Speising, welche die Bahnlinie gleichfalls mit Strom versorgt, mittels einer Signalanlage erfolgte.

Hand in Hand mit dem Ausbau der Umspannwerke und der Umgestaltung der Unterwerke erfolgte auch eine wesentliche Erweiterung des Kabelnetzes.

Von 1924 bis 1930 wurde ein Großteil der Wiener öffentlichen Beleuchtung, die bisher mit Gas erfolgte, auf elektrischen Betrieb umgestellt. 1930 waren bereits rund 23.000 Lampen im Betrieb, deren Anschlusswert über 5000 kW betrug.

Zum Versorgungsgebiet der städtischen Elektrizitätswerke gehörte außer dem Wiener Stadtgebiet noch ein Teil des Wiener Beckens, sowie das Obere Ybbstal; auch wurde an die n.- ö. Elektrizitäts-und Wasserkraft A.-G. und die das Burgenland versorgende Eisenstädter Elektrizitäts A.-G. an mehreren Stellen Strom abgegeben. Die Versorgung des südlich von Wien gelegenen Gebietes erfolgte mittels eines 16.000 Volt-Freileitungsnetzes, an das übrigens auch einige kleine, in privaten Händen befindliche Wasserkraftanlagen ihre Überschussenergie lieferten.

Im Laufe der Jahre hatte sich der Abnehmerkreis der Wiener städtischen Elektrizitätswerke stark vergrößert. Die Zahl der Abnehmer betrug Ende 1914 116.000, 1918 159.048 und Ende 1929 604.738.

Demzufolge erfuhr auch die Stromerzeugung eine ständige Steigerung. Sie betrug in den Jahren

1914.......rund 210 Mill. kWh
1920.......rund 250 Mill. kWh
1922.......rund 310 Mill. kWh
1924.......rund 370 Mill. kWh
1926.......rund 450 Mill. kWh
1928.......rund 538 Mill. kWh
1930.......rund 575 Mill. kWh  

Das Jahr 1929 zeigte wegen der schlechten Wirtschaftslage eine geringere Zunahme als in den Vorjahren.

Die Stromerzeugung je Abnehmer und Jahr fiel dagegen infolge des unverhältnismäßig stärkeren Anschlusses von Kleinabnehmern von 1810 kWSt im Jahr 1914 auf 960 kWSt im Jahr 1929.

Vereinigte Elektricitäts-Actiengesellschaft Wien (Stand 1930)

Die Anfänge der Gesellschaft reichen in die 1860er-Jahre, also in die Anfangsperiode der praktischen Verwertung der elektrischen Energie, zurück. Damals errichtete der österreichische Pionier der Elektrotechnik Bernhard Egger in Wien eine kleine Werkstätte für die Erzeugung von Einrichtungen für Telegraphie und Telephonie, welche später, den Erfordernissen des Fortschrittes folgend, in rascher Entwicklung nicht nur ihre Produktion auf das gesamte Gebiet der Schwachstromtechnik ausdehnte, sondern sich auch mit der Herstellung von elektrischen Glühlampen, Dynamomaschinen und Elektromotoren sowie Installationsmaterialien befasste. In relativ kurzer Zeit erfolgte die Errichtung einer Budapester Zweigfabrik und schließlich im Jahr 1895 die Umwandlung des ungarischen Betriebes und 1899 die Umwandlung des österreichischen Betriebes in Aktiengesellschaften. Während aus der ungarischen Aktiengesellschaft unter entsprechender Beteiligung der Vereinigten Elektricitäts A.G. die Vereinigte Glühlampen- und Elektrizitäts A.G. in Ujpest geworden ist, haben wir es bei der österreichischen Aktiengesellschaft mit der späteren Vereinigten Elektricitäts-Actiengesellschaft zu tun. Diese hatte ursprünglich den Betrieb, der aus der Gründung des Herrn Bernhard Egger hervorging, weitergeführt und sich mit der Erzeugung von Maschinen, Apparaten und Materialien für Stark- und Schwachstrom befasst. Im Jahr 1911 hat sie jedoch das Fabrikationsgeschäft aufgelassen und dieses der zu diesem Behuf gegründeten Österreichischen Brown Boveri Werke-A.G., an der sie beteiligt blieb, übertragen, während sie selbst sich der Elektrizitätslieferungsindustrie widmete. Die Gesellschaft erwarb von der damaligen Elektrizitäts-Abteilung der Unionbank eine Reihe von Elektrizitätswerken und elektrischen Straßenbahnen, bzw. die Aktienmehrheit derartiger Unternehmungen.

