Hoch hinaus

Relikte des Inkareiches, koloniale Pracht und moderne Seilbahnen made in Austria: Eine Reise durch Bolivien – vom größten Salzsee der Welt bis zur Höhenmetropole La Paz! Text und Fotos von Anton Schmoll.
01.12.2016

Lustig gestikulierend hüpfen als Zebra verkleidete Menschen auf der Straße vor stark frequentierten Fußgängerübergängen. Sie helfen, den Verkehr zu regeln, weil hier nicht alle lesen können oder die Verkehrsregeln nicht kennen. Diese Szene kann man am Morgen vor Schulbeginn in Sucre öfter beobachten. Die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens wurde 1538 gegründet und später nach dem Freiheitskämpfer Don Antonio José de Sucre benannt. Sein Denkmal im Park der Stadt erinnert an den langen Kampf um die Unabhängigkeit des Landes, der neben seinem Namen auch eng mit jenem des Freiheitskämpfers Simón Bolívar verbunden ist.

Doch die Bedeutung der Stadt wurde im Laufe der Jahre immer geringer. Nach
und nach gingen fast alle Funktionen an La Paz verloren, nur der oberste Gerichtshof blieb in Sucre. Die „weiße Stadt“ gilt als eine der schönsten spanischen Kolonialstädte Südamerikas. Ihr Beiname rührt von den vielen weißen Kolonialbauten her. Nicht von ungefähr wurde Sucre 1992 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Blick über das Kloster von San Felipe de Neri in Sucre. Fotografiert am 20. November 2014 © Dr. Anton Schmoll

Das indigene Erbe

Bei so vielen spanisch anmutenden Gebäuden darf man allerdings das indigene Erbe der Stadt nicht vergessen. Dieses zeigt sich unter anderem im Kunsthandwerk und in der Webkunst, die uns einige Frauen an ihren hölzernen Webstühlen präsentierten. Jede ethnische Gruppe hat ihre eigenen Muster, die ganz bestimmte Symbole aufweisen.

Die Mehrheit der Bevölkerung Boliviens ist indigener Herkunft. Vor allem im Andenhochland sehen wir immer wieder Frauen, die durch ihre Kleidung und ihren Hut auffallen. Es sind dies die Cholas. Sie tragen einen weiten Rock, der an der Hüfte gefaltet ist – Pollera genannt. Für seine Herstellung werden bis zu acht Meter Stoff benötigt. Darunter gibt es mehrere Lagen von Spitzenunterröcken, die die Frauen beim Tanzen als „drehende Blume“ erscheinen lassen. Der Bowler-Hut, den sie tragen, ist seit den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ebenfalls ein charakteristisches Merkmal.

Die Mehrheit der Bevölkerung Boliviens ist indigener Herkunft. Fotografiert am 21. November 2014 © Dr. Anton Schmoll

Potosi – die einst reichste Stadt

Szenenwechsel: Wir befinden uns nun auf dem Altiplano im südlichen Zentralbolivien und blicken auf die Stadt Potosi. Das Schild vor dem Café zeigt uns die Höhe: 4.060 Meter, die Luft wird dünner. Während der Herrschaft der Spanier war Potosi eine der größten und reichsten Städte der Welt. Die Basis dafür bildete der rund 4.800 Meter hohe, kegelförmige Cerro Rico – der „reiche Berg“. Kurz nachdem ein Indigo dort Silber entdeckt hatte, schickten die Spanier eine Vorhut und gründeten die Stadt Villa Imperial des Carlos V.

Die Ausbeutung des Berges, der voller Silberadern war, wurde von den Spaniern in großem Stil vorangetrieben. Unbarmherzig kommandierten sie ganze Dorfschaften von Hochlandbewohnern in die Bergstollen. Die Dörfer wurden verpflichtet, jedes Jahr 13.500 Männer für die Arbeit zu stellen. Über die Jahrhunderte wurden insgesamt 60.000 Tonnen Silber abgebaut. Das wichtigste Gebäude von Potosi war damals die Münzprägeanstalt, in der sich heute ein Museum befindet. Die riesigen Holzmaschinen, die dort zu sehen sind, wurden einst in Einzelteilen von Europa mit Schiffen nach Bolivien gebracht, dann auf Lasttiere verladen und in Potosi zusammengebaut. In schweren Eisentruhen wurden die hier geprägten Münzen dann nach Spanien transportiert und füllten dort die Staatskassen.

Vom einstigen Reichtum der Stadt zeugen heute noch die vielen prachtvollen Kolonialkirchen: Potosi verfügt über nicht weniger als 36 barocke Kirchen. In der Blütezeit der Stadt um 1650 lebten hier 160.000 Menschen. Potosi hatte damit mehr Einwohner als etwa Madrid, Paris oder Rom. Für die einheimische Bevölkerung war Potosi dagegen „der Eingang zur Hölle“. Sie nannten den Cerro Rico auch „den Berg, der die Menschen lebendig frisst“. Denn bis zum 18. Jahrhundert hatten hier rund acht Millionen Indigenas den Tod gefunden.

