Beim Federnschleißen

Eine Geschichte von Vinzenz Jerabek
20.12.1939

Aus dem Ofenloch zittert der rote Feuerschein hin über den Fußboden, knisternd verbrennen die Kohlen, gemächlich tickt die Uhr. Stille draußen in der Gasse, Stille herinnen – es ist heiliger Abend. Ich sitze allein im verdunkelten Zimmer und sinne vergangenen Weihnachten nach – mit einem Male bin ich nicht mehr allein, Frau Erinnerung ist in die Stube gehuscht, sitzt neben mir, hat ihre unergründlichen Augen auf mich gerichtet und lispelt geheimnisvoll: „Erinnerst du dich noch, wies damals war?“ Und sie hält mir Bilder hin, ich sehe wieder das liebe Dorf, in dem ich meine Kinderzeit verlebte, und die Menschen, zwischen denen ich aufwuchs, ziehen an mir vorbei, reiche und arme, diese in der Mehrzahl. Da grinst mich der alte Kuntner Michl spitzbübisch an, hinter ihm hoppelt die alte Nani aus dem Armenhaus, als würde sie ihn verfolgen. die beiden waren zueinander wie Hund und Katz. Trafen sie sich, dann keifte die Nani, bosnigelte der Michl.

Lang ists her, Adventzeit vor fast sechzig Jahren. Nach der Schule Schlittenfahren, abends im warmen Zimmer Federnschleißen, das heißt abzupfen den weichen Flaum von den harten Kielen der Gänse- und Entenfedern. Gebratene Äpfel, dazu Räuber-, Ritter- und Spukgeschichten, erzählt von der alten Nani aus dem Armenhaus. Ihr blieb nichts verborgen, sie wusste die Familienchroniken von Gegenwart und Vergangenheit. Die Weiber glaubten der Alten gern, besonders wenn es sich um Liebeswirrwarr Abwesender handelte, die Männer aber sagten, sie wäre eine Tratschmirl. Ich habe der alten Nani alles geglaubt, was sie erzählt hat, der Kuntner Michl aber hat ihr nichts geglaubt, mehr noch, er hat im Dorf ausgesprengt, dass die alte Nani im Vollmondnächten ausreite – und zwar auf einem Besen. Er selbst hätte sie gotteswahrhaftig dabei ertappt, wie sie von einem Schornstein des Armenhauses weg ihren Ritt unternommen habe.

Natürlich hat sich die alte Nani gerächt und die unglaublichsten Dinge über den Michl unter die Leute gebracht. Und als einmal beim Federnschleißen die Dreischock-Waberl der alten vorhielt, was der Michl über sie erzählte, da begann sie zu zetern:

„Was, der Kuntner, der alte Lump, der soll auf sich selber schaun! Is amal wer gwesen, hat a schöne Wirtschaft ghabt, hat s aber bei Butz und Stingl versoffen. Wia er gstorben is, warn alle Leut im Ort z Tod froh, dass der Lump weg ist. Aber sö habn na jo nirgends einilassn! Da heilige Petrus hat eahm net s Himmistor aufgmacht, und der Teifi hat s Höllntürl zuagschlagn, wia er gsehgn hat, der Kuntner Michl steht draußt. Alsdern hat er wieder auf d Erden zruck müassn! ...“

„Aber Nani!“ schreit die Dreischock-Dirn. „Aber Nani, so was gibts do net!“

„Wirst s Mäu haltn, du Geamperling!“ hat die Alte zurückgerufen. „Schau daher! Tuat ma das, a alts Leut Lugn strafn? Wann i sag der Kuntner, der alte Lump, war schon amal „dort“, so bleibts dabei!“

Und die alte Nani hat mit ihren langen, braunen Spinnenfingern im weißen Flaum gewühlt und weiter gezetert:

