Eduard Diem

Würdigung von Prof. Gotthard Fellerer im Rahmen einer Vernissage und aus Anlass des bevorstehenden 90. Geburtstag des Künstlers.
18.11.2018

Am 18. November lud Eduard Diem gemeinsam mit seiner Künstlerkollegin Edith Taferner zu einer Vernissage in die Galerie Sandpeck. Ein paar Fotos dieses Ereignisses sind am Ende dieses Beitrages. Diese Vernissage und insbesondere der im kommenden Jahr bevorstehende 90. Geburtstag Eduard Diems waren für den mit Diem befreundeten Prof. Gotthard Fellerer Anlass genug, eine ausführliche Würdigung verfassen. Gotthard Fellerer ist ebenfalls ein „Urgestein“ der österreichischen Kunstszene. Seit 1960 setzt er sich als bildender Künstler, Musiker, Ausstellungskurator, Gestalter, Didaktiker, Publizist und „Kunstmultiplikator“ (Herausgeber der BravDa) intensiv mit Kunst und deren Grenzgebieten auseinander. Eine Tochter Prof. Fellerers war gekommen, diese Würdigung vorzutragen. Hier ein Auszug:

Es gibt Künstler, die schätzen das Aufwärmen des längst Eingemachten. Holen die entsprechenden Ingredienzien aus der Ideenkammer ihrer Möglichkeiten und pflegen die Penetranz der steten Wiederholung einer einmal gemachten ästhetischen Erfahrung. Sie meinen Stil zu haben, wenn sie ihr bildnerisches Vokabular geringfügig modulieren, und meinen dies, vielleicht aufgrund der Claqueure, als „Kunst“. Tatsächlich sind es aber bildnerische Reflexionen mit kommerziellem Typenschein, die in der Verschnürung ihres vorsätzlichen Warencharakters ersticken.

Authentisch reflektierte, bildnerische Äußerungen werden, bedingt durch Selbstkopie, die mit „Stilhaben“ verwechselt wird, und der nahezu zwanghaften Wiederholung der gefundenen Bildzeichen zum leicht Vermarktbaren, das durch den Wiedererkennungswert vielleicht sogar zum Statussymbol degeneriert. Dann versteinert die Ideenfülle und erhält schlussendlich in der Aufbahrungshalle des Ehemaligen, dem Museum, zumindest einen Versicherungswert. Je höher dieser, desto wertvoller ist das Objekt – oder?

Der Wert von Kunst ist aber ausschließlich dort auffindbar, wo das nicht Greifbare, das „Denkschöne“ existiert – verstanden als stets verändernde bildnerische Äußerung, die durch Vieldeutigkeit und Flexibilität zum Nach- und Vordenken anregt und durch Verharren zum Weiterdenken einladet.

Damit bin ich bei Eduard Diem, einem Künstler, der 1929 in Peigarten, einem kleinen Dorf mit 183 Einwohnern nahe Haugsdorf, wo jeder jeden kennt, und jeder alles über den Anderen weiß, geboren wurde, einem Künstler, der in seinem Inneren jung geblieben ist, und den ich als Freund betrachte. Seine Kindheit verbrachte er in Jetzelsdorf, einem Ort im Weinviertel, wo Jahrzehnte später im ORF der uns allen bekannte Inspektor Polt sein Unwesen trieb.

Der Vater war Landwirt und spielte, so wie er, in der örtlichen Musikkapelle. Doch Eduard war das, was man einen eigensinnigen Menschen, dies im besten Sinn des Wortes, als „eigen- Sinn-Habenden“, nennt. So galt er, da er nur das Ihmgenehme zeichnete, als der schlechteste Zeichner seiner Klasse und weigert sich als beinahe Zehnjähriger am 12. März 1938, damals welch Schande, beim Fackelzug der SA mitzuspielen. Deshalb wurde er, wie es üblich war, mit Sanktionen bedroht.

Mit zwölf Jahren entdeckte er im Notenschrank ein Buch mit „Nockatn“, ein Buch über Renaissancekunst, kaufte sich Farben und kopierte begeistert die abgebildeten Frauenakte.