In der Unterwelt

Noch heute fördern die bolivianischen Minenarbeiter Erze zu Tage. Jetzt geht es um Blei, Kupfer, Wolfram oder Zink. Einige der Minen können Touristen besuchen, und so machen wir uns auf dem Weg zum Cerro Rico. Der Tradition entsprechend kaufen wir auf dem Clavario-Bergarbeitermarkt Geschenke für die Mineros: Zigaretten, Alkohol und Cocablätter. Mit Helm und Karbitlampe ausgerüstet sowie in gelbe Öljacken gezwängt starten wir unseren Rundgang in das Dunkel der Minen.

Die Bergleute schlagen sich ständig tiefer in das Gestein hinein. Immer in der Hoffnung, auf eine Ader zu stoßen. Die Arbeitsmethoden haben sich im Laufe der Jahrhunderte nur wenig geändert. So wie früher werden auch heute noch in Handarbeit und mit Dynamitsprengungen Stollen in den Berg getrieben. Nach jahrhundertelanger Ausbeutung gleicht der Berg einem Schweizer Käse. Wie viel Gänge es hier gibt, kann uns niemand genau sagen – manche schätzen, dass es über 5.000 sind.

Etliche der Stollen sind kaum abgestützt – im Licht unserer Lampen sehen wir durchgebogene Deckenbohlen und angeknackste Balken über uns. Nicht selten stürzen Gänge ein, wenn ein paar Meter darunter gesprengt wird. Die Luft ist dünn, schlecht und an manchen Stellen voller Staub. Immer wieder begegnen wir rußgeschwärzten Mineros. Minenarbeit bedeutet hier, jeden Tag mindestens acht Stunden in einem engen Schacht zu arbeiten, in dem es keine Frischluft und kein Licht gibt. Zu ertragen ist das nur, indem die Männer unablässig ihre Cocablätter
kauen. Das betäubt Hunger und Durst und täuscht über die Erschöpfung hinweg. Diese Strapaz fordert ihren Preis: Mineros werden im Schnitt nur 39 Jahre alt.

In einer Nische begegnen wir El Tio, dem „Teufel“ – eine kleine Lehmfigur, welche die Berggottheit symbolisiert. Er ist der Herrscher über die Schätze der Mine und zugleich der Beschützer der Arbeiter. Die Mineros spenden ihm einen Teil unserer Geschenke – Cocablätter sowie Zigaretten – und begießen ihn mit einem Schluck Alkohol.

Ganz in Weiß: Der Salar de Uyuni

Nach den historischen Städten erwartet uns ein Naturwunder der besonderen Art: der Salar de Uyuni. Mit rund 12.000 Quadratkilometern ist dieser See die größte Salzpfanne der Erde. Soweit das Auge reicht, sehen wir ringsum nur eine gleißende, weiße Fläche, zig Kilometer in jede Richtung. Die Salzkruste ist drei bis fünf Meter, an manchen Stellen sogar über 30 Meter dick und bildet durch das Abtrocknen des Wassers interessante Musterungen.

Die Salzmenge des Salar wird auf ungefähr zehn Milliarden Tonnen geschätzt. Mit Äxten werden Salzblöcke aus dem Boden geschlagen und in einer einfachen Salzmühle weiterverarbeitet. Jährlich baut man auf diese Art rund 25.000 Tonnen Salz ab und transportiert es in die Städte. Neben Salz beherbergt der Salar aber auch einen Reichtum, der noch nicht ausgebeutet wurde: Unter der Salzkruste lagert eines der weltweit größten Lithiumvorkommen.

Die Bolivianer nutzen das Salz auch als Baumaterial. So gibt es in der Mitte des Sees ein altes Hotel mit einer besonderen Bauweise: Wände, Betten und Boden – alles aus Salz. Auch in unserem komfortablen Hotel schläft man mit dem Salz praktisch ein – denn im Bett liegend blickt man auf eine Zimmerdecke, die aus Salzblöcken besteht.

Bei unseren Erkundungstouren auf dem Salzsee kommen wir auch zur Isla Incahuasi. Die Insel besteht praktisch nur aus versteinerten Korallen. Dazwischen wachsen trockene Grasbüschel und unzählige Kakteen. Diese zum Teil mehr als 1.200 Jahre alten Kandelaber-Kakteen ragen bis zu zehn Meter in die Höhe und bilden vor dem Hintergrund des weißen Salzsees ein tolles Fotomotiv.