„Was woaßt denn du, du dumme Gredl! Du bist no lang net auf der Welt gwesn, wie sich das zuatragn hat. A etla vierzig Jahrln wirds her sein, da war der Kuntner sei eigner Herr. Weil er sich aber um d Wirtschaft net kümmert hat, und ka Weib da war, hat n jo koane mögn, den Bsuff, so san eahm d Schuldn überm Kopf gwachsn, und Haus und Hof is eahm vergant wordn. Da hat er sich so an Trumm Rausch angsuffa, dass er nimmer hoamgfundn hat, und im Straßgrabn liegn bliebn is. In der Fruah, wia s eahm finden, is er maustot. „Leut,“ hat der Bader gsagt, „hin is er, der Kuntner, und a glückselige Sterbstund hat er ghabt, der Lump, weil er mit oan boanhartn Rausch in d Ewigkeit gfahrn is!“

„Guat, so is der Kuntner seine drei Tag am Ladn glegn, und dann war d Leich. Aufn Weg in d Kircha stolpert oana von dö Träger. er reißt d andern mit, dö Trucha kugelt uamander, der Deckl springt weg, und – der Kuntner sitzt mittn auf der Straß. Und wischt sich d Augn aus, als wann er grad aus m Schlaf munter wurd. War eng das jetzt a Gschroa! D Weiber san davonglafn, a oanige Letfeigen von Mannsbilder. Aber andre habn in Kuntner aufgholfn und habn na hoamgweist.“

„Mei Gad,“ (Gott) hat der Bader gsagt, „er is halt im Starrkrampf glegn! Einischaun hab i eahm net kinna. Gott Dank, dass dö Träger umgschmissn habn!“

„Alsdern hat der Kuntner wieder weiterglebt, und ma sollt glaubn, dass er an anders Lebn angfangt hätt. Ja, Schneckn! Am selbign Abend no kimmt er ins Wirtshaus und sagt, er war so viel dürschti, weil erdo drei Tag nix z Trianka kriagt hat, und bringts glei wieder zu oan Rausch. No, aber jetzt wars „Oha im Wohlladl“, s Geld war aus, d Wirtschaft fort, und der Kuntner is der Towerker wordn, der er heut no is. Gaustert halt a so umananda, wann er a Geld hat, und wann er koans hat, so sauft er von d andern. D Leut san nämli no allweil neugieri und tatn gern wissn, was der alte Lump derlebt hat, wia er gstorbn war. Und so nehmen s eahm halt ins Wirthaus mit, und da lüagt s der Leutbetrüager an und sauft mit. Aber dabei woaß er nix, gar nix woaß er, der ...“

Stimmengelärm for den Fenstern ließ die alte Nani verstummen. Eine schrille Fistelstimme erhob sich über die andern. Sie gehörte dem Kuntner Michl, der aus Leibeskräften rief:

„Ah, da schauts her, beim Simperl toans s Federnschleißn! Jo, jo, Federnschleißn toan s! Jo, und da ist ganz gwiß dö lugerte Nani dabei und schimpft wieder über alle Mannsbilder, weil s koans krieagt hat, jo! Leut, und dö is mir amal nachgrennt und i hätt s solln durchaus heiraten, jo! Aber unsa liaba Himmivoda hat mi beschützt, sunst hätt i dö Alte heut no am Gnack, jo! Und i sag engs, vor derer nehmts eng in acht, dö kann mehr als wia Federnschleißn! I woas das, jo! In der verwichern Vollmondnacht hab i s gsehn, da is s am Raupfong vom Armenleuthaus gsessen, jo, und hat grad in Besn hergricht zum Fortfliagn, jo!“

Johlend entfernte sich die Gesellschaft. „Oh, du Rabnfleisch, du ganz ausgschamts,“ kiefelte die alte Nani, „jetzt wird die der Teifi nimmer auslassn. ...“

Die Tür geht auf, heller Lichtschein dringt ins Zimmer – husch ist Frau Erinnerung fort. Dafür aber steht meine Frau vor mir und sagt bedauernd: „Mein gott, der arme Mann! Ganz allein und verlassn sitzt er am heiligen Abend im finstern Zimmer. ...“

Quellen:
Volks-Zeitung vom 20. Dezember 1939

Übertragen von hojos
im Dezember 2023