Steinzeitlicher Bergbau auf dem Wiener Boden

Wiedergabe des Fließtextes aus einem Beitag von Dollinger / Wenty
1962

I. Ein jungsteinzeitlicher Bergbau in Lainz / Wien XIII.

Vereinzelt, rundlich und massig erhebt sich die Kote 245, 10,15 m über das Niveau der Jagdschloßgasse in Lainz, 13. Wiener Gemeindebezirk. Sie ist im Norden von der verlängerten Gobergasse, im Osten von der Steinhardtgasse, deren westlicher Teil ihren Ostfuß schneidet, begrenzt. Der Volksmund hat für diese Erhebung den Namen „Flohberg“ geprägt. Zu Ostern 1958 konnte ich vor allem auf ihrem Südhange, aber auch am Osthange eine Anzahl Kernsteine, u. zw. Hornsteine, von denen, durch die Abschlagnegative deutlich erkennbar, Klingen abgeschlagen wurden, eine Anzahl Klingen und Gefäßbruchstücke bergen. Mit feinsten Quarzkörnchen stark gemagert, gehören die Funde der Vollen Jungsteinzeit an, in unserm Falle der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. Diese „Funstelle I“ war der Beginn einer Reihe hochbedeutsamer Fundkomplexe und Feststellungen. Wenige Monate später räumte die Planierraupe den in Wällen aufgehäuften Erdaushub der Häuser Gobergasse 59 und Steinhardtgasse 5 weg, die am Ostfuße der Kote 245 liegen. Glücklicherweise hatte der Bagger seinerzeit ungestörte Kulturschichten erfaßt, deren Inhalt nun zutage lag. Was für mich eine außerordentliche Überraschung bedeutete, war die gewaltige Fülle der Hornsteine, die verarbeitet worden waren, ihre Farbenpracht (rot, gelb, blau, grün, violett in allen möglichen Farbenkombinationen) sowie die große Anzahl überaus sorgfältig
hergestellter Steingeräte, unter denen Schaber und Klingen vorwiegen. Die von der Werktätigkeit stammenden Abschläge bildeten bis zu 2 dm hohe Lagen, die vor und zwischen den genannten Häusern, wo Grünflächen entstehen sollten, eingeebnet wurden. Daß es sich hier um eine Steinschlägerei handelte, die in diesem Ausmaße nur Handelszwecken dienen konnte, war klar (Fundstelle Ia).

Von der NNW gelegenen Juraklippe des Roten Berges, Seehöhe 262 m, ist unsere Fundstelle nur 330 m entfernt. Auf dem Nord- und Osthang des Roten Berges konnte ich in jahrelanger Lese zahlreiche Steingeräte bergen. Diese sind zumeist roter oder rötlichbrauner Hornstein. Ungewöhnlich schön gefärbte Stücke sind relativ selten und ich vermute, daß ihr Werkstoff (oder das vollendete Werkzeug) vom „Flohberg“ stammt. Die Zeitstellung ist dieselbe: 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. der Vollen Jungsteinzeit.

Das Hornsteinbergwerk auf der Antonshöhe in Mauer, Wien XXIII., mit im seinerzeitigen Steinbruchbetrieb entdeckten 10–12 m tiefen Schächten, liegt nur 4 km SSW von Kote 245. Die allermeisten von mir im Abraum gesammelten Hornsteingeräte sind rotbrauner Hornstein. Kleinsteingeräte aus hellerem, meist grünlichem Werkstoff sind selten, weniger gut gearbeitet und zeigen nicht die schönen Farben unserer Lainzer Steinschlägerei.

