Historisches zum Anbau von Nahrungsmittel in der Region

Die ursprüngliche Landwirtschaft

Wie jedes andere Dorf wird auch Ober St. Veit ernährungsmäßig autark gewesen sein. Seit den frühesten Anfängen werden die Menschen Felder bestellt, Vieh auf Weiden getrieben, Obstbäume gesetzt und in einem kleinen Garten in der Nähe des Hauses ihr Gemüse angebaut haben. Am Ausmaß der Landwirtschaft als Quelle der Selbstversorgung hat sich im Laufe der Jahrhunderte wenig geändert, nie wird St. Veit in der Literatur als wesentliches Anbaugebiet zur Versorgung anderer Regionen genannt, natürlich mit Ausnahme des in einem eigenen Kapitel dargestellten Weinbaues.

Fast alles Land mit Menschen und Gebäuden war Eigentum des Grundherrn. Mann und Frau einer Familie besaßen (= wurden vom Grundherrn damit belehnt) meist das Gebäude, das sie behausten, samt Hof und angrenzendem Garten oder kleinem Feld. Alle anderen Flächen (Wald, Wiesen, Felder etc.) wurden von den Dorfbewohnern gemeinschaftlich genutzt. Für Land und Gebäude mussten Abgaben (das Zehent, meist ein Anteil an der Ernte) an den Grundherrn abgeliefert oder Dienstleistungen (der Robot) erbracht werden. Einen Eindruck von der Zusammensetzung der Flächen gibt die linksstehende Tabelle aus dem Protokoll zum Franziszeischen Katasterplan 1820. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist darin noch die mittelalterliche Flächennutzung erkennbar.

Erst die starke Zuwanderung und der Aufstieg als Ausflugs- und Sommerfrischeort im 19. Jahrhundert führten gemeinsam mit dem wachsenden Einfluss der nahen und prosperierenden Großstadt zu starken Veränderungen. Einerseits verminderte sich die Landwirtschaft als Lebensgrundlage zugunsten anderer Erwerbsformen, und andererseits wurde ein zunehmender Teil der Versorgung, insbesondere mit Gemüse, durch die der dichteren Besiedelung Rechnung tragende und den Boden intensiver nutzende gewerbliche Gärtnerei übernommen.

Die Gärtnerei

Die gärtnerische Bewirtschaftungsweise vermag mit hohem Arbeitsaufwand, gezielter Düngung, starker Bewässerung, Kastenkulturen mit Frühbeetfenstern und schließlich sogar beheizten Glashäusern hohe Erträge auf verhältnismäßig wenig Fläche zu erzielen.

Trotzdem bleibt der Gärtner, solange er nur Blumen und Gemüse anbaut und verkauft,  ein spezialisierter Bauer und wird auch gewerblich als solcher behandelt (= völlige Gewerbefreiheit und früher auch pauschale Besteuerung). Erst die zusätzlichen Tätigkeiten wie die Blumenbinderei und der Handel werden gewerblich relevant.

Von den früheren Gärtnereien in Ober St. Veit haben wir nur wenig überliefert. Eine Ausnahme ist ein Plan aus dem Jahr 1869, der das gesamte Gebiet nördlich der heutigen Amalienstraße als Gemüsegärten ausweist; im selben Jahr wurde aber die Parzellierung zu Bauzwecken eingeleitet. Ein anderer Hinweis beziffert den Anteil der Küchengärtner in Unter St. Veit mit 11,4 % der selbstständigen Unternehmer.

Aus jüngeren Unterlagen und der Erinnerung älterer Menschen lassen sich folgende Gärtnereien auflisten, ohne sie zeitlich genauer einzuordnen:

• Anderle Karl, Blumengärtner in der Jagdschloßgasse 36. Seine Gärtnerei grenzte an Jagdschloßgasse, Rotenberggasse und Gobergasse. Das Stammhaus wurde vor Kurzem abgebrochen. Anderle war aus Böhmen eingewandert,  er starb  im  95. Lebensjahr.

• Baumgartner Viktor, Blumen- und Gemüsegärtner in der Testarellogasse 10. Dieses Unternehmen besteht als eines der ältesten Familienunternehmen Ober St. Veits nach wie vor und wird in der Folge genauer beschrieben.

• Doll Alfred, neben dem Weinhaus am Stock im Weg hatte er ein Rosenfeld und viele Obstbäume.

• Die Dominikanerinnen bauten Obst und Gemüse an.

