Briefe aus Ober St. Veit

Vorbemerkung

Anfang des Jahres 2021 ist ein für Ober St. Veit sehr interessantes Buch erschienen: Letters Home.

Letters Home ist ein von den Nachkommen des amerikanischen Musikwissenschaftlers Dr. Edwin Eugene Stein privat publiziertes Buch. Sein Gegenstand ist der Aufenthalt Dr. Steins, seiner Ehefrau Catherine Lenore Wagner Stein und der vier Töchter der Familie Stein im Nachkriegs-Wien der Jahre 1954/55. Basis für das Buch sind die während des Wien-Aufenthaltes von Frau Stein an ihre Eltern und die ihres Mannes geschriebenen Briefe und die von Frau Stein gemachten Fotos. Viele der Briefe und auch einige der Fotos sind aus Ober St. Veit, da sich die Familie in der Kramer-Glöckner Villa in der Winzerstraße 2 eingemietet hatte. Die bekannte Schauspielerin Josefine (Pepi) Kramer-Glöckner war kurz zuvor gestorben. 

Finanziert wurde der Wien-Aufenthalt durch ein Fulbright-Stipendium Dr. Steins und dessen Gehaltes aus einem von der University of Kentucky gewährten Sabbaticals. Der Zweck dieses Sabbaticals waren Musikstudien Dr. Steins. Die Familie fuhr im September 1954 mit der SS America nach Europa und kehrte mit der SS Nieuw Amsterdam im August 1955 zurück. Der Mittelpunkt ihres Europa-Aufenthaltes  war eben das kleine Dorf Ober Sankt Veit im 13. Wiener Gemeindebezirk. Die Kinder besuchten Österreichische Schulen, in denen nur Deutsch gesprochen wurde. Die Familie erkundete über Wien hinaus andere Teile Österreichs sowie Frankreich, Italien, Deutschland, Belgien und die Niederlande.

Die Autorinnen des Buches, die vier Stein-Töchter Mary Susan Stein Leahy, Kathleen Elizabeth Stein, Margaret Lenore Stein und Ellen Clare Stein, widmeten das Buch ihren Eltern.

In der Folge dieses 1133.at-Beitrages versuche ich, für unsere Region besonders interessante Briefe möglichst authentisch ins Deutsche zu übersetzen und verfügbare Fotos einzuflechten.

Vorweg ein Zeitungsartikel nach der Rückkehr

Übersetzung eines Artikels von Marilyn Kilgus im Lexington Leader vom 28. September 1955: Their Year In Vienna Was Like A Holiday Of Music, With Opera, Symphony And Waltz A Way Of Living

In einem Haus am Rande des Wienerwaldes zu leben. Deutsch sprechen zu lernen, gut genug, um sich mit den Nachbarn zu treffen. Jeden Tag ins Geschäft einkaufen zu gehen, und zum Fleischhauer und zum Bäcker, weil es keinen Eiskasten gibt. Und Musik zu hören – Opern, Symphonien, Walzer – fast in jedem wachen Moment. Das war das „Schicksal“ einer Lexingtoner Familie von September 1954 bis August 1955. Und sie liebten es.

Edwin E. Stein, das Oberhaupt der Familie, war in seinem Element. Als Vorstand des „Department of Music“ der Universität von Kentucky qualifizierte er sich als Flubright Forschungsstipendiat und wurde zum Thema der Musik des 16. Jahrhunderts nach Wien entsandt. Seine Frau und seine vier Töchter im Alter von 11, 9, 8 und 5 Jahren begleiteten ihn. Vermittelt durch Wiener Freunde mieteten sie das ehemalige Wohnhaus von Pepi Kramer-Glöckner, einer der herausragenden Schauspielerinnen Europas, vor mehreren Jahrzehnten.

Die Mädchen waren im Frühjahr an einer öffentlichen Schule eingeschrieben worden. Frau Stein begann ihre täglichen Wege in die benachbarten Geschäfte, und der Professor begann seine regelmäßigen Besuche in der Nationalbibliothek mit ihrer Fülle an primären Quellen für das Musikstudium.

Die Familie ließ sich am Rande des berühmten Waldes nieder, und bald verbrachten die Spielkameraden der Kinder und deren Eltern viel Zeit mit den Steins. In einem zunehmend verständlichen Deutsch wurde meistens über Musik gesprochen.

Weil Pepi Kramer-Glöckners Haus, das nach wie vor voll der Erinnerungen an eine kontinentalweite Bühnenkariere war, am Rande des Wienerwaldes lag, konnten die Steins eine nicht enden wollende Prozession von „Sonntagswanderern“ beobachten – ganze Familien, von Babys auf des Vaters Schultern bis zum Sohn im Teenageralter, Picknickkörbe tragend. Und weil Frau Kramer-Glöckners Haus auch unweit des Schlosses Schönbrunn lag, machten die Steins ihrerseits Ausflüge, um den Tiergarten und die Ausstellung der Kinderkutschen von Kronprinz Rudolf zu sehen.

