Josef Holzapfel
Der Maler und Bildhauer Eduard Diem
Leben und Werk
homedia Verlag
Erstellt aus Unterlagen, Niederschriften und Erzählungen von Eduard Diem.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung ohne Zustimmung des Verlages und des Autors ist unzulässig.
Internetversion März 2023
Medieninhaber: homedia Verlag Josef Holzapfel, 1130 Wien
Copyright © Josef Holzapfel, 1130 Wien
Gestaltung: Josef Holzapfel, 1130 Wien
Lektorat: Mag. Christine Willerstorfer, 1130 Wien
Bestellungen dieses Buches als Druckversion unter hojos@1133.at
Internet: www.diem.or.at und www.1133.at/homedia
ISBN: 978-3-9519709-0-5
Inhalt
Die „Knackwurstkapelle“ von Haugsdorf 22
Die Sahara als künstlerische Inspiration 94
Verflogene Jahrzehnte: ein kleines Familienalbum 114
Träume, Gedächtnis und Futterhäuschen 134
Eduards künstlerische Anfänge 142
Der Aufbruch in die Moderne 150
Öffentliche Starthilfen und neue Galerien 168
Die Etablierung als Künstler 180
Der Mödlinger Künstlerbund 190
Eduard Diem in Publikationen 210
Die erste Broschüre über Eduard Diem 222
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Eduard Diem – Leben und Werk
Collagen und andere Techniken 274
Organisation von Ausstellungen 286
Begegnungen mit Künstlerkollegen 322
Eduard Diems aktuelle Malweise 338
Die Einladung nach Washington 344
Der Katzenberger Quatember 350
Der Wiener Festwochenpreis für Plastik 352
Österreichisch-portugiesischer Kulturaustausch 356
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Eduard Diem – Leben und Werk
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„Es ist schwer, wenn nicht überhaupt unmöglich,
einer Generation, die in anderen wirtschaftlichen
und sozialen Verhältnissen aufgewachsen ist,
die eigene Vergangenheit zu vermitteln.“
„Es sind oft kleine, scheinbar belanglose Dinge,
die den Menschen mitprägen.“
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Eduard Diem – Leben und Werk
Dieses Buch erzählt von einem Familienmenschen und Künstler, aber auch von einem Menschen mit spezieller Prägung: Er ist nicht verwendbar. Nicht verwendbar für Vereinnahmungen aller Art. Er heißt Eduard Diem. Eduard. Edi. Er ist jetzt über 90 Jahre alt und ein Zeitzeuge, dessen Erinnerung bis vor den letzten großen Krieg zurückreicht. Gemeinsam mit seinem Freund und Kunstexperten Prof. Gerhard Habarta, der über beste internationale Kontakte verfügt, hat er Ausstellungen zu Pablo Picasso, Salvador Dalí und Henry Moore zu deren Lebzeiten mitveranstaltet. Er lebt im Zentrum der hiesigen künstlerischen Verhältnisse, seit es diesen langen Frieden gibt.
Er hat mir seine Geschichte erzählt. Natürlich erzählte er sie in der ersten Person. Dieses Buch ist eine Nacherzählung dieser Geschichte in der dritten Person. Es war daher meine Aufgabe, sein „Ich“ durch seinen Namen oder ein entsprechendes Pronomen zu ersetzen. Eduard hat es mir gestattet, durchwegs seinen Vornamen zu verwenden. Doch mit Eduard alleine ist es nicht getan. Für ein Kind wird gerne eine verniedlichende Form des Vornamens verwendet, das wäre für Eduard ganz eindeutig „Edi“. Allerdings wäre das nicht korrekt, denn in seiner Kindheit wurde er kaum Edi genannt. Im Weinviertel pflegte man einen Eduard als „Edl“ zu rufen, mit einem leichten Mei„dl“inger Ausklang. Edi wurde er erst später genannt, vor allem innerhalb der Familie und von guten Freunden. Natürlich hatte er auch Spitznamen. Der jüdische Greißler Seidel in Jetzelsdorf, zum Beispiel, nannte ihn „der Weiße“, in Anlehnung an seine damals weißblonden Haare. „Komm‘ her, Weißer!“ waren die üblichen drei Worte, wenn Eduard an ihm vorbeiging. Herr Seidel griff in die Tasche und hervor kam zumindest ein Stollwerk. Dieser Spitzname erfuhr eine gewisse Verbreitung, blieb aber zeitlich beschränkt.
Den realen Verhältnissen nicht ganz entsprechend haben wir uns auf folgende Namensnennungen geeinigt: Für die frühen Jahre auf „Edi“ und für die späteren Jahre auf „Eduard“. Oft ist auch der volle Name Eduard Diem angebracht. Das frühe „Edi“ erleichtert die Unterscheidung zum Vater und zum Großvater: Auch sie hießen Eduard. Es gibt also einen Eduard I., Eduard II. und Eduard III. (= Edi). Einen Eduard IV. gibt es nicht mehr. Die rebellischen Nachkriegsgenerationen verweigerten sich dieser Tradition.
Die Struktur dieser Biografie wird von dem Versuch geprägt, die wesentlichen Determinanten in Eduard Diems Leben gesondert herauszuarbeiten. Das sind die Familie („Vom Frühling zum Herbst“), die Entwicklung als Künstler („Vom Amateur zum
Eine kurze Vorbemerkung
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Künstler“), die Wahrnehmbarkeit in der Außenwelt („Von Kopenhagen bis Washington“) und die Beschreibung des Lebenswerkes („Das Werk“).
Privates und berufliches Leben sind jedoch eng miteinander verbunden und daher sind Überschneidungen in den einzelnen Kapiteln fast unvermeidbar. Ich entschuldige mich daher vorweg für etliche Wiederholungen in dieser Biografie, weise aber darauf hin, dass diese Wiederholungen oft denselben Tatbestand aus einer anderen Perspektive zeigen. Das kann zu einer besonderen Tiefenschärfe führen, vielleicht aber auch zu Widersprüchen im Leben eines Menschen.
Aufgelockert wird der Text durch zahlreiche Abbildungen von Eduard Diems Werken. Das zeigt schon außerhalb des zugehörigen Werkverzeichnisses das Spektrum seiner Arbeit. Meistens – aber nicht immer – stehen sie in einem thematischen oder zeitlichen Zusammenhang zum angrenzenden Text.
Zwei Figuren. Holz patiniert, 2004, Höhe 124cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Kunst als Arbeit
Es war im Jahr 1981, als Carl M. Sukopp, Ludwig Gris und Eduard im Garten des Bildhauers und Restaurators Gerhard Laber ein Symposium veranstalteten. Sukopp bearbeitete einen Marmor, Gris konstruierte eine Metallplastik, Laber beschäftigte sich mit einer beweglichen Plastik aus Polyester und Eduard bearbeitete ein Lindabrunner Konglomerat.
Es war der im Jahr 2011 verstorbene Kulturmensch Dieter Schrage, damals Leiter des modernen Museums im Palais Liechtenstein, der das Liesinger Garten-Symposium mit einem Vorwort bedachte. Es enthält genau die Worte, die mir im Zusammenhang mit moderner Kunst angebracht erscheinen. Deshalb sollen sie dieser Arbeit vorangestellt werden. Der schriftliche Abdruck des Vorwortes, der während der Veranstaltung verteilt wurde, ist nebenan abgebildet.
Dieter Schrage war ursprünglich ein deutscher Keramiker mit einer eigenen Werkstatt in der Blutgasse. Später wurde dort die Galerie eingerichtet, in der ihn Eduard Diem kennen lernte. Dieter Schrage war von 1968 bis 1979 Kulturreferent des Kunstfonds der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien. Damit hatte er Einfluss auf die Förderungen des Fonds und auf dessen Ankäufe. In dieser Zeit standen die Eröffnungen von neuen Bankfilialen auf der Tagesordnung und die Kombination mit einer Kunst-Ausstellung war sehr beliebt. Dieter Schrage wusste vom reichhaltigen Kunstlager Diems, welches die kurzfristige Einrichtung von Ausstellungen ermöglichte und rief ihn diesbezüglich gerne an. Ein oder zwei Arbeiten Diems auf Papier gingen dann auch in den Bestand des Kunstfonds der Sparkasse über.
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Blick in den Garten
Gerhard Labers während des Symposiums 1981. Zu sehen sind die beiden Skulpturen Eduard Diems aus Lindabrunner Konglomerat. Dieses Konglomerat ist ein locker gebundener und schwer zu bearbeitender Schotter: Die einzelnen Kieselsteine oder größere Brocken brechen leicht aus und es entstehen ungewollte Krater. Die Skulptur im Vordergrund („Die Ruhende“) ist jetzt bei einer Wohnanlage im 22. Bezirk aufgestellt.
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Eine der Eröffnungen betraf eine Filiale in Siebenhirten, zu der Eduard verspätet eintraf.
„Gott sei Dank, dass du da bist!“
„Ihr habt vergessen, mich einzuladen ...“
Der Raum war bummvoll, der Liesinger Bezirksvorsteher und der Wiener Kulturamtsleiter wollten Eduard Platz machen und wichen etwas zurück. Dabei gerieten ihre Hosenböden unter den Wasserspiegel des von Hans Muhr geschaffenen Brunnens, vor dem sie standen. Die weitere Eröffnung war für die beiden dann kein Vergnügen mehr.
Vorwort Dieter Schrages zum Liesinger Garten-Symposium 1981
Eduard Diem – Leben und Werk
Ein Lebenszeichen
Am Beginn noch eine Frage: Will Eduard Diem tatsächlich ein Buch über sich? Es gibt doch schon genug Bücher, die seine Person und seine Kunst beleuchten. Und jetzt drängt sich mit mir ein Kunst-Laie auf, ein Regionalhistoriker, der das Rad neu erfinden will. Mir, diesem Regionalhistoriker, wäre es natürlich recht, wenn ich nicht nur geduldet wäre, sondern wenn ich die volle Unterstützung Eduard Diems dafür hätte.
Aber bald nach dem Beginn der Recherchen im Jahr 2019 wusste ich, dass ich diese Identifikation Eduard Diems mit meiner Arbeit hatte. Er begann in seinen Archiven zu kramen, förderte so manches Zeitdokument zutage, das noch den Staub jahrzehntelanger Nichtbeachtung auf sich trug, und begann, bisher für unbedeutend gehaltene Sequenzen seines Lebens aufzuschreiben oder bereits festgehaltene Erlebnisse ausführlicher zu beschreiben. Seine Familie unterstützte ihn dabei.
Der nebenan eingefügte Brief, der mich gegen Ende des Corona-Lockdowns im Mai 2020 erreichte, bestätigte diese Identifikation. Er kann als authentisches Autograf des Künstlers gesehen werden. Die darin angesprochenen Sesselentwürfe sind auf → Seite 276 abgebildet.
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Eduard Diem am 9. Juni 2020 inmitten der vor seinem Haus aufgestellten Plastiken
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Brief Eduard Diems
aus dem Mai 2020
Eduard Diem – Leben und Werk
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Frühling.
Acryl auf Faserplatte
1973, 78x69cm (Ausschnitt)
Vom Frühling
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Herbst.
Acryl auf Faserplatte
1973, 78x69cm (Ausschnitt)
Zum Herbst
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Vorfahren
Das Zeugnis aus dem Jahr 1873, das die Heldentat des Josef Wondrak bestätigt: „Zeugnis, mittels von gefertigten Gemeindevorstand bezeuget wird, dass die Angaben des Josef Wondrak betreff seiner Dienstzeit im kk Militär richtig sind, und auf voller Wahrheit beruhen, den Abschied aus nachstehenden Gründen nicht beilegen kann. Josef Wondrak hat die Anhaltung und Arretierung der Raubmörder, welche im Monate September 872 (=1872) den Raub an Uhrmacher Zochler und den Mord an Nachtwächter Engelbert in Korneuburg verübten, bewirkt und sich dabei so tapfer und aufopferungsvoll benommen, dass selbes auf Antrag der kk Bezirkshauptmannschaft Oberhollabrunn wegen Erlangung einer Auszeichnung oder Belohnung höheren Orts angezeigt, wozu dessen Abschied beigelegt wurde.
Gemeindevorstand Jetzelsdorf
am 29. Dezember 873 (=1873)
Jos. Fleischman
Bgmstr.
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JOSEF WONDRAK
Einer der Urgroßväter von Eduard Diem hieß Josef Wondrak und war mit seiner Familie aus Böhmen nach Jetzelsdorf eingewandert. Dort kaufte er ein kleines Haus mit der Adresse Jetzelsdorf 54 (heute 57) und machte daraus einen Bauernhof. Die Dorfchronik erwähnt das Haus schon für das Jahr 1690 als eines von 14 Häusern. Es wurde aus einer Mischung von Lehm und Stroh gebaut und besteht heute noch. Ursprünglich hatten darin ein Sattler, ein Tischler und ein Schneider gearbeitet.
Josef Wondrak galt in der Gegend als Held, weil er einen Raubmörder zur Strecke gebracht hatte. Die Auszeichnung samt Urkunde und der Orden, den er dafür bekommen hatte und mit dem Edi als Kind spielte, existierten noch lange.
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EDUARD DIEM I. (1869 – 1954)
Der Großvater väterlicherseits, Eduard Diem I., war der Schwiegersohn Josef Wondraks. Er war auch mehrfacher Stiefsohn: Zuerst war sein Vater gestorben und die Mutter hatte bald wieder geheiratet. Dann war sie gestorben und der Stiefvater hatte wieder geheiratet. Aus den verschiedenen Verbindungen gab es mehrere Stiefgeschwister. Alle Kinder aus der ersten Ehe mussten mit 12 Jahren, nach dem Ende der 6-jährigen Schulpflicht, das Haus verlassen. Eduard Diem I. fand bei einem Weinhändler Unterkunft mit Kost und Quartier. Dieser lieferte seinen Wein mit dem Pferdewagen nach Wien.
Die Eindrücke in der Großstadt veränderten den Knaben total. Schließlich beschloss er, selbst einmal ein Gasthaus zu führen und versuchte alles zu lernen, was dafür notwendig war. Unter anderem praktizierte er bei einem Fleischhauer und absolvierte die damals neugegründete Weinbauschule. Als junger Mann und selbst schon im Weinhandel tätig entwickelte er sich zu einem unverwechselbaren Original. Mit grauer Hose, Samtgilet, schwarzem Hut (Melone) und Taschenuhr mit Kette war er tatsächlich unverkennbar und unterschied sich schon dadurch von allen Dorfbewohnern. Mit einem leichten Wagen und einem ausgedienten Lipizzaner als Zugpferd war sein Image perfekt, weiß war zudem seine Lieblingsfarbe. Sogar der Spitz, den er seinem Enkel Eduard III. zur Geburt kaufte, musste weiß sein. Später hatte er jedoch einen Rotfuchs als Zugpferd. Er verstand es glänzend, die Leute mit Neuigkeiten und erfundenen fantastischen Geschichten zu unterhalten.
Nach dem Besuch der Winzerschule wusste er oft mehr über den Weinbau als die Weinbauern selbst. Sie warfen ihm gerne Größenwahnsinn vor, weil doch nur die Bauern aufgrund ihrer langen Erfahrung alles wissen konnten, doch riefen sie stets nach ihm, wenn sie Probleme mit ihrem Wein hatten. Vielleicht könnte er ja noch etwas retten.
„Winzer“ war dann auch sein Spitzname, er war allerdings auch der Till Eulenspiegel des Dorfes. Das lag an seinem oft sehr komödiantischen Auftreten und an den fantastischen Geschichten, die er gerne erzählte. Man wusste dabei nie, ob sie wahr oder frei erfunden seien.
Sonntags – während der 10-Uhr-Messe – lauschten die Frauen und Kinder in der Kirche der Predigt des Pfarrers. Die Männer ersparten sich diese jedoch, sie standen in Gruppen vor der Kirche und unterhielten sich. Nach der Predigt des Pfarrers ging ein Teil der Männer in die Kirche hinein, die anderen gingen zu ihren Weinkellern. Einmal, als die Männer noch vor der Kirche standen, gesellte sich Großvater Diem zu ihnen und erzählte ganz aufgeregt von einem Streit an der Kreuzung der örtlichen Ost-West-Verbindung mit der Prager Straße. „Da fliegen die Federn und es fließt sogar Blut!“ Sogleich rannte eine Gruppe der Männer
Der Großvater Eduard Diem I.
Ein Foto unbekannten Datums.
Eduard Diem – Leben und Werk
dorthin, kam aber bald wieder enttäuscht zurück. Bei der Kreuzung war – niemand. „Ja, habt ihr nicht den Haufen Pferdeäpfel mitten auf der Kreuzung gesehen, um den haben sich die Spatzen gestritten!“
So war sein Ansehen sehr unterschiedlich, aber jeder kannte den Großvater und das war eine gute Voraussetzung für seine Tätigkeit als eine Art „Weinsensal“. Er kundschaftete aus, wo es gute Weine gab und vermittelte diese anschließend an Wirte. Ein guter Wirt, der möglichst lange die gleiche Qualität anbieten wollte, nahm sofort größere Mengen, zum Beispiel ein 700-Liter-Fass und der „Winzer“ erhielt eine Vermittlungsprovision.
An heißen Sommertagen arbeitete er im Weingarten in langer weißer Unterhose, losem weißen Hemd und mit Strohhut. Damals gab es keine kurzen Unterhosen, sie waren immer lang und an den Beinen mit einem Band zugebunden. In den Mittagsstunden legte er eine längere Pause ein. Das gönnten sich die anderen Bauern keinesfalls, denn sie mussten auf die Taglöhner achten.
Mit dem Gasthaus wurde es nichts, schließlich landete Eduard I. als Kellermeister beim Konsumverein in Wien-Meidling. Diese Anstellung verlor er jedoch wieder durch den Bürgerkrieg im Februar 1934. Eduard Diem I. starb im Jahr 1954 und wurde auf dem Friedhof in Jetzelsdorf beigesetzt. Ursprünglich lag er neben einem Zigeunerkönig und Zigeuner aus ganz Europa kamen, um dessen Grab zu besuchen. Anlässlich einer Umgestaltung des Friedhofes wurden die Leichen exhumiert und in andere Gräber verlegt.
Die Renitenz gegen aufgezwungene Obrigkeiten aller Art hatte Edi wohl von seinem Großvater geerbt: Über seine jetzt beschriebenen Auffälligkeiten hinaus verweigerte er im Ersten Weltkrieg den Wehrdienst und wurde in eine Munitionsfabrik strafversetzt.
Die Legitimation des nach Wöllersdorf strafversetzten Eduard Diem I.
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Eduard Diem II. im Jahre 1910
Eduard Diem II. 1916/17 in seiner Dienstkleidung
Eduard Diem II.
im Innenhof des Hauses in Jetzelsdorf (linkes Foto) und bei der Arbeit auf dem Feld (rechtes Foto, im Hintergrund ist Jetzelsdorf zu sehen).
EDUARD DIEM II. (1901 – 1988)
Der junge Eduard Diem II. musste seiner Mutter während der Abwesenheit seines Vaters im Ersten Weltkrieg beistehen. Aus diesem Grund musste er auch seinen Lehrplatz als Kellner in einem Hotel in der Wiener Innenstadt verlassen. Seine Dienstkleidung, ein schwarzer Frack, hing dann bis zum Zweiten Weltkrieg im Schrank.
Ursprünglich war sein Vater mit der älteren der beiden Töchter des Schwiegervaters Josef Wondrak verlobt. Doch sie starb unerwartet und schließlich heiratete er ihre jüngere Schwester. Die beiden Frauen waren grundverschieden: Die ältere war kugelrund, die jüngere war sehr schlank und bewegte sich sehr flink. Sie hatte ein schmales Gesicht, schmale Schultern und schmale Hände. Ihre Augen waren dunkel und das Haar gekräuselt. Zusammen hatten sie drei Kinder: Edis Vater (Eduard Diem II.), seine Schwester Marie und seinen jüngeren Bruder Josef. Marie heiratete im Dorf. Der Pepi-Onkel war im Cabaret „Schiefe Laterne“ (im späteren Moulin Rouge) Oberkellner.
Bei Eduard Diem II. zeigte sich schon in der Bürgerschule ein kaligrafisches Talent. Bis zur Besessenheit machte er Schreibübungen. Später übertrug er als Schriftführer bei Gemeinderatssitzungen die Sitzungsprotokolle zu Hause in Schönschrift.
Im Hauptberuf war Eduard Diem II. Weinhauer und bestellte die kleine Landwirtschaft gemeinsam mit seinem Großvater. Nebenbei war er Musiker. Bei einem benachbarten Künstler hatte er gelernt, Trompete zu spielen. Mit seinen abendlichen Auftritten als Trompeter genoss er bald eine lokale Popularität. Schließlich hatte er selbst eigene Schüler und komponierte kleine Musikstücke. Zu den weiteren Funktionen, die Eduard Diem II. in der Dorfgemeinschaft übernahm, gehörte es eine Zeit lang, trommelnd durchs Dorf zu gehen und laut zu verkünden, was wichtig und von allgemeinem Interesse war.
Seine Tätigkeiten führten ihn öfters über die nahe Grenze und er verfügte daher über ein tschechisches Dauervisum.
Eduard Diem – Leben und Werk
Das Personal vor dem Portal des
St. Anna-Hofes in der Annagasse 3
um die Zeit des Ersten Weltkrieges. Der zweite von links ist
Eduard Diem II.
Heute ist in diesem Lokal ein Wienerwald-Restaurant.
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Eduard Diem II. am 18. Mai 1918 mit einem Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr
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Die grafischen Talente wurden in der damaligen Schule ausgiebig und interdisziplinär gefördert. Hier die Kopie eines Franziszeischen Katasterplanes.
Links unten: Auch die Ornamentik kam nicht zu kurz.
Ein leider schlecht erhaltenes Blatt mit einer Rötelzeichnung
Eine Schreibübung
seines Vaters hat sich bis heute im Bestand Eduard Diems erhalten.
Eduard Diem – Leben und Werk
In der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts (ca. 1925 –
1938) gab es in Haugsdorf eine Musikantengruppe, welche von der Bevölkerung „Knackwurstkapelle“ genannt wurde und bei der auch Eduard Diem II. mitspielte. Mit diesem Namen verbindet sich fälschlicherweise die Meinung, dass die Musiker bei Tanzveranstaltungen um den Preis einer Knackwurst gespielt hätten. Es mag sein, dass die Knackwurstkapelle billiger war als andere Kapellen, aber keinesfalls spielten sie um eine Knackwurst. Es mag auch sein, dass andere Kapellen musikalisch besser waren, aber eines war sicher: Wenn diese anderen Musikkapellen den Schlussmarsch gespielt hatten, dann war der Kirtag oder Faschingsball endgültig zu Ende. Nicht aber bei der Knackwurstkapelle. Deren Musikanten ließen sich von den wenigen noch anwesenden Tanzfreudigen überreden: „Spielt noch eine Stunde, wir bezahlen euch dafür eine Knackwurst.“ Dieses Angebot wurde namensgebend.
Die „Knackwurstkapelle“
von Haugsdorf
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Haugsdorf.
Malerei mit Offsetfarben auf Karton, 1974, 50x65cm
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Die Knackwurstkapelle.
Eduard Diem II. ist sitzend
der Dritte von rechts.
Kapellmeister dieser Musikkapelle war Karl Lehnfeld sen. aus Haugsdorf. Nachstehend die weiteren Mitglieder (alphabetisch gereiht): Franz Bojer aus Karlsdorf, Franz Breitenfelder aus Haugsdorf, Eduard Diem aus Jetzelsdorf, Herr Gattermeier aus Obritz, Josef Hausleitner aus Karlsdorf, Franz Reis aus Haugsdorf, Johann Sailer aus Auggenthal, Johann Sturm aus Auggenthal, Anton Vogl aus Haugsdorf, Franz Wurst aus Haugsdorf.
Andere Musikkapellen, die es damals gab, waren zum Beispiel die Kapelle „Ruby“ aus Haugsdorf, die Kapellen „Brunner“ und „Weinwurm“ aus Alberndorf, die Kapelle „Heger“ aus Pernersdorf, die Kapelle „Gerstorfer“ aus Retz und die Kapelle „Grabler“ aus Sitzendorf.
Haugsdorf könnte sich glücklich schätzen, wenn es heute so eine ‚Knackwurstkapelle‘ im Ort geben würde. Der Zeitpunkt ist nämlich nicht mehr fern, wo es nicht einmal mehr eine Ortsmusik geben wird. In musikalischer Hinsicht ist nicht einmal ein Silberstreif am Horizont zu erkennen. Traurig, aber wahr!
Friedrich Gurtner in
„Der Pulkautaler“
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem (III.) wurde am 9. April 1929 im Elternhaus seiner Mutter in Peigarten Nr. 99 geboren. Getauft wurde er nach römisch-katholischem Ritus. Es sollte sich aber bald herausstellen, dass er für religiöse, politische und berufliche Vereinnahmungen nicht geeignet war. 1964 trat er aus der Kirche aus.
Sein Vater Eduard Diem (II.), geb. am 31. Dezember 1901 und seine Mutter Katharina Hartl, geb. am 8. Oktober 1908, hatten sich in Wien kennengelernt. Katharina war um das Jahr 1926, ganz entgegen den Traditionen in ihrer Familie, mit ihren Cousinen nach Wien gegangen. Es war die Zeit der ersten Frauenemanzipationsbewegungen. Sie trug Charlestonkleider und schräge Hüte und las Bücher, was als reine Zeitverschwendung galt. Die Cousinen blieben in Wien, sie aber war dort nicht glücklich und kehrte nach zwei Jahren im Jahr 1928 zurück in ihr heimatliches Dorf.
Edis Vater und Katharina wollten allerdings noch nicht heiraten, denn in dem winzigen Lehmhaus mit der Adresse Jetzelsdorf 54 (heute 57), das er gemeinsam mit seinem Vater bewohnte, war zu wenig Platz für eine ganze Familie. Sie lebten also getrennt und oft trafen sie sich nur beim Sonntagsspaziergang. Der war eine fixe Einrichtung am Nachmittag und das ganz Dorf war auf den Beinen. Später, als auch der kleine Eduard mitgehen konnte, bekam dieser nachher beim Wirten Würstel mit Semmel oder Salzstangerl und sein Vater trank manches Mal ein Bier.
Die ersten Kindheitsjahre verbrachte Edi somit am Hof seiner Mutter. Sie lebte dort eingebettet in eine Großfamilie mit Großeltern (Sophia aus der Familie Ochs und Franz Hartl, der als junger Mann am Khevenhüller’schen Gutshof gearbeitet hatte. Von ihm erbte Edi eine Meerschaumpfeife aus dem Besitz der Khevenhüller), einem Onkel, drei Tanten und einem Cousin namens Hermann, der zehn Monate jünger als Edi war. Edi schlief mit seiner Mutter und den Tanten in der Mädchenkammer. Sonntags durfte er manchmal zu den Großeltern ins Bett. Die Großmutter erzählte lustige Geschichten.
Der Hof war für damalige Begriffe schon recht modern, die Familie jedoch war erzkonservativ. Fluchen oder Fleisch am Freitag waren schwere Sünden, die gebeichtet werden mussten. Natürlich war es eine Katastrophe, dass die Tochter ein uneheliches Kind heimbrachte. Sie war schon schlechter behandelt worden, weil sie es gewagt hatte, nach Wien zu gehen. Sie wurde oft gescholten und bestraft. Auch Edi wurde oft ermahnt, jedoch nie bestraft.
Die ersten Kinderjahre
Das erste Foto Edis
aus dem Jahr 1930
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Cousin Hermann und Edi
am 8. Jänner 1935
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Die Im Jahr 1954 ausgestellte Geburtsurkunde und Taufbestätigung von Eduard Diem III.
Eduard Diem – Leben und Werk
Um Weihnachten gab es stets einen Bauernkalender, darin war einmal auch ein Zuchtstier abgebildet, nur schwarz-weiß und wie durch einen Scherenschnitt hergestellt. Edi zeichnete ihn ab und sein Onkel sah sich das Werk an. Er war aufgebracht, weil der Stier mit allen Attributen kopiert worden war. Das sei sündig, sagte er und radierte das Sündige aus. Nein, wehrte sich Edi, auf dem Bauernkalender sei er genauso abgebildet und er zeichnete
dessen Geschlechtsorgan wieder ein. Auch hier blieb es bei einer Ermahnung ohne Strafe und der Stier durfte vollständig bleiben.
Am Hof gab es ein weißes und ein braunes Pferd, Kühe, Schweine, Hühner, Tauben, Zwerghühner, Perlhühner, Kaninchen, Hund und Katz’ und einen zahmen Raben. Es war selbstverständlich, dass die jungen Tauben gegessen wurden. Die Raben wurden nur von den ärmeren Bauern im Winter mit Fangeisen gefangen und gegessen. Krähensuppe galt als besonders gesund und schmackhaft. Zwei Ziegen lieferten die Milch für den Haushalt, denn die Kuhmilch war kostbar und wurde in die Genossenschaft getragen. Natürlich gab es auch eine Schar Gänse, die täglich im Mühlbach hinter dem Haus schwammen. Am Mühlbach wucherten Akazien, der Hopfen schlang sich bis in die Baumkronen. Nach der Weinlese im Oktober begann die Gänsemast. Die Gans wurde dafür in eine Kiste gesperrt und täglich mit einem eigens zubereiteten Brei geschoppt: Man öffnete den Schnabel und stopfte den Brei mit dem Finger in den Schlund.
Ein Nachbarjunge behauptete eines Tages, dass seine Eltern auch einen Pfau besäßen. Edi wusste, dass das gelogen war, denn nur der Müller hatte einen Pfau. Er war empört über diese
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Eines der wenigen erhaltenen Fotos vom Bauernhof
in Peigarten.
Von links stehend:
Maria, Katharina (Mutter von Eduard Diem III.), Hermine Hartl und Vater Franz Hartl senior.
Sitzend: Johanna Hartl und die Mutter Sophie Hartl,
davor Enkel Hermann.
Die Pferde haltend Franz Hartl junior und am Pferd sitzend Eduard Diem III.
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Lügen, aber gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass man mit Lügen versuchen konnte, etwas zu erreichen.
Der Hof war durch einen Zaun in Wohnbereich und Wirtschaftsteil getrennt. Der nicht angekettete Hund (das war damals unüblich) und die Katze konnten sich in beiden Teilen aufhalten.
Auf der Feuermauer über dem Scheunentor gab es ein von Onkel Franz gemaltes Gemälde mit einer Ernteszene inklusive Pferd und Wagen. Es war wahrscheinlich die Kopie einer Vorlage, zeugte aber doch von einem erstaunlichen künstlerischen Talent.
Am Mauersims und im Kuhstall bauten die Schwalben ihre Nester mit feuchter Erde und fingen die zahllosen Fliegen. Im Hof gab es auch eine Mulde, wo die Hühner und Sperlinge ihr Sandbad hatten. Alles Treiben dieser Tiere war Edi und seinem Cousin sehr vertraut, denn oft spielten sie in unmittelbarer Nähe. Eines dieser Spiele war der „Bauernhof“, wobei Holzscheite und Kieselsteine die Tiere darstellten. Sie verstanden die Sprache der Hühner. Bei Schönwetter und während ihres Sonnenbades im Staub der Mulde sangen sie. Wenn sie ein Ei gelegt hatten, taten sie dies mit einem singenden Gegacker kund. Ein eigenes aufgeregtes Gackern hatten sie, wenn sie Futter fanden oder sich ängstigten.
Es gab auch genug Spiele für schlechtes Wetter und natürlich war es ein großes Vergnügen, nach einem Gewitter im Schlamm zu waten. Selbst das bloße, oft auch langewährende Beobachten oder Erforschen der Natur war sehr kurzweilig, aber nicht immer erfreulich. Edi war gerade im Garten hinter dem Haus, als beim Nachbarn aus der Scheune junge Gänseküken marschierten. Ein Rabe stürzte sich auf sie und brachte alle mit Schnabelhieben um. Ein anderes Mal sah Edi in einer Lehmböschung des Weingartens ein Loch. Mit einem Grashalm stocherte er solange darin herum, bis wütende Erdwespen über ihn herfielen. Er plärrte und seine Mutter warf eine Jacke über ihn.
Auch die täglichen Routinen zur Verpflegung der Familie sind für Menschen des 21. Jahrhunderts schwer nachzuempfinden. In der Küche stand eine große Truhe für das Mehl. Der Deckel war ein großes Nudelbrett. In einem Holztrog wurde Brotteig gemischt, auf dem Nudelbrett geknetet und dann in strohgeflochtenen Simperln für den Backofen abgestellt. Befeuert wurde dieser mit Rebbündeln. Die Asche wurde mit einem Federwisch, der aus einem Gänseflügel hergestellt war, ausgekehrt und anschließend das Brot auf einem runden Brett mit Stiel „eingeschossen“. Edi wartete immer schon auf die Kruste des frischen Brotes. In der Küche gab es den gemauerten Herd, dieser war mit Holz zu beheizen. Die gusseiserne Herdplatte hatte Ringe, die zur Regulierung der Hitze entfernt werden konnten. Es gab noch keine Elektrifizierung. Licht spendete nur die schwache Petroleumlampe, deren Glaszylinder oft verrußte. Für den Stall gab es die Sturmlampe, tragbar und sicher konstruiert.
Eduard Diem – Leben und Werk
Jeder in der Familie hatte bestimmte Aufgaben. Großvater war für die Einteilung der Feldarbeit zuständig, Großmutter für die Küche. Sein Sohn, und das war in allen Häusern gleich, war für Pferd und Wagen zuständig, er musste das Grünfutter vom Feld holen und die Pferde füttern. Am späteren Samstagabend wurden die Pferde gebürstet und gestriegelt, die Hufe schwarz poliert und das Pferdegeschirr mit Schuhpasta geputzt. Die Messingverzierungen wurden mit Sidol auf Hochglanz gebracht. Es war ein damaliges Statussymbol, das Fell der Pferde vor der sonntäglichen Ausfahrt mit dem leichten Wagen in Mustern zu bürsten. In der Früh, vor der sonntäglichen Ausfahrt, kam außerdem der Friseur ins Haus, um Großvater zu rasieren. Bei Schönwetter fand dies im Hof statt. Dann gingen alle in die Kirche. In der Kirche saßen Frauen und Männer getrennt, die Frauen links und die Männer rechts.
Den Töchtern waren Wohnraum, Hof und Stall zugedacht. Melken und das Füttern von Kühen und Schweinen war Frauenarbeit. Wenn die Hausarbeit getan war, musste noch die Straße vor dem Haus gekehrt und im Vorgarten gearbeitet werden. Für die Mädchen war das auch eine Gelegenheit mit den Nachbarn zu tratschen. Die „Gugl“, ein weißes Kopftuch mit eingelegtem Karton, brauchten sie nur für die ebenfalls anfallende Feldarbeit, um das Gesicht vor der Sonne zu schützen.
Oft wurden auch Taglöhner beschäftigt. Ihre tägliche Arbeitszeit dauerte etwa von sechs Uhr früh bis sieben Uhr abends inklusive Essenszeiten. Arbeitsbeweis war ein Stück Kerbholz. Davon gab es zwei Teile, einen hatte der Großvater und den zweiten der Taglöhner. Jeden Tag wurden sie aneinander gelegt und eine Kerbe über beide Teile geschnitten. Nach Weihnachten oder am Neujahrstag wurde das Jahr abgerechnet. Zur Jahresabrechnung gab es ein Festessen.
Immer noch ging der Trommler mit den Mitteilungen des Bürgermeisters durch die Straßen. Die aufregenden Dinge erfuhr man allerdings eher von den Straßenmusikanten. Sie kamen oft ins Dorf, kratzten ein paar Töne auf der Geige und schäkerten mit den Mädchen, die gerade die Straße kehrten. Sie warteten, bis eine größere Menschenschar herbeigelaufen war, und erzählten Moritaten und Ereignisse aus den Nachbardörfern. Einer hatte einen gewaltigen Schnurrbart, stopfte diesen in den Mund und blies ihn dann wieder heraus, sodass er waagrecht wegstand. Nie musste er mit leeren Händen weitergehen. Die Leute nannten ihn „Gritsch“. So nannte man auch den Hamster, der zu dieser Zeit – wie auch das Erdziesel – sehr häufig war.
Ein anderer Exote war der Bärentreiber. Er ließ einen gezähmten Braunbären tanzen, den er an einer Kette mit einem Ring durch die Nase führte.
Ins Dorf kamen auch Bosniaken, die in ihren Bauchläden Kämme, Nähzeug und allerhand Kleinkram anboten. Im Volksmund hießen sie „Bandlkramer“. Sie waren in Schnürlsamt
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gekleidet: Knickerbockerhosen, Samtjacke und Kappe. Sie hatten einen Maria-Theresia-Gewerbeschein, aber niemand wusste, ob diese Konzession noch Gültigkeit besaß. Es kamen auch Scherenschleifer, Häferlflicker und „Reitamacher“ (Siebmacher). Die Häferl- und Siebmacher waren nomadische Zigeuner. Am Dorfrand hatten sie einen Platz, auf dem sie lagern durften und dort stand auch ihr Planwagen. Ihnen wurde nachgesagt, dass sie alles stehlen würden, nämlich auch kleine Kinder.
Im Herbst fuhr das „Sandwaberl“ mit ihrem Pferdewagen durch die Dörfer und bot ihren feinen weißen Quarzsand zum Streuen bei Glatteis an. Der gleiche Sand diente zur Verringerung der Rutschgefahr auch auf den Bretterböden in der Küche. Durch das wöchentliche Schrubben der dicken Bohlen waren die meisten Böden uneben geworden. Die weichen Teile des Holzes schwanden und die harten Äste begannen herauszuragen.
Im Dorf selbst gab es noch den Sauschneider und den Halter. Der Sauschneider kastrierte die Ferkel und Stierkälber, der Halter betreute den Gemeindestier. Die Kühe wurden zum Stier getrieben und das war meist sehr mühsam, weil sie ihr ganzes Leben lang im Stall angekettet gewesen waren. Der Halter selbst besaß darüber hinaus einen Ziegenbock und einen Eber, beide verbreiteten einen unangenehmen Gestank. Um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, machten Ziegenbock und Eber Hausbesuche. Außer der Aufsicht über die genannten Tiere oblag dem Halter im gegebenen Falle auch die Aufsicht und Betreuung von Sträflingen. Sein Haus verfügte nämlich über eine Arrestzelle.
Im November nach dem ersten Frost wurde ein Schwein geschlachtet. Früh am Morgen zerrten die Männer das Schwein aus dem Stall in den Hof und warfen es dort auf die Seite. Die Männer knieten auf dem Schwein, um es niederzuhalten. Es schrie in Todesangst. Der Metzger stach ein langes Messer in den Hals. Eine der Frauen – meist war es die Bauerstochter – fing das Blut in einem Weidling auf und rührte es ständig, damit es nicht zu Klumpen gerann. Das tote Schwein wurde dann in einen Trog mit heißem Wasser gelegt und die Borsten mit einem Schabeisen oder mit einem alten Löffel abgeschabt. Unter dem Schwein durchgezogene Ketten erleichterten das Umdrehen. Mit den Hinterbeinen auf einen vorbereiteten Galgen gehängt, wurden Brust und Bauch mit einem Messer geöffnet und die Gedärme quollen heraus. Sie schillerten in für Edi fremdartigen Farben. Herz, Lunge, Leber und Nieren wurden entnommen sowie der Darm entleert und sauber gewaschen. Er diente als Haut für die Blut-, Leber- und Bratwürste. Der Magen war für die Presswurst. Nach dem Trennen der etwa 5cm dicken Speckschicht vom Fleisch wurden ein paar Speckstücke mit etwas Fleisch und der Schwarte zum Selchen beiseite gelegt. Das restliche, würfelig geschnittene Fett verwandelte sich in einer großen Blechpfanne zu knusprig-braunen Grammeln. Die Speckschwarten kamen auch in die „Glachlsuppe“ und in die „Blunzensuppe“.
Eduard Diem – Leben und Werk
Das Schlachten wurde nicht als gewöhnliche Arbeit, sondern als das Zelebrieren einer rituellen Handlung empfunden. Jeder hatte seine Aufgabe und in der Luft lag etwas Animalisch-Feierliches. Natürlich spielte auch die Vorfreude auf die kommenden Fleischgerichte eine Rolle, schließlich gab es den ganzen Sommer über nur wenig Frischfleisch.
Am späten Nachmittag gab es das traditionelle Gericht aus Abschnitzel, das beim Ausweiden und Zerlegen gekocht worden war. Dieses seltsame Gericht namens „Katzengeschrei“ wurde fast andächtig eingenommen. Abends folgte schon die Blunzensuppe, Brotschnitten waren die Beilage dazu.
Eduards Großvater verfügte über eine lange Praxis im Schweineschlachten und wurde häufig für Hausschlachtungen in anderen Bauernhöfen engagiert. Er bevorzugte es, das Tier mit dem großen Schlachtmesser ins Herz zu treffen. Während des Krieges, als die Männer des Dorfes eingezogen waren, wurde er von den Bäuerinnen um diese Dienstleistung gebeten, auch bei „schwarzen“ Schlachtungen. Alle Tiere der Höfe waren registriert und die Eierzahl entsprechend der Anzahl der Hühner vorgeschrieben worden. Legal durfte ein Schwein nur mit Bewilligung geschlachtet werden, Schwarzschlachtungen waren aber nicht unüblich. Dass es nie zu einer Anzeige kam, konnte sich Edi nur damit erklären, dass die Nazibonzen ebenfalls „schwarz“ schlachten ließen und ihre Parteigenossen bestachen. Eine Anzeige hätte fatale Folgen haben können. Mut und Heldentum gab es somit nicht nur an der Front, sondern auch an der „Heimatfront“.
Zurück zum Speiseplan der Zwischenkriegszeit: Auf dem gewöhnlichen Speiseplan der Menschen im Dorf standen meist Gemüse, viel Linsen und Bohnen, Knödel, Mehlsterz und Kartoffeln. Am Freitag gab es immer Bohnen mit Buchteln oder Grießnudeln. Die Kraft für die Feldarbeit holte man sich bei einer Jause mit Schmalz und Speck. Fleisch (Huhn oder Kaninchen) kam nur an Sonn- und Feiertagen auf den Tisch. Eine Abwechslung brachten die jungen Tauben, die um Pfingsten herum, ehe sie flügge waren, gefangen und für einen Sonntagsbraten geschlachtet wurden. Üppige Festessen gab es zu Ostern, zu Weihnachten und besonders am Kirtag. Zu diesem Anlass wurden gerne auch Verwandte und Bekannte eingeladen und meist wurde alles getan, um diese zu beeindrucken. Vor allem dann, wenn noch unverheiratete Töchter im Haus waren. Eine wesentliche Rolle in diesem Zusammenhang hatte der Kuppler. Er hielt eifrig Ausschau und arrangierte die meisten Ehen. Der empfohlene junge Mann wurde eingeladen. Er saß der Familie gegenüber, wurde begutachtet und ausgequetscht. Wenn er schon beim Militär war oder wenigstens bei der Musterung für tauglich befunden wurde, erhöhte das seine Chancen auf eine Heirat.
Edi blieb es unerklärlich, dass trotz des ersten Weltkrieges und seinen Folgen, unter denen man noch immer litt, die Begeisterung für das Militär ungebrochen war. Für die jungen Burschen war die Musterung eine sehr wichtige Sache. Die Hüte
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Gegen den Krieg.
Federzeichnung mit Tusche auf Papier. 1960, 28x20cm. Ein Kindersoldat als protestierende Figur, die mit Pinsel gegen eine Kriegsszenerie kämpft. Ein Zusammenhang, der 1960 noch schwer zu vermitteln war.
der Tauglichen wurden mit einem Federbusch geschmückt, an der Brust trugen sie eine Kokarde mit silbernem Eichenlaub und langen Bändern. So zog das Rudel durchs Dorf und soff sich grölend in die Bewusstlosigkeit. Die Untauglichen bedauerten ihr Missgeschick.
Wegen der Wirtschaftskrise 1929 gab es unzählige Arbeitslose ohne Unterstützung. An jedem Dorfeingang stand eine Tafel „Betteln und Hausieren verboten“. Die Menschen kamen aber trotzdem, denn sie mussten betteln, um Brot oder Erdäpfel für die Kinder nach Hause zu bringen. Manche Leute gaben ihnen etwas. Die Kindersterblichkeit war schon grundsätzlich sehr hoch und die Rachitis, eine Knochenkrankheit infolge schlechter Ernährung, sowie die Diphtherie, welche Atemwege und Lunge betraf, forderten zusätzliche Opfer. Eine Krankenversicherung gab es nicht.
Einmal war der kleine Edi krank. Er erinnert sich noch daran, dass er im Bett lag und die Verwandten aufmarschierten, um ihn noch einmal zu sehen. Apathisch ließ er alles über sich ergehen. Letztlich hat er doch überlebt, trotz der Prophezeiung „der Bub ist so dünn, der wird sicher bald sterben“.
Eduard Diem – Leben und Werk
1935 war ein Hochzeitsjahr. Tante Johanna, die Mutter von Cousin Hermann, heiratete einen Anton Teufelsbauer und Edis Eltern heirateten ebenfalls. In der Nacht gab es ein seltenes Schauspiel: Am Himmel stand ein Nordlicht und die im Hof stehenden Hochzeitsgäste, die so etwas noch nie gesehen hatten, beobachteten es eher ängstlich. Einige sahen es als böses Vorzeichen für die Zukunft des Landes. Nach dem Bürgerkrieg und der Ermordung des Diktators Dollfuß war dies nicht weit hergeholt. Der Überfall und die Eingliederung in das tausendjährige Deutsche Reich (1938–1945) übertrafen die bösen Vorahnungen bei weitem.
Edi kam nun aus der erzkonservativen Großfamilie seiner Mutter in das kleine Lehmhaus seines Vaters. Das Verhältnis zu seinen Eltern war von absolutem gegenseitigen Vertrauen geprägt. Nie wurde er für etwas bestraft, aber natürlich ermahnt und belehrt. Wenn ihn die Mutter zum Greißler schickte, durfte er für sich ein Stollwerkbonbon kaufen. Herr Seidel schenkte ihm das ohnehin.
Jetzelsdorf liegt an der Pragerstraße. Einst pendelte Joseph II. häufig zwischen Wien und Prag und im Jetzelsdorfer Posthof wurden die Pferde gewechselt. Offensichtlich vermisste der Kaiser während seiner Aufenthalte ein Gotteshaus und so bekam Jetzelsdorf seine Dorfkirche.
In Edis Jugend war es die mit seinem Großvater befreundete Familie Wody, die mit ihrem Busunternehmen die Route Wien-Prag mit Aufenthalt in Jetzelsdorf bediente. Das Unternehmen war in der ehemaligen Mühle von Jetzelsdorf untergebracht. Der von der Pulkau abgeleitete Mühlbach trieb einst auch die Mühle in Peigarten an.
Die Kinder pflückten Veilchen, Maiglöckchen, Margariten und boten sie den Passagieren an. Als Kleinkind war Edi Fremden gegenüber sehr scheu. Doch dieses Ritual des Blumenverkaufs funktionierte und er überwand seine Angst vor Fremden. Mit dem Geld für die Blumen kaufte er sich beim Bäcker ein Salzstangerl.
Ein großes Ereignis war im Jahr 1935 der Eintritt in die Schule, und zwar in die zweiklassige Volksschule: Die ganze Schule bestand aus zwei Klassenräumen mit den ersten vier Jahrgängen in der einen Klasse und weiteren vier Jahrgängen Oberstufe in der anderen Klasse. Geschrieben wurde noch auf Schiefertafeln, die Hausaufgaben mussten beim Licht einer Petroleumlampe gemacht werden, denn elektrisches Licht gab es damals nur in wenigen Häusern.
Die Familie zieht um
Der Innenhof des Hauses
in Jetzelsdorf
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Der Schuleintritt brachte zunächst einmal ein erhebliches sprachliches Problem: Die Kinder sprachen durchwegs nur den im Weinviertel gebräuchlichen Ui-Dialekt, der heute kaum noch gesprochen wird. Ein bekannter Spruch, der den Namen der Mundart erklärt, ist „Muida, gib da Kui a Fuida“: Der Ersatz des mundartlichen „ua“ durch „ui“. Allerdings blieb Edi auch ein „ui-loser“ Satz in Erinnerung. Er hörte ihn in einer Kellergasse in Haugsdorf. In einem der schmalen Durchgänge zwischen den Presshäusern sagte jemand zu seinem Nachbarn: „Zem ent bei da Runa steht da Wel mit da Tupfarehn (= dort drüben bei der Dachrinne steht der Werl (ein Name) mit dem Weinheber (Tupfröhre)).“ Das war die eigentliche Muttersprache der Kinder und in der Schule mussten sie „schönes Deutsch“ lernen. Beim Licht der Petroleumlampe übte Edi mit einem Griffel auf der Schiefertafel die Buchstaben. Durch viel Fleiß und mit der Hilfe seiner Eltern gehörte er bald zu den guten Schülern. Es gab Mitschüler, die in der 3. Klasse noch immer nicht fließend lesen oder einen Satz schreiben konnten. Wahrscheinlich kam es Edi zugute, dass sein Vater einst die Bürgerschule besucht und in Wien den Wert einer guten Bildung erkannt hatte. Auch seine Mutter war mit 16 Jahren zusammen mit zwei Cousinen gegen den Willen der Eltern nach Wien gegangen und hatte Bücher gelesen.
Die wirtschaftliche Lage war nach wie vor trist. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit. Edis Großeltern hatten Kriegsanleihe-Papiere und Inflationsgeld, doch alles war wertlos geworden. Die Großmutter besaß einen eisernen Ring, auf dem stand „Gold gab ich für Eisen“. Zahllose Bettler waren an den Wochenenden unterwegs.
Die Taferlklassler im Jahr 1935. Edi ist im roten Kreis.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Der Weg zur Schule führte beim jüdischen Greißler Seidel vorbei. Von den Leuten im Dorf wurde er nur der „Seidljud“ genannt. Manchmal stand Herr Seidel vor dem Geschäft. Er hatte immer eine blaue Schürze mit einer Tasche, in der Zuckerl (Stollwerk) waren, die er an die Kinder verteilte. Die Familie Seidel bestand aus Vater, Mutter, den Söhnen Rudolf und Fritz und einer Tochter. Rudolf war ein Schulfreund von Edis Vater. Fritz war geistig behindert und er hatte das Helfersyndrom. Bärenstark bot er sich an, schwere Säcke zu schleppen. Die Tochter der Seidels war in Alberndorf verheiratet und hatte zwei Kinder. Auch sie betrieb eine Greißlerei. Herr Seidel kaufte Kaninchen-, Lamm- und Ziegenfelle, präparierte sie mit Alaun und spannte sie. Jeder im Dorf wusste, wie man Ziesel, Hamster und Bisamratten mit der Drahtschlinge fängt. Auch diese kaufte Herr Seidel. Frau Seidel ging nur aus dem Haus, wenn sie mit einem Suppentopf zu einem Schwerkranken unterwegs war. Fast jede Hausfrau kaufte auf Anschreiben. Der Greißler wusste daher genau, wie groß die Not war.
Ein- oder zweimal im Jahr kam ein Herr Horak zu Edis Großvater. Er war Pferdehändler und erkundigte sich, ob jemand ein Pferd kaufen oder verkaufen wollte. Er war Zigeuner und auch er musste seinen Wohnwagen auf dem von der Gemeinde bestimmten Platz abstellen. Stand ein Handel bevor, wurden die Pferde meist vor unserem Haus vorgeführt. Herr Horak lief mit dem Pferd am Zügel die Gasse hin und her, um zu zeigen, wie gesund und kräftig das Pferd war. Das Gebiss wurde untersucht, um das Alter des Pferdes festzustellen. Nach langem Feilschen wurde der Handel mit Handschlag besiegelt. Der Kaufvertrag wurde mit Unterschrift, drei Kreuzern von Herrn Horak und einer Unterschrift des Großvaters als Zeuge für gültig erklärt. Edi genoss die Zeremonie.
Einmal kaufte Edis Vater ein braunes, schlankes Pferd. Der Zigeuner ließ seine Kinder zwischen den Beinen hindurchlaufen um zu zeigen, wie gutmütig das Tier war. Edi wurde aufgefordert,
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Pferde.
Tusche mit Feder auf Papier,
1956, 21x30cm
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das Gleiche zu tun und sich am Schwanz hochzuziehen. Das Pferd rührte sich wirklich um keinen Zentimeter.
Zuletzt hatte Herr Horak ein krankes Steppenpferd dabei. Es tat ihm leid und er fragte, ob wir es gesund pflegen könnten. Per Handschlag schenkte er Edi das Pferd. Es hatte eine Eiterbeule am Hals und leider starb es bald danach. Das war im Jahr 1937 und das letzte Mal, dass die Familie Horak dort gesehen wurde.
Am Dorfrand gab es ein großes Ziegelwerk mit Ringofen, Heizraum und hohem Rauchfang. Das Areal hatte Lehmwände, Hügel, Mulden und Gruben, teilweise war es wild bewachsen und daneben stand ein Akazienwäldchen. Der Platzmeister, Herr Jerabek, erlaubte den Kindern dort zu spielen, wo gerade nicht gearbeitet wurde. Er hatte selbst drei Kinder. Sie bauten Laubhütten und Höhlen. Sie krochen durch die Luftkanäle nicht beheizter Öfen. Herr Jerabek war stark gehbehindert. Er sprach mit den Kindern nie in rüdem Ton, wie es sonst im Dorf üblich war. Als „Ziegelböhm“ war er nicht sehr angesehen. Als er wegen seiner starken Behinderung nicht mehr arbeiten konnte, versuchte er, sich etwas Geld mit Fahrradreparaturen zu verdienen. Als er schon längst im Rollstuhl saß, wurde man darauf aufmerksam, dass er der größte Unterstützer der Freiwilligen Feuerwehr war und er wurde dafür geehrt.
Auf der anderen Seite der Straße, in der Edi wohnte, hatte die Familie Bauer ihr Haus. Herr Bauer unterschied sich von den anderen Dörflern. Für den Kirchgang war er immer im Sonntagsanzug mit Hut unterwegs. Eine seiner Besonderheiten war sein mit den Spitzen nach oben getrimmter Oberlippenbart. Er ging auf ungewöhnliche Weise, die Ferse aufsetzend und dann den Fuß laut herunterklappend, als ob er jemanden parodieren würde. Doch alle wussten: Er hatte im Ersten Weltkrieg an der Isonzofront seine Zehen verloren. Seine Tochter war bei der Post beschäftigt, sie wurde „Postfreul’n“ oder auch „Postbeul’n“ genannt. Telefonate wurden mittels Stöpseln verbunden und dabei mitgehört. Schriftliche Nachrichten wurden auf die offene Korrespondenzkarte geschrieben – das kostete weniger Porto –, diese wurden jedoch selbstverständlich gelesen und über all das wurde dann dorfweit getuschelt.
Herr Bauer war ein Mann, der wahrscheinlich niemals fluchte. Selbst als Edi mit seiner selbstgebastelten Armbrust eine seiner Gänse tödlich traf, regelte er das friedlich mit Edis Großvater.
Herrn Bauers Sohn war in einem Internat. Im Jahr 1937 erkrankte er an der damals gefürchteten Diphtherie und starb. Wie es damals üblich war, wurde er zu Hause aufgebahrt und abends kamen die Verwandten, um für ihn zu beten. Am Tag des Begräbnisses marschierte ein Dutzend Studienkollegen, Mitglieder einer Studentenverbindung, in voller Wichs, Stulpenstiefel, weiße Hose, betresste Jacke, Kappe und Säbel, zum Haus. Sie trugen den Sarg in die Kirche und nach dem Trauergottesdienst zum Friedhof. Für die Dorfbewohner war es das Ereignis des Jahres.
Eduard Diem – Leben und Werk
Zu den Personen, die für Edi eine andere Welt bedeuteten, gehörte Herr Kosch, der ab und zu Edis Familie besuchte. Er war in einen eleganten grauen Anzug gekleidet, besonders faszinierend aber waren sein Goldzahn und sein Papagei namens Laura.
Auch Herr Jokele gehörte zu diesen Menschen aus einer anderen Welt. Er war Jude, hatte einen gepflegten Bart und war ebenfalls elegant gekleidet – mit braunem, englischen Anzug, Samthut und Uhrkette – und das auch wochentags. Er war ein quirliger, sehr dünner und immer fröhlicher Mann. Er machte Geschäfte, er kaufte Kartoffeln, Getreide und Wein, oder er vermittelte diese Geschäfte an andere. Diese Tätigkeit nannte man Sensal. Auch der Vater von Edis Vater war ein Sensal gewesen.
Die Kinder kannten Herrn Jokele auch aus Begegnungen am Bach. Er fischte gerne und die Buben badeten dort gerne. Sie stachen Graszielgel aus der Bachböschung, um damit das Wasser aufzustauen. Natürlich vertrieb das die Fische. Um auch Herrn Jokele zu vertreiben, machten die Buben ein Lagerfeuer und verbrannten darin übel riechendes Zeug.
Am Bachufer und in Feuchtgebieten standen alte Weidenbäume. Die Stämme waren hohl, sodass man sich darin verstecken konnte. Die Zweige wurden jedes Jahr von den Korbflechtern und Besenbindern abgeerntet. Edis Vater produzierte aus ausgedienten Wagenrädern und Stroh Taubenkobel. Weidenrinde diente dabei als Bindemittel. Aus frischen Weidenzweigen konnte man auch ein Pfeiferl machen, aber es gelang nur mit Geschick und einem scharfen Taschenfeitel.
Im Jahr 1937 war das Wetter für den Weinbau so schlecht, dass man ohne Zuckerzugabe höchstens Essig zusammenbrachte. Der Greißler Seidel hatte vorausschauend Zucker eingelagert, aber niemand wollte ihn kaufen. Er bat Edis Großvater, die Bauern davon zu überzeugen, dass ohne Weinernte das ganze Dorf samt ihm selbst zugrunde gehen würde. Es gelang, die Bauern davon zu überzeugen und sie holten sich den Zucker. Der Kredit dafür erhöhte die schon bestehenden Schulden. Niemand hatte damit gerechnet, dass man den Juden bei einem Anschluss an Deutschland nichts mehr schuldig sein würde. Wer doch damit gerechnet hatte, wurde enttäuscht, denn die Nazis hatten die Handelsbücher der Juden konfisziert und weitergegeben. Die Schulden an die vertriebenen Juden mussten in Abzahlungsraten an die Deutsche Reichsbank bezahlt werden. Die genaue und klare Buchführung der Seidels ließ daran keine Zweifel aufkommen.
Edis Erinnerung zufolge war im Dorf kaum über Politik gesprochen oder nachgedacht worden. Eine der wenigen ihm erinnerlich gebliebenen Ausnahmen war der Mord an Dollfuß und sein Bild in einer Zeitung. Eine andere war ein dreieckiges Abzeichen mit der Aufschrift „seid einig“. Es wurde den Schulkindern von einem engagierten christlich-sozialen Lehrer namens Grünauer gegeben und sollte den politischen Animositäten nach den Februarkämpfen 1934 und im Ständestaat entgegenwirken. Knapp nach dem „Anschluss“ war der Lehrer weg, er war offensichtlich das Opfer des Schuldirektors geworden, eines fanatischen Nazis.
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Zensur.
Papier patiniert, 1993, 24cm
Unser Nachbar hatte drei Töchter. Nach der Schule am Nachmittag war die Straße unser Spielplatz. Wenn die Eltern gegen Abend von der Feldarbeit nach Hause kamen, liefen ihnen die Mädchen entgegen und fragten den Vater, ober er ihnen etwas mitgebracht hatte. War ein Obst reif, bekamen sie einen Apfel oder einen Pfirsich. Gab es noch kein Obst, dann sagte der Vater: ‚Heute habe ich ein Hasenbrot.‘ Es war das Brot, das sie für die Jause auf das Feld mitgenommen hatten. Damals empfand ich das als lustig. Erst viel später begriff ich, dass viele Familien nicht unbeschränkt Brot hatten. Das Weinviertel war eine arme Gegend. Hätte man aber damals jemanden darauf angesprochen, wäre das empört geleugnet worden. Mitleid wurde als sehr erniedrigend empfunden.
Eduard erzählt über die 1930er-Jahre
Eduard Diem – Leben und Werk
Anfang 1938 wurde es auch im Dorf unruhig. Da und dort war bereits ein Hakenkreuz aufgemalt worden. Ein junger Mann in Begleitung eines Gendarmen musste sie wieder übermalen. Arbeitslose junge Männer suchten in Deutschland um Asyl an, sie wurden gleich zum Reichsarbeitsdienst, einer paramilitärischen Truppe, verpflichtet und danach in die Waffen-SS übernommen. Das erklärt zum Teil, dass 60% der SS aus Österreichern bestand. Deutsche, die seit 1933 nach Österreich geflüchtet waren, mussten sich nach Amerika oder China in Sicherheit bringen.
Zwei Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen beobachtete Edi aus einem Wirtshausgarten eine österreichische Kompanie, die an die tschechische Grenze befohlen worden war. Soldaten sind für Kinder etwas Besonderes, aber Edi hatte noch nie welche gesehen, nur die Feuerwehrmänner in ihren Uniformen. Ein Soldat stand stramm vor einem Offizier und wurde von diesem „zur Sau gemacht“. Dann musste er Strafübungen ausführen, Kniebeugen mit vorgehaltenem Gewehr etc. Eduard verstörte vor allem das entsetzliche Gebrüll des Offiziers.
Am 12. März 1938, es war schon dunkel, klopfte jemand ans Haustor der Diems. Edi ging nachsehen. Einige Männer mit weißen Kniestrümpfen, Lederhosen, Hakenkreuzarmbinden und SA-Kappen wollten seinen Vater sprechen. Er sollte den Fackelzug mit der Trompete anführen. Er lehnte ab und erklärte, dass er in der Kirche, auf Kirtagen, Hochzeiten und Begräbnissen spiele, aber nicht für politische Aufmärsche. Sie drohten und prophezeiten ihm, dass er das noch sehr bereuen werde. Diese Bedrohung seines Vaters durch lauter bekannte Leute hatte Edi noch mehr geängstigt als das Gebrüll des Offiziers und es hatte ihn gegen sie aufgebracht. Solche Momente waren die Wurzel seiner Aversion gegen die Nationalsozialisten.
Als deutsches Militär am Dorfrand auf einer Wiese campierte, wurden Brot und Gulasch verteilt. Die Propaganda stilisierte in dieser Weise die Rettung der Österreicher vor dem Hungertod. Edi war über die rasche Wandlung der Einwohner erstaunt. Hakenkreuzfahnen überall. Die Buben schnitten aus Konservendosen Hakenkreuze, die mit einer Stecknadel an der Kleidung befestigt werden konnten. Das Geschäft ging gut, fast niemand wagte es, den Kauf abzulehnen.
Die Greißlerei der Seidels war gänzlich mit weißer Farbe beschmiert. Am Schaufenster stand „Jude“ zu lesen, an der Tür der Text: „Ariern ist hier das Kaufen verboten“. Eine Nachbarin wollte aus alter Gewohnheit Essig kaufen. Zwei SA-Männer hängten ihr ein Plakat mit der Aufschrift „Ich bin ein deutsches
Der Anschluss
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Schwein und kaufe bei Juden ein“ um. So wurde sie durch das Dorf getrieben. Einer der beiden „Helden“, die das taten, wurde nach dem Krieg Gemeinderat der ÖVP. Beim Fronleichnamsumzug trug er den Baldachin.
Auch die Schule hatte sich total verändert. Der (schon erwähnte) Schulleiter war ein fanatischer Nazi und alles verlief nach rein militärischem Muster. In der Turnstunde standen Marschieren und das Plärren von Landsknechts-Liedern an der Tagesordnung. Bald kam auch das Lied „Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg“ dazu. Der Krieg war also schon fix geplant. In der Kaiserstraße, der jetzigen Reichsstraße, wurden am Schatzberg Panzersperren und entlang der Grenze Bunker gebaut.
Bei den Heimabenden der Hitlerjugend war der Umgangston noch schlimmer geworden als in der Schule. Die Göbbels-Propaganda wurde militärisch aufgearbeitet und Kasernengebrüll, garniert mit wüsten demütigenden Beschimpfungen aus dem deutschen Militärjargon, war an der Tagesordnung. Anfangs wollte Edi dabei sein, aber nach zwei Heimabenden hatte er genug. Da wollte er nicht mitmachen.
Im Dezember 1938 wurde er gezwungen, an einer Ausbildung in einem Zeltlager in den Thaya-Auen bei Laa teilzunehmen. Mit vollgepacktem Rucksack stieg er in den Zug. Vor der zweiten Haltestelle fuhr der Zug sehr langsam. Er sprang ab und ging nach Hause. Seine Mutter fürchtete sich vor Konsequenzen. Jedenfalls wurde er als unwürdig für den Hitlerjugendausweis empfunden und bekam keinen.
