Die Wiener Karlskirche

Eine Besichtigung im Rahmen eines Raiffeisen-Spazierganges
01.10.2010

Der von Frau Mag. Ingrid Seidel von der Raika in Ober St. Veit organisierte Raiffeisen-Spaziergang am 1. Oktober 2010 führte uns zur Wiener Karlskirche. (Zum Betrachten oder Vergößern die Fotos bitte anklicken)

Empfangen wurden wir vom Präsidenten des Vereines der Freunde und Gönner der Wiener Karlskirche, Herrn Kommerzialrat Georg Gaudernak. Dieser Verein wurde 1966 von Architekt Clemens Holzmeister gegründet, um den wegen des permanenten Geldmangels drohenden Verfall der Karlskirche abzuwenden. Der rein weltliche Privatverein wird von Leuten mit Interesse an dem Erhalt des kulturellen Erbes unserer Stadt geführt und gespeist. Nachdem die Idee zu versanden drohte, sorgte KR Georg Gaudernak als dritter Präsident für neuen Elan und vor allem regelmäßige Einnahmen. Diese kommen in erster Linie aus den von den touristischen Besuchern seit April 1999 eingehobenen Erhaltungsbeiträgen.

Im Jahre 2000 wurde mit der fundamentalen Restaurierung des Innenraums begonnen und nach 10-jähriger Arbeit zeigt sich dieser wieder in einem beachtlichen Glanz. Derzeit werden die Vasen und Engel im Außenbereich restauriert. Als besonderer Reiz bringt derzeit ein Personen-Aufzug die Besucher auf eine provisorische Terrasse in unmittelbarer Nähe der Kuppel und damit der Fresken von Johann Michael Rottmayr. Über weitere Stiegen kann man sogar in die Kuppellaterne hinaufsteigen.

Die Wiener Karlskirche. Fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

KR Georg Gaudernak gab uns als profunder Kenner der Karlskirche und der sie betreffenden Geschichte einige grundsätzlichen Informationen, die in der Folge auszugsweise wiedergegeben werden. Ein vollständige Besprechung der Kirche würden den Rahmen dieses Besuchsberichtes sprengen.

Ein Gelübde Kaiser Leopold I. während der Pestepidemie 1679 führte zum Bau der Pestsäule am Graben. Ein Gelübde Kaiser Karl VI. während des Pestjahres 1713 war der unmittelbare Anlass für den Bau der Karlskirche. Der innere Gehalt der Kirche hat allerdings viele andere Themen zum Gegenstand.

Ursprünglich war sie eine reine Hofkirche für den Hofstaat des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Daher ist sich auch relativ klein und der Altarraum hat rechts und links für den Kaiser und die Kaiserin vorgesehene Balkone.

Die Wiener Karlskirche. Fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Zum Verständnis der vielen architektonischen Elemente und sonstigen Symbole  muss man sich in die Umbruchszeit an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert hineinversetzen.  Auf der einen Seite hatte man noch die religiös-spirituelle Vorstellung von einem Gott, dessen Ratschluss und Willen alles unterstellt war. Auf der anderen Seite drang in dieser Zeit die Aufklärung immer stärker in das Bewusstsein der Menschen und diese mussten eine Balance zwischen Aufklärung und ihrer Gottesbeziehung finden. Wilde Fehden zwischen den Vertretern der verschiedenen Strömungen waren die Folge. In diese Unsicherheit und das entstehende Vakuum hinein hat sich eine neue Ordnung entwickelt: das Staatswesen, zu dem in dieser Zeit auch Montesquieu seine Theorien entwickelte.

Die von Vater und Sohn Fischer von Erlach nach den Ideen von Heraeus und Leibniz erbaute Karlskirche ist ein Produkt dieser Strömungen. Eine Fülle von architektonischen Elementen zeigen verschiedene Epochen der Architekturgeschichte und imperiale Modelle. Zum Beispiel stellen der römische Portikus und die römischen Triumphsäulen einerseits und die Kuppel mit dem Kreuz andererseits die Beziehung zwischen imperialer und sakraler Macht her. Auch die Sukzession des Kaisertums vom Römischen Imperium über Karl den Großen (siehe die Anspielungen an das Oktogon von Karl dem Großen in Aachen) und Karl V. bis zu Karl VI. herauf werden als Kontinuität genauso dargestellt, wie die Beziehung zu Gott. Im Fresko unter der Kuppel bittet Karl Borromäus stellvertretend für Kaiser Karl VI Gott um Rat und Hilfe. Der Kaiser sieht sich als Mittler zwischen dem Willen Gottes und der Verpflichtung für seine Untertanen. Sehr parant auch das Wappen Kaiser Karl VI., das über dem Eingang, dem Altar gegenüberliegend als Apotheose der Dualität von Kaiser  und Klerus in der mittelalterliche Kirche zu verstehen ist. Diese Kirche ist voll von weiteren Symbolen und voll von Anspielungen, zu deren Verständnis die genaue Kenntnis der damaligen Zeit erforderlich ist.