Der Verlust zweier Betriebe nach dem Ersten Weltkrieg konnte später durch Erwerb neuer Betriebe bzw. Unternehmungen auch im damaligen neuen Ausland weitgehend paralysiert werden. Darüber hinaus dehnte die Gesellschaft ihr Geschäft auch auf den Betrieb von Gaswerken aus. Sie erwarb die Wiener Gasindustrie-Gesellschaft im Wege der Fusionierung und sicherte sich damit maßgebenden Einfluss bei mehreren größeren Gaswerksbetrieben. Auch hatte sie sich eine erhebliche Beteiligung an der Zentralgas-und Elektrizitäts A. G. in Budapest, die unter anderem Besitzerin des Gas- und Elektrizitätswerkes in Szeged war, gesichert. Sie kontrollierte somit im Jahr 1930 eine stattliche Reihe von Betrieben, die sich auf das Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie verteilten.

Soweit bei dem umfangreichen und weitverzweigten Geschäftsbetrieb der Vereinigten Elektricitäts-Actiengesellschaft das Elektrizitätslieferungsgeschäft in Österreich in Frage kam, handelt es sich um die Stromversorgung von Teilen von Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark durch mehrere Betriebe: Die Gasanstalt und elektrische Anlagen Wienerberg, Wien X. (Österreichische Gasbeleuchtungs-A.G.), die Gasanstalt und elektrische Anlage Eggenberg, Steiermark (Österreichische Gasbeleuchtungs-A.G.), die Elektrische Überlandzentrale „Pölswerke“ in Knittelfeld und die Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Wels, Oberösterreich.

Die Elektrifizierung in den Straßen und Wohnungen Wiens

Die erste Priorität in Wien war die Elektrifizierung der Straßenbahnen. Schon 1903 wurde in der Linzer Straße eine elektrische Straßenbahnstrecke von der Johnstraße (heute Grenze zum 15. Bezirk) bis zum Baumgartner Spitz gebaut; sie wird seit 1907 von der Linie 52 befahren.

1924 begann die Umstellung der Straßenbeleuchtung von Gas auf elektrischen Strom. Das war ein langer Prozess, der erst mit dem Löschen der letzten Gaslaterne am 27.11.1962 durch Bürgermeister Franz Jonas abgeschlossen wurde. Die Gaslaterne stand in Ober St. Veit vor dem Haus Sauraugasse 22. Heute steht sie vor dem Bezirksmuseum Hietzing. 

Das Einleiten von Licht in die Wohnungen nahm ebenfalls einen langen Zeitraum in Anspruch und hing von vielen Faktoren ab, wie der Entfernung zu einem Kraftwerk, der Entscheidungsfreudigkeit und Modernität der Wohnungsinhaber, der Finanzierung, der Armut der Betroffenen und letztendlich auch der Komplexität der Einleitung des elektrischen Stromes: Zuleitungen in Gräben, blanke Eisendrähte auf Holzmasten zu den Isolatoren der Häuser, gedrehte Zweileiter überputz auf kleinen Porzellanisolatoren, ein an die Wand geschraubter Schalter, ebenfalls aus Porzellan. Allen voran hatten meist die Gewerbetreibenden mehr Licht in ihren Räumen.

Die Elektrifizierung in Privathäusern fand in manchen Bereichen schon sehr früh um die Wende in das 20. Jahrhundert statt und dauerte in Wien bis in die 1930er-Jahre. Wegen der Abgeschiedenheit, der relativen Armut und des speziellen, sich am Sonnenlicht orientierenden Jahresablaufes im Landwirtschaftlichen Bereich ließ der Übergang zur Elektrizität auf dem Land länger auf sich warten, als im städtischen Bereich. In entlegeneren Regionen Österreichs konnte das bis in die 1950er-Jahre dauern. Naturgemäß bevorzugt waren die den industriellen Kraftwerken naheliegenden Gebäude.

Der Strompreis wurde regelmäßig und schonungslos kassiert. Die Grundgebühr richtete sich nach der Wattzahl der Glühbirnen, der Strompreis wurde monatlich vom Zähler abgelesen.

Einen schönen Einblick in die Verbreitung der Elektrizität in seiner Jugendzeit gibt Karl Klein, Sohn eines Straßenbahnfahreres, im Buch „Als das Licht kam“. Als er 1908 geboren wurde, fuhr die Straßenbahn bereits elektrisch. Die Dampftramway gab es nur noch auf einigen Linien, er erinnerte sich auf eine Fahrt zwischen Hietzing und Mödling.

Die ihm erinnerliche Besonderheit war, dass auf der inneren Mariahifer Straße und dem Ring Oberleitungen vom Kaiser untersagt waren. Statt dessen gab es eine Unterleitung in einer Hohlschiene. Neugierig schaute er zu, wenn bei diesem Übergang der Motorführer den Bügel abzog und ein Schiffchen in die Schiene kurbelte. In der Gegenrichtung wiederholte sich der Vorgang umgekehrt.