An Sonntagen gingen viele ins Kino. Zara Leander, Johannes Heesters und Marika Rökk waren die damaligen Stars. Vor dem eigentlichen Film gab es die Wochenschau mit der Göbbels-Propaganda. Nach der Wochenschau ging das Licht wieder an und die Hitlerjugendführer wollten die Ausweise sehen. Wer keinen dabei hatte, wurde hinausgeworfen. Eine Frisur war mit fünf Zentimetern Haarlänge gerade noch erlaubt. Manche aber widersetzten sich und trugen gepflegte Langhaarfrisuren. Die Schlurffrisur wurde zum Widerstandssymbol.
Es war Vorschrift, jeden mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Das hörte sich an wie „Eitla Eitla“ und zum Abschied „Servas, pfiat di’“. Sonntags zur Messe marschierte die Hitlerjugend vor der Kirche auf und einschlägige Lieder wurden geplärrt. „Volk ans Gewehr.“ Und wieder: „Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg“, „Graue Kolonnen“ und „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt“. Die Eltern in der Kirche stellten sich dabei taub.
Der kerngesunde Fritz Seidel wurde nach Hartheim in Oberösterreich gebracht und bald kam die Todesnachricht. Er war einer der ersten, die in einem Kastenwagen mit Autoabgas umgebracht wurden. Die Leute sagten: „Ah, den ham’s hamdraht.“ Bedauern oder gar Entsetzen waren nicht herauszuhören. Die Nachkriegsbehauptung, von alldem nichts gewusst zu haben, sieht Edi als
Eduard Diem – Leben und Werk
eine nicht aufrechtzuerhaltende Lüge. Auch Dachau war allen ein Begriff.
Ein weiterer für Edi verstörender Moment war der neue Umgang mit den tschechischen Mitbürgern. Viele seiner Nachbarn waren Tschechen, ohne dass ihm das in irgendeiner Weise bewusst gewesen wäre. Doch ein Erlebnis in einem Textilgeschäft in Znaim öffnete ihm die Augen. Hinter dem Pult stand der Besitzer mit seiner Tochter, im Geschäft standen Bauersfrauen, die sich Stoffballen zeigen ließen. Eine der Bäuerinnen wollte einen Ballen aus dem obersten Fach sehen. Der Besitzer bat seine Tochter, den Ballen herunterzuholen, und das tat er in tschechischer Sprache. In dem Moment brüllte eine der Bäuerinnen: „Es Saubehm, jetzt müssts ihr Deutsch reden!“ Auch das Wort „Untermensch“ tauchte auf. Jetzt wurde Edi bewusst, dass er eine tschechische Großmutter hatte.
Die Zigeuner mussten sesshaft werden. Eine Siebmacherfamilie wohnte in Ragelsdorf, deren Sohn saß neben Edi in der Schule. Der Lehrer fand immer einen Grund, ihm mit dem Rohrstock auf die Finger zu schlagen, bis sie bluteten. Wieder einer dieser Momente, die Edi gegen die neuen Verhältnisse aufbrachten. Den Zigeunern war es nicht mehr möglich, mit ihren Sieben durch die Dörfer zu gehen, und den Buben mussten sie in die Schule schicken. Man werde ihm schon nichts tun, dachten sie. Halbwüchsige warfen Steine nach ihm, er lief die zwei Kilometer nach Hause, verfolgt und von Steinen getroffen. Der Haushund rettete ihn schließlich.
Bosniaken waren eine Zeit lang toleriert. Sie wurden nicht rassisch verfolgt und diejenigen, die sich zum Deutschen Reich bekannten, konnten bleiben. Wegen ihrer Herkunft trauten sie sich in der Hitlerzeit aber in keiner Weise zu wehren. Die Kinder bekamen das mit und bestahlen sie in der Folge. Nach ca. eineinhalb Jahren waren sie aus dem Dorf verschwunden.
Die Elektrifizierung im Dorf wurde vorangetrieben. Jeder Haushalt musste ein Radio haben. Bei Hitlerreden war es Pflicht, das Gerät bei voller Lautstärke ins Fenster zu stellen. Die Kinder spielten die Reden nach. Einer stand auf Rebbündelhaufen und parodierte das hysterische Gebrüll des Führers über das 1000-jährige Reich. Es war ihnen nicht bewusst, wie gefährlich das war. Eine junge Frau, die Jugendlichen ermöglicht hatte, amerikanische Jazzplatten zu spielen, wurde angezeigt und in Berlin hingerichtet.
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Edi mit Ball im Jahr 1939
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Unversehens war die Welt mitten im Krieg. Männer mussten zum Militär und den Bauern wurden die ersten polnischen Zwangsarbeiter zugeteilt. Später kamen französische und jugoslawische Kriegsgefangene hinzu.
Als in Jetzelsdorf die Lebensmittelkarten eingeführt wurden, sollte sie Edi aus dem Gemeindeamt holen. Mit einem „Grüß Gott“ betrat er die Gemeindestube. „Heil Hitler heißt das!“, brüllte der Gemeindesekretär. Edi blieb stumm. „Für dich gibt es heute keine Karten mehr“, beschied der Sekretär, als Edi an der Reihe war. Dieser Gemeindesekretär hatte auch die Gewohnheit, einmal in der Woche die Zwangsarbeiter mit einer Reitpeitsche zu verprügeln. Anlass oder Vorwand: „Es ist verboten, slawische Lieder zu singen!“
Bald nachdem begonnen wurde, die Juden in das KZ einzuweisen, sah Edi einen Lastwagen vor der Greißlerei stehen. Edi war gerade auf dem Weg zur Schule. Auf den Lastwagen wurde eine Kiste aufgeladen. Frau Seidel hatte sich umgebracht.
Edis Vater war unter denjenigen, die schon mit Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Seine militärische Ausbildung hatte er in Payerbach/Reichenau absolviert, dann wurde er am Militärflughafen Seyring bei Wien eingesetzt. Bei Materialtransporten traf er am Ostbahnhof auf jüdische Zwangsarbeiter, darunter waren auch die männlichen Seidels. Mit ihnen zu reden war streng verboten, die Verständigung blieb auf Blickkontakte beschränkt. Überall klebten Hetzplakate gegen Juden und Plutokraten, womit die Juden in England und Amerika gemeint waren. Zeitungen wie „Der Stürmer“ veröffentlichten böse Karikaturen. Edis Vater hinterlegte Esspakete an Stellen, wo sie die Seidels finden und an sich nehmen konnten. Später kamen alle Seidels im Konzentrationslager um. Nur ihr Sohn Rudolf konnte mit dem zusammengelegten Geld der ganzen Sippe nach England auswandern.
Der traurige Abschied vom Vater am Bahnhof ist Edi noch in lebhafter Erinnerung. Seiner Schwester Grete fiel der Abschied besonders schwer, denn sie war wegen ihrer Zartheit vom Vater besonders verwöhnt worden. Es war zum Ritual geworden, dass er sie abends in der Küche auf dem Arm trug, ein Lied sang und allerhand Späße machte.
Nach einiger Zeit gewöhnten sich die Kinder daran, dass ihr Vater nicht mehr da war. Auch die beiden Onkel Edis waren eingerückt. Edi empfand sogar kurz einen Anflug von Erleichterung über die Abwesenheit seines Vaters, denn dieser hatte ihm das Spielen der Trompete beibringen wollen. Das blieb ihm jetzt erspart. Die Mütter waren mit Arbeit überlastet und niemand war zu Hause, wenn die Kinder aus der Schule kamen.
Die Kriegszeit
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Straßenbau im Jahr 1942
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Die Kinder waren somit meist auf sich allein gestellt und wurden immer selbstständiger. Sie hatten viel Zeit zum Spielen, wobei Buben und Mädchen verschiedenen Alters aus der Nachbarschaft zusammenkamen. Oft konnten die Jüngeren nicht nachvollziehen, was zwischen den Älteren vorging. Das mag auch an der von den Eltern vermiedenen sexuellen Aufklärung gelegen haben.
Mit dem allmählichen Einsetzen der Pubertät veränderte sich auch bei den jüngeren Buben der Umgang mit den Mädchen. Es erhob sich eine Mischung aus seltsamer Befangenheit, Neugier und Unruhe. Zu dieser Zeit hatte es sich ergeben, dass Edi mit einem Freund und zwei Mädchen aus der Nachbarschaft fast jeden Tag auf einem Holzstoß in ihrer Gasse saß. Wegen dieser Gewohnheit wurden sie sogar in der Schule gehänselt.
Eines Tages, die Kamillen am Straßenrand dufteten betörend, beschloss das Quartett, sich auf einer Wiese in die Sonne zu legen. Das Gras und das Schilf waren bereits hoch gewachsen. Ohne sich abzusprechen teilte sich die Gruppe und so lagen Eduard und das Mädchen nebeneinander im Gras. Sie lauschten den Zikaden, sprachen nicht viel und taten nichts. Nach etwa einer Stunde gingen sie zum Holzstoß zurück. Die beiden anderen standen am Weg dorthin und zankten sich. Das Kleid des Mädchens war zerrissen. Wirklich böse schien sie deswegen aber nicht gewesen zu sein, sie schien es eher wie eine Auszeichnung getragen zu haben.
„Karl wollte mich unbedingt nackt sehen und bei der Balgerei ist mein Kleid zerrissen“, erzählte das Mädchen ihrer Freundin später, als sie allein waren.
„Und was habt ihr gemacht?“, wollte sie von Edis Begleiterin wissen.
„Wir haben es getrieben!“
Edi war baff, als er das erfuhr. Von nun an wurde immer in Zweideutigkeiten gesprochen, wenn die Vier zusammen waren. Bald fand diese Behauptung als Gerücht auch den Weg in die Schule. Eine alte Frau, die an den vier Kindern auf dem Holzstoß vorbeiging, schimpfte etwas von „verdorbener Jugend“. Machte das Gerücht nun schon die Runde durch das ganze Dorf?
Durch diese Art von Gruppendynamik wuchs aber in gewisser Weise in den beiden der Zwang, „es wirklich zu tun“. Mit einer Decke unterm Arm gingen sie an einem Sonntag Nachmittag wieder zur Wiese und suchten eine Stelle im dichten Schilf. Sie lagen beklemmt nebeneinander und konnten kaum sprechen. Sie zogen sich aus, sie lag am Rücken und Edi kniete neben ihr. Ihre Augen flackerten vor Angst. Eduard konnte nur mühsam seine Erektion in der Turnhose, die er noch anhatte, verbergen. Die Sonne schien grell auf den weißen Mädchenkörper mit den blonden Locken, den blauen Augen und den kleinen Brüsten mit den rosa Warzen. Edi sog diesen Anblick in sich ein. Erstaunlicherweise war das kleine Büschel Schamhaare dunkel, fast schwarz. Die beiden verharrten eine kleine Ewigkeit in Verlegenheit,
Eduard Diem – Leben und Werk
keiner brachte ein Wort heraus. Es gab auch keine Berührung des anderen. Schließlich flüsterte sie:
„Wir sollten es verschieben, hier ist nicht der richtige Ort.“
Und dann: „Ich weiß nicht, warum ich gesagt habe, dass wir es schon getan haben. Bitte sei mir deswegen nicht böse.“
Sie zogen sich an und gingen nach Hause. Ab diesem Tag wichen sie einander aus. Die Romanze zweier 14-Jähriger war zu Ende.
Auch die Schulzeit näherte sich dem Ende. Dass sich im letzten Schuljahr Edis Leistungen verschlechterten, hatte aber nichts mit Mädchen zu tun. Auf dem Dachboden des Diem’schen Hauses hatte er einen Schrank geöffnet, der als absolut tabu für Kinder galt. Er enthielt ganz Stöße von Musiknotenblättern, die meisten waren handgeschrieben. Es handelte sich um zugekaufte Noten bekannter Schlager aus den 1930er-Jahren. Eine Sammlung Kabarettistisches mit teilweise sehr gewagten Witzen war ebenfalls darunter, ebenso vorwiegend mit der Hand geschrieben. Es fanden sich auch etliche Bücher, darunter ein medizinisches – das interessierte Edi jedoch weniger, denn er wusste schon vieles von den Schweineschlachtungen – und eine vaterländische Bilderchronik mit vielen guten Illustrationen und fürchterlich verlogenen Texten. Ein Buch begeisterte Edi besonders: „Die Kunst der Renaissance“. Er besorgte sich Farben und kopierte die Abbildungen. Jetzt stand es fest: Er wollte Maler werden. Im Unterricht wurde er unaufmerksam und kritzelte ununterbrochen herum.
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Eduard mit 14 Jahren
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Mit 14 Jahren standen die Buben dieser Zeit aber noch vor ganz anderen Herausforderungen. Unter anderem wurden geeignete Schüler für ein paramilitärisches Gymnasium gesucht. Für sie war es bestimmt, nach einer Ausbildung zum Agrarexperten als Wehrbauern an der polnischen Grenze eingesetzt zu werden. Ein Parteigenosse gab der Familie einen Tipp: Mit einer Lehrstelle würde Edi in Ruhe gelassen werden. Edi fand eine Stelle bei der Modelltischlerei Grüger in der Seitenberggasse im 16. Wiener Gemeindebezirk. Doch drei Wochen vor Antritt der Stelle wurde die Werkstatt ein Raub der Flammen. Mit einer Lehrstelle beim Textilhändler Anton Stift in Haugsdorf konnte ein Ersatz gefunden werden. Herr Stift hatte im selben Haus auch einen Lebensmittelhandel, den seine Tochter führte. Die Arbeitszeit war von 7 bis 19 Uhr mit zwei Stunden Mittagspause. Samstags war schon um 15 Uhr Schluss. Am Donnerstag Nachmittag war das Geschäft zu und es mussten Lagerarbeiten erledigt werden. Es gehörten aber auch Gartenarbeiten oder das Ausschöpfen der Senkgrube zu Edis Aufgaben.
Edi hatte eine gute Hand zum Dekorieren der Schaufenster. Zwischen Textilien, Sparherden ähnlich Blechdosen etc. mussten zu gegebenem Anlass auch eine Hakenkreuzfahne und ein Hitlerbild hängen.
Alle Väter waren beim Militär. Es konnten 10 oder 12 Wochen vergehen, ehe endlich ein Lebenszeichen von ihnen kam. Meist war es ein Brief, der wegen der Zensur keinerlei Auskünfte über
Eduard mit 15 Jahren. Er und seine Freunde kleideten sich zu dieser Zeit betont zivil, gerne mit weißem Schal und Krawatte nach dem Vorbild Johannes Heesters. Das sollte als ein Zeichen der Opposition oder als Protesthandlung verstanden werden.
Eduard Diem – Leben und Werk
die Situation gab, in der sich die Absender befanden. An den Fronten gab es längst nur mehr Rückzugsgefechte. Die Propagandamaschinerie überschlug sich mit behaupteten Erfolgen an der Front und mit Durchhalteparolen. Sollten die Russen siegen, würden sie mit den deutschen Köpfen die Straßen pflastern.
Ein Soldat, der in der Ukraine schwer verwundet worden war, durfte einen Genesungsurlaub zu Hause verbringen. Er erzählte Edi und seinen drei Freunden, was beim Rückzug der Truppen wirklich passierte. Brücken, Dörfer, Bahnstrecken würden zerstört. Die Einwohner würden in die Kirchen gesperrt und diese angezündet. Ein Kleinkind mit dem Kopf an den Baumstamm zu schlagen, fiel unter „Partisanenbekämpfung“. „Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich gleich tödlich getroffen worden wäre“, dachte sich der befreundete Soldat immer wieder.
Vor dem Kriegerdenkmal im Ort häuften sich die Heldenfeiern. „In stolzer Trauer“ mussten die Angehörigen die Rede des Gauleiters anhören. Der Krieg war bereits verloren, die russischen Zwangsarbeiter wussten das aber besser als die lokale Bevölkerung. Woher die Zwangsarbeiter ihre Informationen hatten, blieb aber ein Rätsel. Je größer die Verluste an der Front wurden, umso hysterischer wurde das Geschrei vom Endsieg.
Die HJ-Führer waren fleißig im Einsatz. Je eifriger sie waren, um so schneller gelang der Aufstieg in der Partei. Die Jugendlichen der Gegend spielten gerne Katz und Maus mit ihnen. Die alten und unbeleuchteten Personenzüge waren dafür besonders geeignet. Über ihre äußeren Trittbretter konnte man flink den Waggon wechseln. Das führte zu etlichen Scharmützeln.
Nachts versank das Land in totaler Finsternis. Ein Fenster, das nicht abgedunkelt war, konnte ein Signal für Bombenflieger sein und der Verantwortliche wurde bestraft. Es war von Vorteil, auch tagsüber vorsichtig zu sein. Als Edi einmal zu Mittag durch den Park ging, flog ihm aus dem Gebüsch heraus ein faustgroßer Ziegelbrocken auf den Kopf. Die Wunde musste genäht werden.
Aber die Buben, in diesem Fall waren das Edi und seine drei Freunde, waren nicht vorsichtig genug, auf ihre Art leisteten sie sogar Widerstand. Dass es so etwas wie Widerstand gegen die Nazis überhaupt gab, wurde Edi und seinen Freunden erst mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 bewusst. Da gab es auch schon Diskussionen, ob zuerst die Russen oder die Amerikaner da sein würden, und wie man sich dann verhalten sollte. Aber das dauerte den vier Freunden zu lang.
Der Widerstand der Jugendlichen war sehr unterschiedlich. Über den Lagerhausverwalter etwa schimpfte man, weil er die Frauen drangsalierte, ehe er endlich die Waren herausgab. Für alles und jedes gab es einen Bezugsschein. Es dauerte drei Monate, bis eine Frau Fensterglas bekam. Die vier Freunde beschlossen zu testen, wie lange wohl er auf Fensterglas warten müsste. An einem eiskalten Novembertag schlugen sie ihm alle Fenster ein. Ein andermal stellten sie die Bahnsignale, die damals noch manuell bedient werden mussten, auf Rot. Sie dachten, damit den Nachschub an die Ostfront zu verlangsamen.
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Die Freunde vermieden es zunehmend, sich in der Öffentlichkeit gemeinsam zu zeigen. Da konnte es dann auch zu nicht abgesprochenen Einzelaktionen kommen. Einmal war im Dorf eine Truppe zur Erholung einquartiert. Die Panzerabwehrgeschütze waren im Gasthausgarten abgestellt. Die Soldaten waren sorglos und es gab keine Wache. Edis drei Freunde ruinierten eines Nachts alle Panzergeschütze. Das war eine Woche vor Weihnachten.
Am 25. Dezember 1944 wurden alle Vier von Gendarmen des Postens in Haugsdorf verhaftet. Der ältere Postenkommandant verhörte nach Vorschrift, der jüngere jedoch mehr nach Gestapomethoden. Er war der Prügler. Von beiden wird später noch die Rede sein. Die Buben wurden einzeln verhört, um sie gegeneinander ausspielen zu können. Edi war aber gar nicht in der Lage, etwas zur Aufklärung beizutragen oder gar etwas zuzugeben, denn seine Freunde hatten ihn über ihren Sabotageakt noch gar nicht informiert.
Edi wurde noch am Abend freigelassen. Entweder wurde ihm seine Unschuld geglaubt oder die Gendarmen ließen ihn in der Hoffnung frei, dass er durch seine Unvorsichtigkeit andere Widerstandsnester verraten würde. Davon soll es in Haugsdorf mehrere gegeben haben. Jedenfalls fühlte sich Edi in den folgenden Tagen permanent beobachtet. Edis Freunde kamen in den Gemeindearrest, am nächsten Tag sollten sie in das Bezirksgericht Korneuburg überstellt werden, doch sie schafften es, aus dem Haugsdorfer Gemeindearrest auszubrechen und sich zu verstecken. Bei eiskalten Temperaturen bis zu minus 18 Grad hielten sie sich die meiste Zeit in einem Strohhaufen versteckt. Offensichtlich wurden sie von jemandem versorgt, doch nach drei Wochen waren sie am Ende und stellten sich. Diesmal kamen sie nach Korneuburg und sollten in ein KZ gebracht werden, doch während der Überstellung gerieten sie in einen Fliegerangriff und konnten neuerlich flüchten. Jetzt schafften sie es, bis zum Kriegsende im Untergrund zu leben.
In diesem Winter musste Edi zu einer militärischen Ausbildung nach Altlengbach einrücken. Am 29. Dezember war es soweit. Die Truppe hieß Panzerjagdkommando. Sie sollten mit der Panzerfaust den Panzer zwischen Rumpf und Turm treffen. Die Treffsicherheit war bis zu einer Entfernung von maximal 20–25 Metern gegeben. Eine andere Möglichkeit war es, sich „überrollen“ zu lassen und eine Haftmine an der Unterseite des Panzers anzubringen. Die Truppe wurde mit erbarmungsloser Härte gedrillt. Sie lernten auch, wie man das Bajonett umdrehen muss, wenn man es einmal in den Gegner gestoßen hat. Zur Umerziehung gab es auch politischen Unterricht. Die Rekruten mussten alle wichtigen Daten der nationalsozialistischen Bewegung herunterleiern können. Sie wurden über Plutokraten, Kommunisten und Bolschewisten aus nationalsozialistischer Sicht unterrichtet.
Untergebracht waren die Burschen in Holzbaracken und die Verpflegung war miserabel. Sie bestand hauptsächlich aus Kartoffeln und sauren Rüben. Das war so ähnlich wie Sauerkraut und Brot. Auch daran merkte man schon deutlich, dass der Krieg
Eduard Diem – Leben und Werk
verloren war. Die Wasserleitung war eingefroren, daher musste das Wasser aus dem Bach geholt werden. Der war allerdings ebenfalls gefroren und das Eis musste aufgehackt werden. Der Weg zur Latrine (Gemeinschaftsdonnerbalken) führte über den Exerzierplatz.
Unter diesen erbärmlichen Bedingungen hatte Edi auch begonnen, zu rauchen. Die Zigaretten waren Teil der Verpflegung und man rauchte sie, um die schlechten Verhältnisse, vor allem den Hunger, zu übertauchen. Erst in seinen 50er-Jahren konnte sich Eduard schließlich von dieser Abhängigkeit lösen.
Im März 1945 durfte Edi für ein paar Tage nach Hause und dann sollte er sich beim Militärkommando in Hollabrunn melden.
Als Edi wieder zu Hause war, fuhr um 8:30 Uhr in der Früh ein schwarzes Auto vor das Haustor. Zwei Männer stiegen aus. Sie trugen schwarze Ledermäntel und schwarze Hüte. Edi wusste gleich: Das ist die Gestapo. Er wurde verhaftet. Seine Tante Mizzi, die im Haus wohnte, um einer Zwangsverpflichtung zur Arbeit in einem Wiener Rüstungsbetrieb zu entgehen und wohl auch, um vor den Bomben sicher zu sein, wagte es nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Edi hatte eine Taschenuhr mit einem modischen Anhänger. Der zweite Gestapomann sagte zu seiner Tante: „Die Uhr sollte er dalassen, damit Sie einmal ein Andenken an ihn haben“. Dann kam Edis Mutter dazu. „Wenn ihr mir den Sohn auch noch nehmt ... mein Mann hat seit fünf Monaten nicht geschrieben, wer weiß, ob er noch lebt. Mich freut der ganze Krieg nicht“. Darauf der Gestapomann: „Ein Wort noch und Sie gehen auch durch den Rauchfang“.
Die Fahrt führte direkt zur Gestapozentrale in Znaim. Sie war in einem Haus am steilen Ufer zur Thaya untergebracht. Das Verhör begann sofort, einige Minuten vor 9 Uhr. Das war am 12. März 1945. Um einen großen Tisch saßen ein Protokollschreiber und noch drei andere. Einer der Beisitzer spielte mit einer Pistole. Edi wurde zahlreicher Delikte beschuldigt, die Zeugen angeblich bestätigt hatten. Unter anderem waren das Aussagen von 10-jährigen Pimpfen. Edi bestritt jeden Vorwurf. Als das Verhör zu stocken begann, kam der Capo mit einer rostigen Tapeziererschere und schnitt Edi die Haare ab. Er hatte längere Haare als erlaubt. Sein Kommentar: „Schade um die schöne Schlurffrisur, dafür kommst du in eine Sechserzelle. Lauter schwere Brüder. Die freuen sich auf so ein Geschenk wie dich.“ In einem Nebenraum mussten zwei junge Frauen mit dem Gesicht zur Wand stehen und durften sich nicht ansehen. Sie hatten absolutes Sprechverbot. Zwei Mal wurden sie wegen Missachtung dieser Vorschriften brutal verprügelt. Möglicherweise war dies eine Aktion, um Edi weichzumachen. Erstaunlicherweise wurde er selbst nicht verprügelt.
Am Nachmittag hatte Edi den erlösenden Einfall: Der Kommandant sollte Edis Lehrherren Anton Stift anrufen. Der konnte ja bezeugen, dass er zur fraglichen Zeit im Geschäft gearbeitet hatte. Herr Stift war vor dem Anschluss ein illegaler Nazi, erst
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dann dürfte er sich verändert haben. Er engagierte sich in keinster Weise mehr und war bei keinem nationalsozialistischen Anlass anwesend.
Die Männer machten sich Notizen und zwei von ihnen gingen dann ins Nebenzimmer. Die paar Minuten, die Edi jetzt warten musste, hatte er die größte Angst. Was würde als nächstes passieren? Schließlich sollte Edi das Protokoll unterschreiben. Er weigerte sich mit der Begründung, dass alle Anschuldigungen falsch wären. Und man müsse das Militärkommando in Hollabrunn verständigen, denn übermorgen müsse er in der Kaserne sein. Dann kam die Erlösung: Sie warfen ihn nicht ins Gefängnis, sondern hinaus. Herr Stift dürfte Edi tatsächlich entlastet haben. Das Verhör hatte bis 15:30 Uhr gedauert.
Edi ging Richtung Bahnhof und war froh, dass er und seine Freunde mit den vorgeworfenen Taten nicht in Zusammenhang gebracht werden konnten. Allerdings war es leicht, damals straffällig zu werden, denn schon das Abhören von Feindsendern und die Weitergabe von Nachrichten an Zwangsarbeiter reichten für das KZ.
Zwei Schritte hinter Edi ging ein etwa 10-jähriger Junge. Er fragte Edi, ob er seinen Vater im Gestapogefängnis gesehen hatte. Immer die zwei Meter Distanz haltend, erzählte er, dass sein Vater vor drei Monaten verhaftet worden war. Seither gab es kein Lebenszeichen von ihm. Der Bub blieb immer in der Nähe des Gestapohauses, um etwas über seinen Vater zu erfahren.
Es war etwa ein halbes Dutzend Rekruten, die gleichzeitig mit Edi den Zug nach Hollabrunn in die Kaserne nehmen wollten. Doch der Zug verkehrte nicht und sie berieten, was zu tun wäre. Der Ortsgruppenleiter organisierte ein Lastauto aus der Essigfabrik. Das Auto war schon für die Flucht umgebaut und über der Ladefläche schwebte eine Dachkonstruktion aus Perserteppichen.
Der ältere Herr, der im Hollabrunner Militärkommando Edis Papiere durchsah, fragte, wo er in die Volksschule gegangen war und ob sein Lehrer Grünauer geheißen hatte. Dann sagte er ganz leise, dass dieser 1938 verhaftet und umgebracht worden war. Es war sein Sohn gewesen. Er flüsterte Edi zu: „Und was machen Sie noch hier?“
Den Rekruten standen zum Exerzieren ganz alte 98er-Karabiner zur Verfügung. Die Gewehre waren länger als die moderneren. Die Ausbildungen fanden im Wald und auf den schneematschigen Äckern statt. Wer zimperlich war, dem wurde schon einmal auf den Rücken oder auf den Stahlhelm getreten. Wieder in der Kaserne musste die Uniform gereinigt werden. In den Baracken wimmelte es von Wanzen. Zwei Stunden nach dem Mittagessen musste zum Appell angetreten werden. Edis Füße waren kurz vor dem Erfrieren.
Zwei Tage bevor die Truppe nach Gratzen bei Böhmisch-Budweis verlegt wurde, bekam sie neue Gewehre für die Schießübungen. Die Gewehrkolben aus Holz waren nicht einmal ordentlich poliert und gebeizt. Beim Schießen stellte sich heraus, dass etwa
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25% der Gewehre wegen Ladehemmung unbrauchbar waren. Es gab eben auch in der Waffenfabrik Widerstandskämpfer. Am Abend des nächsten Tages marschierte die Truppe in die Gendarmerie-Kaserne zur Abschiedsveranstaltung. Sie fand in einem großen Saal mit Bühne statt. Nach einer kurzen Rede, in der den jungen Soldaten ihre Einsatzbereitschaft attestiert wurde, trat ein Männerchor auf. Es muss ein berühmter Chor gewesen sein und den Text merkte sich Edi bis heute: „Rebellen, sie haben das Gestern vergessen, sie bauen das Morgen vom Glauben besessen. Vom Glauben ans ewige Reich!“ Edi war tief beeindruckt, er dachte aber, dass der Text eigentlich besser zu Nazijägern passen würde.
Am nächsten Vormittag traten die Rekruten auf dem Appellplatz an. Die Angehörigen durften am Rand des Exerzierplatzes dabei sein. Es waren viele Mütter, die mit Fahrrädern gekommen waren. Der Hauptmann hielt eine Rede. Zuerst sprach er über die unbezwingbare Wehrmacht und über die deutsche Lufthoheit. Doch über ihnen kreisten russische Aufklärungsflugzeuge und eine Woche vorher hatte es einen Angriff auf einen Zug am Bahnhof gegeben. Dann ging es weiter mit Drohungen. Wörtlich: „Wenn jemand glaubt, fahnenflüchtig zu desertieren, oder wenn jemand einen Deserteur versteckt oder unterstützt, gibt es keine Gnade. Wir haben schon Übung darin, standrechtlich zu hängen oder zu erschießen.“ Nach der Rede durften die Rekruten abtreten und sich von den Angehörigen verabschieden. Auch Edis Mutter war mit dem Fahrrad gekommen. Bald war der Exerzierplatz leer, doch Mutters Fahrrad war weg. Stattdessen stand ein fremdes Rad da. Sie wandte sich wegen ihres Rades an einen Offizier. „Ach, nehmen Sie eben das“, meinte er.
Als sich die jungen Männer in den Stuben marschbereit machten, kamen zwei ihrer Unteroffiziere und entschuldigten sich für die Quälereien. Einer bat, ihnen nicht in den Rücken zu schießen. Es war unwahrscheinlich, dass dies wirklich jemand vor hatte, aber allen war klar: In dem Regime hatte jeder vor jedem Angst. Viele dachten nur daran, bei der günstigsten Gelegenheit selbst in Gefangenschaft zu gehen.
Mit Militärmannschaftswagen ging es nach Gratzen bei Böhmisch-Budweis. Dort war auf wundersame Weise die gesamte Offizierscrew samt Ausbildnern ausgetauscht worden. Die Unterkünfte waren von Polen gebaute Erdlöcher direkt am Rand eines Sumpfgebietes. Die Holzpritschen standen fünf Zentimeter über dem Grundwasserspiegel. Als Verpflegung gab es Kaffee, etwas Brot und Rübensuppe. Die Moral war schlecht und es gab Soldaten, die in den Bauernhöfen Eier „requirierten“. Die Tschechen wagten es nicht, etwas zu sagen.
Ein Unteroffizier, den Edi aus seiner ersten Ausbildungszeit kannte, wunderte sich, ihn hier anzutreffen. Er hatte es irgendwie geschafft, sich gültige Marschpapiere zu verschaffen und war auf dem Weg nachhause nach Tirol. Er meinte, der Krieg könne
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vielleicht noch eine Woche dauern. Nach ein paar Tagen in Gratzen begannen Edi und drei seiner Kameraden, das umliegende Sumpfgebiet zu erkunden. Von den Einheimischen erfuhren sie von einem Weg durch den Sumpf, der nur ihnen bekannt und nicht befahrbar war. Die Gruppe entschloss sich, durch den Sumpf zu verschwinden. Der beste Zeitpunkt für eine Flucht war nach dem Morgenappell mit Befehlsausgabe. Am 19. April 1945 war es soweit, Edi und seine Kameraden wurden zu Deserteuren. Im Magen hatten sie das Frühstück aus Kaffeeersatz und einer Schnitte Brot.
Nach der Durchquerung des Sumpfgebietes blieben die Ausreißer so gut es ging auf Wegen in den Wäldern. Die Brücke über die Schrems wurde von der Militärpolizei kontrolliert und sie mussten weiträumig ausweichen. Bei einem Bauernhof trafen sie auf einen jungen Burschen. Er war geistig behindert und schwärmte vom Militär. Edi tauschte seine Uniformjacke gegen dessen Bauernjoppe.
Später trafen sie fünf Soldaten, die sich nach Westen absetzten. Diese konnten nicht verstehen, dass sie der Front entgegen gingen. Aber die Vereinbarung war, bei Feindberührung und günstiger Gelegenheit sofort in Gefangenschaft zu gehen. In der Nacht erreichten sie Sigmundsherberg. Hier waren hunderte Menschen – meist Flüchtlinge – zusammengekommen. In dem Trubel fühlten sich die Flüchtlinge sicherer. Im Bahnhof stand ein Lazarettzug, er war vollkommen leer. Die Besatzung war im ersten Waggon. Die Vier beobachteten den Zug und als er losfuhr und sich niemand um die hinteren Waggons kümmerte, sprangen sie etwas außerhalb der Station auf den letzten Waggon auf. Außen gab es ein Trittbrett. Sollte jemand nach hinten kommen, wollten sie sich auf der anderen Seite verstecken. So kamen sie unentdeckt bis Zellerndorf. Da es bald hell wurde, gingen sie zu Fuß weiter. Der Erste von ihnen war in Pfaffendorf zu Hause. Die anderen beiden waren aus Haugsdorf. In Pfaffendorf beschlossen sie, getrennt weiter zu gehen. Edi schlich den Mühlbach entlang nach Jetzelsdorf. Zuerst fielen ihm die Bombenschäden an den Häusern auf. Davon hatte er bis dahin keine Ahnung gehabt.
Plötzlich hörte er Stimmen von der Kellertrift her. Er warf sich schnell in die Brennnesselstauden. Es waren der Ortsgruppenleiter und die Wirtin, in deren Gasthof die SS-Einheit untergebracht war. Hätten sie ihn entdeckt, wäre das sein Tod gewesen. Zu Hause war das schwere Haustor vom Luftdruck einer Bombe ausgehängt. Alles war von Staub und Glassplittern bedeckt, aber das Haus stand. Das 350 Jahre alte Haus mit seinen Wänden aus Lehm und Stroh und ganz ohne Lehmziegel hatte dem Angriff standgehalten. Und das, obwohl ein 1,5 Meter tiefer Bombentrichter nur 25 Meter entfernt lag. Im Inneren des Hauses war nur der schwere Bronzeleuchter auf das Bett gefallen. Nicht einmal das Glas war kaputt.
Eduard Diem – Leben und Werk
Edi räumte die Mörtelbrocken aus dem Bett und schlief sofort ein. Zu Mittag kam seine Mutter nach Hause. Die beiden hatten sich natürlich viel zu erzählen und die Unterhaltung dauerte bis in die Nachtstunden. Um Mitternacht schlichen sie zur Kellertrift. Vor einigen Monaten hatten die Dorfbewohner begonnen, in den Weinkellern zu schlafen, denn sie boten den besten Schutz vor Bombenangriffen. Der Diem’sche Weinkeller wurde jetzt zu Edis Versteck. Darin gab es kein elektrisches Licht und kein Klosett. Edi hob eine Grube aus und bedeckte die Exkremente mit Sand. Trotzdem stank der Keller bald fürchterlich. Regelmäßig nach Mitternacht kam Edis Großvater und brachte etwas zu essen. In dieser freiwilligen Dunkelhaft verbrachte Edi etwa drei Wochen.
Jeder Dorfbewohner war eine Gefahr für ihn. Als Kontakt zur Außenwelt hatte er einen Nagel aus der Tür gezogen, durch das Loch konnte er auf die Straße sehen. Dort patrouillierte die Militärpolizei und er konnte beobachten, wie sie zwei Soldaten kontrollierte und verhaftete. Die Militärpolizei war in dem Gasthaus einquartiert, in dem sich auch die Fleischhauerei befand. In dessen Gastgarten hatten Edis Freunde die Panzerkanonen zerstört (siehe → Seite 47).
Eines nachts hörte Edi Explosionen. Er wagte sich hinaus und schlich zwischen Akaziensträuchern zu einem Aussichtspunkt. Die Explosionen waren Bomben, die in der 18 Kilometer entfernten Stadt Znaim explodierten. Wie er später erfuhr, wurde auch das Krankenhaus getroffen. Ein junges Mädchen erlitt Verletzungen durch Granatsplitter und erblindete. Nach der Vertreibung der Sudetendeutschen lebte dieses Mädchen eine Zeit lang in Jetzelsdorf.
Am Vormittag des 8. Mai 1945 hörte Edi neuerlich Detonationen. Er spähte durch das Loch in der Tür und sah Militärfahrzeuge auf der Flucht nach Westen. Kurz darauf hörte er zwei laute Detonationen und dachte gleich an die Sprengung von Brücken, um den Russen den Vormarsch zu erschweren.
Edi wartete etwa eine halbe Stunde und wagte sich dann auf die Straße. Dort waren nur einige Leute zu sehen und diese blickten misstrauisch zu ihm herüber. Dann sah er Herrn Fleischmann, den Bürgermeister der Jahre vor 1938, und den „langen Fiedler“, von ihm kannte er nur diesen Spitznamen, mit einer weißen Fahne auf die Straße treten. So wollten sie den russischen Truppen entgegengehen. Trotz der Tragik und der über allem schwebenden Angst barg diese Szene doch eine gewisse optische Komik: Der Bürgermeister war klein und dick, der Fiedler lang und dünn, und die lange Fahnenstange in Fiedlers Händen unterstrich diesen
Das Kriegsende
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Der lange Fiedler
und der Bürgermeister
mit der weißen Fahne.
Skizze mit Fineliner
auf A4-Papier, 2022
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Unterschied noch mehr. Doch die beiden waren die einzigen, die nicht zu feige waren, den Russen entgegenzugehen. Der lange Fiedler tat es freiwillig, der Bürgermeister hingegen musste es tun. Allerdings war das die einzige Aktivität des ehemaligen Bürgermeisters, die Edi während des ganzen Sommers auffiel.
Die ängstliche Anspannung stieg ins Unermessliche, doch die Russen kamen erst am frühen Nachmittag. Diszipliniert und in Formation marschierten sie den Berg durch die Kellertrift herunter, den Blick geradeaus gerichtet, die Kalaschnikow-Maschinenpistolen schussbereit. Seitlich wurde die Formation von einem Offizier begleitet. Mittlerweile hatte sich fast die ganze Bevölkerung in der Kellertrift versammelt, das Dorf selbst war wie ausgestorben. Die Menschen standen mit weißen Tüchern und Trinkwasser vor den Kellern, der Bürgermeister und der lange Fiedler mit der weißen Fahne gingen den Russen entgegen. Außer dem Stampfen der Soldatenstiefel war nichts zu hören, auch keine menschliche Stimme. Dem bangen Warten folgte jetzt eine sehr kurze Begegnung: Die beiden Fahnenträger wurden zur Seite gedrängt, das angebotene Trinkwasser wurde nicht beachtet. Ohne anzuhalten marschierte die Truppe weiter und war bald wieder außer Hör- und Sichtweite.
Sprachlos sahen sich die Menschen in der plötzlich eingetretenen Totenstille an, einige starrten unvermindert auf Edi. Der hatte sich mittlerweile gewaschen. Die Leute begannen zu tuscheln
Der lange Fiedler
und der Bürgermeister
mit der weißen Fahne vor den einmarschierenden Russen. In der Mitte Karl Heigls Weinkeller.
Skizze mit Fineliner
auf A4-Papier, 2022
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und wirkten feindselig, hielten aber Abstand und vermieden eine Begegnung mit ihm. Nach den drei Wochen in der Dunkelheit des Kellers musste Edi trotz der gründlichen Reinigung schrecklich ausgesehen und wohl auch noch gestunken haben. Der Keller stank jedenfalls noch ein halbes Jahr danach. Hauptsächlich mieden ihn die Leute aber nicht wegen des Geruches, sondern wegen seiner Flucht. Als Deserteur war er an der Niederlage mitschuldig.
Für die Dorfbewohner war diese Niederlage erst jetzt offenkundig geworden, denn in den letzten Monaten war keinerlei Information über den Kriegsverlauf bis zu ihnen vorgedrungen. Im Jänner hatten sie alle Radioapparate abliefern müssen und niemand hatte es gewagt, sein Radio zu verstecken. Ungehorsam hätte eine Verurteilung wegen Hochverrats zur Folge gehabt. Die Frau aus Pulkau, die verraten und in Berlin hingerichtet wurde, war noch allen in lebhafter Erinnerung. Sie hatte in ihrer Wohnung zwei Burschen amerikanische Schallplatten spielen lassen.
Nicht wenige meinten angesichts der jetzt offenkundigen Niederlage, man hätte den Krieg gegen Russland gemeinsam mit den Amerikanern führen sollen.
Nach dem Durchmarsch der Russen gingen die Leute wieder in ihre Keller, wo sie seit den Bombardierungen hausten. Doch die Hoffnung, dass damit das Schlimmste überwunden war, erwies sich bald als verfrüht. Abends, als es dunkel wurde und die Leute sich bereits in den Kellern verbarrikadiert hatten, kamen die Russen zurück. Energisch forderten sie, die Türen zu öffnen. Alle Keller wurden nach deutschen Soldaten durchsucht und die Uhren abgenommen. Dann begannen die Vergewaltigungen.
Im großen Keller der Familie Hebenstreit waren etliche Familien mit Frauen und Kindern und vier Männer untergebracht. Die Männer inklusive Edi mussten sich im Kellerabgang aufstellen. Ein Soldat hielt sie mit der MP in Schach und etwa zehn Russen gingen in den Keller hinunter. In einer Nische, etwa zwei Meter von den Männern entfernt, wurde eine junge Frau von mehreren Russen hintereinander vergewaltigt. Neben Edi stand ein Arbeiter aus der Floridsdorfer Lokomotivfabrik. Er jammerte und fluchte, sodass der Bewacher nervös wurde.
Wie lange diese Gewaltorgie dauerte, konnte Edi nicht sagen, denn er hatte jedes Zeitgefühl verloren, aber es sollen etwa zwei Stunden gewesen sein, dann zogen die Russen wieder ab. Keine der Frauen war verschont geblieben. Auch Edis Tante und seine Mutter nicht. Diese Horrornacht blieb fortan in allen Gesprächen tabu, ohne dass es eine Absprache gegeben hätte.
Aber eines war nicht möglich: Diese Nacht auch aus dem Gedächtnis der Menschen zu löschen. Vor allem der russischen Kommandantur war das ein – zum Scheitern verurteiltes – Anliegen. Jedenfalls versuchte sie schon ab den folgenden Tagen, derartige Übergriffe zu unterbinden. Ein heikles Thema waren die biologischen Folgen dieser Nacht und weiterer Übergriffe
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in den unmittelbar folgenden Wochen. Obwohl der Schwangerschaftsabbruch im Jahr 1945 verboten war, wurde – mit dem Einverständnis der Russen – ein inoffizieller Weg gefunden, den betroffenen Frauen zu helfen. Die nächstliegenden Anlaufstellen waren einige öffentliche Krankenanstalten in Wien. Für die betroffenen Frauen aus Jetzelsdorf wurde es die Semmelweis-Frauenklinik. Edi hatte diese Vorgänge erst später in ihrer vollen Tragweite wahrgenommen und konnte auch nicht einschätzen, wie hoch der Anteil der vergewaltigten Frauen war, die diese Hilfe in Anspruch nahmen. Der Konflikt zwischen den eigenen – auch religiösen – Gefühlen und den zu erwartenden Umständen, unter denen das Ergebnis dieser Schreckensnacht aufzuziehen oder dem aus dem Krieg heimkehrenden Mann zu präsentieren wäre, muss unvorstellbar gewesen sein. Viel mehr noch in einem intoleranten und sehr ländlichen Dorf.
Für die folgenden Tage wurden andere Verstecke zum Übernachten gesucht. Edis Angehörige und viele andere Familien schliefen auf Dachböden. Einige Familien verbrachten die Nächte in den Weingärten. Eine junge Frau mit einem vielleicht zwei Monate alten Baby wusste nicht wohin. Da fiel Edi der Ziegelofen ein. Er führte sie dorthin. Doch der Ofen war bereits besetzt und die Frauen ließen sie nicht hinein. Sie fürchteten, das Baby könnte sie durch sein Schreien verraten. Stattdessen führte Edi sie dann 150 Meter weit in ein Getreidefeld, zwischen der Straße und dem Feld lag der Bach. Als es dann hell wurde, ging Edi zurück. Nachdem er den Bach übersprungen hatte, sah er in einiger Entfernung eine Gestalt liegen. Der Totengräber, bei dem auch eine Flasche Rotwein lag, hatte durch einen Schlaganfall sein jähes Ende gefunden.
Am dritten oder vierten Tag brachte jemand eine Zeitung ins Dorf: „Neues Österreich“. Die Menschen im Dorf waren von dem geordneten Leben in Wien erstaunt. Wien war schon vor einem Monat befreit worden. Die Jetzelsdorfer hatten den Einmarsch der Russen allerdings nicht als Befreiung empfunden. Überhaupt sollte es noch lange dauern, bis der Kriegsverlauf und auch dessen Ende von der breiten Bevölkerung realisiert wurde. Informationen über die Gräuel in den KZs, über die Massenmorde in der Ukraine, über Kriegsgefangene, die man auf freiem Feld verhungern ließ (2,4 Millionen, wie man heute weiß), wurden als russische Propaganda abgetan und in den Konzentrationslagern waren ihrer Meinung nach nur Verbrecher. Edi war enttäuscht und irritiert, dass die Leute der Göbbels-Propaganda immer noch mehr glaubten als den Berichten in der Zeitung.
Unmittelbar nach Kriegsende war eine Art Bürgerpolizei gegründet worden, zu der sich auch Edi und sein gleichaltriger Schulfreund Fredl Schicha gemeldet hatten. Diese zivile Ordnungstruppe sollte in Kooperation mit der Polizei versuchen, Situationen friedlich zu lösen. Der neue Postenkommandant der regulären Polizei war der Edi nur zu gut bekannte Prügelpolizist.
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Die erste Seite der Zeitung
„Neues Österreich“ vom
10. Mai 1945. Wien war schon ein Monat befreit, als die Russen in Jetzelsdorf einmarschierten. Zeitgleich mit Jetzelsdorf war auch Znaim eingenommen worden.
Sein Vorgänger soll sich und seine Frau aus Angst vor den Russen erschossen haben; das erzählte der neue Kommandant während einer gemeinsamen nächtlichen Streife mit Edi. Er sagte auch noch: „Wenn du jetzt was werden willst, musst du Kommunist werden.“
Die russische Kommandantur war in das Dorfgasthaus eingezogen, wo bis zum Kriegsende die deutsche Militärpolizei untergebracht war. Das bedeutete auch, dass sie im Wirtshaus zu verpflegen war. Die Wirtin kam mit den Russen, für die sie kochen musste, ganz gut zurecht, der Wirt aber gar nicht. Besoffen konnte er gegenüber den Russen sogar recht aggressiv werden. Bei einer dieser Attacken kamen Edi und seine Freunde zum Handkuss: Sie hatten einen Nachtdienst absolviert, standen beieinander und redeten. Als zwei Russen vorbeigingen, sprang der Wirt von irgendwo heraus und attackierte die beiden. Edi und seine Freunde konnten den Wirt, der auch Fleischhauer war, trotz seiner Bärenkräfte besänftigen und wollten ihn nach Hause schleppen. Das aber wollten die beiden Russen, die zunächst erschrocken waren, nicht zulassen und ließen Edi und
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seine Freunde in einer Reihe aufstellen, um sie zu „perlustrieren“. Jedes männliche Geschöpf im Weinviertel hatte ab einem Alter von 10 bis 12 Jahren einen „Taschenfeitl“ bei sich, oft nur ein selbst geschnitzter Holzgriff mit einer einfachen Eisenklinge. Es war ein Universalwerkzeug und wurde für alles verwendet: für die Jause, zum Schnitzen eines Weidenpfeiferls, einfach für alles. Die Russen konfiszierten diese „Messer“ und die Buben wurden somit „entwaffnet“. Dann durften sie den Trunkenbold fortschleppen.
Die russische Militärpolizei war bald nach Kriegsende dadurch in Erscheinung getreten, dass sie den Gemeindesekretär Zabel aus einem Keller holte. Gregorowitsch, den dieser besonders misshandelt hatte, oder ein anderer Zwangsarbeiter hatte ihn bei der russischen Kommandantur angezeigt. Edi saß in zirka 30 Meter Entfernung auf einer Böschung und hörte seine Zähne klappern, aber er verspürte keinerlei Mitleid. Der Sadist wurde vom Militärgericht verurteilt und durch Erhängen hingerichtet. Die hellbraunen Schuhe des Toten gingen später an den Füßen eines anderen durch das Dorf.
Vor einigen Jahren hat Eduard die Namen der Gefallenen am Kriegerdenkmal gelesen. Als Vorletzter stand der Müller, der wegen dummer Neugier erschossen worden war. Einige Russen wollten Essen und ein Nachtquartier und Edi sollte dies besorgen. Er ging von Haustor zu Haustor und rief so laut, dass alle Anwesenden vorgewarnt waren. So auch beim Müller. Sie waren etwa 50 Meter weiter, als einer der Russen zurückblickte und die Silhouette des Müllers vor seinem Tor sah. Er feuerte in Panik und traf ihn tödlich. Die Russen hatten Angst vor den deutschen Partisanen, den Werwölfen der Göbbels-Propaganda. Der letzte Name auf der Tafel war der sadistische Zabel.
Zwischenfälle gab es immer wieder. Edis Haus war von den Russen besetzt worden und er verbrachte Tag und Nacht auf der Straße. Das machte ihn sehr präsent für die Russen und es lag daher nahe, dass sie ihn wiederholt als Gehilfen für Sondereinsätze heranzogen, zum Beispiel für die Reparatur von gesprengten Brücken. Weigern konnte sich Edi natürlich nicht und verstecken wollte er sich nicht, denn ein gewisses Pflichtbewusstsein zwang ihn, einen Beitrag zum Schutz der Menschen zu leisten. Allerdings versucht er dann immer, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen.
Bei einem der Einsätze musste er den russischen Pionieren helfen, die gesprengte Eisenbahnbrücke zu reparieren. Überraschenderweise schickte ihn der Kommandant der Pioniergruppe nicht in das Bachbett hinunter, um die Betonbrocken herauszuholen, sondern er beauftragte ihn, Trinkwasser zu besorgen. Also organisierte Edi eine große Korbflasche mit Wasser und schleppte sie zum Kommandanten. Der bedeutete Edi, sich neben ihn zu setzen und begann ein Gespräch. Mangels ausreichender Sprachkenntnisse fand es eher mit „Händen und Füßen“ statt. Der Kommandant wollte wissen, welche Leute hier leben würden, welche
Eduard Diem – Leben und Werk
Religion sie hätten usw. Edi gewann den Eindruck, dass der Russe nicht wusste, wo er sich befand und dass er Österreich gar nicht kannte. Jedenfalls gab er zu verstehen, dass er christlich-orthodox und kein Kommunist sei. Solche Geständnisse bekam Edi öfters zu hören und wunderte sich darüber.
Einmal wurde er gemeinsam mit einem Freund zu einem Kuhtreiben Richtung Wien gezwungen. Nach zwei Kilometern machten sie Rast. Auf einem Pferdewagen waren Holzbehälter mit Honig und Weißbrot. Die Buben hatten Hunger und stahlen einen Brotwecken. Dann versuchten sie, über die Felder zu entkommen. Ein Russe entdeckte sie und verfolgte sie mit dem Pferdewagen. Sie mussten aufgeben und es war ungewiss, was sie danach erwartete. Doch er gab ihnen einen zweiten Wecken und auch etwas Honig. Später schlich sich Edi durch ein Getreidefeld abermals davon. Er kroch gut 100 Meter auf den Knien. Seine einzige Hose hatte danach handgroße Löcher. Aber diesmal hatte er Erfolg.
Trotzdem wurde Edi zu einem weiteren Kuhtransport eingeteilt, diesmal nach Prag. Es gelang ihm, eine Kuh unbemerkt von der Herde fortzutreiben und in ein Zimmer im Postgebäude einzusperren. Eine andere Kuh trat in einen Kanalschacht und musste dort verletzt zurückgelassen werden. Das Tier wurde von der Dorfbevölkerung geschlachtet und das Fleisch halbwegs gerecht aufgeteilt. Nach ein paar Kilometern sonderte sich Edi abermals von dem Viehtransport ab und lief zurück ins Dorf. Die Kuh im Postzimmer hatte er sich behalten, später bekam sie sogar ein Kalb.
Eines Tages sah er aus dem Haus, in welchem es eine Schrotmühle gab, eine Reihe von Russen kommen. Jeder hatte den Arm voller Schachteln. Es war Rattengift. Edi stoppte sie. Sie verstanden nicht, was er ihnen sagen wollte. Da kam ein Offizier dazu, der gutes Deutsch sprechen konnte. Nachdem er hörte, dass es sich um ein tödliches Gift handelte, nahm er einen Block aus seiner Ledertasche, schrieb etwas darauf und überreichte es Edi. Er erklärte, dass es sich um eine Anweisung für eine Auszeichnung handelte. Edi könnte sich den Orden im russischen Hauptquartier in Wien abholen. Dieses Papier erwies sich einige Male als sehr hilfreich, denn damit galt er geradezu als Held der Sowjetunion. Edi musste sich aber eingestehen, dass er die Russen nicht aus Sorge um deren Gesundheit gewarnt hatte, sondern aus Sorge um das Dorf. Diesem hätte es schlimm ergehen können, wenn es für den Tod mehrerer Russen verantwortlich gemacht worden wäre.
Mittlerweile war aber offensichtlich geworden, dass die russische Kommandantur die Order hatte, ein besseres Verhältnis zur regionalen Bevölkerung aufzubauen. Übergriffe der russischen Soldaten waren nicht mehr zu tolerieren und im Falle von diesbezüglichen Vorkommnissen sollte sich die Bevölkerung an die
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lokale Kommandantur wenden. Aber kaum jemand traute sich, das wirklich zu tun.
Die Militärführung organisierte auch einen Lastwagen, der durch das Land fuhr und als Bühne für Kasatschok-Tänzer diente. Die Vorführung in Edis Dorf fand allerdings ohne Zuseher statt, denn niemand war gekommen. Nur Edi war dort, er musste als Vertreter der Ordnungshüter anwesend sein. Die Bevölkerung hielt Abstand: Die ersten Horror-Tage nach dem Einmarsch der Russen waren allen noch in lebhafter Erinnerung und die jahrelange Kriegspropaganda vom „russischen Untermenschen“ und den „bolschewistischen Horden“ hatten sich in den Köpfen eingebrannt. Die immer bekannter werdenden Gräuel der deutschen Wehrmacht in Russland wurden verdrängt. Das Böse wollte man nur bei den anderen sehen. „Wegen euch Verrätern haben wir den Krieg verloren!“, diese Worte hörte Edi noch des Öfteren.
Ein anderer Versuch freundschaftlichen Miteinanders war die Ausrichtung einer Tanzveranstaltung im Dorf. Als Musikanten konnten aber bloß drei Leute gefunden werden: Ein alter Ziehharmonikaspieler, Edi mit einer altersschwachen Trommel und irgendjemand mit einem Besen. Auf dem Besen war ein Glas montiert und in dem Glas schepperte ein Metallgegenstand. Das Klopfen mit dem Besen sollte gemeinsam mit Edis Trommel den Takt vorgeben. Doch soweit kam es dann nicht, denn ein Eklat beendete die Veranstaltung vorzeitig und abrupt: Ein fanatisierter Dorfbewohner, der über die Demarkationslinie an der Enns aus der amerikanischen Gefangenschaft zurückgekommen war, hatte einen Russen aggressiv von hinten gepackt. Edi und drei seiner Freunde handelten schnell: Sie drehten das Licht ab und flüchteten. Sie wurden von zwei russischen Soldaten verfolgt, konnten sich aber in einem Seitenweg verstecken. Die Russen liefen in der Finsternis gegen eine Glasscheibe und zerschnitten sich die Hände. Am nächsten Tag wurde Edi zum Kommandeur geholt und hatte die schlimmsten Befürchtungen. Doch dieser informierte sie über das Schicksal der Verfolger in einer Art und Weise, welche die beiden Soldaten als „patscherte Tölpel“ erscheinen ließ.
Edi hatte herausgefunden, dass die Offiziere eine Trillerpfeife verwendeten, wie sie sich auch unter den Musikinstrumenten seines Vaters befand. Wenn er also eine Gruppe von Russen los werden wollte, pfiff er aus dem Verborgenen mit dieser Pfeife und schon hatten sie es sehr eilig, wegzukommen. Lebhaft in Erinnerung blieb ihm folgender Gebrauch von der Pfeife: Beim Blick durch das Fenster eines Hauses sah er, wie zwei Russen eine Frau bedrängten. Er sah keine andere Möglichkeit der raschen Hilfe als durch einen lauten Pfiff mit dieser Pfeife. Und dieser wirkte: Die Männer rannten aus dem Haus, schwangen sich auf ihre Beiwagenmaschine und gaben Gas. Auf ihrer Flucht mussten sie allerdings das Gasthaus mit der Kommandantur passieren. Die herauseilenden Soldaten, die den Warnpfiff ebenfalls
Eduard Diem – Leben und Werk
gehört hatten, wollten ihre Landsleute stoppen, doch die lenkten ihr Motorrad auf einen Feldweg und wollten über das freie Gelände entkommen. Erst eine Salve aus einem Maschinengewehr konnte sie stoppen. Einer wurde am Fuß getroffen, beide wurden anschließend verhaftet und für ihr Vergehen bestraft.
Als die Russen das Diem’sche Haus besetzt hatten, gab es zwei junge Schweine im Stall. Die Soldaten fütterten sie mit ihrem Pferdefutter. Als die Familie endlich wieder in das Haus zurück durfte, lebten die Ferkel erstaunlicherweise noch und Edis Großvater beschloss, sie zu schlachten. Das eingepökelte Fleisch kam in den kleinen Hauskeller. Einmal erfuhr Edi, dass Russen im Haus waren und plünderten. Sein Kollege und er liefen hin und kamen gerade noch dazu, wie sie das Fleisch wegschleppen wollten. Sie protestierten heftig. Die Russen gaben das Fleisch tatsächlich wieder zurück.
Nach Freiwerden des Hauses – das war gegen Ende Mai 1945 – begann Edi natürlich damit, alles dort aufzuräumen. Unter anderem waren die Laden der Kommode als Futtertröge für die Pferde verwendet worden.
Als Edi zum ersten Mal wieder in seinem Bett schlief, stand mitten in der Nacht plötzlich ein Russe neben seinem Bett. Er machte verständlich, dass er etwas zu essen, zu trinken und Frauen haben wollte. Er war bereits betrunken. Als Edi nicht reagierte, fuhr er mit einem deutschen Ehrendolch der Luftwaffe in die Tuchent, um zu sehen, ob darunter jemand versteckt war. Edi zog sich an und zeigte ihm das Papier, das er von dem Offizier bekommen hatte. Der Russe starrte es an, nahm ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete es an. Schließlich führte ihn Edi zu einer Hausruine und tat so, als wollte er jemanden wecken. Es gelang ihm dann, um die Ecke zu verschwinden.
Kurz darauf kam ein Mongole ins Haus und verlangte Eier. Als er sah, dass es nichts zu essen gab, schaute er sich noch etwas um. Er entdeckte den Fahrradrahmen (Edis Großvater hatte das Rad zerlegt und die Teile an verschiedenen Orten versteckt). Dann fuchtelte er so lange mit seiner Kalaschnikov herum, bis alles gefunden war. Edi musste das Rad zusammenbauen. Es stellte sich heraus, dass der Mongole gar nicht Rad fahren konnte. Edi sollte ihm helfen, aber schließlich lief der Mann mit dem Rad davon.
Etwas harmonischer verlief der dritte Besuch eines hungrigen, jungen Russen. Auch er fragte zuerst nach Eiern und dann nach irgend etwas zum Essen. Aber im Haus gab es nichts und auf dem Hof rannte kein Huhn mehr umher. Der junge Russe konnte ein wenig Deutsch und die beiden kamen ins Gespräch. Wieder waren es sehr grundsätzliche Dinge, nach denen er fragte. Er war ein 18-jähriger Student aus Alma-Ata, etwa gleich groß wie Edi, der vor kurzem eingezogen und hierher transportiert worden war. Auch er wusste nicht, wo er sich befand.
Schließlich begann der Russe wieder über seinen Hunger nachzudenken. „Im Garten muss es doch Erdäpfel und Gemüse geben“, meinte er.
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„Dafür ist es noch zu früh“, entgegnete Edi, „die Erdäpfel sind höchstens so groß wie Kirschen!“
„Gehen wir hinaus und sehen wir nach!“
Das duldete keinen Widerspruch und Edi holten einen Spaten. Er grub eine Staude aus und wirklich, die jungen Knollen waren so groß wie Daumennägel. Dem hungrigen Russen war das egal. Während Edi die Erdäpfel ausgrub, holte er einen Buschen Brennnessel, wie sie am Fuß der Gartenmauer gediehen. Sie sammelten Äste, machten Feuer, erhitzten Wasser in einem Topf und die karge Ernte wurde zu einer Brennnesselsuppe gekocht.
Gemeinsam löffelten sie die Suppe und dann nahm der Russe seinen Tornister auf den Rücken, das Gewehr und den Stahlhelm in die Hand und verabschiedete sich. Nach einer Strecke von 15 oder 20 Metern blickte er sich nach Edi um, der am Haustor stehen geblieben war und seinem Gast nachblickte. Er blieb stehen und rief Edi zu sich. Er gab Edi den Stahlhelm, um ihn mit der Öffnung nach oben zu halten, nahm seinen Tornister vom Rücken und öffnete ihn. Mit beiden Händen griff er hinein und holte Zigarettentabak heraus. Damit füllte er den Stahlhelm bis an den Rand. Er hieß Edi, den Helm im Haus auszuleeren und wiederzubringen. Der Tabak war ein Geschenk.
Dieser Tabak – er war sehr hochwertig – war damals gemeinsam mit Fett und auch Zucker Goldes wert und er sollte die Basis für Edis angehenden Schleichhandel werden.
Doch vorher sollten noch weitere Zusammenstöße mit hungrigen Menschen folgen, die nicht so angenehm waren. Eine Bäuerin hatte einen Korb Eier und ein Russe wollte einige davon haben. Die Bäuerin weigerte sich. Edi kam zufällig mit einem pensionierten Kriminalbeamten dazu. Der Beamte war ein schwerer Alkoholiker und fing an, herumzubrüllen. Der Russe gab ihm eine Ohrfeige und jagte ihn weg. Edi überredete die Bäuerin, ihm zumindest sechs Eier und ein paar Kilo Erdäpfel zu geben. Damit konnte die Situation entschärft werden.
Ein anderer Alarm betraf einen vor einem Keller stehenden Lastwagen. Als Edi dort ankam, war alles still und niemand war zu sehen. Edi ging die Stufen in den Keller hinunter. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit im Keller gewöhnt, als ihm jemand eine Pistole an die Schläfe hielt. Dann sah er die beiden Männer, welche die im Keller gelagerten Erdäpfel in Säcke füllten. Edi musste sie hinauftragen. Es war tschechisches Militär, das zum Plündern über die Grenze gefahren war.
Über diesen hinaus erinnert sich Edi nur an zwei Fälle in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in denen er nicht helfen oder wenigstens vermittelnd eingreifen konnte: eine Vergewaltigung und ein gewalttätig gewordener Russe.
An einem besonderen Tag – Edi erinnert sich heute nicht mehr an den Anlass – war die Gasse mit Militärfahrzeugen vollgeparkt. Im ersten Haus kochten die Russen Schweinefleisch und Edi wurde eingeladen, mitzufeiern. Mit jedem der zehn bis zwölf Russen musste er aus einer Tasse Weißwein auf russische Art trinken – nämlich ex. Um nicht total betrunken zu sein, verschlang
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er zwischendurch Brocken fetten Fleisches, um anschließend im Hof kotzen zu können. Er hatte sein ganzes Leben lang nie fettes Fleisch gegessen und Wein nur genippt, wenn es zwingend notwendig war. Es war schon dunkel, als er sich endlich davonstehlen konnte. Ein betrunkener Wächter wollte ihn aufhalten. Er hieb mit einem Säbel, den Offiziere bei Paraden trugen, wild auf das Pflaster, sodass die Funken sprühten. Edi lief zwischen den Autos durch und davon. In dem Garten gegenüber seines Hauses, in welchem er sich versteckt hatte, hörte er dann, wie sich die Walli, eine polnische Zwangsarbeiterin, gegen einen Russen zu wehren versuchte. Der Warnschuss eines Offiziers beendete das schließlich.
