222. Geburtstag Charles Sealsfield

04.03.2015

Die in Hietzing beheimatete Internationale Charles-Sealsfield-Gesellschaft lud am 4. März 2015 zu einer bemerkenswerten Veranstaltung in den großen Festsaal des hiesigen Amtshauses: Sie gedachte des 222. Geburtstages von Charles Sealsfield, mit eigentlichem Namen Karl Postl aus Poppitz in Südmähren.

Frau Dr. Helga Löber, die Präsidentin der Charles-Sealsfield-Gesellschaft, sprach die einleitenden Worte, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wynfrid Kriegleder vom Institut für Germanistik an der Universität Wien porträtierte den Schriftsteller und Dr. Roland Girtler verglich sein eigenes Wanderleben mit jenem Karl Postls. Die bisher geltende Besonderheit, dass von Karl Postl nur eine einzige Fotografie existiert, wurde als Sensation des Abends von dem aus der Schweiz angereisten Otto Egloff falsifiziert. Die an die Vorträge anschließende Diskussion, an der sich mehrere Sealsfield-Experten aus dem zahlreich gekommenen Publikum beteiligten, zeigte bald die Grenzen des gesicherten Wissens über diesen geheimnisvollen und zu seiner Zeit vielgelesenen Schriftsteller auf. Ein weites Feld für gegenwärtige und zukünftige Literaturforscher! Alles über den Hietzing-Bezug Charles Sealsfields und noch viel mehr erfahren Sie in dem Bericht "Vom Herzog von Braunschweig zu Charles Sealsfield".

Hauptnutzen für den unkundigen Besucher war die von Dr. Kriegleder kurzweilig vorgetragene Biografie Sealsfields, die in der Folge – teilweise gekürzt – wiedergegeben ist:

Gestern haben wir seinen 222.Geburtstag gefeiert, das ist der Anlass für das heutige Treffen. Ich fange nicht mit seinem Geburtstag an, sondern vor 192 Jahren. 1823, acht Jahre nach dem Wiener Kongress, gibt es einen großen Skandal in Prag. Der 30-jährige Karl Postl, ein relativ hochrangiger katholischer Geistlicher im Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern ist illegal aus seinem Kloster verschwunden und man weiß nicht, wo er ist. Auch die Polizei wird hinzugezogen. Wir können heute im Nachhinein rekonstruieren, dass er höchstwahrscheinlich zuerst nach Wien reist, vielleicht ist ihm dort ein Posten versprochen worden. Wir wissen, dass er kurze Zeit danach in Stuttgart ist, und wir wissen, dass er sich etwas mehr als ein Jahr später, Ende 1824, in den Vereinigten Staaten von Amerika befindet. Wir wissen nicht, ob er schon bei der Flucht aus Prag vorhatte, nach Amerika zu gehen. In Pennsylvania in einem kleinen Ort namens Kittanning, man könnte sagen an der Grenze der Zivilisation, lebt er jetzt unter verschiedenen Namen (z.B. als Zeilfels) als protestantischer Geistlicher. Geistlicher zu sein hat er ja gelernt, zuerst war er katholisch, jetzt ist er protestantisch. Er ist vazierender Geistlicher, der die einzelnen Orte in ziemlicher Wildnis abklappert. Anderseits wissen wir von einem gleichzeitigen Aufenthalt in Philadelphia, wo er als Mister Sidons lebt, hier ist er so etwas wie ein Gelehrter. Es geht im offenbar nicht sehr gut. Er versucht, als amerikanischer Korrespondent für deutsche Zeitschriften zu arbeiten, doch das wird nicht so recht angenommen. Nach drei Jahren in den USA hat er die Nase voll und reist 1826 zurück nach Europa. Es geschieht unter nicht ganz geklärten Umständen, wahrscheinlich unterschlägt er Geld, das er offenbar zum Bau einer Kirche gesammelt hatte.