Die Wiener Karlskirche. Unten im Vordergrund des Bildes das über dem Kircheneingang angebrachte Wappen Kaiser Karl VI., fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Insgesamt ist sie damit nicht als Kirche im heutigen Sinne erbaut, sondern als Reichsmonument und als geistiges, spirituelles Zentrum des Reiches, zu dem übrigens alle Reichsteile finanziell beitragen mussten.

Im Hauptschiff der Karlskirche hat Fischer von Erlach die orientalische und die abendländische Auffassung des Lebens  vereint. Der Weg vom Eingang entlang des Hauptschiffes zum Allerheiligsten entspricht der abendländischen Vorstellung des Lebens, dem eine zielgerichtete Bewegung hin zur Erlösung vorschwebt. Die runde (ovale) Kuppel ohne Anfang und Ende symbolisiert hingegen die orientalische Auffassung des Lebens mit seiner ewigen Wiederkehr. Der Zentralraum der Kirche hat fast keine Wände, sondern mächtige Pilaster mit goldenen Kapitälen und einem schön ausgebildeten Kranz herum und ansonsten nur Fenster, die den Raum mit Licht durchfluten.

Der Altar wiederum ist eine Apotheose des Karl Borromäus, von Brokoff in einer wunderbaren Marmorstuckarbeit dargestellt. Johann Bernhard Fischer von Erlach wollte das Presbyterium verlängern und den Hochaltar frei in der Mitte stehen haben. Er ist jedoch 1723 gestorben und sein Sohn Joseph Emanuel wurde mit der Fortsetzung der Arbeiten betraut. Er ließ das Presbyterium kürzer und stellte den Hochaltar direkt an die Rückwand.

Die Wiener Karlskirche. Der Altar mit der Marmorstuckarbeit von Brokoff, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Jede der vier Kapellen ist ein Kunstwerk für sich, wobei sich die Motive des Kuppelfreskos in den Kapellen wiederholen. Dem Glauben auf den Fresken entspricht unten die Himmelfahrt Marias. Der Eglesia mit dem Kelch und der Patene und dem Allerheiligsten entsprechen in der Kapelle darunter Christus und der Hauptmann als Korrespondenz zur Kommunion. Eine voll durchdachte Kirche, alles hat einen Bezug zueinander. Faszinierend ist auch, dass sie nie verändert wurde.

Die Tugend der Nächstenliebe findet in der Kapelle daruner ihren Widerhall im großen Gemälde von Daniel Gran, das die Almosen verteilende Elisabeth von Portugal, eine Namenspatronin der Frau des Kaisers, zeigt. Eine schöne, dreieckige Komposition, in der Elisabeth das von den Engeln gespendete Geld verteilt. Eines der Hauptwerke von Daniel Gran. Rechts und links sind allegorische Figuren aus Stuckmarmor.

Die Wiener Karlskirche. Die Kapelle mit dem großen Gemälde von Daniel Gran, das die Almosen verteilende Elisabeth von Portugal darstellt, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Auch die Kuppel und der Tambur wurden von Joseph Emanuel Fischer von Erlach verändert und es sind architektonische Unterschiede zwischen "oben" und "unten" zu erkennen. Drüber hinaus entschied sich Joseph Emanuel entgegen den Vorstellungen des Vaters nicht für eine römische Kassettendecke, sondern für das Fresko von Rottmayr. Die Restaurierung dieser Kuppelfläche dauerte vier Jahre, sie musste in kleinen Abschnitten vorgenommen werden.

Die Fresken bedecken eine Kuppelfläche von 1256 m2. Michael Rottmayr hat sie in fünf Jahren von 1726 bis 1730 gemalt und ist kurz darauf gestorben. Es ist sein letztes großes Werk und, wie allgemein gesagt wird, seine beste Arbeit. Das Programm stammt aber nicht von ihm, so wie das ganze Programm der Kirche nicht von Fischer von Erlach stammt, sondern von einem gewissen Albrecht. Dieser war so zu sagen der in allen relevanten Sparten hochgebildete "Chefideologe" bzw. ikonografische Spezialist.

