Aus meiner Volksschulzeit

von Susanne Pevetz geb, Wimpissinger
21.04.2014

Unsere ehemalige Landwirtschaft (Hietzinger Hauptstraße Nr. 143) liegt genau gegenüber der Ober St. Veiter Volksschule. Es ist Mitte Juni, ich sitze im Hof, die Fenster der Schule sind offen, aus den Klassenzimmern dringen Kinderlieder zu mir. Da tauchen in mir manche Erinnerungen an meine eigene Volksschulzeit auf.

Ich bin ein Bauernkind und war keine begeisterte Schülerin, ich trieb mich viel lieber im Stall oder auf den Feldern herum. An meinem ersten Schultag wollte ich nach der ersten Stunde gleich wieder nach Hause gehen, denn ich hatte immer Angst, etwas zu versäumen; doch die Frau Lehrerin Hrdlicka – Ehre ihrem Andenken – meinte: "Susi, du musst noch a bisserl dableiben!" Auch späterhin machte es mich in der Schule stets unruhig, wenn ich beim gegenüberliegenden Hoftor die Pferde scharren, den Wagen quietschen und später unseren alten Steyr-Traktor rumpeln hörte. Dies alles erschien mir doch viel interessanter und lebensnäher, als der Unterricht. Übrigens war dieses Rumpeln mitunter so laut, dass der Unterricht kurzfristig unterbrochen werden musste. Außerdem wollte ich ja mit meinem geliebten Vater alle Ausfahrten mitmachen, wie zum Beispiel in die Mühle oder in die Ottakringer Brauerei, von der wir Treber als wertvolles Viehfutter holten. Heute wären diese Fuhren ein unerträgliches Verkehrshindernis.

Die Familie Wimpissinger. Susi und Hans Wimpissinger 1956 auf der Fuder (eine Wagenladung, in diesem Fall Heu). Gezogen wird der Wagen vom Haflinger Loiperl und dem brauen Noriker Maxl. © Familie Pevetz

Selbstverständlich wurde in der Schule auch gesungen. Die Frau Lehrerin forderte die Schüler und Schülerinnen einzeln auf, ihnen bekannte Kinderlieder vorzutragen ("Kuckuck, Kuckuck ...", "Ei Veilchen, liebes Veilchen ..." usw.). Endlich kam auch ich dran und war gar nicht verlegen; ich sang nach der Melodie vom "Lieben Augustin: "Oh du Liaba, du schaugst aus / mit deim Trum Brantwein-Rausch ...!" "Schön hast du gesungen", meinte die Frau Lehrerin, "nur der Text hat nicht ganz gepasst". Zuhause erzählte ich mit Begeisterung, dass ich vorsingen durfte und berichtete über meinen Text. Statt mir Beifall zu spenden, waren Mutter und Tante höchlichst entsetzt, die Tante schlug die Hände zusammen: "Das Kind bringt Schande über unsere Familie!" – so streng waren damals die Ansichten. Gleich am nächsten Tag eilte meine Mutter zur Frau Lehrerin, sie möge nicht schlecht über die Susi und die Familie denken, aber das Kind höre eben die Lieder der landwirtschaftlichen Arbeiter ... In Wirklichkeit stammte der Liedertext jedoch nicht von den Arbeitern, sondern von einem Freund meines Vaters, Herrn Schuldirektor Josef Reitmeyer. Er sang es u.a. oft beim Gemüsegießen im Garten. Eben diesem Schuldirektor, dem Vater der Schwestern Reitmeyer, verdanken wir übrigens die Sammlung und Veröffentlichung der zauberhaften Alt-Ober-St. Veiter Geschichten von Vinzenz Jerabek, "Erlebtes und Erlauschtes aus Wiens Vorstadt", ein inzwischen leider völlig vergriffenes, nie wieder neu aufgelegtes Werk (herausgegeben 1956).

Der ehemalige Milchkeller der Meierei Wimpissinger. Fotografiert am 24. Mai 2003 © Familie Pevetz

Inzwischen habe ich die Schulkinder von gegenüber einmal in unseren Hof herübergeholt und ihnen unter Vorweisung alter Geräte einiges über unsere ehemalige Land- und Milchwirtschaft erzählt. Begeistert waren die Kinder vor allem vom ehemaligen Milchkeller, wo einst die kuhwarme Milch abgekühlt wurde, als es noch keine Milchpackerln im Supermarkt gab.

Übertragen von hojos
im April 2014