Am nächsten Tag sah Edi den Einschlag des Warnschusses im Bretterzaun. Nur 1,5 Meter fehlten und der Offizier hätte ihn getroffen. Die polnischen Zwangsarbeiter verschwanden erst ein paar Wochen nach Kriegsende. Sie fürchteten, ebenfalls nach Sibirien versandt zu werden, weil sie für die Deutschen gearbeitet hatten.
Ein sehr trauriges Ereignis verbindet Edi mit Tante Maria, der Schwester seines Vaters Eduard II. Ihr Mann Ferdinand war Soldat an der Ostfront, der gemeinsame Sohn Hans war Soldat in Frankreich. Im Jahr 1944 bekam Ferdinand 14 Tage Heimaturlaub. Tante Maria wurde schwanger und war nicht glücklich über die Aussicht, unter diesen Umständen noch ein Kind zu bekommen.
Das Kind kam während der Bombenangriffe auf das Dorf zur Welt. Aus Angst vor den Angriffen wohnten die Menschen des Dorfes – wie weiter oben schon erzählt wurde – bis zum Kriegsende in den feuchten Weinkellern. Nach Kriegsende versteckten sich viele Frauen mit ihren Kindern aus Angst vor den Vergewaltigungen durch die Russen in den Weingärten und schliefen dort auf Rebbündeln.
Das Kind, das somit einen schwierigen Start hatte, starb noch im Sommer 1945. Damals war es üblich, dass ein Toter zu Hause aufgebahrt, dann in die Kirche und nach dem Gottesdienst auf den Friedhof gebracht wurde. Die Familie beschloss, dass Edi den Sarg mit dem toten Kind auf diesem letzten Weg tragen sollte.
Nachdem der Pfarrer die Totengebete beendet hatte, nahm Edi den Sarg und setzte sich an die Spitze des Trauerzuges. Bei der notdürftig passierbar gemachten Brücke bedeutete ihm jemand, dass er besonders langsam gehen sollte. Die Straßenbrücke und die Eisenbahnbrücke waren am Vormittag des 8. Mai vom deutschen Militär gesprengt worden. An der Instandsetzung war auch Edi beteiligt gewesen.
Den Sarg vor sich zu tragen und langsam durch fast das ganze Dorf zu gehen, war eine enorme Anstrengung für ihn.
Edis Cousin Hans hatte Jahre später geheiratet, mit seinen drei Söhnen ist Eduard heute noch in Kontakt. Sie wissen kaum etwas über ihren Onkel und die Umstände seines kurzen Lebens.
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Bild auf der rechten Seite:
Ausgesetzt.
Öl- und Offsetfarben gemischt auf Faserplatte, 1970, 150x100cm
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Nach dem Krieg fühlte sich Edi nirgends zugehörig. Im Sommer 1945 lebte er wie in einer Art Parallelwelt mit einem starken Gefühl nach Gerechtigkeit. In den Köpfen der Menschen gedieh allmählich der Friedensgedanke. Das Nachdenken über die eigene Schuld zählte nicht dazu, denn alle sahen sich als Opfer.
Es muss im Juni gewesen sein, als sich eine Kolonne ehemaliger KZ-Häftlinge dem Dorf näherte, begleitet von zwei Soldaten. Die Menschen lagerten auf einem Kleefeld und baten um Wasser. Die Einheimischen verweigerten das Wasser. Der Pfarrer verbarrikadierte sich als erster. „Das sind ja Verbrecher, ich werde in der Nacht Wache halten und wenn einer von denen in mein Haus will, wird er sofort erschlagen“, war die Meinung der Leute. Edis Kollege Fredl und er brachten Wasser in einem Holzschaff. Einer der ehemaligen Häftlinge konnte etwas Deutsch sprechen und fragte nach Zivilkleidung. In Edis Haus fand sich nur mehr ein alter Schlosseranzug, er war vom Spritzen des Weingartens gelbgrün verfärbt. Edi brachte ihn dem Mann und dieser war hocherfreut: „Jetzt sehe ich aus wie ein Bauer und kann allein meines Weges gehen.“ Die gestreifte KZ-Jacke überließ er Edi. Edi reinigte sie und trug sie bis in den Herbst hinein. Edi ergatterte auch ein Militärzelt und seine Mutter schneiderte daraus ein Kleidungsstück ähnlich einem Anorak.
Edi ging zu dem Geschäft, wo er ab 1943 den Beruf eines Textilkaufmannes erlernt hatte. Auch dieses war total geplündert und verwüstet. Kleinware, Knöpfe etc. bedeckten den gesamten Boden. Mitten im Geschäft stand Herr Stift, Edis Chef, und wirkte ziemlich ratlos. Wie Edi nun erfuhr, betraf seine Ratlosigkeit nicht das verwüstete Geschäft, sondern einen Auftrag des neuen Ortschefs. Dieser war ein Kommunist und hatte ihm befohlen, eine in einer Brücke eingebaute Bombe auszubauen.
„Aber dafür brauche ich einen zweiten Mann und niemand will mir helfen!“
Jetzt konnte Edi sich dafür revanchieren, dass ihm Herr Stift mit seiner Aussage bei der Gestapo wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Mit einem Holzleiterwagen für den Abtransport der Bombe gingen sie zur Brücke. Herr Stift war im Ersten Weltkrieg bei der Artillerie gewesen und wusste mit Bomben umzugehen. Vorsichtig löste und entfernte er den Zünder. Dann holten sie die Bombe heraus und legten sie in den Leiterwagen. Doch jetzt stellte sich die Frage: Wohin damit? Niemand, weder der Bürgermeister noch sonst jemand wollte sie übernehmen. Also fuhren die beiden mit dem 90cm-Trumm durch den Ort und begruben
Die Nachkriegszeit
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es im Garten des Herrn Stift. Sie deponierten die Bombe in einer Tiefe von 120 cm und bestreuten sie mit Viehsalz.
Als Eduard im Jahr 2014 in der ehemaligen Kirche seine Bilder ausstellte, kam er mit der Enkelin seines Chefs ins Gespräch. Zum Ende des Krieges war sie fünf Jahre alt gewesen und sie erfuhr erst jetzt, dass in ihrem Garten eine Bombe lag.
Eine russische Maschinenpistole, die Edi hinter seinem Haus gefunden hatte, versteckte er unter Stallmist und trug sie eines Nachts weit weg, um sie in eine sumpfige Wiese zu werfen.
Am Ende eines heißen Tages breitete sich im Dorf ein fürchterlicher Gestank aus. Edi vermutete ein verwesendes Pferd, doch schließlich entdeckte er in einem Bombentrichter die schwimmende Leiche eines standrechtlich erschossenen Deserteurs. Edi meldete das dem Bürgermeister. Dieser meinte, dass ihn das nichts anginge, weil die Leiche auf dem Grund der Nachbargemeinde läge. Der Bürgermeister des Nachbarortes sah dies
Gekreuzigt.
Tuschzeichnung mit Feder auf Papier, 1959, 30x20cm.
Am Ende des Krieges nahm man den Bauern die Pferde weg. Viele sind eingegangen, blieben in der Landschaft liegen und verpesteten die Luft.
Eduard Diem – Leben und Werk
anders. Also nahm Edi eine Schaufel und bedeckte die Leiche mit Erde. Verwesungsgase ließen den aufgeblähten Körper wieder hochsteigen. Edi musste ihn ein zweites Mal begraben. 20 Jahre später saß er anlässlich eines Begräbnisses neben dem Priester. Edi fragte ihn, ob die Leiche exhumiert oder sonst etwas unternommen worden war. Doch der Priester meinte nur: „Aber lassen wir die alten Geschichten ruhen.“
Im Sommer hatte sich ein reger Schleichhandel entwickelt, an dem sich auch Edi beteiligte. Das Startkapital war der Zigarettentabak des Russen. Auf dem Land war es leicht, diesen gegen Lebensmittel wie Schmalz und Geselchtes einzutauschen, und in Wien sollte es leicht sein, dafür Kleidung und Schuhe zu bekommen. Mittlerweile war es möglich, mit dem Zug bis Jedlersdorf zu fahren. Weiter ging es nicht, denn der Jedlersdorfer Bahnhof war im Krieg beschädigt worden. Zu Fuß marschierte Edi von Jedlersdorf über die unbeschädigt gebliebene Reichsbrücke und durch die Innenstadt bis zum Oberen Belvedere und in die Karolinengasse. Dort wohnten Bekannte der Familie. Der Rucksack war mit Lebensmitteln gefüllt, aber Edi hatte nie Angst, überfallen zu werden. Am Ring gab es viele Ruinen und in den Parkanlagen auch Gräber.
Abends ging er ins Moulin Rouge, damals „Schiefe Laterne“ genannt, eine Art Nachtkabarett, wo sein Onkel vor dem Krieg gearbeitet hatte. Jetzt kamen die Offiziere aller Besatzungsmächte – auch die russischen – dorthin und vergnügten sich. Geld spielte dabei meist keine Rolle.
Den alten Garderobier, den Edi von früher kannte, gab es noch und dieser konnte ihm die Plätze des Wiener Schwarzhandels nennen. Der nahe gelegene Resslpark war der Hauptumschlagplatz, weitere Adressen waren zwei Gasthäuser am Praterstern, die Lassallestraße und der Prater. Der Wiener Prater bot nach dem Krieg einen gespenstischen Anblick: Alles war zerstört und abgebrannt, nichts stand mehr, als ob der Prater vollständig geschliffen worden wäre. Nur das beschädigte Riesenrad stand noch aufrecht.
Der Schwarzhandel war nicht ungefährlich, auch fanden regelmäßig Razzien durch die Polizei statt, aber für viele war das Tauschgeschäft eine Überlebensnotwendigkeit. Im Laufe der Zeit fanden auch die Besatzungsmächte Gefallen daran. Wenn sie illegale Warenlager fanden, war die Versuchung groß, diese schwarz zu verkaufen. Einmal war ein von den Amerikanern für die Russen bestimmter Jeep mit Mehlsäcken gefüllt.
Edi ergatterte einen Anzug, der gut aussah und gut passte, sich aber als überstürzter Tausch herausstellte. Erst zu Hause entdeckte er, dass der Stoff schon stark abgewetzt war und das Futter durchschimmerte. Aber er war brauchbar. Außerdem tauschte er weißen Leinenstoff ein und war überzeugt, dass man damit etwas Ordentliches machen konnte. Er brachte ihn zu einer jungen Schneiderin in Jetzelsdorf. Sie hatte in Wien gelernt,
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Die schwarze Sonne.
Feder mit Tusche auf Papier, 1959, 21x30cm
blieb dort aber ohne Verdienstmöglichkeiten und war aufs Land gezogen. Der Gedanke war, dass sie aus dem Leinen ein Hemd oder so etwas wie ein Sommersakko für ihn nähen könnte. Es wurde eine Jacke mit kurzen Ärmeln.
Tagsüber schaute sich Edi in Wien um. Die unzähligen Schutthaufen waren erschreckend. Der Südbahnhof war häufig bombardiert und ein Teil des 4. Bezirks ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen worden.
Einmal schlief Edi bei Bekannten in der Lassallestraße. Es war eine jahrzehntelange Freundschaft. Der Mann war ein Zuckerbäcker und die Familie war während des Krieges ein- oder zweimal pro Jahr zu den Diems aufs Land gekommen. Die Wohnung im zweiten Bezirk war Gott sei Dank unbeschädigt geblieben, doch die Tragödie war eine andere: Die Mutter hatte bei einem miterlebten Bombenangriff, in dessen Zuge sie auch verschüttet wurde, einen schweren psychischen Schaden erlitten. Während jeden Satzes, egal was das Thema war, brach nach jedem zweiten Wort ein „leck mich am Arsch“ aus ihr heraus. Sie war 35 Jahre alt, sehr attraktiv und bei vollem Verstand, doch diese abstoßende Eigenschaft erwies sich als unheilbar. Auch Edi war beim ersten Zusammentreffen nach dem Vorfall sehr geschockt.
Die zweite Tragödie war eine heute weniger bekannte Folge der Bombardements. Am Morgen, nachdem er dort geschlafen hatten, zählte er fünf oder sechs juckende Dippeln. Edi kannte sie aus den Militärbaracken in Hollabrunn, wo er seine militärische Ausbildung erhielt. Diese waren übersät mit Wanzen und jedes nicht zugedeckte Stück Haut war von Wanzenbissen übersät. Sie sprachen darüber und Edi erfuhr, dass die vielen Wanzen eine Folge der nahen Bombardements waren. Das Ungeziefer hatte sich danach in unkontrollierbarer Weise ausgebreitet. Die ganze Gasse war davon betroffen.
Eduard Diem – Leben und Werk
Eine andere Erfahrung mit Ungeziefer machte Edi auf einem Platz, wo sich zuvor über längere Zeit das Militär mit Pferden aufgehalten hatte. Der Boden war mit Pferdeäpfeln bedeckt und wenn man über den Platz ging, stiegen schwarze Wolken auf. Das waren die Flöhe.
Zurück nach Jetzelsdorf. Der eigene Speiseplan war noch einfacher geworden. Auf den Tisch kamen hauptsächlich Erdäpfel mit Kukuruz-Schrot und Salat. Edi sammelte Fallobst und kochte große Mengen gemischtes Mus als Vorrat für den Winter. Holunder gab den Geschmack dazu. Um dem Schimmel vorzubeugen, ließ er es lange kochen.
Während der Sommermonate gab es noch zahlreiche weitere Begegnungen mit den Russen, doch endeten sie alle mehr oder weniger gut. Seine Mutter wollte aber noch lange nicht im unversperrbaren Haus schlafen. Sie schlief lieber in Gruppen mit anderen Frauen in Verstecken, wo sie sich sicher fühlten. Erst im September 1945 konnten sie das Tor wieder einrichten und das Haus verschließen.
Die Schule des Dorfes war bald nach dem Krieg wieder geöffnet worden. Zwischen Edi und dem Volksschullehrer Josef Bartl entstand eine Freundschaft. Sie diskutierten viel über die Zukunft und hörten Schallplatten. Irgendwann 1946 hatte er die Idee, mit seinen Schülern eine illegale Mülldeponie unter alten Akazienbäumen am Mühlbach zu säubern. An ihrer Stelle sollte ein Platz mit einer Bank als Treffpunkt für alte Leute entstehen. Das führte zu einem Aufruhr im Dorf: „Was der will, braucht ja niemand!“ Das seien linke Ideen und man sollte den Lehrer aus der Schule werfen. Irgendjemand muss sich für ihn eingesetzt haben, denn er wurde nicht hinausgeworfen. Der Lehrer war gänzlich unpolitisch und der irrigen Meinung, durch diese Aktion besser in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Doch die Bauern machten sich keine Gedanken über die Zukunft. Wer Grund und Boden hatte, der konnte beruhigt in die Zukunft blicken: Das war ihre Überzeugung. Viele andere waren pessimistischer. Angela, die Tochter des Bäckers, ging nach England. Hedwig Gruscher und Hedwig Sattler, die Tochter des Musikers, wanderten nach Australien aus. Adolf Heigl ging nach Amerika. Für ein Dorf mit 200 Einwohnern waren es bemerkenswert viele, die auswandern wollten. Auch Edi dachte eine Zeit lang darüber nach. Es herrschte die Meinung vor, dass Niederösterreich von der Regierung abgeschrieben worden war und zu einer russischen Volksrepublik werden würde.
Edi war damals von dem Gedanken besessen, dass die Menschheit aus der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges etwas gelernt haben musste. Aber nein, der Mensch war dem Schöpfer gründlich misslungen. Da können auch die Korrekturversuche der Religionen nichts ausrichten, oft sind sie sogar die Ursache von Bestialitäten. Obwohl wir heute – so dachte Edi weiter – binnen Stunden über die Vorgänge im entlegensten Winkel der Erde
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Friedenstruppe.
Bleistift auf Papier,
1985, 102x74cm
informiert werden, sind wir in vielerlei Hinsicht in der Jungsteinzeit stecken geblieben. Der Mensch als Zerstörer des Planeten Erde. Das soll von Gott gewollt sein?
Im Jahr 1962 erfuhr Eduard zufällig, dass sein Gestapoakt mit Berichten über die Beteiligungen am Osterfriedensmarsch, gegen die Atomrüstung und gegen den Vietnamkrieg ergänzt worden war. Er soll im Bunker des Staatsarchivs in der Stiftskaserne liegen.
Eduard Diem – Leben und Werk
Nach acht Monaten wurde das Geschäft, in dem Eduard gearbeitet hatte, wieder aufgesperrt, aber es gab nichts zu verkaufen. Als Ersatz wurde eine Tauschzentrale eingerichtet, in der Altkleider, Schuhe aus amerikanischen Spendenpaketen, bemalte Birkentäfelchen, die ein Lehrer mit Berufsverbot produziert hatte, etc. neue Besitzer fanden. Der Schwiegersohn des Chefs, ein junger Jurist, und Eduard fuhren mit dem Zug nach Wien, um Waren einzukaufen. In einer Wohnung in der Hetzgasse kauften sie Jahrmarktschmuck, Lederblumen und ähnlichen Kram. An der Wand hing ein Aquarell von Schiele. Ob die Leute davon wussten?
Nebenbei arbeitete Eduard für die örtliche Leichenbestattung. Mit einem Handwagen wurden die rohen Särge vom Bahnhof geholt. Eduard tapezierte sie mit einer Silbertapete und nagelte Zierschabracken darauf. Einige dieser verzierten Särge konnte er verkaufen. Er dekorierte auch die Zimmer oder Toreinfahrten, wo die Aufbahrungen stattfanden. Allerdings schlug sich der Geruch von Weihrauch und Wachskerzen jedes Mal auf seinen Magen.
Im Jahr 1946 legte Eduard die Prüfung als Textilkaufmann ab. Herr Stift hatte allerdings ein zweites Geschäft in einer anderen Branche und Eduard als seinen Lehrling in beiden Branchen angemeldet. Er war wohl der Meinung, dass Eduard über ein enormes Wissen verfügte.
Das Geschäft kam nur langsam in Schwung, sodass Eduard 1949 gekündigt werden musste. Das Arbeitsamt hatte zwei Stellen anzubieten, die Alternativen waren ein Job im Braunkohlebergbau oder eine Arbeit als Pflasterer. Eduard versuchte es mit einem Inserat in der Zeitung. Das Ergebnis war ein Angebot für eine Stelle in einem Textilgeschäft in Poysdorf. Es war das einzige Angebot und Eduard sagte zu.
In dieser Zeit malte Eduard seine ersten Bilder. Er absolvierte auch einen Wifi-Kurs für Werbegestaltung und erwies sich als Dekorateur sehr talentiert. Zwei Mal hintereinander erhielt er einen Preis für die beste Schaufenstergestaltung, das war der vom Handelsministerium überreichte Silberne Merkur. Die schöne Plastik behielt der Firmenchef für sich ein.
Langsam geht es aufwärts
Der für die Schaufenstergestaltung
im Jahr 1949 verliehene Merkur
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Das Kaufhaus des Erich Kohlheimer. Hier erhielt Eduard Diem im Jahr 1949 eine neue Anstellung und noch im selben Jahr eine Auszeichnung für die Gestaltung der Schaufenster. Die Fotos unten und auf der folgenden Seite zeigen eine Auswahl der von Eduard Diem gestalteten Auslagen.
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Durchaus interessante Momente resultierten für Eduard aus dem Umstand, dass in der Zeit von 1946 bis 1949 Burgschauspieler und viele andere Künstler durch die Landgasthäuser tingelten. Eduard war fasziniert von dieser anderen Welt. Sein Freund Otto Eisler und er versäumten keines der Gastspiele. Otto stammte aus einer berühmten Künstlerfamilie und hatte den Krieg als „U-Boot“ unter dem Namen Otto Mühl überlebt. Der Name stammte von der örtlichen Bäckerfamilie, die ihn aufgenommen hatte. Das ergab die zufällige Namensgleichheit mit dem späteren Maler und Aktionisten Otto Mühl. Kennen gelernt hatte er Otto Eisler noch in der Kriegszeit während der Bahnfahrten zur Berufsschule in Laa an der Thaya. Er war der Lehrling eines Konkurrenzbetriebes gewesen. Otto hatte schwarze Haare, war intelligent und schwärmte für Jazz. Dass er Halbjude war, hatte Edi erst nach dem Krieg erfahren.
Gerne erinnert sich Eduard auch an das Wandertheater „Die Fischerbühne“. Dort hatte er freien Eintritt auf Lebenszeit, weil er die Bühne im besonders kalten Jahr 1943 mit Brennstoff versorgen konnte. Den alten Tragöden Ferstl traf Eduard dann nochmals 1956 im Wiener Künstlertreff Adebar, wo er die Eintrittskarten verkaufte. Carl Fischer spielte im Theater an der Wien.
1946 überwinterte die Seilartistenfamilie Schöbl in Jetzelsdorf. An ihrem Wohnwagen war ein kleinerer Wagen angehängt, den ein etwa 80-jähriger Artist bewohnte. Er war nicht verwandt, wurde aber von der Familie Schöbl wie ein Familienmitglied betreut. Die Schöbls waren streng moralisch und gleichzeitig ungewöhnlich tolerant. Am Samstagabend traten sie mit Volksliedern auf. Eduard freundete sich mit der hübschen 15-jährigen Tochter der Familie an. Sie hatte eine gute Stimme. Mindestens 40 Mal hörte er den „Mondsee so tief und blau“. Eduard verbrachte als Gast viel Zeit im Wohnwagen. Ihn faszinierte auch die Lebensklugheit der Frau Schöbl. Wenn Johanna, so hieß die besagte Tochter, mit Eduard spazieren gehen wollte, durfte das nur in Begleitung des 12-jährigen Bruders und des Hundes geschehen. Der Bruder hielt sich immer knapp hinter ihnen. 10 Jahre später duellierte er sich mit seinem Cousin Helmut Horlands um die Weltmeisterschaft im Seilhocken.
Rückblickend wurde Eduard klar, dass neben dem jüdischen Greißler Seidel, dem invaliden Ziegeleiarbeiter, dem Zigeuner und Pferdehändler und dem Volksschulleiter Bartl auch diese Schauspieler und Artisten mit ihren humanitären, von der Dorfbevölkerung aber verachteten Ansichten wichtige Impulsgeber für ihn gewesen waren. Auch die Vertreibung der Südmährer 1945/46 war ein prägendes Ereignis für ihn. Die Einwohnerzahl Jetzelsdorfs stieg kurzzeitig von 230 auf 700 an. Die Situation wurde damals, obwohl es an allen Ecken und Enden noch fehlte, klaglos bewältigt. Das wiederum bestärkte Eduards Hoffnung auf eine humanere Menschheit.
Fotos oben und unten:
Eduard Diem im Jahr 1948
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduards Vater war insgesamt sieben Jahre beim Militär und in Gefangenschaft. Damit war Edi praktisch in völliger Freiheit aufgewachsen. Seit Ende 1944 hatten sie vom Vater keine Nachricht mehr erhalten. Doch eines Tages stand ein in Lumpen gehüllter Mann im Hof, seine spärlichen Habseligkeiten in einem Beutel. Eduard erinnert sich heute noch an den Aluminiumteller und ein verbeultes Kochgeschirr. Sie mussten einander erst wieder kennen lernen. Früher hatte der Vater bei der Arbeit Melodien gesummt oder gepfiffen, jetzt blieb er aber wortkarg. Er erzählte nichts über den Krieg und die Gefangenschaft und wie er überleben konnte. Er hatte fast alle Zähne verloren, das war eine Katastrophe für einen Trompeter. Als er nach einiger Zeit wieder in das normale Leben zurückgefunden hatte, kaufte er sich eine Trompete, aber ohne Zähne war seine Virtuosität dahin und die Enttäuschung dementsprechend groß. Eduard glaubte, dass er dem Selbstmord sehr nahe war. Eduard kaufte ihm zwei Okarinas, das sind kleine einteilige Blasinstrumente, die er in einem Schaufenster entdeckt hatte. Beide hatten noch nie ein derartiges Instrument in der Hand gehabt. Nach einer Stunde konnte der Vater einwandfrei damit spielen. Gemeinsam spielten sie einfache Lieder, aber Eduard vergriff sich immer wieder. Die Okarina und die Trompete gibt es heute noch, aber in den Teller der Trompete hat Eduard mit dem Hammer ein Relief getrieben.
Poysdorf war für Eduard der konservativste und reaktionärste Ort, den er sich vorstellen konnte. Die Stadt meldete einst stolz, die erste judenreine Stadt der Ostmark zu sein. Das stand im „Völkischen Beobachter“, der Regierungszeitung der Nazis.
Es gab ein Caféhaus, ein Gasthaus mit Billardzimmer und ein Gasthaus am Stadtrand, wo nach der Musik aus Schallplatten getanzt wurde. Es gab auch ein Freiluftschwimmbad und ein Kino, das der Pfarre gehörte und in dem nur jugendfreie Filme gespielt werden durften. Als einmal ein Film darunter war, der vom Pfarrer für nicht jugendfrei erklärt worden war, wurde eine im achten Monat schwangere 17-jährige samt ihrem Verlobten aus dem Kino geworfen. Für zwei Wochen später war beim Pfarrer die Hochzeit bestellt.
Das Kaufhaus Kohlheimer veranstaltete jedes Jahr eine Pelzmodenschau. Die Pelze waren von einem Pelzgroßhändler aus Deutschlandsberg. Für das Unterhaltungsprogramm wurden einige Künstler engagiert: Heinz Conrads, Rudolf Carl, Maxi Böhm. Allerdings gab es keine Künstlergarderoben und Maxi Böhm wurde dabei beobachtet, als er sein Aussehen bühnentauglich machte. Schnell verbreitete sich das Gerücht, dass er schwul sei, denn er hatte sich das Gesicht gepudert. Bei der abschließenden Tombola war ein Pelz zu gewinnen. Einmal wurde im Rahmen dieser Veranstaltung sogar ein Schönheitswettbewerb abgehalten.
Diese Modenschau und der jährliche Gewerbeball waren die Höhepunkte des Jahres im gesellschaftlichen Leben von
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Eduard Diem im Jahr 1952
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Poysdorf. Darüber hinaus gab es noch die Kirtage in den umliegenden Nachbardörfern. Für die Gewerbetreibenden war es eine Pflicht, sich dort sehen zu lassen.
Ansonsten blieben nur die wöchentlichen Kellerpartien und Volkssport war es auch, sich zum Wochenende regelmäßig zu betrinken. Mit dieser Zielsetzung wurde der ganze Ort durchgehechelt.
Für Eduard hingegen war das Kaffeehaus das gesellschaftliche Zentrum des Ortes. Dort gab es eine interessante Stammtischrunde, an der eine gute Malerin, ein Mathematiker, ein sehr gebildeter Tischler und ein Holzhändler teilnahmen. Von dieser Runde, die Eduard als Exoten akzeptierte, wird später noch die Rede sein.
Es war dieses Kaffeehaus, in dem sich Hilde, die 17-jährige Tochter der Inhaberin, und Eduard im Jahr 1953 näher kamen. Allerdings gab es auch Eva, die Tochter des Gemeindearztes. Beide sahen sich als Rivalinnen.
Ausschnitt aus einem von Eduard Diem dekorierten Schaufenster mit der Ankündigung der Frühjahrsmodenschau am 8. April 1951 mit großem Fragespiel und der Wahl der Miss Poysdorf
Eduard Diem – Leben und Werk
Befreundet war Eduard auch mit dem Sohn des Friseurs. Dessen Vater hatte eine zu Ausflügen motivierende Jagdhütte im Mistelbacher Wald.
Alle paar Wochen fuhr Eduard nach Wien, um im Textilviertel Stoffballen, Bettwäsche, Handtücher usw. für das Geschäft einzukaufen. Die teilweise jüdischen Händler, die sich aus der Emigration zurückgewagt hatten, waren das Gegenteil seines Chefs in Poysdorf. Zuerst wurden die Geschäfte gemacht, dann wurde etwas geplaudert, es wurden selbstironische Witze erzählt und manchmal gab es auch einen kleinen Rabatt. Eduards Chef in Poysdorf hingegen war ein unhöflicher Typ ohne Manieren.
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Österreich war nach wie vor nicht einschätzbar. Jetzt waren es junge Poysdorfer in Edis Umfeld, die sich Visa und Schiffspassagen besorgten und nach Kanada, Brasilien, die USA oder Australien auswanderten. Eduard überlegte neuerlich. Er besorgte sich Unterlagen bei der Schifffahrtslinie Lloyd und buchte einen Englischkurs. Hilde besuchte den Kurs ebenfalls und das war eine willkommene Gelegenheit, der Beobachtung im Kaffeehaus zu entgehen. Dort saß nämlich jeden Tag eine Meuchelmafia an Stadttratschen.
Eines Tages bekam Eduard ein Stellenangebot in Lilienfeld. Die Firma bot ihm ein um 30% höheres Gehalt. Der Ort lag im Vorgebirge, der nächste Berg war 1280 Meter hoch. Eduard gefiel das, aber er wollte noch überlegen. Drei Wochen später kam der Firmenchef mit dem Auto nach Poysdorf, um bei der Übersiedlung zu helfen, doch Eduard hatte noch gar nicht gekündigt. Die beiden Chefs feilschten miteinander und Eduard wurde aus der sechswöchigen Kündigungsfrist freigekauft.
Das Traisental war von der Eisenindustrie dominiert und die Mentalität der Menschen dort war eine andere. Manche Ausdrücke im Dialekt verstand Eduard nicht. Das war aber bald überwunden und Eduard gewann die Popularität eines Fremden. Die Firmenwohnung befand sich hinter dem Geschäft. Das bombenbeschädigte Dach war nur mit Dachpappe geflickt, entsprechend undicht, und bei Regen mussten auf dem Dachboden Blechkübeln aufgestellt werden. Es gab einen alten Küchenherd, ein WC im Garten und eine Wasserleitung im Hof. Im Winter war zwei Zentimeter dickes Eis im Wassereimer. Solche Wohnverhältnisse waren damals nichts Ungewöhnliches.
Schwierig war die Bahnfahrt nach Poysdorf und zurück. Die Rückfahrt dauerte elf Stunden: Von Poysdorf ging es frühabends nach Enzersdorf, dort wechselte er in den Ostbahnzug. Vom Ostbahnhof fuhr er mit der Straßenbahn zum Westbahnhof und von dort mit der Westbahn bis St. Pölten. Kurz nach Mitternacht musste er dann auf den Frühzug der Mariazeller-Bahn warten. Allerdings war Eduard in dieser Zeit auch ein gut trainierter Rennradfahrer und damit war es eine durchaus sinnvolle Alternative, die rund 300 Kilometer von Lilienfeld nach Poysdorf und retour mit dem Rad zu fahren.
Eduard 1953 in Wien, vermutlich für den Einkauf von Waren
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Mit dem Radsport hatte er schon in Poysdorf begonnen, weil es dort nur wenig alternative Beschäftigungsmöglichkeiten gab. Gemeinsam mit dem Sohn des Uhrmachers und dem Sohn des Friseurs war er Mitglied beim Radklub Mistelbach. Um bei Rennen mitzufahren, und das tat Eduard sehr gerne, musste man Mitglied eines Vereines sein.
Die Räder waren damals noch recht bescheidene Dreigangräder. Die Hobbysportler trainierten sehr konsequent, ideal dafür war die Brünnerstraße nach Wien. Sie war im Unterschied zu den anderen Straßen um Poysdorf asphaltiert, aber wegen ihrer Hügel sehr gefürchtet. In den 1970er-Jahren wurde sie begradigt. Auch in Lilienfeld, wo er für den St. Pöltener Radklub fuhr, trainierte Eduard sehr konsequent, meist vor Arbeitsbeginn ab 6 Uhr in der Früh, und zwar auf der Route von Lilienfeld die 21 km lange Steigung bis zum Annaberg hinauf und wieder zurück. Im Traisentaler Industriegebiet waren schon mehrere Straßen asphaltiert, auch die Straße auf den Annaberg, mit Ausnahme des letzten steilen Abschnittes den Berg hinauf.
Zu den einzelnen Rennveranstaltungen ist man in der Regel ebenfalls mit dem Rad gefahren, oft waren das 60 bis 70 km, die folgende Renndistanz waren dann 80 bis 120 km. Gefahren wurde in der Gruppe mit unterschiedlichen Aufgaben. Das Ziel war es, einen Fahrer aus der Gruppe weit nach vorne zu bringen. Mehr war für reine Amateure nicht möglich. Einmal war
Ansicht des Wohnhauses in Marktl bei Lilienfeld, in dem sich die erste gemeinsame Wohnung der Diems befand. Die Bombenschäden wurden mit Teerpappe überdeckt. Zu sehen sind die beiden Fenster an der Rückseite des Hauses mit Blick in einen ehemaligen Gasthausgarten, dahinter befand sich die Wohnung. Das Gasthaus befand sich links von der Einfahrt.
Ölbild auf Faserplatte, 1954/55, 33x45cm. Mit solchen Bildern – Eduard malte in dieser Zeit immer mehr, vorwiegend Blumen und Landschaften – hatte Eduard bereits erheblichen lokalen Erfolg, das reichte ihm aber nicht.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard, unterwegs auf dem neuen Motorrad
Eduard (ganz rechts) mit Freunden im Jahr 1953
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Eduard mit Rad
im Dress des Radklubs Mistelbach
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Eduard bei einer Landesmeisterschaft so weit vorne, dass ihm der Sieg fast nicht mehr zu nehmen war. Es ging von St. Pölten nach Hohenberg/St. Ägyd und wieder zurück. Die Gebäude der Eisenindustrie machten die Straßen so eng, dass manchmal fast kein Platz für den Gehsteig blieb. Eduard kannte die Route sehr gut und hatte bei der Rückfahrt einen schönen Vorsprung. Er war etwa 700 Meter vor den anderen Fahrern. Plötzlich lief eine korpulente Frau in einem geblümten Sommerkleid aus Nylonstoff auf die Straße und genau in Eduards Vorderrad. Beide kamen zu Sturz. Die Frau rutschte weiter, bis sich das Nylonkleid in die Haut brannte, und sie war übel zugerichtet. Eduard hatte sich glücklicherweise nur den Knöchel geprellt, aber das Rad war kaputt und das Rennen für ihn vorbei. Eine gute Sturztechnik war angesichts der zahlreichen Massenstürze für Radrennfahrer essenziell.
Schließlich kaufte sich Eduard ein Motorrad, den Führerschein hatte er schon gemacht.
Eduard am 14. April 1954 auf dem Muckenkogel
Schneefrau á la Diem auf dem Muckenkogel am 1. Mai 1955
Eduard Diem – Leben und Werk
An einem Wochenende in Poysdorf begann Hildes Mutter aus heiterem Himmel über einen Hochzeitstermin im Frühsommer zu sprechen. Das Paar war perplex. Es sprach viel dagegen, schon jetzt zu heiraten. Eduards Wohnung in Marktl bei Lilienfeld war kriegsbeschädigt und hatte nur ein provisorisch mit Teerpappe geflicktes Dach. Das Auffangen des Wassers mit den Eimern auf dem Dachboden gelang nicht immer. Ein Holzofen zum Kochen, eine Wasserleitung im Hof, ein Plumpsklo im Garten, das alles wurde im vorigen Kapitel schon erwähnt. Dazu hatte Eduard noch den Kredit für das Motorrad. Aber es stand fest und als Hochzeitstermin wurde der 26. Juli 1954 vereinbart.
Am Tag vor der Hochzeit fuhr Eduard mit dem Motorrad nach Jetzelsdorf, um seine Schwester abzuholen. Die Eltern fuhren mit dem Zug nach Poysdorf. Knapp vor Poysdorf klagte die Schwester, wegen des Fahrtwindes ohne Brille nichts zu sehen. Eduard borgte ihr seine Schutzbrille. Nach ca. 300 Metern Fahrt stach ihn eine Hornisse über dem linken Auge. Sie kamen gerade noch bis zum Haus. Dann schwoll das ganze Gesicht an und die Augen waren verschlossen. Der gerufene Arzt gab ihm Injektionen und verordnete Bettruhe. Er sollte keinen Kaffee und keinen Alkohol trinken.
Am nächsten Tag fand die Hochzeit in der Kirche statt. Eduard stand mit einem unförmigen Kopf und schmalen Sehschlitzen vor dem Altar, selbst die Nase war von der Geschwulst überwuchert. Das entsetzte Getuschel der Hochzeitsgäste war nicht zu überhören. Er sprach sein Jawort. Die Leute gingen ins Kaffeehaus und Eduard ging zum Pfarrer, um die Hochzeitsgebühr zu bezahlen. Der zu zahlende Betrag waren 248,– Schilling, Eduard hatte aber nur eine 500-Schillingnote. Der Pfarrer sagte: „Ich kann aber nicht herausgeben, danke“. Er steckte das Geld ein und verschwand. Ein Trost war das Bild, das Maria Ohmeyer dem Hochzeitspaar schenkte.
Das junge Paar wohnte also in der vorher beschriebenen Wohnung. Beim Leiner in der Mariahilfer Straße kauften sie Wohnzimmermöbel. Das waren die ersten Möbel, die nach dem Krieg erhältlich waren, ein Dreieckstisch und leichte fauteuilähnliche Sessel. Eine vergleichbare Garnitur steht heute im Museum für angewandte Kunst. Sie waren rundum glücklich. Den Kredit für das Motorrad wollten sie möglichst rasch abzahlen und sie sparten deshalb eisern. Die Zigaretten konnte man noch stückweise kaufen, Eduard kaufte zwei Zigaretten pro Tag. Das Abendessen waren stets Kartoffeln und fünf Dekagramm Leberkäse.
Die Hochzeit
Hilde und Eduard
im Hochzeitsalter
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Hildes Haare schnitt Eduard, denn ein Friseur wäre zu teuer gewesen. Die Frisur war so auffällig modern, dass die anderen Frauen wissen wollten, bei welchem Friseur Hilde gewesen war. Eine Erleichterung waren die Kleiderstoffe, die Eduard von den Textilfirmen Hämmerle und Rhomberg als Natural-Prämien für seine originellen Schaufensterkreationen bekam.
Im Sommer des Jahres 1955 bestritt Eduard sein letztes Radrennen. Es fand im Rahmen der Landesmeisterschaften auf einem Rundkurs in St. Pölten statt. Es war sehr heiß und Hilde, die am Rand des Kurses zusah, kippte plötzlich um. Sie war schwanger. Eduard gab den Rennsport auf und begann intensiver zu malen.
Eduards Mutter Katharina Diem, geborene Hartl. Ein Foto unbekannten Datums
Blumenstillleben.
Das Hochzeitsgeschenk von Maria Ohmeyer.
Ölfarbe auf Faserplatte, 1954, 40x29cm
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Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard erkannte immer mehr, dass die Intensivierung von Kontakten zu anderen Künstlern einen Umzug nach Wien erforderte. Im Herbst 1955 bewarb er sich für eine Stelle in der Werbeabteilung von Herzmansky und hatte Erfolg. Herzmansky beschäftigte 17 Mitarbeiter in dieser Abteilung und darüber hinaus die Modelagentur Wodak für Modenschauen, z.B. im Konzerthaus. Der Chef der Abteilung war ein Herr Kozema. Eduard wurde als Schaufensterdekorateur engagiert, ausschlaggebend dafür waren die Preise, die er für seine Arbeiten in Poysdorf und in Lilienfeld erhalten hatte.
Von besonderer Spannung war jedes Mal der saisonale Wechsel der Schaufensterdekoration, vor allem die Öffnung der Weihnachtsauslagen. Wer würde diesmal der Erste sein und womit würde er beeindrucken? Das war von elementarer Bedeutung für den Geschäftsgang, denn es war eine beliebte Abendbeschäftigung des Publikums, sich die Schaufenster der Kaufhäuser anzusehen. Die neuen Dekorationen wurden mit Ungeduld erwartet.
Ein besonderes Konkurrenzverhältnis gab es mit Herrn Leitinger, dem Dekorateur der Kleiderbauer-Auslagen gegenüber. Es soll sogar zu Fällen von Betriebsspionage gekommen sein. Das Verhältnis zum Kollegen Leitinger wurde aber schließlich ein freundschaftliches. Nach ein paar Jahren kaufte dieser eine Siebdruckerei im 7. oder 8. Bezirk, Eduard glaubt in der Lindengasse, wo dann auch er und ein paar seiner späteren Künstler-Kollegen drucken ließen.
Einer seiner Kollegen bei Herzmansky war Rudolf Gössl. Seine Frau hatte später eine Boutique am Lugeck/Ecke Kölnerhofgasse.
Eine Wiener Wohnung gab es mit Antritt der neuen Stelle allerdings noch keine. Eduard konnte aber vorerst bei seiner Schwester Grete unterkommen. Sie wohnte in einer aufgelassenen Schneiderwerkstätte in der Schönbrunnerstraße. Anfangs schlief Eduard auf dem Zuschneidetisch. Die Nachbarin, eine alte Schauspielerin, die schon lange beschäftigungslos war, besuchte sie jeden Abend. Mit ihr teilten sie das Abendessen.
Hilde war schwanger und ging vorerst nicht mit Eduard nach Wien, sondern zu ihrer Mutter nach Poysdorf. Eine Entbindung im Krankenhaus wollte sie nicht. Der berechnete Termin war Mitte November.
Am 12. November fuhr Eduard nach Poysdorf, am Nachmittag des 13. November setzten bei Hilde die Wehen ein. Die Hebamme wurde gerufen, aber sie kam mit der Geburt nicht zurecht. Hildes Mutter war dabei und nach einiger Zeit wurde auch Eduard
Wien
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gebeten, zu helfen. Schließlich wurde der Gemeindearzt geholt und dann klappte es auch: Sohn René war geboren.
Auf der Suche nach einer Wiener Kellerwohnung fand Eduard schließlich eine mit nur 28 m2 am Hietzinger Kai. Sie war ab Jahresende beziehbar und die Ablöse, natürlich ohne Rechnung, war sehr hoch. WC und Wasser waren innen, das war damals noch keineswegs Standard. Mit den Küchenmöbeln wurde ein Tischler aus Poysdorf beauftragt. Die übrigen Möbel machte Eduard teilweise selbst.
Eduard kaufte einen Gasherd, mit dem man auch heizen konnte, es war damals das neuste Modell. An einem Wochenende, das Eduard zur Dekoration der Schaufenster bei seiner früheren Firma in Lilienfeld nutzte, wollte seine Schwester Grete die zu Hause gebliebene Hilde und ihren Sohn René besuchen. Da sich auf mehrmaliges Läuten nichts rührte, schaute sie beim Küchenfenster hinein. René spielte am Boden und Hilde lag bewusstlos daneben. Der Küchenherd hatte einen Produktionsfehler und jetzt wurden diese Modelle von der Firma Gebe zurückgezogen.
Es gab einen weiteren gefährlichen Zwischenfall. In einem unbeobachteten Moment gelang es René, sich von der Bank über den Esstisch und den Schrank zum anderen Ende des Hängekastens zu hanteln. Das war eine artistische Leistung. Auf dem Hängekasten stand eine Konservendose mit Terpentin zum Auswaschen der Pinsel. Er schnappte die Dose und trank von dem Terpentin. Die Eltern riefen sofort die Rettung und er musste einige Tage im Krankenhaus bleiben. René fürchtete sich noch lange Zeit vor weißen Hemden oder Eduards weißem Arbeitsmantel.
Eduard wechselte von Herzmansky zu Kleiderhahn, damals ein Spezialist für Herrenbekleidung. Seine Arbeit wurde gewürdigt und er verdiente jetzt mehr.
Die Wohnung in Unter St. Veit war zu klein geworden, um darin auch arbeiten zu können. Außerdem erwartete die Familie ihr zweites Kind. Also bemühte sich Eduard über das Kulturamt um eine Atelierwohnung. Nach langwierigem und lästigem Vorsprechen am Wohnungsamt schaffte es die Familie, von Unter
Der 1925/26 errichtete Gemeindebau an der Ecke Steinbauergasse/Längenfeldgasse.
Hier wohnten die Diems
von 1961 bis 1965.
Fotografiert am
29. November 2021
Eduard Diem – Leben und Werk
Porträt von Gregor Diem, geboren am 22. März 1962.
Bleistift auf Packpapier,
1962, 63x45cm
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St. Veit in ein Wohnatelier in dem großen Gemeindebau in der Steinbauergasse 36 (Bebelhof) an der Ecke zur Längenfeldgasse zu übersiedeln. Der Vormieter Kurt Absolon war einem tödlichen Verkehrsunfall zum Opfer gefallen und die Witwe konnte die Miete nicht mehr aufbringen. Das Wohnatelier bestand aus einer ehemaligen Waschküche, nun Küche und WC. Ein Verbindungsgang führte zum Wohn-, Schlaf- und Atelierraum sowie zum Kabinett als Kinderzimmer. Zu bezahlen war ein relativ hoher Werkstättenzins.
Die nunmehrige Verbesserung der Wohnsituation war allerdings nur eine räumliche, denn das Blechdach war nicht isoliert. Im Sommer hatte es bei einer Außentemperatur von 20°C eine Innentemperatur von 35°C und im Winter schafften sie mit einem Ölofen eine Innentemperatur von gerade mal 16°C. Das Heizen mit Öl war noch nicht sehr ausgereift. Obwohl der Rauchfang auf eigene Kosten umgebaut wurde, war die Wohnung bei Tiefdruck an manchen Stellen von einer millimeterdicken Rußschicht bedeckt.
Es war schwierig, mit den hohen Staffeleien zurechtzukommen, denn die Zimmerdecke war schräg, von der höchsten Stelle mit 2,30 Metern abfallend auf zwei Meter.
Als sich bei Hilde die Wehen ankündigten, musste Eduard zum Polizeiposten, um einen Rettungswagen anzufordern. Die Geburt im Krankenhaus ging glatt vonstatten und Gregor wurde am 22. März 1962 geboren.
Im Sommer saß Eduard oft auf dem Blechdach vor dem Fenster und betrachtete das Treiben auf der Straße. An der Ecke Längenfeldgasse/Steinbauergasse gab es noch keine Ampel. Durchschnittlich einmal pro Woche gab es einen Verkehrsunfall.
Eduards Onkel Josef betrieb ein Gasthaus in der Malfattigasse, doch das Publikum war furchtbar und schließlich warf er entnervt das Handtuch. Meidling war damals wegen seiner prominenten Gangster viel im Gespräch. Sehr bekannt waren die Schmutzer-Brüder. Als einer der „Schmutzerbuam“ zu Tode kam, gab es auf dem Meidlinger Friedhof ein Begräbnis mit Musik und Fanfarenklängen. Die komplette Krimiprominenz zollte Tribut. Als Ersatz für das Gasthaus in Meidling kaufte Onkel Josef ein Gasthaus in Hadersdorf.
Wegen der quälenden Hitze wollte Eduard einen Ventilator in der Wohnung einbauen. Das Gerät kaufte er in einem kleinen Elektrogeschäft in der Ullmannstraße. Der Elektriker Dkfm. Katz bot Eduard an, den Ventilator selbst einzubauen. Sie einigten sich auf den Abend um sieben Uhr. Dkfm. Katz war überrascht, als er die vielen Bilder in Eduards Wohnung sah. Er hatte in Paris studiert und sich dort mit dem Handel von Altpapier über Wasser gehalten. Dabei war er in einige Ateliers gekommen.
Noch um Mitternacht desselben Tages rief er an: Neben seinem Geschäft gäbe es einen Raum mit einem eigenen Eingang. Der wäre doch als Atelier oder Galerie bestens geeignet. Eduard
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gab zu bedenken, dass er sich das nicht leisten könnte. „Das kostet gar nichts, ich möchte mir nur jeden Abend die Bilder ansehen dürfen“, war die Antwort. Plötzlich hatte Eduard eine Galerie, jedoch erlaubten die Auflagen der Gewerbeordnung nur eine Non-Profit-Galerie. Nach jeder Ausstellung gab es eine Anzeige einer kleinen katholischen Buchhandlung in der Sechshauserstraße. Ein Polizist ging der Sache nach, Eduard erklärte den Sachverhalt und sie tranken ein Glas Veltliner zusammen. Bald wurde das zu einer sich ständig wiederholenden Zeremonie.
Die Ausstellung eines steirischen Bildhauers in der Galerie in Sechshaus. Federzeichnung auf Papier von Arthur Vögel,
Blatt Nr. 53. 1965, 31x34cm
In der Ullmannstraße gab es das Weinhaus Kraft, heute heißt es „Hawidere“. Die damaligen Stammgäste waren Markthelfer, Strawanzer, Prostituierte und Rentner, alle recht bunt gemischt. Ein Markthelfer, der öfters an der Galerie vorbeiging, kam eines Tages in die Galerie herein. Er erzählte von sich und wollte wissen, wie das Künstlerleben so sei. Von dem Tag an brachte er immer wieder Obst und Gemüse. Wegen Eduards offensichtlicher Skepsis erklärte er die Funktion eines Großmarktes. Für den
Eduard Diem – Leben und Werk
Eigenbedarf bekämen die Helfer etwas von der ungeladenen Ware. Würde sich ein Händler weigern, so könnte gleich eine Obststeige zu Boden fallen und dann wäre die Ware unverkäuflich. Eduards Bedenken waren also unbegründet.
Zu dieser Zeit war auch der Münchner Architekt Arthur Vögel in Wien unterwegs, um Städteansichten zu zeichnen. Vom Dach geeigneter Häuser zeichnete er seine Städtebilder mit Tusche und Spitzfeder. Das machte er so in mehreren europäischen Großstädten, die er alle mit dem Fahrrad bereiste. Einmal lehnte er sein Rad an die Wand und kam in Eduards Galerie. Er sah sich kurz um und sagte: „Ich glaube, hier bin ich richtig!“ Eduard und er wurden gute Freunde.
Zur Übernachtung bevorzugte er Campingplätze, dort lebte er oft monatelang. Während seines Wien-Aufenthaltes wurde es Herbst, der Campingplatz schloss und Arthur war mit seinen Zeichnungen noch nicht ganz fertig. Zur Fertigstellung übernachtete er eine Woche in Eduards Atelierraum. Eduard hatte ihm dort eine komfortable Liegemöglichkeit hergerichtet, aber Arthur lehnte ab: Er war hartes Liegen vom Campingplatz gewöhnt.
Einige Jahre später kam Arthur wieder und er wurde mit einer anderen Wiener Familie bekannt. Diese lud ihn zu einem Ausflug ins Burgenland mit dem Auto ein. Er wollte nicht, denn Autos bestieg er ungern, aber diesmal wurde er überredet. Am
Im Weinhaus Kraft in der Ullmannstraße.
Zeichnung auf Papier, 1960,
30 x 40 cm.
Ein Gast aus Hamburg wollte rasch etwas essen und dieses Weinhaus lag nächst der Galerie in der Sechshauserstraße. Das Lokal war voll mit den unterschiedlichsten Typen. Eine Erzählerin, die ihr Taschentuch als Puppe verwendete, brachte deftige Geschichten. Ab und zu warf ihr jemand einen Fünfer zu. Sofort stoppte sie die Erzählung, fing das Geldstück sicher auf und wandte sich der Theke zu. Eduards Gast blieb dort hängen, er wollte gar nicht mehr in die Stadt. „So etwas gibt es bei uns in Hamburg nicht!“.
Das Lokal gibt es heute noch,
es heißt das „Hawidere“.
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Rückweg vom Neusiedlersee gab es ein schweres Gewitter, in einer Kurve bei Laxenburg kam das Auto von der Straße ab und Arthur Vögel starb. Das war am 1. Juni 1972.
Herr Katz besaß ein Achtel des Hauses, in dem sich sein Geschäft befand. Mit den sieben Mitbesitzern gab es fortwährenden Streit. Als seine Mutter krank wurde, übernahm er das Gasthaus, das sie in Gänserndorf besaß und verzichtete auf dieses Achtel. Damit war auch Eduards Galerie plötzlich Geschichte. Allerdings fand er mittlerweile eine Galerie in den Außenbezirken ohnehin als deplatziert.
Eduard bemühte sich wieder um eine bessere Wohnung. Immer wieder sprach er beim Wohnungsamt vor und bat auch das Kulturamt um Unterstützung. Der Leiter des Kulturamtes wechselte bald die Straßenseite, wenn er Eduard sah, nicht weil er ihn nicht mochte, sondern weil er ihm nicht helfen konnte. Doch 1965 war es dann soweit: Die Diems erhielten eine Wohnung in Atzgersdorf im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing mit der Adresse Höpflergasse 6. Die Häuser der Siedlung, in der die Wohnung lag, waren aus Fertigteilbeton gebaut, doch gemessen am damals üblichen Standard war die Wohnung ein Traum. Eduard hatte ein eigenes Kabinett als Arbeitsraum und es gab auch ein Kellerabteil mit 12 Quadratmetern. Die Übersiedlung fand
Oben: Selbstbildnis mit Tod. Arthur Vögels letzte Zeichnung, zwei Tage vor dem tödlichen Unfall. Unten: Eduard Diem mit seiner Tochter Eva 1968 im Wohnzimmer der Wohnung in der Höpflergasse. Federzeichnung mit Tusche auf Papier von Arthur Vögel.
Eduard Diem – Leben und Werk
knapp vor Weihnachten statt. Das Atelier in der Steinbauergasse gab Eduard an Otto Mühl weiter.
Mit der Geburt der Tochter Eva im Herbst 1965 wurde es jedoch auch hier zu eng. Es gelang Eduard, einen zusätzlichen Raum zu mieten. Schlussendlich hatte er fünf solcher Räume und alle waren vollgeschlichtet mit Bildern und Plastiken.
In der Nähe der Wohnung gab es eine Schnellbahnstation, die Züge fuhren mit Intervallen von einer Stunde. Es gab auch einen Bus, der zum Gregoryschloss (Schloss Alterlaa) fuhr. Der letzte Bus fuhr um 22 Uhr. In der Breitenfurter Straße Richtung Meidling gab es noch offene Wassergräben. Auf der anderen Seite des Bahndammes waren Schrebergärten, später ein Depot für den Aushub von weiteren Baustellen. Vom Bahnsteig aus sah man in Blickrichtung Laab im Walde noch weitgehend unverbaute Landschaft.
Im Jahr 1970 erwarb Eduard einen Schrebergarten in der Carlbergergasse an der Liesing. Er lag nur ein paar Minuten Gehzeit von der Höpflergasse entfernt. Der Garten war bloß eine Schottergrube inklusive Grundmauern für einen Keller und es gab keine einzige Pflanze.
Eduard übernahm den bestehenden Bauplan für das Haus und baute es eigenhändig mit ein paar Änderungen auf. Für die Kellerdecke und die Senkgrube beschäftigte er einen Maurer. Den Dachstuhl setzte er wieder selbst, die Deckung mit Eternitplatten übernahm ein Dachdecker.
Eduard Diem ca. 1970
in seinem Atelier
in der Höpflergasse.
Vorher war das ein Abstellraum für die Kinderwägen.
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Die Erde zur Urbarmachung des Gartens schenkte ihm der ehemalige Bezirksvorsteher und zwar gleich ein paar Lastwägen voll. Eduard war mit ihm am Gartenzaun ins Gespräch gekommen. Er war der Leiter einer Baufirma und musste Erde, die gerade in der Nähe ausgehoben wurde, irgendwo deponieren. So ersparte er sich die Deponiegebühren.
Als das Haus fertig geworden war, lagen Reste des Bauholzes und sonstige Abfälle herum. Eduard warf sie nicht weg, sondern gestaltete daraus eine große Stierplastik, etwas größer als in Natura. Damit wollte er auch den Nachbarn zum Einstieg etwas bieten. Es gab großes Staunen und viel Applaus. Für eine dem Stier folgende Frauenfigur bekam er weniger Applaus: Einige Damen fühlten sich in ihrem Körperumfang porträtiert. Die Stierplastik war nicht sehr dauerhaft konstruiert, hat aber doch eine lange Zeit der Witterung standgehalten. Doch an einem Sonntag – Eduard arbeitete gerade an einer Skulptur – rief der Nachbar an: Der Stier sei gerade umgefallen. Nässe und Ameisen hatten die Plastik derart ausgehöhlt, dass sie lautlos in sich zusammenbrach.
Gleich wurde urgiert: Ein neuer Stier muss den alten ersetzen! Also gestaltete Eduard einen neuen, noch etwas größeren. Sogar ein Filmteam bat um die Erlaubnis, den Garten mit den Figuren – eigentlich war er statutenwidrig angelegt – filmen zu dürfen.
Für den Kleingartenverein entwarf Eduard ein Wappen, das bald auch auf den T-Shirts der Bewohner prangte.
Blick in den Schrebergarten in Atzgersdorf
Eduard Diem – Leben und Werk
Bilder rechts oben und Mitte: Die neue, im Jahr 1999 gefertigte Stierplastik. Das Bild oben zeigt die aus Styropor geformte und mit Putzmörtel beschichtete Plastik vor dem Anstrich, unten nach dem Anstrich mit Acryllack.
Die Verwertung alter Dinge war bei Eduard Diem immer en vogue, damals sowie auch heute:
Oben ist das Skelett eines ausgedienten Gartensessels abgebildet, dem ein aus Alteisen geschweißter Artist aufgesetzt wurde. Neueren Datums ist das „Stacheltier“ rechts.
Holz lackiert, 2013, 60cm hoch
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Oben: Diese Lipizzaner-Plastik fertigte Eduard im Schrebergarten an.
Siehe → Seite 369.
Das war im Jahr 2003.
Natürlich zierten auch die verschiedensten anderen Kunstwerke den Garten. Oben ein Fadengeflecht und unten ein sehender Baum
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Eduard Diem – Leben und Werk
Die ersten Auslandsreisen ab dem Jahr 1959/60 machte die Familie Diem noch mit dem Zelt. Sie fuhren in Jugoslawien von Rijeka bis Kotor. Damals gab es noch so gut wie keinen Tourismus und Campingplätze waren nur auf dem Papier vorhanden. Eduard war aber von der Herzlichkeit überrascht, mit der sie dort behandelt wurden. In Kotor gibt es eine Römerstraße über den Berg nach Albanien. Daneben verlief damals eine ganz neue Asphaltstraße. In der Hitze wurden Eduards Sandalen von dem Teer völlig verklebt.
Im Zentrum von Kotor gab es ein Auskunftsbüro. Dort erkundigte sich Eduard nach Terpentin. Der Mitarbeiter des Büros ging mit den Diems zu einem Schlosser, doch der war gerade zum Mittagessen in einem Gasthaus. Als er gefunden wurde, gingen sie in seine Werkstatt. Eduard musste sich auf die Werkbank setzen und bekam die Sandalen sowie die Füße gereinigt. Er wollte dann bezahlen oder wenigstens ein angemessenes Trinkgeld geben, das wurde jedoch abgelehnt.
In Herceg Novi frühstückten sie in einem Milchgeschäft. Ein etwa 50-jähriger Mann am Nebentisch hörte ihr Wienerisch und sprach die Diems an. Er erzählte, dass er in Wien studiert hatte, im Krieg Partisanenoffizier war und nun als Richter tätig sei. Er bot seine in der nächsten Stadt gelegene Wohnung als Quartier an. Er sei sowieso unterwegs zu den Bezirksgerichten und wenn sie weiterziehen würden, sollten sie den Schlüssel bei der Nachbarin abgeben. Eduard war sprachlos über dieses Angebot nach einer halben Stunde der Bekanntschaft, er nahm es allerdings nicht an. Er kann bis heute nicht begreifen, dass Menschen mit den besten Eigenschaften und den schlimmsten Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg nur Jahrzehnte später in einem grausamen Krieg die Gräuel des Zweiten Weltkrieges wiederholen würden.
In den 1970er- und 1980er-Jahren machte die Familie Diem Reisen in die algerische Sahara. Eduard Diems Leidenschaft für die Wüste fand auch in den Medien ihren Niederschlag, etwa durch einen Artikel im Kurier: „Die Sahara ist seine Inspiration – Vom Lehrling zum Bildhauer“. Er lautete folgendermaßen:
In Abständen von zwei, drei Jahren befällt den Liesinger Künstler Eduard Diem heftiges Fernweh nach der Sahara. Er hat das Glück, dass seine Frau dafür vollstes Verständnis aufbringt und sich auch seine drei Kinder für die Wüste begeistern. Obwohl bereits berufstätig, versuchen sie bei diesen Fahrten mitzuhalten, wenn Eduard Diem seinen umgebauten VW-Bus nach Süden steuert.
Die Auslandsreisen
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Der Kurier über Eduard Diems Leidenschaft für die Sahara
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‚Das Farbenspiel in der Sahara und auch die verschiedensten geologischen Formationen regen meine Phantasie so stark an, dass ich nachher wieder voller Einfälle bin‘, sagt Eduard Diem, der seit vielen Jahren mit seinen Bildern und vor allem auch seinen Bronzeplastiken in der Kunstwelt einen sehr guten Namen hat.
Diem: ‚Man muss immer die Realität vor Augen haben und sehr fleißig sein.‘ ...
‚In der Wüste zählt nur das Wesentliche‘, sagt Diem und dann, ‚bald sind wir ja wieder unterwegs.‘
Bild: Lajos Percze
Eine Impression aus der Sahara. Offsetmalerei auf Karton, 1979, 50x65cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Sahara
als künstlerische Inspiration
Seine Saharareisen sind tatsächlich zur künstlerischen Inspiration für Eduard geworden, sie waren allerdings nicht als solche geplant. Es war vielmehr die reine Abenteuerlust, welche die touristisch noch weniger verdorbene Sahara als Reiseziel nahelegte. Auch der Zufall führte dabei Regie, denn er brachte andere Sahara-Freunde mit den Diems zusammen: Sie waren unter den Adressaten des an alle österreichischen Ärzte versandten Kalenders der Krems-Chemie mit Bildern Eduards.
Hatten die Diems eine Saharareise geplant, begannen die Vorbereitungen bereits drei Wochen vorher. Der Proviant wurde nach einem täglichen Speiseplan zusammengestellt. Abweichungen und Sonderwünsche wurden nur bei Krankheit gestattet. Im VW-Campingbus war ein 200-Liter-Zusatztank eingebaut. Er hatte auch eine Kühlbox, doch in der Sahara funktionierte sie nicht. Mitgenommen wurde auch ein großer Kanister für Wasser. Für die Morgentoilette war höchstens ein halber Liter erlaubt. Weitere wichtige Ausrüstungsgegenstände waren Kartuschen für den Gaskocher, Sandblech und Sandschaufel. Natürlich musste das Gesamtgewicht des Autos samt Besatzung beachtet werden. Mit Übergewicht müsste im Dünensand Luft abgelassen werden,
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Große Sanddüne in der Sahara. Fotografiert während der zweiten Saharafahrt 1980
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wieder auf festem Grund wäre das Aufpumpen bei 50 Grad im Schatten dann sehr anstrengend gewesen.
Die erste Saharafahrt unternahmen die Diems im Winter 1975/76. Die Fahrt führte von Wien nach Italien in die Poebene und weiter Richtung Genua. Eduard und Hilde Diem fuhren im Landrover von Franz und Helena Huber mit. Monika und Erwin Lintner fuhren in einem kleineren Landrover. Günter Pöll mit seinem Sohn und den Diem-Kindern Eva und Gregor sowie ein Student und Freund Gregors fuhren im dritten Auto. Es herrschte starker Nebel und Eduard achtete während der ganzen Fahrt auf die Sichtbarkeit der Nebelmarkierungen.
In Genua war es wichtig, rechtzeitig in der Warteschlange vor dem Einfahrtstor in den Hafen zu sein. Tagsüber war aber noch genug Zeit, um sich in Genua umzusehen.
Die Nacht verbrachten sie am Hafengelände, denn die Verladung auf die Fähre begann erst am nächsten Morgen. Eduard und Hilde hatten ein kleines Zelt und Schlafsäcke dabei, sie schliefen etwa 50 Meter vom Einfahrtstor in den Hafen entfernt. Die Nacht war ruhig. Am Morgen kam ein Bäcker und bot frische Panetti an. Ein anderer Händler verkaufte antike Münzen. Eduard erwarb ein paar davon für einen Sammler in Wien. Die Münzen waren sogar echt, wie sich dann später herausstellte.
Das Hafentor öffnete sich und die Wagenkolonne fuhr auf das Fährschiff. Ein „Stauer“ wies die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange ein. Trotzdem konnten zwei der angereihten Autos nicht mehr mitgenommen werden. Einige der Passagiere mussten falsche Längenangaben gemacht haben.
