Der Hietzinger Bildstock ist renoviert

Das gotische Juwel stand einst "... auf dem Wege nach St. Veit ..."
16.08.2011

"Auf dem Wege nach St. Veit" wird der ursprüngliche Standort des an der Nordseite der Hietzinger Kirche, zwischen zwei Strebepfeilern des Chores, aufgestellten Bildstockes beschrieben. Entstanden sein soll der Bildstock zwischen den Jahren 1510 und 1520. Im Jahre 1860 wurde der Bildstock an die Nordwand der Kirche und 1919 an den heutigen Platz übertragen. Für den Betrachter waren nur 3 Relieffelder sichtbar, eine Schutzmantelmadonna und zwei Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu.

Für die höchst notwendige Restaurierung wurde der Bildstock abgetragen. Schon zu Beginn der Arbeiten wurde festgestellt, dass die vierte Seite durch Versinterung nahezu zerstört ist, und dass eine Wiederaufstellung des Tabernakels im Freien nicht in Frage kommt. Vom restaurierten Tabernakel wurde ein Abguss angefertigt, der vom Original nicht zu unterscheiden ist, und auf der alten ebenfalls restaurierten Säule am bisherigen Platz wiederaufgestellt, allerdings in größerem Abstand zur Kirche und etwas verdreht.

Der Hietzinger Bildstock. Nach der Restaurierung wurde er wieder am bisherigen Platz zwischen zwei Strebepfeilern des Chors der Hietzinger Kirche aufgestellt. Auf der restaurierten Originalsäule wurde ein vom Original nicht zu unterscheidender Abguss des Tabernakels aufgesetzt. Fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

Der originale Tabernakel fand im Alten Saal des Bezirksmuseums Aufstellung. Der Stein ist ein Kalksandstein und stammt aus dem Steinbruch Zogelsdorf, unweit von Eggenburg. Dieser Steinbruch wurde bis etwa 1800 abgebaut. Wo die Plastik entstanden ist kann man heute nicht mehr sagen, sehr wahrscheinlich ist aber, dass zumindest die grobe Form an Ort und Stelle entstanden ist. Dies war damals in Hinblick auf den Transport (Gewicht) durchaus üblich. Der Transport nach Wien wird wahrscheinlich so abgelaufen sein: per Ochsenkarren bis zur Donau, per Floß nach Wien, per Ochsenkarren in die Werkstätte des Steinmetz und dann nach Hietzing. Als Standort wird, wie schon erwähnt, in der Fachliteratur "auf dem Wege nach St. Veit" angegeben.

Der Anlass für die Aufstellung eines so aufwändigen Bildstockes in unmittelbarer Nähe einer Wallfahrtskirche liegt im Dunklen.

Der in Hietzing als Beichtvater tätige Chorherr Ernest Saur hat 1662 eine Beschreibung über die zahlreichen Wunder der „Maria Hiezingensis“ verfasst. Darin ist auch eine Zeichnung mit der bisher ersten bildlichen Darstellung der Kirche. Auf dieser ist auch der Bildstock, der Weg nach St. Veit und der damals noch durch die heutige Hauptstraße fließende Mühlbach zur Chattermühle zu sehen. Dem Bilde nach war der Standort etwa im Bereich der heutigen Überfahrt zum Marienplatz.

Die erste bildliche Darstellung der Hietzinger Kirche aus dem Jahr 1662. Rechts schließt das Gebäude für die Klosterneuburger Stiftsherren an. Links der Kirche ist ein Teil des kaiserlichen Tiergartens zu sehen, der damals vornehmlich für die Haltung einheimischen Jagdwildes und Geflügels bestimmt war. Die Ansicht zeigt auch den Bildstock am Weg nach St. Veit und den Mühlbach im Bereich der heutigen Hietzinger Hauptstraße. Der Bildstock steht heute an der nördlichen Außenmauer der Kirche. Dem Bilde nach war der damalige Standort des Bildstockes etwa im Bereich der heutigen Überfahrt zum Marienplatz. © Bezirksmuseum Hietzing

Der Tabernakel wurde im Bezirksmuseum so aufgestellt, dass alle vier Seiten sichtbar und die Reliefs in Augenhöhe sind.

Der Hietzinger Bildstock. Der originale Tabernakel ist jetzt im Alten Saal des Bezirksmuseums Hietzing aufgestellt. Fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at
Der Hietzinger Bildstock. Fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at
Der Hietzinger Bildstock. Fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

In der Literatur werden die bisher drei sichtbaren Darstellungen wie folgt beschrieben:

1. Schutzmantelmadonna

Im ersten Band des Hietinger Heimatbuches aus dem Jahr 1925 ist diese Seite folgendermaßen beschrieben: Im Vordergrund zwei Reiter, auf dem Boden liegt eine Gestalt, der das Haupt abgeschlagen ist.

Der Hietzinger Bildstock. Die Seite mit der Schutzmantelmadonna, fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

2a) Kreuzigung mit Engel und Teufel
2b) Kreuzigungsallegorie mit Kampf zwischen Engel und Satan um einen Toten
2c) Kreuzigungsgruppe mit Seitenwundenmotiv, unten Kampf zwischen Engel und Teufel um einen Toten.

Im Heimatbuch 1925 ist zu lesen: Im Relief an der rechten Seite befindet sich ein Kruzifix. Der Gekreuzigte zeigt mit seiner rechten Hand auf seine Brustwunde. Über den Kreuzarmen schauen Gott Vater und der heilige Geist; unten auf dem Boden liegt ein Sterbender. Zu seinen Füßen steht der Teufel, bei seinem Haupte ein Engel.

Der Hietzinger Bildstock. Die Seite mit dem Kruzifix, fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

3. Schmerzensmann mit Anlehnung an einen Dürer Stich.

Der Hietzinger Bildstock. Die Seite mit der Darstellung des Schmerzensmanes, fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

Die vierte stark verwitterte Seite ist bisher nicht beschrieben. Das Thema ist möglicherweise die Kreuzesabnahme oder die Grablegung.

Der Hietzinger Bildstock. Das rechte, stark verwitterte Relief war am bisherigen Standort der Wand zugewandt und nicht zu sehen. Fotografiert am 16. August 2011 © Archiv 1133.at

Der Magistratsabteilung 7 und den Restauratoren Steinmetzmeister Stöffler und Mag. Steixner ist zu
danken. Ein Zeugnis aus vergangenen Tagen ist so erhalten geblieben. Schön wäre es, wenn irgendwo ein Bild auftauchen würde, welches den Standort 1860-1919 zeigt – das würde die Unterlagen des Museums ergänzen.

Professor Felix Steinwandtner
Im August 2011