Marokko – eine Welt voller Magie

Reisebericht von Dr. Anton Schmoll
12.09.2018

Quirlige Plätze, bunte Souks, karge Gebirgslandschaften und endlose Wüsten: Marokko verzaubert seine Besucher auf vielfältige Weise. Kommen Sie mit auf eine Reise voller Abenteuer, Geheimnisse und Wunder!

Unsere Reise beginnt in Marrakesch, dem quirligen Zentrum des Tourismus. Schrill und ohrenbetäubend klingen die Flöten der Schlangenbeschwörer, monoton ist der Singsang der Wasserverkäufer, der vom schrillen Kreischen zahmer Affen überlagert wird. Und immer wieder das lautstarke Anpreisen der Händler. Das ist der Klangteppich am weltberühmten Djemaa el-Fna in Marrakesch. Der arabische Name bedeutet „Platz der Geköpften“. Die Sultane zur Zeit der Almohaden nutzten den Platz als Hinrichtungsstätte und stellten hier aufgespießte Köpfe zur Schau.

Heute werden hier ganz andere Dinge zur Schau gestellt: Gaukler führen in der Menschenmenge Stücke auf, umringt von Einheimischen, die zuschauen, aber teils auch mitmachen. Frauen sitzen auf kleinen Hockern und lassen sich die Hände mit Henna bemalen. Daneben laufen Männer mit kleinen Affen herum. Einige Meter weiter sitzt ein Schlangenbeschwörer, der mit seinem Flötenspiel die vor ihm auf dem Boden liegenden Kobras und Sandvipern zu Bewegungen verleiten will. An mehreren Stellen haben sich kleine Grüppchen versammelt, die den Gauklern, Geschichtenerzählern und Wahrsagerinnen aufmerksam zuhören.

In den Abendstunden, wenn die unzähligen Garküchen ihre Stände aufbauen, ist der Platz überfüllt. Nun brodelt das Leben, Duftschwaden von frisch gebratenem Fleisch sowie das Licht unzähliger Lampen tauchen den Platz in orientalische Atmosphäre. Djemaa el-Fna ist gewissermaßen das größte Freiluftrestaurant Marokkos, das pulsierende Herz der Stadt, einer der aufregendsten und wahrscheinlich auch lautesten Plätze der Welt.

Marokko. Schlangenbeschwörer im lauten, pulsierenden Zentrum von Marrakesch. © Dr. Anton Schmoll

Fes – eine Zeitreise ins Mittelalter

Ganz anders sind die Eindrücke in Fes. Es ist die älteste der vier Königsstädte. Fes wurde 800 vom Sohn des Reichsgründers Moulay Idris II. zur Hauptstadt des Idrissidenreiches erhoben. Die Besichtigung gleicht einer Zeitreise ins islamische Mittelalter. Für viele Marokkaner ist Fes heute noch die heimliche Hauptstadt der Reichen und Intellektuellen, denn hier ist das Zentrum von Bildung und Religion. So befindet sich in Fes die älteste Universität der islamischen Welt.

Ausgangspunkt unserer Erkundungstour in die Altstadt, die Medina, ist das prachtvolle Tor Bab Boujeloud (siehe Titelfoto). Die äußere Seite ist mit glänzend blauen Kacheln verziert – blau als Symbol für Entspannung und Himmel –, während die Innenseiten grüne Kacheln schmücken – die Farbe steht für den Islam. Jeder Stadtteil hat eigene Brunnen, Schulen, Moscheen sowie Hamam und eine Bäckerei. Die Gebäude sind erdbebensicher gebaut. Die Mauern bestehen aus Lehm, Ziegeln und dazwischen Holz. Bögen zwischen den Häusern dienen dem gegenseitigen Abstützen. An den alten Steinhäusern lässt sich der Einfluss islamischer, maurischer und andalusischer Architektur gut erkennen.

Die Straßen und Gässchen dieser vollkommen autofreien Medina sind teilweise so schmal, dass sie nicht einmal zwei Lasttieren nebeneinander Platz bieten. Immer wieder hallen uns die Warnrufe der Eseltreiber und Lastenträger – „balak, balak“ – entgegen, und wir flüchten in den nächsten Hauseingang oder pressen uns dicht an die Mauer, um die schwer beladenen Esel passieren zu lassen.