Die Wiener Karlskirche. Ausschnitt aus dem Kuppelfresko mit dem vor Gott knieenden Karl Borromäus, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Im Zentrum des Programms kniet Karl Borromäus vor Gott und bittet ihn, die Pest abklingen zu lassen, aber auch um Frieden und Wohlergehen für seine ihm Anvertrauten. Und er bittet ihn, ihm, Karl Borromäuus, seinen, also Gottes Willen zu sagen. Flankiert wird er einerseits von der Jungfrau Maria, die ihn liebevoll mit der Hand zu Gott weist, wie ein Kind. Eine Besonderheit ist Christus, der hier nicht wie üblich neben Gott sitzt, sondern zwischen Gott und den Menschen, unter ihm die Weltkugel. Christus ist sozusagen dazwischen, Mensch gewordener Gott und er spricht für die Menschheit zu Gott, zu seinem Vater. Er zeigt die Wunde auf seiner linken Hand und mit der rechten Hand auf das Kreuz. Man hört in förmlich sprechen: "Vater, das hab ich für die Menschen getan, hilf ihnen". Der heilige Borromäus wurde für dieses Fresko gewählt, weil er die drei Grundtugenden des Christentums, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe perfekt verkörpert und sich im Dienst an der Kirche und am Glauben aufopferte. Er war Vorbild und Namenspatron Karl VI.

Rechts unterhalb Gottes ist auch ein Engel zu sehen, der das Schwert in die Scheide steckt. Das ist ein Friedenssymbol. Damals gab es zwei entscheidende Bedrohungen, die das Reich in einen Zweifrontenkrieg zwangen: die Türken und die aufkommende bourbonische Weltherrschaftsidee. Die Kirche entstand zu der Zeit, als das Hegemoniestreben Ludwig XIV. nach dem Spanischen Erbfolgekrieg eingedämmt und die Türken durch Prinz Eugen weit zurückgedrängt waren. Frieden ist eingetreten und damit ist die Karlskirche auch eine Friedenskirche.

Die Wiener Karlskirche. Ausschnitt aus dem Kuppelfresko mit dem vor Gott knieenden Karl Borromäus, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Die den Glauben betreffenden Fresken sind um einen Tempel angeordnet, das Symbol für den Tempel Salomons. Die Allegorie des Glaubens hält das Kreuz über diesen salomonischen Tempel und damit über das alte Judentum, die Grundlage des Christentums. Rechts sind die heiligen Bücher und die beiden Schlüsseln des Petrus. Links schwebt ein Engel in einer Rüstung und mit Helm. In der Hand hält er die Tiara, die drei Kronen des Papstes. Es ist ein Engel mit widerlichen Gesichtszügen. Er symbolisiert das kriegerische Papsttum das damals auch die Kaiserwahl des Habsburgers Karl VI. hintertrieb. Links davon ist die Eglesia in einem prachtvollen Mantel, mit dem Kelch und der Patene in der Hand und der Eucharistie ober dem Kelch. In die Hostie hinein gemalt sieht man grau in grau eine Kreuzigung. Das hat Rottmayr gemacht, obwohl man es von unten nicht sieht. Nur oben auf der Plattform ist es zu erkennen. In dem prächtigen Mantel der Eglesia beginnt sich die Aufklärung und der Kampf gegen die Prunkkirche zu manifestieren. Links unten sind verschiedene Laster symbolisiert.

Die Wiener Karlskirche. Ausschnitt aus dem Kuppelfresko den Glauben betreffend, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Die Hoffnung erscheint in mehrere Figuren aufgeteilt, es wird eine ganze Geschichte erzählt. Rechts ist die Ausgeglichenheit mit der Waage zu sehen. Sie greift mit der Hand zu den Pflanzen und steht mit dem Fuß auf dem Geschmeide, dem Prunk. Das Engerl reicht einen Krug klaren Wassers. Links der Anker ist das Symbol der Hoffnung.

Die Wiener Karlskirche. Ausschnitt aus dem Kuppelfresko die Hoffnung betreffend, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Auch die Liebe ist eine wunderschöne Komposition mit Figuren voller Dynamik, siehe beispielsweise die Spannung in dem blauen Engel, der den Becher reicht.

Die Wiener Karlskirche. Ausschnitt aus dem Kuppelfresko die Liebe betreffend, fotografiert am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

Ausgeklungen ist der Raiffeisen-Spaziergang mit einer Agape hoch über dem Portikus der Kirche.

Die Wiener Karlskirche. Frau Mag. Seidel mit Kollegen und Gästen nach der Führung durch die Kirche im Rahmen eines Raiffeisen-Spazierganges am 1. Oktober 2010 © Archiv 1133.at

hojos
Wien, am 1. Oktober 2010