• Meier Alois, Blumen- und Gemüsegärter zwischen Auhofstraße und dem Nordpol-Platz (Blau-Weiß). Die Gärtnerei bestand bis nach dem 2. Weltkrieg.

• Müller Otto (bzw. die Schwestern Müller und Fischbach),  Gärtnerei an der Rohrbacherstraße zwischen Premreinergasse und Streckerpark.

• Noll Otto, Blumengärtner in der Gemeindeberggasse 63–65 (beim Friedhof). Der Betrieb besteht bis heute und wird in der Folge genauer beschrieben.

• Kern Anton, Blumengärtner.

• Frau Petraschek, Blumen- und Gemüsegärtnerin am Rauheck, in dem Zwickel zwischen Spohrstraße und Schrutkagasse.  Vis-à-vis war das ehemaligen Gasthaus am Rauheck.

• Die Salesianer in St. Veit hatten Blumen- und Gemüsefelder.

• Schwab J. betrieb einen Gemüsegarten in der Winzerstraße 9.

• Vavra, Blumen- und Gemüsegärtner auf dem Areal zwischen Tiergartenmauer und Auhofstraße, vor dem Nikolaitor.

• Vogl A., betrieb eine Blumen- und Gemüsegärtnerei in der Schweizertalstraße 23–25 (das Areal umfasste auch Teile des heutigen Franz-Schmidt-Platzes).

• Zerzan Franz, Blumengärtner an der Hietzinger Hauptstraße 125. Mit der Gärtnerei begonnen hatte das Ehepaar Zerzan mit einem Gewächshaus auf dem damals unverbauten Grund zwischen Rossinigasse und heutiger Trazerberggasse. Dann übersiedelten sie zur Ecke Hietzinger Hauptstraße/Schrutkagasse (vis-à-vis der Wagenfabrik Rohrbacher). Zuletzt hatten sie ihre Glashäuser und das Geschäft in der Hietzinger Hauptstraße 125. Der Verkauf der Zerzans in dem heute noch bestehenden Haus Hietzinger Hauptstraße 125 florierte, sodass sie auch von anderen Betrieben, wie z. B. von Viktor Baumgartner, zukauften.

• Es gab auch eine Gärtnerei an der Einsiedeleigasse von der Vitusgasse bis zur Hentschelgasse, die zu einem Haus in der Schweizertalstraße (Breuer-Villa) gehörte.

Wie an dieser langen Liste zu erkennen ist, gab es in Ober St. Veit verblüffend viele Gärtnereibetriebe. Im Vordergrund stand zunächst der Gemüsegärtner, der vor allem in den Notzeiten während und zwischen den Weltkriegen zusammen mit den Hausgärten, dem privaten Grabeland und den Schrebergärten zum Eckpfeiler der Nahrungsmittelversorgung wurde. Allerdings standen sie nicht nur der lokalen Bevölkerung zur Verfügung, denn entsprechende Gesetze sicherten z. B. im 2. Weltkrieg eine weiträumigere Verteilung: Die Ober St. Veiter Gärtnereien mussten ihre Produkte an eine Bezirksabgabestelle im 14. Bezirk zu festgesetzten Preisen liefern.

Mit der Verbesserung der Versorgungslage und dem steigenden Wohlstand stieg der Anteil der Blumengärtnerei, um zuletzt den Gemüsebau in unserer Region gänzlich zu verdrängen.

Die wirtschaftlichen Veränderungen machten schließlich auch den Eigenbau unrentabel und ließen die Gärtnereien zu Blumengeschäften werden, die nur mehr Handelsware verkaufen. Die Gärtnerei Viktor Baumgartner ist die letzte Gärtnerei in Ober St. Veit, die heute noch Pflanzen anbaut.

Der Einfachheit halber stellen wir in diesem Kapitel auch die reinen Blumenhändler dar, obwohl sie mit Gartenbau und Ernährung nichts mehr zu tun haben.

Quellen:
Sevczik, Dkfm. Franz: Der Gemüsebau von Wien und Niederdonau – Ein wirtschaftsgeographischer Beitrag. Dissertation zur Erlangung eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften. Wien, 1944.
Holzapfel, Josef: Historisches Ober St. Veit. Handwerks-, Gewerbe- und Vereinsgeschichte. Wien, Interessensgemeinschaft Kaufleute Ober St. Veit, 2009

hojos
Eingestellt im Mai 2011