Das elektrische Zeitalter begann so richtig erst nach der Stabilisierung der Nachkriegsverhältnisse 1919. Auf der Mariahilfer Straße gab es als Nachtbeleuchtung große elektrische Bogenlampen. Es waren Lichtbogen, einzelne zischten leise oder knatterten. Sie strahlten ein fahles Licht wie der Vollmond aus und wirkten sehr geheimnisvoll. Lichtbogenlampen waren dort auf dem Siegeszug, wo man starke Lichtquellen brauchte.

Manche Leute waren ihrer Zeit voraus, und hatten beispielsweise eine elektrische Klingel am Haustor, die ein „Element“ mit Strom versorgte. 1918 tauchten die elektrischen Taschenlampen mit Batterie auf, ein beliebtes Spielzeug für die Kinder.

Herr Klein erinnerte sich auch an eine großangelegte Aktion der Gemeinde Wien von 1922 bis 1925: „In jeden Haushalt Gas und Strom“. In seiner Wohnung war 1923 das Petroleumzeitalter vorbei. Als die erste Fünfundzwanziger-Birne eingeschaltet wurde, war das eine Festbeleuchtung. Nie mehr Petroleumlampen reinigen, nachfüllen, Docht schneiden etc...

Gleichzeitig kam auch das Gas in die Wohnung. Auf dem Herd wurden ein Rechaud und eine Gasbackröhre aufgestellt, vor allem für die Frauen eine ungeheure Entlastung; keine Holzspandeln (Holzspäne), kein Kohleschleppen aus dem Keller, kein Ascheräumen, kein Staub und Ruß.

Er erinnerte sich auch an die 1924 beginnende Umstellung der Straßenbeleuchtung von Gaslaternen auf elektrisch. Die ersten Straßenzüge wurden zum Silvester 1924 um Mitternacht eingeschaltet. Die Felberstraße vom Westbahnhof bis zur Schweglerbrücke war elektrisch ausgerüstet, von der Schweglerbrücke bis zur Johnstraße blieb noch die Gasbeleuchtung. Viele Menschen kamen um Mitternacht zur Brücke, und als schlag zwölf Uhr die Beleuchtung eingeschaltet wurde, hörte man ein lautes „Oh!“: die Felberstraße zum Westbahnhof eine Flut von Helligkeit, zur Johnstraße trotz der Glühlampen Finsternis. Die tausendste Straßenlampe wurde mit Tannenreisig und einer goldenen „1.000“ geschmückt am Margaretengürtel, Abzweigung Eichenstraße, montiert und unter den Klängen einer Musikkapelle in Betrieb genommen.

Die Elektrifizierung der Stadtbahn begann 1922. Sie bekam die modernste automatische Signalanlage nach dem Muster der Chikagoer U-Bahn in Amerika. Nach der Fertigstellung war das Fahren ein Vergnügen. In den Tunnels unter dem Westbahngürtel, dem Naschmarkt usw. gab es keinen Rauch und keinen Gestank mehr. Man konnte die Fenster geöffnet halten, ohne Ruß auf den Bänken und im Auge zu haben.

Eine Zeitungsmeldung gab 1924 ein geheimnisvolles Ereignis bekannt: In Wien wird ein Radioversuchsprogramm gestartet.

Zuletzt erinnerte sich Karl Klein an eine Schulführung 1920 ins E-Werk Simmering, an einen Ausflug 1925 zum ersten Donaukraftwerk ins bayrische Kachlet oberhalb von Passau und an einen Ausflug 1927 nach Opponitz, zu dem damals modernsten Wasserkraftwerk der Gemeinde Wien. So begann der alles umwälzende Siegeszug in der modernen Industriegesellschaft. Es war eine ungeheure neue Entwicklung, angeheizt noch durch den Zweiten Weltkrieg.

Die Elektrifizierung in Hietzing

Zur Elektrifizierung Hietzings gibt es noch keine systematische Darstellung. Die hier angeführten Ereignisse sind eine im Aufbau befindliche Sammlung, an der alle mitwirken können.

Die Elektrifizierung Ober St. Veits begann mit der Einleitung elektrischen Lichts in die Pfarrkriche Ober St. Veit im Jahre 1908.

1908 war auch der Betreiber der Dampftramway, die die Hietzinger Hauptstraße hinauf nach Ober St. Veit fuhr, von der Gemeinde Wien übernommen und diese Linie noch im selben Jahr als Linie 58 elektrifiziert worden.

Quellen:
Die Elektrifizierung Österreichs. Zweite Auflage der unter Mitwirkung des Österreichischen Wasserkraft- und Elektrizitäts-Wirtschaftsamtes im Jahre 1925 veröffentlichten Broschüre zur zweiten Weltkonferenz, Berlin 1930. Wirtschaftszeitungs-Verlags-Gesellschaft m.b.H., Wien I., Strauchgasse 1
Mitterauer Michael und Viktoria Arnold als Herausgeber: Als das Licht nach Wien kam. Wien, Böhlau-Verlag 1986

Übertragen von hojos auf Anregung von Herrn Wilfried Hofhansl
im Juni 2022