Das diözesane Missionskolleg Redemptoris Mater im Schloss Ober St. Veit

Tag der offenen Tür am 16. Oktober 2016
16.10.2016

Das öffentlich wahrnehmbare Wirken der katholischen Kirche fußt in wesentlichen Elementen auf den Ergebnissen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962–65: Gottesdienste in Landessprache, Religionsfreiheit (mit der katholischen, apostolischen Kirche als einzig wahre Religion), Dialogbereitschaft und Aussöhnung mit anderen Religionen, verstärkte Berücksichtigung von Erkenntnissen der historischen Forschung, verstärkte Nutzung der Medien, Aufwertung der Laien und neue theologische Grundlagen für die Missionstätigkeit.

Auch die Seminare „Redemptoris Mater“ (Mutter des Erlösers) sind eine der Früchte dieses Konzils. Sie werden von allen Päpsten seit Paul VI. und im deutschsprachigen Raum vor allem von Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn gefördert. Ihre besondere Aufgabe ist es, Priester für missionarische Aufgaben in der ganzen Welt ausbilden. Damit ergänzen sie die traditionellen Priesterseminare, die in erster Linie für den Priesternachwuchs in den heimischen Pfarren zu sorgen haben. Eine weitere Besonderheit der Missionskollegien ist der Neokatechumenale Weg, dem alle Seminaristen folgen.

Beim Neokatechumenalen Weg, zu dem vor allem bereits getaufte Christen eingeladen werden, steht die persönliche Glaubenserfahrung innerhalb einer kleinen Gemeinschaft im Vordergrund. Diese Gemeinschaften sollen „wie die heilige Familie von Nazaret … in Demut, Einfachheit und Lob leben“. Ziel des Weges ist die Weitergabe dieser persönlichen Glaubenserfahrung durch Mission und die Realisierung einer evangelisierten und geistlich geprägten Welt schon im Diesseits. Begonnen wurde dieser Weg im Madrid des Jahres 1964, also noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils, von einem Laien, dem spanischen Künstler und Katholiken Kiko Argüello gemeinsam mit einer Frau, Carmen Hernandez, auch aus Spanien. Das Statut des Neokatechumenalen Weges wurde am 11. Mai 2008 vom Heiligen Stuhl kirchenrechtlich approbiert. In Wien gibt es dzt. rd. 30 Gemeinschaften in 6 Pfarren mit rd. 800 Gläubigen, die diesem Weg folgen. In Rom sind es rd. 500 Gemeinschaften.

Zu vernehmen sind allerdings auch kritischen Stimmen innerhalb der Kirche, z.B. wegen manchmal schwieriger Integration des Weges in die Pfarren oder wegen der Besonderheiten in der Liturgie. Demgegenüber steht eine Rede von Papst Franziskus vom 6. März 2015.

Das erste Priesterseminar „Redemptoris Mater“ wurde 1987 in Rom errichtet, mittlerweile gibt es weltweit mehr als 100, und eines davon befindet sich im Schloss Ober St. Veit. Dieses Ober St. Veiter Seminar öffnet sich immer wieder dem Publikum, am Sonntag, den 16. Oktober eben im Rahmen eines Tages der offenen Tür. Angesprochen wurden in erster Linie die Besucher der Sonntagsmessen in der Pfarrkirche. Der Zuspruch war lebhaft. Die Gäste wurden vom Rektor des Kollegs Dipl.-Ing. Dr. Giuseppe Rigosi empfangen und anschießend von den zahlreich anwesenden Seminaristen in kleinen Gruppen durch die Räumlichkeiten des Schlosses und durch den Schlosspark geführt. Dabei konnten die Seminaristen den Stand ihrer Deutschkenntnisse und ihre religiöse Begeisterung unter Beweis stellen.