Er reist nicht in die Habsburger-Monarchie, er reist nach London, und er geht nach Frankfurt. In Frankfurt schreibt er einen Brief an Metternich, der sich gerade in dieser Stadt aufhält. Er sagt, er sei Amerikaner und lebe in London, habe Zugang zu den höchsten Regierungskreisen in London und möchte für den österreichischen Geheimdienst als Spion arbeiten. Aus verschiedenen Gründen kommt das nicht zustande. Ein Jahr später schreibt er anonym in London ein Buch – es ist eines seiner ersten Bücher – „Austria as it is“ – „Österreich, wie es ist“, eine scharfe Abrechnung mit dem System Metternich, ein scharfes statirisches Buch über Österreich, Kaiser Franz und Metternich. Die österreichische Polizei rätselt natürlich über den Verfasser, bekommt das aber nichts heraus. Außerdem veröffentlicht er ein Buch über die Vereinigten Staaten von Amerika. 1828, nachdem er etwa eineinhalb Jahre in London versucht hat, in den Literatur- und Journalistenbetrieb hineinzukommen – ganz gelingt es ihm offenbar nicht – reist er ein zweites Mal in die USA. Diesmal scheint es ein bisschen besser gelaufen zu sein. Er kann nun Korrespondentenberichte schreiben, er bekommt einen Job als Journalist, und zwar in einer französischsprachigen Zeitung, die einem Joseph Bonaparte gehört. Da wird es politisch spannend, denn Joseph ist der Bruder von Napoleon Bonaparte, der ein paar Jahre vorher gestorben ist. Joseph ist praktisch der Chef des Hauses Bonaparte und der Bonapartistischen Partei mit den politischen Interessen, dass in Frankreich wieder die Bonapartes an die Macht kommen. Neben der Arbeit für eine Zeitung des Joseph Bonaparte veröffentlicht er seinen ersten Roman, und zwar in englischer Sprache. Dieser Roman „Tokeah or the White Rose“ ist schon ähnlich dem „Letzten Mohikaner“ von James Fenimore Cooper. Coopers Roman ist drei bis vier Jahre vorher herausgekommen, also ganz aktuell, und da springt Sealsfield auf. Der Roman ist nicht schlecht, aber kein Sensationserfolg.

Nach drei Jahren dieses zweiten Amerikaaufenthaltes kehrt er wieder zurück, es ist das Jahr 1831. Er hat behauptet, im Auftrag des Joseph Bonaparte zurückgekehrt zu sein, quasi als dessen Agent. Das kann stimmen, kann auch nicht stimmen; wir haben mit Sealsfield immer das Problem, dass wir nicht wissen, was wir glauben können. Zurück in Europa beginnt er jetzt in der Tat mit einer erfolgreichen literarischen Karriere. Jetzt schreibt er anonym Romane in deutscher Sprache über die Vereinigten Staaten von Amerika und über Mexiko. Der erste Roman ist eine Übersetzung bzw. Überarbeitung seines eigenen englischen Romans, und dann schreibt er neue Romane. Damit wird er einigermaßen bekannt, viel gelesen und diskutiert obwohl niemand über seine Identität Bescheid weiß.

Es gibt eine kuriose Episode 1836/37, da fährt er ganz kurz wieder in die USA, nur ein paar Monate, und es ist ein großes Rätsel, was dafür die Gründe waren. Ein Grund war offensichtlich, dass Karl Postl, der sich mittlerweile Charles Sealsfield nennt, keinen Pass hat. Er ist staatenlos und hat keine legitimen Papiere, die ihn als Bürger eines Staates ausweisen. Er hat ein merkwürdiges Papier, das ihm bei einem Aufenthalt in Europa die Hilfe amerikanischer Konsuln zusichert. Das ist natürlich keine stabile Hilfe, und er scheint auch Angst gehabt zu haben, dass dieses Papier nicht mehr gültig ist. Wir wissen, dass er sich 1837 ein zweites solches Papier ausstellen ließ. Eine kuriose Episode während dieses kurzen Aufenthaltes ist ein Brief an den amerikanischen Verteidigungsminister. Darin schreibt er, er sei ein berühmter Schriftsteller, der in ganz Europa, in den führenden Häusern in Berlin und Wien, aus- und eingeht – was natürlich eine blanke Lüge ist – und er sei bereit, für den amerikanischen Geheimdienst als Spion zu arbeiten. Es ist nicht bekannt, ob das angenommen wurde.