Im Oberdeck der Fähre befand sich die Erste Klasse für Seereisende. Die unteren Decks waren für die Besatzung und für die Autos. Das Essen in Selbstbedienung war sehr gut, wenn dabei kein hoher Seegang dazwischen kam. Die Fahrt vorbei an Korsika und Sardinien ist meistens ruhiger, doch nach Sardinien kann sich das sehr rasch ändern. Die zu ihren Familien heimkehrenden Araber hatten die Autos mit Mitbringseln vollgestopft: auf dem Dach festgebundene Matratzen, Bettgestelle, Kleinmöbel und allerlei Hausrat. Die Ladung schien oft zu umfangreich für die darunter befindliche Rostlaube zu sein.
Der obige Ausschnitt aus einem Familienalbum dokumentiert die Reisen mit dem Diem’schen VW-Bus und deren Teilnehmer. Mit Ausnahme der ersten Fahrt im Jahr 1975/76 wurden alle Fahrten in die Sahara mit diesem Bus unternommen.
Der Diem’sche VW-Bus
während der zweiten Saharafahrt 1980
Eduard Diem – Leben und Werk
Am frühen Morgen erreichten sie Tunis. Auf dem Schiff entwickelte sich eine unkontrollierbare Hektik. Viele setzten sich gleich in ihr Auto und starteten unsinnigerweise den Motor. Im Nu war der Laderaum voll mit den Abgasen der Motoren und der Schiffsordner musste energisch werden, um dies einigermaßen einzudämmen.
Die Wiener parkten ihre Autos auf dem Platz vor einem Ministerium und gingen dann die Prachtallee in Richtung Souk. Die Allee ähnelte der Rambla in Barcelona. Ein vornehmer Teppichhändler lud sie zum Kaffee ein, aber sie wollten keine Teppiche kaufen. Er sei so etwas wie der Innungsmeister, bestand er auf seine Einladung, und er wolle ihnen nur einige wertvolle Stücke zeigen, aber diese keinesfalls verkaufen.
Danach hielt Erwin Lintner Ausschau nach einem Pissoir und fand einen mit Fliesen gestalteten Eingang. Unter einer Wand mit Wasserhähnen befand sich eine Abflussrinne. Lintner stürzte sich hinein und erst als er sich der Rinne zuwandte, bemerkte er zwei Männer bei ihren rituellen Waschungen. Doch die blickten diskret zur Seite und nichts passierte. Heute wäre so etwas unvorstellbar.
Nach dem Sightseeingtrip ging es los Richtung Algerien. Allerdings hatte sich die Gruppe vergrößert: Konstrukteure der VW-Werke in Wolfsburg hatten sich angeschlossen. Die Crew bestand aus dem Chefkonstrukteur mit seinem Sohn, einem weiteren Konstrukteur und einem erfahrenen Testfahrer. Mit ihrem Wagen, einem Allrad-Bus, wollten sie die Grenzen des Machbaren testen. Einmal blieb er auf einem Dünenkamm hängen. Nach dem Ausschaufeln war einiges verbogen und musste repariert werden. Das alles wurde gefilmt. Zehn Jahre später hatte Eduard in Griechenland einen Malschüler, der ihn schon länger zu kennen glaubte. Offensichtlich hatte er diesen Film gesehen, der eine Zeit lang besonderen Geschäftspartnern vorgeführt wurde.
Die Straße, die sie Richtung Algerien brachte, führte zunächst entlang einer römischen Wasserleitung nach Gafsa. Dort sahen sie sich um und schlossen eine Versicherung ab. Am Abend setzten sie die Fahrt zum Grenzübergang fort, die Straße führte entlang des Salzsees Chott el-Jérid.
Es war schon stockfinster, als sie beim Zollhaus ankamen. Um das Lagerfeuer davor saßen die Beamten. Nach der Begrüßung nahm einer von ihnen die Papiere und eine Laterne. Die Touristen folgten ihm in das Gebäude, in dem es noch kein elektrisches Licht gab. Der Zöllner verschwand mit den Pässen und der Laterne in einem Nebenraum und ließ die anderen im Finsteren warten. Schließlich wurden auch die Autos inspiziert. Einige Kugelschreiber für die Kinder des Beamten lagen bereit. Nach Erledigung aller Formalitäten biwakierte die Gruppe auf der algerischen Seite mit gebührendem Abstand zum Zollhaus.
Am nächsten Tag fuhren sie nach El Oued, einer Oase mit grünlichem Grundwasser in einer zentral gelegenen großen
Der Allrad-Bus der VW-Testfahrer, als er sich zu viel vorgenommen hatte. Er musste aus einer Sanddüne gezogen werden.
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Vertiefung. Die Sanddünen waren 15 bis 20 Meter hoch, in der Vertiefung mit dem Brunnen standen Palmen. Nach einem Sturm mussten die Palmen und der Brunnen freigeschaufelt werden.
Wie in jeder Oase gab es einen Marktplatz mit Souvenierartikeln, Kunsthandwerk, Hausrat, Kleidern, Sandalen etc. darunter auch alte Nägel und Schrauben. Es gab auch einen Basar mit Obst und Gemüse. Die Nacht verbrachten sie im Palmenhain, die Temperatur fiel hier unter null Grad. In der Früh war der Sand an der Oberfläche durch den Tau zusammengefroren.
Die nächste Oase war Touggourt. Etwas außerhalb gab es Bretterverschläge mit Bergen von Mandarinen, Pfefferminztee und Datteln. Es handelte sich um eine Sammelstelle oder einen Großmarkt. Es gab einen Wald aus Dattelpalmen und einen eigenartigen Teich in rechteckiger Form, dessen Wasser kristallklar und mit keinem einzigen Lebewesen darin ziemlich auffällig war.
Jede Oase hatte einen Wassermeister, der die festgesetzte Wassermenge mit Schleusen zuteilte und überwachte.
Weiter ging es nach Quargla. Das war ein etwas größerer Ort mit Schulen und sogar Häusern mit Klimaanlage für Angestellte der Ölindustrie. Auf dem großen Markt wurden Sandrosen angeboten, doch die Wiener gruben sie lieber selbst aus dem Sand.
Motiv in der Nähe von El Oued. Wanderdünen bedrängen
die Oasen.
Die Diems beim Ausgraben von Sandrosen in der Nähe von Quargla 1980
Sanddünen im Wind
Eine der in der Sahara ausgegrabenen Sandrosen.
Sie sind ein unregelmäßig geformtes Kristallgebilde aus in Gips eingebetteten Sandkörnern.
Eduard Diem – Leben und Werk
Zu Silvester waren sie auf der Nordsüdroute unterwegs. Das war eine von Kratern übersäte Asphaltstraße. Besser war es daher, direkt durch die Dünen zu fahren. Etwa 120 Meter westlich der Straße stand eine Bretterbude mit der Aufschrift „CAFE“.
Der Cafetier schlief im Schatten und bedauerte, keinen Kaffee zu haben. Schließlich wurde er von den Reisenden zu einer Tasse Kaffee eingeladen. Ein Fernlastfahrer gesellte sich dazu. Im Austausch kamen Datteln auf den Tisch.
Dann suchte das Team in den Dünen einen Platz für die Nacht und fanden eine Stelle mit schilfartigem Gras. Für das Nachtmahl und ein bescheidenes Lagerfeuer wurde brennbares Material gesammelt. Später wurde die Glut verteilt und mit Sand zugedeckt. Das ergab angenehm warme Sitzplätze. Doch Erwin Lintners an den Füßen ausgefranste Jeans fing Feuer.
Plötzlich war Motorengeräusch zu hören. Der Fahrer eines Fernlasters hatte im „Café“ erfahren, dass da ein paar Verrückte in den Dünen unterwegs wären, wo es kein Durchfahren gäbe. Der Fahrer war den Spuren gefolgt um nachzusehen, ob es ihnen gut ginge.
Schließlich kam das Team durch die Dünen nach Hassi Messaoud. Außerhalb der Oase gab es eine Tankstelle. Der Tankwart konnte nicht glauben, dass sie im Niemandsland unterwegs sein
Café in der Sahara. Offsetmalerei auf Karton, 1978, 50x65cm.
Das Bretter-Café in der Wüste war einer der Eindrücke, die Eduard Diem später künstlerisch weiterverarbeitete.
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wollten. Hassi Messaoud war ein Stützpunkt der Ölindustrie mit Werkstätten, Büros, Lagern und Ersatzteilen. Im Zentrum war ein großer Platz. Ein Uniformierter wurde auf die Gruppe erst aufmerksam, als Eduard ihn nach einer Möglichkeit zum Aufpumpen der Reifen fragte. Als er die Autonummern gesehen hatte, beorderte er die Fremden zum Polizeikommissariat. Dort erfuhren sie, dass sie illegal in ein strenges Sperrgebiet eingedrungen waren.
Alle Wägen wurden gründlichst durchsucht und die Pässe abgenommen. Abends wurde ihnen erlaubt, am Rande des Sperrgebietes zu übernachten. Sie suchten nicht lange, verzichteten auf das abendliche Ritual und wollten einfach nur schlafen. Ein riesiges Fahrzeug kam auf sie zu und verschwand wieder. Sie hatten nicht gewagt, sich zu bewegen. Als es hell wurde, sahen sie, dass sie sich mitten auf einer Piste befanden, die der Pipeline folgte.
Nachdem die Polizei geprüft hatte, ob sie legal eingereist waren, gab sie ihnen die Pässe zurück, eskortierte die Gruppe aus dem Bereich und entließ sie. Das Sperrgebiet war eingerichtet worden, um einer Sabotage durch Gaddafi-Söldner vorzubeugen.
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Nach diesem Bericht vom ersten Teil der allerersten Saharafahrt werden in diesem Kapitel noch ein paar allgemeine Eindrücke der Wüstenfahrten und ein paar zusammenhanglose Erlebnisse erzählt. Einer der vielen unvergesslichen Momente war ein stimmungsvoller Abend, an dem Eduard begann, die vor ihnen liegende Düne in einer Länge von zirka 25 Metern zu signieren. Sein Freund Franz Huber fotografierte das und diese Fotos wurden zum ständigen Begleiter von Eduards Sahara-Berichten.
Eduard beim Signieren der Sanddüne während der ersten
Saharafahrt 1975/76
Auf dem Weg zu einem verlassenen französischen Fort blieb der Bus im Sand stecken. Es war Mittag und sehr heiß. Die Diems schaufelten und René hatte erste Anzeichen eines Kollapses. Glücklicherweise fuhren Arbeiter vorbei und bogen sofort ein. Einer gab ihnen zu trinken, ein anderer goss ihnen Wasser über den Kopf. Die Glücklichen konnten sich nicht einmal bedanken, so schnell waren die Helfer wieder weg.
Eduard Diem – Leben und Werk
Berberfrau.
Offsetmalerei auf Karton,
1980, 65x50cm
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Am Weg nach Metlili.
Offsetmalerei auf Karton,
1981, 65x50cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Fahrten durch die Wüste hatten allesamt weitgehenden Expeditionscharakter mit langen Wochen ohne Hotel oder Restaurant. Die Abende wurden in den Dünen sitzend und auf den Sonnenuntergang wartend verbracht. Der Aufenthalt in der Wüste und die absolute Stille bewirkte etwas in den Reisenden. Die Zeit verlor ihre Relevanz. Doch gegen Ende der Reisen musste wieder auf die Uhr geblickt werden, denn die Fähre nach Genua wartete nicht auf sie.
Der ersten Sahara-Tour folgten drei weitere, die alle im eigenen VW-Bus unternommen wurden. Bei der zweiten Tour wurden sie von Vater und Sohn Pöll im Landrover begleitet, an
den weiteren Touren waren nur mehr Familienmitglieder beteiligt. Als schönste Tour ist den Diems die vierte und letzte Fahrt in Erinnerung geblieben. Beim Start im Februar war in Europa noch Winter, in Nordafrika begann bereits der Frühling und dieser wurde um so schöner, je weiter sie in den Süden kamen. In Zentralafrika stieg die Temperatur zur Mittagszeit auf 50 Grad, in der Nacht sank die Temperatur allerdings auf zwei Grad ab. Bald darauf, im Hoggar-Gebirge, war es dann wieder Frühling.
Im Hoggar.
Offsetmalerei auf Karton,
1985, 65x50cm
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Sandzunge in der Geröllsahara.
Offsetmalerei auf Karton,
1980, 65x50cm
Sonne. Ein alter Mann saß mit einer Salatschüssel daneben und überreichte das übergelaufene Benzin, das er darin aufgefangen hatte. Er hatte auch aufgepasst, dass niemand mit einer brennenden Zigarette zu nahe kam.
Als sie damals ca. einen Kilometer vor Kaiouran, einem der wichtigsten islamischen Zentren, unterwegs waren, kamen sie an vier Männern vorbei, die neben einem Berg Wassermelonen standen. Eduard kaufte eine schöne große Melone und lud sie ins Auto. Er hatte algerisches Geld dabei und österreichische Preise im Kopf und dachte daher, der bezahlte Preis wäre in Ordnung gewesen. Die vier Männer fingen an zu diskutieren und plötzlich
schnappte sich jeder eine Melone und legte sie in das Auto. Eduard hatte offensichtlich zu viel bezahlt.
Ein anderes Mal im Süden, angeblich am heißesten Punkt der Sahara und schon im Gebiet der Tuareg, kamen sie in eine kleine Oase, deren Name leider vergessen wurde. Rötlicher Sand deckte dort die bebaute Siedlung von Westen her zu, sodass neue Häuser auf der östlichen Seite gebaut werden mussten. Die Diems wollten Brot kaufen, doch auf dem kleinen Markt gab es am späten Nachmittag nichts mehr. Da roch es plötzlich nach frischgebackenem Brot. In einem Innenhof standen etwa 15
Eduard Diem – Leben und Werk
Leute vor dem Verkaufspult angestellt. Der letzte war ein kohlschwarzer Arbeiter. Er bedeutete den Diems, mit ihm nach vorne zu gehen. Eduard nahm soviele Baguettes, wie in seine Armbeuge passten und bezahlte mit einem Geldschein. Der Bäcker verschwand damit, die Diems verließen den Platz und erquickten sich an dem herrlichen Brotgeruch. Zur Verwunderung Eduards, welcher dachte, den exakten Betrag bezahlt zu haben, kam ihm der Arbeiter mit dem Retourgeld nachgerannt.
Ein Tuareg im blauen Burnus begrüßte die Gruppe, fragte nach dem Woher und Wohin und lud sie auf ein Kamelgulasch ein. Der Saft war gut gewürzt, das Fleisch hart wie eine Stiefelsohle, man konnte es nicht einmal schneiden.
Möglicherweise waren viele der Annehmlichkeiten auf der Reise dem „Kreisky-Bonus“ zu verdanken. Nach dem Treffen von Golda Meir und Bruno Kreisky wurde letzterer zu einer Ikone in arabischen Ländern. In Algerien fuhren fast nur mehr österreichische Schwerfahrzeuge.
Günter Pöll hatte bei der ersten Reise einen Autostopper mitgenommen, es war ein Berber. Pöll war in dieser Region in Kriegsgefangenschaft gewesen und konnte sich etwas besser verständigen. Der Berber hatte gefragt, ob er nächstes Jahr wiederkäme und ob er ihm eine Autobatterie mitbringen könnte. Als die Gruppe wieder in der Gegend war, suchte sie nach dieser Sippe in ihrem schwarzen Zelt. Sie fanden das Zelt, obwohl es schon dunkel war. Drei weiße Schäferhunde hinderten die Leute am Aussteigen. Der grelle Pfiff eines jungen Burschen wirkte sofort und die Hunde legten sich auf den Boden. Das typische schwarze Beduinenzelt stand neben einem gemauerten Haus mit einem Tonnengewölbe.
Anwesend waren nur die Frauen und Kinder sowie der genannte Junge, die Männer arbeiteten auswärts. Die Großmutter hatte das Kommando und begann sofort zu kochen. In der Nähe der Feuerstelle lag eine Ziege mit einem neugeborenen Kitz. Schon nach zehn Minuten wurde getrommelt und die Gäste wurden in das Haus gebeten. Die Wände entlang lagen Matratzen und Eduard als Ältester wurde gebeten, sich darauf zu setzen. Er nahm auf der ersten Matratze Platz. Eine junge Frau mit einem etwa acht Monate alten Baby im Arm setzte sich zu ihm, biss die Schalen der Pistazien auf und steckte sie ihm in den Mund. Die Frauen tanzten. Günter Pöll hatte eine Kamera mit und es existiert auch eine Tonaufnahme von diesem Tag.
Gegen Mitternacht stieg der Wunsch, sich zu verabschieden, aber es gab keine Gelegenheit dazu. Eine späte Idee war es, den Karton mit alten Kleidern, die sie zum Verschenken mit auf die Reise genommen hatten, mitten in den Raum zu stellen. Diese Art, ein Geschenk zu überreichen, war sehr unhöflich. Die Großmutter hatte die Übersicht und half den Gästen, unbemerkt zu verschwinden. Allerdings schämten sich diese für ihren Abgang und beschlossen, ganz früh am Morgen möglichst leise abzuhauen.
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Doch als sie zeitig in der Früh die Vorhänge von den Autofenstern zurückzogen, blickten sie auf eine Mauer von Menschen mit Geschenken in der Hand. Eier, Datteln, Nüsse etc.
In der Sahara, besonders in der Geröllwüste, verwandelte sich die Landschaft eine Viertel Stunde vor Sonnenuntergang in ein abstraktes Gemälde. Faustgroße Steine warfen 25 Meter lange Schatten. Dann folgte ein sternenklarer Himmel mit unzähligen Sternenhaufen. Mit Hilfe eines Stocks beobachtete Eduard die Wanderung der Sterne. Er sah auch, ob ein Stern näher oder weiter weg war.
Sie hatten eine französische Militärkarte, in welcher nahe der libyschen Grenze ein größerer Stützpunkt eingezeichnet war. Von Hassi Messaoud führte sogar eine relativ intakte Asphaltstraße zu diesem Punkt. Nach etwa 700 Kilometern fanden sie dort nur eine Tankstelle, einige Häuser und Wasser vor. Sie unterhielten sich mit dem Tankwart, ein Laster mit Arbeitern kam dazu. Sie boten an, die Diems zu einer heißen Quelle zu führen. Es war eine gefasste Quelle, das heiße Wasser sprudelte aus einem armdicken Rohr in ein Betonbecken. Das Wasser bildete einen kleinen Teich mit Wasserläufern und Libellen, jedoch ohne Fische. Am Ufer gedieh Schilf. Die Quelle war etwa 10 Kilometer von der Tankstelle entfernt, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Es war für die Reisenden ein besonderer Genuss, sich nach Wochen der Entbehrung ohne jegliches Hotel wieder richtig waschen zu können.
Anschließend ging es weiter Richtung Hoggar-Gebirge. Am Abend gingen an ihrem Lagerplatz vier Arbeiter vorbei. Die Diems und ihre Gefährten waren müde und hofften, dass die Vier nicht auf einen Plausch gekommen waren. Aber sie gingen
Unterwegs Richtung Hoggar-Gebirge. Abendgespräch nahe der libyschen Grenze. Ganz links Hilde Diem
ihres Weges. Als es total finster geworden war, kamen die Arbeiter neuerlich, diesmal in weiße Burnusse gehüllt, um die Österreicher zu Kaffee und Tee einzuladen. Sie hatten das Autokennzeichen gesehen und sofort war Kreisky das Gesprächsthema. Mit Gaddafi – so sagten sie – gäbe es Schwierigkeiten und heute
Eduard Diem – Leben und Werk
hielt er eine Rede. Ob sie diese nicht über ihr Autoradio anhören dürften?
Über die Straße zum Hoggar-Gebirge durfte man nur im Konvoi fahren. Etliche abgestürzte Autowracks lagen dort im Talgrund. Die Felswand war rot und orange gestreift. Die erste Begegnung mit dem Gebirge ist der Iharen, ein riesiger wie aus dem Boden gewachsener, gewaltiger Basaltkegel. Anschließend kamen sie ins Gebiet der Felszeichnungen. Diesen Zeichnungen zufolge musste die Sahara früher eine tropische Region gewesen sein. Leider waren etliche dieser Zeichnungen von den vorbeifahrenden Jeeps der Fremdenführer beschädigt worden.
Schwere Regenfälle machten die Pisten unpassierbar und verhinderten die Weiterfahrt ins Gebirge. Der Wasserfall mit drei übereinanderliegenden Becken war mit weißer Farbe verunziert worden.
Bei jeder Safari kam der Moment, wo einer oder mehrere der Teilnehmer Durchfall litten. Entsprechend häufig mussten unterwegs geeignete Orte gesucht werden, um die dringenden Bedürfnisse zu erledigen. Einmal führte eine Fahrspur zu einem Felsen, der in der Mitte so sehr gespalten war, dass ein Auto durchfahren konnte. Das Auto wurde dazwischen geparkt, Türen
Hinterlassenschaften,
nicht von Kamelen.
Offsetmalerei auf Karton
1976, 65x50cm
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Markt in Ghardaia
Ghardaia. Offsetmalerei auf Karton, 1984, 50x65cm
Eduard Diem – Leben und Werk
auf, Hose runter, doch aus den Löchern des porösen Gesteins fauchten wütende Echsen.
Einmal, als die Diems mit ihren Gefährten aus den Bergen nahe der marokkanischen Grenze kamen, war in Ghardaia ein Kamelmarkt, den tausende Menschen besuchten. Der große Platz im Zentrum war mit Händlern und Handwerkern gefüllt. Auch ein Zahnarzt hatte seine Ordination aufgebaut. Als die Reisegruppe noch überlegte, wie sie hier wieder herauskommen konnte, begann ein Mann die Straße frei zu machen. Die Menge teilte sich und das Fahrzeug konnte durchfahren.
Am unteren Ende des Platzes beschlossen die Diems, sich den Markt näher anzusehen, aber wo konnten sie wohl parken? Ein Tischler, der seine Bettgestelle vor dem Haus aufgestellt hatte, begann diese wegzuräumen und Platz für das Auto zu schaffen.
Bei der ersten Reise hatte sie dort ein junger Mann zum Essen eingeladen. Er wollte mehr über Europa erfahren. Auf die Frage, warum er gerade sie angesprochen hatte, meinte er, mit Deutschen ginge das nicht, diese ignorierten jede Privatsphäre und wollten nur fotografieren. Das Haus hatte einen schönen Innenhof mit Brunnen. Der junge Mann war der Neffe eines Führers im Befreiungskrieg. Dieser wurde drei Wochen vor Kriegsende von den Franzosen durch Amputationen im Zuge der Folter umgebracht. Sein Bild war in jedem öffentlichen Ort zu sehen.
Die Diems wollten auch einmal den Norden Algeriens sehen. Die Dünenregion ging dort allmählich in eine Halbwüste über. Das Ziel war Biskra, die Hauptstadt des Dattelhandels. Auf dem Weg dorthin wurde ein ausgetrocknetes Bachbett als Nachtlagerplatz auserkoren, denn darin war es windgeschützt. Als dunkle Wolken aufzogen, meinte ein vorbeikommender Hirte, dass sie mit ihm in sein Zelt oder Haus kommen sollten, doch sie blieben. Das stellte sich bald als verhängnisvoller Fehler heraus, denn es folgte ein heftiger Regenguss und das Bachbett füllte sich mit Wasser. Im letzten Moment konnte das Auto hinausgefahren werden, der Bach schwoll binnen kürzester Zeit zum reißenden Fluss an. Nach dem Ende des wolkenbruchartigen Regens stellte Eduard fest, wie tief der Boden durchfeuchtet worden war: Es waren ungefähr zwei Zentimeter.
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Garten des Satans
mit Fata Morgana
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Zwischen dem Norden und dem Zentrum der Sahara führt die Route auf einer Länge von etwa 230 Kilometern über das Tademait-Plateau. Das ist eine mit schwarz oxidiertem, von Wind und Sand glatt poliertem Geröll bedeckte Ebene. Wegen ihrer unendlichen Trostlosigkeit verdient sie voll und ganz den Beinamen „Garten des Satans“. Die schwarzen Steine glänzen und die Fata Morgana täuscht einen spiegelglatten silbrigen See vor. Ein faustgroßer Stein kann in dieser Spiegelung zur Säule werden.
Unverhofft kamen die Diems zu einem Geysir. Das Wasser schoss etwa fünf Meter hoch aus dem Boden. In dem Moment sahen sie auch eine von der anderen Seite kommende Karawane und Eduard wollte sie fotografieren. Doch die Männer bedeuteten ihm, dass dies die Tiere nervös machen würde. Sie benutzten die Gelegenheit zu einer gründlichen Waschung. Als auch Eduard sich auszog, wurde Beifall geklatscht.
Später, gar nicht weit von dieser Stelle, entdeckten die Diems ein Hamam, ein sogenanntes türkisches Bad. Dort gab es saubere Handtücher und alles, wie es sich gehörte.
Von Biskra fuhren sie weiter nach Norden und dann zur tunesischen Grenze. Sie querten eine Landschaft, die sie an den Grand Canyon in Amerika erinnerte. Es öffnete sich ein tiefes Flusstal, in den Felswänden gab es aber Höhlen als Behausungen und Ziegenställe. Auch versteinerte Ammoniten gab es zuhauf, so groß wie Wagenräder. Einheimische klopften mit einem Hämmerchen die Steine ab, um Einschlüsse zu entdecken.
Auf dem Weg zur Fähre in Tunis wollten die Diems das Meer sehen. Auf dem Weg Richtung Küste fuhren sie an einem Brunnen vorbei. Frauen zeigten stolz ihre Babys, andere Frauen und Mädchen versteckten sich jedoch eiligst. Die Piste führte zwischen zwei Häusern hindurch, jetzt wäre der Strand nicht mehr weit. Dann standen sie mit ihrem Auto plötzlich in einem Olivenhain. Kinder, die Schafe hüteten, kamen zögernd aber neugierig immer näher. Es war schon spät und in der Dunkelheit kam der Besitzer mit seinen Söhnen, vom ältesten bis zum jüngsten. Er begrüßte die Eindringlinge und zeigte sich sehr geehrt, weil sie die ersten Europäer auf seinem Besitz waren. Er überreichte allerlei Nüsse. Als Eduard die Kombizange aus dem Auto holte, schmunzelte der Gastgeber und biss die Schalen auf. Erst nach geraumer Zeit verabschiedeten sich die Europäer. Sie waren auch zum Essen eines Tintenfisches eingeladen worden, doch aus Angst vor einem neuerlichen Durchfall lehnten sie dankend ab. Als Begründung diente die Fähre, die sie erreichen mussten.
Eine andere Episode:
Im Hoggar begegneten die Diems einem hochrangigen Tuareg auf einem weißen Pferd. Mit seinem silbernen Zaumzeug war es eine prächtige Erscheinung. Der Tuareg wurde von sechs Männern begleitet. Einer fragte nach Trinkwasser.
Die Tradition der Tuareg ist es, dass die Geschichte auf höchstmöglichem Niveau von den Frauen weitergegeben wird. Bis ins
Eduard Diem – Leben und Werk
19. Jahrhundert gab es fast keine schriftlichen Aufzeichnungen. Ihre Gesetze folgten nicht immer denjenigen der Regierungen. Kam es bei Differenzen zwischen Ehegatten zur Scheidung, stellte die Frau ganz einfach die Sachen des Mannes vor die Tür und das war es dann gewesen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich sehr viel verändert. Etwa zehn Jahre nach der letzten Saharatour der Diems, bei der es keine Spuren persönlicher Bedrohung gab, geschahen die ersten Geiselnahmen.
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Afrikanischer Regenbogen.
Bleistift auf Papier,
2003, 50x65cm
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Fotografie (links) und künstlerische Darstellung (unten) von Marabuts,
der Grabstätte von
islamischen Heiligen
Marabut.
Offsetmalerei auf Karton,
1981, 50x65cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Djerba
1979/80 flog Eduard mit Gattin Hilde und den Kindern Eva und Gregor nach Djerba, eine Insel an der Ostküste Tunesiens. Begleitet wurden sie vom Malerkollegen Erhard Bail mit seiner Frau Nina und deren beiden Söhnen. Sie wollten die Insel mit Leihautos erkunden.
Eine der Besonderheiten der Insel ist die Geschichte ihrer jüdischen Gemeinde, die in drei Dörfern mit etwa 20 bis in die 1950er-Jahre benutzten Synagogen lebte. Einst waren die Araber stolz auf dieses Zusammenleben, doch heute ist eine Wallfahrt zur bekanntesten dieser Synagogen, der el-Ghriba-Synagoge, nur unter größten Sicherheitsvorkehrungen möglich. Eine andere Besonderheit ist ein Keramikerdorf, dessen Werkstätten aus misslungenen Keramikgefäßen gemauert wurden.
An einem Tag mieteten die Urlauber Reitpferde, doch die Pferde spürten die Unerfahrenheit der Reiter und waren nur mühsam in Gang zu bringen. Der Heimweg dieses Ausrittes führte durch einen auf beiden Seiten mit Agaven bewachsenen Hohlweg. Dort galoppierten die Pferde einfach hindurch und die Reiter mussten sich flach auf die Pferderücken legen, um nicht von den Agavenblättern aufgespießt zu werden. Die Pferde betreute ein taubstummer Bursche, der auch Kunststücke am Strand mit den Pferden vorführte.
Ein Ausflug auf das Festland führte sie in die tunesischen Berge in das Bergdorf Chenini. Die Ansiedlung war so angelegt, dass sie leicht verteidigt werden konnte. Dort gab es in den Fels gehauene Höhlen mit schweren, schön geschnitzten und eisenbeschlagenen Türen und einem Ausguck daneben. Vor dem Eingang war der Standplatz für Kamele und Esel. Ein steiler Abhang führte in das Tal. Mitten auf dem Weg lagen drei Männer und spielten mit kleinen Steinen auf einem in den Felsboden gemeißelten Spielfeld. In einer Höhle gab es sogar ein Postamt. Auch einige Campingbetten standen da.
An einem anderen Tag fand im Zentrum der Insel eine Hochzeit statt. Das war natürlich für die Touristen eine unwiderstehliche Attraktion. Es war ein großes Fest mit dem traditionellen Reitturnier, der Fantasia. Die Vorstellung war umwerfend und die feurigen Pferde dieselben, die sie zuvor gemietet hatten.
Ein weiterer Ausflug führte zu den Höhlenwohnungen in Matmata. Das waren große im Lehmboden ausgehobene Gruben mit einem Brunnen in der Mitte. Begehbar waren sie durch einen Tunnel. Die Lehmwände wurden auf zwei Etagen genutzt, Stufen führten nach oben. Es war kein Holz oder anderes Baumaterial zu sehen.
Umschlag des Albums mit den Djerba-Fotos
Eduard Diem hoch zu Ross
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Auf Djerba logierte die Gruppe in einem Hotel, das seine Gäste mit einem Silvesteressen erfreuen wollte. Doch die Diems und ihre Freunde wollten diesem entgehen und machten einen Ausflug mit zwei Leihwägen. Es war schon dunkel, als eines der beiden Autos nicht mehr zu starten war. Auch die Hilfe eines Einheimischen war vergebens. Sie ließen das kaputte Auto stehen und setzten die Fahrt zu acht in dem anderen Auto fort. Streifenpolizisten in weißem Lederzeug und auf weißen Motorrädern stoppten sie. Sie kontrollierten die Papiere, fragten nach ihrer Unterkunft und wollten sich länger unterhalten. Die Touristen versuchten zu verbergen, dass das Auto völlig überbelegt war, doch die Polizisten fingen an alle zu zählen. Bei acht lachten sie und entließen die Gruppe mit guten Wünschen zum Neuen Jahr.
Als sie nach Mitternacht im Hotel ankamen, herrschte dort große Aufregung. Der Torwächter hatte sie verzweifelt gesucht. Zu essen gab es nichts mehr, aber zwei Flaschen Rotwein.
An einem anderen Tag gab es eine Bootsfahrt. Neben Eduard saß ein einheimischer Vater mit seiner Tochter im Teenageralter. Eduard hatte einen doppelten Spiegel, dessen runder Rahmen zerbrochen war. Er fragte den Vater, ob er dem Mädchen den Vergrößerungsspiegel schenken durfte. Das Mädchen war außer sich vor Freude und jedem wurde der Spiegel gezeigt.
Teile der Familien Beil und Diem
auf Djerba
Zum Abschluss: Picknick am Meer während des letzten Tages der letzten Saharafahrt 1984
(am Weg zur Fähre):
Gregor, Eduard und Ilse Diem
Eduard Diem – Leben und Werk
Verflogene Jahrzehnte:
ein kleines Familienalbum
Fleißig erzählt Eduard über seine frühen Jahre und seine Etablierung als Künstler. Aber kaum etwas erzählt er über die Jahre danach. Diese Jahrzehnte scheinen ihm nicht aufregend genug zu sein und die Leser dieser Biografie könnte es wohl langweilen. Mag sein. Es sind Jahrzehnte des Wohllebens im Kreise einer vertrauten Familie, eingebettet in eine lange Zeit des Friedens und in eine Periode historisch einmaligen Wohlstandes.
Die Kinder wuchsen heran, schlossen ihre Schulbildungen ab, verließen das Elternhaus und heirateten. Aus der anfänglichen Zweisamkeit von Hilde und Eduard wurde ein ganzer Clan. Die Eltern wurden zu Oma und Opa und sie feierten edle Hochzeitsjubiläen. So wie bei unzähligen anderen Familien auch.
Die 1980er-, 1990er- und die Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts nehmen daher in dieser Biografie nur einen verschwindend kleinen Platz ein.
Eduards Eltern feiern ihre Goldene Hochzeit im März 1985.
Wenn die Kinder der Familie Diem aus der Vergangenheit erzählen, dann landen sie rasch bei der Fantasie ihres Vaters und dem Freiraum, den sie als Kinder hatten. Hier ein Zitat der Tochter Eva aus dem Diem-Buch des Jahres 2012:
Das ‚Geschichten Erfinden‘ unseres Vaters hat uns Kinder sehr begeistert und ist oft spontan aus soeben erlebten Begebenheiten entstanden.
Einmal hatten wir eine Autopanne und mussten auf Hilfe warten. Es war schon spät. Meine Mutter machte es uns Kindern auf der Rückbank des Autos gemütlich und mein Vater erzählte uns eine Geschichte, die selbstverständlich mit unserer Situation zu tun hatte. In dieser Erzählung reparierte ein Schuster
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Eva Scholz
erzählt aus ihrer Kindheit.
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Foto vom 10. Oktober 1993, von links nach rechts: Eduard Diem, die Nichte Ingrid Winkler, Eduards Mutter Katharina, Hilde Diem, Schwiegersohn Alexander Scholz mit Tochter Marisa, René Diems Tochter Yvonne, Eva Scholz (geborene Diem), Eduards Schwester Grete Winkler. Sitzend: Ilse und René Diem mit Marcus, Sohn von Alexander und Eva Scholz
den Autoreifen, indem er mehrere Schuhsohlen auf den Reifen montierte. Auf diese Weise hatten wir Spaß und die Zeit des Wartens verging wie im Flug.
Auch Spielsachen, wie beispielsweise ein riesiges Reittier aus überzogenem Schaumstoff, hat er für uns genäht oder ein Schaukelpferd in der Größe eines Ponys für seine Enkelkinder gebaut. Sogar Brettspiele waren Teil seines Erfindungsreichtums. Seiner Fantasie und Schaffenskraft waren keine Grenzen gesetzt. Kreativität war bei uns zu Hause allgegenwärtig. Unsere Faschingskostüme waren immer außergewöhnlich und mit viel Fantasie von meinem Vater gestaltet. Niemals wären wir auf die Idee gekommen, fertige Kostüme zu kaufen. Mein Vater hatte Freude daran, sich mit uns Kostümierungen zu überlegen und zusammen zu stellen.
...
Meine Eltern Hilde und Eduard Diem sind liebevolle Eltern, die uns Kindern viel Freiraum gelassen haben. Einen Maler und Bildhauer als Vater zu haben war für mich als kleines Mädchen normal, nicht außergewöhnlich. Seit ich denken kann bin
Foto vom 15. November 2009: im Mittelpunkt Hilde und Eduard Diem, umrahmt von der Familie. Von links im Uhrzeigersinn: Sohn Gregor Diem mit Gattin Silvia, Schwiegersohn Alexander Scholz mit Gattin Eva (geborene Diem) und den Kindern Marcus, Marlien und Marisa und dann die Familie des Sohnes René mit Gattin Andrea (links) und Tochter Yvonne (rechts) und deren Gatten Michael. Unten Renés Enkelkind Alina
Eduard Diem – Leben und Werk
ich von Kunst umgeben. Fast täglich, wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, gab es neue Werke. Oft sind die frisch gemalten Bilder im Wohnzimmer auf dem Boden ausgebreitet gelegen, weil sie noch nicht ganz trocken waren. Meine Brüder René, Gregor und ich haben daneben unbehelligt gespielt, ohne dass jemals einer von uns auf ein Bild getreten wäre. Nur einmal hat mein Bruder Gregor eines der Bilder für nicht gut befunden und es schlicht und einfach mit ein paar Pinselstrichen ‚ausgebessert‘.
Im Kunstgeschichteunterricht zu meiner Gymnasialzeit ist mir die Bedeutung und Vielfalt des künstlerischen Schaffens meines Vaters so recht bewusst geworden, als meine Professorin das Buch ‚Bewegung im Zwielicht‘ – ein Katalog zu einer Ausstellung bei der Chemie Linz AG – vorstellte und über meinen Vater erzählte.
Ich war sehr stolz! Nicht nur darauf, dass Eduard Diem mein Vater ist, sondern auf seine gesamte künstlerische Arbeit in all ihrer Vielfalt.
Gerne erinnern sich die Diem-Kinder auch an das Kinderbuch „Es war einmal eine alte Lokomotive“, das ihr Vater Eduard für sie schrieb und bunt illustrierte.
Gratulation.
Ein Geburtstagsstrauß
für Hilde Diem.
2005, Buntstift auf Papier, 44x19cm
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Das Deckblatt des Kinderbuches
„Es war einmal
eine alte Lokomotive“
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Familie.
Linolschnitt, 1956, 43x30cm
Familie (Ausschnitt).
Mischtechnik auf Faserplatte, 1968, 50x65cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Etwa im Alter von 80 Jahren beschloss Eduard, in der Kunstszene nicht mehr so umtriebig zu sein und quasi in Pension zu gehen. Ein Urheberrechtsprozess und ein weiterer Rechtsstreit mit einer Galerie, die er beide gewonnen hatte, förderten seinen Entschluss. Seine Mutter, sein Vater und sein Großvater starben mit 85 oder 86 Jahren. Das würde auch für ihn gelten, so dachte er. Außerdem waren viele Bekannte, Sammler und auch Kollegen bereits verstorben.
Vor allem das Jahr 2010 war ein Schicksalsjahr für die Familie Diem. Eduards Frau Hilde erlitt einen Schlaganfall. Dank der schnellen Hilfe überstand sie ihn relativ gut. Später wurde jedoch Darmkrebs diagnostiziert. Ihr Sohn René erkrankte an Hautkrebs und starb nach fünfjähriger Behandlung. Eduards Schwägerin starb an Leukämie. Bei Hilde folgten ein Oberschenkelhalsbruch, eine Hüftgelenksoperation und ein komplizierter Knöchelbruch. Ihr physischer Zustand hat sich aber bis auf eine leichte Behinderung derzeit eingependelt.
Die neue Situation beschleunigte den Rückzug Eduards aus der Öffentlichkeit und er beteiligte sich nur mehr sehr selten an Ausstellungen. Eine dieser Ausnahmen wäre im Jahr 2020 eine Ausstellung in Steyr gewesen, aber diese wurde wegen der Corona-Maßnahmen abgesagt. Die für den Transport gedachten Plastiken waren schon in der Einfahrt im Freien hergerichtet und blieben dann dort stehen. Als Eduard bemerkte, dass dies auf Interesse der Passanten stieß und einige sogar einen Umweg in Kauf nahmen, um sie immer wieder zu sehen, stellte er noch ein paar Plastiken dazu. Das war in gewisser Weise Eduards Beitrag zur Unterhaltung der pandemiebedrohten Menschen. Manche sahen ihm auch bei der Arbeit zu und suchten das Gespräch.
Diese Einfahrt liegt übrigens in Ober St. Veit. Eduards in Ober St. Veit lebende Tochter Eva, sein Schwiegersohn Alexander und die Enkelkinder boten dem Ehepaar Diem an, in dem Atelierhaus in ihrer Nachbarschaft zu wohnen. Die beiden nahmen das Angebot freudig an. Eduard hat nun die besten Arbeitsbedingungen und ist auch immer in der Nähe seiner Frau.
Künstler haben im Alter das Problem bezüglich ihres Nachlasses. Günter Westermann, der in Deutschland eine Sammlung mit kleinformatigen Bildern vieler internationaler Künstler immer wieder erfolgreich ausgestellt hatte, bot seine Sammlung dem Kulturamt sowie einigen Museen als Geschenk an und alle lehnten ab. Dann war er auf der Suche nach Vereinen oder Stiftungen, die diese Sammlung in seinem Sinne weiter beisammenhalten könnten. Die Erfahrung lehrt aber, dass beides nicht wirklich
Der Herbst
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funktioniert. Also ist Eduard entschlossen, alle seine Objekte an seine Nachkommen weiterzugeben.
Jetzt ist Eduard über 90 Jahre alt. Wenn er die Vernissage eines jungen Kollegen besucht, fühlt er sich in gewisser Weise wie ein Untoter. Viele seiner Künstlerkollegen, Sammler, Galeriebesitzer und Freunde sind ja nach und nach verstorben.
Und trotzdem: Ein Künstler kann nicht gänzlich in Pension gehen, auch Eduard nicht. Selbst nach seinem weitgehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit hat er seine Arbeit niemals aufgegeben. Nach wie vor malt er fast täglich. So als müsste er einen Marathon gewinnen. Als könnte er in eine andere Dimension entschwinden. Oder es liegt einfach daran, im eigenen Metier alles tun zu können, wozu man Lust hat, wenn man keinen Marketingzwängen mehr ausgeliefert ist.
Eduard Diem in seinem Atelier (oben) und in seinem Wohnzimmer in Ober St. Veit mit seinen neuesten Malereien (unten), fotografiert am
8. September 2020
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Eduard Diem – Leben und Werk
Dieser runde Geburtstag war ein gebührender Anlass, den Menschen und den Künstler Eduard Diem zu würdigen, und dies wurde auch ausgiebig getan.
Der Reigen der ehrenden Veranstaltungen wurde mit einer Vernissage begonnen, zu der Eduard Diem gemeinsam mit seiner Künstlerkollegin Editha Taferner am 18. November 2018 in die Galerie Sandpeck geladen hatte. Zu diesem Anlass hatte Professor Gotthard Fellerer eine Würdigung Diems verfasst. Prof. Fellerer ist ein langjähriger Wegbegleiter Diems und ebenfalls ein „Urgestein“ der österreichischen Kunstszene. Er hat sich seit 1960 als bildender Künstler, Musiker, Ausstellungskurator, Gestalter, Didaktiker, Publizist und „Kunstmultiplikator“ (Herausgeber der BravDa) verdient gemacht.
Eduard hatte Gotthard Fellerer zuerst als Veranstalter von Ausstellungen kennengelernt. Viele Jahre war er Mitglied des NÖ Kultursenates in der Bräunerstraße und der Kunstankaufskommission für Niederösterreich des BMUK unter Landesrat Leopold Grünzweig. Auch Eduard hatte etwas an das Land verkauft, ging dabei aber nicht den üblichen Weg. Dieser bestand darin, sich um einen Termin in der Bräunerstraße zu bemühen und um einen Ankauf zu bitten. Eduards Verkäufe erfolgten jedoch auf Initiative von Fachleuten, die seine Ausstellungen besuchten. Enger bekannt wurden Diem und Fellerer im Rahmen der „EuropaSkulptur 1999“ am Wiener Neustädter Hauptplatz. Viel miteinander zu tun hatten sie dann ab 2011 im Phantastenmuseum im Palais Palffy, wo Fellerer bei jeder Veranstaltung zugegen war. Dazu gehörten auch Konzerte, Lesungen etc. Eduard wurde manchmal zu Restaurierungsarbeiten herangezogen, zum Beispiel an der goldenen Mozartstatue von H.R. Giger, der ein Finger abgebrochen war. An dieser Figur aus der Hand des Bildhauers Giger, der auch Modelle für Sience-Fiction-Filme schuf, waren vor allem Schulklassen interessiert. Die Figur war aber ein empfindliches, nur mit Folie überzogenes Gerüst und alle angesprochenen Experten hatten den Reparaturjob abgelehnt, bis auf Eduard.
Im Phantastenmuseum gab es auch wöchentliche Jour Fixes im zweiten Stock des Palais Palffy, an denen durchschnittlich 30 bis 35 Leute teilnahmen. Sie dienten aber weniger der Besprechung organisatorischer Dinge, sondern waren eine Art Kunstsalon, in dessen Rahmen es Vorträge, Konzerte, Dichterlesungen, philosophische Gespräche etc. und auch die Vorstellung regionaler und internationaler fantastischer Maler gab. Mittlerweile hat sich das Museum weitgehend aufgelöst und ist nach Leoben
Der Brüter.
Bronzeguss, 2003, 47cm hoch. Ausgestellt als Eduards Leihgabe im Phantastenmuseum im Kulturzentrum Palais Palffy am Wiener Josefsplatz. Ein Thema wird gedanklich gewälzt und eine Idee ausgebrütet. Der Vogel symbolisiert diese Idee.
Die Würdigung des 90ers
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ausgewandert. Die Gründe dafür waren, dass dessen Triebfeder Gerhard Habarta nicht mehr so aktiv wie früher sein konnte, vor allem aber die Benachteiligung gegenüber anderen Museen in Wien hinsichtlich Förderungen und genereller Zuwendungen. Nicht einmal den Touristenverband interessierte diese im Bereich der fantastischen Kunst im weitesten Sinne bemerkenswerte Einrichtung. Hier scheint Leoben wesentlich rühriger zu sein.
Links Gisa Fellerer während ihrer Würdigung Eduard Diems im Rahmen der Vernissage
am 18. November 2018. Rechts neben Eduard Diem stehen
Eva Meloun und Hilde Diem
Zurück zur Würdigung Eduard Diems: Prof. Fellerers Tochter Gisa Fellerer war gekommen, um die von ihrem Vater geschriebene Würdigung in der Galerie Sandpeck vorzutragen.
Ein journalistischer Vorbote der weiteren Ehrungen war ein Beitrag über regionale Künstler in Ober St. Veit, Eduard Diems neuer Heimat. Der Beitrag erschien in der Dezemberausgabe 2018 des „Ober St. Veiter Blatt’ls“. Im Rahmen des Beitrages wurde Eduard Diem besonders hervorgehoben und auf die im Hietzinger Amtshaus bevorstehende Ehrung durch den 13. Wiener Gemeindebezirk Hietzing hingewiesen. Die im Ober St. Veiter Blatt’l folgende besondere Würdigung Eduard Diems als Mensch und Künstler war ein von Professor Gotthard Fellerer freundlicherweise gestatteter Auszug der in der Galerie Sandpeck vorgetragenen Würdigung. Dies ist der Wortlaut:
Es gibt Künstler, die schätzen das Aufwärmen des längst Eingemachten. Holen die entsprechenden Ingredienzien aus der Ideenkammer ihrer Möglichkeiten und pflegen die Penetranz der steten Wiederholung einer einmal gemachten ästhetischen Erfahrung. Sie meinen Stil zu haben, wenn sie ihr bildnerisches Vokabular geringfügig modulieren, und meinen dies, vielleicht aufgrund der Claqueure, als ‚Kunst‘. Tatsächlich sind
Professor Gotthard Fellerer würdigt Eduard Diem
Eduard Diem – Leben und Werk
es aber bildnerische Reflexionen mit kommerziellem Typenschein, die in der Verschnürung ihres vorsätzlichen Warencharakters ersticken.
Authentisch reflektierte, bildnerische Äußerungen werden, bedingt durch Selbstkopie, die mit ‚Stilhaben‘ verwechselt wird, und der nahezu zwanghaften Wiederholung der gefundenen Bildzeichen zum leicht Vermarktbaren, das durch den Wiedererkennungswert vielleicht sogar zum Statussymbol degeneriert. Dann versteinert die Ideenfülle und erhält schlussendlich in der Aufbahrungshalle des ‚Ehemaligen‘, dem Museum, zumindest einen Versicherungswert. Je höher dieser, desto wertvoller ist das Objekt – oder?
Der Wert von Kunst ist aber ausschließlich dort auffindbar, wo das nicht Greifbare, das ‚Denkschöne‘ existiert – verstanden als stets verändernde bildnerische Äußerung, die durch Vieldeutigkeit und Flexibilität zum Nach- und Vordenken anregt und durch Verharren zum Weiterdenken einlädt.
Damit bin ich bei Eduard Diem, einem Künstler, der 1929 in Peigarten, einem kleinen Dorf mit 183 Einwohnern nahe Haugsdorf, wo jeder jeden kennt und jeder alles über den anderen weiß, geboren wurde, einem Künstler, der in seinem Inneren jung geblieben ist und den ich als Freund betrachte. Seine Kindheit verbrachte er in Jetzelsdorf, einem Ort im Weinviertel, wo Jahrzehnte später im ORF der uns allen bekannte Inspektor Polt sein Unwesen trieb.
Der Vater war Landwirt und spielte in der örtlichen Musikkapelle. Doch Eduard war das, was man einen eigensinnigen Menschen, dies im besten Sinn des Wortes, als ‚eigen-Sinn-Habenden‘, nennt. So galt er, da er nur das ihm Genehme zeichnete, als der schlechteste Zeichner seiner Klasse.
Mit zwölf Jahren entdeckte er im Notenschrank ein Buch mit ‚Nockatn‘, ein Buch über Renaissancekunst, kaufte sich Farben und kopierte begeistert die abgebildeten Frauenakte.
...
Seit 1960 ist nun Eduard Diem aus dem österreichischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Er stellte in der ‚Galerie der Jungen Sammler‘, der ‚Galerie Autodidakt‘, der ‚Galerie Junge Generation‘ aus, die alle vom überaus betriebigen und engagierten Kunst- und Künstlerfreund Gerhard Habarta initiiert und geleitet wurden. Er war es auch, der Diem zu einer großen Ausstellung in der renommierten ‚BAWAG-Foundation‘ einlud. Es folgten Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland, Dänemark, Schweden, Ungarn, Italien, Tschechien, der Slowakei, der Schweiz, Frankreich, Ungarn, Portugal, Russland, Japan, Kanada und den USA.
Eduard Diem ist ein dem Kubismus und dem Phantastischen verpflichteter, respektabler Bildhauer, Keramiker, Maler und Bildklebemaler. Er zeichnet begeisternde Doodles, seine ‚Hidden Faces‘, die überzeugend Vielsichtiges zeigen, und ist einer,
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der sich gemäß seines kristallinen Lebenskonzeptes der Klarheit und der ‚klaren Linie‘ verpflichtet sieht. Formal klopft er da am Weimarer Bauhaus an und schafft Bildwerke, die aus sich heraus leben und meist titellos die Ganglien der Beschauer ankurbeln.
Dabei ist er bemüht, nicht nur die Ursache eines höheren Ordnungsprinzips zu finden, sondern dem Grundprinzip des Schöpferischen auf die Spur zu kommen. Zumal entdecke ich in seinem Oeuvre künstlerische Fußspuren der Säulenheiligen der Abstrakten Kunst, z. B. Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, Elemente von Wassily Kandinsky, dann wieder Expressionistisches von Ferdinand Stransky, ein andermal die Ideenwelt Fritz Wotrubas, und in frühen Arbeiten magisch Realistisches. Dennoch ist sich Eduard Diem bei seiner Suche immer treu geblieben und verwendete die Versatzstücke der Kunstgeschichte als Ideenfinder. Auch ist er ein aufmerksamer Beobachter und findet sogar beim U-Bahnfahren Anregungen für seine Zeichnungen.
Er schuf ein Vielerlei von Bildwerken. Neben der Malerei, Zeichnungen und Collagen sind es Wegzeichen, welche Wege säumen und Orte markieren, eine Unzahl von Plastiken und Skulpturen, die aus seiner geistigen Lebendig- und Vielfältigkeit entstanden. So produzierte er auch ein ‚Foucaultsches Pendel‘, ein freischwebendes, beeindruckend großes Pendel, ornamentiert mit Tierkreiszeichen aus Kunstharz, das am Ende eines langen metallischen Fadens hing, welches er anlässlich der Ausstellung ‚EuropaSkulptur 1999‘ in Wiener Neustadt ausstellte und welches die Spuren der Erdrotation in den gelben, feinen Sand am Hauptplatz von Wiener Neustadt schrieb.
Eduard Diem kann man formal nicht festnageln – immer wieder entzieht er sich einer Eingrenzung und dokumentiert das, was eigentlich Kunst ausmacht: nämlich die Vielfalt und Vieldeutigkeit – dies im Gegensatz zur Einfalt des anfänglich Zitierten.
Er sieht sich nur seiner Familie und seinem künstlerischen Auftrag verpflichtet, lebt seinen Sinn und ist, trotz seiner neunzig Jahre, ein überaus lebendiger und anteilnehmender Künstler geblieben, einer jener, die es in zunehmendem Maße immer weniger gibt, da sich viele, vor allem aus Überlebensgründen, bis zur Unkenntlichkeit nach dem Markt strecken, verrenken und dehnen.
Doch Eduard Diem ist sich immer treu geblieben!
Er schreibt: ‚Es ist wie mit dem Wetter! Die Kreativität verbirgt sich im Nebel, …wenn aber eine Idee den Nebel auflöst, geht es an die Arbeit. Da kommt es schon vor, dass man auf Essenszeiten vergisst, denn so ein Zwischenhoch will genutzt sein.‘ Und wenn er schreibt, dass das, was gezeigt wird, das Ergebnis eines Zwischenhochs sei, dann dokumentiert er das, was er immer war: ein stiller und bescheidener Künstler, der Großes
Eduard Diem – Leben und Werk
Prof. Gerhard Habarta, ein weiteres „Urgestein“ der Phantastenszene, Kunstkenner, Ausstellungsmacher, Autor und Verleger, publizierte seine sehr persönliche Würdigung Eduard Diems am 12. März 2019 in „*a#0“, einem Webmagazin zur Förderung der phantastischen Kunst.
Unter dem Titel „Eduard Diem – Der Hirnbohrer“ hatte diese den ab der folgenden Seite wiedergegebenen Wortlaut.
schuf und nie das einmal Gemachte als eine Jahrhundertidee pries. Vielmehr ist er einer, der, ohne sich zu verlieren, immer noch am Weg ist, einer, dessen Intellektualität, Anteilnahme, menschliche Qualität und Lebendigkeit bestechen. Dies gemäß dem Grundsatz, dass alles, was lebt, sich verändert – auch seine Kunst, die nicht anonyme Formalismen zum Ziel hat. Vielmehr durchdringt sein künstlerisches Wollen sein Selbst, das sich jeglicher Vereinnahmung durch den Markt entzieht und begeistert jene, die ihn kennen und mögen!
Diese Würdigung ist somit eine teilweise Vorwegnahme der im folgenden Abschnitt beschriebenen künstlerischen Entwicklung Eduard Diems. Das betrifft auch die folgende Würdigung durch Prof. Gerhard Habarta.
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Die Galerie Sandpeck am
18. November 2018.
Mit der Vernissage zur Ausstellung „Klare Linien“ leitete sie den Reigen der Ehrungen Eduard Diems anlässlich dessen 90. Geburtstages ein.
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Wenn ein Künstler 90 Jahre alt wird, dann werden die Laudatoren feierlich. Sie nehmen die vorbereiteten Nachrufe zu seinem bedauerlichen Tod, schreiben sie um und feiern den noch lebenden würdigen Greis.
Johannes Brahms hat man als würdigen Greis lorbeerbekränzt, als er 50 Jahre alt geworden war. Will man Eduard Diem gerecht werden, dann muss man von einem Künstler reden mit einem spannenden früheren Leben und Werk, und einem, das er jetzt gerade neu beginnt. Wann, wenn nicht jetzt, mit 90?
Es fällt mir nicht schwer, dazu etwas zu sagen, denn das muss ich so alle 7 Jahre machen.
Der Kerl altert nicht.
Mit entdeckerischer Neugierde wie ein junger Hund, schnüffelt Diem neugierig in allen Ecken, überlegt was er Neues machen könnte und dann tut er es auch noch. Man muss wissen, dass der Mensch meist nach der Pubertät seine exploralistische Neugierde und Kreativität verliert, ein Hund verliert sie bis an sein Lebensende nicht. Der Diem auch nicht. Er kümmert sich nicht darum, was neu ist in der Kunstmode, was erfolgreich ist im Kunstbankgeschäft, was den Kuratoren Feuer unterm Hintern macht, was die Society schätzt. Er erfüllt, ohne ihn zu zitieren, eine Forderung Picassos, dass Kunst überraschen muss. Nicht mit Gags und Gimmicks, sondern mit immer überraschenden Realisierungen seiner Vorstellungen.
Nun könnte man sagen, dass einer, der alle Zeitlang seinen Stil wechselt, etwas anders, ja Gegensätzliches macht zu dem was vorher geschah, der weiß nicht, was er will. Diem weiß, was er will: Er will malen, er will zeichnen, er will bildhauern, er will ‚machen‘. Dass er keine sofort in Sekundenbruchteilen erkennbare Masche liefert, das ist ihm völlig egal. Er malt nicht, um von irgendjemandem erkannt zu werden, sondern um anerkannt zu werden. Von sich selbst und von den Freunden seiner Kunst.
Ich bin ein Zeitzeuge der kontinuierlichen Arbeit des Eduard Diem. Er war damals vor fast 60 Jahren ein junger Künstler mit Potential und ich ein alter erfahrener Kunstkenner. Ich merkte erst jetzt, dass Diem immer älter war als ich, aber immer noch jung ist, während ich altere und wieder seinem Alter voraus bin.
1960 zeigte ich im Clublokal der Gewerkschaft bei den „Jungen Sammlern“ Linol- und Holzschnitte von klarer Form, kräftigem Schnitt und einer eigenartigen Plastizität, die aus der ungebrochenen Linienführung des Messers in der Fläche des Druckstocks entstand. Die sind ganz anders als die neuen, farbintensiven geometrischen Bilder jetzt, aber sie sind von derselben Qualität: eine klare Form und eine eigenartige Plastizität, die aus der ungebrochenen Linienführung und Flächengestaltung kommt.
Der Hirnbohrer.
Gerhard Habartas Würdigung des Jubilars Eduard Diem
Linolschnitt ohne Titel.
1958, 43x30cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Das nenne ich Kontinuität. Nach 60 Jahren anders zu sein und man dennoch spürt, wie der Anfang war.
Waren seine Bilder in den Anfängen von einer dunklen Farbigkeit, irgendwie dickfarbig in der Anmutung, so wurden sie im letzten Jahrzehnt immer farbenfroher, beginnend mit den Collagen. Jetzt leuchten die großformatigen neuen Arbeiten in klarem, intensiven Edelsteinglühen. Die Formen sind einfach: Quadrat. Dreiecke ... Aber das Miteinander der Formen und ihrer Farben, das ist kompliziert, verschränkt, bildet wiederum gesamt eine körperliche Form und eine aus Form und Farbe kommende Bewegung.
Er hatte diesen eigenständigen Kubismus schon früher praktiziert. Nur anders. 1964 zeigte Diem in der Galerie ‚Junge Generation‘ kleine Stillleben und auch Skulpturen in einem sanften Kubismus und aus Rundungen und Blöcken gestapelte Akte, Stiere oder Landschaften.
Eduard Diem überrascht mit Augentäuschung. Listig fügt er Flächen aneinander, aber man sieht dreidimensionale Objekte. Er stuft die Farben ab und ordnet die Flächen anders und es entsteht eine Bewegung.
Natürlich ist jedes Bild eine Augentäuschung. Das hat René Magritte am einfachsten erklärt. Er malte eine Pfeife und schrieb dazu, dass das keine Pfeife ist. Korrekt. Es ist das Bild einer Pfeife.
Was macht Diem? Er zeichnet einen Hund, aber es ist kein Hund, es sind Vögel. Er malt Vögel in einer Art von Spiegelanordnung und es ist ein Gesicht, oder ein Gesicht, das eigentlich Vögel sind. Man muss wie beim TV das Hirn von einem Bild auf das andere umschalten. Was in der fantastisch-realistischen Zeichnung das Auge nötigt dem Hirn zu signalisieren, ‚es ist nicht das, was du siehst, schau zweifach, dann siehst du zwei Bilder in einem‘. Das malt Diem in seinen neuesten Bildern auf raffinierteste und reduzierte Art. Er malt Flächen, man sieht jedoch Räume, Formen und Bewegung.
Diem ist ein fleißiger Maler. Bilder im Kopf oder im Kaffeehaus erzählt, sind seine Sache nicht. Er muss bildhauern und malen, zeichnen und formen und drucken und collagieren. Und das täglich und überall und das mit gelassener Überlegung und ruhiger Klugheit.
OT. Acryl auf Leinwand, 2010
Liegende. Zement patiniert, 2001
Die Fremde.
Collage mit Acryl auf Karton,
1993, 40x30cm
Naschmarkt.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1956, 30x38cm
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Für den Beschauer ist es Kopfarbeit. Diem zwingt den interessierten Seher, zwischen Fläche und Raum, dem einen und dem andern, nicht zu unterscheiden. Sondern es im Kopf, über das Auge an das Hirn zu senden. Dann bohren sich die Bilder des Eduard Diem ins Bewusstsein.
Professor Habarta war auch – gemeinsam mit Frau Dr. Waltraud Schwarzhappel – Laudator im Rahmen der Vernissage zum 90. Geburtstag Eduard Diems am 9. Mai 2019 im Amtshaus Hietzing. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er jedoch nicht selbst kommen, sondern übermittelte eine Videobotschaft, die inhaltlich der Würdigung in phantastisch.at entsprach. Darüber hinaus erläuterte er die ausgestellten aktuellen Werke Diems.
Frau Dr. Schwarzhappel näherte sich der Person und der Kunst Eduard Diems mit Wertschätzung und Dankbarkeit für sein Vorbild, wie man ein innen und außen sauberes, klar geordnetes, respektables, maßvolles und dennoch freudiges, engagiertes, fantasievolles, verspieltes Leben auf hohem humanistischen und künstlerischen Niveau führen kann. Sie kam auch gerne auf Herbert Boeckl zu sprechen. Sie schloss mit dem Satz: „… der Beruf, die natürliche Begabung ist eine Gabe, die nicht als Privateigentum betrachtet werden kann. Der Künstler öffnet ein Stück Welt und teilt es mit. Das ist eine Verpflichtung, darin liegt auch sein Dienst am Nächsten“.
Frau Dr. Waltraut Schwarzhappel während ihrer Eröffnungsrede im Rahmen der Vernissage
zur Ausstellung
„Eduard Diem ‚gestern & heute‘ Malerei und Skulpturen“
OT. Acryl auf Holz, 2005, 100x70cm.
Der Jagdhund links oben kippt bei näherer Betrachtung in eine Vogelgruppe.
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Eduard Diem – Leben und Werk
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Professor Gerhard Habarta während seiner Videobotschaft
Bezirksrat Niki Ebert, Bezirksvorsteherin Mag. Silke Kobald und Dr. Emmerich-Alexander Josipovich überreichten einen Hietzinger Zinnteller mit dem Bezirkswappen.
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Ein sichtlich vergnügter Eduard Diem im Gespräch nach der Eröffnung der Ausstellung
Der Wunsch jedes Künstlers ist es, im Rahmen seiner Ausstellungen auch Werke zu verkaufen. Ein Nebentisch bietet zusätzliche Druckwerke aller Art.
Unverkäuflich war diese Leihgabe aus Privatbesitz: Fabriken in der Vorstadt. Ölfarbe auf Faserplatte, 1964, 32x56cm
Eduard Diem – Leben und Werk
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Bei all diesen Veranstaltungen war Eduard Diems Zurückhaltung zu verspüren: Nein, er lasse lieber seine Werke sprechen. Wer ihn kennt, der weiß, dass er sehr wohl kurzweilig über sich und seine Erlebnisse sprechen kann, und man wird ihm gespannt zuhören. Es gibt nur mehr wenige Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben so weit in den Wiener Kunstbetrieb zurückblicken können, in eine Zeit, als die Gründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus meist noch knapp bei Kasse waren und sich die angehenden Künstler und Schauspieler zu einem Grießkoch bei der WÖK trafen. Eduard Diem managte gemeinsam mit seiner Frau Hilde von Gerhard Habarta organisierte Ausstellungen zu Henry Moore, Pablo Picasso oder Salvador Dalí, als diese noch lebten. Er kann auch Anekdoten erzählen wie diese: „Einmal, als wir die Galerie in der Blutgasse gerade schließen wollten, kam noch der Charly Blecha, trat auf eine leere Bierdose und wir kickten ein bisschen. Auf dem Balkon über dem Durchgang zur Grünangergasse erschien eine Gestalt in hellem Nachthemd oder Bademantel und brüllte: ‚Rotzbuben, elendige, schauts dass verschwindts!‘ Der Geist war Fritz Wotruba.“
Noch eine Bemerkung am Rande: Heutige Ehrungen erfordern die penible Prüfung auf „Belastungen“ spezieller Art. Schon der bloße, oft nur konstruierte Anschein einer Belastung selbst in der Zeit der Unmündigkeit führt zur Aberkennung jeglicher Ehrungswürdigkeit. Nun, Eduard Diem ist schon wegen seiner Prägung aus frühester Kinderzeit und seiner scharfen Beobachtungsgabe unanfällig für autoritäres Gehabe und bindet sich nur selten an Organisationen und Einrichtungen jeder Art, auch im Kunstbetrieb. Selbst Fotos der zahlreichen Zusammenkünfte mit prominenten Persönlichkeiten wollte er nie verwenden und besitzt kaum welche. Zusammen mit seiner eingangs dieses Beitrages genannten Bescheidenheit erklärt dies aber auch seinen geringen Bekanntheitsgrad im breiten Publikum, obwohl sich kaum ein zeitgenössischer Künstler so intensiv mit der klassischen Moderne und ihrem Spannungsfeld zwischen der abstrakten, ungegenständlichen Form und einer überscharfen Erfassung der Realität befasste und nach wie vor befasst, so wie er es tut.