Die Souks sind jene Bereiche in einer Medina, wo sich das wahre Leben abspielt: überall Handwerksbetriebe und kleine Läden der Händler. Jeder noch so kleine Platz wird zum Feilbieten der Waren genutzt. Und jede Gasse hat ihren arteigenen Geruch und ihre besondere Geräuschkulisse. In den Souks der Handwerker wird an Schalen und Töpfen gehämmert, dumpfes gleichförmiges Schlagen führt uns zu den Kupfer- und Bronzeschmieden, die filigrane Metallkunstwerke herstellen. Aus den Souks der Parfümhändler mit ihren glitzernden Läden strömt exotischer Duft. Ganz anders das Aroma bei den Fleischern, die gerade geschlachtete Tiere ausnehmen. Immer wieder beliebte Fotomotive: die kunstvoll aufgeschichteten bunten Kegel bei den Gewürzhändlern. Und natürlich jede Menge Stoffe und Lederwaren. Dazwischen Imbissstände mit dampfenden Kebaps. Und überall ein unbeschreibliches Gedränge. Ohne Guide wären wir in diesem Gewimmel verloren.

Die zahlreichen Moscheen und Koranschulen, Medersa genannt, sind dagegen Orte der Ruhe, Stille und Ehrfurcht. Wir besichtigen die Medersa Attarine, eine alte Koranschule aus dem 15. Jahrhundert. Im quadratischen Innenhof befindet sich eine große Brunnenschale aus Marmor. Jede der vier Seitenwände ist anders gestaltet, eine Maschrabiyya-Gitterschranke trennt den Gebetsraum vom Innenhof. Für den Bau wurde Zedernholz verwendet, weil das gleichzeitig Schutz vor Insekten bietet.

Zum Abschluss geht es in das bekannte Gerberviertel der Stadt. Die auf der untersten Stufe der Sozialhierarchie stehenden Gerber und Färber verrichten hier im Stadtteil Chouara ihr geruchsintensives Handwerk. Von einer Dachterrasse aus sehen wir die zahlreichen kreisrunden Farbbottiche mit ihren ätzenden Flüssigkeiten. Als Schutz vor dem strengen Geruch werden duftende Pfefferminzzweige gereicht, die wir uns vor die Nase halten. Noch heute wird das Leder mit natürlichen Stoffen behandelt. So werden Walnussblätter, Eichen- und Kastanienrinde, aber auch Taubendreck als Gerbstoffe verwendet. Halbnackte Menschen waten zwischen den Behältern herum, schichten Felle um oder schaben Haare und Fleisch ab. Mit Stecken und Füßen werden die Lederstücke dann in den gelb, rot und blau schillernden Farbbädern umgerührt, bevor sie andere Arbeiter auf den angrenzenden Dächern zum Trocknen ausbreiten.

Wildromantische Fahrt durchs Gebirge

Neben den alten Kulturen der Königsstädte beschert Marokko bei der Fahrt über Land vielfältige und faszinierende Landschaften. So sehen wir im mächtigen Atlasgebirge nicht nur schneebedeckte Gipfel, sondern befinden uns bei einer der Überquerungen der fast 3.000 Meter hohen Pässe auf einmal mitten in einer Winterlandschaft.

Auf der Südseite des Hohen Atlas wechselt die Vegetationsform, es wird zunehmend trockener und die Landschaft karger. Aber nicht nur das Landschaftsbild, auch die Fahrbedingungen ändern sich merklich: Zunächst noch auf guten Asphaltstraßen unterwegs, bewegen wir uns später auf Schotterpisten und in unbefestigtem Gelände. Hier bewährt sich der Wagen unseres Guides: Karl Lueger, Organisator ungewöhnlicher Reisen, ist erstmals mit seinem eigenen Kleinlaster mit Allradantrieb nach Marokko gekommen.