Fundstelle Ib. An der Jagdschloßgasse, unmittelbar nächst der protestantischen Kirche, 120 m südwärts von Fundstelle Ia (Steinschlägerei), konnten einige freiliegende Steingeräte von urtümlichem Gepräge geborgen werden: Abschläge von großen Stücken mit geringer Bearbeitung. Von sechs Gefäßbruchstücken ist das von einem „Pilzgefäß“ (seiner Form wegen so genannt) bemerkenswert. Auf sein Ursprungsgebiet komme ich später zurück. Wasser in unmittelbarer Nähe lieferte der aus der Lainzer Mulde kommende Grünauer Bach. An der Nordseite der evangelischen Kirche stieß ich auf einen kleinen Rest einer seichten Kulturschicht mit sechs Gefäßscherben, Stückchen verkohlten Holzes, dem Mittelfußknochen eines jungen Rindes und einige flüchtig bearbeitete Steingeräte. Die am auslaufenden Osthang der Steinhardtgasse liegenden Häuser Nr. 1–5 und Gobergasse 59 weisen mit Sträuchern bepflanzte Böschungen auf, auf deren Oberfläche zahlreiche Abschläge lagen. Die Steinschlägerei erstreckte sich also über die genannte 120 m lange Nord-Süd-Strecke.

Funde aus dem Tagbau (Fundstelle II). An der Ost-Wand der Ausschachtung des geplanten Hauses Nr. 4 konnte ich eine Schicht von wechselnder Stärke, fast ausschließlich aus roten Abschlägen und Splittern von der Bearbeitung der natürlich vorkommenden großen Hornsteine feststellen. Sie enthielt u. a. 2 Klopfsteine (Donauquarzite), der eine mit zwei kräftigen Absplitterungen, dunkelgraue Geräte: ein Werkzeug zum Schaben und Schneiden zugerichtet, und ein Schaber mit rechtsseitiger Spitze entstammen den weißen Aptychenkalken der Unterkreide (Neokom). Aus diesen waren die Hornsteinknauer schwer zu gewinnen. Zwei für die Datierung ungemein wichtige bemalte Gefäßbruchstücke (weiß auf rot) gehören der Jüngeren Stufe der bemalten Keramik (die letzten Jahrhunderte vor 2000 v. Chr.) an.

Die Ost-Wand der genannten Ausschachtung wies zahlreiche vorwiegend rote, seltener hellgrüne Abschläge von beachtlicher Größe auf, z. B. 9,6 cm Höhe, 8,4 cm Breite und minimale Krümmung bei schon erfolgter dreimaliger großflächiger Abschlagtätigkeit. Dies läßt auf beträchtliche Größe des natürlichen Hornsteins schließen.

Ein Siedlungsfund, 30 m östlich vom Flohberg („In der Hagenau"), und zwar ein Gefäßbruchstück (Zierleiste mit runden Eindrücken) läßt vermuten, daß diese Fundstelle mit zahlreicher Keramik und derzeit noch keinem Fund von Steingerät als Siedelstelle der Bergleute anzusprechen wäre.

Haben wir nun die Bergknappen und Steinschläger an ihrer ausgezeichneten Arbeit kennen gelernt, so taucht die Frage auf, woher sie stammen und was sonst über sie zu berichten wäre. Um etwa 2600 v. Chr. kam dieses grazile, schmalschädelige Volk in „geschlossener Masse“ aus dem östlichen Mittelmeergebiet. Es waren Ackerbauer und Viehzüchter; daher fanden sich auf Kote 245 die Knochen folgender Haustiere: Rind, Schaf oder Ziege, Schwein. Die bäuerliche Kultur äußerte sich u. a. in tönernen Fruchtbarkeitsgöttinnen, die sicherlich hohe Verehrung genossen. Neu war auch die Bemalung der Keramik und gewisse Gefäßformen wie die Pilzgefäße (Bruchstück von Fundstelle Ib), alles Kultureinflüsse aus Vorderasien.