Würdiger Abschluss der öffentlichen Geburtstagsehrungen war am 10. Oktober 2019 die vom Mödlinger Künstlerbund veranstaltete Vernissage in der Mödlinger Galerie „Sala Terrena“. Es war wie eine Rückkehr zu heimatlichen Freunden. Die Mitgliedschaft im Mödlinger Künstlerbund ist eine der vielen eher unbeachteten Facetten im Leben Eduard Diems. Doch diese Vernissage führte die lebhafte Verbindung Diems mit dem kulturellen Mödling reich ziseliert vor Augen. Die Veranstaltung fand in herzlicher Atmosphäre statt und war von hoher Wertschätzung für den Menschen und den Künstler Eduard Diem getragen. Dies kam auch in den einführenden Worten des Mödinger Kulturstadtrates Stephan Schimanowa und in der Eröffnung der Ausstellung durch Vizebürgermeister Ferdinand Rubel zum Ausdruck.
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„Die Klänge der Musikschule Beethoven veredeln deine Ausstellung hier in der Galerie Sala Terrena.“ Diese Worte standen am Anfang des Höhepunktes der Veranstaltung, nämlich des Vortrages von Jörg Miggitsch. Jörg Miggitsch ist der ehemalige Leiter des Kulturamtes der Stadt Mödling. Seine berührende Ansprache war ein authentischer Beleg für die Beliebtheit Eduard Diems in Mödling. Jörg Miggitsch begann seinen Vortrag mit ein paar Begebenheiten „am Rande“. Eine davon war der erste Kreisverkehr in Mödling, dessen Mitte eine von Eduard Diem geschaffene Edelstahlföhre zieren sollte. Jörg Miggitsch als damaliger Leiter des Kulturamtes bekam die Aufgabe, eine passende Eröffnungsfeier zu organisieren. Am 30. Mai 1999 war es soweit: Unter lautem Trommelwirbel kam das Kommando und ein LKW-Kran zog eine von der Modeschule genähte fünf Meter hohe Haube mit Stehvermögen und großer Schlaufe an der Spitze in die Höhe. Das Kunstwerk war enthüllt, es gab tosenden Applaus, und natürlich auch zu essen und zu trinken (Anm: Siehe dazu das Kapitel ab → Seite 362).
Jörg Miggitsch erwähnte auch die Zeit, als begonnen wurde, den Kursalon zu revitalisieren. Der Mödlinger Künstlerbund sollte dort eine neue Heimat finden, doch um diesen stand es damals ganz schlecht. Viele meinten, er „werde es nicht mehr lange machen“. Doch Eduard Diem („Er war für mich der ruhende Pol!“) übernahm die Obmannschaft und hauchte dem Verein wieder Leben ein. Dafür sind ihm die Mitglieder des Mödlinger Künstlerbundes von ganzem Herzen dankbar.
Die Menschlichkeit Eduard Diems zog sich wie ein roter Faden durch die Rede, manchmal auch als Kontrastprogramm: „Ich habe gedacht, die bringen mich um mit diesem Wahlkampf,
Jörg Miggitsch, Stephan Schimanowa, Eduard Diem und Vizebürgermeister Ferdinand Rubel während der Vernissage am 10. Oktober 2019
Eduard Diem – Leben und Werk
mit dieser Unhöflichkeit und dieser Niedertracht. Aber ich habe mir auch gedacht, ich habe meinen Freund Edi, der kennt einen solchen Stil nicht. Er hat sich in seiner ganzen Jugend und Kindheit von keinem Kriegsgetöse begeistern lassen, und er wurde auch zum Lebensretter. Es war die Zeit der Besatzung, die Russen waren da, und er hat russische Besatzungsmitglieder vor dem sicheren Tod gerettet. Er wurde danach auf die Kommandantur geholt und er wurde mit einem Orden ausgezeichnet. Was er mit diesen Russen gemacht hat, das hat er auch mit dem Mödlinger Künstlerbund gemacht!“
Und passend zum Thema Orden: „Jetzt, meine ganz große Bitte an unseren großartigen Kulturstadtrat: Ich würde mich freuen, wenn ihr in die nächste Ausschusssitzung einen Punkt nehmt, um unseren großartigen Jubilar für das Ehrenzeichen für Kunst und Kultur der Europastadt Mödling vorzuschlagen, und es ihm dann auch verleiht.“ Ich glaube, der anwesende Herr Kulturstadtrat hat sich zustimmend vernehmen lassen …
„Und jetzt geht es um den Neunziger von Edi!“ Jörg Miggitsch wollte dem Jubilar eine große Freude machen und hatte in der Vorbereitungszeit eine Idee: Der Zustand der Schwarzföhren rund um Mödling war besorgniserregend und auch Eduard Diem bedauerte das. Man könnte doch bei der Feier in der Sala Terrena 90 Schwarzföhrensetzlinge (pinus nigra austriaca) auf einen großen Tisch stellen, und Eduard Diem würde sicher fragen: „Ja, und was soll ich damit machen?“ Und als Antwort würde man ihm vorschlagen, diese der Stadt Mödling zur Wiederaufforstung des im Sterben befindlichen Föhrenwaldes zu schenken. Doch der Mödlinger Gärtnermeister brachte ein Veto ein: Zur Aufforstung kämen heute nur mehr Mischwälder infrage und das ohne Ausnahme. Nicht einmal für Edi. Also wurden es zwei Föhrensetzlinge für das Ehepaar Diem statt 90 Stück. Dafür fand sich sogar im eigenen Garten ein Platz.
„Und ihr sollt euch freuen, wenn sie heranwachsen.“
„Naja, ich bin schon 90 …“,
„Edi, ich spreche jetzt einmal von 100, und das ist für dich in deinem Alter keine kühne Voraussagung, und wir werden auch da sein zu deinem 100. Geburtstag, und dann wirst du wahrscheinlich noch einmal zwei Schwarzföhren bekommen.“
Ob er sich wirklich gefreut hat, war dem geborenen Diplomaten Diem nicht anzusehen, aber vielleicht wird er jetzt das Wiener Baumschutzgesetz studieren …
Natürlich ging Jörg Miggitsch auch auf die Kunst Eduard Diems ein, etwa die einzigartige Strahlkraft der Farben in den Bildern Diems, auf deren geometrische Grundformen in den geschwungenen Kurven und auch auf die Plastiken, die dem Hof der Sala Terrena eine bemerkenswerte Atmosphäre gaben. „Und er arbeitet immer noch. Ich sagte ihm, wenn ich hier stehe, ich werde sicher diesen Satz gebrauchen: 90 und kein bisschen leise.
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Er ist jeden Tag im Atelier, sagte er mir, er malt, er zeichnet und er knetet.“
Aber nicht nur das: Eduard Diem ist auch noch rüstig genug, um den Haushalt zu versorgen und seine Frau zu unterstützen. Auch darauf geht Jörg Miggitsch ein: „Seine Liebe lässt er die anderen immer spüren, bis zum heutigen Tag. Edi, ich liebe dich. Du bist ein wirklich guter Mensch, ein Vorzeigemensch. Danke!“
Den Hof der Mödlinger
Sala Terrena schmückte eine Auswahl der von Eduard Diem geschaffenen Plastiken.
Eduard Diem – Leben und Werk
Träume, Gedächtnis und
Futterhäuschen
Eduard Diem hat nie aufgehört, zu beobachten, nachzudenken und seine Meinung kundzutun. Das abgeschiedenere Leben in der Corona-Zeit gab ihm die Muße, das eine oder andere niederzuschreiben. Während der zahllosen Interviews für dieses Buch wurde natürlich nicht nur über die Kunst und ihr verwandte Bereiche gesprochen, sondern auch „über Gott und die Welt“. Manchmal auch über die Welt in den Träumen. Und manchmal ist diese sogar noch skurriler als die Wirklichkeit.
In früheren Jahren hatte ich kaum Schlafträume, an die ich mich erinnerte. In den 1970er-Jahren hatte ich zwei merkwürdige Träume, die sich immer in der gleichen Weise wiederholten. Ich stehe auf einem Einrad, bewege mich auf dem Gehsteig an Menschen vorbei. Niemand beachtet mich oder ist erstaunt. Der zweite Traum: Ich kann mich mit bloßen Flugbewegungen in die Luft erheben und in zirka fünf Meter Höhe schweben. Wieder werde ich von den Menschen unter mir nicht beachtet. Beides fantastische Utopien.
Carry Hauser, ein sehr guter Maler und Grafiker, hatte immer Papier und Bleistift griffbereit beim Bett. Sofort nach dem Erwachen zeichnete er seine Träume, ehe sie aus seinem Gedächtnis entschwanden.
Mein Traum gestern in den Morgenstunden, ich schlafe wahrscheinlich altersbedingt unruhiger, ging so: Ich betrete ein Geschäftslokal. Die Regale sind vollkommen leer. Eine Verkäuferin ist da. Wir reden, aber es gibt keine Worte. Ich kaufe etwas und die Frau geht in den hinteren Lokalbereich. Der ganze Raum ist unbeleuchtet. Ein Mann hantiert im Halbdunkel. Ich komme zu einem Verkaufspult und frage, ob ich mit Bankomatkarte bezahlen darf. Ich nehme den leeren Karton, der da steht. Nach ein paar Schritten fällt mir ein, ich habe diesen ja gar nicht gekauft und stelle ihn wieder auf das Pult. Dabei bemerke ich das Fehlen meiner Brille. Im Dämmerlicht sehe ich eine dicke Hornbrille. Meine Brille ist randlos. Ich ertaste meine Brille, die Bügel sind schlaff wie gekochte Spaghetti. Ich verlasse den Laden. Der Traum ist aus.
Nach dem Krieg waren viele Künstler im Bemühen um Frieden und Völkerverständigung bei vielen Demonstrationen präsent: gegen Atomrüstung, gegen Rassismus, gegen militärische Kriegshandlungen in aller Welt etc. Bei den jährlichen Friedens-Ostermärschen sah sich Eduard Diem im Kreise vieler anderer Künstler wie auch Karl Prantl und Johann Fruhmann. Sie träumten von
Eduard Diem
erzählt über seine Schlafträume
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so etwas wie einem Weltbürgertum und offenen Grenzen. Ein Lichtblick für sie war die Gründung der Montanunion des Franzosen Robert Schumann und Konrad Adenauers. Es war ein erster Schritt zur Beruhigung und Verständigung in Europa, doch von den utopischen Träumen haben sich nur wenige erfüllt.
Mit viel Aufwand wird über Ökologie, Klimawandel, Umweltschutz etc. geredet. Wenn man die Fakten der Studien von unabhängigen Fachleuten liest, stellen sich die bisherigen Bemühungen zu diesen Themen als reine Kosmetik heraus. Für eine wirkliche Verbesserung müsste die Menschheit konsequent ihren Lebensstil ändern.
Wirtschaftsexperten blicken gebannt auf Singapur mit seinem hohen Lebensstandard, übersehen dabei aber das Heer asiatischer Arbeitssklaven, die das Wunder ermöglichen. Keine Lösung ist es auch, Ungesundes in andere Erdteile auszulagern.
Endlich wäre ein Ethikunterricht als wichtiges Schulfach notwendig, und zwar umfassend, nicht nur was Religion anbelangt. Alles, was die Zukunft der kommenden Generationen bedroht, müsste im Lehrplan stehen. Um die Welt gesünder zu machen, ist unbedingt mehr Humanismus erforderlich. Zu mehr Humanismus kann nur führen, wenn alles, was die Welt aus dem Gleichgewicht bringt, berücksichtigt wird.
Wenn Eduard Diem aus seiner Erinnerung berichtet, dann nennt er ganz spontan auch die Namen der damaligen Akteure. Ab und zu muss er nachdenken und manchmal ist ihm einer der unzähligen Namen entschwunden. Das bedauert er dann sehr und gleich anschließend kommt die detailgetreue Erzählung einer Episode, die unsereiner schon längst zur Gänze vergessen hätte:
Seit einiger Zeit habe ich manchmal das Problem, den Namen von mir bekannten Personen aus meinem Gedächtnis abzurufen. Hingegen erinnere ich mich nach einem halben Jahrhundert noch gut an die Vernissage meiner Ausstellung in der Blutgasse, die Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky eröffnete. Auch die halbe Regierung war anwesend (siehe → Seite 172). Unterrichtsminister Leopold Gratz wurde in der Runde gefragt, ob er sich nach den ersten Wochen im Ministerium eingelebt hatte. Er meinte, er habe eigens einen Mitarbeiter damit beauftragen müssen, die von der vorigen Regierung versteckten Akten aufzufinden. Das Unterrichtsministerium war vorher immer von der ÖVP besetzt worden. In der Presse konnte man lesen, dass sehr viel Papier vor der Übergabe verbrannt worden war.
2020 haben wir zur Ibiza-Affäre, dem Korruptionsverdacht und dem Postenschacher einen Untersuchungsausschuss. Der Bundeskanzler kann sich bei 29 Fragen an nichts erinnern. Der
Um die Welt gesünder zu machen, ist unbedingt mehr Humanismus erforderlich.
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Eduard Diem:
Gedächtnis und alte Erinnerungen
Eduard Diem – Leben und Werk
Finanzminister kann sich bei 86 Fragen nicht erinnern. Die Freude über diese Leistung steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Die Altersdemenz beginnt mit dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Für die auf der politischen Akademie gestählten Feschaks um mindestens 40 Jahre zu früh. Ich frage mich, wie und von wem unser Land eigentlich regiert wird.
Eine gewisse Verwandtschaft mit solchen Beobachtungen hat auch eine Bemerkung über Dilettantismus und über die Wandlung, die dieser Begriff erfahren hat. Schon wieder kramt Eduard in seinem Gedächtnis:
Kollege Gotthard Fellerer, Editor und Autor der ‚BravDa‘-Kunstzeitschrift mit dem Thema ‚gegen die Einebnung der Kunst in Österreich‘ organisierte mit dem Hausherrn Peischl im Palais Palffy jeden Mittwoch so etwas wie einen Kunstsalon. Es gab Musik, Lesungen und auch Vorträge über Themenbereiche, die mit der Kunst verwoben sind. Künstler, die in weitgehender Anonymität Hervorragendes schaffen, oft auch herablassend als brave Dilettanten bezeichnet, wurden mit ihren Werken vorgestellt.
Leherb sagte einmal in einer Künstlerrunde: ‚Ich arbeite wie ein Dilettant, so besessen wie ich bin!‘ Es entwickelte sich eine Diskussion über Dilettantismus. Alle sahen diesen letztlich als positiv an, mit der einzigen Einschränkung, dass die Werke in der Öffentlichkeit nur wenig oder gar nicht präsent sind und eigentlich verschwendetes Kulturgut darstellen.
Im Garten neben der Terrasse hat Eduard zwei Futterhäuschen für Singvögel. Jedes Jahr kamen weniger Vögel zum Futter. In den letzten zweieinhalb Wochen sah er keinen einzigen Vogel. Andererseits hat ihn das ganze vergangene Jahr keine Gelse belästigt. Das ist angenehm, doch ohne Insekten gibt es keine Vogelbrut.
Wirklich bedenklich ist aber, dass die jüngeren Generationen den Verlust der Natur gar nicht mehr wahrnehmen. Nur beim Ökobauern einzukaufen, reicht höchstens, um sich einen Kampf für eine gesunde Natur vorzugaukeln. Demgegenüber hält man das überdimensionierte allrad-geländegängige Auto in der Großstadt unerlässlich für die Imagepflege.
Aber auch von vielen anderen Fronten droht Gefahr. Um den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern, hofft man mit einem enormen Schuldenbudget Massenarbeitslosigkeit und Firmenpleiten in Grenzen zu halten. Über die Situation der nächsten Jahre wird kaum oder nur mit Zweckoptimismus gesprochen.
Wir steuern auf eine Katastrophe zu, doch dem wird von jungen Leuten entgegengehalten, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder aufwärts ging. Das scheint mir sehr
Eduard über Dilettantismus
Eduard über Krisenbewältigung
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euphemistisch, denn dabei werden die Notzeit des Ersten Weltkrieges, der Börsenkrach Ende der 1920er-Jahre und die Folgen des Zweiten Weltkrieges mit Lebensmittelkarten und den zerbombten Wohnungen ausgeblendet. Der neue Frieden begann mit Hunger, Arbeitslosigkeit und Mangel an allem. Care-Pakete aus Amerika und Erbsen aus Russland halfen uns, das Jahr 1945 zu überstehen.
Fabriksschlot.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1960, 49x22cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Das karge Leben war also für sehr viele Menschen der Normalzustand. Doch heute zählen Sommerurlaub, Winterurlaub, Traumreisen in alle Erdteile und Überflusskonsum zur unverzichtbaren Normalität. Da ist zu bezweifeln, dass die Menschen in gebotener Kürze lernen werden, die Folgen der Krisen in Bescheidenheit und ohne gewalttätige Auseinandersetzungen zu bewältigen.
Zum Abschluss dieser Betrachtungen lassen wir Eduard Diem über seine Freundschaft mit einem wunderbaren Menschen sprechen – über seine Freundschaft mit Viktor Matejka. Diese wird in den folgenden Abschnitten dieses Buches öfters thematisiert.
Durch die Begegnung mit Viktor Matejka lernte ich einen Menschen kennen, der nach sechs Jahren KZ Dachau die gleichen Utopien im Kopf hatte wie ich nach 1945, der diesen Utopien aber sein Leben lang treu blieb. Auch dem wichtigsten Utensil in seiner Situation als KZ-Häftling blieb er treu: dem Esslöffel. Er war seitdem nie ohne Esslöffel unterwegs. Darüber hinaus sagte er über diese Zeit nur, dass er die österreichischen roten und schwarzen Politiker zu überzeugen versucht hatte, die Kämpfe der 1930er-Jahre zu vergessen und nach dem Krieg eine demokratische Regierung zu bilden. Da wir die gleichen Utopien im Kopf hatten, entstand eine Freundschaft, aber ohne viel darüber zu reden oder zuviel aneinander zu kleben.
Es wäre sehr interessant, wie er über die Dinge denken würde, die heute die Welt bedrohen. Erderwärmung, Hungersnot weltweit, Atomgefahr, Energiekrise, Hungerflüchtlinge, nahe einer Milliarde Menschen in allen Erdteilen. Ich wüsste niemanden weltweit, der nur eine dieser bedrohlichen Krisen auch nur teilweise zu lösen imstande wäre. Der Beginn des kalten Krieges wurde schon mal heiß eröffnet. AKWs sind bereits mehrmals beschossen worden. Ein Kernkraftunfall in der Ukraine würde auch uns im Paradies lebenden Westeuropäer treffen. Doch wir haben andere Sorgen: Zu wenig Flugverkehr, zu teurer Treibstoff und so fort. Unsere Erde kann 3,5 Mrd. Menschen versorgen, das heißt, es sind schon 3,7 Mrd. zu viele auf dem Planeten. Alleine das Verschwenden der Ressourcen ärmerer Länder in Afrika und Asien, während die Menschen ihrem Schicksal überlassen bleiben, ist so etwas wie abstrakter Kannibalismus.
Die alte Generation hat ihre Erfahrung aus den Notzeiten nicht weitergegeben. Das ist zwar unverantwortlich, andererseits jedoch ist es vielleicht gar nicht möglich, so etwas glaubhaft zu vermitteln.
Es gibt noch die Auslage des Greißlers in der Schweizertalstraße in Ober St. Veit, der schon vor Jahrzehnten zugesperrt hat. Die Auslage zeigt deren Gestaltung in den 1940er-Jahren.
Eduard über seine Freundschaft mit Viktor Matejka
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Zu sehen ist unter anderem ein Milchmessbecher und die dazugehörige Nachricht: „Heute ein 1/8 Liter entrahmte Frischmilch.“ Damals waren ja alle Lebensmittel nur nach Aufruf mit der Lebensmittelkarte zu bekommen. Keinesfalls gab es täglich entrahmte Milch. Gemüse- und Obsthändler hatten auf ihren Schildern „Gemüse, Obst und Südfrüchte“ stehen. Ein siebenjähriges Kind hatte damals noch nie eine Banane oder Orange auch nur gesehen. Der Nachfahre des Greißlers wollte mit seinem Schaufenster, das zum Mahnmal geworden ist, etwas für die Nachkommen tun. Generationen sind vorbeigegangen und haben das gesehen und gelesen. Darüber nachgedacht wird jedoch selten.
Biafra
Tusche mit Feder, 1964, 30x20cm.
Zum ersten Mal wurde der Welt bewusst, dass ein ganzer Landstrich von der Westküste bis Eritrea vom Hunger betroffen war.
Eduard Diem – Leben und Werk
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Vom Amateur
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Sonnenaufgang
Liniolschnitt, 1958, 25x35cm,
5 Farben, 9 Abzüge
Zum Künstler
Eduard Diem – Leben und Werk
Bald nach dem Umzug nach Wien im Jahre 1955 buchte Eduard ein Malstudium in der Volkshochschule (VHS) in Hietzing. Diese befand sich damals in dem Gebäude, das jetzt das Bezirksmuseum Hietzing beherbergt. Der damalige VHS-Lehrer hieß Gran, vielleicht ein später Nachkomme des Malers Daniel Gran. Technisch war der Lehrer Gran sehr gut, aber mit der Moderne hatte er nichts am Hut. Gemalt wurde, wie es früher die Töchter im Kaiserhaus taten: hauptsächlich Aquarelle mit Blumen und Stillleben. Eduard wusste, dass man immer etwas lernen kann, auch aus negativen Erfahrungen. Doch insgesamt empfand er den Kurs unbefriedigend und verließ ihn noch vor dem Ende des Semesters.
Eduard war schon lange vor der VHS-Zeit als Maler aktiv gewesen, aber nicht des Verkaufens sondern der Freude wegen. Er hatte auch zu experimentieren begonnen, allerdings nur mit der Malerei, nicht mit der Bildhauerei. Dafür wäre die Wohnung in Wien zu klein gewesen.
Eduards
künstlerische Anfänge
Blumenstillleben.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1954, 30x25cm.
Hier ist schon eine französisch inspirierte Gegenbewegung Eduard Diems weg von der gegenständlichen Malerei
zu erkennen.
Ganz rechts vier Blumenvasen aus den Jahren 2003 bis 2012
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Eine gewisse Erfahrung mit der Bildhauerei hatte Eduard allerdings schon. Da hatte es ja den Ziegelofen in Jetzelsdorf gegeben. Durch die senkrechte Lehmwand zog sich in etwa 1,5 Meter Höhe eine Lössader. Löss ist in der Konsistenz wie Seife. Man konnte Platten herauslösen und daraus Figuren schnitzen. Sie waren nicht beständig, aber ein gutes Übungsobjekt. Eduard war damals 13 Jahre alt und hatte daran Gefallen gefunden, auch allerlei Arten von Bastelei fand er reizvoll. Unter anderem schnitzte er eine Armbrust oder fertigte Fahrzeuge mit Gummiantrieb aus Zwirnspulen. Die anderen Jugendlichen im Dorf bekamen Panzer und Soldatenfiguren, der junge Eduard hingegen wollte Material wie eben solche Zwirnspulen; einige Nähmaschinen gab es ja im Dorf. Die Weihnachtsgeschenke sind Eduard kaum im Gedächtnis geblieben. Einmal bekam er einen Drachen zum Steigenlassen. Die Flugversuche waren allerdings erfolglos, erst Großvater brachte ihn zum Fliegen.
Zurück zur Malerei: Gegenständlich gemalt hatte Eduard genug, er tat es seit seiner Kindheit. Sein erstes Bild war ein in der Schule mit Wasserfarben gemaltes Hakenkreuz. Das zweite Bild – gemalt mit Wasserfarben und mit Redisfeder aufgetragener Tusche – zeigte ein Soldatengrab mit Birkenkreuz. Die Bilder waren schlecht und außerhalb der Schule zeichnete und malte Eduard noch wenig. Erst später, mit 12 oder 13 Jahren, begann Eduard sich intensiver mit der Malerei zu beschäftigen. Ausschlaggebend war – wir wissen es schon – das am Dachboden des elterlichen Hauses gefundene Buch über die Kunst der Renaissance. In der Einschätzung dieses Erlebnisses muss man berücksichtigen, dass in Eduards damaliger Umgebung – wie eben am Land überhaupt – nur selten ein Buch über die Kunst zu sehen war. Da war es natürlich unglaublich bewegend, plötzlich auf so vielen Seiten mit einer noch nie gesehenen Pracht konfrontiert zu werden. Eduard besorgte sich Farben, kopierte die Abbildungen und so stand es fest: Er wollte Maler werden.
Er probierte herum. Er malte auch Landschaften, meist aus dem Gedächtnis, doch manchmal übte er im Freien. Einmal kam ein alter Herr vorbei, schaute zu und meinte, er müsse mehr mit Komplementärfarben arbeiten. Ob das ein kompetenter Rat war, wusste er nicht einzuschätzen. Eduard hatte gelernt, besondere Effekte hervorzuheben, wie sie etwa Mohnblumen oder einen Hirsch im Nebel auszeichnen. Hin und wieder konnte er solche Bilder schon im Weinviertel verkaufen.
Sehr wichtig war die Bekanntschaft mit der 1896 in Matzen geborenen Maria Ohmeyer. Sie lebte in Poysdorf, dem erzkonservativen Dorf, das 1923 zur Stadt erhoben worden war. Aber Frau Ohmeyer hatte es geschafft, an der Wiener Kunstschule für Mädchen und Frauen bei den Professoren Hermann Grom-Rottmayer und Carl Fahringer zu studieren und war schon in der Zwischenkriegszeit eine bekannte Malerin. Ihre Stillleben und Landschaften waren beeindruckend, auch ihre Porträts, von deren Verkauf
2003
2012
2008
2005
Eduard Diem – Leben und Werk
sie leben konnte. Sie war mit einem General verheiratet, der später mit dem Fahrrad tödlich verunglückte.
Kennen gelernt hatte Eduard Frau Ohmeyer im Kaffee Oppenauer in Poysdorf, das seiner zukünftigen Schwiegermutter gehörte. Dort gab es einen Kreis von Stammkunden mit Frau Ohmeyer in deren Mitte, der vorwiegend über Malerei diskutierte – es gab zumindest keinen Abend, an dem das nicht thematisiert wurde –, natürlich wurde auch anderes erörtert.
Der Kreis vergrößerte sich, auch um einen Mathematiker und einen Tischlermeister, der mehr Philosoph als Tischlermeister war. Alle in dieser Runde waren wesentlich älter als Eduard, aber er wurde von Beginn an akzeptiert. Die Zusammenkünfte fanden einmal pro Woche statt, meistens am Sonntagnachmittag, und zogen sich bis zur Sperrstunde. Eduard hatte Zeit, denn er hatte damals noch keine Familie.
Als rund dreißig Jahre jüngerer Kunstinteressent konnte er viel von Frau Ohmeyer lernen. Auch sie war immer neugierig und interessierte sich, wie Eduard dieses und jenes sah und umsetzen würde und sie sprachen darüber, was man dürfe und was nicht. Die Farbanordnungen und die Bildkompositionen haben sich immer verändert und erweitert, für sie war alles interessant. Begriffen hat Eduard diesen wertvollen Erkenntnisgewinn allerdings erst später. Dann wurde ihm klar, dass man immer weiter lernt, auch technisch, und Zufriedenheit lediglich Stillstand bedeutet.
Zu anderen Künstlern hatte Eduard keinen Kontakt, mit Ausnahme eines Studenten, der eines Tages in Poysdorf auftauchte. Er malte, war aber nicht sehr kontaktfreudig.
Besonders interessiert an der Malerei war ein Poysdorfer Elektroinstallateur, dessen Name Eduard entfallen ist. Immer wieder kam er zu Eduard nach Hause und sah sich die neuesten Werke an. Er kaufte auch einiges, doch für Eduard war schon das
Oben links:
Selbstbildnis von Maria Ohmeyer.
Oben rechts:
Eine der Reproduktionen von Meisterwerken der akad. Malerin Maria Ohmeyer (1896 – 1983),
zu besichtigen im Haus
Brünner Straße 1, 2170 Poysdorf
Selbstporträt Eduard Diem. Ölfarbe auf Jutegeflecht, 1951, 42x30cm
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reine Interesse wichtig und die Möglichkeit, mit jemandem über Kunst sprechen zu können.
Eduard verwendete damals hauptsächlich Aquarellfarben, experimentierte aber auch schon mit Ölfarben. Seinen Malereibedarf bezog er aus der örtlichen Papierhandlung. Sie hatte die Farben nicht lagernd, man konnte sie aber bestellen. In Lilienfeld, wo er später hinzog, gab es diese Möglichkeit nicht und er musste seinen Bedarf in einer Papierhandlung in St. Pölten decken, die auch Farben etc. führte. Die Hin- und Retourfahrt nahm einen halben Tag in Anspruch.
Die künstlerische Ader Eduard Diems sprach sich natürlich herum und wurde von den Poysdorfern gerne genützt. Ein Beispiel ist der jährliche Poysdorfer Gewerbeball, bei dem es sich eigentlich um ein Gschnasfest handelte. Die Veranstalter baten Eduard, bei der Ausgestaltung des Ballsaales zu helfen, um eine adäquate Ballatmosphäre zu schaffen. Das vorherrschende Thema sollte das Gewerbe sein. Eduard sagte zu und er wurde gemeinsam mit dem oben genannten Studenten engagiert, ohne Honorar selbstverständlich.
Ihr gemeinsames Werk war durchaus beeindruckend, die Arbeit aber nicht friktionsfrei. Der Saal hatte eine Galerie, auf der Eduard eine Bar installierte, deren Thema die Südsee war. Aus mokkabraunem Karton schnitt er die Silhouetten farbiger Tänzerinnen aus und verteilte sie stimmig. Nach deren Fertigstellung ging Eduard für kurze Zeit aus dem Saal und als er zurückkam, waren die Brüste der Figuren mit der Schere weggeschnitten worden.
Vor Ballbeginn wurden der Medizinstudent und Eduard angeregt, am Ball teilzunehmen und dort etwas zu inszenieren. Angesichts der konservativen Leute würde der Ball ohne etwas Aufmunterung eine fade Geschichte werden. Die beiden färbten sich am ganzen Körper mit schwarzer Schminke, kleideten sich mit Baströckchen und kletterten an einem vorher auf der Galerie angebrachten Seil auf den Tisch des Bürgermeisters hinunter. Zu erkennen war der Gemeindevorstand nicht, denn auf dem Ball herrschte Maskenpflicht. Trotzdem war es für die Ballteilnehmer ein Schock und ein in der Bezirkszeitung Mistelbach/Poysdorf erwähnter Skandal. Hilde musste eine Strafe bezahlen, aber nicht wegen Eduards Auftritt, sondern weil sie noch nicht 18 Jahre alt war. Damit war sie zu jung, um an einem bis nach Mitternacht dauernden Ball teilzunehmen. Der Ball war im Jänner 1953, Hildes 18. Geburtstag war im April desselben Jahres. Dass sie regelmäßig bis nach Mitternacht im Kaffeehaus saß, war hingegen kein Problem. Allerdings war Hildes Mutter die Besitzerin des Kaffeehauses.
Die gemalten Illustrationen, mit denen die ganze Galerie ausgestattet war, gibt es heute noch: Einer der Veranstalter, die Katholische Jugend oder der Gesellenverein, hat sie aufbewahrt. Die Katholische Jugend wollte übrigens die Fahnen, mit denen
Porträt Hilde Diem.
Ölfarbe auf Jutegeflecht,
1951, 51x38cm
Foto zur Erinnerung
an Hildes ersten Ball
am 24. Jänner 1953
Eduard Diem – Leben und Werk
sie in den Ballsaal einmarschierte – es waren die Fahnen aus der Kirche für Bittgänge und Prozessionen –, im Ballsaal aufstellen. Eduard und Kollegen protestierten und wiesen darauf hin, dass es sich hier um ein Gschnas handelte und das nichts mit Heiligen zu tun hätte. Die Fahnen wurden wieder weggeräumt.
Ein anderes Mal, ebenfalls im Jahr 1953, klopfte es an Eduards Tür. Es war frühmorgens an einem Sonntag und er hatte noch geschlafen. Draußen standen zwei junge Leute mit einem Problem: Für eine Theatervorstellung noch am selben Tag hatten sie die falschen Kulissen. Ob Eduard nicht schnell welche malen könnte? Es handelte sich um zirka 30 Quadratmeter.
„Gut,“ sagte Eduard, „aber die Zeit ist kurz und ich brauche Farben. Woher soll ich diese an einem Sonntag nehmen?“
„Wir gehen zu unserem Maler und Anstreicher, der wird uns die Farben zur Verfügung stellen!“, war die optimistische Antwort.
So war es dann auch. Anschließend gingen sie in den Theatersaal. Es war der große Saal des örtlichen Gasthauses, der für Tanzaufführungen, Bälle etc. verwendet wurde. Hier wollte die Katholische Jugend ihr Theaterstück aufführen.
Auf der Bühne standen die alten, ungeeigneten Kulissen. Eduard organisierte sich eine Leiter und übermalte die Bildwände mit einem groben Malerpemstel. In Rekordzeit entstand eine Berglandschaft mit einer Hausfront samt Geranienstock und einem großen Baum. Eduard stand auf der Leiter und fetzte mit dem Pemstel kreuz und quer. Dann ging er in den Saal, um sich sein Werk aus einiger Entfernung anzusehen. Mit zunehmendem Abstand kam das Bild immer besser zur Geltung. Er fand es toll und wunderte sich, dass er imstande war, ein derart stimmiges Großgemälde zu malen, noch dazu so spontan. Vor die Kulisse wurde eine reale Bank gestellt, vor der sich die meisten Szenen des Theaterstückes abspielen sollten.
Eduard hat niemals gesagt, dass er etwas nicht könne. Was immer es war, er versuchte diese Aufgabe zu bewältigen. Das scheinen auch die Menschen des Ortes gewusst zu haben. „Der Dekorateur, der macht das, der kann das!“, hatte Hilde des Öfteren im Geschäft des Herrn Kohlheimer in Poysdorf gehört. In dessen Auslage standen die Preise für Eduards Schaufensterdekorationen, es waren zwei „Silberne Merkurs“.
In Marktl bei Lilienfeld, wohin Eduard 1952/53 übersiedelte, wurden seine Schaufensterdekorationen ebenfalls ausgezeichnet. Auch dort stand die Trophäe im Schaufenster. Es war der von Interimshandelsminister Ing. Julius Raab im April 1953 im Wiener Rathaus überreichte Silberne Merkur.
Das Schaufensterdekorieren hatte zusätzlich einen wirtschaftlichen Vorteil. Die Vorarlberger Textilfirmen schickten jedes Jahr ihre schönsten Damenstoffe zur Dekoration dieser Schaufenster, sowohl in Poysdorf, als auch in Lilienfeld. Manchen Stoff konnte Eduard behalten.
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Es war bereits in Marktl, als Eduard von einem Herrn Netuschil, einem Absolventen eines Maschinenbau-Studiums, aufgesucht wurde. Dieser malte auch gerne und war auf der Suche nach einem Gesprächspartner. Seine Malerei war naiv und nicht annähernd das, was Eduard im Auge hatte. Aber er hatte es zuwege gebracht, über die Arbeiterkammer einen Mal- und Bildhauerkurs zu organisieren, den die Kammer oder die Gemeinde finanzierte. Allerdings gab es zu wenige Interessenten für die Malerei und es wurde ein reiner Bildhauerkurs. Man besorgte Ton und schon am zweiten Kurstag stellte sich heraus, dass Eduard die einzelnen Themen viel geschickter umsetzen konnte als alle anderen. Damit rutschte er in die Rolle des Kursleiters.
Netuschils Methode war es, ein Buch aufzuschlagen und den Inhalt kopieren zu lassen. Eduard hatte er überredet, auf diese Art ein Porträt von Goethe anzufertigen. Es wurde gar nicht so schlecht, doch Eduard wollte eigentlich etwas anderes. Die Stärken des Maschinenbauers Netuschil waren sein Wissen über Kunstgüsse und ähnliche Techniken.
Stillleben mit Backform.
Öl auf Karton, 1953, 31x35cm.
Bei diesem Stillleben ist bereits der Einfluss der französischen Malerei erkennbar. Zu dieser Zeit gab es in Wien noch keinen Kollegen, der die Gugelhupfform in dieser Weise (eckig) gelöst hätte. In Lilienfeld hatte Eduard Kontakt zu einem naiven Maler. Dieses Stillleben kann als Gegenbewegung zu dessen Malart gesehen werden.
Eduard Diem – Leben und Werk
Zum Kursende wurde eine Ausstellung in einem Gasthaus im Zentrum Lilienfelds veranstaltet. Die Eröffnung war am Sonntagnachmittag. Vormittags war Eduard dort, um den Aufbau und vor allem die von ihm hergestellten Arbeiten anzuschauen. Doch diese gefielen ihm überhaupt nicht mehr; kurzerhand schnappte er sie und warf sie in die Traisen. Damit konnten nur die Objekte der anderen Kursteilnehmer gezeigt werden und Eduard wurde massiv beschimpft. Aber es war eine Kurzschlusshandlung gewesen und irgendwann wurde ihm verziehen.
Eine Begebenheit blieb Eduard in positiver Erinnerung: Während des einsemestrigen Kurses erschien ein Mann, der eine Hand verloren hatte. Statt des Unterarmes hatte er einen Eisenhaken. Er hatte keine Familie. Um zu überleben, verrichtete er meist Hilfsarbeiten im Stift. Seine Minderwertigkeitskomplexe erschwerten ihm das Leben zusätzlich. Trotzdem wagte er es eines Tages, in den Kurs zu kommen und sich über dessen Inhalte zu informieren. Netuschil und Eduard waren gerade dabei, am Beispiel von Gesichtsmasken das Anfertigen von Gipsabgüssen zu zeigen. Eduard hatte das von Netuschil schon vorher gelernt. Man steckt Rohre in die Nasenlöcher, die geschlossenen Augen werden eingefettet und sobald der Gips gehärtet ist, wird er abgenommen. Der Einhändige sah interessiert zu und es gefiel ihm. Für ihn wurden aber andere Gegenstände zum Abformen gewählt. Schließlich kam er mit einem Aschenbecher aus der Jugendstilzeit, den ein Relief mit dem Kopf eines Wildschweines zierte. Dessen Abguss war einfach herzustellen, weil sich die beiden Hälften leicht abnehmen ließen. Er fertigte einige Kopien dieser Aschenbecher an und zeigte sie in Gasthäusern her. Sie wurden zum Verkaufsschlager. Die Bestätigung, die der Einarmige dadurch erfahren hatte, war Eduards größter Erfolg. Nie wieder sollte er jemanden mit seiner Malerei oder Bildhauerei derart beeindrucken.
Zurück in die Zukunft in Wien. Das gegenständliche Malen, wie es in der VHS praktiziert wurde, konnte Eduard nicht mehr faszinieren. Manche hatten schon Kunstzeitschriften in den Händen, worin französische Künstler vorgestellt wurden. Aufgrund der Blockade österreichischer Künstler in der Nazizeit waren die Franzosen in ihrer Entwicklung weit voraus. Jacques Lipchitz, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Naum Gabo, Natalia Goncharova, Alexander Archipenko, Alexandra Exter und Antoine Pevsner waren Russen, die – u. a. wegen der Oktoberrevolution 1917 – nach Paris emigriert oder aus anderen Gründen dort tägig geworden waren.
Künstler brauchen Impulse und ständig neue Anstöße, natürlich wurde auch Eduard immer hungriger nach Neuem. Er musste daher seinen Focus über Hietzing hinaus auf die Kulturzentren der Stadt Wien richten.
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Fischer.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1962, 50x40cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Das Traditionelle war nicht mehr spannend genug, auch für die bildende Kunst. Mit der „Moderne“ beginnen in der Malerei des 19. Jahrhunderts alte Prinzipien wie Perspektive, Proportionsregeln, Goldener Schnitt etc. zu wanken. Dazu kommt der Bedeutungsverlust der naturgetreuen Malerei und Bildhauerei durch die Etablierung fotografischer Verfahren. Die bis nahe an die Gegenwart reichende und sich mit der zeitgenössischen Kunst überschneidende Moderne vereint eine Vielfalt avantgardistischer (neue Wege weisender) Stilrichtungen. Einige der zugehörigen „ismen“ sind der Fauvismus (Vereinfachung mit reinen, expressiven Farben), der Kubismus (die revolutionärste Neuerung in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Aus einer natürlichen Form wird in geometrisierender Form abstrahiert), der Futurismus (anstelle des Alten wird jede Form von Originalität mit Mut zur Verrücktheit und der Wiedergabe des täglichen Lebens gepriesen), der Vortizismus (wendet sich gegen Realitätsnähe, moralischen Auftrag und postuliert auch Härte als Auftrag), der Expressionismus (das subjektive Erleben soll dargestellt werden) und der Surrealismus (Darstellung des Unwirklichen und Traumhaften jenseits
Der Aufbruch in die Moderne
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Frieden.
Holzschnitt von
Hedwig Zum Tobel,
österr. Graphikerin und Illustratorin.
Aus der Jahresmappe der
Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Graphik für 1950
... et in terra pax hominibus bonae voluntatis.
... und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.
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jeglicher Realität) etc. Die am häufigsten genannten Vertreter sind Henri Matisse, André Derain, Pablo Picasso, Georges Braque, Max Beckmann, Franz Marc, Paul Klee, Piet Mondrian sowie aus Russland Marc Chagall und Wassily Kandinsky.
Wegen der großen Not in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit hatten diese Entwicklungen nur geringen Einfluss auf die Wiener Kunstszene, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war diese davon gänzlich abgeschnitten. Nicht einmal der Impressionismus oder Vincent van Gogh waren am Kriegsende ein Begriff. Selbst Egon Schiele oder Oskar Kokoschka gerieten als „entartete Künstler“ in Vergessenheit oder waren noch nicht entdeckt.
Dementsprechend orientierungslos waren die Wiener Kunstschaffenden in den ersten Nachkriegsjahren, auch an der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz. Professoren und Schüler fanden sich dort bald wieder ein, einen geordneten Lehrbetrieb gab es aber erst ab etwa 1950. Die Professoren vermittelten wieder ein solides Handwerk und traditionelle Maltechniken, auf der vielfältigen Suche nach Neuem blieben die Studenten aber auf sich gestellt. Der damals 18-jährige Alfred Hrdlicka, damals fanatischer Zeichner, fasste es so zusammen: „Wir hatten keinen Respekt vor den Lehrern, außer vor Herbert Boeckl. Ich glaube, wir hatten ihn gern. Er hat vom Zeichnen mehr verstanden als jeder andere.“ Herbert Boeckl, der vom ersten Unterrichtsminister Ernst Fischer ernannte Rektor der Akademie, und dann ab Ende 1946 der Literat und Maler Albert Paris Gütersloh, wurden als die Ausnahmen an der Akademie gesehen: Sie konnten mit leichter Hand führen und ließen den Schülern die notwendigen Freiheiten. Gemeinsam mit dem Bildhauer Fritz Wotruba wurden sie zu den Kristallisationspunkten der Akademie. Die „Vorschule“, eine Vorbereitungsklasse für das eigentliche Akademiestudium, betreute Frau Professor Gerda Matejka. Die ersten Schüler waren unter anderem Paul Otto Haug, von den Russen mit der Rektorenkette geschmückt, Kurt Moldovan, Rudolf Schönwald, Arik Brauer, Wolfgang Hutter, Ernst Fuchs, Kurt Absolon, Fritz Martinz, Anton Lehmden, Fritz Janschka, Alfred Karger, Joannis Avramidis, Josef Mikl, Giselbert Hoke, Marcel Schmitt, Heinz Klima, Georg Eisler, Karl Stark, Padhi Frieberger und eben Alfred Hrdlicka und 1948 für drei Monate Friedrich Stowasser.
Egal, bei wem diese jungen Leute studierten, am Abend saßen sie für zwei Stunden in einer Schule für sich: in Herbert Boeckls Abendakt. Es war ein Wettbewerb der einzelnen Schulauffassungen und Richtungen, deren Proponenten sich hier gegenseitig belauerten, fast ein sportlicher Wettbewerb. Es war aber nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine politische Auseinandersetzung mit viel Krawall aber ohne Folgen, denn die Akademie war eine Art „Naturschutzpark“ für angehende künstlerische Persönlichkeiten. Gleichzeitig war es aber auch ein Elfenbeinturm mit wenig Außenwirkung, vor allem für die Studenten. Aber
Eduard Diem – Leben und Werk
genau das brauchten sie, denn der angestrebte wirtschaftliche Erfolg, von dem auch die später sehr erfolgreichen Künstler noch weit entfernt waren, braucht die öffentliche Aufmerksamkeit. In gewissem Maße sorgten dafür überraschend viele neue Verlage und Kulturzeitschriften. An vorderster Front ist hier die von Otto Basil herausgegebene Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik „PLAN“ zu nennen. Das erste Heft 1945 brachte Beiträge aus einem dem Surrealismus gewidmeten Sonderheft, das 1938 erscheinen hätte sollen und beschlagnahmt worden war.
Doch die Begegnung der auflebenden Moderne mit dem Publikum war sehr konfliktreich. Zwar waren die im Nationalsozialismus etablierten Künstler diskreditiert und die Rückkehr für sie viel schwieriger als für „belastete“ Menschen in anderen Bereichen. Doch was jetzt als zeitgenössische Kunst präsentiert wurde, war unendlich weit weg von dem, was alle Menschen in den vergangenen sieben Jahren, ja eigentlich in den vergangenen dreißig Jahren gesehen hatten. Eine Avantgarde eilt ja schon grundsätzlich dem Zeitgeschmack voraus und jetzt trifft mit einem Schlag die Avantgarde mehrerer Generationen auf ein unvorbereitetes Publikum. Und dann soll noch Großes von dem ebenfalls reichlich vorhandenen Mist unterschieden und das Große respektiert werden?
Es wird sogar von einem Schock gesprochen, den die ersten Nachkriegsausstellungen moderner französischer oder englischer Malerei durch die Besatzungsmächte in der Albertina, in der Akademie der bildenden Künste oder im Museum für angewandte Kunst auslösten. Es war aber auch ungerecht, wenn die Proponenten der aufkeimenden Moderne die Verteidiger des Traditionellen und alle Widerstände gegen ihre Arbeit in wehleidiger Weise mit Verachtung bedachten und den Kritikern ewiges Nazidenken unterstellten. Sie selbst waren natürlich begierig, all diese für sie völlig neuen Tendenzen aufzunehmen und noch nie gesehene Werke etwa eines Picasso oder Van Gogh erstmals zu bewundern. Schließlich hatten auch sie sieben Jahre lang vom Ausland abgeschnitten und ohne jede Information von „draußen“ gelebt. In der Akademie tauchte erst 1945 wieder ein einziges Buch über die Kunst des 20. Jahrhunderts auf, dieses war dann heiß umkämpft.
Aber auch bei den Experten führte das Gezeigte zu leidenschaftlichen Diskussionen und die Aufnahme war sehr unterschiedlich.
Zu hinterfragen ist auch der Grund für den so einmütigen Hang zur Moderne. Es könnte damit zusammenhängen, dass das öffentliche Kunstleben 1945 mit einem Schlag in die Hände von neuen, jungen Künstlern gefallen war, im Wesentlichen sogar nur auf drei Geburtsjahrgänge: 1928 (Hutter, Fruhmann, Hundertwasser, Kredl, Markolin), 1929 (Mikl, Lehmden, Hollegha, Brauer) und 1930 (Fuchs, Declava, Prachensky, Kubovsky, Rainer). Dies ist zuerst Alfred Schmeller aufgefallen, dem „Seismographen der
Der erste Jahrgang von Otto Basils Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik PLAN
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Oft gezeigtes Symbolfoto der jungen Generation: Fruhmann, Mikl, Rainer, Hutter, Lehmden. Foto Franz Hubmann, 1955
Wiener Kunstszene nach 1945“. Es gab auch ältere Kriegsheimkehrer an der Kunstakademie, aber der Neubeginn nivellierte sie alle, sie waren den 16-, 17- oder 18-jährigen Neukömmlingen des Jahres 1945 gleichrangig. Erstaunlicherweise erwähnte Schmeller die wichtigen 1928er Georg Eisler, Alfred Hrdlicka und Rudolf Schönwald nicht. Das wird auf den von diesen Künstlern bevorzugten Realismus zurückgeführt, der damals im Vergleich zur Abstraktion, dem Surrealismus und dem Phantastischen Realismus fast nicht wahrgenommen wurde. Schließlich war die Aufnahme der Moderne auch ein Protest gegen den Kunstbetrieb der Nazizeit. Manche bedauerten dies, denn mit der Diskreditierung von allem, was die Alten schufen, kamen auch interessante Ansätze unter die Räder und es gingen Zeitdokumente verloren. Bis in die heutige Zeit wird die Trennung von Oevre und politischer Gesinnung abgelehnt.
Alle Facetten der auflebenden Moderne in Wien nach 1945 hatte Gerhard Habarta in seinem 1996 erschienenen Buch „Frühere Verhältnisse“ anschaulich beschrieben. Er kannte sie zwar nicht aus eigener Anschauung, aber aus einer Fülle von Interviews und Dokumenten. Auch der zehn Jahre ältere Eduard Diem
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kennt diese Zeit nur aus zweiter Hand. Er ist zwar als 1929 Geborener ebenfalls den „guten Jahrgängen“ zuzurechnen, war aber erst im Jahr 1955 nach Wien gekommen. Selbst der berühmte Wiener „Art Club“ war in Eduards Wiener Zeit schon Geschichte. Diese am 10. Jänner 1947 gegründete österreichische Sektion des internationalen Art Club war eine Plattform zur Intensivierung der Kontakte ausgewählter bildender Künstler untereinander. Präsident war Albert Paris Gütersloh. Die erste Ausstellung zeigte der Art Club in den Räumen der Neuen Galerie in der Grünangergasse 1. Das war eigentlich die erste Konfrontation der Öffentlichkeit mit der österreichischen Moderne. Die Kritik reagierte abwartend bis ablehnend. Von 15. Dezember 1951 bis Februar 1953 existierte der Art Club als „Nachtgalerie“ unter der Kärntnerbar. Fritz Wotruba taufte die Bar wegen ihrer Dimension und der billigen Wandverschalung „Strohkoffer“. Ein letztes Aufflackern für wenige Monate versuchte der Art Club als ordentliche Galerie mit bildgerecht weißen Wänden in der Singerstraße. Der Wiener Art Club existierte dann nur mehr auf dem Papier. Nach einem finalen Zerwürfnis im Jahr 1959 wurde er 1963 aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt war es absehbar, dass die Mitglieder einander nicht mehr brauchten, denn die meisten hatten sich eine ausreichende wirtschaftliche Basis erworben. Zu jener Zeit, als Eduard nach Wien gekommen war, konnte allerdings noch fast kein Repräsentant der Wiener Moderne von seiner Kunst leben.
Den Zugang zu dieser Szene fand Eduard vor allem in der Kunstakademie am Schillerplatz. Unter anderem war es ein Tipp von Rudolf Gössl, Eduards Kollegen bei Herzmansky, der ihn auf diese Institution aufmerksam machte. Gössl pendelte zwischen der Werbeabteilung von Herzmansky und der Akademie. Er war ein ruhiger, sympathischer Kollege, aber ein künstlerischer Einzelgänger. Er hatte eine eigene abstrakte Linie. Der Kontakt wurde auch nicht allzu eng. 2018 feierte er seinen 85. Geburtstag mit einer großen Ausstellung.
Gleichzeitig mit seinem Abenteuer in der VHS bemühte sich Eduard um einen Platz als Gasthörer an der Kunstakademie am Schillerplatz. Er meldete sich im Büro an und es kristallisierte sich heraus, dass die von Frau Matejka geleitete Einstiegsklasse (auch als Aufbereitungsklasse oder Vorklasse bezeichnet) und ihr Anatomiekurs vorerst das Wichtigste für ihn werden würden. Sie forcierte die abstrakte Kunst und wusste viel darüber, z. B. über Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit und danach und auch über das Geschehen im Ausland.
Im Herbst 1956 konnte Eduard in eine Aufbereitungsklasse einsteigen. Gleichzeitig gab es die Aktkurse, die ein gewisser Herr Lorenz leitete, vermutlich ein Assistent von Herbert Boeckl. „Herbert Boeckls Abendakt“ ist ein vereinfachender Satz, der in fast allen Biografien junger Nachkriegskünstler zu finden ist. Das ist auch logisch, denn es war ja eine Pflichtveranstaltung für sämtliche Akademiestudenten und es war relativ einfach, dieser
Veranstaltung beizuwohnen. Hauptsächlicher Gegenstand war das Aktzeichnen anhand eines Modells, begleitet von einer Art Anatomieunterricht. Zu begreifen waren unter anderem die Muskel- und Körperverschiebungen in der Bewegung.
Anfangs war Eduard mit seinen Ergebnissen permanent unzufrieden. Im Kurs saßen rund 30 Leute mit unterschiedlichen Malstilen. Manche hielten sich mehr an Klimt, andere an Schiele, Eduard malte eher naturgetreu. Er sollte mehr Mut zu eigenständiger Strichführung bekommen, Licht und Schatten betonen. Anderes sollte nur angedeutet werden, damit konnte man oft mehr erreichen. Nach einer Zeit des Einlebens ging es besser.
Herbert Boeckl selbst war allerdings während Eduards Aufenthalt an der Akademie nie anwesend. Die Veranstaltung wurde – wie gesagt – von Herrn Lorenz geleitet und dieser war durchaus beeindruckend. „Tu’ nicht so kleinlich“, sagte er, und mit einem weichen Bleistift machte er Eduards Zeichnung in der Kontur wesentlich kräftiger und erreichte mit ein paar Strichen mehr als Eduard in einer Stunde.
Eduard lernte dort Kollegen wie Fred Nowak, Adolf Frohner, Otto Mühl, Hans Niederbacher, Herbert Wasenegger, Alfred Czerny und viele andere kennen. Niederbacher malte abstrakt, meist gut kombinierte braune Flächen. Irgendwann verschwand er, vermutlich in die Werbebranche. Der Steinbildhauer Herbert Wasenegger hatte für den Lebensunterhalt bei Böhler im Büro gearbeitet. Eduard erinnert sich an eine Ausstellung mit Skulpturen im Ursulinenhof in Linz. Alfred Czerny machte ebenfalls Skulpturen und er betätigte sich auch als Pferdezüchter.
Hervorzuheben ist auch Heimo Kuchling, ein Kunsttheoretiker, der sehr eifrig über moderne Kunst sprach, und von dem Eduard ebenfalls enorm profitierte, auch in Bezug auf Bildaufbau und Bildkomposition.
Eduard erlebte an der Akademie einen Gastauftritt des russischen Malers Andreas Jawlensky. Er hatte ein schwarzes Quadrat auf weißem Untergrund präsentiert und alle wunderten sich über den eigenartigen Glanz des Quadrats. Mit den damals gebräuchlichen Ölfarben konnte man das nicht so erreichen, auch ein aufgetragener Firnis glänzt anders. Schließlich lüftete Jawlensky sein Geheimnis: Er hatte einen im Metallbau üblichen Schutzanstrich verwendet.
Für Eduard war der Aufenthalt an der Akademie sehr lehrreich, an jeglicher Form eines Abschlusses oder einer Prüfung hatte er jedoch keinerlei Interesse. Er wollte keinen Lehrberuf ergreifen, auch keinen anderen Beruf – etwa Restaurator –, für den ein Diplom vorteilhaft hätte sein können, und er wollte auch keinen Titel. Sein Blick ging in eine ganz andere Richtung, für die er seiner Überzeugung nach all dies nicht benötigte. Nur an den Techniken war er interessiert, an der anatomischen Ausbildung, an den Formen und Gliederungen, an den Verhältnissen zueinander, an den Veränderungen eines Körpers in Bewegung,
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einfach an allem, was in der Kunst zu beachten ist. Auch die Beobachtungsgabe war zu schärfen, aber da hatte er schon viel von seinem Großvater gelernt. Von sich selbst überzeugt war er allerdings noch keineswegs. Seiner Meinung nach konnte er kaum zeichnen, weniger zweifelte er jedoch an seinen Modellierfähigkeiten. Eduards Aufenthalt an der Akademie dauerte bis 1959.
Auch Friedensreich Hundertwasser scheint über den Wert einer akademischen Ausbildung ähnlich gedacht zu haben, er war allerdings nur drei Monate an der Kunstakademie (allerdings lange vor Eduards Zeit). Davon abgesehen hatte Hundertwasser ein zu Eduard Diem gänzlich unterschiedliches Naturell, nämlich ohne geringsten Selbstzweifel. Als Hundertwasser eine Dozentur in Hamburg bekommen hatte, wurde er sehr beneidet, denn damit war er ein richtiger Glückspilz und sollte „ausgesorgt“ haben. Doch sein Mut stand dem entgegen: Mit seinen Studenten propagierte er die „Endlose Linie“, beginnend an den Wänden im Zeichensaal der Hochschule. Als die Linie die Wände des Zeichensaals gefüllt hatte, wurde sie auf dem Gang fortgesetzt. Dies währte allerdings nicht lange, weil der Abbruch der
„Weiblicher Akt“
(Unikatgraphik 1973)
Wenn sich Eduard Diem an einen Akt heranmacht, dann geschieht dies immer auf Grund eines Erlebnisses.
Zumeist greift er Personen auf, die durch ihre Gestalt etwas
aus der Reihe fallen. Es sind nicht wohlgeformte Körper, die der Künstler mit fast diabolischer Freude festhält, sondern gewichtige, unübersehbare Badenixen, wie diese sicher noch junge Dame am Strand.
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Linie und dann wohl auch der Abschied Hundertwassers von der Hochschule erzwungen wurde.
Aufsehen erregte Hundertwasser 1959 im Rahmen der Grafikbiennale in Sao Paulo. Als Folge wurde er nach Japan eingeladen, um gegen Kost und Quartier in einer Galerie auszustellen. Hundertwasser bezahlte seinen sonstigen Lebensunterhalt in Bildern, verkaufte diese auch und hatte damit enormen Erfolg. Er erzielte einen Umsatz von 700.000 Schilling. Dies war ein für die damalige Zeit utopischer Betrag, kein regionaler Künstler hatte davor so viel verdient. Das Geld steckte er gezielt in Eigenwerbung. Eine Handlung, die für den bescheidenen Eduard Diem undenkbar gewesen wäre.
Über Hundertwasser ging in den 1950er-Jahren auch das Gerücht um, dass er von Vogelfutter lebte, welches er mit der Handschrotmühle zerkleinerte. Eine Ziege solle er auch gehabt haben, Padhi Frieberger ließ diese am Donaukanal weiden. Eduard konnte sich nicht vorstellen, wie man in der Stadt eine Ziege halten könne. Die Nutzung einer Handschrotmühle war ihm vertrauter, denn sie gehörte auch im Elternhaus zur Küchenausstattung. In der harten Zeit ab dem Jahr 1945 wurde Maisschrott mit Kartoffeln zu einem Sterz gemischt. Dazu gab es Bohnensalat. Sterz ist ein typisch Weinviertler Gericht, welches es ein- bis zweimal in der Woche gab. Das Schweinefutter bestand ebenfalls aus Erdäpfeln und Kukuruz (Mais).
Nicht frei von Zweifeln war auch Adolf Frohner: Er wusste nicht, wohin er wollte, wurde immer unsicherer und konnte nicht einmal entscheiden, ob er überhaupt weitertun sollte. Schließlich, im Jahr 1961, fuhr er nach Frankreich, um sich dort umzusehen. Er wollte auch nach Südfrankreich, um Picasso zu sehen, freilich nur von weitem, denn eine Kontaktaufnahme war undenkbar, da hätte man auch den Papst am Petersplatz anreden können. In Paris sah er Arbeiten von Jean Dubuffet. Für seinen brutalen Malstil hatte sich dieser auch durch Zeichnungen von Psychiatrieinsassen inspirieren lassen. Darauf fußen auch Adolf Frohners Frauengestalten. Den Vorwurf, frauenfeindlich zu sein, quittierte er mit „was soll ich machen, ich bin seit 27 Jahren mit einer Frau verheiratet.“ Zurück in Wien arbeitete er in der Werbung und gestaltete Schaufenster. Von der Kunst konnte damals fast niemand leben.
Dieser kurze Einblick in das Leben und Arbeiten anderer Künstler lässt schon erkennen, was das eigentlich Wichtigste an der Kunstakademie war: Die Gruppen, die sich unter den Künstlern bildeten, und die sich regelmäßig – meist nach dem Abendakt – trafen und gemeinsam diskutierten. Die Zusammenkünfte mit bis zu 15 Leuten fanden in einem Kaffeehaus statt, oft im „Hawelka“ oder in „Smutnys Gulaschhütte“. Die Gulaschhütte war ein Restaurant (später hieß es auch „Restaurant Smutny“) mit Stehbuffet an der Ecke Elisabethstraße/Operngasse. Dort konnten sich auch Leute mit wenig Geld ein wenig aufwärmen.
Eduard Diem – Leben und Werk
Kies arbeitete mit einer akribischen Punktetechnik. Mit Spitzfeder und Tusche setzte er Punkt neben Punkt. Später bezeichneten das seine Kollegen spöttisch als „Fliegenschisstechnik“. Eduard erinnert sich an das Porträt eines weißhaarigen Mannes in altmeisterlicher Manier, welches viel Beachtung fand. Dann ein Frauenakt, für den dieser spaßeshalber den Titel „Meister der erigierten Brustwarze“ bekam.
Der mit H.C. Artmann befreundete Karlheinz Pilcz war ein Könner der Ätz- und der Kaltnadelradierung. Er schuf sehr originelle Druckgrafiken.
Rechts ein Foto aus den frühen 1960er-Jahren.
Helmut Kies (ganz rechts)
schenkt Eduard Diem
(in der Bildmitte) eine seiner Radierungen.
Eduard besitzt den Druck
nach wie vor
(siehe die Radierung oben).
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Ein weiterer Treffpunkt war die „Adebar“ in der Annagasse. Andere, eher abstrakt malende Künstler formierten sich in der Wiener Secession oder in der 1954 gegründeten „Galerie St. Stephan“ des Monsignore Otto Mauer.
Aus diesem Austausch ergaben sich diverse künstlerische Aktivitäten und Ausstellungsmöglichkeiten eröffneten sich. Nach dem Wiener Art Club war das eine Art zweite Welle in der Selbstfindung der Wiener Moderne. Es festigten sich sogar eigene Stilrichtungen, etwa die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“. Diesen Namen hatte der Kunstkritiker Johann Muschik erfunden. Die bekanntesten Künstler, die mit penibler altmeisterlicher Malerei einen Surrealismus Wiener Prägung schufen, waren Arik Brauer, Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden. Ihre erste gemeinsame Ausstellung im Wiener Belvedere fand viel Beachtung. Es gab aber noch eine Menge anderer Künstler, die in die gleiche Richtung unterwegs waren, wie Helmut Kies, Helmut Leherb, Richard Matouschek, Karlheinz Pilcz, Peter Proksch und viele andere, die etwas distanzierend als zweite Welle bezeichnet wurden. Einige dieser Künstler waren auf dem Kunstmarkt bereits erfolgreich. Helmut Kies konnte sich sogar ein Luxusauto leisten. Wenn sich die Künstler trafen, bot er gerne an, sie nachher irgendwohin zu fahren. Die Innenstadt war ja damals für Autos noch überall befahrbar, die Kärntner Straße war dabei die Hauptverkehrsachse.
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Druck mit Offsetfarben von Fred Nowak. Er hatte Eduard animiert, mit der Druckerpresse zu arbeiten. Zuerst waren es gewöhnliche Druckverfahren, dann hat Eduard eine eigene Technik entwickelt.