Wir fahren am Dades entlang, der sich wie ein grünes Band durch die Landschaft windet und einen malerischen Kontrast zu den kargen Felsen bildet. Nach etwa 30 Kilometern wird das Tal zur Schlucht. Immer enger rücken die Berge an den Fluss heran, bis die bizarren Felswände unmittelbar neben uns in die Höhe ragen. Im Zickzack führen die steilen Schotterpisten über scharfe Kehren den Berg hinauf und dann wieder hinunter. Da die Verbindungsstraße in die Todrahschlucht vom Hochwasser weggeschwemmt wurde, müssen wir nun im Flussbett fahren. Ganz langsam, holprig – alles voller Steine und Felsen. Eine faszinierende Pistentour mit einem Hauch von Abenteuer.

Marokko. Die vielfältigen Gesichter des Landes: eine Nomadenfrau. © Dr. Anton Schmoll

Die Straße der Kasbahs

In diesem Gebiet liegt die berühmte Straße der Kasbahs. Wegen ihres Reichtums wurden die Bewohner in den Tälern des Dades oft von räuberischen Stämmen überfallen. Um Hab und Gut zu schützen, errichtete man Festungen, in denen sich die Großfamilien verschanzen konnten. Fast jede Festung in diesem Gebiet ist ein ästhetisches Wunderwerk aus Lehm und Stein. Die Häuser sind überwiegend aus mit gehäckseltem Stroh vermischtem Stampflehm und luftgetrockneten Lehmziegeln erbaut. Die braunen Lehmgebäude besitzen keine Fenster und wurden um kleine Innenhöfe herum angelegt.

Ecktürme und Zinnen verleihen der Anlage ein wehrhaftes Aussehen. Berühmt sind die Kasbahs auch durch ihren reichen Ornamentschmuck an Fassaden und Außenmauern. Vor allem die Türme sind mit verschiedenen geometrischen Mustern und Formen verziert. Dabei wird das Rautensymbol am häufigsten verwendet. Es wird als Augenpaar gedeutet, das Unheil abwehren soll.

Der berühmteste Kasbah-Komplex ist zweifelsohne Ait Ben Haddou, das rund 100 Kilometer südöstlich von Marrakesch liegt. Ait-Ben-Haddou wurde an einem einst strategisch wichtigen Punkt im 11. Jahrhundert von den Berbern errichtet. Damals kontrollierten die Sippe Ben Haddou den Handel auf der alten Karawanenstraße, die das marokkanische Marrakesch mit der Oasenstadt Timbuktu im heutigen Mali verband. Es ist eine mächtige Stadt mit hohen Mauern, die an den Berghängen des Atlasgebirges errichtet wurde. Die atemberaubende Wüstenstadt mit ihren historischen Lehmbauten und hohen Mauern sieht auf den ersten Blick aus wie eine überdimensionale Sandburg.

Wir wandern durch das Labyrinth der schmalen Gassen hinauf, die durch enge Treppen miteinander verbunden sind. Vom obersten Punkt aus sehen wir auf die Dächer der Stadt und erblicken im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges. Diese beeindruckende Lage am Fluss Mellah diente in vielen Filmen als historische Kulisse. So sind in der Wüstenstadt berühmte Streifen wie „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“, „Lawrence von Arabien“ oder „Jesus von Nazareth“ entstanden.

Marokko. Die Wüstenstadt Ait Ben Haddou, Kulisse für zahlreiche Hollywood-Streifen. © Dr. Anton Schmoll

Das Teppichdorf Amassine

Neben all der Schönheit der Städte und der Landschaften ist es wichtig, das Leben der Menschen zu beachten: Viele leben nach wie vor in großer Armut. Um diese zu lindern, werden von außen immer wieder verschieden Projekte gestartet. Eines davon können wir am Fuße des erloschenen Vulkans Djebel Siroua besichtigen. Dort liegt auf 2.000 Metern Höhe das terrassenartig angelegte Dorf Amassine. Der Steirer Wilfried Stanzer hat hier ein besonderes Projekt mit der Bezeichnung „Ait Khozema“ ins Leben gerufen: Wie in alten Zeiten werden kunstvolle Teppiche hergestellt.

