Váša Příhoda

Es war einmal ein Grab ...
16.09.2017

"Mag sein, dass Paganini genau so gut gespielt hat wie Příhoda – besser gespielt haben kann er jedenfalls nicht!", soll der Dirigent Arturo Toscanini gesagt haben. Was das bedeutet, kann auf Youtube nachempfunden werden.

Das Leben des möglicherweise besten Geigers aller Zeiten begann am 22. August 1900 in Vodňany und endete am 26. Juli 1960 in Wien. Die besten Informationen zum Leben und zur Person Váša Příhoda bietet Wolfgang Wendel auf www.podium-wendel.de und in einer umfangreichen CD-Reihe. Příhodas schon bald nach Kriegsende gereifter Wunsch, in seine Geburtstadt Vodňany zurückzukehren, blieb ihm verwehrt. Seine letzte Ruhestätte fand er in einem Grab am Hietzinger Friedhof. Der unscheinbare Grabstein bekam die Aufschrift Váša Příhoda und Helene Příhoda. Helene war die fast 22 Jahre später verstorbene dritte Ehefrau Príhodas. Dann legte sich der Mantel des Vergessens über dieses Künstlerleben.

Für Liebhaber geigerischer Kunst blieb er jedoch ungebrochen einer der an einer Hand abzählbaren „Giganten“. Im Bewusstsein blieb auch, dass Příhoda in erster Ehe mit Arnold Rosés (legendären Konzertmeister der Hofoper und Mitglied der nachmaligen Wiener Philharmoniker) Tochter verheiratet war, die 1944 in Auschwitz als Leiterin des Frauenorchesters starb.

Unterbrochen wurde diese Stille erst ab dem 100. Geburtstag des Künstlers im Jahr 2000. Eine geplante Gedenkveranstaltung an der Karls-Universität Prag, initiiert durch den Dekan der hussitisch-theologischen Fakultät Václav Kučera, kam wegen Geldmangels zwar nicht zustande, aber immerhin erhielt das Geburtshaus in Vodňany eine Gedenktafel. Am 22. August 2000 besuchte Václav Heřman, Bürgermeister von Vodňany, zusammen mit Mitarbeitern Příhodas Grab auf dem Hietzinger Friedhof.

Besuch am Grab von Váša Příhoda. Vodňanys Bürgermeister Václav Heřman (zweiter von links), Wolfgang Wendel (dritter von links) und einige Mitarbeiter während des tschechischen Besuches am 22. August 2000. © Wolfgang Wendel

Es gab eine Gedenkschrift mit neuen Informationen, und im Rathaus von Vodňany wurden ein Příhoda-Archiv und eine Dauerausstellung eingerichtet. Auch der Musiksaal der örtlichen Musikschule wurde nach ihm benannt. Die Geigerin Pavla Žílová gründete 2005 eine Příhoda-Gesellschaft, im gleichen Jahr gab es in Ferrara ein Váša Příhoda gewidmetes Symposium. In Budweis wird seit 2011 der von Pavla Žílová ins Leben gerufene internationale Violinwettbewerb „Váša Příhoda“ veranstaltet.

Im deutschsprachigen Kulturbetrieb wurde die Stille erst im Jahr 2010 durch Michael Stegemanns Beitrag anlässlich des 50. Todestages des „Größten Geigers des 20. Jahrhunderts“ unterbrochen.

Es war in einem News-Beitrag vom 23. Oktober 2015, als der österreichische Kulturjournalist Heinz Sichrovsky über die Entdeckung eines mit roter Farbe auf einen Grabstein gemalten Kreuzes berichtete. Váša Příhoda stand auf diesem Grabstein und die Lebensdaten 1900 bis 1960. Dass sich nun niemand mehr fände, der für den Erhalt dieses Grabes aufkäme, wollte er im Glauben an die Zivilisation aber ausschließen.

Die Probe aufs Exempel blieb ihm erspart, denn auch Pavla Žílová hatte davon erfahren, dass Váša Příhodas Tochter das Grab aufgibt, nachdem die Stadt Wien Sicherheitsreparaturen anmahnte. Schließlich hatte sie Erfolg und Váša Příhoda, seine Ehefrau Helene und ihr Sohn Giovanni wurden in der Woche vom 21. bis 25. Juni 2016 exhumiert und nach Vodňany überführt. Am 26. Juni 2016 wurden sie auf dem Friedhof in Vodňany wieder beigesetzt. Bürgermeister Heřman nahm das Grab in den Besitz der Stadt.