Als Kind war Fred Nowak bestrahlt und dabei sein linker Fuß verbrannt worden. Seitdem hatte er Gehschwierigkeiten. Später bekam er Krebs und der Fuß musste ab der Hüfte amputiert werden. Der gemeinsame Freund Ingo Mussi und Eduard haben ihn im Spital besucht. Fred Nowak lag im Bett und machte mit den Händen Turnübungen. Zu Hause wollte er gleich wieder arbeiten können. Nach drei oder vier Monaten starb er, das war in den 1960er-Jahren.
Eine Übersicht über die vielen Nachwuchstalente gibt der Katalog des Phantastenmuseums aus dem Jahr 2011.
Ernst Fuchs war es, der bei diesen Zusammenkünften den jungen Künstler Richard (Dandy) Matouschek entdeckte. Dieser war ein vom Krieg gezeichneter Gestrandeter und machte um den Preis einer Gulaschsuppe eine Porträtzeichnung. Sein nicht gerade vertrauenserweckendes Aussehen täuschte: Er war ein guter, hilfsbereiter Kollege. Von Gestalt lang, dürr, dunkel gekleidet und der beste Boogie-Tänzer der Stadt. Wegen einer Bürgschaftsgeschichte wurde er verurteilt und floh nach Hamburg. Seine Lebensweise unterstrich eine Aussage vor Gericht Ende der 1960er-Jahre. Auf die Frage des Richters nach seinem Beruf soll er angeblich sinngemäß geantwortet haben: „Ich bin Künstler und verdiene nichts. Ich lebe von meiner Lebensgefährtin und die geht auf den Strich.“
Häufig war die Gruppe auch bei Fred Nowak in der Gärtnergasse. Er war ein hervorragender Grafiker und ein Zauberer mit der Druckmaschine. Beschäftigt war er in der Staatsdruckerei, sein privates Atelier und eine Druckerpresse hatte er in der Gärtnergasse. Dort schulte er viele Künstler in verschiedenen Druckverfahren und ermöglichte ihnen Probedrucke. Viele der später sehr erfolgreichen Künstler haben bei ihm kostenlos gedruckt. Als Gegenleistung erbat er sich immer einen der Probedrucke.
Der Kunsttheoretiker Heimo Kuchling erzählte auch in diesem Zusammenhang viel über diverse Entwicklungen und
Eduard Diem – Leben und Werk
Strömungen. Etwa über den Franzosen Georges Mathieu, der als Erster in Wien mit Action-Painting auftrat. Wie ein Degenfechter fetzte er mit dem Pinsel und den Farben herum. Das beflügelte Hans Staudacher zu seinen „Nu-Bildern“ in der Secession. Bei den Nu-Bildern ging es stets um die Aktion und um die Geste. Ein Strich trennt eine Fläche in gleich starke oder in ungleichgewichtige Teile und man muss dieser Aufteilung etwas entgegen- oder entlangsetzen, um wieder ein harmonisches Ganzes zu erzeugen. Und es musste schnell gehen, also im „Nu“. Es fanden sich auch Maler wie Helmut Kies oder der Experimentalfilmer Ferry Radax, ebenfalls ein guter Boogie-Tänzer, hier ein. Er arbeitete in abstrakten Schwarzweißbewegungen und veränderte Filmrollen, sodass sie ein anderes Bild ergaben. Zu diesen Zusammenkünften erschienen die verschiedensten Leute.
Eine Kostbarkeit waren nach wie vor, selbst mehr als zehn Jahre nach 1945, die bebilderten Kunstzeitschriften, vor allem die farbigen. Sie stachen Eduard schon früher ins Auge, hier wurden sie weitergereicht und heftig diskutiert. Die Buchhandlung
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Radierung von
Richard Matouschek,
1960, 50x35cm.
Bei den Zusammenkünften mit ihm wurde viel über Technik und damit verbundene Möglichkeiten geredet. Dieser Druck gelangte
– wie viele andere –
durch Tausch in den
Besitz von Eduard Diem.
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Dieser Bulle mit Anklang an kubistische Formen ist ein Nachguss einer der ältesten Tierplastiken Eduard Diems.
Sie entstanden aus dem Ton
Prof. Matejka-Feldens und nahmen auch an der Wanderausstellung in Russland teil.
Morawa in der Wollzeile und erstaunlicherweise auch eine kommunistische Bücherei in der Schulergasse führten solche Kunstbücher, sonst gab es keinen Anbieter. Die Wege der Künstler führten oft dort vorbei, um sich über die Neuigkeiten zu informieren, aber fast niemand hatte das Geld, um die Bücher zu kaufen. Man versuchte wohl, in die Bücher hineinzusehen, aber das war nicht einfach und nicht gerne gesehen. Einer dieser Kunststudenten war Karl Martin Sukopp. Er war aus der Gefangenschaft gekommen, hatte Familie mit Kindern und kein Geld. Dennoch konnte er bei Hans Knehsl an der Angewandten studieren. Ein Kunstbuch, das er in der Auslage vom Morawa entdeckt hatte, wollte er unbedingt haben. Das Geld hatte er wohl, es war aber für den Unterhalt der Familie bestimmt. Er rannte zwei Mal um den Häuserblock, beim dritten Mal wurde er schwach und kaufte es.
Eines Tages entdeckte Otto Mühl im Keller der Akademie eine Truhe mit frischem Modellierton. Die Gruppe nistete sich dort ein. Eduard hatte schon sechs Tierplastiken in kubistisch angelehntem Stil geformt, als Prof. Matejka-Felden die Kellerkünstler entdeckte. Der Ton war ihr Eigentum und sie war immer sehr impulsiv. Zu Eduards Kreationen sagte sie: „Hau’s an die Wand, das wird sowieso nix!“. Aber die Künstler wussten: Das war nicht ernst gemeint und Eduard ließ sich nicht davon abbringen, neben der Malerei hin und wieder auch Plastiken zu formen.
Die beengten Wohnverhältnisse der Familie Diem schränkten dies zwar ein, doch schon in Unter St. Veit ließ Eduard Keramiken brennen. Meist waren es Tierplastiken. Eine seiner ersten Tierplastiken war eine Kuh. Mit ihren herausstehenden Hüftknochen hatte sie eine Gestalt, die er vom Land her sehr gut kannte. Sie ist kein Schönheitsideal, aber eine spannende Vorlage. Es folgte ein schon radikaler aufgelöstes Pferd, bei dem die Bewegung im Vordergrund stand. Das Interesse für bewegte Körper erwies sich als nachhaltig: Das Verharren in einer typischen Bewegungsphase blieb ein wesentliches Merkmal fast aller künftigen Tierplastiken.
Eduard setzte wie aus Bausteinen verschiedene Formen zueinander und es entstanden mehr oder weniger kubistische Tiere. Manch stereotype, einfache Form blieb aber nicht rein würfelförmig, sondern hatte auch Rundungen. Darin spiegelte sich der Einfluss damals in Paris zu sehender Objekte. Eine Stierplastik von Jacques Lipchitz hatte Eduard überzeugt, aber er ging in der Folge weit darüber hinaus und formte seine Plastiken noch radikaler.
Später versuchte er, die Plastiken so einfach wie möglich aufzubauen und einem Piktogramm vergleichbar auf wenige, aber eindeutige Elemente zu reduzieren. Eine klare Aussage sollte ebenfalls vorhanden sein. Solche modernen Skulpturen hatte er bei anderen französischen Künstlern gesehen, wenn auch nur auf fünf mal sieben Zentimeter großen Fotos.
Eduard Diem – Leben und Werk
kubistischen Elementen. Eduard bemerkte, dass man mit Rundungen und Bögen einen eigenen Rhythmus in die Figur hineinbringen konnte, und eine bestimmte Form eine andere bedingte. Linien und Schrägen brauchen zum Ausgleich oder zur Belebung eine Gegenbewegung.
Oft waren es kleine Skulpturen, die als Modell für Großplastiken im öffentlichen Raum gedacht waren, verwirklicht wurden sie aber nicht. Eduard entwarf auch Reliefs für Stiegenaufgänge, drei bis vier Meter hoch und breit, zu deren Realisierung kam es jedoch ebenfalls nicht.
Eduard versuchte sich außerdem an stilisierten Menschenköpfen. Vor allem aus den Zeitschriften erhielt er immer wieder neue Impulse und er wagte sich an Experimente, die ihm vorher nie eingefallen wären. Grundsätzlich blieb er aber stets wechselhaft und machte jede Woche etwas anderes.
Etwa sechs Wochen nach dem Vorfall im Keller der Kunstakademie am Schillerplatz kam Frau Prof. Matejka-Felden auf Eduard zu und sagte: „Ich brauche deine Plastiken.“ In ihrer Wohnung in der Theobaldgasse sagte sie dann auch warum: Eine russisch-österreichische Handelsgesellschaft wollte eine Wanderausstellung in Russland einrichten. Bei der Besprechung war auch ihr geschiedener Mann Viktor Matejka anwesend. Der eingewanderte Niederösterreicher Eduard hatte keine Ahnung, wem er da gegenübersaß. Viktor Matejka erkundigte sich über Eduards gegenwärtige Tätigkeit. Diese bestand vorwiegend aus der Vorbereitung für seine erste Ausstellung in der Galerie am Börseplatz. Herr Matejka meinte, dass dafür eine Einladung mit einem Holzschnitt und einem Plakat sehr vorteilhaft wäre. Eduard sollte das machen und das Plakat müsste in der Mariahilfer Straße und in der Innenstadt präsent sein. Viktor Matejka würde die Verteilung übernehmen. Sein Argument: „Bei mir traut sich niemand, das wegzuwerfen oder zu stehlen.“
Drei Bronze-Güsse aus alten Tierplastiken Eduard Diems.
Sie befinden sich im reichhaltigen Lager in Wien Ober St. Veit.
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Ein späterer Brief Viktor Matejkas, der die Freundschaft mit Eduard Diem dokumentiert.
Nach und nach wurde Eduard klar, welch wunderbarer Mensch Viktor Matejka war, und wie viele andere Künstler er ebenfalls unterstützte. Über die Kriegsjahre war er im KZ Dachau gewesen und von 1945 bis zu den ersten Wahlen war er Kulturstadtrat. Danach war er als Kulturjournalist tätig. Er wurde bis zu seinem Tod als Stalinist beschimpft. Er fragte jedoch niemals, aus welcher politischen Ecke jemand kam. Als sich Eduard um eine größere Wohnung bemühte, war es ebenfalls Viktor Matejka, der beim Kulturamt ein gutes Wort für ihn eingelegte.
Eine andere Aktion, die Eduard Diem miterleben durfte, begann in der Secession und endete im Gewerkschaftssaal in der Treitlstraße. In der Secession wurde Im Sommer 1958 eine Ausstellung mit Werken junger Nachwuchskünstler gezeigt. Da viele der Teilnehmer an dieser Ausstellung sehr isoliert lebten, sollten sie einander in einer eigens zu organisierenden Zusammenkunft kennenlernen. Der Maler Robert Libeski, Präsident des Vereines „Alte Welt“, stellte dafür das Vereinslokal in der Windmühlgasse zur Verfügung. Es war eine einmalige Veranstaltung, als die Künstler dort zusammenkamen und zum ersten Mal aus
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Eduard Diem – Leben und Werk
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der Sicht verschiedenster Stilrichtungen über die momentane Situation und Entwürfe der Künstler diskutierten. Man sprach auch darüber, wie die unmittelbare Zukunft aussehen könnte. Auch die Idee eines Gesamtkunstwerkes kam zur Sprache.
Die anwesenden Künstler stammten im Wesentlichen aus zwei Gruppen: Die einen kamen aus der von Fritz Wotruba geleiteten Meisterklasse an der Wiener Akademie der bildenden Künste, die anderen aus der von Hans Knehsl geleiteten Bildhauerklasse der Akademie für angewandte Kunst. Im Einzelnen waren es die Wotruba-Schüler Alfred Czerny, Erwin Reiter, Franz Anton Coufal, aber auch Gottfried Höllwarth, H.C. Artmann und Gerhard Rühm. Sie waren Verfechter aller möglichen Stilrichtungen. Jeder der Teilnehmer brachte zwei oder mehr seiner Plastiken mit, um sich vorzustellen und eine Gesamtübersicht zu erleichtern. Auch Eduard Diem kam mit einigen seiner Keramiken.
Allerdings waren Eduards Keramiken gewissermaßen Entwürfe, denn sie waren dazu gedacht, später in Bronze gegossen zu werden. Vieles davon wurde nicht realisiert und Mitte der 1960er-Jahre hörte er damit auf, in diese Richtung zu arbeiten. Die Formen von Eduards Skulpturen ließen viele glauben, dass er aus Wotrubas Klasse kam. Auch Wotruba könnte sie so umgesetzt haben.
Eduard hatte sich allerdings niemals auf einen Kunstzweig spezialisiert, er machte immer beides: Bildhauern und Malen. Nach einer Serie von etwa zehn Bildern spürte er eine gewisse Sättigung und im Geist entstand eine neue Plastik.
In den Diskussionsrunden unter Kunststudenten spielte die Suche nach dem Gesamtkunstwerk eine wiederkehrende Rolle. Es gab schon „happineske“ (einem Happening gleiche) Aktionen von Valie Export, Günter Brus und anderen. Der Normalbürger hatte zu dieser Zeit sein Auskommen wieder gefunden. Die Lebensmittelrationierungen (z.B.:„Heute 5 dkg Butter gegen Abschnitt 5“) waren schon in den späten 1940er-Jahren abgeschafft worden. Viele der angehenden Künstler waren mit ihren Einnahmen allerdings noch weit vom Existenzminimum entfernt und das ist nach den damaligen Maßstäben zu beurteilen, nicht nach den heutigen.
1962 adaptierten Adolf Frohner, Otto Mühl und Hermann Nitsch ein Kellergewölbe in der Perinetgasse für eine Aufführung, die sie „Happening“ nannten. Doch dieser aus Amerika geborgte Titel wird oft falsch interpretiert. Die Idee der Drei war es ja, die mit dem Ende der Kriegs- und Nachkriegseinschränkungen um sich greifende Konsumgier zu thematisieren. Der Eingang zum Hauptraum mit den diversen Aktivitäten führte durch eine begehbare Gerümpel- und Trümmerinstallation von Adolf Frohner. Im Hauptraum stand ein langer Tisch mit Lebensmitteln auf weißem Tischtuch. In der Mitte des Tisches war ein Loch, durch das im Laufe der Aktion ein Kopf auftauchte. Otto Mühl schaukelte auf einer an der Decke befestigten Schaukel
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Puppe.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1960, 50x60cm.
Gemalt für einen Artikel gegen Kriegsspielzeug in der Jugendzeitschrift „Hallo“ von Winfried Bruckner. Die Liga gegen entartete Kunst hatte dieses Bild als fast pornografisch und Gewalt verherrlichend eingestuft und Eduard deswegen angezeigt.
über dem Tisch. Im Bewegungsablauf verwüstete er mit seinen Füßen zunehmend das Arrangement aus mittlerweile wieder erwerbbaren Kostbarkeiten. Mehlsäcke platzten, Tomaten, Eier, Obst etc. bedeckten den herausragenden Kopf oder flogen an die Wand. Nitsch aß Rosen.
Eduard fand den Weg durch die Trümmer der Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum ausufernden Konsum-Marathon – ohne Rücksicht auf die, die da nicht mitkonnten – hier als blendend dargestellt. Im Publikum hatte aber kaum jemand begriffen, worum es bei der Aktion ging. Augenscheinlich ging es den Zusehern in erster Linie um Spaß und Unterhaltung und viel weniger um die Verdeutlichung von Gegebenheiten.
Das festlich gekleidete Publikum – damals ging man zu Vernissagen und ähnlichen Veranstaltungen eben noch festlich gekleidet, die Damen vorwiegend im Nerzmantel – klatschte fleißig Beifall. Vor dem Haus warteten zwei Polizisten, um die Akteure zu verhaften, denn es gab ja den entsprechenden Paragrafen gegen Schmutz und Schund.
Außerdem war da noch die Liga gegen entartete Kunst. Eduard hatte zu einem Artikel in einer Jugendzeitschrift über
Eduard Diem – Leben und Werk
Kriegsspielzeug ein Bild gemalt und die Liga hatte ihn deswegen angezeigt. Das in der Anzeige vorgehaltene Delikt waren eine alte beschädigte Stoffpuppe, ein Blechjagdflieger und Wurfpfeile, wie sie in der Schule mit Schreibfeder und Papier gemacht wurden.
Der Keller in der Perinetgasse wird heute noch von Künstlern benützt.
Es hat nicht lange gedauert und die Gruppe um Rühm trat im Theatersaal in der Treitlstraße auf, wieder mit einem ähnlichen Happening. Auf der Bühne wurde ein Klavier zertrümmert. Mühl, Nitsch und Brus erfanden das Orgien- bzw. Mysterienspiel. Mühl machte weitere Happenings und es gab letztlich auch Filme darüber. Er wollte Eduard dabei haben, aber dieser lehnte ab.
Hermann Nitsch, der in der Gruppe der Kunststudenten der Jüngste war und ursprünglich Maler von Kirchenbildern werden wollte, fand schließlich im Schloss Prinzendorf einen geeigneten Aufführungsort. Die spätere Verquickung pseudoreligiöser Rituale mit der Tierschlachtung war für Eduard gar nicht überraschend. Hermann Nitsch hatte genauso wie Eduard Diem die früheren Hausschlachtungen mit ihrem rituell festgelegten Ablauf (siehe → Seite 29) miterlebt. Eduard hatte bis zu seinem 11. Lebensjahr kein Fleisch gegessen, Hermann hat seine Eindrücke offensichtlich später aufgearbeitet: Eduard erkannte in den Mysterienspielen diesen rituellen Ablauf der Schweineschlachtungen wieder, aber auch eine Erinnerung an die jährlichen Bittgänge mit den sich ewig wiederholenden Litaneien.
Etwas subtiler war der Einfall eines anderen jungen Künstlers in dem Bemühen, ausgestellte Plastiken und Skulpturen mit Unterhaltung zu verbinden. In unterhaltsamer Art und Weise animierte Erwin Wurm Menschen darüber nachzudenken, dass alles Körperliche plastisch ist und sich verändern kann. Beispielsweise wird ein Pullover, der über ein zusammengebasteltes Holzgestell gezogen wird, zur abstrakten Plastik. Das unterhaltsame Analysieren der Begriffe Plastik und Skulptur erregte auch die Aufmerksamkeit der Kunstkritiker und der Galeristen. Es konnten sogar Sponsoren für größere Projekte gewonnen werden. Dazu kam, dass der Künstler mit seinem „Fat Car“ genau die Zeichen der Zeit traf, immer mehr haben zu müssen. Das führt darüber hinaus zum Nachdenken über Klima und Umwelt. Der Künstler konnte Ausstellungen in vielen Museen in allen Erdteilen realisieren und wurde endgültig zur VIP. Die auf Augenhöhe vergrößerte skulpturelle Darstellung der Würstelstandphilosophie mit Frankfurter Würsteln und Essiggurkerln führte schließlich in den Olymp der Salzburger Festspiele, dokumentiert auf zahllosen Selfies „ich in Salzburg im roten Abendkleid vor einem 1,80 Meter großen Essiggurkerl“.
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Antlitz 2022.
Materialmix, 2022, Höhe 58cm.
Eduard Diem – Leben und Werk
Es ist schon öfters angeklungen, dass die Proponenten der Moderne in der Nachkriegszeit – mit wenigen Ausnahmen – keinesfalls von ihrer Kunst leben konnten. Prekären wirtschaftlichen Verhältnissen konnten sie nur durch die Einnahmen aus einem anderen Beruf entgehen. Aus Eduards Sicht waren es vor allem zwei Institutionen, die hier halfen: Die Sozialistische Partei und der Österreichische Gewerkschaftsbund. Diese Hilfe war aber keineswegs ein Teil ihrer Programme, sondern das Ergebnis der Initiativen von Einzelpersonen. An vorderster Front zu nennen sind der gewerkschaftliche Jugendsekretär für Gastgewerbelehrlinge Gerhard Habarta und der SPÖ-Beamte Bertl Rauscher.
Der 1945 gegründete Gewerkschaftsbund deponierte das Geld seiner Mitglieder auf Sparbüchern. Die Funktionäre wollten das Geld lukrativer anlegen und machten die Gewerkschaft zum Hauptaktionär der 1947 erneuerten Bank für Arbeit und Wirtschaft. Der in den 1950er-Jahren für Gastgewerbelehrlinge und die Kultur in der Gewerkschaft zuständige Gerhard Habarta wünschte sich ein Klublokal, mit dessen Hilfe er Lehrlinge von der Straße wegbekommen konnte. Darin sollten Vorträge und sonstige Veranstaltungen stattfinden. Er hatte auch den Ehrgeiz, Jugendliche für Literatur, Kunst und Musik zu begeistern. „Das Geld dafür hamma net“, war stets die Antwort, „aber den Boden kannst ausbauen“. Gerhard Habarta ließ sich darauf ein. Ein Plattenspieler und eine Kaffeemaschine wurden angeschafft und „Der Klub der jungen Sammler“ im Dachboden des Gewerkschaftshauses in der Treitlstraße 3 („Porrhaus“) etabliert. Oft wird dieser auch als „Galerie der Jungen Sammler“ bezeichnet. Das war Ende der 1950er-Jahre. Die erste darin gezeigte Ausstellung präsentierte Karikaturen von Erich Sokol. Es folgten Werke von Karl Korab, Herbert Wasenegger, Dominik Rebhan und Eduard Diem. Die einschlägige Künstler-Clique benutzte die Räume des Klubs auch gerne für ihre Zusammentreffen. Mitglied des Klubs war auch ein Student der politischen Akademie namens Ingo Mussi.
Es war also ebenso in dieser Galerie der Jungen Sammler, in der Eduard Diem 1960 seine erste Ausstellung zeigte. Damit stellte er sich in die Reihe später sehr prominent werdender Künstler wie Erich Sokol, Karl Korab, Kurt Moldovan, Kurt Regschek, Richard (Dandy) Matouschek etc.
Etwas später gelang es Gerhard Habarta, die Gewerkschaften davon zu überzeugen, dass in einer zweiten Galerie auch Künstlern aus der Provinz eine Chance geboten werden sollte. Am 6. April 1964 wurde die „Galerie Autodidakt“ als zweiter
Öffentliche Starthilfen
und neue Galerien
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Ausstellungsraum an der Ecke zur Operngasse eröffnet. Es war ein größeres Ecklokal und bot mehr Möglichkeiten. Zu dieser Zeit gab es auch schon ein gewerkschaftliches Kulturprogramm. Robert Schmitt, der gerade aus England zurückgekommen war, leitete die Galerie. Schmitt war ein hervorragender Aquarellist und später dann Leiter des Kulturamtes der Stadt Wien. Das Kulturamt und auch das Unterrichtsministerium hatten dann ein eigenes Budget zum Kunstankauf. Das Jahresbudget für Einkäufe war allerdings – wie Robert Schmitt öfters beklagte – schon zu Ostern erschöpft. Eduard hatte auch in der „Galerie Autodidakt“ mehrmals ausgestellt.
Im Rahmen dieser Ausstellungen war es auch Usus, dass Künstler ihre Blätter austauschten. Auf diese Weise erwarb Eduard eine Sammlung heute sehr prominenter Künstler mit über 200 Blättern. Darunter sind auch Zeichnungen von Anton Lehmden, der sich mit Urlandschaften, Erdaufbrüchen und dem Krieg beschäftigte. Schockierend sind seine erst später entstandenen apokalyptischen, zerfallenden Pferde. Lehmden hatte 1961 ein Dachatelier am Tabor bezogen, in unmittelbarer Nähe zu Helmut Kies. Kies war damals auch – am Beginn von dessen Karriere – eng mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder befreundet.
Die jungen Künstler trafen sich nicht nur laufend, auch die Solidarität innerhalb dieses Kreises war beachtlich. Einige Jahre nach dem Tod von Oskar Laske im Jahr 1951 wollte seine Witwe eine Ausstellung einrichten und benötigte dafür ein Plakat. Viktor
„Die ‚Galerie Autodidakt‘ hat sich als notwendige Konsequenz aus der künstlerischen Betreuung durch das Bildungsreferat des ÖGB ergeben, die seit 1958 intensiv betrieben wird. Das Ziel dieser Betreuung ist keineswegs, wie es uns manchmal vorgeworfen wurde, Minderbegabte in ihrer vermeintlichen Künstlerschaft zu bestärken, also den Dilettantismus zu fördern. Was wir wollen, ist den arbeitenden Menschen über die Betätigung mit der Kunst zum Verständnis der Kunst zu bringen. Es ist naheliegend, dass man dabei auch auf überraschend hochbegabte Talente stößt, die zu fördern nicht nur unser Anliegen, sondern wohl auch unsere Verpflichtung ist. Sie herauszuholen aus der Verborgenheit, in der sie zweifellos verblieben wären, wenn sich niemand um sie gekümmert hätte, war darum selbstverständlich. Die Förderung dieser Talente hatte weder die Absicht noch die Möglichkeit, sie nun ins große Kunstgeschäft zu bringen. Hingegen sollte sie ihnen die Chance geben, ihre Arbeit, herausgehoben aus der gewohnten Umgebung, zu beurteilen und beurteilen zu lassen, ihnen die Möglichkeit bieten, Anschluss an andere Galerien und Künstlergemeinschaften zu finden.“
Robert Schmitt im Katalog
„5 Jahre Galerie Autodidakt“
mit Künstlerbiografien und Bildern der 58. Ausstellung vom 1. bis 26. April 1969.
Eduard Diem war in dieser Ausstellung mit der Collage „Vogelmutter“ vertreten.
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Robert Schmitt
Eduard Diem – Leben und Werk
Matejka fragte Eduard, ob er dies übernehmen könne und es war eine Selbstverständlichkeit für ihn. Dominik Rebhan half in der Produktion. Er arbeitete bei Schneider Gummihof als Druckgrafiker und durfte in der Firma auch seine privaten Werke drucken. So konnte das Plakat auf Basis eines von Eduard zur Verfügung gestellten Holzschnittes völlig kostenlos angefertigt werden.
Mit dem Gewerkschaftshaus in der Treitlstraße verbindet Eduard auch die Erinnerung an den Bau einer Bühne für einen Gewerkschaftskongress. Gerhard Habarta und Eduard bauten ein Holzgerüst aus Vierkanthölzern und schraubten Pressspanplatten darauf. Auf diese Fläche wurden großformatige Fotos von Maschinenrädern geklebt. Für eine Rundfahrt mit den Kongressteilnehmern auf DDSG-Schiffen, an der auch Eduard teilnahm, wurden Gottfried Helfert, Dolores Schmidinger, Brigitte Swoboda, Karl Hodina und Rudolf Schwaiger engagiert. Im Rahmen des Programmablaufes wurde zu einer Diskussion mit den Künstlern geladen. Dabei kam es zu einer hitzigen Debatte über einen Holzschnitt, welchen Eduard entworfen hatte und der kostenlos an die Teilnehmer verteilt wurde. Die Debatte thematisierte den
Anton Lehmden:
Zerfallendes Pferd I und II.
Diese Ölbilder entstanden in den Jahren 1981–82. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Familie Lehmden.
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Verdienst des Künstlers und die Eigenwerbung. Der Holzschnitt wurde von Eduard jedoch gratis beigestellt. Das war etwa zwei bis drei Jahre nach Eduards Ausstellung im Klub der jungen Sammler. Ingo Mussi war damals bereits in der Botschaft in Washington.
Die Hilfe aus der Sozialistischen Partei ist mit dem Namen Bertl Rauscher verbunden. Es war 1956, als Eduard von diesem Beamten in der Löwelstraße erfuhr, der sich besonders für junge Künstler einsetzte. Ohne die näheren Umstände zu kennen, stattete ihm Eduard einen Besuch ab. Eduard wusste nicht einmal, dass es sich bei der Adresse um die SPÖ-Zentrale handelte, es interessierte ihn auch nicht. Der Portier, den Eduard nach Bertl Rauscher fragte, war zuerst erstaunt: Es war ungewöhnlich, dass jemand ohne Voranmeldung zu Herrn Rauscher wollte. Bertl Rauscher und Eduard unterhielten sich etwa eine Stunde. Herr Rauscher erzählte dabei von seinem Vorhaben, eine Galerie für junge Künstler zu finden.
Etwas später gab es tatsächlich die „Galerie Junge Generation“ am Börseplatz, geführt von Gerhard Habarta. Es war ein schöner großer Raum, wo auch die obdachlosen Komödianten ein 4 x 4 Meter großes Podium als Bühne hatten. Der Raum befand sich in einem Kellerlokal hinter der Börse mit der Adresse Börseplatz 7. Conny Maier, Ilse Scher und eine Handvoll junger Schauspieler spielten dort und alle hatten Hunger. Zwei Häuser weiter links gab es ein Wirtshaus, in dem während der Vernissagen Gulaschsuppe und Semmelknödel gekocht und günstig an die Künstler abgegeben wurden. Auch in der WÖK, einem nahegelegenen Selbstbedienungsrestaurant, traf man sich beim billigsten Gericht, einem Grießkoch. Im O.K. gab es mexikanisches Bohnenfleisch.
In der Galerie am Börseplatz fanden eine Reihe interessanter Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen statt. Eduard Diem war einer der ersten Aussteller in dieser Galerie. An einem Tag in der Weihnachtszeit, an dem die Komödianten ein Stück über Trommeln und Disteln spielten, gab es eine Gemeinschaftsausstellung mit Eduards Beteiligung. Eduard traf zuerst ein und begann, seine Bilder aufzuhängen. Es waren Holz- und Linolschnitte und ein sitzender Akt. Etwa eine halbe Stunde später kam Adolf Frohner und betrachtete die Bilder. „Oje“, sagte er, „da brauch‘ ich meine Sachen gar nicht auspacken, schaut alles gleich aus!“. Diese Ähnlichkeit war wohl ein Resultat des gemeinsam besuchten Abendaktes. Die Bildkomposition, die Art und Weise, wie Flächen und Linien stimmig gesetzt werden, die schon ein wenig ins Kubistische reichenden Formen: Erstaunlich identisch wurden hier die Lehren von Heimo Kuchling umgesetzt, mit demzufolge nahezu identischen Figuren als Resultat.
Eduard erinnert sich auch an seine erste verkaufte Plastik, es war um das Jahr 1960 herum, und zwar genau in dieser Galerie.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Jahr 1960 gegründete „Galerie Junge Generation“ in der Blutgasse, die erste Galerie, in der Eduard ständig präsent war. Unerwartete Hilfe bekam er von seinem Freund Ingo Mussi, zu dieser Zeit Presseattaché des damaligen Wahlsiegers Dr. Bruno Kreisky. 1974, als Eduard wieder eine Ausstellung in der Galerie in der Blutgasse zeigte, brachte Ingo Mussi Kanzler Kreisky dazu, die Eröffnungsrede zu halten. Eine knappe Stunde vor der Eröffnung kam ein Herr und stellte sich als Bruno Kreisky vor. Er sah sich die Bilder an und nahm dann neben der Eingangstür Aufstellung, um jeden einzelnen Besucher zu begrüßen. Wenn er den Eindruck hatte, nicht erkannt zu werden, stellte er sich vor. Nach und nach traf auch die halbe Regierung ein. Als die Galerieräume voll von Besuchern waren und die Menschen eine kompakte Masse bildeten, begann Kreisky mit der Eröffnungsrede. Da drängte noch ein Herr mit Schlapphut und Ledermantel zur Tür herein. Er entschuldigte sich für die Störung und stellte sich als Mitglied einer russischen Kulturdelegation, die Wien besuchte, vor. Er wollte Kreiskys Rede übersetzen, wenn die Anwesenden es ihm erlauben würden. Und diese erlaubten es. Eduard bekam dafür von der russischen Botschaft einen Bildband mit Ikonen. Die Russen waren rein zufällig durch die Blutgasse gegangen, doch war die Vermutung einer Inszenierung nicht zu verhindern. Eine Zeit lang hieß es, der Diem sei doch auch ein Kommunist. „Tu’ dir nix an,“ sagte Alfred Hrdlicka zu ihm, „die Leute brauchen einen Stalinisten!“ Also wurde Eduard so wie Hrdlicka, Viktor Matejka und Otto Eisler ebenfalls zu den Stalinisten gezählt.
In den 1960er- und 1970er-Jahren war es üblich, dass Kunstinteressierte samstags einen sogenannten Galerierundgang machten. Aus diesem Anlass kam ein emigrierter Wiener, sein Name fällt Eduard heute nicht mehr ein, auch in die Galerie in der Blutgasse. Er stellte sich vor und sagte, dass er in Schweden im Kulturbereich tätig sei. Eduard gab ihm Bilder in Kommission, die er in verschiedenen schwedischen Universitäten, zum Beispiel in Södertälje und Uppsala, ausstellte. Was nicht verkauft wurde, bekam Eduard zurück. Ein ähnliches Arrangement gab es mit einem alten Ingenieur. Er hatte eine Tochter in Toronto in Kanada, die eine Galerie betrieb. Er reiste immer per Schiff. Für die Bilder wurde ein Fixpreis ausgemacht. Als der Dollarpreis dramatisch fiel, waren alle Bilder auf einen Schlag verkauft.
Mit der Galerie in der Blutgasse ist auch eine eher skurrile Episode verbunden. Einmal installierte dort eine Künstlergruppe zum Fasching eine Kunstgreißlerei. Eine sehr schöne alte Registrierkasse stand da sowie eine Waage. Auf einer langen Papierrolle malte jeder Künstler mehrere Bilder. Für den Käufer wurde das gewählte Motiv herausgeschnitten. Eduard machte mit grün gefärbten Buchteln Skulpturen, außerdem Finger und Augen in Aspik usw. Die Preise waren mit 20–30 Schilling angesetzt. Den Künstlern ging es ja nur um den Spaß. Die Greißlerei wurde auch von einem Fernsehteam gefilmt. Ein Unbekannter
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Die von Eduard mit einem seiner Hähne illustrierte Einladung zur Vernissage zur Ausstellung
in der Blutgasse 1974
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kaufte ziemlich viel, ging dann weg und kam dann noch einmal. Die Künstler waren überrascht, wie gut das Geschäft lief. Es war schon nach 23 Uhr und die Kassa klingelte immer noch. Ein Kollege sagte: „Ich habe alles verkauft“, verabschiedete sich und ging. Den Inhalt der Kassa nahm er mit und er verschwand mit seiner Freundin nach München. Später wurde er ein guter Maler, seine expressiven Frauenakte waren beeindruckend. Die anderen waren von der Entscheidung enthoben, was sie mit dem Geld machen sollten.
Eines Samstags wurden Eduard und sein Freund Franz Huber, mit dem er gerade zusammen saß, von der Nachricht überrascht, dass die Galerie in der Blutgasse geschlossen werden sollte. Die Miete konnte nicht mehr bezahlt werden. Die beiden beklagten natürlich den schweren Verlust. Zufällig kam auch der Schauspieler und Regisseur Walter Davy dazu. Er war empört. Die Drei beschlossen spontan, die Galerie in Eigenregie weiter zu führen, ohne dabei etwas verdienen zu wollen. Maria, die die Galerie leitete, sollte genug Umsatz machen, damit sie und ihr Sohn davon
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Plakat für die Kunstgreißlerei vom 28. bis 29. Febraur 1969 in der Galerie Junge Generation in der Blutgasse. Teilnehmer: Diem, Kramer, Janisch, Klein, Hornberger, Wasenegger. 50x35cm
Eduard Diem – Leben und Werk
leben konnten. Doch nach zwei Jahren heiratete Maria und ging nach Israel. Jetzt wurde die Galerie doch geschlossen und zwar mit einem enormen finanziellen Defizit.
In den 1970er-Jahren hatte die österreichische Kunstszene den Anschluss an die internationale Szene gefunden. Käufer und Sammler moderner Kunst gab es jedoch nur noch wenige. Bei der Weihnachtsaktion „Licht ins Dunkel“ war die Fernsehversteigerung der jährliche Höhepunkt. Die Künstler waren wie immer sehr spendabel.
Rückblickend kann gesagt werden, dass die „Galerie Junge Generation“ am Börseplatz, von Bertl Rauscher ins Leben gerufen und von Gerhard Habarta sowie später – nach der Übersiedlung in die Blutgasse – von Otto Staininger geführt, für viele eine Startrampe in die Öffentlichkeit war. Das gilt auch für Eduard Diem, der ja in dieser Galerie ständig vertreten war.
Es waren somit hauptsächlich die Sozialdemokratie und deren Vorfeldorganisationen, bei denen Eduard in seiner Anfangszeit Unterstützung fand. Das bestätigt er auch mit der Aussage:
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Linolschnitt von Otto Staininger, Edi Diem mit Dank gewidmet. 30x21cm
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Wirklich fühlbar unterstützt hat in Wien nur die Sozialdemokratie. Von niederösterreichischer Seite hatte man fast überhaupt keine Chance, als Künstler gefördert zu werden. Später gab es dann doch Bestrebungen, vor allem durch den Landeskulturreferenten Leopold Grünzweig mit seinem Büro in der Strauchgasse. Sehr aktiv zugunsten der modernen Kunst war auch der Maler Franz Kaindl, ab 1972 Präsident des Landesverbandes der Niederösterreichischen Kunstvereine.
Eduard betont zwar immer, dass man überall Mensch sein könne und es ihm „wurscht“ sei, wo sich jemand zugehörig fühle. Es liegt aber auch auf der Hand, dass er auf Basis seiner bisherigen Lebenserfahrungen eine hohe Affinität zur Sozialdemokratie entwickelt hatte. Er ortete im roten Wien auch mehr Verständnis für die moderne Kunst als vom schwarzen, christlich-konservativen Wien. Natürlich gab es unter den Kollegen auch rechte, oft sehr christlich eingestellte Gruppen, nach Eduards Ansicht waren diese aber recht wenige.
Ganz nahe zur Galerie in der Blutgasse gab es jemanden mit einer anderen Ansicht: Monsignore Otto Mauer, seit 1954 Domprediger und im gleichen Jahr Gründer der „Galerie St. Stephan“ (seit 1963 Galerie nächst St. Stephan): „Alle Künstler sind, implicite, Christen“, soll er gesagt haben. Jedenfalls erwies er sich als Mäzen der Avantgarde und seine Galerie wurde zur festen Burg der abstrakten Malerei. Innerkirchlich hatte er wohl nur wenige Freunde, er wurde aber geduldet. Es scheint aber eine grundsätzliche Konstellation in der frühen Kunstförderung gewesen zu sein, dass sie von durchsetzungsstarken Einzelpersönlichkeiten getragen wurde und nicht von den großen Institutionen der Republik. Diese duldeten diesbezügliche Bestrebungen bestenfalls und gerieten nur dann in Bewegung, wenn es an der politischen Front geboten erschien. Folgerichtig wird auch die Gründung der „Galerie Junge Generation“ als Reaktion der Sozialistischen Partei auf die Gründung der „Galerie St. Stephan“ gedeutet.
Die Galerie St. Stephan wurde zu einem viel beachteten und wirksamen Promotor moderner Künstler. Sie war Eduard natürlich bekannt und von ihm oft besucht, lag sie doch mit der Adresse Grünangergasse 1 in unmittelbarer Nähe zur Blutgasse. Eine Ausstellung in dieser Galerie kam ihm jedoch nie in den Sinn, schließlich war sie aus dem Kreis der regionalen Künstler vor allem vier handverlesenen Kollegen vorbehalten: Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha, Josef Mikl und Markus Prachensky. Es waren vier „Auserwählte“, denen das Auftreten als Gruppe zusätzliches Prestige einbrachte. Das galt aber auch für die „gegnerischen“ Phantastischen Realisten, zumindest in der Sichtweise von Ernst Fuchs: Jeder einzelne ist wohl von unverwechselbarer Eigenständigkeit, aber gemeinsame Präsentationen erzeugen mehr Spannung und erhalten höhere Aufmerksamkeit. Zweifelsohne ein erheblicher Nachteil für den vorwiegenden „Einzelkämpfer“ Eduard Diem.
Eduard über finanzielle Unterstützungen
Eduard Diem – Leben und Werk
Es war allerdings nicht nur so, dass Eduard eher dem roten Wien zugeneigt war, sondern er wurde von vielen auch so eingeschätzt. Erwähnt wurde schon die Eröffnung der Personalausstellung 1974 in der Galerie in der Blutgasse, zu der Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky mit allen roten Ministern erschien. Diese Einschätzung wuchs bei einigen schwarzen Funktionären zu einer persönlichen Abneigung. Eines Tages war Eduard mit dem befreundeten Karlheinz Pilcz in der Stadt unterwegs. Karlheinz Pilcz war zwar kein Parteimitglied, aber doch etwas ÖVP-orientiert. Die beiden gingen unter anderem zur ÖVP-Zentrale, weil Karlheinz dort etwas erledigen wollte. In der großen Eingangshalle ging Karlheinz auf ein paar Leute zu und sprach mit ihnen. Als diese Eduard erblickten, erstarrten sie, und das Gespräch verstummte augenblicklich. Sie hatten ihn offensichtlich erkannt und als Spion der Gegenseite gesehen.
Dies scheint eine gute Stelle, um etwas tiefgründiger auf das Wesen Wiens und der Wiener einzugehen, aber auch jenes der Wiener Künstler. Dazu gibt es ja Diskussionsstoff im Übermaß, hier aber soll die bissige Einladung zu der Ausstellung „Wien und die Wiener“ mit zwölf teilnehmenden Künstlern in der Galerie Junge Generation ausreichen. Eduard Diem präsentierte Bilder mit Wiener Motiven vom Naschmarkt bis zum Prater. Die Einladung begann mit dem Abdruck der Ansichtskarte, die den 1916 erhängten Cesare Battisti mit seinem Wiener Henker zeigt. Ersterer wurde von Karl Kraus in seinen „letzten Tagen der Menschheit“ zum „Skalp der österreichischen Kultur“ umgewertet.
Ein Textbeitrag von Hans-Georg Behr geht in einer „Behauptung“ näher auf die „Künstler zu Wien“ ein:
Trau sich einer und frage einen Künstler (möglichst einen Nichtmusiker) nach seinem Verhältnis zu Wien. Nach der einer solchen Frage zweifellos folgender Tirade grässlichster Flüche und Verwünschungen, nach der Brandungswoge des Selbstmitleids mit diesem Ausgesetzten wird es dem gläubigen Jünger immer unverständlicher werden, warum die Künstler noch immer in diesem Capua, in diesen pontinischen Sümpfen des Geistes ausharren. Aber das kann ihm nicht einmal der Gefragte präzise erklären; er wird sich höchstens auf Nestroy berufen: „Des Wean is a verdammt dreckige Lackn – aber mir g’fallt’s!“
Man wird die alten Argumente von der Ignoranz der lieben Wiener zu hören bekommen – „Gengan S’ ins Ausland!“ … „Schaun S’, wann S’ berühmt werden wollen, dann sterben S’ gefälligst!“ –, gegen die sich die lieben Wiener selbstverständlich heftig verwahren, um sie gleichzeitig zu Tatsachen zu erheben. Auch in unserer guten neuen Zeit leben viele im Ausland bereits sehr berühmte Künstler in völliger Nichtbeachtung und trautem Vergessensein zwischen den Wiener Feuermauern. Zeitweise erinnert man sich eines solchen, z.B. 1880, als die
Hans-Georg Behr
in der Einladung zur Kollektive
„Wien und die Wiener“
in der Galerie Junge Generation im Juli und August 1964
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„Neue Freie Presse“ verkünden konnte: „Der verstorbene Dichter Hebbel wird nicht exhumiert. Er wird statt dessen mit einer Gedenktafel zufrieden gestellt werden.“ Oder ein Jahr später, als der Magistrat der k.k. Haupt- und Residenzstadt Wien den bemerkenswerten Erlass herausgab: „Hiemit wird der am … in Salzburg geborene und am … zu Wien verstorbene ehemalige k.k. Kammermusikus Wolfgang Chrysostomus Amadeus Mozart öffentlich aufgefordert, seine letzte Ruhestätte ehestens bekanntzugeben, da er widrigenfalls der Ehre eines Ehrengrabes am Zentralfriedhof verlustig erklärt wird.“
Und trotzdem, auch trotz des gutgemeinten Rates von Herzmanowsky-Orlando, bleiben so viele Künstler in Wien. Und schaffen dort ihre in aller übrigen Welt bekannten Werke. Es herrscht ein eigenartiges Verhältnis zu dieser Stadt, der Totengräberin der meisten Karrieren, gleichzeitig aber auch der Nährmutter einer bestimmten künstlerischen Eigenart. Es gibt eine Art der Kunst, die man heute in aller Welt als „wienerisch“ bezeichnet. Was es mit diesem Ausdruck an sich hat, konnte noch nicht einmal die Phantasie eines Wiener Kritikers erklären.
Vielleicht versteht man darunter die besonders in dieser Stadt zutage tretende Fähigkeit, mit musikalisch geschultem Ohr doppelte Böden aufzuspüren. Die Art und Weise, etwas zwischen den Zeilen auszusagen – denn wir konnten (um einen Beweis anzubieten) keinen Schiller in unseren Schrebergärten mit Gedenktafeln ehren, wohl aber eine Unzahl jener seltsam ironischen Romantiker, die in der Gestalt eines Nestroy ihre reinste Verkörperung gefunden haben. Eine Kunst, die nicht pathetisch werden will und kann – eher ironisch bis zum Exzess. Vielleicht ist es das „Wienerische“, dass ein Mensch eine so groteske Hassliebe zu einer Stadt entwickeln muss, die seit Jahrhunderten in Schönheit stirbt und davon prächtig gedeiht. Und dass sich diese Hassliebe in jedem Kunstwerk Wiener Provenienz manifestiert: einer Liebeserklärung mit „Hackl im Kreuz“. Dass diese Stadt eine vital-morbide Faszination ausströmt, die ihre Künstler mit der Freundlichkeit einer Spinne an sich fesselt.
Und so erreicht, dass dieses eigenartige Volk nirgends anderswo leben kann, weshalb es auch in und an Wien zugrunde geht. Sogar ganz gern.
Zum Abschluss eine Zusammenfassung der Kunstförderung durch die Gemeinde Wien, wie sie ebenfalls in dieser Ausstellungs-Einladung veröffentlicht wurde: In den Jahren 1960 bis 1963 hatte die Gemeinde Wien jedes Jahr zwischen 3,5 Mio. und 3,7 Mio. Schilling für die bildende Kunst ausgegeben. Dies betraf Aufträge für Plastiken, Mosaike, Brunnen, Reliefs, Sgrafitti (Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen) etc. und Kunstankäufe. Insgesamt hatte die Gemeinde Wien von 1949
Eduard Diem – Leben und Werk
bis 1963 1617 Aufträge an die bildende Kunst erteilt, davon 294 Plastiken, 634 Mosaike, 45 Brunnen, 294 Reliefs und 108 Sgrafitti. Bestimmt waren die Aufträge in erster Linie für Gemeindebauten, Amtsräume und Schulen.
Aber – wie am Ende dieser Aufstellung zugegeben wird – Unzufriedenheit muss auch sein. Denn was ein echter Wiener ist (und erst recht ein echter Wiener Künstler), der kennt nur die Schattenseiten des kommunalen Daseins. Das gehört sich eben so.
Im Weinhaus Kraft.
Aquarell mit Tusche mit Rohrfeder auf Papier,
1962, 43x30cm.
Dieses Aquarell Eduard Diems
zierte die Rückseite
der Einladung zur Ausstellung „Wien und die Wiener“.
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Konditorei.
Mischtechnik auf Karton,
1959, 65x30cm.
Dieses Bild bot Eduard Diem
in der Ausstellung „Wien und die Wiener“ um 1.800,– Schilling an.
Eduard Diem – Leben und Werk
1963/64, als Eduard Diem 35 Jahre alt wurde, zeigte die Galerie Junge Generation eine Einzelausstellung des Künstlers, von dem – wie damals oft gesagt wurde – noch viel zu erwarten war. Eduard füllte die 1.000 Quadratmeter große Galerie mit kleinen Stillleben in einem sanften Kubismus und mit aus Rundungen und Blöcken gestapelten Akten, Stieren oder Landschaften mühelos. Schon damals hätte die Quantität für ein Lebenswerk gereicht. Denn was gezeigt wurde, war nur ein Ausschnitt aus dem Werk, welches er in seiner kleinen Wohnung lagerte. In Mappen und Vitrinen, an den Wänden und hinter den Schränken. Darüber hinaus befand sich vieles bei den Sammlern.
Später, in den „Samstagsreden“ und im Diem-Buch aus dem Jahr 2012 beschrieb Gerhard Habarta die Quelle des Diem’schen Schaffensdranges folgendermaßen:
Er ist ein junger Künstler, weil er ein ausgeprägtes exploralistisches Verhalten zeigt. Hunde behalten dieses ‚Erkundungsverhalten‘, wie es die Wissenschaft nennt, lebenslang. Bei Menschen verkümmert es meist nach der Pubertät. Die Enzyklopädie Wikipedia definiert es an Tierbeobachtungen so: ‚Als Erkundungsverhalten bezeichnen Verhaltensbiologen sowohl das aktive Eindringen in zuvor nicht besuchte Areale, als auch die Kontaktaufnahme zu neuen, unbekannten Gegenständen im bereits bekannten Umfeld. Erkundungsverhalten wird gelegentlich auch als Explorationsverhalten oder- mit deutlich anthropomorphem Beiklang – als Neugierverhalten bezeichnet. In Bezug auf den Menschen, speziell auf dessen Lernfähigkeit, wird der Begriff exploratives Verhalten verwendet. Besonders auffällig ist für jeden geübten Beobachter, dass sich (...) in aller Regel sehr langsam bewegen (...) In ähnlicher Weise erfolgt das Eindringen in neue Biotope in der Regel unter deutlich merkbarem Einsatz aller Sinnesorgane (...) Durch Erkundungsverhalten erweitert (...) folglich seinen Aktionsraum und lernt überhaupt Unbekanntes kennen. Entsprechend häufig kann Erkundungsverhalten daher bei (...) beobachtet werden, wobei es für den Beobachter oft schwierig ist, dieses Verhalten von Spielverhalten zu unterscheiden.‘ Alles das trifft auf den Künstler Eduard Diem zu. Man muss (...) nur durch den Namen des Künstlers ersetzen.
Gerhard Habarta beschreibt Eduard Diem weiter als jung, gemessen an vielen Künstlern, die in den Kunstkatalogen als ‚modern‘ geführt wurden:
Die Etablierung als Künstler
Gerhard Habarta
über Eduard Diem
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Der expressionistische Holzschneider Max Beckmann, der wäre jetzt bald 150 Jahre alt, oder der Bildhauer Fritz Wotruba, der wäre jetzt ca. 105 Jahre alt, oder der Zeichner phantastischer Traumbilder James Ensor, der jetzt ebenfalls über 150 Jahre alt wäre, oder der Aquarellist von Wiener Landschaften Rudolf von Alt, dieser wäre bereits 200 Jahre alt. Ebenso wie der Schöpfer phantastischer Vexierbilder Salvador Dalí, der wäre jetzt knapp 110 Jahre alt. Diem malt und bildhauert in deren Tradition und im Geist der Jungen, Neuen, Zeitgenössischen, was er ja auch ist. Die ‚Land Art‘ zum Beispiel gibt es ja noch nicht so lang.
Zurück in die 1960er-Jahre: Eduard Diem machte das, was er immer wollte: Mit Farbe arbeiten. Er experimentierte mit farbigen Holzschnitten, wie es Picasso beschrieben hatte: Eine Platte wird langsam immer weiter geschnitten, zwei Farben übereinander ergeben schließlich eine dritte. Das brachte Eduard auch auf die Idee, intensiver mit Druckfarben und sogar mit Offsetfarben zu experimentieren.
Der Linolschnitt faszinierte Eduards ersten Sohn René und er wollte das auch probieren. Er stellte sich als Talent heraus. Otto Staininger, der die Galerie in der Blutgasse leitete, bereitete 1965 zusammen mit den Müttern und Vätern eine Ausstellung vor: „Malerkinder malen“. René machte das Plakat. Die Kinder von Rudolf Hausner, Adolf Frohner, des Bildhauers Fischer und noch von einigen anderen sowie von Eduard Diem waren vertreten. Heinz Conrads lud René sogar in seine Sendung ein. In der Schule hatte René – er war ein ausgeprägter Linkshänder, der von der Lehrerin deswegen gepiesackt wurde – mit seinen Linolschnitten weniger Glück. Als die Lehrerin mitten in sein Bild einen Reißnagel drückte, war’s ganz vorbei. Von diesem Tag an hat er nichts mehr gemacht.
Gerhard Habarta
über den „jungen“ Eduard Diem
Linolschnitt von Gregor Diem.
Entstanden 1975 in der Gymnasialzeit Gregors. 20x26cm. Gregor hatte offensichtlich eine verständnisvollere Lehrerin als sein Bruder René.
Eduard Diem – Leben und Werk
Um die Mitte der 1960er-Jahre nahm auch der Verkauf von Eduards Werken zu, die Einnahmen begannen zu „tropfen“. Das war ein Erfolg, den nur wenige Künstler vorweisen konnten, aber leben konnte man davon bei weitem noch nicht. Erst ab Mitte der 1970er-Jahre war er erfolgreich genug, um von seiner Kunst gut zu leben und die Kinder in gute Schulen schicken zu können. Hilde hatte ab den 1980er-Jahren saisonal beim Buchverlag Donauland gearbeitet.
Es waren gelegentliche Privatverkäufe, die sich zu zahlreicheren Verkäufen steigerten, bei denen es sich meist um in Galerien platzierte Kommissionswerke handelte. Begonnen haben die Galerie-Verkäufe über einen Freund, der am Doktorberg wohnte. Während einer gemeinsamen Besichtigung kam die Rede auf Herrn Kenst. Dieser war ein Nachbar des Freundes, besaß die Galerie am Doktorberg und sollte sich Eduards Werke ansehen. Das wurde auch getan und daraus entwickelte sich eine langjährige Freundschaft zwischen Eduard und Herrn Kenst. Dessen Hauptinteresse an Eduards Kunstwerken war wegen des guten Verkaufes wohl ein eher merkantiles. Die Galerie am Doktorberg wurde im Jahr 1992 zur Galerie am Salzgries – „Kunst bei Kenst“. Kenst hatte immer etwas von Eduard in Kommission, Skulpturen und Bilder gleichermaßen, und veranstaltete ab und zu auch Ausstellungen. Die Verkäufe liefen gut, doch dauerte es immer relativ lange, bis auch das Geld bei Eduard eintraf. Manchmal musste er etwas nachhelfen. Immer dann, wenn Eduard Geld benötigte, ging er zu den Galerien um zu kassieren.
Die Verkäufe bei Kenst, die etwa ab 1976 anliefen, betrafen meist Unikatgrafiken (Malereien mit Offsetfarbe).
Eine andere Galerie, bei der Eduard Kommissionsposten hatte, war die Galerie im Kreuttal bei Stockerau. Doch gab es dort anhaltende Schwierigkeiten mit der Bezahlung und der Rückgabe, die in den 1990er-Jahren zu einem Gerichtsprozess führten. Den Prozess gewann Eduard, doch die Galerie war mittellos und Eduard musste die Gerichtskosten selbst bezahlen. Die Bilder konnte er aber zurückholen. Vor Gericht vertreten wurde Eduard vom bekannten Rechtsanwalt Dr. Georg Zanger. Dieser hatte auch Otto Mühl vertreten, als dessen Kommune auseinanderging. In einzelnen Fällen akzeptierte Dr. Zanger auch Bilder an Geldes statt. Dr. Zanger hätte damals wohl niemals ein Mühl-Bild gekauft, heute sind jedoch viele im Besitz des Leopold-Museums. Genial war Otto Mühl in der Veranstaltung von Happenings.
Ebenfalls um die Mitte der 1960er-Jahre, als die Diems bereits in der Höpflergasse wohnten, intensivierte Eduard sein Auftreten in der Öffentlichkeit durch zahlreiche Personalausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- u. Ausland. Darunter waren auch viele Austauschausstellungen, die über die Galerie in der Blutgasse mit Galerien in den Nachbarländern organisiert wurden. Es gab Ankäufe vom Kulturamt, dem Unterrichtsministerium und von zahlreichen Privatpersonen. Im Kulturamt und
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im Unterrichtsministerium konnte man alle zwei Jahre wegen eines Ankaufes vorstellig werden. Allerdings wurden dort vom genannten Preis eines Bildes oder einer Skulptur automatisch 30 % abgezogen. Es war ja keine Galerie involviert.
Ein österreichischer Emigrant, der in Schweden für Kultur und Volksbildung tätig war, organisierte Ausstellungen in schwedischen Universitäten. Auch dort war Eduard immer vertreten.
Auch der Kunstmanager Helmut Kaufmann nahm Bilder in Kommission und verkaufte einige davon. Doch er starb ganz plötzlich und hinterließ eine Frau und zwei Kinder mittellos. Die Frau dachte, dass Eduards Bilder jetzt in ihrem Besitz wären, und dieser musste das Kommissionverhältnis beweisen. Er bekam alles zurück, nur sein größtes Bild schenkte er ihr und sie versteckte es bei Freunden. 45 Jahre später wurde Eduard von der Tochter dieser Frau angerufen. Sie hatte in ihrer neuen Wohnung keinen Platz für das große Bild gefunden. Eduards Sohn Gregor kaufte es zurück. Dieses hängt jetzt bei ihm zu Hause.
Wenn es in Wien eine Jazzkonzertveranstaltung mit internationalen Musikern gab, gingen viele aus der Kunstszene zu Fatty Georg, denn in der Regel kamen die Musiker nach dem Konzert in sein Lokal. Dort waren dann die interessantesten Sessions bis weit nach Mitternacht zu hören. Eine Starhysterie mit Gejohle
Eduard Diem (rechts im Bild) während einer Vernissage 1971. Im Hintergrund eines der Bilder, die der Kunstmanager Helmut Kaufmann in Kommission hatte. Heute ziert es die Wohnung von Eduards Sohn Gregor Diem.
Eduard Diem – Leben und Werk
und Kreischattacken gab es damals noch nicht. Das Auditorium lauschte aufmerksam wie in einer Kirche.
Bei anderen Aufenthalten in der Innenstadt hatte sich das Café Sport in der Schönlaterngasse als ein Zufluchtsort – vor allem bei schlechtem Wetter – etabliert. Es gab täglich eine oder manchmal zwei Speisen im Angebot. In der Vitrine gleich beim Eingang konnte man das Tagesangebot sehen, oft lag dort ein Fleischlaberl. Die Frage nach einer Alternative war dann zwecklos: „Sie kriegen des Fleischlaberl.“ Die resolute Wirtin tolerierte keinen Widerspruch. „A Seidl wolln’s? Setz’ns Ihna da ins Eck und warten’s. Rufen’s wann da Durscht für a Kriagl reicht!“ Man konnte aber auch à la carte bestellen, doch das Angebot des Tages war verlockend billig. Die Wirtin hatte aber auch einen weichen Kern. Bei manchen verzichtete sie auf die Bezahlung. Leider wurde das Lokal eines Tages geschlossen und das Café übersiedelte in den 5. Bezirk.
Wegen seiner Künstlerfreundlichkeit beliebt war nach wie vor auch die Adebar. Ferry Radax drehte dort einen Film. Die Tanzenden lösten sich dabei in bewegte schwarze und weiße Formen auf.
Im Laufe der Zeit änderte sich der Kunstbegriff und alles wurde vermarktet. Die Dinge, die die Menschen heute bewegen, sind ebenfalls andere: Vom Strand gesammelter Müll wird zu einem Kunstwerk geschichtet. Joseph Beuys war ein prominenter Vertreter dieser Aktionen. Es sind aktuelle Ereignisse und Zustände, die künstlerisch thematisiert werden, in den meisten Fällen aber zu nichts Bleibendem führen. Es sind kurzlebige Hypes, die allenfalls in den Medien weiterleben. Kunstauffassung und Thematik haben sich drastisch geändert, alles fing an zu galoppieren.
Heute sind in den Galerien fast keine Werke Eduard Diems mehr zu sehen. Er ist von dieser Vertriebsform nicht mehr abhängig und auch nicht mehr daran interessiert. Außerdem wurde ihm das permanente Eintreiben des Geldes zu mühsam. Um das Jahr 2000 hatte er genug davon und holte alle Werke aus den Galerien zurück. Wegen seiner Pension, die er ab diesem Zeitpunkt erhielt, ist ihm dieser Schritt auch besonders leicht gefallen. Die benötigten Jahre hatte er beisammen, weil er sein gesamtes Leben, angefangen von seinem 14. Lebensjahr an, versichert war oder als Künstler in die Pensionskasse eingezahlt hatte. Für ihn war es auch eine Selbstverständlichkeit, alle Kunstverkäufe zu versteuern.
An ausgewählten Gelegenheiten beteiligt er sich aber nach wie vor, zum Beispiel an den Ausstellungen zu seinem 90. Geburtstag (siehe „Die Würdigung des 90ers“ ab → Seite 120). Die Initiativen können dabei von ihm selbst oder von befreundeten Institutionen wie dem Mödlinger Künstlerbund ausgehen.
Reich wollte Eduard nie werden, aber er musste auch niemals einen Kredit aufnehmen, einzige Ausnahme war 1952/53 der Erwerb seines Motorrades. Damals kamen die ersten Puch
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Die Kartenspieler.
Öl- und Offsetfarben gemischt auf Faserplatte, 1966, 150x120cm.
Ein weiteres Großgemälde, das der Kunstmanager Helmut Kaufmann
in Kommission nehmen wollte.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem.
Zeichnung von Elfie Finke. Buntstift auf Papier, 1978, 30x22cm. Elfie Finke karikierte hauptsächlich Operndirigenten. Diese Zeichnung entstand anlässlich einer Ausstellung in Mistelbach.
Motorräder auf den Markt, doch dafür musste man sich anmelden und es dauerte ein bis zwei Jahre, bis das gewünschte Motorrad verfügbar war. Ein Mechaniker in Lilienfeld, der auch Autos verkaufte, hatte sich angemeldet, aber nur auf Vorrat, ohne es selbst zu wollen. Irgendwann rief er bei Eduard an, dass er jetzt ein Motorrad habe, aber dieses gleich zu bezahlen wäre. Eduard nahm das Geld bei der Generali auf. Für die Wohnung in Unter St. Veit, die er erst nach monatelanger Suche durch ein Inserat finden konnte, brauchte er keinen Kredit, denn er hatte davor eisern gespart.
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Das neue Babel.
Öl- und Offsetfarbe gemischt auf Faserplatte, 1965, 90x120cm
Und sie setzten sich Masken auf. Öl- und Offsetfarbe gemischt auf Faserplatte, 1968, 90x120cm
Vorstadt.
Öl- und Offsetfarben gemischt auf Faserplatte, 1963, 120x90cm
Eduard Diem – Leben und Werk
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Mutter mit Kind.
Ton patiniert,
1975, Höhe 12cm
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Gladiatoren.
Öl- und Offsetfarbe gemischt auf Faserplatte, 1968, 150x120cm
Eduard Diem – Leben und Werk
In den 1960er-Jahren wurde Eduard Mitglied des Mödlinger Künstlerbundes. Der damalige Vereinsobmann Karl Heigl hatte ihn während einer Ausstellung von Werken Eduards in der „Galerie Romanum“ in Perchtoldsdorf angeworben. Auch Milan Wirth und Vinzenz Sloboda wurden gefragt. Diese „Blutauffrischung“ hatte den Klub neu belebt. Karl Heigl konnte nun gegenüber der Gemeinde gefestigter auftreten und er hatte jetzt eine wirksame Hilfe für das Organisieren von Ausstellungen. Eduard wurde sofort zum Obmann-Stellvertreter gekürt.
An einem Freitag erhielt Eduard aus heiterem Himmel einen Anruf Karl Heigls. Eduard sollte dessen Aufgabe als Vereinsobmann übernehmen und zwar unbedingt und sofort. Die beiden vereinbarten ein gemeinsames Essen im Wienerwald in Mödling. Karl Heigl aß, trank und rauchte wie immer. Ohne die näheren Gründe zu nennen, bestand er weiterhin auf den Wechsel im Vereinsvorstand. Eduard wollte sich aber nicht sofort entscheiden. Am Sonntag in der Früh erhielt Eduard einen Anruf von Karl Heigls Frau Edith: Der Karl liegt tot im Bett. Das war im Jänner 1982.
Eduard erklärte sich bereit, die Vereinsleitung bis zur kommenden Generalversammlung zu übernehmen, dort wäre dann ein neuer Präsident zu wählen. Es war offenkundig, dass sich einige Vereinsmitglieder aus Mödling, die in der Vergangenheit weniger durch Mitarbeit als durch Vereinszersetzung aufgefallen waren, Chancen auf die Obmannschaft ausrechneten. Das Ergebnis der Abstimmung war dann eindeutig: Eduard erhielt fast alle Stimmen, obwohl er sich gar nicht beworben hatte. Er stand ein weiteres Jahr zur Verfügung. Natürlich war sofort der Ruf zu hören: „Mödling den Mödlingern!“ Aber dieser kam von einer kleinkarierten Stammtischrunde, die Mehrheit wollte über die Bezirksgrenzen hinaus aktiv werden.