Drei Beispiele der Funde aus dem Tagbau (Fundstelle II). 1) Hellgelber Klopfstein (Quarzit, Donaugeröll); 2) Langovaler Schaber, dunkelgrau, dreiflächig, sorgfältige Endretusche mit rechtsseitiger Spitze; 3) Gefäßbruchstück mit feinsten Sandkörnchen gemagert. Zier: rundlicher Knopf. © Sammlung Gerhard Trnka
<p><b>Drei Beispiele der Funde aus dem Tagbau (Fundstelle II)</b></p><p>1) Hellgelber Klopfstein (Quarzit, Donaugeröll); 2) Langovaler Schaber, dunkelgrau, dreiflächig, sorgfältige Endretusche mit rechtsseitiger Spitze; 3) Gefäßbruchstück mit feinsten Sandkörnchen gemagert. Zier: rundlicher Knopf.</p><p><i>&copy; Sammlung Gerhard Trnka</i></p>

II. Der Tagbau auf Hornstein bei Lainz.

Die Kote 245 im Rahmen der Ober-St. Veiter Klippen.

Einleitend hat Erhard Dollinger die Lage der Kote 245 – der Volksmund nennt sie „Flohberg“ – beschrieben. Dieser „Berg“ erhebt sich über seine Umgebung nur um 10 bis maximal 18 m und hat in seiner flächenhaften rundlichen Ausdehnung einen Durchmesser von ungefähr 150 m. Von dem 262 m hohen Roten Berg liegt er 330 m in südsüdöstlicher Richtung. Man könnte ihn als dessen kleinen Bruder bezeichnen. Sein Verwandtschaftsverhältnis bezeugt er schon rein äußerlich, indem er so wie sein großer Bruder das ihn umgebende Erdreich rot verfärbt.

Im Ober-St. Veiter Klippenbereich gehört die Kote 245 zu den mäßig hohen Klippen, die im Zuge der tektonischen Bewegungen vom Untergrund gelöste, isolierte Schollen darstellen. Der Flohberg ist solch ein aus Kalkgestein bestehender Härtling, der im Gegensatz zum weicheren Flyschgestein der Abtragung stärker widersteht; eine Scholle, die landschaftlich isoliert in Erscheinung tritt, eine Geländeform, die auch für alle anderen Ober-St. Veiter Klippen so kennzeichnend ist und der Landschaft eine eigene Note verleiht. Dieser Bautyp ist jedoch in der Wiener Bucht nur südlich des Wienflusses vorhanden. Er ändert sich nördlich der Wien wesentlich: bogenförmig geneigte Terrassen, wo sich das nicht abgesunkene Bergmassiv mit dem ehemaligen Stromgelände zur klassischen Wiener Landschaft vereinigt. Die Tektonik der Ober-St. Veiter Klippen konnte bisher noch nicht zur Gänze geklärt werden, doch in ihren Grundlagen wurden sie bereits von Trauth (Geologie, 1928) festgelegt. Im Gefüge der Ober-St. Veiter Klippen sind unterschiedliche Kalke, Tone und Mergel, von den Kössener Schichten angefangen bis zu den weißlichen Aptychenkalken des Neokoms. So schließen auch an der Oberfläche des Flohberges in seiner Westhälfte die weißen Kalke aus dem Neokom und in der Osthälfte die roten Kalke aus dem Tithon auf. Siehe auch die geologische Detailkarte des Klippengebietes von Ober-St. Veit! Die roten Kalke sind im allgemeinen gebankt und geklüftet und reichlich hornsteinführend (Radiolarite), die weißen Kalke kompakter, doch sehr spärlich Hornstein umschließend. Aus den roten Schichten lassen sich die Hornsteine leichter herauslösen, während dies in den weißen Schichten viel schwieriger ist. Mit diesem Problem wußten sich schon die Menschen der Vollen Jungsteinzeit auseinanderzusetzen, und sie lösten es restlos.