Nach Abschluss seiner Schulzeit wollten ihn 1943 die nationalsozialistischen Herren zum „Wehrbauern“ ausbilden, doch seine Mutter organisierte ihm eine Lehrstelle als kaufmännischer Lehrling. Dennoch wurde er, da die Front junge Burschen brauchte, paramilitärisch ausgebildet, und störte 1944, in Anbetracht des braunen Wahnsinns, der viele Opfer zu verzeichnen hatte, gemeinsam mit drei Freunden die Kreise der nationalsozialistischen Bonzen. Er wurde von der Gestapo entdeckt, geprügelt, verhaftet, und zum Militärdienst eingezogen. Nach geringfügiger Ausbildung verlegten die braunen Befehlhaber seine Einheit ins Sumpfgebiet nach Gratzen, im Böhmerwald. Dort desertiert er, versteckt sich drei Wochen in einem finsteren Sandkeller und wird 1945 (damals ist er sechzehn Jahre alt) durch Sowjetsoldaten befreit. Er meldet sich zum Ordnungsdienst und wird jenem, nun ehemaligen, Nazipolizisten zugeteilt, der ihn seinerzeit prügelte, und ihm nun rät „Kommunist zu werden“. Die Wendehälse hatten schon damals Saison!

Als Nebenjob tapezierte und verschönerte Eduard Diem Holzsärge und nach seiner Übersiedlung nach Poysdorf begann er zu malen und lernte die Malerin Maria Ohmeyer (1896–1983) kennen. Er übersiedelte nach Lilienfeld und gründete mit einem ansässigen Hobbymaler mit Unterstützung der Arbeiterkammer einen Mal- und Modellierkurs. Zwei Stunden vor seiner ersten Ausstellung warf er alle seine Tonarbeiten in die Traisen. Es drängte ihn nach Wien.

In Hietzing erwarb er schließlich eine 28m2-Wohnung und lebte dort mit Frau und Kind und jobbte in der Werbeabteilung des Kaufhauses Herzmansky. Als Gast des Abendaktes bei Herbert Boeckl besuchte er die Akademie der bildenden Künste, dem damaligen Kreativitätspool junger Kunst, und war Student der Vorbereitungsklasse bei Gerda Matejka-Felden. Vom Schöpfungsdrang besessen entwendete er im Keller der Akademie Ton und formte so Kleinplastiken. Die gestrenge Gerda Matejka-Felden erwischte ihn dabei, ließ aber Milde walten und meinte, er möge die Arbeiten wegschmeißen, da sie „eh nichts seien“. Sein künstlerisches Potenzial erkennend lud sie ihn aber 1957 zu seiner ersten internationalen Ausstellungsbeteiligung nach Moskau ein.

Ihr Mann, Kulturstadtrat Viktor Matejka, wahrscheinlich der wichtigste Kunstförderer der unmittelbaren Nachkriegszeit, war ihm und den Künstler_innen der Zeit sehr zugetan und wird von Diem als „fördernder Freund“ bezeichnet.

Seit 1960 ist nun Eduard Diem aus dem österreichischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Er stellte in der „Galerie Junger Sammler“, der „Galerie Autodidakt“, der „Galerie Junge Generation“ aus, die alle vom überaus betriebigen und engagierten Kunst- und Künstlerfreund Gerhard Habarta initiiert und geleitet wurden. Er ist es auch, der Diem zu einer großen Ausstellung in der renommierten „BAWAG-Foundation“ einladet. Es folgen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland, Dänemark, Schweden, Ungarn, Italien, Tschechien, der Slowakei, der Schweiz, Frankreich, Ungarn, Portugal, Russland, Japan, Kanada und den USA.

Eduard Diem ist ein dem Kubismus und dem Phantastischen verpflichteter, respektabler Bildhauer, Keramiker, Maler und Bildklebemaler. Er zeichnet begeisternde Doodles, seine „Hidden Faces“ die überzeugend Vielsichtiges zeigen, und ist einer, der sich gemäß seines kristallinen Lebenskonzeptes der Klarheit und der „klaren Linie“ verpflichtet sieht. Formal klopft er da am Weimarer Bauhaus an und schafft Bildwerke, die aus sich heraus leben und meist titellos die Ganglien der Beschauer_innen ankurbeln.