Die Mitgliederzahl wuchs rasch. Kriterien für die Aufnahme in den Verein waren ab sofort Ernsthaftigkeit und Qualität. Die vertretenen Stilrichtungen waren sehr unterschiedlich. So unterschiedlich wie Rudolf Hausner, Theo Braun, Eva Meloun und Ernestine Rotter-Peters, um nur einige zu nennen. Milan Wirth machte „Land Art“. Der Bildhauer Oswald Stimm war ebenfalls Mitglied, bis er einen Lehrauftrag in Simbabwe übernahm. Auch die Bildhauer Carl Martin Sukopp, Karl Nowak, Harry Brenner, Heidi Tschank und Editha Taferner waren Mitglieder und teilweise sind sie es immer noch.
Der Metallbildhauer Ludwig Gris schuf Metall-Klangplastiken, die er bei Vernissagen mit seiner Tochter bespielte. Eine
Der Mödlinger Künstlerbund
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Plakat für die Ausstellung Eduards im Mödlinger Kursalon, der mit Hilfe des Mödlinger Künstlerbundes gerettet werden konnte.
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Musikgruppe integrierte die Skulpturen anlässlich der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in der Ramsau. Die Skulpturen kamen schließlich ins Museum of Modern Art.
Dem bald danach folgenden Präsidenten Architekt Hans Pleyer und dem kompetenten Kulturstadtrat Jörg Miggitsch gelang es, Ausstellungen in den Partnerstädten im Ausland zu organisieren. Der Verein gewann auch wieder im Niederösterreichischen Landesverband für bildende Kunst an Gewicht: Es war der älteste Verein und hatte eine hohe Mitgliederzahl. Nach dem Tod von Hans Pleyer wurde Anton Elsinger dessen Nachfolger. Elsinger hatte jahrelang in der Münchener Filmindustrie gearbeitet. Dort wurden gemalte Filmkulissen an einem stehenden Auto vorbeigezogen und so eine richtige Fahrt vorgetäuscht. Künstlerisch war Elsinger bei den Abstrakten zu Hause.
Leopold Grünzweig, von 1980 bis 1986 Landeshauptmannstellvertreter von Niederösterreich, war auch für das Kulturreferat zuständig. Grünzweig versuchte sein Bestes, doch wurde in Niederösterreich der Kunst damals weniger Bedeutung zugemessen als heute. In einem Gespräch über die Situation der bildenden Künstler meinte er, deren Schwierigkeiten seien in anderen Ländern dieselben. Internationale Studien hätten ergeben, dass die Verweildauer in einer Ausstellung pro Bild bei zwölf Sekunden liegt. Damals erschien das Eduard doch zu krass, doch als er später mit Ausstellungen von Dalí, Picasso, Moore und Marini in Österreich und im Ausland unterwegs war, stellte auch er fest, dass dies auf die Mehrheit der Besucher zutrifft. Die Gruppe der ernsthaft Interessierten liegt im einstelligen Prozentbereich.
Radierung von Anton Elsinger. 38x53cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Katalog zur Ausstellung anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Mödlinger Künstlerbundes (1923–1983). Den Katalog gestaltet und für den Inhalt verantwortlich war Eduard Diem.
An der Ausstellung beteiligte sich Eduard unter anderem mit einer Malerei auf Papier:
Am Neusiedlersee (Abbildung oben rechts).
Franz Kaindls rechts wiedergegebene informative Darstellung der Geschichte und der Bedeutung der Künstlervereinigungen in Niederösterreich stammt aus diesem Katalog.
Überblickt man die Entwicklung der niederösterreichischen Kunstszenerie und ihrer Präsentation in der Öffentlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute, so kommt der Eigeninitiative der Künstler des Landes eine führende Rolle zu. Es waren die Künstler selbst, die unmittelbar nach Kriegsende die 1938 aufgelösten und zum Teil bis ins 19. Jahrhundert reichenden regionalen Künstlervereinigungen reaktivierten oder neue Zusammenschlüsse betrieben und lange vor einer Förderung durch die öffentliche Hand durch Zusammenkünfte, Symposien und Ausstellungen ihren eigenen Standort in einem sich neu bildenden Gesellschaftsgefüge zu finden suchten. Die Vereinigung der Kunstvereine des Landes führte schließlich 1955, nachdem Österreich durch den Abschluss des Staatsvertrages auch als Staat seine volle Souveränität wieder erlangt hatte, zu einer in Österreich einzigartigen künstlerischen Selbstverwaltung. Und es ist bezeichnend für die Offenheit der niederösterreichischen Künstler, dass sofort neben der Tätigkeit in der engeren Heimat eigenständig der Blick über die Landesgrenzen hinaus gerichtet wurde. Es war der Landesverband der NÖ Kunstvereine – die 1955 gegründete Dachorganisation – der erstmals die Künstler Niederösterreichs auch außerhalb des Bundeslandes präsentierte. 1959 im Künstlerhaus Graz, 1960 im Oberhausmuseum Passau, 1961 im Künstlerhaus Klagenfurt, 1962 in Agram und Laibach, 1964 in Brüssel und Regensburg. Es ist der Landesverband der NÖ Kunstvereine, der bis heute allein in der Lage war, Auslandsausstellungen über niederösterreichische Kunst durchzuführen. ... Die dabei erschienenen Ausstellungskataloge ergeben schon heute in ihrer Dichte ein beinahe lückenloses Bild der niederösterreichischen Kunstentwicklung der vergangenen 35 Jahre, wie es kaum in anderen Bundesländern zur Verfügung steht. Im NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst im Karmeliterhof St. Pölten, vom Landesverband 1978 gegründet, ist eine
Franz Kaindl 1983 über die Niederösterreichischen Künstlervereinigungen
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Institution entstanden, die systematisch alles Wissenswerte über die Künstler Niederösterreichs sammelt, archiviert und bearbeitet. Künstlerbiografien, Foto-und Diaserien, Presseausschnitte, Publikationen usw. bilden eine nicht hoch genug einzuschätzende Grundlage für die gegenwärtige und zukünftige kunstgeschichtliche Forschung.
In der Betriebsamkeit, die oftmals die zeitgenössische Kunstvermittlung entfaltet, wird vielfach die Bedeutung der regionalen Ausstellungsvorhaben unterschätzt. Für viele Bevölkerungskreise sind diese nach wie vor die einzige Begegnungsmöglichkeit mit originalen Kunstwerken und für manchen jungen Menschen der erste Anstoß zu einer eigenen künstlerischen Entwicklung. Von den vielen Gesprächen, die ich mit Künstlern führe, sind es immer die interessantesten, wenn die Sprache auf die Motivation kommt, einen künstlerischen Werdegang einzuschlagen. Fast ausnahmslos ist es – neben einem frühen Drang zu zeichnen, zu malen und zu formen – die Begegnung als Kind oder als Jugendlicher mit einem Künstler und seinem Werk über eine solche lokale Ausstellung, die kaum einer Beachtung in den Annalen der offiziellen Kunstgeschichtsschreibung für würdig befunden wird, aber dennoch das auslösende Moment einer gezielten Hinwendung zur Kunst darstellt, eine Art Initialzündung gewissermaßen. Doch nicht nur ein Anstoß.
Wie uns das Studium der einzelnen Künstlerbiografien lehrt, ist für eine große Zahl der heranwachsenden Künstler häufig eine dieser regionalen Ausstellungen — auch wenn diese unverständlicherweise, aber leicht durchschaubar, in später angegebenen Verzeichnissen schamhaft verschwiegen wird — der erste Schritt in die Öffentlichkeit, hin zum Gegenüber des Publikums, auch oftmals die erste Möglichkeit eines Verkaufes außerhalb des engeren Verwandten- und Bekanntenkreises. So stellte, um einen erst im letzten Vierteljahrhundert allgemein anerkannten Künstler zu nennen, der achtzehnjährige Egon Schiele erstmals im Jahr 1908 im Klosterneuburger Künstlerbund aus, empfohlen und gefördert von seinem Mittelschulprofessor Karl Strauch und dem Akademieprofessor Franz Rumpier, beide Mitglieder dieser genannten Vereinigung. Und es stellt den damaligen Besuchern der Ausstellung im Stift Klosterneuburg ein gutes Zeugnis aus, dass sieben der zehn Arbeiten des noch völlig unbekannten Künstlers Schiele einen Käufer finden, wie dem Katalog und den Aufzeichnungen des Klosterneuburger Künstlerbundes zu entnehmen ist.
Die regionalen Künstlervereinigungen und ihre Ausstellungen sind aber auch Basis der Bewährung des künstlerischen Streitgesprächs, der Verteidigung subjektiver künstlerischer Absichten, der Festigung persönlicher Stilmittel in der Auseinandersetzung mit anderen. Auch wenn es – fast bin ich versucht zu sagen notwendigerweise – mitunter zu heftigen
Zwei weitere Plakate zu Personalausstellungen
Eduard Diems in Mödling
1995 (organisiert von der Gemeinde Mödling) und
2004 (organisiert vom Mödlinger Künstlerbund).
Eduard Diem – Leben und Werk
Auseinandersetzungen kommen kann, dienen diese der Weiterentwicklung oder Abklärung innerhalb des großen Bereiches Kunst
Wir sehen also die mehrfache Bedeutung der regionalen Künstlervereinigungen. Einmal die Wirksamkeit nach innen auf die Künstler selbst, zum anderen nach außen auf die umliegende Kulturlandschaft und ebenso die historische im Nachvollzug geschichtlicher Ereignisse und Erkenntnisse. Das Zustandekommen solcher lokaler Ausstellungen ist in der Regel immer der treibenden Kraft der Künstler zu verdanken, die ganz einfach die Gelegenheit suchten, ihre Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Damit verbunden ist der Wunsch, Kritik, Diskussion und Anerkennung hervorzurufen.
Diesem Ziele unterzieht sich der Mödlinger Künstlerbund seit seiner Gründung vor 60 Jahren (im Jahr 1923). Darüber hinaus nimmt er innerhalb der niederösterreichischen Künstlervereinigung eine Sonderstellung ein, da er mit den bildenden Künstlern und Architekten auch Schriftsteller und Musiker in sich vereinte. Waren es unter anderen Carl Benc (1896–1968), Maximilian Dorrer (1871–1937), Otto Elsner (1893–1956), Maria Grengg (1889–1963), Richard Harlfinger (1873–1948), Ludwig Heinrich Jungnickel (1881–1965), Karl Heigl (1913–1982), Anton Reckziegel (1865–1936), Egon Satzinger (1913–1967), Gustav Schutt (1890–1968), Oskar Thiede (1879–1961), die weit über die engere Mödlinger Szene hinausreichten, so unterstreicht eine Reihe der heutigen Mitglieder erneut dieses Faktum. Viele sind fest in der österreichischen Kunstszene verankert, einige haben internationale Bedeutung erlangt. Die Bedeutung für das kulturelle Leben dokumentiert sich in den Ausstellungen anlässlich des 60-jährigen Bestandes des Mödlinger Künstlerbundes erneut. Die Namen dieser Aussteller lesen sich wie ein Stück österreichischer Kunstgeschichte und zeigen nicht nur das hohe Niveau und die künstlerische Bedeutung solcher Ausstellungen, sondern auch eine andere sehr wesentliche Tatsache: die geradezu verblüffende Treffsicherheit bei der Auswahl durch die Jury, die ausschließlich durch Künstler gebildet wurde. Diese Praxis der Zusammensetzung der Ausstellungsjurys ausschließlich durch die Künstler selbst, die bis heute beibehalten wird, muss gleichsam in der Rückschau als überaus bewährt bezeichnet werden. Es stellt sich dabei auch heraus, dass die Künstler selbst über genügend Objektivität verfügen, um die Qualität von Kunstwerken anderer, die dazu oftmals nicht den eigenen künstlerischen Vorstellungen entsprechen, ablesen und erkennen zu können. In ihrer dabei bewiesenen Offenheit der Kunst gegenüber, werten sie sicherlich besser als Kunsthandel und Kunstkritik in deren häufig anzutreffender bedenklich tendenziöser Auswahl. Die Bewahrung dieses Prinzips der Offenheit gegenüber den sich divergierend äußernden künstlerischen Strömungen, das
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Druck mit Offsetfarbe von Oscar Asboth. Der aus Ungarn stammende Maler bedauerte das karge Leben der Waisenkinder. Auf seine Initiative hin hatte der Mödlinger Künstlerbund ein Waisenkind zur Weihnachtsfeier eingeladen. Außerdem wurde eine Versteigerung mit Werken auch anderer Künstler arrangiert und mit dem Ergebnis von über 80.000 Schilling ein Bus für das Waisenhaus gekauft, „damit die Kinder rauskommen“.
Lieber Kollege Edi Diem, als eines der ältesten Mitglieder des Mödlinger Künstlerbundes wurde ich eingeladen, ein paar persönliche Worte für Ihre Biografie zu verfassen.
Um es kurz zu machen: Ich war jung, hatte zwei kleine Kinder, keine akademische Ausbildung und war berufstätig. Ich habe aber seit meiner Kindheit ohne Unterbrechung gemalt. So kam mir eines Tages der Zufall zu Hilfe und – ich lernte Sie kennen. Sie nahmen mich in den damals wieder „neuen“ Mödlinger
Grußbotschaft von Eva Meloun,
Mitglied des Mödlinger Künstlerbundes
Erkennen der ihnen innewohnenden Qualität ist eine unabdingbare Voraussetzung des Funktionierens einer Künstlervereinigung. Nur so kann ein hoher Leistungsstandard neben den freundschaftlichen oder distanzierten Bindungen der einzelnen Künstler untereinander gewährleistet werden.
Jedes Ausstellungsvorhaben ist zugleich Selbstdarstellung, unabhängig zunächst von Aufnahme oder Ablehnung durch das Publikum, ist Information und Anlass verschiedenster Überlegungen und bietet die Möglichkeit persönlicher Bewusstseinserweiterung.
Der Mödlinger Künstlerbund, geführt von seinem Obmann Anton Elsinger, bietet den Künstlern dies in seinen Jubiläumsausstellungen wieder und erfüllt damit eine wesentliche Aufgabe. Und so ist eine solche Ausstellung Spiegelbild und Visitenkarte zugleich, einmal der Künstler, aber auch der Stadt und des Bezirkes Mödling.
Eduard Diem – Leben und Werk
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Künstlerbund auf. Meine Dankbarkeit und der tiefe Respekt Ihnen und Ihrer Arbeit gegenüber haben sich also bis jetzt in dem SIE manifestiert.
Wir alle wissen aber auch: Eine dauerhafte, gute Freundschaft ist nicht von einem persönlichen Fürwort abhängig. Auch nicht von meinen etwas flotten Fahrkünsten. Oft habe ich Sie zu irgendwelchen Terminen mit dem Auto abgeholt und – ich betone – auch immer wieder unbeschadet nach Hause gebracht. Dass Sie jedes Mal froh waren, wieder „lebend“ davon gekommen zu sein, haben Sie mir mit Ihren Geschenken gezeigt: Auf meinem Tisch steht ein von Ihnen wunderschön, fröhlich bemalter Teller, das für mich bemalte T-Shirt trage ich heute noch und die kleine Eule aus Bronze steht neben dem Klavier.
Abgesehen davon waren Sie in vielerlei Hinsicht Hilfe und ein wertvoller Ratgeber. So wurde mir unter anderem der Auftrag erteilt, zwei Mödlinger Bürgermeister zu malen und am Projekt der in Mödling tätigen Schwester Restituta mit vielen Arbeiten mitzuwirken. Die gemeinsamen Ausstellungen waren für mich immer eine Ehre und ein Vergnügen.
In einem der ersten Jahre unserer gemeinsamen Ausstellungstätigkeit sagten Sie einmal: „Für mich ist erst dann jemand ein Künstler – darf sich jemand Maler nennen – wenn er MEHR als zehn Jahre malt und ausstellt.“ Das habe ich damals nicht verstanden, heute weiß ich: Ja, das stimmt! Jeder, der kreativ tätig ist, weiß es: Es gibt nicht nur die Erfolge, es gibt auch die Zweifel, die tiefen Täler in unserem Beruf, aber die Liebe zum Gestalten gibt doch immer wieder die Kraft zum Weitermachen! Das war vielleicht das Wichtigste, das Sie mir und wahrscheinlich auch uns allen unbewusst mitgegeben haben. Schon Katharina von Siena sagte: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“
Aber nicht nur das von Ihnen Gesagte hatte einen großen Einfluss auf meine Grundeinstellungen, sondern auch das von Ihnen Gelebte. Menschen, so wurde es mir oft vermittelt, und vor allem Künstler, wären ich-bezogen. Aber das ist ein Irrtum. Es mag zwar so aussehen, aber in Wirklichkeit hat der Künstler seine Augen offen, er ist offen für alle Informationen, seine feinen Antennen übernehmen jede Information. Er entwickelt dadurch auch die spezielle Empathie, die sich in verschiedenster Art manifestieren kann, und die ich im Laufe meines Künstlerlebens bei vielen Kollegen beobachten konnte, vor allem bei Ihnen. Bei Ihnen hat sich dies sogar durch eine besonders liebevolle soziale Ader bestätigt, die sich auf verschiedenste Weise äußert. Das hat sich nicht geändert, von meinen ersten Jahren beim Mödlinger Künstlerbund an bis heute. Dieses „von sich Wegschauen“, das „offene Auge“, das „Andere“ aufzunehmen und anzunehmen ist vielleicht auch die Quelle Ihrer unbändigen Schaffenskraft, die Kraft, aus diesem Reichtum
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Zwei Ölbilder von Eva Meloun: „Märzschnee“ und „Aufbruch“. Mehr Informationen zur Künstlerin Eva Meloun
auf der Internetseite*a#0
etwas Weiterführendes, Neues zu machen. „Den Zufall gelten lassen und etwas daraus gestalten“ (Leonardo da Vinci). In diesem Zusammenhang möchte ich auf die „täglichen“ Zeichnungen hinweisen. Diese unzähligen von Ihnen auf gewöhnliches A4-Papier mit schwarzem Stift oder Feder gezeichneten phantasievollen „Begegnungen mit dem Menschlichen“ empfinde ich als die Kehrseite gegenüber Ihren konstruktivistischen Bildern. Wunderbare Ansichten und Einsichten eines Menschenkenners: Mit Ihrem Röntgenblick und Humor sind
Eduard Diem – Leben und Werk
diese schnell hingeworfenen Zeichnungen Zeugnisse, die zum Nachdenken und Lachen einladen.
Zum nachhaltigen Erfolg gehört auch noch etwas anderes: „Kurzen Prozess“ mit den sich entgegenstellenden Schwierigkeiten zu machen. Sie sind ja ein Widder. Astrologisch werden diesem hohe Durchsetzungsfähigkeit und Pioniergeist zugeschrieben. Funktion der unter diesem Sternzeichen Geborenen sei es, Neues zu etablieren, voran zu gehen und sich dabei nicht von Zweifeln entmutigen zu lassen. Ja, so war und ist es bei Ihnen: Sie wollten und wollen sich durch die Hindernisse, die sich im Arbeitsprozess ergeben, nicht entmutigen lassen, manchmal sogar „mit dem Kopf durch die Wand“ gehen und das Beabsichtigte gestalten.
Wer Ihre zwei Ateliers kennt, das eine für Malerei, das andere für Ihre Plastiken, der ist von der Überfülle überrascht. Als Kollegin bin ich fast neidisch über den grenzenlosen Ideenreichtum. Der Neid ist ja die „Wurzelsünde“ des Künstlers: Diese Idee hätte ich auch haben können, diese Technik und schließlich auch diese Unbeirrbarkeit, durch keinen kurzlebigen Zeitgeist aus der Bahn geworfen werden zu können.
Edi Diem, Sie sind für uns Kollegen des Mödlinger Künstlerbundes und für viele Mitmenschen durch Ihre Malerei, Ihre Objekte und auch Ihr Leben ein Vorbild. Sie haben lange durchgehalten und Sie werden noch lange durchhalten, belohnt durch die Anerkennung Ihrer künstlerischen Leistung, unseren Respekt und unsere herzliche Zuneigung.
Das über 40 Jahre beibehaltene ‚Sie‘ hat seine Begründung in der Wertschätzung für Eva Meloun in ihrer schwierigen Situation ihr Leben zu bestreiten und auch in der Hochachtung ihrer Kunst. Ich habe seinerzeit gesagt, das ‚Sie‘ sei nicht als Barriere, vielmehr als besondere Wertschätzung zu verstehen.
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Bemerkung von Eduard Diem
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Festkleidung. Mischtechnik auf Faserplatte, 1990, 100x70cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Der älteste (leider etwas beschädigte) Zeitungsartikel
im Archiv Eduard Diems
Öffentlichkeitsarbeit war weder Eduard Diems Stärke, noch galt ihr sein besonderes Interesse. Sie beschränkte sich im Wesentlichen auf die Teilnahme an Ausstellungen. Zeitungsartikel über sich hat er aber sehr wohl gesammelt, der Observer war ihm dabei eine willkommene Hilfe. Der Observer las die Journale der Welt in deutscher, französischer, englischer, italienischer und ungarischer Sprache und versandte an seine Abonnenten Artikel und Notizen (Zeitungsausschnitte) über jedes gewünschte Thema.
Der Medienspiegel
Er berichtet von einer Ausstellung Eduard Diems Bilder in der „Galerie Autodidakt“ in der Operngasse 9. Er wird als echter Autodidakt vorgestellt, der seine Arbeiten der Öffentlichkeit vorstellt, dies allerdings nicht zum ersten Mal. Seine Werke waren bereits in verschiedenen Ausstellungen und nicht nur in Österreich zu sehen, sondern auch in Deutschland und sogar in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die jetzt gezeigten Arbeiten seien diesem Artikel zufolge keine netten Bilder, sie seien dunkel und unheimlich. Eduard Diem habe darin die Unterweltstimmung, die nachts auf dem toten Naschmarkt herrsche, sehr gut herausgebracht. Als seine beste Arbeit wird das „Gangfenster“
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Rechte Seite: Der Naschmarkt bei Nacht. Zwei Versionen der Federzeichnung mit Tusche aus dem Jahr 1958
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Eduard Diem – Leben und Werk
bezeichnet, ein verschmiertes Fenster in einem alten Haus, hinter dem sich eine alte Frau wie eine Hexe versteckt hält. „Dieses Bild hat etwas von dem Grauen an sich, das einen beim Anblick Kubinscher Phantastereien erfasst“. Und: Seine Arbeiten zeigten eine bereits im Aussterben befindliche Stadt und gehören eigentlich ins Historische Museum der Stadt, „umso mehr als hier ein wirklicher Künstler die Stimmung wiedergibt, die in keinem Foto in gleicher Weise herauskommen könnte“.
Das nächste Jahrzehnt, die 1970er-Jahre, die mit Eduard Diems 50. Geburtstag ausklingen, zeigen trotz aller Introvertiertheit Diems bereits einen reifen und in den Medien präsenten Künstler. Ein Beispiel ist ein Beitrag in den NÖ-Kulturberichten, der Monatsschrift für Kultur und Wissenschaft vom Februar 1979. Auf mehr als einer Seite wird von Viktor Banndorff anlässlich eines Besuchs beim Maler Eduard Diem berichtet und die Landschaft als sein zentrales Thema herausgearbeitet. Der damalige „Tatort“ war Diems Wohnung in Atzgersdorf. Darin wird ein Künstler inmitten seiner Familie und frei von „bohemienhaften“ Eskapaden oder Effekthascherei beschrieben. Die künstlerische Entwicklung bis dahin beschreibt Banndorf so:
Sind es zu Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit Ölbilder mit kubistischem Einschlag, so entwickelt der Künstler, nach einer kurzen Epoche gesellschaftskritischer Bilder, als Abschluss langen Experimentierens eine eigene Maltechnik, mit der er endlich den gewünschten malerischen Effekt erreichen kann. Er sagt dazu: ‚Diese Farbtechnik soll etwas von der Transparenz der Aquarellmalerei und etwas von der Farbigkeit der Ölmalerei besitzen‘. Er verwendet dabei überwiegend Offsetfarben, die er auf trockenen, saugfähigen Grund aufträgt. Die Farben werden oft vermischt oder mit Transparentweiß abgestimmt. Farbschichten, die eine andere Farbe überdecken, können wieder abgehoben werden, sodass dann die einzelnen Farben klar nebeneinanderstehen. Diese Maltechnik erfordert ein spontanes Arbeiten, formale Sicherheit und Präzision, spätere Korrekturen sind nur schwer möglich. So entstehen Landschaften voll Farbigkeit und Dynamik, die das Typische, das Topographische hervorheben, Landschaften, die es irgendwo in Niederösterreich gibt. Es sind Bilder von sehr starker Wirkung, geschaffen aus einem leidenschaftlichen Naturerlebnis. Diem faszinieren die Berge, aber auch die Naturgewalten, ‚ein windgepeitschter Baum reizt mich mehr als das lieblichste sonnenbeschienene Waldstück‘. Es gibt auch andere Bilder: Vögel mit Menschenköpfen, doppelgesichtige und andere Monstren, die verstehen lassen, warum Diem manchmal mit Edvard Munch, aber auch mit Nolde verglichen wird. Dazu Diem: ‚Ich habe in meiner Bibliothek an die hundert Kunstbücher, aber weder von Munch noch von Nolde ist eines dabei.‘ Diem beschäftigt sich auch gerne mit der Plastik, durch das Modellieren wurde er an sie herangeführt. Er findet die Plastik schwieriger als die
Viktor Banndorff
besucht Eduard Diem
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Gangfenster.
Offsetfarbe auf Faserplatte,
1972, 65x50cm
Malerei. ‚Bei der Malerei kann man sich manchmal einen kleinen Schwindel erlauben, bei der Plastik muss man wahr sein.‘ Seine Plastiken sind expressive Tiergestalten, abstrahierte, aber ästhetische Formen; vor kurzem schuf er aber auch einen heiligen Christophorus. Diese Vielseitigkeit ist für ihn typisch. So steht Eduard Diem mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität. Vorübergehende Kunstrichtungen von oft kurzer Lebensdauer oder andere ‚gängige Maschen‘ konnten seine Malweise nicht beeinflussen. Er ging und geht seinen Weg weiter, unbeirrt, in Freundeskreisen beliebt und von den Kollegen geachtet. Denn zwei Eigenschaften kann dem heuer Fünfzigjährigen niemand absprechen: Ehrlichkeit und Fleiß.
Gerhard Mayer schrieb schon sechs Jahre früher über eine Ausstellung in der Kleinen Galerie, Neudeggergasse 8, im März und April 1973 ganz ähnlich:
Diems Malerei ist in der Tat ganz den expressiven Stimmungen hingegeben. Düster-glühende Farben beherrschen seine Landschaften und Akte, die sich gern bedeutungsschwanger geben, Mystisch-Geheimnisvolles andeuten, ohne sich indes inhaltlich festzulegen. Bisweilen stößt das Ganze auch in rein
Gerhard Mayer schreibt über Eduard Diem (oben ist die von Eduard Diem illustrierte Einladung zu dieser Ausstellung abgebildet).
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Eduard Diem – Leben und Werk
Häuser im Sturm. Mischtechnik auf Karton, 1973.
Wie der Föhn auf Eduard Diem einen anregenden Einfluss ausübt, so lässt ihn auch der Sturm im Gefolge der Gewitterwolken zum Pinsel greifen. Er mag es, wenn der Sturm an den Bäumen zerrt und versucht, den Gleichklang der Landschaft zu verschieben,
abstrakte Bereiche vor, wo allein die Farben die Stimmung machen. Bisweilen gewinnt ein Baum, ein Berg, hintergründige, symbolische Bedeutung. Die Titel unterstreichen diesen Hang zu einer ‚konflikthaft schwülen Welt‘ (wie sie der Katalog deutet) noch, sie geben Situationen wieder, wo sich derlei unschwer exemplifizieren lässt: ‚Vor dem Gewitter‘, ‚Bäume im Sturm‘, ‚Das einsame Haus‘ und Ähnliches. Strindberg und Ibsen werden nicht umsonst als Assoziationsbrücken vom Begleittext bemüht. (Demgegenüber sind die aquarellierten Akte fast ausschließlich Bewegungsstudien und extremen Verrenkungen hingegeben, die in meisterhafter Technik vorgeführt werden.) Bei allem Verhaftetsein in der Tradition ist aber Diem auch ein ausgezeichneter Maler, dessen Bilder zwar nichts Neues bieten, die mannigfaltigen Einflüsse aber überzeugend verarbeiten.
Dissonanzen zu setzen und das Vorfeld für den erlösenden Regen zu bereiten. Die sich im Sturm ständig verändernde Situation zeigt der Maler durch dräuende, schwere Wolken auf.
Am 8. September führt eine Bilderausstellung anlässlich des Sparkassenjubiläums in die heimatliche Hauptschule nach Haugsdorf. Lois Schiferl schreibt dazu in der Hollabrunner Heimatzeitung vom 29. August 1974:
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Diem ist geradeaus jener Maler, dessen Bilder ‚dem Mann und der Frau aus dem Volk‘ nicht unbedingt gefallen müssen. Darin liegt seine schöpferische Legitimation. Seine Bilder sind eben das, was das Auge des Künstlers sieht und das Gemüt des ringenden Menschen empfindet oder mitempfindet, und nicht das, das die Fotolinse in erstarrter Erscheinungstreue nachpaust. Die Eigenständigkeit des Künstlers und die tragende Rolle des Materials bestimmen die Sprache, die seine Bilder unüberhörbar sprechen. Nirgends erscheint wohl zwingender, dass das Ringen um Aussage und Form die zentralen Anliegen alles Schöpferischen sind, wozu der steigernde Umstand kommt: Diem ist vielseitig, Öl-, Aquarell-, Offsetfarben, Beimengungen von Silber, Pinsel, Bleistift, Kugelschreiber und Spachtel sind ihm Stoffe und Gerät, die er meisterhaft handhabt und deren Schöpfungen er zu unverwechselbarer Wirkung führt. Statuetten aus Bronze oder Sandstein und bronzierte Gipsmodelle erweisen zusätzliche bildnerische Vollmachten. Die menschliche Gestalt wie andere Motive sind bei ihm kein Hymnus auf absolute Anmut: Gestalten und Gesichter, aber auch Fabriksviertel, Steinbrüche und eingerissene Flusstäler dokumentieren vielmehr das Fragwürdige alles Schicksalhaften. Ehrenvolles, das von Diem gesagt wird, sind Züge, die zum großen Norweger Edvard Munch führen. Manche Motive gemahnen an Strindberg, Ibsen und Wedekind. Dankbar verzeichnen wir Weinviertler eine Landschaft, in der Knospen aufbrechender Bäume das Kompositionsgesetz darstellen. Anderen Bildern liegt hartes Zeitgeschehen zugrunde: der Bürgerkrieg bei uns und in Vietnam, die wütende Macht des Alkohols, die Brutalität der motorhörigen Straße. – So ungefähr schreiben Elisabeth Heller und Otto Staininger über unseren Landsmann Diem. Seine Bilder sind auf zahlreichen Ausstellungen in Wien und im Ausland gezeigt worden und nun soll eine nach Haugsdorf kommen, wozu wir uns mehr zu gratulieren haben als dem Künstler. Inspektor Robert Oller wird, wie immer in solchen Dingen, Triebrad und Anwalt sein.“
Lois Schiferl in der
Hollabrunner Heimatzeitung
Die Trinker.
Buntstift und Grafit auf Papier, 1964, 44x60cm
Eduard Diem – Leben und Werk
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Eine Collage mit Meldungen in Regionalzeitungen der 1970er-Jahre
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Elisabeth Heller, Kunstkritikerin der NÖ Nachrichten, erweist sich als treue Beobachterin Eduard Diems in zahlreichen Veranstaltungen und ihm gewogene Kommentatorin. Oben ist eines der Zeugnisse aus einer Mödlinger Zeitung im November 1981.
Es war der Börsen-Kurier (in einer Ausgabe Anfang der 1980er-Jahre), der nach einer ähnlich lautenden Würdigung des Künstlers Eduard Diem auch kaufmännische Aspekte ansprach. Unter der Überschrift „Preisentwicklung“ notiert er:
Hauptsächlich gibt es Arbeiten im Format von 50 x 65 cm um zirka 5.000 – 6.000 S (1977 etwa 4.000 bis 5.000 S), relativ wenige kleinere Formate, da seine großzügige Malweise mehr Platz verlangt, um zirka 2.500 – 3.000 S (in gemischter Technik mit Offsetfarben). Ölbilder im Format von 50 x 65 cm und darüber kosten etwa 10.000 – 15.000 S. Die Preise können als stabil betrachtet werden und halten sich in etwa am Index.
Wenig später, am 26. Juli 1984, würdigte der Börsen-Kurier Eduard Diem neuerlich. Mit der Überschrift „Österreichische Maler und ihr Werk“ widmete er ihm einen ausführlichen Artikel. Die darin enthaltene Biografie enthielt über das bereits Bekannte hinaus ein paar interessante Blitzlichter. Die Autorin Notburga Fast hob eingangs seinen Werdegang als Autodidakt hervor und gab einen kurzen Kommentar zum Zeichenkurs am Schillerplatz. Sie zitierte Diem mit: „Die ewigen Stillleben sind mir schon zum Hals herausgehangen und die Lehrer wollten meine Akte immer ganz anders
Der Börsen-Kurier schreibt über die Preisentwicklung
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Hunde oder Porträt des Hundefängers.
Bleistiftzeichnung, 50x65cm.
Eines von Diems Wechselbildern, die 1983 auf der Basler Kunstmesse ausgestellt waren
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Zwei Doggen.
Bleistiftzeichnung,
1983, 50x65 cm
als ich.“ Es handelte sich somit um eine akademische Ausbildung von überschaubarer Dauer. Aber Diem konzediert, dass sich die Sicherheit in der Linienführung am auffälligsten in den Aktzeichnungen zeigt. Porträts zeichne er fast nie. „Die Leute wollen immer schön sein, das macht keinen Spaß.“ Hervorgehoben werden können seine in Bronze gegossenen Tierplastiken. Sie sind stark stilisiert und zeigen geballte Energie und Schwere. Mitten in arttypischer Bewegung scheinen sie innezuhalten. Besonders erwähnt und mit zwei Abbildungen unterstrichen werden soll ein auf der Baseler Kunstmesse 1983 gezeigter Wechselbilder-Zyklus. Damit bewies Diem seine reiche Fantasie.
Wer sich die Pressemeldungen der 1970er-Jahre ansieht, wird erstaunt sein, wie oft sie in den folgenden Jahrzehnten abgeschrieben wurden, manchmal sogar wortgleich.
Natürlich gibt es auch genug Kunst- und Menschenkenner, die ihre Eindrücke in eigene Worte kleideten, wie etwa Otto Staininger in seinen „beiläufigen Bemerkungen zu E. D.“ anlässlich einer Einladung zur Vernissage in der Perchtoldsdorfer „Galerie Romanum“ am 13. Jänner 1971. Aber auch er schrieb ab, allerdings aus seinen eigenen Texten: 15 Jahre später, in der Einladung zur Vernissage im Café Verde am 18. Dezember 1986 nutzte er dieselben beiläufigen Bemerkungen wortgleich und etwas gekürzt. Sie lauteten in der Langversion:
Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben. Denn: Er erhebt keinen Anspruch darauf, eine Revolution entfesselt zu haben oder zumindest einen neuen Ismus den vielen anderen, ebenso überholten hinzugefügt zu haben; er ist kein eingeschworener Parteigänger einer Schule; er braucht kein LSD, um seine Fantasie zu stimulieren; und schließlich: er trinkt, nicht um des Rausches willen und daher mäßig, er raucht die schwächsten Zigaretten, er hat Frau und Kinder. Es gibt ihn aber doch. Oberflächliche Gemüter mögen ihn am rotgelben Bart erkennen. Manchmal trägt er auch gestreifte Hosen. Wer näher schaut, wird Bilder sehen. Er produziert sie rastlos.
Es sind Bilder voll von Besessenheit und Gelassenheit. Von typisch österreichischer Mischung. Ein bisschen lieblich, ein bisschen wild, in summa aber zu einer in Wien einzig dastehenden, unprätentiösen Mischung aus Auge und Bosheit gerundet. In den Sphären des Gebrauches zuhause und ins Virtuose ausschlagend, eklektisch und eigenständig, um alles Neue Bescheid wissend und nie dieses Wissen an die große Glocke hängend, die die Kunst läutet. Hintergründig freundlich zu jedermanns Vergnügen malend, der sich dieses Vergnügen nicht zu billig machen will.
So rührt er Landschaften auf zu Sturmwirbeln, glättet die Wogen des ins Donautal niederbrechenden böhmischen Granitplateaus zu sanften Kuppen. In der Weinviertler Landschaft, der er durch Herkommen und Charakter verbunden ist,
Beiläufige Bemerkungen
von Otto Staininger
„Die Bilder Diems sind von farblich kaum zu überbietender Leuchtkraft und lassen trotz eines meist mehrschichtigen Aufbaus die weitausholende, dort und da auf kühne, formale Verallgemeinerung gerichtete, aber niemals in fruchtlose Abstraktionen sich verlierende Malweise des Künstlers deutlich erkennen. Vor allem dort, wo bei Anwendung gleicher oder ähnlicher technischer Mittel auch thematische Zusammenhänge bestehen – bei den großformatigen Öllandschaften etwa, oder bei den kleinen, mit raffinierten Aussparungen des weißen Grundes und ohne Vorzeichnung zu Papier gebrachten Aquarell-Landschaften – macht sich eine oft deutlich zutagetretende Verwandtschaft mit Emil Nolde bemerkbar. Dass auch bei der Darstellung dieser einerseits so ‚expressiven‘, auf der anderen Seite aber eher als ‚karg‘ anzusprechenden Landschaftsmotive auf längere Sicht sich sowohl das Aquarell als auch das Ölbild als unzulänglich erweist, ist unmittelbar einsichtig. Eduard Diem hat daher im Laufe der Zeit eine absolut eigenständige Maltechnik entwickelt. Er verwendet hauptsächlich Offsetfarben: vor allem bei seinen großformatigen, Hartfaserplatten als Malgrund bevorzugenden Bildern, zusätzlich auch Öl- und Aquarellfarben und hin und wieder sogar den Bleistift. Der Farbauftrag erfolgt gelegentlich mit dem Pinsel und einem in Farbe getauchten, ausgeschriebenen Kugelschreiber, grundsätzlich aber – auch bei den oft sehr flüchtigen und ungestümen Skizzen auf Papier – mit der Spachtel. Die in motivlicher Hinsicht und im Vortrag etwas gedämpfteren Arbeiten erhalten durch die konsequente Beimischung von Silber eine eigentümliche tonige Gebundenheit, die lebhafteren Bilder erweisen sich auch hier als maßstabsetzend für die Grenzen des malerisch Möglichen.“
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Zum Abschluss noch eine Würdigung aus dem Jahr 1986: Zum malerischen Werk
Eduard Diems
Elisabeth Heller
stehen die wie Knospen aufbrechenden Bäume im goldenen Schnitt. Über allem steht die Souveränität eines Menschen, der die Dinge liebt. Auch dann, wenn hinter abbröckelnden Fassaden die dritte industrielle Revolution lauert, wenn Vietnam in seinen Wolken gärt, wenn in verwüsteten Gesichtern der Suff nach Ladenschluss haust. Denn er vergisst nicht. Auf seinen Pflastern ist Koloman Wallisch erschossen worden, ist der Großmeister von SS-Schergen erschlagen worden, verreckt die Schwangere, die 1,3 Promille und etwas Blech am Freitag um 23 Uhr zu Tode stießen — ein Pflaster der Kavaliersdelikte. Denn er übersieht nicht.
Es gibt ihn und es ist gut, dass es ihn gibt. In seinen Bildern ist er nicht zu übersehen. Auch wenn er einmal wirklich vergessen sollte, zu signieren: E. D. — Eduard Diem.
Es gibt auch bewegte Bilder über Eduard Diem, und zwar meist dann, wenn das Fernsehen seiner gewahr wurde. Es ist nicht leicht, dieser Reportagen habhaft zu werden, denn die Archive des ORF und seines Vorgängers RAVAG sind unendlich und das Stichwort „Diem, Eduard“ aufgrund der Bescheidenheit des Namensträgers relativ selten, vor allem im Zusammenhang mit Gemeinschaftsausstellungen.
Als Beispiel sei ein Beitrag der Zeit im Bild vom 9. September 1974 über eine Ausstellung von Eduard Diem genannt. Siehe dazu die → Seite 251.
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem in Publikationen
Unter der Überschrift „Medienspiegel“ wurden die Berichte in den Tageszeitungen besprochen. Diese Zeitungsartikel betrafen vor allem die Ankündigung von oder den Bericht über Personalausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen Eduard Diems.
Es gibt aber eine Reihe weiterer Publikationen, die über Eduard Diem aus anderen Gründen berichteten oder seine Bilder zur Illustration oder zur Veranschaulichung eines Themas veröffentlichten. Ein frühes Beispiel ist der „Le-Marais-Kunstkalender“.
Als Sondernummer des kurzlebigen internationalen Studentenmagazins „Le Marais“ („Der Sumpf“), das von 1965 bis 1968 in Wien erschien, wurde im Jahr 1967 ein Kunstkalender herausgegeben. Der Kalender enthält Lithographien und Farblinolschnitte von Kurt Ammann, Eduard Diem, Wolfgang Herzig, Kurt Ingerl, Siegfried Krupbauer, Karlheinz Pilcz und Johannes Scheucher sowie Kurzbiographien dieser Künstler. Das Druckwerk wurde mit 300 Exemplaren aufgelegt und gilt im heutigen Antiquitätenhandel als selten.
Oben das Blatt mit den handschriftlichen Signaturen der Künstler, rechts ein Ausschnitt aus dem Deckblatt und dem Rücken mit dem Impressum, und unten das November-Blatt mit dem Linolschnitt von Eduard Diem
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Ein weiteres Beispiel ist die von 1974–1975 existierende Zeitschrift für Literatur und Kunst „Impulse“. Sie war ein Privatunternehmen von Alfred Czypka und soll im Layout ihr offenkundiges Vorbild, die öffentlich geförderte Zeitschrift „Literatur und Kritik“, übertroffen haben. Es war ein Versuch, vor allem die in Opposition zur „marktgängigen“ stehende Literatur zu fördern. Moderne Grafiken und Illustrationen lockerten die Hefte auf. Die Zeitschrift musste allerdings nach kaum mehr als einem Jahr ihr Erscheinen einstellen.
Im Heft 3/1974 wurde der Linolschnitt „Der Puppenspieler“ von Eduard Diem veröffentlicht sowie im Heft 4/1974 „Der Hahnenkampf“.
Der Puppenspieler.
Linolschnitt 1974, 21x16cm. Illustration für „Impulse“
Die Deckblätter der Zeitschrift für Literatur und Kunst „Impulse“, Heft 3 und 4/1974
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Eduard Diem – Leben und Werk
Die Sozialdemokratie der Nachkriegszeit war nicht nur um die Förderung junger Künstler bemüht, sondern auch um die Jugenderziehung im sozialistischen Sinne generell. Eines der Beispiele dafür war die „Sozialistische Erziehung“, die Zeitschrift für die Bildungsarbeit und die Kulturarbeit der sozialistischen Bewegung Österreichs. Eigentümer, Herausgeber und Verleger war die Bildungszentrale der Sozialistischen Partei Österreichs. Die Illustration des Deckblattes des Heftes Nr. 4 vom September 1974 stammte von Eduard Diem. Unten das Impressum und der Hinweis zur Illustration.
Von Eduard Diem
illustriertes Deckblatt der
„Sozialistischen Erziehung“
Heft Nr. 4, September 1974
Zahlreiche Druckwerke mit moderner bzw. zeitgenössischer Kunst als Hauptgegenstand gehen auf private Initiativen zurück. Hier sind vor allem Künstlervereinigungen wie der Mödlinger Künstlerbund (siehe ab → Seite 190) und diverse Galerien hervorzuheben. Sehr aktiv war und ist „art/diagonal“, ein internationaler Klub bildender Künstler.
Der entscheidende Schritt zur Gründung erfolgte Anfang Februar 1988, als sich acht bildende Künstler im Atelier von Prof. Kurt Freundlinger trafen. Die Elemente des Namens „art/diagonal“ inkorporieren die wesentlichen Ziele des Klubs, nämlich mit einem Querschnitt aus der zeitgenössischen Kunst die Künstler aller Nachbarstaaten Österreichs zu verbinden. Der Initiator und Mitbegründer Kurt Freundlinger ist bis heute Präsident des Klubs.
Die Idee von „Kunst ohne Grenzen“ war damals schwieriger zu verwirklichen als heute, denn 1988 waren die Landesgrenzen noch gravierende Barrieren. Der Vielfalt der Sprachen wurde mit der Ansicht begegnet, dass Künstler im Grunde die gleiche Sprache sprechen würden: die Sprache eines hohen Anspruchs auf künstlerische Qualität, aber auch jene des Friedens und Verständnisses.
Daraus ergeben sich letztendlich zwei Hauptzwecke, die solchen Vereinigungen meist inneliegt: Ein Podium zur Kommunikation und Selbstdarstellung für die individuelleren und
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Plakat zu einer von art/diagonal veranstalteten Gemeinschaftsausstellung von Coucoutas, Diem und Freundlinger. Das Jahr der Ausstellung ist unbekannt.
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Zeitungsleser.
Acryl auf Leinen,
1994, 80x60cm
Eduard Diem – Leben und Werk
introvertierteren Künstler und die Unterstützung humanistischer Ideale.
Den Künstlern des Klubs soll trotz aller Individualität stets eines gemeinsam sein: der Wunsch, in der Gesellschaft eine Geisteshaltung hin zu neuem Bewusstsein zu aktivieren und zu verstärken. Das Herbeiführen eines Umdenkens wird von der Kunst oft durch bewusstes Schockieren der Gesellschaft bzw. durch Aufzeigen von Negativismen versucht, in sehr eindringlicher Weise unmittelbar nach Zäsuren wie einem Krieg. Als zweiten Schritt neue Wege zu weisen und neue Impulse zu setzen, ist aber der weitaus schwierigere und nur selten erfüllte Anspruch.
Den ersten Schritt verkörperte der erste von art/diagonal vermutlich (ohne Datumsangabe) 1994 herausgegebene Katalog mit dem Titel „homo homini lupus“ (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Die Erklärung zu diesem Titel gibt das Vorwort von Konrad Paul Liessmann:
Das geflügelte Wort vom Menschen, der dem Menschen ein Wolf sei, wird in der Regel als bündiges Konzentrat jener nüchternen Anthropologie der Moderne gefasst, die im Werk von Thomas Hobbes, namentlich im ersten Teil seines ‚Leviathan‘, ihren ersten und umfassenden Ausdruck gefunden hatte: dass der Mensch von Natur aus aggressiv sei und sich deshalb, zum Schutze seiner selbst, einer staatlichen Macht unterordnen müsse. Die berühmte Formel vom Menschen als Wolf steht allerdings nicht, wie oft angenommen, im ‚Leviathan‘, sondern Hobbes gebrauchte sie in der Widmung, mit der er dieses Buch dem Grafen Wilhelm von Devonshire zueignete.
Die Formel ‚homo homini lupus‘ selbst aber ist uralt. Möglich, dass sie schon in der Antike als Redensart verwendet wurde, in der lateinischen Fassung – und dies sollte zu denken geben – taucht sie zum ersten Mal in der Asinaria auf, der frivolen und derben Eselskomödie des Plautus, zweihundert Jahre vor Christi Geburt. Mit diesem Satz – ‚Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt‘ – aber verwehrt sich ein namenloser Bote, einem ihm Unbekannten auf Anhieb Geld anzuvertrauen. Nicht, dass der Mensch von Natur ein Mörder oder Räuber sei, ist also damit gemeint, sondern dass dort, wo der soziale Kontakt und die soziale Kontrolle fehlen, die Habgier über jedes Ethos triumphieren wird.
Eine antike Komödie also. Über Ovid und andere landet die Formel vom menschlichen Wolf bei dem spanischen Völkerrechtler Francisco de Vitoria und bezeichnet dort die prinzipielle räuberische Natur des Menschen.
Hobbes hat dann diesem Begriff des Menschen seine gültige Fassung gegeben: dass der Naturzustand des Menschen der Krieg aller gegen alle sei. Bedacht sollte dabei werden, dass Hobbes diesen Befund aus der natürlichen Gleichheit der
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Konrad Paul Liessmann
zum Titel
„homo homini lupus“
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Angst.
Mischtechnik, 1994, 43x59cm.
Glutnester von Gewalt sind in jedem von uns. Aus „Homo Homini Lupus“ der „art/diagonal“
Menschen ableitet – denn aus dieser entspringt die gleiche Hoffnung, ein Ziel zu erreichen: ‚So werden zwei Menschen zu Feinden, wenn beide zu erlangen versuchen, was nur einem von ihnen zukommen kann. Um ihr Ziel zu erreichen, welches fast immer ihrer Selbsterhaltung dient, trachten sie danach, den anderen zu vernichten oder ihn sich Untertan zu machen.‘
Wenn sich Künstlerinnen und Künstler heute mit der Formel vom Menschen als Wolf auseinandersetzen, dann vor der Folie des Widerspruchs zwischen den immer wieder vorgetragenen Ansprüchen auf einen humanen Menschen und einer Realität, die Hobbes rechtzugeben scheint. Die ästhetischen Interventionen akzeptieren die Realität, in dem der Mensch als Opfer, als Geschundener, als Torso erscheint, und stellen doch einen Einspruch dagegen dar. In subjektiven Stellungnahmen, die die Werke weder erklären noch ersetzen, sondern nur ergänzen können, wird dies von den Künstlern dokumentiert. Die Arbeiten selbst aber stellen sich, bei aller Heterogenität, kompromisslos dem ästhetischen Zentralproblem dieser Thematik: wie die Bestialität, die dank der Fernsehschirme längst zu einem Bestandteil unserer Wohnzimmer geworden ist, überhaupt noch mit den Mitteln der Malerei in einer Weise dargestellt werden kann, die Eindrücke und Einsichten jenseits des zur Gewohnheit gewordenen Schreckens vermitteln kann.
An der Schnittstelle von Leben und Kunst bzw. der gegenseitigen Beeinflussung bewegen sich auch die anderen Kataloge. In der letzten Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 „Kunst ohne Grenzen – 20 Jahre art/diagonal“ wird „die große intellektuelle Bedeutung von Kunst und Kultur für den einzelnen Menschen sowie für das Funktionieren und die Weiterentwicklung der demokratischen Gesellschaft“ betont. Eduard Diem, seit der Gründung des Klubs im Jahr 1988 dessen Mitglied, trägt sich in diesen Katalog unter anderem mit folgendem Satz ein:
Eduard Diem – Leben und Werk
In den früheren Jahrhunderten diente die bildende Kunst hauptsächlich dazu, die Größe eines Herrschers oder anderen Auftraggebers darzustellen. Wenn es mir heute gelänge, durch meine Arbeit einen Denkanstoß zu erreichen, der letztlich ein Beitrag zur humanistischen Idee ist, wäre meine Arbeit nicht vergebens.
Zur Mitgliedschaft in art/diagonal eingeladen sind auch Nicht-Künstler als „fördernde Mitglieder“. Der entrichtete Mitgliedsbeitrag berechtigt zum verbilligten Bezug von Kunstwerken.
Eduard Diem 2008 in
„Kunst ohne Grenzen“
Eine andere Quelle kunstorientierter Druckwerke sind Galerien. Meist sind es Kataloge zu Ausstellungen, die in diesem Buch an mehreren Stellen angesprochen werden. Kunsthistorisch besonders interessant sind Jubiläumskataloge, die meist eine längere Periode galeristischer Tätigkeit „revue passieren“ lassen. Aus der Sicht Eduard Diems nimmt diesbezüglich die „Galerie am Doktorberg“ in Kaltenleutgeben eine besondere Stellung ein. Mit ihr pflegte er eine langjährige fruchtbare Geschäftsbeziehung und sie verstand es, besonders interessant gestaltete Jubiläumskataloge mit Beiträgen hochrangiger Kommentatoren zusammenzustellen. Sie stellen die Besonderheiten der von der Galerie aufgenommen Künstler in einen allgemeingültigen Rahmen.
Begonnen hat die Katalogreihe mit „10 Jahre Galerie am Doktorberg – Eine Dokumentation“ im Jahr 1986. Hier werden fast alle Künstler beschrieben, denen seit der Gründung der Galerie im Jahr 1976 eine „Personale“ gewidmet war. Es war Prinzip des Galeriebesitzers Dkfm. Edgar Kenst, die Arbeiten der Künstler nur einmal in Form einer Einzelausstellung zu präsentieren, um möglichst vielen Künstlern diese Möglichkeit zu bieten. Die Künstler wurden danach von der Galerie weiter betreut und ihre Werke in zahlreichen Laden dem interessierten Publikum zum Kauf angeboten.
Allerdings konzentrierte sich Edgar Kenst auf österreichische Künstler der „gemäßigten Moderne“ ohne Provokation und Aggression, also auf eine „Synthese der Mitte“ mit hohen Qualitätsansprüchen. Vertreten waren nicht nur Zeitgenossen, das Geburtsjahr der Künstler reichte bis in die Monarchie zurück.
Als Autoren für diesen Katalog konnten der Kunsthistoriker Univ.-Prof. Dr. Rupert Feuchtmüller, die Kunstkritikerin Dr. Elisabeth Heller, der akademische Maler und Bildhauer Prof. Franz Kaindl und der mit Herrn Kenst befreundete wirkliche Hofrat Dr. Otto Wutzel gewonnen werden.
Rupert Feuchtmüller spricht gleich vorweg einen grundsätzlichen Aspekt an: die Schwierigkeit der modernen Kunst, über die man gerne „hinwegredet“. Man höre als Galeriebesucher das Lob zu der Form, der Komposition und der Struktur eines Bildes und wenn man dann davor stehe, frage man sich: „Und was soll
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Cover der Festschrift
„10 Jahre Galerie am Doktorberg“ mit den alphabetisch geordneten Namen der bisherigen
Personal-Aussteller
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das bedeuten?“ Gewiss werde sie nur von Laien gestellt, denn unter Experten „gehören sich solche Fragen nicht“, sie könnten den Fragenden bloßstellen. Doch wer diese direkte Frage trotzdem stellt, bekommt sie meist nicht beantwortet und wendet sich ab, das Neue und Problematische rundweg ablehnend.
Rupert Feuchtmüller versucht nun eine Erklärung, die hier auszugsweise wiedergegeben wird:
Eigentlich richtet sich die Frage meist nach dem Darstellungsgegenstand. Und hier, so glaube ich, wäre es falsch, wenn wir zuerst darauf aus wären, eine gewisse Norm wiedererkennen zu wollen, Bekanntes bestätigt zu finden. Im Bereich des Historischen gibt es – wenn wir etwa an die menschliche Figur denken – bereits klassische Vorbilder, die nicht zu überbieten sind und auch in ihrer Art bisher nicht überboten wurden. Wir wissen aber ebenso, wenn wir uns mit der Geschichte der Kunst befasst haben, dass eine Perfektion lähmend sein kann, für den nämlich, der ihr nachfolgen will. In dieser Richtung können wir die Untersuchung also nicht anstellen. Wir erwarten einen neuen Ausdruck und, wenn er konsequent sein soll, auch mit neuen Formen. Wir sollen daher nicht alles unbedingt identifizieren. Nun noch einen Schritt weiter: Müssen Kunstwerke nur auf die menschliche Figur, auf Lebewesen oder die Natur beschränkt sein? Ist es nicht viel bewunderungswürdiger, wenn der Mensch eigene Figuren und Formen erfindet — was spricht dagegen? Seinen erfinderischen Geist drängt es doch in diesen geistigen Raum der Freiheit. ...
Obwohl die Natur in Form und Inhalt oft Lehrmeister des Künstlers war, ihre Nachahmung kann nie Ziel des Schaffens sein. Sie ist bestenfalls Fundament, Materie, an der sich die Vergeistigung bewähren kann. Auch ein abstraktes, aus geometrischen Formen gebildetes Werk muss mehr geben als eine Summe von diesen Formen, es muss auch mehr sein als ein gewachsener Kristall, denn alles, was wir messen und ergründen können, ist nur Ausgangspunkt für etwas Neues, bisher noch nicht Dagewesenes, zu dem eben nur der menschliche Geist fähig ist. Treten wir daher an die Kunst der Gegenwart nicht mit fertigen Bildern heran, bringen wir keine Vorstellungen mit, sondern erwarten wir sie von ihr. Rechnen wir es der Kunst heute als einen Vorteil an, dass sie sich freigemacht hat, frei vom Gegenstand, den sie bisher stets neu interpretierte, und machen wir uns selbst frei von Vorurteilen, um dieser Freiheit folgen zu können. Anders formuliert: Machen wir unser Gemüt und unsere Augen auf für einen Blick in die Zukunft, wir verlieren damit durchaus nicht unsere Freude an der Vergangenheit. Wenn uns das Experiment auf diesem Wege begleitet, ist es nur natürlich. ...
Wir kommen zur entscheidenden Frage: Wo liegen nun die Maßstäbe für die Zukunft? Diese gibt es nicht. Die Gegenwart
Der Kunsthistoriker
Dr. Rupert Feuchtmüller
über die Schwierigkeiten
der modernen Kunst
Eduard Diem – Leben und Werk
besitzt nur Maßstäbe für das Vergangene. Was können wir also konkret tun? Erstens suchen wir mit der Gegenwart Kontakt. Die Auseinandersetzung mit dem Lebendigen entspricht dem Wesen des Menschen. Führen wir keinen Monolog mit der Vergangenheit, sondern einen Dialog mit dem Mitmenschen. Suchen wir die Wege in die Zukunft. Um das zu können, müssen wir zunächst die neue Sprache der Formen lernen. Es geht um ihre Struktur, um Harmonie und Kontrast, also um die verschiedenen Arten der Komposition und nicht nur um eine althergebrachte ästhetische Norm. Schönheit bedeutet nicht nur Gefälligkeit. Wir müssen uns in die künstlerischen Gesetze der neuen plastischen oder malerischen Gestaltungen einsehen, wie wir uns in die Klänge einer neuen Musik einhören müssen. Niemandem wird es beispielsweise einfallen, einen in französischer Sprache gehaltenen Vortrag beurteilen zu wollen, wenn er nicht Französisch kann. Wie leichtfertig aber urteilt man über die Kunst. Versuchen wir daher an neuen Formen die neue Sprache zu lernen, dann erst verstehen wir den Gegenstand und vermögen schließlich seinen Inhalt zu beurteilen.
Natürlich liegt es an uns, wie weit wir dem Künstler folgen können und wollen. Wir haben das Recht der Kritik. Wie vieles wird sich auf diesem Weg als hohl, eben nicht als Kunstwerk, sondern als Machwerk entpuppen. Seien wir aber nicht vorschnell mit unserem Urteil, sondern bleiben wir zunächst bereit, dem Künstler vertrauensvoll zu folgen. Misstrauen schneidet alle Wege ab, es resultiert auch nur zu oft aus einem fehlenden Kontakt, für den natürlich nicht nur der Laie, sondern auch der Künstler verantwortlich ist. Der schöpferische Mensch hat auf Grund seiner Einsicht vielleicht eine noch größere Verpflichtung, sich um eine solche Vermittlung zu bemühen. Der eine soll nicht in seinen vier Wänden bleiben, der andere nicht in den Wolken. Gegenseitige Kontakte fördern die notwendige künstlerische Bildung. Wir haben eine um so günstigere Position, je weiter wir, laut Teilhard de Chardin, in der geistigen Evolution vorangeschritten sind, einem Zustand näher, der wohl aus der Entwicklung hervorgeht, aber die vollkommene Formung des Materiellen durch das Geistige zum Ziel hat. Die moderne Kunst, die sich von den naturalistischen Bahnen abwendet, ringt darum, sie ringt um neue Bilder.
Im Rahmen der Würdigung der approbierten Künstler hebt Dr. Elisabeth Heller Eduard Diem mit folgenden Worten hervor:
Eduard Diem, ebenso ein ‚Spitzenreiter‘ der Galerie wie auch ein Großteil der Aquarellisten und einige Graphiker und Maler aus dem Figuralbereich, ist der wahrscheinlich vielseitigste Künstler auf dem Doktorberg und sicherlich der einzige, der dort mit fast allen Sparten seines sowohl ‚gemäßigt-modernen‘
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Die Kunstkritikerin
Dr. Elisabeth Heller
würdigt Eduard Diem
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als auch unerhört originellen Gesamtwerks vertreten ist. Seine bezaubernden Tierplastiken – kleine, teilweise in architektonisch wirksame Blöcke oder Kraftzentren aufgefächerte Bronzegüsse, die den Charakter der dargestellten Tierart immer mit besonderer Deutlichkeit hervortreten lassen – waren bereits Gegenstand einer Präsentation der Doktorberg-Galerie auf der Wiener Kunstmesse und wurden im Jahre 1983 mit dem Wiener Festwochenpreis für Bronze-Kleinplastik und durch einen Ankauf der Modern Art Foundation in New Jersey auch international ausgezeichnet. Seine ‚hintergründig-psychologisch‘ betrachteten Akte, Figuren- und Tierbilder und seine schönen Landschaften – Verdichtungen aus Natureindrücken und -erinnerungen, oft karg und schwermütig und immer auf das ursprüngliche Grundinventar der niederösterreichischen Landschaft zurückgreifend – stehen wieder weitgehend im Banne des Expressionismus.
Von der hohlen Pathetik so mancher Vertreter dieser Kunstrichtung ist Diem allerdings meilenweit entfernt. Allein schon aufgrund der von ihm entwickelten Druckfarben-Mal- und Abschabetechnik, die mit ihrer zwar intensivfarbigen, aber eher reflexlos-matten Oberfläche und ihren zahllosen, oft nur millimeterbreiten Farbeinsprengungen ja an sich schon eine gewisse Kühle und Distanziertheit verrät: Die ‚innere Gestimmtheit‘, die ja den eigentlichen Inhalt dieser Bilder ausmacht, wird hier in extremer Weise entsubjektiviert, in die durch Kraftfelder und weitverzweigte Spannungslinien gekennzeichnete Gegenstandswelt verlegt, in die hügeligen, dem Himmel über den schweren Wolkenfeldern ausgesetzten Ackerfurchen, in die einsamen sturmgepeitschten Bäume und in die in enge Mulden geduckten Gehöfte, auf die alle Wege und Wiesenraine zulaufen.
Eduard Diems in den Katalog aufgenommene Werke
Eduard Diem – Leben und Werk
Nach weiteren zehn Jahren folgte im Jahr 1996 der Katalog „20 Jahre Kunst bei Kenst“. Es war eine Dokumentation des Ausstellungsgeschehens der vergangenen 20 Jahre, aber auch ein Gedenken an den 1993 verstorbenen Galeriegründer Dkfm. Edgar Kenst, gewidmet von seiner Frau Monika Kenst und den Kindern. Die Galerie selbst war allerdings vom Land in die Stadt verlegt worden: Jetzt war es die „Galerie am Salzgries“ mit dem Leitmotiv „Kunst bei Kenst“.
Das Kunstprogramm blieb im Grundsätzlichen das gleiche, allerdings mit mehr Freude am Experiment und der Variation. Fast alle vertretenen Künstler waren fester Bestandteil der Wiener bzw. österreichischen Kunstszene, aber ohne Präsenz der topgehandelten Namen. Das nur Spektakuläre war niemals Anliegen der Galerie.
Gefördert wurde der zweisprachige Katalog (Deutsch-Englisch) von der Wiener Städtischen Versicherung. Die Vorworte waren kurz und ohne Bezug auf die ausstellenden Künstler.
Pferd.
Bronzeguss, 1977, Höhe 17cm.
Bronzeguss aus der Gießerei Loderer, das Original war eine Tonplastik aus dem Jahr 1964.
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Von Eduard Diem gemalter Hahn auf der Einladung zur Vernissage seiner Einzelausstellung in der Galerie am Doktorberg am 25. Februar 1990. Bald danach im Jahr 1992 wurde die Galerie am Doktorberg zur „Galerie am Salzgries – Kunst bei Kenst KG“.
Zumindest mit Eduard Diem wurde das Prinzip, jedem Künstler nur eine Personalie zu widmen, durchbrochen: Nach der Einzelausstellung im Jahr 1977 war dies die zweite Ausstellung, die nur seinen Kunstwerken (Mischtechniken und Bronzeplastiken) gewidmet war.