Das Wesentliche der Kote 245. Mein Freund Erhard Dollinger machte mich des öfteren auf die von ihm gefundenen Hornsteingeräte (Kernsteine, Klingen, Schaber) auf dem Osthange der Kote 245 aufmerksam. Als nun 1958 der Erdaushub der Häuser Gobergasse 59 und Steinhardtgasse 5 – sie wurden auf dem auslaufenden Osthange erbaut – von der Planierraupe abgetragen wurde, kamen nebst Steingeräten, vorzüglich Klingen und Schabern, riesige Mengen Hornsteinabschläge zum Vorschein, die die Existenz einer ausgedehnten Werktätigkeit bewiesen. Nun war es naheliegend, daß der Lieferant des Rohmaterials nur die Kote 245 selbst sein konnte. 1959 wurde auf ihr und ihren Hängen von der Genossenschaft „Sozialer Wohnhausbau“ mit dem Ausschachten für eine Anzahl Häuser begonnen. Meine Meinung, das Aufschließen auf diesem Rundhöcker werde sich schwierig gestalten, war weit gefehlt. Bloß mit Krampen und Schaufel ging es da zentimeterweise in die Tiefe, und wo das Gestein kompakter wurde, zerteilte es der Preßlufthammer mühelos.

Bei der Betrachtung der Bauaufschlüsse wirkte das völlig aufgelockerte und wirr durcheinanderliegende Innere befremdend. Die Aufschlüsse erreichten Tiefen von 1 bis 4 m. Unter der mäßigen Humusschicht ist das Lockermaterial meistens mit dem roten Verwitterungsprodukt durchmengt. Eine geologische Position war nicht festzustellen. So weit es eben die vorhandenen Aufschlüsse gestatteten, schien es, als ob dem ohnehin komplizierten Klippengefüge sich noch zusätzlich menschlicher Eingriff beteiligte.

Die zuletzt ausgehobene Baugrube 4 am Osthang dieses Rundhöckers bewies vollends die ursprüngliche Vermutung menschlicher Eingriffe während der Vollen Jungsteinzeit. Die Grundaushebung vollzog sich 8 m südlich der Gobergasse und 24 m westlich vom Grenzzaun des Hauses Gobergasse 59. Der Aufschluß war 14 m lang und erreichte am Hang die Höhe von 4 m. In die Basis der Baugrube wurde das Betonskelett etwa 1 m tiefer verlegt. Eine Bohrung an dieser Stelle erreichte in 4 m Tiefe schon den Sandstein.

Das Charakteristikum an dieser 3,80 m hohen Aufschlußwand ist die wellige Grenzlinie zwischen der oberen roten – und der unteren weißen Gesteinsserie. Von oben gemessen ist das Wellental 2,50 tief; eine rote Gesteinsschichte, vollständig bestehend aus mittleren und kleinsten Trümmern, ist auch auf dem Lichtbild Nr. 1 zu sehen und darin eine Unmenge von Abschlägen. Links und rechts von dieser Schuttgrube, welche wir als einen bergmännischen Versatz erkannten, war mäßig roter Versatz. An dieser Stelle fand Freund Dollinger die Hinweise menschlicher Tätigkeit, so unter anderem zwei schön gerollte Donauquarzite, die einst als Klopfsteine verwendet wurden. Untersuchte man die Trümmer der kompakteren weißen Serie, so fand man hie und da auch einige dunkelgraue Hornsteinknauer,
doch waren sie fest vom Kalkstein eingeschlossen; verständlich, daß der Mensch der Vollen Jungsteinzeit nach diesem Material nicht suchte. Er schürfte vorzüglich dort, wo der rote Kalk den für ihn so leicht herauszuschlagenden Hornstein barg. So unscheinbar und unbeachtet die flache Kuppe der Kote 245 bis zum Baubeginn in die Landschaft sich einfügte, so wichtig und anziehend war sie vor 4000 Jahren dem Menschen der Vollen Jungsteinzeit, ein Schwesterbetrieb des voll jungsteinzeitlichen Bergbaus auf der Antonshöhe in Mauer, die VÖEST der Jungsteinzeit.

Quellen:
Dollinger, Erhard; Wenty, Karl in: Österreichischer Berg- und Hütten-Kalender. Wien: Montan-Verlag, 1962

Übertragen von hojos
im August 2019