1836/37 kehrt er wieder zurück, in die Schweiz. Er hat sich noch nirgends niedergelassen und lebt an verschiedenen Orten und ist immer noch ein durchaus bekannter Schriftsteller. Interessanter Weise hört er Mitte der 1840er-Jahre auf, Romane zu veröffentlichen. Er hat inzwischen den Namen Charles Sealsfield als Verfasser seiner Romane bekanntgegeben. Das war notwendig, weil er seine Romane in einer Gesamtausgabe beim Metzler-Verlag in Stuttgart herausgebracht hat, und nach dem damaligen Gesetz ist diese Ausgabe vor Nachdruck geschützt, wenn sie mit Namen versehen ist. Jetzt ist ein Name mit dem Autor verbunden, aber niemand weiß, wer dieser Sealsfield ist, alle nehmen an, es ist ein Amerikaner. Es wird sogar in den USA bekannt: Es gibt einen Autor, der schreibt zwar auf Deutsch, ist aber offenbar Amerikaner und heißt Sealsfield. Die Frage „wer ist das?“ geht kurz durch den amerikanischen Blätterwald. Es schaltet sich Edgar Allen Poe ein, es schalten sich andere ein, bekannte amerikanische Schriftsteller. Die Bücher werden zum Teil in Amerika ins Englische übersetzt, er ist also auch dort ein paar Jahre auf dem Markt. Aber merkwürdiger Weise hört er Ende 1840 Anfang 1850 auf zu schreiben. Er veröffentlicht nichts mehr. Wir haben keine eindeutige Erklärung dafür. Nun unternimmt er seine vierte, seine letzte Amerikareise Mitte der 1850er-Jahre. Dieses Mal bleibt er sehr lange drüben, nämlich fünf Jahre. Vermutlich kümmert er sich um seine Aktien. Er spekuliert seit längerer Zeit offenbar relativ erfolgreich an der Börse. Bei seinem Tod hat er ein Vermögen, das er nicht mit den Büchern verdient haben kann, und es besteht überwiegend aus amerikanischen Wertpapieren. Es gibt aber einen vermutlichen zweiten noch wichtigeren Grund: Er ist nach wie vor staatenlos und will endlich amerikanischer Staatsbürger werden. Amerikanischer Staatsbürger wird er, wenn er fünf Jahre dort bleibt. Wenn er dann diesen Oath of Allegiance schwört, bekommt er die Staatsbürgerschaft. Tatsächlich bekommt er die Staatsbürgerschaft und bleibt nicht einen Tag länger.

Er fährt wieder zurück nach Europa, wieder in die Schweiz. Er kauft in Solothurn ein schönes größeres Haus, lässt sich dort nieder und schreibt nichts mehr. Er ist als Schriftsteller mehr oder weniger vergessen. Für die Solothurner ist klar, dass er Amerikaner ist. Er sagt auch, er sei als Kind mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert. Das ist auch die Erklärung dafür, dass er Deutsch spricht und die Wurzeln in Deutschland habe. Er stirbt 1864. Seine einzige Forderung ist die Grabinschrift, so wie sie bis heute zu sehen ist: Charles Sealsfield, Bürger der Vereinigten Staaten.

Nach drei Wochen wird sein Testament geöffnet, und dieses sorgt für eine Riesenüberraschung: Sein gesamtes Vermögen vermacht er den Nachfahren des Anton Postl aus Poppitz bei Znaim. Was hat dieser Amerikaner mit einem Postl aus Poppitz bei Znaim zu tun? Man telegrafiert nach Poppitz, und es reist jemand an. Erst jetzt stellt sich heraus, ja, das muss der verschollene Bruder des Anreisenden sein, das muss der Karl Postl sein, der als Sealsfield hier seit Jahren gelebt hat und der seit 40 Jahren für die Familie verschollen ist. Er hatte sich nie bei der Familie gemeldet. Wir haben bis heute keine Beweise, dass der verstorbene Sealsfield Karl Postl war, es gibt keine Dokumente, die das beweisen können. Es ist logisch, dass er die Dokumente vernichtet hat, nach österreichischem Recht war er ja noch Mitglied des Kreuzherrenordens und der Orden hätte sein Vermögen bekommen. Das war aber nicht zu beweisen, und das Vermögen ging in der Tat an die Familie Postl.

Eine Nachfahrin ist unsere Präsidentin Helga Löber. Jetzt ist der vergessene Autor, an den man sich 20 Jahre nicht erinnert hatte, wieder in aller Munde, es gibt eine riesige Forschung, die jetzt beginnt, und alles, was ich ihnen erzählt habe, ist erst nach seinem Tod rekonstruiert worden. Die biografische Forschung hält eigentlich immer noch an. Wir haben bisher offiziell ein einziges Foto. Knapp vor seinem Tod hat er eingewilligt, dass er fotografiert wird. Es ist das eine Foto, wenn Sie Sealsfield Googlen, das Sie überall sehen und das auch auf der Einladung zu dieser Veranstaltung drauf ist. Am Ende dieser Veranstaltung wird eine kleine Sensation enthüllt: Vor kurzer Zeit ist ein zweites Foto aufgetaucht!

Neueröffnung des Charles-Sealsfield-Geburtshauses. Am 28. Juni 2013 ist das unter der Schirmherrschaft der Österreichisch-Tschechischen Gesellschaft wunderbar renovierte Geburtshaus von Charles Sealsfield in Poppitz / Popice, einem Dorf auf halbem Weg zwischen Retz und Znaim, feierlich eröffnet worden. Anwesend waren u.a. Dr. Helga Löber, die Präsidentin der Internationalen Charles-Sealsfield-Gesellschaft (1. Dame von links) und der Präsident der Österreichisch-Tschechischen Gesellschaft, der Wiener Bürgermeister Dr. Michael Häupl (ganz rechts). © Charles-Sealsfield-Gesellschaft

hojos
im April 2015

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