Pavla Žílová und Václav Heřman, Bürgermeister von Vodňany. Fotografiert am ... © Wolfgang Wendel
Pavla Žílová und Wolfgang Wendel an Váša Příhodas Grab in Vodňany. Wolfgang Wendel hatte mit Unterstützung der Tochter Váša Příhodas die Kosten der Umbettung übernommen. Der Grabstein und die Grabumrahmung wurden ebenfalls übertragen. Fotografiert am ... © Wolfgang Wendel
Váša Příhoda. Sein Ehrengrab bekam einen besonderen Platz an der Mauer des Friedhofes von Vodňany © Wolfgang Wendel
Váša Příhoda. Gedenkbuch zur Umbettung © Pavla Žílová

Die ehemalige Grabstelle in Hietzing ist per elektronischer Verstorbenensuche nur mehr als historisches Grab unter dem Namen Prof. Wenzel Prihoda (Gruppe 5 Nummer 289) zu identifizieren. Dort kann auch das Foto des Grabsteines aufgerufen werden.

Váša Příhoda. Ehemaliges Grab am Hietzinger Friedhof, fotografiert am 7. August 2014 © Friedhöfe Wien
Váša Příhoda. Die ehemalige Grabstelle am Hietzinger Friedhof, fotografiert am 16. September 2017 (ganz links an der Stelle des vom Nebengrab stammenden Steinestapels), in unmittelbarer Nähe des Grabes von Karl Luegers Nachfolger als Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. Richard Weiskirchner. © Archiv 1133.at

Die einzige in Österreich verbliebene Erinnerung ist ein zwischen Prag und Linz verkehrender Zug, der am 11. Dezember 2016 auf den Namen Příhodas getauft wurde. Im öffentlichen Wien erinnert nichts mehr an diesen maßgeblichsten Vertreter der Geigerwelt, der ab 1950 auch als Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien wirkte.

Es bleibt aber das Blättern in historischen Zeitungen als Möglichkeit, sich an den Meister zu erinnern und seine frühere Anerkennung auch in Wien nachzuempfinden. Vielleicht anhand eines Konzertberichtes des Musikwissenschaftlers und Schriftstellers Dr. Roland Tenschert im Neuen Wiener Tagblatt vom 8. April 1940: „Begeisterung um Vasa Prihoda. Nach längerer Pause war wieder einmal der Meistergeiger Vasa Prihoda im ausverkauften Konzerthaussaal zu hören. Von seinem jugendlich temperamentvollen Draufgängertum früherer Jahre ist der Künstler jetzt natürlicherweise etwas abgerückt, was das ungewöhnliche technische Phänomen noch klarer in den Vordergrund stellt. Es wirkt gerade für den Kenner der Schwierigkeiten von Tartinis Teufelstrillersonate, die noch durch eine Kadenz des Solisten 'überteufelt' wurde, von Paganinis einsätzigem Violinkonzert in D-dur frappierend, wenn dieser Hexenkessel technischen Raffinements ohne jeden Aufwand sichtbarer Anstrengung ganz spielerisch leicht bewältigt wird. Dabei gestattet es dem Geiger der unfehlbare Mechanismus von Griffsicherheit und Bogenführung, selbst im Gewirr gehäufter Spielkomplikationen die Tondosierung so unabhängig von der bei solcher Gelegenheit sonst aufgewandten Mühe zu wählen, daß dem unbefangenen Hörer der Grad dieser Virtuosität oft gar nicht voll zum Bewußtsein gelangt. Hier schafft dann der musikantische Zug des Slawen willkommenen Ausgleich. Die Schwermut des Klanges im getragenen Spiel und die urtümliche Frische im temperamentvollen Aufschwung sichern faszinierende Wirkung. ... Der Begeisterungssturm erzwang ausgiebige Zugaben.“

Vielleicht schafft es der 6. Wiener Gemeindebezirk Mariahilf, an dem Haus Mariahilfer Straße 73 eine Gedenktafel anzubringen: Dort wohnte Professor Příhoda.

Josef Holzapfel nach Hinweis von Markus Landerer von der Initiative Denkmalschutz
16. September 2017, ergänzt 21. September 2017

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