Die Rohstoffe liefern die Siroua-Schafe, die eine besonders glatte Wolle haben. Mit zwei Nadelkämmen wird die Wolle hin und her gezupft, bis sie ganz weich ist. Danach ziehen die Berberfrauen einen Faden daraus, der nach traditioneller Art mit Naturfarben gefärbt wird. Die meisten Färberpflanzen wachsen in der Nähe des Dorfes. Das Färben selbst ist Männerarbeit. In großen Kesseln wird die Wolle zuerst mit Alaun behandelt, damit sie die jeweilige Farbe besser annimmt.

Die gefärbte Wolle wird dann zu den Frauen gebracht, die nun mit dem Knüpfen der Teppiche beginnen. Sie sind darin wahre Meisterinnen und verwenden alte Muster und jahrhundertealte Symbole der früheren Stammesteppiche. Jährlich entstehen auf diese Weise rund 200 Teppiche, die in alle Welt exportiert werden. Je nach Bedarf knüpfen in Amassine 40 bis 400 Frauen für das Projekt von Stanzer und verdienen dabei zwischen 50 und 200 Prozent mehr als sonst in Marokko. Neu ist bei dem Projekt „Ait Khozema“ auch, dass die Teppichknüpferinnen das Geld direkt in die Hand bekommen. Neben diesem wirtschaftlichen Aspekt gibt es aber auch noch eine soziale Perspektive: Am Projekt dürfen nur Frauen mitmachen, die sich verpflichten, ihre Töchter in die Schule zu schicken.

Marokko. Eine Teppichknüpferin im Teppichdorf Amassine. © Dr. Anton Schmoll

Wüsten-Trekking: Nomaden auf Zeit

Im Süden erwartet uns ein weiteres Highlight: ein Wüsten-Trekking in den Erg-Chebbi-Dünen. So ein Vorhaben muss gut organisiert sein. Schließlich müssen die Kamele mit all den Dingen beladen werden, die wir für die Tour brauchen: Essen, Gaskocher, Zelte, Schlafsäcke und natürlich Wasservorräte. Die Kamele scheinen das gewöhnt zu sein und bleiben friedlich liegen, während die vollgepackten Körbe links und rechts auf ihre Rücken verschnürt werden. Dann ziehen wir wie Beduinen mit Zelten und Kamelen drei Tage lang durch die Wüste.

Unsere kleine Karawane besteht aus sechs Kamelen und drei Kamelführern. M´Barak, Youssef und Mohamed können wir vor allem an den Farben ihrer Turbane unterscheiden. Die Tiere sind in zwei Gruppen hintereinander mit Schnüren verbunden und bewegen sich gleichmäßig vorwärts. Es ist ruhig, nur die Schritte der Tiere und der Menschen sind zu hören. Die meiste Zeit gehen wir zu Fuß – jeder in seinem eigenen Tempo. Wer mag, kann auch ein Stück auf dem Kamel reiten und die unendliche Weite aus erhöhter Position betrachten.

Wir entdecken Pflanzen, die dem kargen Klima trotzen: weiße Wüstenlilien, blau-rosa Natternkopf oder die Celestia, eine gelb blühende Schmarotzerpflanze, die von anderen Gewächsen lebt. Besondere Objekte für die Makrofotografie sind die kleinen Skarabäen oder Skorpione mit ihrem Giftstachel.

Eine Trekking-Tour durch die Wüste ist auch landschaftlich keineswegs langweilig. Die Wüste sieht nie gleich aus, sondern verändert sich ständig: Einmal ist es mehr Geröll, dann wieder sandig und weich. Einmal geht es längere Zeit eben dahin, dann wieder durch Gebiete mit hohen Sanddünen. Dieses Leben als „Nomade auf Zeit“ wie Karl das nennt, bringt aber nicht nur unvergessliche Landschaftsbilder, sondern
bietet auch die Möglichkeit, Einblicke zu gewinnen in das nomadische Leben früherer Zeiten. Und Weite und Stille bewusst wahrzunehmen. Kurzum: Solche
Tage in der Wüste sind in unserer hektischen Zeit eine Oase für die Sinne.

Marokko. Nomade auf Zeit: Wüsten-Tracking macht’s möglich. © Dr. Anton Schmoll

Dr. Anton Schmoll
Im September 2018