Riesige Kandelaber-Kakteen am Salzsee Salar de Uyuni. Fotografiert am 23. November 2014 © Dr. Anton Schmoll
Salzabbau am Salzsee Salar de Uyuni. Fotografiert am 23. November 2014 © Dr. Anton Schmoll

La Paz – Stadt in der Höhe

Und dann ist es wieder das Weiß, das uns ins Auge sticht, aber diesmal nicht am Boden, sondern in der Höhe: Es ist das Weiß der schneebedeckten Berggipfel. Kaum spürbar schaukelt die Gondel der Seilbahn. Wie im Skiurlaub in Gastein – Berge und Gondelbahn. Tatsächlich befinden wir uns Tausende Kilometer von der Heimat entfernt und schweben über der Millionenstadt La Paz, die in einem riesigen Talkessel unter uns liegt. Die bunten Hochhäuser und die schneebedeckten Gipfel des über 6.000 Meter hohen Illimani bilden eine einmalige
Kulisse.

Als Folge des Bürgerkriegs entwickelte sich La Paz zum politischen Zentrum und wurde Sitz der Regierung. Der höchste Punkt der Stadt liegt auf 4.100 Metern, der niedrigste rund 1.000 Meter tiefer. Das bedeutet einen Temperaturunterschied von zehn Grad. Zwischen der Höhenlage der Wohnviertel und dem sozialen Statuts der Bewohner besteht ein interessanter Zusammenhang: Während in fast allen Städten der Welt die Reichen ihre Häuser oben bauen, ist es hier umgekehrt: Wer es sich leisten kann, wohnt in der Unterstadt, wo die Luft weniger dünn ist und es wärmer wird.

Wie in jeder Großstadt gibt es auch in La Paz das tägliche Verkehrschaos. Die Fahrt zwischen den Stadtteilen dauert mit dem Auto bis zu einer Stunde. Die Fahrzeit mit der Seilbahn beträgt hingegen nur zehn bis 15 Minuten. In La Paz gibt es drei solche Bahnen: die rote, die grüne und die gelbe Linie. Sie symbolisieren die Nationalfarben des Andenstaates. Diese Bahnen haben eine Gesamtlänge von 10,4 Kilometern und verfügen über elf Stationen. Erbaut wurden sie von der Vorarlberger Firma Doppelmayr.

Die Stadt ist bunt – Tradition und Moderne liegen eng beieinander: Boutiquen, gigantische Wolkenkratzer, die an europäische Verhältnisse erinnern, gleich daneben geschichtsträchtige Plätze, alte Gassen, historische Kolonialgebäude sowie indigene Märkte. Wir besuchen in der quirligen Altstadt auch die Calle Linares, die Zaubergasse. Dort sitzen alte Indiofrauen mit zerfurchten Gesichtern und verkaufen geheimnisvolle Pulver, Kräuter und Steine gegen Krankheiten. Neben Cocablättern und Schlangenfleisch werden auch getrocknete Lama-Embryos angeboten. Die sind für den Hausbau wichtig: Sie werden in die vier Hausecken eingemauert und sollen Unglück von den zukünftigen Bewohnern fernhalten.

Die Seilbahn ist das schnellste Verkehrsmittel in der Millionenstadt La Paz. Fotografiert am 25. November 2014 © Dr. Anton Schmoll

Zu den Wurzeln des Inkareiches

Nicht weit von La Paz, an der Grenze zu Peru, befindet sich der Titicacasee. Er liegt auf 3.810 Metern und ist damit das höchstgelegene kommerziell schiffbare Gewässer der Erde. Im See gibt es 36 Inseln, wir starten unsere Fahrt zur Isla del Sol. Die „Sonneninsel“ ist nicht nur die größte, sondern auch die heiligste. In der Mythologie der Inka spielt sie eine große Rolle: Der Legende nach hat hier der Sonnengott Inti seine Kinder auf die Erde gesandt, um das Inkareich zu gründen. Ihre Figuren sehen wir am Fuße der steilen Inkatreppe. Die Sonneninsel gilt somit als Keimzelle des Inkaimperiums und als spirituelles Zentrum.

Steinerne Zeugen der bedeutenden Vergangenheit sind alte Tempel und der Inkabrunnen. Langsam steigen wir hinauf zu den Ruinen und merken rasch, dass man sich auf 3.800 Metern nicht sehr schnell bewegen kann. Unser Guide reicht uns Wasser aus dem antiken Brunnen. Es ist glasklar und kann auch heute noch getrunken werden. Ihm wird zudem heilende Wirkung zugeschrieben, unsere einheimische Begleiterin benetzt ehrfürchtig ihren Kopf damit.

Im Norden der Insel erblicken wir einen großen Felsen, der von weitem aussieht wie ein Puma, das heilige Tier der Inka. In der Sprache der Aymara bedeutet „Titi“ Puma, „Caca“ steht für Felsen, also frei übersetzt: „Puma-Felsen“. Ursprünglich hieß die Insel Titicaca, wovon der See heute seinen Namen ableitet.

Per Boot über den Titicacasee zur Sonneninsel. Fotografiert am 27. November 2014 © Dr. Anton Schmoll

Prof. Dr. Anton Schmoll
im November 2016