Eduard Diem: „Der Brüter“ (2003). Bronzeguss, ausgestellt im Phantastenmuseum im Kulturzentrum Palais Palffy am Wiener Josephsplatz. Ein Thema wird gedanklich gewälzt und eine Idee ausgebrütet. Der Vogel symbolisiert diese Idee. © Eduard Diem

Dabei ist er bemüht, nicht nur die Ursache eines höheren Ordnungsprinzips zu finden, sondern dem Grundprinzip des Schöpferischen auf die Spur zu kommen. Zumal entdecke ich in seinem Oeuvre künstlerische Fußspuren der Säulenheiligen der Abstrakten Kunst, z. B. Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, dann Elemente von Wassiliy Kandinsky, dann wieder Expressionistisches von Ferdinand Stransky, ein andermal die Ideenwelt Fritz Wotrubas, und in frühen Arbeiten magisch Realistisches. Dennoch ist sich Eduard Diem bei seiner Suche immer treu geblieben und verwendete die Versatzstücke der Kunstgeschichte als Ideenfinder. Auch ist er ein aufmerksamer Beobachter und findet sogar beim U-Bahnfahren Anregungen für seine Zeichnungen.

Er schuf ein Vielerlei von Bildwerken. Neben der Malerei, Zeichnungen und Collagen sind es Wegzeichen, die Wege säumen, Orte markieren, eine Unzahl von Plastiken und Skulpturen, die aus seiner geistigen Lebendig- und Vielfältigkeit entstanden. So produzierte er auch ein „Foucaultsches Pendel“, ein freischwebendes, beeindruckend großes Pendel, ornamentiert mit Tierkreiszeichen aus Kunstharz, das am Ende eines langen metallischen Fadens hing, das er anlässlich der Ausstellung „EuropaSkulptur 1999“ in Wiener Neustadt ausstellte, und die Spuren der Erdrotation in den gelben, feinen Sand am Hauptplatz Wiener Neustadt schrieb.

Eduard Diem kann man formal nicht festnageln – immer wieder entzieht er sich einer Eingrenzung und dokumentiert das, was eigentlich Kunst ausmacht: nämlich die Vielfalt und Vieldeutigkeit – dies im Gegensatz zur Einfalt des anfänglich Zitierten.

Er sieht sich nur seiner Familie und seinem künstlerischen Auftrag verpflichtet, lebt seinen Sinn und ist, trotz seiner neunzig Jahre, ein überaus lebendiger und anteilnehmender Künstler geblieben, einer, die es in zunehmenden Maße immer weniger gibt, da sich viele, vor allem aus Überlebensgründen, bis zur Unkenntlichkeit nach dem Markt strecken, verrenken und dehnen.

Doch Eduard Diem ist sich immer treu geblieben!

Er schreibt: „Es ist wie mit dem Wetter! Die Kreativität verbirgt sich im Nebel, …wenn aber eine Idee den Nebel auflöst, geht es an die Arbeit. Da kommt es schon vor, dass man auf Essenszeiten vergisst, denn so ein Zwischenhoch will genutzt sein.“ Und wenn er schreibt, dass das, was gezeigt wird, das Ergebnis eines Zwischenhochs sei, dann dokumentiert er das, was er immer war: ein stiller und bescheidener Künstler, der Großes schuf und nie das einmal Gemachte als eine Jahrhundertidee pries. Vielmehr ist er einer, der, ohne sich zu verlieren, immer noch am Weg ist, einer, dessen Intellektualität, Anteilnahme, menschliche Qualität und Lebendigkeit besticht. Dies gemäß dem Grundsatz, dass alles was lebt sich verändert – auch seine Kunst, die nicht anonyme Formalismen zum Ziel hat. Vielmehr durchdringt sein künstlerisches Wollen sein Selbst, das sich jeglicher Vereinnahmung durch den Markt entzieht und begeistert jene, die ihn kennen und mögen!

hojos
im November 2018