Wien selbst versäumte es niemals, die Familie mit seinen Versprechen von Mozart in einem offenen Platzkonzert, Strauss in einem alten Café oder Haydn im berühmten gotischen Stephansdom anzuziehen. Sie sahen „schwere“ Opern in der Staatsoper, und „leichte“ Opern in der Volksoper. Sie hörten die Wiener Symphoniker und die Wiener Philharmoniker und sie hörten den „Kaiserwalzer“ aus alten kristallenen Ballsälen dringen. Wenn Dr. Stein nicht gerade Musik hörte, las er oder sprach er über sie.

Als Dr. Stein an seinem Schreibtisch im Fine Arts Building der Universität von Kentucky saß, sagte er: „Wien ist ein Paradies für einen Musiker.“ Als Johannes Brahms ein Jahrhundert vorher über das gleiche Thema sprach, sagte er: „Wien ist des Musikers heilige Stadt.“

Warum ist sie solch ein Paradies?

Der Musiker der Universität sagte, er konnte soviel Zeit wie er wollte in ununterbrochener Forschung verbringen. Er konnte die Originalpartituren der großen Werke Beethovens und Strauss' angreifen und lesen. Er konnte die Kirchen besuchen, wo die Komponisten den Gottesdienst besuchten, spielten und begraben wurden. Und – am allerbesten – er konnte mit dem gewöhnlichen Wiener („ein sanfter entspannter Kerl“) über jeden Aspekt der Musik diskutieren.

Die Familie teilte mit österreichischen Freunden das seltsame Drama einer offiziellen Zeremonie am ersten Tag eines jeden Monats beim Winterpalais, die das Kommando über Wien von einer Großmacht an eine andere „mit bissigem Gruß“ übertrug.

Sie verfolgten mit den Österreichern dem Wiederaufbau der 25 Prozent der Stadt, die während des Krieges zerstört wurden. Beim Abschied im August bedauerte es Dr. Stein sehr, dass er nicht in Wien zu sein würde, um die größte Restaurierung barocker Monumente zu feiern – die ausgebombte Staatsoper, die am 5. November wiedereröffnet werden wird.

Die neue Freiheit Wiens, die im letzten Herbst mit dem Läuten der Glocken der Stephanskirche und in den Straßen tanzend gefeiert wurde, kann mit der ersten Vorstellung im rekonstruierten Opernhaus neuerlich erlebt werden – Beethovens „Fidelio“, das seine Premiere in Wien zu Lebzeiten des Komponisten hatte.

Die Familie Stein begeisterte mit Wiener Gepflogenheiten beim traditionellen Strauss-Neujahrskonzert, dargeboten von den Wiener Philharmonikern im Musikverein.

Aber die unvergesslichste Erfahrung, die Dr. Stein mit Wiener Bürgern teilte, waren die Minuten der musikalischen „Fachgespräche“, die die Tiefe des Musikwissens der Geschäftsleute zeigte.

Die vielleicht signifikanteste Unterhaltung, die er als Fulbrighter Forscher mit dem doppelten Ziel hatte, internationalen Goodwill zu entwickeln, war ein Gespräch bei einem Fleischhauer:

Fleischhauer: Oh, guten Morgen Herr Professor, was haben Sie letzte Nacht gehört?
Stein: Das war die „Zauberflöte“, letzte Nacht.
Fleischhauer: Und sang auch (er nannte einen speziellen Opernstar)?
Stein: Nein (er zählte die Künstler auf).
Der Fleischhauer seinen Kopf schüttelnd: Oh, Professor, es ist zu schade, dass Sie den anderen nicht hören konnten.
Und damit beugte er sich über die Fleischtheke und startete einen technischen Vergleich der beiden Sängerstimmen.

Der Abteilungsleiter der Universität lehnte sich zurück und überlegte: „Da gibt es wirklich einen Unterschied zwischen Wien und anderen Musikzentren der Welt. Wien ist Musik plus Begeisterung.“

Brief von Schwester Imelda vom 12. August 1954. Dieser erste in den „Letters“ wiedergegebene Brief muss nicht übersetzt werden. Es ist der Brief, der die Einschreibung der drei schulpflichtigen Stein-Töchter in die Klosterschule bestätigt. Zum Vergrößern bitte anklicken. © Leahy, Mary Susan
<p><b>Brief von Schwester Imelda vom 12. August 1954</b></p><p>Dieser erste in den „Letters“ wiedergegebene Brief muss nicht übersetzt werden. Es ist der Brief, der die Einschreibung der drei schulpflichtigen Stein-Töchter in die Klosterschule bestätigt. Zum Vergrößern bitte anklicken.</p><p><i>&copy; Leahy, Mary Susan</i></p>

Übertragen von hojos
im Jänner 2022