Eduard Diem – Leben und Werk
Die erste Broschüre
über Eduard Diem
Das erste Druckwerk, das sich vollinhaltlich mit Werken von Eduard Diem beschäftigte, war ein Ergebnis der Verankerung Eduard Diems in der Linzer bzw. oberösterreichischen Kunstszene in den 1960er- und 1970er-Jahren.
Am Anfang dieser Zusammenarbeit stand die Beteiligung an einer Ausstellung im Linzer Landeskulturzentrum Ursulinenhof. In der Folge gab es nicht nur Ausstellungen im Ursulinenhof, sondern auch in Galerien in Braunau, in Ried, in Kirchdorf und im Schloss Neupernstein. Beschickt wurden diese Ausstellungen unter anderem mit Kunstwerken aus dem Kommissionsbestand der Galerie im Ursulinenhof, darunter auch einige Werke von Eduard Diem. Damit war Eduard bei Ausstellungen in Oberösterreich präsent, ohne persönlich anwesend zu sein oder überhaupt davon gewusst zu haben. Von der Ausstellung im Schloss Neupernstein im September 1971 erfuhr Eduard erst, als er nebenstehend abgebildetes Diplom zugesandt bekam. Es ist nicht als routinemäßige Bestätigung einer Ausstellungsbeteiligung zu werten, sondern als eine durchaus beachtliche Auszeichnung auf Landesebene. Zwei der Linzer Einrichtungen mit Personalausstellungen Eduard Diems waren die „Galerie Forum 67“ und der „Club der Begegnung“.
Die Kontakte der Mitarbeiter im Linzer Kulturbereich mit der Wirtschaft und insbesondere mit der Chemie Linz führten dann zu einer Jahresgabe der Chemie Linz an ihre Freunde, die den Künstler Eduard Diem in besonderer Weise würdigte. Es handelte sich um einen Hochglanz-Bildkalender für das Jahr 1975 und um eine Broschüre. Der Kalender zeigt 13 seiner damaligen Offset-Malereien, die Broschüre porträtiert den Künstler und beschreibt eine dem Bildkalender ähnliche Auswahl seiner damaligen Werke. Der bezeichnende Titel beider Gaben war „Bewegung im Zwielicht – Gedanken über den Maler Eduard Diem“. Die Jahresgabe war mit einem erheblichen Echo und mit Anfragen an den Künstler verbunden.
Die Texte der Broschüre wurden von Dr. Franz Schimanko geschrieben. Er war langjähriger Mitarbeiter der Pressestelle der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich und Chefredakteur des AK-Reports. Die Leitung der Herausgabe hatte Dr. Gerhard Forsthuber, das Layout stammte von Gottfried Bogner, die Fotos von Karl Roithner, die Reproduktionen von C. & E. Grosser in Linz. Gedruckt wurde die Broschüre in der Werksdruckerei der Chemie Linz AG.
Die Broschüre mit 17 Farbreproduktionen auf 17 Seiten gibt einen konzisen und reich bebilderten Überblick über den Künstler
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Dieses Diplom aus dem Jahr 1971 fußt auf den 2. Preis einer Ausstellung in der Galerie Schloss Neupernstein in Kirchdorf an der Krems. Unter dem Motto „das Gesicht“ stellten sich immerhin 39 Künstler dem Wettbewerb. Welches seiner Bilder dort gezeigt wurde, erfuhr Eduard Diem allerdings nicht.
Eduard Diem – Leben und Werk
und seine malerischen Werke. Es beginnt im Inneren mit einer Seltenheit, nämlich einem Porträt. Wir wissen ja: Porträts zeichnete Eduard Diem fast nie. „Die Leute wollen immer schön sein, das macht keinen Spaß.“ Den Ärger mit den Leuten ersparte sich Eduard Diem auch in diesem Falle – es war ein Selbstporträt.
Das für Kalender (oben) und Broschüre (rechts)gewählte Titelbild wurde so beschrieben: „Hahn am Morgen“ (Unikatgraphik 1972). Mit dem ersten Hahnenschrei erwacht das Leben am Land. Eduard Diem kehrt als gebürtiger Niederösterreicher gerne in die bäuerliche Umgebung zurück und bringt zu Papier, was ihn an seine Kindheit erinnert. Damals schon faszinierte den Künstler das stolze, aufgeplusterte Getue des Hühnerhof-Beherrschers.
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Selbstporträt.
Mischtechnik, 1973.
Dieser Versuch, sich selbst ins Gesicht zu schauen, ist eines der wenigen Selbstporträts, die Eduard Diem jemals gemalt hat. Er hält sich gerne von Porträts fern, sowohl von fremden wie auch von eigenen. Dies mag auf seine natürliche Bescheidenheit zurückgehen, wie auch auf seine Vorliebe für die Landschaft, für seine Umgebung und für die Veränderung.
Die anderen 16 Bilder (durchwegs Farbreproduktionen) und ihre Beschreibungen zeigen den Maler Eduard Diem meines Erachtens am Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Kreativität. In erster Linie sind es farbenprächtige Landschaftsbilder, aber auch Tier- und Menschenbilder und ein Akt im „Diemismus“. Durch das Buch zieht sich der in der Folge wiedergegebene Text mit einer ausführlichen Biografie Eduard Diems aus der Feder Franz Schimankos. Weite Bereiche sind zwar eine Wiederholung, doch beleuchten sie über das Bekannte hinaus auch spezielle Aspekte. Außerdem handelt es sich um die erste umfangreichere Biografie über den Künstler:
Er steht weder an vorderster Front der österreichischen Kunstszene, noch versucht er, durch Reklamegags und Taschenspielertricks Popularität zu erheischen. Eduard Diem ist ein bescheidener und umgänglicher Mensch, ein Maler, der sich in kein gängiges Schema pressen lässt und dennoch ein typischer Vertreter der heimischen Kunst ist. Seine Bilder sind ein bisschen lieblich und ein bisschen wild, ein bisschen vordergründig und ein bisschen hinterhältig.
Er malt nicht ab, er spürt mit Pinsel und Spachtel der zeitlosen Dramatik nach, einer Dramatik, die sich in der unberührten Natur genauso offenbart wie in der durch die Menschen veränderten und nur allzu oft wundgeschlagenen Erde. Seine
Dr. Franz Schimanko, langjähriger Mitarbeiter der Pressestelle der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich und Chefredakteur des AK-Reports schreibt über Eduard Diem.
Eduard Diem – Leben und Werk
künstlerische Handschrift ist von einer unmittelbaren, expressiven Weltauslegung geprägt. Seine Bilder, mit einer kaum zu überbietenden Leuchtkraft durchsetzt, gelten als sehr ‚malerisch‘. Auch vor kühnen, formalen Verallgemeinerungen scheut Diem nicht zurück. Fruchtlose Abstraktionen haben bei ihm allerdings nichts verloren.
Der heutigen Welt steht Diem trotz schlimmer Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges positiv gegenüber. Die Landschaft in all ihrer Vielfalt ist sein Hauptanliegen. Dynamik und Spontaneität zeichnen seine Bilder, in denen Farbe und Licht eine große Rolle spielen, aus. Grenzlichtsituationen wie bei Abenddämmerungen, Föhnstimmungen oder Gewitterwolken sind bevorzugte Wesensmerkmale. Die Bewegung ist auch aus Diems kargen Landschaften, über die der Wind streicht, nicht wegzuleugnen.
Mensch und Tier sind bei ihm nicht unmittelbar im Vordergrund. Wenn er zum Akt greift, geht dies etwa auf einen Badeausflug zurück, malt er eine Eule oder ein Pferd, so tangiert dies aus Kindheitserinnerungen oder auch aus einem Zoobesuch heraus.
Eduard Diem ist kein Kunstrevolutionär und auch kein Wohlstandskritiker, er ist Maler mit Leib und Seele, unkompliziert, einfach, immer ein wenig hinter die Fassaden schauend und schnell das Wesentliche erfassend.
Firlefanz und Schnickschnack sind aus seinen klaren, spannungsgeladenen und wohlkomponierten Bildern ausgeklammert. Oft genügt ein schlichter Baum in karger Heidelandschaft als Motiv für ein Großformat. Oder ein Berg in reiner und unberührter Schönheit. Oder ein schmuckloses Kleinhäusler-Domizil. Oder ein Granitblock ... Diem bewältigt die einfachsten Situationen links und rechts der Straßen mit Meisterhand, urplötzlich und ohne schmückendes Beiwerk, das vom Wesen ablenken würde.
Mit einfachen Worten und doch so charakteristisch umriss der Wiener Galerieleiter Otto Staininger Persönlichkeit und Werk Eduard Diems in einer Katalogeinführung: ‚Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben. Denn er erhebt keinen Anspruch darauf, eine Revolution entfesselt oder zumindest einen neuen Ismus den vielen anderen, ebenso überholten hinzugefügt zu haben; er ist kein eingeschworener Parteigänger einer Schule, nicht einmal der Wiener Schule; er braucht kein LSD, um seine Phantasie zu stimulieren; und schließlich: er trinkt, aber nicht um des Rausches willen und daher mäßig, er raucht die schwächsten Zigaretten, er hat Frau und Kinder ... Es gibt ihn aber doch. Oberflächliche Gemüter werden ihn am rotgelben Bart erkennen. Manchesmal trägt er auch gestreifte Hosen. Wer näher schaut, sieht Bilder. Er produziert sie rastlos.‘ – Und damit wird über Eduard Diem schon viel gesagt. Einiges aber muss hinzugefügt werden, um diese Künstlerpersönlichkeit plastischer herauszustellen.
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Fabriksgelände.
Mischtechnik, 1973.
Die Peripherie einer Stadt als beliebtes Siedlungsgebiet der Industrie ist eine nicht mehr wegzuleugnende Landschaft des 20. Jahrhunderts. Stets faszinierte den Maler der Zusammenprall von Natur und Technik, die geballte Kraft der rauchenden Schlote und der gerötete Himmel.
Hineingeboren wurde Eduard Diem am 9. April 1929 in eine friedliche und ländliche Welt. Peigarten bei Haugsdorf in Niederösterreich steht auf dem Geburtsschein. Außer den großen Abenteuern kleiner Buben, die sich in einfachen Spielen und im Durchstreifen der Landschaft erschöpfen, gibt es da nicht viel zu erzählen. Der Zeichenunterricht brachte ihm stets schlechte Noten ein, und niemand dachte damals daran, dass der kleine Edi einmal sein Brot mit der Kunst erarbeiten würde.
Die erste engere Beziehung zu dieser Tätigkeit wurde in seinem 13. Lebensjahr geknüpft. Auf dem Dachboden des elterlichen Hauses entdeckte der Junge eine Kiste mit vom Vater emsig gesammelten Reproduktionen vor allem der Meister des Jugendstils. Die ornamentale Anlage der Blätter reizte ihn zum Abpausen und dann zu eigenschöpferischen ersten Tastversuchen. Urplötzlich verkündete Edi seiner erstaunten Familienwelt: ‚Ich will und werde Maler werden!‘ Dass er nicht ganz ernst genommen wurde, versteht sich von selbst.
Und bald schon gingen die Interessen in andere Richtungen. Der Sport nahm eine dominierende Stellung ein, ein altes Fahrrad stellte das höchste Glück auf Erden dar. Mit seinen Kameraden fuhr er improvisierte Rennen und das Ziel war: Radrennfahrer.
Eduard Diem – Leben und Werk
Exotischer Vogel.
Unikatgraphik, 1973.
Der Natur mit vollem Herzen zugetan, geht Eduard Diem gelegentlich gerne in den Tiergarten. Stundenlang kann er vor den Käfigen sitzen, noch lieber betrachtet er die Geschöpfe in freier Wildbahn. Misstrauisch blickt dieser Vogel mit seinem rauhen Gefieder in die Welt, verängstigt und furchtsam lebt er in einer ihm von Menschen aufgezwungenen und veränderten Umgebung.
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Eine kaufmännische Lehre setzte auch diesem Bubentraum ein Ende. Wie auch allen anderen Ambitionen, denn die Kriegsfurie näherte sich mit Riesenschritten auch dem bescheidenen Leben im nördlichen Niederösterreich. Eduard Diem lernte erstmals Gewalt und Terror kennen, sah Menschen verbluten und Familienbande zerreißen. Tiefes Leid innerhalb der Dorfgemeinschaft und Hunger am eigenen Leib prägten sich dem damals noch halbwüchsigen Kaufmannslehrling unauslöschbar ein. Und in diesen Tagen setzte er eine humane Großtat, die sicher eher unbewusst erfolgte. Er rettete eine Abteilung russischer Besatzer vor dem sicheren Tod, indem er ihr Rattengift abjagte. Nach Überwindung der Verständigungsschwierigkeiten wurde er in die Kommandantur geholt und mit dem Tolbuchin-Orden ausgezeichnet. Für einen Sechzehnjährigen ein Erlebnis ersten Ranges! Vielleicht hat dies auch mitgespielt, dass Diem seine humane Einstellung festigen konnte und heute verständnisvoll auch den schockierenden Weltereignissen gegenübersteht. Dass er heute wohl jede Herausforderung annimmt, stets aber als Vermittler oder Besänftiger auftritt. Und wo er helfen kann, greift er spontan ein. So hat er im Vorjahr einer Galerie, die vor dem Zusperren stand, wieder auf die Sprünge geholfen.
Die intensive Beschäftigung mit der Kunst und die Freude an Eigenproduktionen kam bei Eduard Diem erst Mitte der
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Eule.
Unikatgraphik, 1973.
Das Symbol der Weisheit, die Eule, sitzt recht ruppig im eisernen Käfig. Ratlos und unbeholfen fügt sie sich mit Langmut in ihr aufgezwungenes Schicksal. Bei kaum einem anderen Bild weist der Künstler Diem so deutlich auf die durch den Menschen in den Grundzügen so veränderte Natur hin, wie gerade mit dem hilflosen Blick dieses gefangenen Tieres.
fünfziger Jahre auf. In der niederösterreichischen Gemeinde Lilienfeld besuchte er einen Kurs der Volkshochschule der Arbeiterkammer für Zeichnen und Bildhauerei und nach vierwöchigem Studium wurde er als Assistent eingestellt.
Die ersten bescheidenen Honorare aus künstlerischer Tätigkeit flossen in seine Tasche. Um sich weiterzubilden, inskribierte er an der Wiener Akademie für einen Abendkurs, der ihm als Zeichner und Plastiker das nötige technische Wissen und das Handwerkszeug mitgab. Unter anderem war der Aktionist Otto Mühl damals sein Studienkollege. Wie verschieden aber verlief das weitere Schaffen der beiden Freunde. Während Otto Mühl heute zu den prominentesten Vertretern des vielfach abgelehnten Aktionismus zählt und mit seinen „Happenings“ wiederholt Schlagzeilen in den Gazetten machte, blieb Eduard Diem der echten und handfesten Malerei treu und hat heute seinen fixen Platz unter den Zeitgenossen.
So spontan und unvermittelt wie Eduard Diem seine Bilder malt, so spontan konnte er auch in den Ausstellungsbetrieb einsteigen. Er, der Autodidakt, der lediglich einige Kurse absolvierte, war plötzlich da! Schon an seinen ersten Expositionen Anfang der sechziger Jahre erkannten Kollegen und Kritiker, dass aus diesem Diem was wird‘, dass man seinen Weg verfolgen muss und dass er durch seine eigenwilligen und expressiven Bilder wohl nicht einzuordnen, aber auch nicht zu übersehen ist.
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Puppe.
Aquarell, 1969.
Die Puppe, jahrtausendealtes Spielzeug der Menschheit und rund um die Welt Symbol des Spieles, aber auch der Hilflosigkeit, ist für Eduard Diem Vorwurf zu einem seiner „weichen“ Bilder. Der Maler fand die Puppe auf einem Schutthaufen neben der Straße und „adoptierte“ sie. Einstiger Glanz ist abgebröckelt, die Gelenke sind verdreht. Mit großen Kulleraugen blickt die Puppe in eine Welt, die ihr ein neues Dasein geben soll. Ein Dasein im Atelier eines Künstlers, den auch kleine Dinge zu treffenden Bildern inspirieren.
Heute kann Eduard Diem auf eine lange Liste hinweisen, die Ausstellungen zuerst in Wien, dann in Linz, Salzburg und darüber hinaus in den USA, in Italien und vielfach auch in den skandinavischen Ländern aufführt. Derzeit ist wieder eine Sammlung Diemscher Bilder in Schweden unterwegs. In Linz selbst war Diem erstmals 1968 vertreten. Und zwar in der Galerie Forum 67 an der Badgasse in der Altstadt. Es folgte eine Ausstellung im Linzer Club der Begegnung, dessen Mitglied Diem auch ist, und mehrere Beteiligungen an Ausstellungen in der Galerie Schloss Neupernstein bei Kirchdorf an der Krems. Eng gebunden ist Eduard Diem, der seit Jahren am Wiener Stadtrand bei Perchtoldsdorf sein Domizil aufgeschlagen hat, auch an die Galerie ‚Junge Generation‘ an der Wiener Blutgasse, da er zu deren Gründern gehört. Eng gebunden ist er aber auch an Linz und speziell an den Club der Begegnung. Und wenn er Erholung sucht, so zieht er sich zu Freunden ins nahegelegene Zaubertal zurück, wo er ein kleines Zimmer-Atelier benützen kann. Bilder mit Linzer Motiven sind Ergebnisse dieser Reisen in die oberösterreichische Landeshauptstadt.
Trotz der vielseitigen Tätigkeit als Maler und Bildhauer – gelegentlich arbeitet Eduard Diem ‚so zwischendurch zur Erholung an Kleinplastiken‘ – und einer weiteren Beschäftigung mit Innenarchitektur steht die Familie an erster Stelle. Wie in seinen Bildern trotz oft härterer Gangart die Harmonie in der Komposition vorherrscht, so achtet er auch in den eigenen
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vier Wänden auf ein geregeltes und harmonisches Leben. Gattin und Kinder sind stolz auf ihren kunstsinnigen Vater und haben sich mit seiner zumeist unregelmäßigen Tätigkeit schnell abgefunden. Die Kinder René (18), Gregor (12) und Eva (8) eifern ihrem Erzeuger zwar nicht auf der Leinwand nach, sie blicken ihm jedoch gerne über die Schulter, wenn er die Palette schwingt und Pinsel wie Spachtel ansetzt. Und gemalt wird nur zu Hause in einem kleinen Kelleratelier, das allerdings nach neuesten Plänen des Künstlers bald der Vergangenheit angehören wird. Mit Fleiß und Ausdauer baut sich Diem in einem Atzgersdorfer Garten eine neue Wirkungsstätte, die inmitten blühender Natur die räumliche Begrenztheit des Kellers ablösen wird. ‚Problematisch für mich war die Beteiligung an dem Wettbewerb ‚Das große Format‘ für das Wiener Künstlerhaus‘, erzählt Diem, ‚denn das von mir mit einer Größe von rund vier Quadratmetern konzipierte Bild wollte und wollte in dem dunklen Kammerl nicht gelingen. Erst im ausgeräumten Schlafzimmer konnte ich es vollenden‘. Dass es dafürstand, beweist die Annahme durch eine Jury.
Aber zurück zu Diems bildnerischem Schaffen. Wenn ihm die Kunstkritik und auch das Käuferpublikum heute wohlwollend gegenüberstehen, so ist das auf seinen ehrlichen und konsequenten Weg, den er von den ersten Tastversuchen in den fünfziger Jahren an bis herauf in unsere Tage ging, zurückzuführen. Eduard Diem spielte sich nie als Maschendreher auf, versuchte auch nicht, mit irgendwelchen Mätzchen fehlende Substanz zu übertünchen, sondern verwarf, was er schlecht fand, und führte weiter, was für gut gehalten wurde. Waren es anfangs eher Motive einer sterbenden Stadtlandschaft wie der Wiener Naschmarkt oder die Wientalhäuser und Situationen aus der Stadtrandproblematik und der Industrialisierung, so fand er unter Beibehaltung seiner expressiven Darstellungstechnik reibungslos hin zur kargen, oft noch unberührten Natur und zu den gewaltigen Schönheiten österreichischer Landschaft nördlich der Donau. Das Wein-, Wald- und Mühlviertel sind seine geliebten Ausflugsgebiete, die in geistiger Verarbeitung urwüchsig und lebendig auf den Bildern wiedererstehen. Und wenn Diem die Narben der Natur – wie mit einem verlassenen und verödenden Steinbruch – festhält, so übt er damit keine Zeitkritik, sondern er zeigt lediglich Zeitzustände auf. Situationen einer Landschaft, die durch menschliches Eingreifen hervorgerufen wurden.
Viel mehr aber widmet sich Eduard Diem den Bodenformationen und der Vegetation. ‚Ein windgepeitschter Baum auf weitem Feld reizt mich stärker als das lieblichste sonnenbeschienene Waldstück‘ erklärt er. ‚Denn gerade ein einzelner Baum zeugt in seiner natürlichen Vielfalt klar und einfach vom Wachsen und Vergehen im Kreislauf der Jahre.‘ Wenn Architektur in die Landschaft eindringt, so wird Diem schon vorsichtiger. Intuitiv
Eduard Diem – Leben und Werk
Hochland.
Siebdruck 1973.
Der Berg in seiner Klarheit und Reinheit überwältigt Eduard Diem. Der majestätische Koloss, vor dem das begrünte Vorfeld als Nebensächlichkeit erscheint, blickt erhaben ins Land. Ehrfürchtig steht der Mensch in dieser Landschaft vor einer gewaltigen Natur, die sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt hat.
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verspürt er eine Abschirmung durch eine hohe Mauer rund um einen Schlosspark oder das harte Los der Bewohner einfacher Bauernkaten. Noch aber sucht er gerne die geschlossene Dorfgemeinschaft auf und hat daran seine Freude. Denn diese im Laufe der Jahrhunderte gewachsenen Häuserensembles fügen sich in die Landschaft ein. Erspäht Diem aber die Verhüttelung urwüchsiger Gegenden, dann sieht er rot und landet wieder bei den Narben, die der geduldigen Natur geschlagen werden. Dann treten Diems Fabelgestalten auf, die verunsichert in die Welt schauen, die stellvertretend für das Aufbäumen blühender Wiesen und Felder gegen die rohe Gewalt der Bulldozer stehen. Fabeltiere, einer regen Phantasie entsprungen und aus großen Augen ungläubig hervorlugend.
Diems Malweise wird oft mit der Edvard Munchs oder Emil Noldes verglichen. Leidenschaftliches Naturerlebnis ist wohl allen dreien eigen, doch ist die vorexpressionistische Art des Norwegers Munch und die grotesk angehauchte Thematik Noldes bei Diem nur in kleinen Ansätzen vorhanden. ‚Ich habe an die hundert Kunstbücher in meiner Bibliothek‘, meint Diem, ‚aber weder von Munch noch von Nolde ist eines dabei.‘ Vergleiche sind jedoch auch nicht angebracht, denn Eduard Diems Bilder haben soviel eigenständiges Leben, dass sie allein für sich stehen. Eines allerdings kann Diem nicht leugnen: einen von der Literatur her kommenden kafkaesken Einfluss speziell
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Verkaufstisch während der Vernissage im Hietzinger Amtshaus am 9. Mai 2019. Rechts oben ist das Buch „Eduard Diem: Einblicke in das Werk, Bilder & Skulpturen“ gestapelt. Darüber hinaus werden Broschüren, Karten, Kunstkalender und zwei weitere Bücher über Diem angeboten.
bei seinen Fabelbildern, bei den Vögeln mit Menschenköpfen und bei den zweigesichtigen Monstren, die aus Spannungszuständen heraus entstanden und die der Künstler nicht zum Verkauf anbietet. Wie überhaupt Diem nicht hinter möglichen Käufern herrennt. ‚Betteln liegt mir nicht‘, gesteht er ein, ‚und noch nie habe ich bei öffentlichen Stellen an die Türen geklopft.‘ Dass Diem dennoch gut in den Sammlungen des Kulturamtes der Stadt Wien, des Bundesministeriums für Unterricht und der Albertina vertreten ist, beweist seine Aktualität und sein Ansehen.
Rein technisch hat Eduard Diem einen etwas eigenen Weg beschritten. Um gewünschte Lichtsituationen auf die Leinwand zu bannen, nimmt er gerne Offsetfarben anstelle der herkömmlichen Mittel oder mischt sie mit Öl. Hinzu kommt zu Pinsel und Spachtel oft ein einfacher Bleistift oder ein Holzstäbchen, mit denen er gewünschte Konturen aufträgt.
Die Beifügung von Silber ergibt dann zusätzlich eine farbige Gebundenheit, die seine bildnerischen Anliegen stark unterstreicht. Technische Tabus kennt er ebenso wenig wie inhaltliche oder kunstgeschichtliche. Diem geht es in seiner oft als ‚grandiose Unbekümmertheit‘ bezeichneten Malweise um Stimmigkeit. Und damit schließt sich auch wieder der Kreis, denn noch so tiefschürfende Gedanken können in Diems Bilder nicht mehr ‚hineingeheimnissen‘ als drinnen ist. Nämlich viel Liebe zur Natur, ein waches Auge, handfestes Können und viel Gefühl für Stimmung.
Eduard Diem ist ein Maler der Gegenwart, im Leben mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität stehend, nur sich selbst verantwortlich und in seiner expressiven Art anerkannt.
Eduard Diem – Leben und Werk
Vom Geruch der Erde ist er ebenso fasziniert wie von der Reinheit der Berge. Unbeeinflusst von oft kurzlebigen Kunstrichtungen hält er an seiner Malweise fest und versucht immer tiefer in das Wesen der Schöpfung einzudringen, versucht aufzuzeigen, was dem flüchtigen Beobachter vielfach verborgen bleibt, und ist gar nicht traurig, wenn er einmal bei einer Ausstellung auch negative Stimmen hört. Diem ist Diem und so soll er auch bleiben.
Diese Arbeit Franz Schimankos basiert natürlich auf Einschätzungen anderer Kunstkritiker in Galerien und in der Presse, muss aber für nachkommende Autoren stilbildend gewesen sein. Die hier gewählten Formulierungen sind immer wieder anzutreffen. Auch die kurzen Beschreibungen der 17 Farbreproduktionen enthalten immer wieder biografische Hinweise zu Eduard Diem, denn die dort erwähnten Hintergründe für das jeweilige Motiv sind meist Erlebnisse des Künstlers. Einige dieser Bilder wird der geschätzte Leser weiter vorne oder hinten bei geeigneten Textstellen antreffen. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass sich Franz Schimanko auf den Maler Diem konzentriert und den mindestens genauso begabten Bildhauer Diem übersieht.
Über die Beschreibung in Ausstellungskatalogen hinaus muss Eduard Diem bis in seine Achtziger auf weitere biografische Werke warten. Als Hauptwerk über Eduard Diem ist das 2012 erschienene Buch „Eduard Diem: Einblicke in das Werk, Bilder & Skulpturen [eine Ausstellung im Phantastenmuseum Wien, Palais Palffy, vom 24.3. bis 8.4.2012]“ von Viktor Banndorff, Gerhard Habarta (Hrsg.) und Eduard Diem zu nennen. Bei allen Ausstellungen Eduard Diems wird es käuflich angeboten. Erschienen ist es im Verlag des Phantastenmuseums Wien. Viele der Inhalte in diesem Buch waren wertvolle Anregungen für die hier vorliegende Biografie.
In den letzten Jahrzehnten ließ Eduard im Eigenverlag eine ganze Reihe von Broschüren drucken, die eine Auswahl seiner Zeichnungen, Malereien, Collagen und Plastiken zeigen. Ihr wesentlicher Zweck liegt in der Verteilung an Freunde und Interessenten, zum Verkauf angeboten wurden und werden sie vorwiegend auf den Büchertischen im Rahmen von Ausstellungen.
Künstler haben es also gut: Vor allem zu Festtagen haben sie attraktive Geschenke zur Hand. Über die oben genannten Broschüren hinaus sind Kalender, Weihnachts- und Neujahrskarten aus eigener Hand beliebte Gaben. Selbst die Frage, was denn die oder der zu Beschenkende gerne haben würde, führt zu ähnlichen Antworten: „Lieber Edi, mal mir doch bitte ein Bild!“
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Von Eduard Diem
gezeichnete Weihnachtskarte
und Karte mit Neujahrswünschen
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Dieses Foto aus dem Oktober 2021
zeigt eine Sammlung der im Eigenverlag erstellten Broschüren. Einige dieser Werke sind vergriffen und auch auf dieser Zusammenstellung nicht zu sehen.
Arrangement aus drei Kalendern für das Jahr 2022. Ein begehrtes Weihnachtsgeschenk für
Eduard Diems Freunde
Eduard Diem – Leben und Werk
Fritz-Karl Ferner war Mitarbeiter in der Werbeabteilung der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung. Er stammte aus Poysdorf, kannte Eduard Diem und hatte ab und zu einen Auftrag für ihn. Die Werbegrafik steckte in den 1970er-Jahren noch in den Kinderschuhen und erwies sich international als nicht konkurrenzfähig. Es lag daher auf der Hand, die Künstler im Land intensiver einzubinden. Eines der Ergebnisse war 1977 die Organisation einer Ausstellung mit dem Titel: „Urlaubsland Österreich – Kunst und Kultur“. Stattfinden sollte sie in der Alten Schmiede und präsentiert werden sollten Entwürfe für Werbematerial wie Plakate, Inserate, Prospekte und Briefmarken. 14 Aussteller waren nominiert: Oscar Asboth, Arik Brauer, Regine Dapra, Eduard Diem, Dagmar Ebmer-Kirchlehner, Friedensreich Hundertwasser, Siegfried L. Kratochwil, Maître Leherb, Walter Pötsch, Alexander Sixtus von Reden, Josef Reichholf, Hermann Schindler, Werner W. Schulz und Erich Sokol. Das Spektrum der Arbeiten reichte von einer Medaille Asboths über Karikaturen Sokols und naiver Malerei Dapras und Kratochwils bis zu einem Gemälde Diems. Einige Künstler brachten mehrere Beiträge. Bald stellte sich die Ausstellungsfläche in der Alten Schmiede als unzureichend heraus und es fand sich niemand, der die Ausstellung gestalten wollte. Also fragte Fritz Ferner seinen Bekannten Eduard Diem und dieser war gerne bereit dazu. Eduard hatte den Ruf, Bilder „gut hängen“ zu können. Manche Kollegen gaben ihm sogar den Beinamen „der Häncker“.
Leherb, der schon im Jahr 1972 mit Plakaten für die Österreich-Werbung sehr erfolgreich gewesen war, hatte drei Entwürfe zu Plakaten beigestellt. Mit 100x70 cm waren diese schwer unterzubringende Großformate. Eines war in schlechtem Zustand, einzelne wie bei Collagen geklebte Teile lösten sich. Eduard stellte es zur Seite, er hätte es ohnehin nicht untergebracht.
Zur Vernissage am 21. Juni 1977 erschien Leherb wie gewohnt im weißen Anzug mit Taube auf der Hand. Er dachte, dass die Eröffnung bereits im Gange sei. Doch er hatte sich in der Zeit vertan und war eine halbe Stunde zu früh gekommen. „Oh, noch niemand hier!“, sagte er und warf die Taube achtlos auf das Pult in einer Ecke. Dann gab es eine Diskussion wegen des weggelassenen Plakat-Entwurfs. Leherb fand den Einblick in die Entstehung der Plakate anhand der Entwürfe sehr informativ, aber schließlich sah er ein, dass es besser gewesen war, den restaurierungsbedürftigen Entwurf wegzulassen.
Eduard Diem
und die Tourismus-Werbung
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Eduard Diem
mit seinem Plakatentwurf
für die Österreich-Werbung
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Gruppenfoto zur Ausstellung „Urlaubsland Österreich – Kunst und Kultur“ 1977 in der Alten Schmiede. Eduard Diem ist dritter von links, neben ihm Regine Dapra. Hockend Helmut Leherbauer (Leherb)
Die Vernissage war ein Erfolg, danach wechselten die Künstler in den naheliegenden Zwölf-Apostel-Keller. Nach und nach gesellten sich auch andere Künstlerkollegen dazu, auch Ernst Fuchs. Damals saßen die Künstler noch oft beisammen, ehe sie endgültig zu Einzelkämpfern wurden. Aber Ernst Fuchs war sehr nervös, lief alle Augenblicke davon und kam nach zehn Minuten wieder zurück. Schließlich wurde er auf seine Unruhe angesprochen.
„Ich bin in einer Zwickmühle, ich muss bis morgen 40.000 Schilling aufstellen!“ war seine ehrliche Antwort.
„Aber wieso? Du verkaufst doch eh gut!“, war die erstaunte Reaktion am Tisch.
„Stimmt schon, aber ich hab’ jeden Tag 24 Leute am Tisch!“
Das war nicht wörtlich gemeint, doch hatte es sich ergeben, dass er sehr viele Menschen versorgen musste. Er war allerdings auch sehr religiös.
Also was tat er wohl? Er wird laufend das Telefon des Restaurants benutzt haben, um Forderungen einzutreiben und vielleicht auch Mautner Markhof anzurufen. Eduard kannte das. Die Galerien waren bei der Abrechnung oft sehr zögerlich und reagierten erst nach einigen Urgenzen. Manche Kunstinteressierte kauften auf Raten und auch die mussten eingetrieben werden.
Eduard Diem – Leben und Werk
Mit einer erheblichen Aufmerksamkeit für den Künstler verbunden ist auch die Gestaltung von Skulpturen bzw. Trophäen, die als Preise überreicht werden. Der erste Auftrag dieser Art für Eduard Diem betraf ebenfalls den Tourismus-Bereich und wurde wieder von Fritz-Karl Ferner vermittelt.
Der Auftrag kam von „tourist austria international“, einer 1970 gegründeten und in Wien erscheinenden touristischen Fachzeitung. Als Medium für Tourismusexperten erscheint sie bis heute.
Die Idee war es, zur Auszeichnung der besten Fremdenverkehrswerbung Trophäen zu vergeben, und Eduard Diem konnte mit seinen Entwürfen überzeugen. Die Plastiken wurden ab 1979 bestellt, der letzte Auftrag über acht Stück erfolgte im Jahr 1985 (siehe Auftragsschreiben rechts).
Erstmals vergeben wurde die Bronze-Plastik im Rahmen des Werbe-Grand-Prix 1980, im Laufe der Jahre entwickelte sie sich zu einem Werbe-„Oscar“ für den Tourismus von Kanada bis Tokio.
In die Jury des ersten Grand-Prix wurde auch Eduard Diem berufen. Ein Plakat einreichen konnten alle Unternehmen, die etwas mit dem Tourismus zu tun hatten wie Hotels und Fluggesellschaften, aber auch Städte und Gemeinden. Leider erwiesen sich die österreichischen Bewerber als weit hinter den internationalen Standards und die Air France wurde zum ersten Werbe-Oscar-Gewinner. Überreicht wurde die Plastik im Wiener Rathaus von Dr. Josef Staribacher, dem damaligem Handelsminister und Obmann der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung. Später eroberten die Austrian Airlines fünf dieser begehrten Oscars.
Somit hatten die Bemühungen der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung, wie etwa in der Alten Schmiede, noch nicht ausreichend gefruchtet. Die Sujets wurden als nach wie vor „hinterwäldlerisch“ eingeschätzt. In diesem Zusammenhang verweist Eduard Diem gerne auf den Kitzbühler Künstler Ernst Insam. Er hatte ein Plakat für Kitzbühel gestaltet. Es wurde sogar in großer Auflage samt Prospekten gedruckt, dann aber doch in einem Lager mehr oder weniger „vergessen“. Jahre später wurde spontan ein neues Plakat gebraucht und das vergessene aus dem Lager hervorgeholt. Das Plakat wurde dann sogar ausgezeichnet.
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Ein Beispiel der Aquarelle Ernst Insams zeigt dieses Coverbild eines kleinen Kunstbandes.
Das gibt auch einen Eindruck,
wie das Kitzbühel-Plakat ausgesehen haben könnte.
Die Stimmung in der Runde blieb gut, alles Mögliche wurde diskutiert, doch plötzlich stockte die Unterhaltung. Der Gesprächsstoff war ausgegangen. Leherb griff spontan nach der Hand seines Nachbarn und begann darin zu lesen. Später erläuterte er: Sein Leben in St. Tropez sei bei weitem nicht so toll, wie viele glauben würden. Als Künstler sei man praktisch der Hofnarr der Gesellschaft und man müsse die anderen bei Laune halten. Und wenn man keinen Gesprächsstoff mehr finde, müsse man irgend einen neuen Faden ziehen, um wieder ins Gespräch zu kommen. Das Handlesen erwies sich als perfekt für diesen Zweck.
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Beitrag im „tourist austria international“, der Wochenzeitung für Fremdenverkehr, Verkehr und Wirtschaft vom 12. Oktober 1979:
„Das ist der Grand Prix Tourist Austria: eine ellenhohe Metallplastik des Wiener Bildhauers Eduard Diem. Sie symbolisiert „die Welt in unseren Händen“. In den Händen der Tourismusmanager und der Künstler, welche die Werbung für den Fremdenverkehr gestalten. Jeder Bronzeguss wird vom Künstler einzeln gestaltet, jede Trophäe ist ein wertvolles Unikat. Acht davon gibt es von nun an jedes Jahr zu erringen: im härtesten Wettbewerb, der bisher da war, die kostbarste Trophäe, die es bisher gab.“
Insam und Diem haben einander auf Paros kennen gelernt. Er hatte die Malkurse des jeweiligen Vormonats geleitet.
Zurück zum Werbe-Oscar: Nach der Auslieferung der Bestellung im Jahr 1985 hatte Eduard Diem nichts mehr gehört. Er dachte, dass die Aktion eingestellt worden sei. Es war nicht seine Art nachzufragen oder sich aufzudrängen. Auch bei abgegebenen Offerten fragte er niemals nach: Bei einem Zuschlag wird sich der Interessent schon melden.
Doch eines Tages erfuhr Eduard aus dem Fernsehen, dass seine Plastik immer noch vergeben wurde, und zwar oftmals und zu den verschiedensten Zwecken. Da eine gütliche Einigung mit dem Rechtsnachfolger des ursprünglichen Unternehmens nicht zustande kam, entschloss er sich zu einer Klage und beauftragte den Rechtsanwalt Dr. Zanger. Dieser sammelte Zeitschriften aus der ganzen Welt, in denen der „Touristen-Oscar“ beworben wurde. Er konnte 193 Vergaben nachweisen. Der Prozess wurde gewonnen, aber leider konnte der Schadenersatz für die Verletzung von Urheberrechten nur für die letzten drei Jahre
Eduard Diem – Leben und Werk
Eine Fotografie des Mobilitäts-Oscars in der auto touring
vom April 1998
eingefordert werden. 2004 kam es zu einem Vergleich über einen pauschalierten Schadenersatz von € 13.000.
Der „T.A.I. WERBE GRAND PRIX“ wird bis heute vergeben. Über die Fachjury hinaus wird auch das Publikum in das Voting einbezogen und gilt als weltweit härtester und zugleich fairster Wettbewerb für touristische Werbemittel. Die überreichte Trophäe ist heute allerdings eine andere.
An dieser Stelle seien gleich weitere Plastiken bzw. Trophäen aus der Hand Eduard Diems erwähnt, die als Preise überreicht wurden, auch wenn sie nicht direkt der österreichischen Fremdenverkehrswerbung dienten:
1986 gab es die Trophäe für die österreichische Alpenfahrt (100 Jahre Automobil um den BMW Austria Cup),
1992 eine Kleinplastik (Eule) zugunsten der Handicap People. Davon wurden 120 Stück verkauft bzw. versteigert. Ein paar Eulen hat das Land Niederösterreich gekauft und ausländischen Besuchern als Gastgeschenk gegeben.
1995 entstand die Siegertrophäe für ein jährliches Golfturnier der Bank Austria in Donnerskirchen im Burgenland.
1996 war es eine Trophäe für den ÖAMTC, der damals seinen 100. Geburtstag feierte: den „Mobilitäts-Oscar“. Die „auto touring“, das Clubmagazin des ÖAMTC, schrieb in der Ausgabe vom November 1996: „Als Anstoß für Industrie, Wissenschaft und Forschung, auf diesem Sektor weiter tätig zu sein, sieht ÖAMTC-Generalsekretär Dkfm. Heinz Doering den zum Jubiläum neugeschaffenen Mobilitäts-Oscar. Erster Träger dieser Auszeichnung, die künftig alljährlich verliehen werden sollte, ist der Motorpionier Prof. Hans List, der kürzlich 100-jährig verstarb. Sein Sohn, Dr. Helmut List, übernahm den Preis.“
Zelebriert wurde diese Feierlichkeit auf der Freyung. Hubschrauber wurden eingesetzt und der ORF sendete den ganzen Tag im Radio und im Fernsehen. Autofahrerklubs aus vielen europäischen Ländern waren vertreten. Gleichzeitig wurde auch das erste Mobiltelefon vorgestellt, es war einen halben Kilo schwer. Der damalige Präsident des ÖAMTC hielt Eduard mit der Frage, was er davon halte, ein Mikrofon vor das Gesicht. „Ja, es ist schon toll, weil man sich damit bewegen kann, aber es ist zu schwer!“, war die Antwort Eduards. Der Präsident war verschnupft.
Übrigens: In dieser auto touring wurde auch ein anderer Anstoß diskutiert, nämlich ein weiterer Beitrag der Autofahrer zur Finanzierung des Straßenbaus und der Straßenerhaltung: das damals eingeführte Autobahnpickerl. Es erwies sich als nachhaltiger als der Mobilitäts-Oscar.
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Trophäe für die
österreichische Alpenfahrt 1986
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ÖAMTC-Präsident Walter Melnizky (links) und Generalsekretär Heinz Doering überreichten AVL-Chef Helmut List (rechts) für seinen kürzlich verstorbenen Vater den Mobilitäts-Oscar.
Heinz Sundt (Mobilkom, 3. von links) erklärt Mobilitäts-Oscar-Gestalter Eduard Diem (links) mit Gattin und ÖAMTC-General Heinz Doering das neueste Telefon.
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Hausbemalungen
Im Jahr 1978 wurde Eduard Diem von Wohnungseigentümern einer Reihenhaussiedlung in Enzersdorf beauftragt, die Fassaden bunt zu bemalen. Ein Freund, mit dem Eduard in der Sahara unterwegs gewesen war, hatte dies vermittelt.
„Das geht nicht!“, war die erste Reaktion des Bürgermeisters auf das Ansinnen. Nach Gesprächen mit den Wohnungsinhabern war es eine zweite Reaktion des Bürgermeisters, in der Siedlung eine Abstimmung zu veranlassen. Da die Abstimmung ein paar Tage nach der Fertigstellung des Auftrages stattfand, ging es darum, ob die Bemalung wieder entfernt werden sollte oder nicht. Von den 25 Parteien der Siedlung stimmten fast alle für den Erhalt der Bemalung, nur zwei waren dagegen, diese waren Funktionäre aus der Partei des Bürgermeisters. Die Wohnungseigentümer wollten sogar, dass auch das Stiegenhaus neu gestaltet würde. Schließlich lud Eduard die Leute ein, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er malte Skizzen an die Wand, die dann nur mehr farblich auszugestalten waren.
Jedenfalls hatte das Projekt erhebliches Aufsehen erregt, an einem Tag wurden die Arbeiten sogar vom Fernsehen verfolgt. 25 Jahre später erfuhr Eduard von einer Bewohnerin, dass es diese Bemalung nach wie vor gibt.
Die fertiggestellte Hausbemalung 1978 in Enzersdorf
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Eduard bei der Arbeit
Journalistisches Interesse
„Work in progress“
Eduard Diem – Leben und Werk
Der für Eduard erstaunliche Widerstand gegen die Verschönerung der in trostlosem Grau gehaltenen Bauten veranlasste ihn zu
diesen Karikaturen.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Eine andere Hausbemalung, ungefähr zwei Jahre später, betraf keine Fassade, sondern die Innenräume der Firma Fritze Lacke. Damals im Jahr 1980 hatte das Unternehmen seine Niederlassung in der Nähe der Breitenfurter Straße. Dort gab es einen großen Raum, abgeteilt durch ein Regal. Die gesamte Rückwand des Regals wurde für ein großes Gemälde genutzt. Es war eine Gemeinschaftsarbeit von Eduard Diem und einem kleinen Team aus Hobbymalern.
Zweck des Gemäldes war es, den Kunden des Unternehmens die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Lacke zu veranschaulichen.
April und Mai 1980: Der Beginn der Arbeiten und unten die fertige Wand. Auch andere Flächen des Raumes wie Türen und die Vorderansicht des Verkaufspultes wurden mit einbezogen.
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Oben: Der Hahn als eines der Lieblingsmotive Eduard Diems darf natürlich nicht fehlen.
Links ein Ausschnitt des Wandgemäldes. Der Barockmaler Johann Bergl hätte sicherlich seine Freude daran.
Hahn.
Federzeichnung mit Tusche, 1960, 25x34cm. Eine frühe Skizze zu diesem von Eduard häufig dargestellten Tier.
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard als Architekt
Über diese Facette in seinem Leben berichtet Eduard folgendermaßen:
Die ständige Präsenz in der Galerie am Börseplatz und später in der Blutgasse war für mich sehr hilfreich. Gerhard Habarta am Börseplatz und Otto Staininger in der Blutgasse knüpften viele Kontakte im In- und Ausland, wodurch Ausstellungen zustande kamen. Auch Ankäufe gab es, doch waren sie bei weitem nicht genug, um davon leben zu können. Ich jobbte bei Kleiderhahn, damals DER Herrenausstatter in Wien.
Die Ferien verbrachten wir in Fonyód am Balaton. Unser Freund Karol Völgy teilte uns mit, dass er das kleine Ferienhaus schleifen und statt dessen ein Einfamilienhaus errichten wollte. Er zeigte mir einen Plan. Es gab einige Verbesserungsmöglichkeiten und ich skizzierte einen neuen Plan. Karol meinte, er hätte gern ein österreichisches Haus. Ich ging in den Supermarkt, schnorrte Pappkarton und baute ein Modell nach meinen Vorstellungen im Maßstab 1:10. Karol war begeistert. Er baute genau nach dem Modell. Für mich war das Haus so wie 1000 andere auch, nur in Ungarn wurde das Haus mit seiner Steinfassade und der in Ungarn damals unüblichen Dachform sehr bestaunt.
Ich erzählte meinem Chef bei Kleiderhahn von dem Haus. Er hatte am Sonntagsberg einen Vierkanthof gekauft und ließ alles niederreißen, mit Ausnahme des Mostkellers und einer Hausmühle. Wir fuhren auf das Grundstück, es war
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Hilde Diem im August 1979 vor dem von Eduard entworfenen Haus in Fonyód. Leider ist nur ein Teil der eigenwilligen Steinfassade zu sehen und nicht das ganze Haus.
Eduard spricht über seine Berührungen mit der Architektur
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Im Obergeschoß sollten vier Gästezimmer sein. Platz war höchstens für zwei. Ich baute im Atelier mit Stellwänden einen Raum mit Schrank, Bett, Sitzgelegenheit und Waschbecken, um darzustellen, dass es so nicht geht. Er ließ sich nicht überzeugen und wir zerkrachten uns. Er lief ins Büro und diktierte meine Kündigung, die ich annahm. Ich hatte sofort einen neuen Job im Modenhaus Fürnkranz. Vierzehn Tage später kam mein
Eduard Diem während des
ORF-Interviews am
9. September 1974
eine Bergwiese mit fünf riesigen Birnbäumen. Oberhalb entdeckte ich auch eine natürliche Quelle. Die Lage war wirklich traumhaft. Von da an saß mein Chef täglich bei mir im Atelier, rauchte meine Zigaretten, sprach nur mehr von seinem Haus und hielt mich von meiner eigentlichen Arbeit ab. Natürlich wollte er ein Modell.
Ich bemühte mich, es so zu gestalten, dass die Zufahrt um die Bäume, die in verschiedenen Höhen standen, geführt werden konnte. Der Pool war nicht am Haus, sondern unter Berücksichtigung der Natur weiter unten. Ich hatte auch die Idee, einen Felsen in das riesige Gesellschafts-(Wohn-)zimmer zu integrieren und Wasser von der Quelle durch das Haus fließen zu lassen. Das Dach sollte in weichen Wellen wie eine Palatschinke aufliegen.
Wir führten Debatten über den Stil und wie es innen aussehen sollte. Er wünschte sich zum Beispiel eine versperrbare Hausbar. Ich ging zu einem Altwarenhändler in der Triesterstraße, der hauptsächlich mit Metall handelte. Ich fand ein schmiedeeisernes Gartentürl, leicht beschädigt, und fragte nach dem Preis. Der Händler verlangte 10.000 Schilling. Ich war verblüfft über den unrealistischen Preis. Auf meinen Einwand hin meinte er: ‚Ach was, Sie können das schon zahlen, ich habe Sie vorige Woche im Fernsehen gesehen‘. Das war eine Reportage meiner Ausstellung in der Blutgasse vom 9. September 1974 gewesen.
Eduard Diem – Leben und Werk
Noch-Chef mit dem Ansinnen, die Kündigung zurückzuziehen. Ich lehnte natürlich ab.
Bei Fürnkranz hatte ich im Dachgeschoß des Stammhauses ein riesiges Atelier.
Ich hatte eine Ausstellung in der Galerie Romanum. Ein Herr, der Prokurist der Firma Berghofer Werkzeug und Eisengroßhandel, bot mir einen Job in der Werbeabteilung an. Ich sagte sofort zu. Ich nahm noch eine Kollegin von Fürnkranz und einen Kollegen von Kleiderhahn mit in mein Team. In der neuen Firma hatte ich Kommerzialrat Ferdinand Pierer von meiner differenzierten Sichtweise überzeugen können. Die Familie Pierer hatte in der zweiten Generation eine sehr beachtliche Kunstsammlung, von der Gotik bis ins 20. Jahrhundert, aufgebaut. Auch Direktor Dr. Ebenbichler war sehr kunstinteressiert. Er kam aus Schwaz und brachte meine Bilder in der Galerie Vomp unter. Kommerzialrat Pierer verkaufte sein Haus in der Hinterbrühl dem Maler Rudolf Hausner und baute daneben ein neues Haus für seine Sammlung. Er hatte präzise Pläne, wo was stehen sollte. Drei Monate habe ich mit ihm die Kunstwerke in Vitrinen oder freistehend platziert. Für den Handlauf der Stiege machte ich einen Löwen aus Bronze. KR Pierer war damals Governor des Lions Club Mödling. Ich fühlte mich rundum wohl in der Firma.
Doch dann wollte mein Chef die Firma auflösen und schon damals spielte ich mit dem Gedanken, mein weiteres Leben als freischaffender Künstler zu wagen. Meine Bilder und Plastiken verkauften sich in diversen Galerien schon recht gut.
Ein Angebot der Firma Kaindl – wir kannten uns von den Frühjahrs- und Herbstmessen – schlug ich aus. Ich hatte Glück. Unser Leben ging ohne Einschränkungen weiter. Malkurse in Griechenland und Madeira wurden gleichzeitig zum Familienurlaub.
Ich konnte zwei Steinskulpturen verkaufen, bekam den Auftrag für die Stahlföhre in Mödling und das Südmährerdenkmal in Kleinschweinbarth gegenüber von Mikulov. Pläne für eine Zusammenarbeit mit tschechischen Künstlern scheiterten am Interesse österreichischer Politiker und wahrscheinlich auch auf tschechischer Seite.
Ich selbst hatte nun mehr Zeit, um produktiv zu sein. Die Folge war zu wenig Platz, um Skulpturen und Bilder zu lagern. Als in der Siedlung in der Höpflergasse ein weiterer Lagerraum mit 14 Quadratmetern frei wurde, hatte ich vier Lagerräume als Depot und einen als Atelier. Eines Tages brachen Diebe alle Kellerräume auf und stahlen Fahrräder. Meine Bronzeskulpturen und Bilder wurden nicht angerührt.
Der Auftrag für den Award der ‚tourist austria international‘, der jährlich vergeben wurde, brachte ein kleines Basiseinkommen.
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Eduard Diem ca. 1975 in seinem Atelier in der Höpflergasse
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Ich kaufte einen Schrebergarten und baute ein Gartenhaus mit den vorgeschriebenen 25 Quadratmetern. Das brachte bessere Arbeitsmöglichkeiten für das Schaffen von Skulpturen. Ich baute das Haus mit Ytongziegel im Alleingang. Nur für die Kellerdecke, die Senkgrube und die Verlegung der Eternit-Dachdeckung hatte ich Profihandwerker. Den Bauplan hatte ich vom Vorbesitzer des Gartens übernommen, etwas abgeändert, zur Bewilligung eingereicht und auch danach gebaut. Der Beamte, der die Begutachtung zur Benützungsfreigabe durchführte, fand fadenscheinige Begründungen, die Bewilligung nicht erteilen zu können. Das Haus sei zu hoch, was nicht stimmte. Beim zweiten Termin beanstandete er, die Stufen zur Haustür müssten ein Geländer haben. Zum dritten Termin kam ein anderer Beamter zur Begutachtung. Der wunderte sich über die Schikanen des Kollegen, der – wie er dann erzählte – fristlos entlassen wurde. Er wollte mit seinen Methoden Schmiergeld erpressen.
Das war mein Abenteuer als ‚Architekt, Maurer und Bauherr‘ in einer Person.
So ist das bei Eduard Diem. Seine Berichte über ein Thema bleiben nicht lange fokussiert, sondern flechten zahlreiche andere Dinge ein und können auch zu einer kleinen Autobiografie wachsen. Sein langes und abwechslungsreiches Leben bietet zahllose Schnittstellen für Abweichungen in beliebige Richtungen. Andererseits bleiben seine Berichte unvollständig, weil er an vieles gerade nicht denkt oder es für belanglos hält, hier das Architektonische betreffend.
Ein Beispiel sind seine Vorschläge für die Nutzung der Wiener Flaktürme. Im März 2003 beteiligte er sich an einem Ideenwettbewerb der Kronenzeitung. Einer seiner Vorschläge wurde in der Krone vom 18. März 2003 veröffentlicht. Dafür gab’s ein Honorar von 50 Euro. Eduard hätte die Darstellung seines spannenden Konzeptes mit schrägem Aufzug bevorzugt. Dieses war aber wohl zu herausfordernd.
Hinsichtlich des Flakturms in der Stiftskaserne hatte er in einer früheren Wortmeldung angeregt, diesen in die Konzepte zur Umwandlung des Messepalastes in das MuseumsQuartier einzubinden. Aber als Archivstandort war er wohl sakrosankt.
Apropos, weil im obigen Text auch die Firma Berghofer genannt wurde, sei noch eine Episode aus der Tätigkeit bei dieser Firma angefügt:
Unter anderem habe ich auch das Logo für die Firma Berghofer entworfen. Als ich zu dieser Firma kam, war deren grafisches Erscheinungsbild völlig veraltet. Ich schlug vor, den Fuhrpark inklusive der Vertreter-Autos in Silber zu lackieren, sozusagen in Aluminiumfarbe. Herausstechen sollte ein Firmenlogo mit einem roten ‚B‘ für Berghofer. Ansprechpartner waren Herr
Eduard erzählt eine Episode aus seiner Tätigkeit bei der Firma Berghofer
Eduard Diem – Leben und Werk
Direktor Dr. Ebenbichler und Herr Zöchling, der die Inseratenwerbung managte.
Ich beobachtete einen Verkäufer in der Sanitärabteilung, als dieser gerade mit ein paar Muffen hantierte. Gemeinsam haben wir dann dieses ‚B‘ aus solchen Sanitärkomponenten geformt. Das war der Ursprung des dann verwendeten Logos. Hervorstechend war die Kombination der Farben Silber, Rot und auch Schwarz. Alle Autos wurden neu lackiert, auch die ursprünglich schmutzig-grünen Planen der Lieferautos in dementsprechender Farbe neu angeschafft.
Als die ersten Autos unterwegs waren, kam eine Anzeige des ORF, dass er die Kombination der Farben Silber, Rot und Schwarz für sich beanspruchte. In der Folge gab es einen Rechtsstreit, den allerdings wir gewannen. Wir waren mit dieser Kombination früher unterwegs. Es kam zu einer Einigung und die Firma Berghofer und der ORF durften die gleichen Farben verwenden.
Es war nicht leicht, Logos der schon vor langer Zeit liquidierten Firma Berghofer zu finden. Die rechts abgebildeten Grafiken stammen von alten Dokumenten aus dem Archiv des Ober St. Veiters Rudolf Wawra. Zuerst das alte Logo und rechts davon das neue in einer für einfache Drucksorten wie z. B. Rechnungen sehr vereinfachten (einfärbigen) Form.
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Architekturobjekt.
Materialmix patiniert, 2002, Höhe 125cm
Löwe.
Bronzeguss, 1983, 15x25cm.
Guss nach einem Gipsmodell im Zusammenhang mit einem Auftrag für den Abschluss eines Stiegenaufganges. Für Eduard war dies ein interessantes Studienobjekt und er stellte mehrere Variationen her.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Die Landschaft und der Baum
Wenn Eduard auf seine Landschaftsbilder zu sprechen kommt, dann greift er meist weit zurück, bis zum Beginn seiner Leidenschaft für die Malerei. Kein Wunder, denn seine ersten Bilder waren meist Landschaftsbilder. Aber warum eigentlich hatte er ursprünglich begonnen zu malen? Das Thema hatten wir in diesem Buch schon öfters und immer kommt dieser alte Dachboden ins Spiel und das dort gefundene Buch mit den Renaissance-Bildern. Aber nur selten sind die Dinge wirklich so monokausal und Eduard gibt zu: „Warum ich wirklich zu malen begann, weiß ich nicht mehr“. Aber noch wichtiger wäre die Frage, warum ihn das Malen bis heute fasziniert. Auch dazu kommen bald mehrere Möglichkeiten ins Spiel, oft sehr tiefenpsychologische Vermutungen. Eine davon liegt in der dem Malen inhärenten Möglichkeit, Ordnung zu schaffen und Ordnung in die eigene Gedankenwelt zu bringen. Es kann sogar ein Weg sein, um zu sich selbst zu finden.
Aber um dieser Möglichkeit eine Chance zu geben, darf man seine Zeit nicht mit „Ismen“ vergeuden oder sonst einer modischen Stilrichtung nacheifern. Das wäre reine Zeitvergeudung. Wichtig ist vor allem, dass das Bild dem Thema gerecht wird und in Form und Farbe stimmt. Es soll sich keiner Scheinwelt hingeben, sondern es soll das Schicksal einer Landschaft (oder wenn das Thema ein Mensch ist, dann dessen Schicksal) thematisiert werden. Eduard Diem beschäftigten sowohl die Tragödie als auch das Komödiantische im Leben.
Eduard wuchs in einem Landstrich auf, wo ein Baum wie ein Monument der Landschaft ihr Gepräge gab. Es lag ein enormer Widerspruch in der optischen Kargheit der an Schatten armen Landschaft und ihrer Fruchtbarkeit.
Der augenscheinlich um seine Existenz ringende Baum wurde in Eduards Landschaftsbildern zum Symbol des Lebens und taucht als solches immer wieder auf. Er gewinnt fast magische Bedeutung. Wenn Eduard eine Landschaft malt, versucht er sie in ihrem ganzen Wesen zu erfassen. Aber auch Menschen sind für ihn Landschaften.
Alle meine Bilder entstehen in meinem Atelier, sie sind eine Summe von Erfahrungen und Beobachtungen. Ich male oft mit Aquarell-, Öl- und vor allem Offsetfarben an einem Bild. Angeregt durch meinen Freund und Kollegen Fred Nowak, dessen leuchtende Bilder mich faszinierten, habe ich einen Stil entwickelt, der meinem Temperament und meinem malerischen Anliegen entspricht. So male ich nun in einer Formensprache,
Ein paar Worte Eduards
zu seiner Maltechnik
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die man weder dem Impressionismus noch dem Expressionismus, noch einem der modernen ‚Ismen‘ zuordnen kann. Aber letztlich interpretiert jeder ernsthafte Maler seine Landschaft, das heißt sich selbst.
Landschaft mit Bäumen.
Offsetdruck, 1974, 65x50cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Kühe, Pferde und Eulen
Den Bauernkalender kannte Eduard schon als kleines Kind. Als er dann lesen konnte, wurde der Kalender für ihn noch interessanter. Unter anderem las er darin etwas über das Hornvieh. Er kannte die Kühe und Ziegen, die im Stall angekettet waren und Hörner hatten. Der im täglichen Sprachgebrauch kaum verwendete Sammelbegriff „Hornvieh“ war ihm jedoch neu. Er kannte nur Viecher, Kua, Stiere, Goas etc. Mit diesen wurde brutal umgegangen, auch mit den Pferden, die dann bissig und unberechenbar wurden. Außerdem hatten ihn die Schwalbennester im Kuhstall viel mehr fasziniert als Kühe und Ziegen. Die Schwalben fingen die Fliegen im Flug und fütterten damit ihre ewighungrigen Jungen. Besonders interessant war es, ihnen beim Nestbau zuzusehen.
Aber als Modell für Eduards erste, aus dem in seiner Konsistenz der Seife ähnlichen Löss geschnitzte Skulpturen war die Stallkuh wesentlich geeigneter, obwohl oder vielleicht sogar weil sie gar nichts Elegantes oder Geschmeidiges an sich hatte. Sie zwang regelrecht zu einer dem Kubismus angenäherten Formensprache und das wieder dürfte eine Art Weichenstellung beim jungen, kontemplativen Edi ausgelöst haben.
Bei den späteren in der Wiener Akademiezeit angefertigten Pferdeplastiken hatte er schon alle Hemmungen im Verlassen realistischer Darstellungen überwunden. Edi wollte keine schönen, zum Streicheln einladenden Skulpturen schaffen. Eine Naturgestalt zu kopieren war für ihn keine Herausforderung. Die Skulptur seiner Vorstellung bestand aus mehreren Formen, die man so zusammensetzt, dass sie schlüssig, interessant und von jeder Seite möglichst spannend ist. Das Thema sollte rundherum formal bewältigt sein und nach Möglichkeit sogar Überraschungen bergen und zur Diskussion herausfordern. Dieser Anforderung stellte er sich das ganze Leben.
Die fast unförmige, von Eduard als Modell bevorzugte Stallkuh gibt es allerdings kaum noch, jedenfalls nicht in seiner alten Heimat. An die Stelle der Kleinbauern mit ihren Kühen, Hühnern und kleinen Weingärten sind Betriebe getreten, die auf meist gepachteten Flächen (verkaufen wollten doch die wenigsten) in großem Stil Kellereien oder Feldwirtschaft betreiben. Die unförmige Kuh war ebenfalls eine Station in den vielen Veränderungen des vorigen Jahrhunderts. Etwa bis zum Ersten Weltkrieg gab es den Dorfanger und Brachfelder, wo die Rinder weideten. Die Feldwirtschaft veränderte sich und die Kühe verschwanden in den Ställen, wo sie an Ketten gelegt wurden. Eine gute Milchkuh gab zehn bis zwölf Liter Milch pro Tag, wurde oft vierzehn Jahre
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gehalten und gebar etliche Kälber. Erst wenn die Milchproduktion stark nachließ, wurde sie dem Fleischhauer verkauft. Die heutige Turbokuh ist neu gestylt: Keine Hörner und ein so großes Euter, sodass sie nur mit gespreizten Beinen gehen oder stehen kann. Sie soll bis zu 24 Liter Milch pro Tag geben und nach fünf Jahren wird sie geschlachtet. Mit dem „Hornvieh“ als Eduards beliebtem Kunstobjekt ist sie nur mehr entfernt verwandt.
Natürlich war es für Eduard nicht leicht, mit seinem Formenvokabular die Charakteristika dieser Tiere darzustellen: Wie sie sich bewegen, wie sie auf der Weide grasen oder wie sie ruhen. Eduards wichtigstes Werkzeug waren und sind nicht Hammer, Meißel oder das Modellierwerkzeug, sondern es ist die genaue Beobachtung. In diesem Zusammenhang profitierte er von seinem Großvater, der auch Jäger war. Der junge Edi durfte ihn ab und zu bei seinen Streifzügen durch das Revier begleiten und lernte dabei das genaue Beobachten. Eine voyeuristische Angewohnheit ist ihm geblieben und für die Komposition einer Skulptur sehr hilfreich. Ob in der U-Bahn oder bei einem Event, Eduard sieht sich immer die Leute an. Bei einem Gebäude versucht er mit einem Blick herauszufinden, wie viele Fenster und Eingänge es hat. Er ertappt sich auch dabei, schnell die Anzahl der Menschen im Waggon zu schätzen. Eine Manie, die er sich selbst nicht ausreichend erklären kann.
Zwei dieser Skulpturen von Kuh und Stier hat das Kulturamt der Stadt Wien angekauft. Dieses betrieb eine Art Kunstverleih, bei dem sich jeder Interessierte Kunstwerke gegen eine Gebühr ausborgen konnte: für eine Ausstellung, eine sonstige Veranstaltung oder als Dekoration für Büros oder Wohnungen. