Tod

Leider gibt es keine ausreichenden Aufzeichnungen zu den Familienbräuchen unseres Dorfes St. Veit an der Wien. Einen Ersatz bietet das 1888 geschaffene „Kronprinzenwerk” für Niederösterreich, in dem dieses Brauchtum festgehalten ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diese Darstellung auch auf das vor wenigen Generationen noch bäuerliche Ober St. Veit zutreffend.
1888

Geburt, Hochzeit und Tod. An diese drei wichtigsten Familienereignisse knüpft sich eine entsprechende Zahl eigentümlicher, oft uralter Bräuche und Meinungen, welche den Charakter unsres Volkes treu wiederspiegeln. Während die Jahresbräuche das selbe vielfach im öffentlichen, namentlich aber im wirtschaftlichen Leben uns vorgeführt haben, treten wir nun eigentlich in die Familie ein und lernen ihre Freuden und Leiden näher kennen. Im Folgenden der den Tod betreffende Teil.

Ist ein Hausgenosse gestorben, so drückt man ihm die Augen zu, und damit sie geschlossen bleiben, legt man nasse Läppchen oder schwere Kupfermünzen darauf, welche nach dem Gebrauche verschenkt werden. Oft auch wird das Kinn mit einem Tuche „aufgebunden“, damit der Mund nicht offen stehe. Gewöhnlich öffnet man sogleich nach eingetretenem Tode die Fenster des Sterbezimmers, damit, wie man hier und dort kindlich meint, die Seele „ausfahren“ könne; auch werden die Uhren im Zimmer zum Stehen gebracht, denn um den Toten muss Stille herrschen und sollen die stehenden Zeiger ein Bild der abgelaufenen Lebensuhr sein. In bürgerlichen Familien verhängt man sofort den Spiegel, weil er sonst erblinden würde.

Der Tote wird, nachdem man ihn drei Stunden im Bette hat liegen lassen, gewaschen und mit sauberen Kleidern, an manchen Orten sogar mit dem Hochzeitsgewande angetan. Dieses Geschäft besorgen zuweilen bestimmte Personen, wofür sie das Betttuch des Verstorbenen und einige von seinen Kleidungsstücken (von einem Manne z. B. Hemd, Hose und Rock) bekommen. Das Bettstroh wird auf dem nächsten Felde oder auf offenem Wege verbrannt. Dabei knien die Hausleute und Nachbarn um das Feuer herum und beten für den Dahingeschiedenen. An einigen Orten glaubt man, dass der Rauch die Seele zum Himmel trage. (V. O. W. W., im Gebirge.) Die Leiche wird auf den „Laden“ gelegt, der auf zwei Holzschragen ruht, oder auf eine Bank ohne Lehne, und zwar bahrt man gewöhnlich den Toten nicht mitten im Zimmer, sondern längs der Wand auf. Ihm zu Häupten stellt man ein Crucifix, ein Öllicht und ein Gefäß mit Weihwasser samt einem Ähren- oder Buchsbüschel zum Besprengen des Leichnams. Dieser liegt da mit gefalteten Händen, welche eine „Bet'n“ (ein Rosenkranz) ziert und zugleich zusammenhält, die Brust ist mit Heiligenbildchen bedeckt, welche Erwachsene wie Kinder in frommer Liebe spenden, wenn sie den Toten „anschau'n“ gehen. Die Leichen von Jungfrauen sind gewöhnlich weiß gekleidet, das Haupt ist mit einem Kranze von weißen Rosen, oft aber mit einer hohen Blumenkrone geziert. Der Sterbetag ist ja der Jungfrau „Ehrentag“ (Hochzeitstag).

In den Nächten, während welchen der Tote im Hause liegt, findet das „Leichhüten“ oder „Nachtwachen“ statt. Es wird meist angesichts des Toten abwechselnd gebetet und gesungen. Ist der erste längere Teil der „Andacht“ vorüber, so werden die Gäste mit Most, Branntwein (in Weingegenden mit Wein), Nüssen und Dörrobst nebst Hausbrot bewirtet. Auch harmlose Spiele erlaubt man sich zuweilen. Nach der „Jause“ wird wieder gebetet und gesungen. Das Wachen dauert meistens bis über Mitternacht hinaus. Am Morgen versammeln sich im Trauerhause die durch den „Leichenbitter“, „Leichen“- oder „Conductansager“ geladenen „Freunde“, Nachbarn und Göden des Toten. Sie werden mit einem Frühstück bewirtet, welches in manchen Gegenden (z. B. im Ötschergebiete) einer kleinen Mahlzeit gleichkommt. Nach demselben werden fünf Vaterunser für den Verstorbenen gebetet, worauf die Träger den Leichnam im offenen Sarge in das Vorhaus tragen. Nun folgt die fast in ganz Niederösterreich in gleicher Weise übliche, echt volkstümliche und tief ergreifende Zeremonie des „Abbittens“ oder „Urlaubnehmens“ des Toten. Der „Vorbeter“ oder aber der „Bauerntischler“ (gewöhnlich ein Zimmermann), welcher den Sarg anfertigt, stellt sich neben denselben hin und hält im Namen des Toten, wenn dieser z. B. der Familienvater ist, folgende Ansprache:

„Gelobt sei Jesus Christus! Hiazt pfiat („Pfiaten“ ist entstanden aus „b'hüaten“ d.i. behüten) eng alle Gott bei'nander; muaß eng heunt verlass'n. Bin oft in d' Kirch'n nach N. ganga und wieder hoam kemma, aber heunt kimm i neamer z'ruck. So pfiat di Gott, mein liabs Wei'! I dank' da für alle Liab und für all's Guate, was d' ma in unserm Eh'stand erwiesen hast, und für alle Geduld, döst (die du) mit mir g'hat hast. Verzeih' ma, wann i di kränkt han. Kinder, pfiat eng aa Gott! Tuats der Muader schön folg'n, vergeßts auf unsern Hergott nit und werds brave Leut'. Nachbarn, Göd'n und Freund'! Tua eng aa tausendmal pfiat'n und bitt' eng um Gottswillen schön, tats ma nix verübeln und verzeihts ma, wann i eng beleidigt han. Weib, Kinder und ös alle meine guat'n, liab'n Freund', tuats auf mi nit ganz vergess'n, tuats für mi bet'n, bis ma uns im Himmel wieder seh'n.“

Nun geht die Gattin hin, besprengt den Toten mit Weihwasser, macht das Kreuz über ihn, berührt seine Hand und spricht: „So pfiat di Gott, mein liaber Mann, bis ma wieder z'samm kemman!“ Dann treten einzeln die Kinder heran und beurlauben sich in ähnlicher Weise, wobei sie sagen: „Pfiat 'n Vadern“ und etwa hinzufügen: „Dank' 'm Vadern für alles Guate!“ Und ebenso „Pfiat 'n sich“ auch die Nachbarn und Freunde, und mancher setzt mit brechender Stimme bei: „Han di gern g'hat, Nachbar!“ — Am Wechsel nennt man diese Zeremonie das „Leichabdanken“. Statt in der ersten Person spricht der Redner oft auch in der dritten. In manchen Gegenden hält der Vorbeter eine Ansprache erst am Grabe. Am Schlusse des Urlaubnehmens wird im V. O. W. W. ausdrücklich gesagt, dass der Tote „allen Freunden auch etwas hinterlassen hat auf (für) eine „Zehrung“ (Totenmahl), welche beim N-Wirte sein wird“.
Das Urlaubnehmen des Todten, von Alois Greil
Ist nun der Sarg geschlossen und vernagelt, so nehmen ihn die Träger in Empfang und schwenken ihn über der Türschwelle, diese leicht berührend, dreimal in Kreuzesform und sprechen dabei jedesmal: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Alle antworten: „In Ewigkeit, Amen.“ Es ist eine viel verbreitete Meinung, das der Tote mit den Füßen voran müsse aus dem Hause getragen werden, denn schaut er zurück, so stirbt bald jemand aus der Hausgenossenschaft „nach“.

Ist das Sterbehaus weit von der Kirche entfernt, so wird der Leichnam auf einem gewöhnlich von Ochsen gezogenen Wagen zur Kirche „geführt“. Der Kutscher darf sich aber nicht „umschauen“, denn damit würde er dem Toten einen Kameraden suchen. Ein Nachbar fährt die Leiche zur Kirche; um Zalapulka (V. O. M. B.) graben zwei Nachbarn auch das Grab. In manchen Gegenden, wie im Gölsen- und Ybbstal (V. O. W. W.) gilt es als höchst anstößig, einen Toten zu Wagen zur Kirche zu bringen. Man trägt lieber den Sarg auf Stangen weite Strecken Weges. An einigen Orten im V. O. M. B. (z. B. in Dorfstetten) ist es Sitte, dass, wenn ein Bauer stirbt, jeder Nachbar, über dessen „Grund“ der Leichenzug geht, am Feldraine vor die Bahre hintritt und der Vorbeter ihn im Namen des Toten um Verzeihung bittet, falls sie sich etwa nicht gut vertragen und namentlich Grenzstreitigkeiten miteinander gehabt hätten. Die Leiche eines Verheirateten wird von Männern, jene eines Ledigen von Jünglingen, die Mädchenleiche von Mädchen zu Grabe getragen; der letztere Brauch ist nur in den oberen Teilen des V. O. W. W. ganz unbekannt. Hier trägt auch die Kindsleiche, gleichviel ob männlich oder weiblich, ein Bursche oder ein Schulknabe auf den Armen, wobei ihm ein Tragband die Last erleichtert. An vielen Orten wird dem Sarge in einer Laterne das an der Leichenlampe angezündete „Toten-Wachslicht“ vorgetragen.
Leichenbegängnis, von Alois Greil
Das Totenmahl besteht entweder nur aus Brot, mit Salz (auch Kümmel) bestreut, und Wein, daher auch „Totentrunk“ (V.O.M.B.), „Leichentrunk“ (am Wechsel) genannt, oder es kommt einer eigentlichen reichlicheren Mahlzeit gleich und heißt „Totenzehrung“ oder „Leichenschmaus“. Nach demselben (im Ybbstal sogar einmal während desselben) wirb für den Verstorbenen gebetet.
Das Landvolk charakterisiert sich in seinen Leichengebräuchen den Städtern gegenüber auffällig dadurch, dass es alles Gepränge meidet und dafür möglichst viel der Seele des Dahingeschiedenen zugute kommen lässt. Darum wird z. B. kein Luxus mit Kränzen oder in Ausstattung der Grabmonumente getrieben; das einfache Holzkreuz genügt noch fast überall. Nur mit dem zuvor erwähnten Leichenschmause macht das Volk hier eine Ausnahme. (Man erkennt darin einen Überrest der altheidnischen festlichen Totengebräuche.) In seinem Schmerze zeigt unser Volk eine oft staunenswerte Fassung, ja einen wahren Heroismus. Da steht eine Bauernmutter mit einer Schar unmündiger Kinder am Sarge ihres Mannes. Sie weint still, ihre ganze Haltung verrät eine gewisse Seelengröße und Hoheit im Leiden, die ihren Stützpunkt in wahrem Gottvertrauen haben. Auffälliges Benehmen in Äußerung des Schmerzes gilt als unschicklich und wird, wenn auch augenblicklich nicht getadelt, doch nachher „beredet“.

Zahlreich sind die Meinungen, welche sich an den Tod, an die armen Seelen, an das Erscheinen von Toten u. s. w. knüpfen. Ein Verwandter oder guter Freund „meldet“ sich nicht selten im Augenblicke des Todes „an“ („Anmeldung“, „Anmahnung“). Da geht z. B. plötzlich die Stubenthür auf und Niemand überschreitet die Schwelle; man hört klopfen („pemperln“, „tammerln“); Gegenstände fallen ohne begreifliche Ursache von der Wand; eine klagende Stimme tönt durch das ganze Haus; man vernimmt in einem Gemache deutlich Schritte, und doch ist Niemand zu entdecken; beim Totengräber wirft es Nachts Bretter und Grabwerkzeuge polternd durcheinander; eine schwarze Gestalt huscht um das Haus und dergleichen mehr. Verstorbenen soll man nicht allzu heftig und lange „nachweinen“. „Geht dem Toten etwas ab“ oder hat er fremdes Gut im Leben nicht zurück¬gestellt, so hat er nach dem Tode keine Ruhe, er muss „umgehen“. In der Nacht erscheint er einem Verwandten oder guten Freunde und sagt, was ihm fehle, bezeichnet auch den Ort, wo das ungerechte Gut zu finden sei. Betet man für ihn und tut man das Geheißene, so erscheint der Tote zuweilen wiederholt, aber immer „weißer“ und zuletzt flattert die Seele auch wohl als weiße Taube zum Himmel auf, nachdem sie sich für die Erlösung „bedankt“ hat. Die Nacht gehört den Geistern. Sie gehen besonders vom Ave Maria-Läuten des Abends bis zum nämlichen Glockenzeichen des Morgens herum. In vielen Gegenden meint man, die Geister können einem nur bis unter die Dachtraufen folgen, wenn sie auf „freier Weit“ draußen sich genaht und etwa unsichtbar auf einen Wagen gesetzt haben. Wenn ein Messer mit der Schneide nach aufwärts liegt, so muss eine arme Seele darauf „reiten“; eine solche leidet auch, wenn man Türen und „Gatter“ stark zuschlägt. So lange um die Hinterlassenschaft eines Verstorbenen gestritten wird, kann dieser nicht Ruhe finden. Wenn das Feuer singt, liegt eine arme Seele in der Pein: man streut etwas Salz in die Flamme oder wirft Brotkrümchen hinein. Verschüttet man beim Weintrinken einige Tropfen, so sagt man: „Das gehört für die armen Seelen.“ Manche andere hierher gehörige Meinungen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden.

In der bei jeder Gelegenheit sich kundgebenden Teilnahme an dem Schicksale der dahingeschiedenen Verwandten und Freunde, wie der Mitmenschen überhaupt, prägt sich ein Zug edler, liebevoller Pietät im Leben unseres Volkes aus. Man redet fast niemals von einem Verstorbenen, ohne beizufügen: „Gott tröst' ihn!“ „Gott lass ihn selig ruh'n!“ „Gott hab' ihn selig!“ — Träumt man von einem Toten, so betet man für ihn. Zahllos sind die Gebete und Opfer, welche für die Seelen der Verstorbenen dargebracht werden, und manche fromme, wohltätige Stiftung, manch altehrwürdiges Denkmal dankt auch in unserem Vaterlande seinen Ursprung dem pietätvollen Andenken an teure Verstorbene.
Friedhof, von Karl Kager

Quellen:
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild

hojos
23. März 2009

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