Der Tuershof

Betrachtungen zum 100. Geburtstag des Tuershofes: Vom Wirten zum Hausbesitzer oder vom Hundertsten ins Tausendste.
1906

In der Tuersgasse 3 steht seit nunmehr genau 100 Jahren ein markantes Haus: der Tuershof.
Der Tuershof in der Tuersgasse 3
Seine Erbauer zählten zur Ober St. Veiter Prominenz: Franz und Ludmilla Rainer. Ursprünglich waren sie Gastwirte. Vom 1. Oktober 1883 bis 14. Oktober 1903 führten sie die Restauration zum „Erzherzog Franz Carl“ in der Auhofstraße 141. Sie hatten den Betrieb von einem Herrn Hübsch übernommen.
Franz und Ludmilla Rainer mit Sohn Josef und Mitarbeitern © Bezirksmuseum Hietzing
„Im Rainer-Wirtshaus ging es immer lustig zu“ - so beginnen die meisten Berichte. Rainers Restauration war der Mittelpunkt der Geselligkeit im alten Ober St. Veit, bot eine gute Küche, war ein weithin bekanntes Tanzlokal (die Tanzterasse lag einige Meter über der Straße) und beherbergte etliche der damals noch zahlreichen Vereine: zum Beispiel den „Drahrer-Club“ und den Ober St. Veiter Männergesangsverein. Franz Rainer gilt als Gründer des vom „Drahrer-Club“ ab 1887 arrangierten Ober St. Veiter Faschingsumzuges, der – mit Unterbrechungen – als eine der wenigen Traditionen bis heute überlebt hat. Frau Emma Zorga, Präsidentin der in der Alten Weinhütt’n beheimateten Ober St. Veiter Faschingsgilde ist bereits bei den Vorbereitungen für den Umzug 2008.
Restauration zum Erzherzog Franz Carl, Auhofstraße 141. Am Balkon ist Herr Rainer zu sehen (colorierte Fotografie) © Bezirksmuseum Hietzing
Nicht unerwähnt bleiben soll der sonntägliche Wäschermädeltanz samt zugehöriger Burschenkonkurrenz. So mancher fesche Kampl lernte dort seine Frau kennen. Natürlich kamen auch Gäste aus der Umgebung, zum Beispiel aus Baumgarten; einige von ihnen waren äußerst ungebeten. Fragen wie „Wüllst anbären?“ überhörten die Ober St. Veiter geflissentlich oder traten ihnen furchtlos entgegen. Schließlich übte man sich ja auch in Kraftsportarten wie Ringen und Gewichtheben und konnte zu Raufereien einiges beitragen.

1903 schlossen die Rainers den Betrieb und verkauften das Areal 1908 an Paul Redtenbacher. Ein Teil der Gäste und Vereine übersiedelte zum „Morava“, Auhofstraße 153 an der Ecke zur Firmiangasse. Ab 1931 kam dieses Morawa-Haus in die Hände des Franz Steiner jun. und wurde zum „Traiskirchner Spezial Weinhaus“ und dann zum Nobelhotel „Zum Tiroler“. Heute befindet sich dort ein Möbelhaus.

Paul Redtenbacher errichtete auf dem erworbenen Areal im Jahre 1910 das bis heute existierende Apothekerhaus. Die Vorgeschichte zu dieser Alten St. Veit Apotheke reichte schon damals viele Jahre zurück.
Die Alte St. Veit Apotheke in den 30er Jahren
Man schrieb das Jahr 1875, als ein Mag. Alois Hellmann die Konzession für eine neu zu errichtende Apotheke in Ober St. Veit erwarb. Am 1. Jänner 1876 wurde diese unter dem Namen „Zum Genfer Kreuz“ in der Auhofstraße 157 eröffnet. Sie wurde durch Provisoren geleitet. Hellmann verkaufte die Konzession am 1. Oktober 1879 an Karl Schwarz. Zu diesem Zeitpunkt dürfte Mag. Karl Fischer (Freund der Familie Schwarz) bereits in der Apotheke beschäftigt gewesen sein.

1887 erwarb Karl Fischer das Haus in dem sich die Apotheke befand (Auhofstraße 157) und im Mai 1901 ließ er es von Baumeister Anton Trillsam aufstocken. Die Räumlichkeiten im bis dahin ebenerdigen Apothekerhaus waren per Mietvertrag vom 4. März 1901 von Karl Fischer und Gattin Katharina an Magister Paul Redtenbacher, Wien 9., Rossauergasse 4 auf 5 Jahre verpachtet worden.

1903 verlegte Paul Redtenbacher diese Apotheke in einen von ihm errichteten Neubau in der Auhofstraße 150. Platzmangel und die intensive Sonneneinstrahlung, die den Medikamenten in der Auslage schadete, erforderten aber bald eine neue Lösung. Daher erwarb Paul Redtenbacher 1908 das Areal des ehemaligen Restaurationsbetriebes in der Auhofstraße 141. Den alten Standort in der Auhofstraße 150 verkaufte er 1912 an Julius Hirt.

Damit ist wieder ein neuer Name im Spiel: Julius Hirt. Julius Hirt war ebenfalls eine bekannte Persönlichkeit im Ort, politisch tätig und lokalhistorisch versiert. In den 50er Jahren verfasste er eine heute noch oft zitierte Chronik von Ober St. Veit. Den Lebensunterhalt verdiente er mit einem Delikatessengeschäft inklusive Meinl Kaffeeniederlage, das er an dem von ihm erworbenen Standort Auhofstraße 150 in den Räumen der ehemaligen Apotheke errichtete.
Das Delikatessengeschäft Julius Hirt. Links im Bild das große Geschäft und rechts das kleine Geschäft mit Kaffeeniederlage. © Archiv Familie Lösch
Julius Hirt und zwei Kommis (so wurden damals die Handelsangestellten genannt) im großen Geschäft. © Archiv Familie Lösch
Aber jetzt zurück zu Franz und Ludmilla Rainer. Vermögende Menschen investieren ihr Geld gerne in Immobilien. Das ist heute so und das galt auch schon vor 100 Jahren und davor. Damals, noch vor der Einführung des Friedenszinses versprachen vor allem Zinshäuser eine wertbeständige Geldanlage mit gesichertem Einnahmenstrom, ideal auch zur Sicherung des Lebensabends. Der 14. Bezirk ist voll solcher Zinsobjekte, die hohe Dichte der Industrie bot dafür die besten Voraussetzungen. Die Zins­hausdichte Ober St. Veits ist gering(er). Hier wurden von den vermögenden Menschen eher Villen aller Art für den eigenen Bedarf errichtet. Von den wenigen Zinshäusern stammen drei von den Rainers. Sie steckten ihr zumindest teilweise vom Verkauf des Restaurationsbetriebes stammende Geld in die noch heute als „Rainerhäuser“ bekannten Objekte. Nach dem Kauf der betreffenden Grundstücke errichteten sie

• 1903 das Haus in der Auhofstraße 142
• 1904 das in der Auhofstraße 144 und
• 1906 - vor genau 100 Jahren - das in der Tuersg 3, den Tuershof.

Das Alter des Hauses in der Tuersgasse kann mit Baugenehmigung, Bauplänen, Hausnummernvergabe und Bewohnungs- und Benützungskonsens belegt werden, die alle auf Franz und Ludmilla Rainer lauten.
Die Tuersgasse vor langer Zeit. © Bezirksmuseum Hietzing
Der Tuershof in der Tuersgasse 3 und die Eigentumswohnungshäuser Tuergasse 5-11 in Bau. © Archiv Hans Brennig
Nach dem Tode von Franz Rainer und Ludmilla Rainer gingen die Besitzungen an die gesetzlichen Erben über.

Übrigens: Wie die meisten Verkehrswege trug auch die Tuersgasse früher einen anderen Namen: Bis 1894 hatte sie Wiengasse geheißen, wohl weil sie schnurstracks zum Wienfluss hinunterlief. Für die neue Bezeichnung war der 1439 gestorbene Domprobst zu Wien, Wilhelm Tuers, der Namenspatron. Er erneuerte 1433 die St. Veiter Kirche und gab ihr durch Versetzen der Seitenwände ein wesentlich größeres Haupthaus. Davon berichtet noch heute die an der Außenwand angebrachte, rote Marmortafel.

hojos
im April 2006