Diözesanes Missionskolleg Redemptoris Mater im Schloss Ober St. Veit. Dipl.-Ing. Dr. Giuseppe Rigosi begrüßt die Gäste am Tag der offenen Tür am 16. Oktober 2016. © Archiv 1133.at

Giuseppe Rigosi zeichnet seit der Gründung des ersten Seminars in Österreich am 1. Oktober 1995 für diese Einrichtung verantwortlich. Er sieht sich als „Regens“, der die Lebens- und Ausbildungsgemeinschaft der Seminaristen bis zu deren Priesterweihe führt. Sein Lebenslauf ist eng mit diesen Priesterseminaren und mit dem Neokatechumenalen Weg verbunden.

Er wurde 1953 in Bologna geboren und katholisch erzogen. Er maturierte in Venedig und studierte Elektronik in Bologna. Zu dieser Zeit, als sein Glaube sehr schwach geworden war, traf er einen Priester aus Turin, der in Gemeinschaft mit einer Familie gekommen war, um Katechesen für Erwachsene abzuhalten. Dessen Unterweisungen und die Lebensweise der Gemeinschaft, zu denen sich Menschen unterschiedlichen Alters und Bildungsstandes zusammenfanden, um sich auf die Grundelemente des Glaubens zu konzentrieren, boten einen faszinierenden Kontrast zu dem egoistischen Leben, das Giuseppe Rigosi damals führte. 1973 begann er diesen „Weg“. Gleichzeitig schloss er das Studium ab und begann für die SIP, die spätere Telekom Italia, zu arbeiten.

Dann kam der Zeitpunkt, als er erkannte, dass die Liebe Gottes sogar einem ewig unzufriedenen und neidischen Egoisten wie ihm zuteil wird. Und er wusste: Dieses Geschenk und diese Erkenntnis sollte nicht nur ihm zugute kommen, sondern er musste sie weitergeben. Das gab Giuseppe Rigosi neuen Sinn, und er änderte sein Leben von Grund auf. Er ging nach Kalabrien um in einer Equipe von „Itineranten“, einem Team mit einem Priester, einer Frau und ihm selbst, als Laie zu leben.

Dann wurde er von Pfarren in Deutschland eingeladen: Zuerst 1982 in die katholische Kirche St. Ansgar „Kleiner Michel“ in Hamburg und 1984 mit einem Priester zur Katechese nach Dresden, Rostock, Ostberlin und andere Städte in der DDR. Das System in der DDR tolerierte das vermutlich aus zwei Gründen: Sie nannten die Schwächen der westlichen Welt, und sie wandten sich vorwiegend an Erwachsene. 1987 unterstütze er gemeinsam mit einem Priester die missionarische Tätigkeit einer Familie in Cuxhaven und Wilhelmshaven.

Noch im November des gleichen Jahres gründete Papst Johannes Paul II. in Rom das Seminar „Redemptoris Mater“ zu Ausbildung von Priestern für die Mission, in das Giuseppe Rigosi 1988 als einer der ersten Seminaristen eintrat. Studiert wurde an der Päpstlichen Universität Gregoriana am Piazza della Pilotta, das Seminargebäude lag am Rand der Stadt, den Neokatechumenalen Weg setzte er in einer Gemeinschaft in Rom fort. Seine Priesterweihe fand 1993 statt, es war die erste Weihe im Petersdom, die der Papst persönlich vornahm. Anschließend war er als Kaplan in einer Pfarre in Rom tätig.

Als Kardinal Schönborn 1995 nach einem Leiter des von ihm ins Leben gerufenen Priesterseminars in Wien suchte, fiel seine Wahl u.a. wegen der Deutschkenntnisse auf Giuseppe Rigosi. Kardinalvikar Ruini war damit einverstanden. Amtsantritt war der 1. Oktober 1995. Anfangs gab es noch kein eigenes Haus, die ersten Seminaristen lebten bei Familien oder in einer Pfarre. Die erste gemeinsame Bleibe war im Marianneum in Hetzendorf, dem Exerzitien- und Bildungshaus der Lazaristen. Als endgültiges Quartier wurde schließlich von der Familie Liechtenstein das leerstehende Jagdschloss in Sparbach zur Verfügung gestellt und vom Seminar gerne angenommen. Es waren eine niedrige Miete und die Betriebskosten zu bezahlen. Der erste Studienabschnitt der Seminaristen findet seit dem an der Philosphisch-Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz statt und der zweite an der Katholischen Fakultät der Universität Wien.

2011 brachte eine weitere Entwicklung für das Missionskolleg, denn am Weltjugendtag in Madrid konnten in sogenannten Berufungstreffen weitere Seminaristen geworben werden, von denen 20 in Wien studieren sollten. Dafür war Sparbach zu klein. Die erste Gruppe wurde noch in Sparbach untergebracht, ab 2013, mit der sukzessiven Absiedelung des geschlossenen Seminars für kirchliche Berufe, wurde das Erzbischöfliche Schloss in Ober St. Veit besiedelt. Ab 2013 ist es der alleinige Standort des Missionskollegs.

Heute leben hier 31 Seminaristen und drei Priester sowie zwei Ehepaare und zwei Frauen, die im Haus helfen. Die Seminaristen im Alter von 20 bis 36 Jahren kommen aus 16 Ländern, fünf davon aus Österreich. Der Vollbelag des Schlosses wäre bei rund 40 Seminaristen erreicht. Vor Beginn des Theologiestudiums in Heiligenkreuz müssen bei Bedarf Deutschkurse absolviert werden, um das Niveau B2 zu erreichen. Bis zur Priesterweihe dauert die Ausbildung rd. 8 Jahre, zwei bis drei Jahre der Ausbildung müssen in anderen Diözesen absolviert werden. Bisher wurden 30 Seminaristen zum Priester geweiht.

Die Seminaristen werden vom Rektorat mit allem Notwendigen versorgt und leben darüber hinaus in vollständiger Armut, auch ohne Handy und Internet. Nur in der Bibliothek stehen drei PCs mit Internetzugang zur Verfügung. Die gemeinsamen Messen werden am Wochentag in der eigenen Mehrzweckhalle oder in der Kapelle gefeiert, am Sonntag in den Pfarren, wo die Seminaristen ihren neokatechumenalen Weg gehen. Die Liturgie weist einige Besonderheiten auf, und viele der verwendeten Gegenstände stammen von Kiko Argüello.

Diözesanes Missionskolleg Redemptoris Mater im Schloss Ober St. Veit. Der einstige Festsaal des Seminars für kirchliche Berufe wurde zum Mehrzwecksaal des Missionskollegs umgestaltet. Dominierend ist der Altar mit den Ikonenmalereien des Künstlerkreises um Kiko Argüello und dem Tisch in der Mitte. Einen Tabernakel gibt es nur in der Kapelle. Diese und die Galerie im zweiten Stock wurden ähnlich ausgestattet. Fotografiert am Tag der offenen Tür am 16. Oktober 2016 © Archiv 1133.at

Das Gebäude wird vom Erzbischöflichen Rentamt, das auch beim Instandhaltungsaufwand hilft, zur Verfügung gestellt. Die laufenden Betriebskosten trägt vorwiegend die Erzdiözese Wien, die Kosten des täglichen Lebens werden mit Spenden gedeckt.

Das Seminar ist offen für Begegnungen wie eben an diesem Tag der offenen Tür. Im Sommer wurden im Rahmen des Weltjugendtages rd. 4000 Jugendliche begrüßt. Auch Führungen durch das Schloss wie etwa im Rahmen der Hietzinger Festwochen finden statt. Eine laufende Vermietung zum Beispiel der bekannten Bergl-Zimmer zu Veranstaltungszwecken würde aber den Ablauf in der Gemeinschaft stören und wird nicht angestrebt.

hojos
20. Oktober 2016

Spanisch Sprachschule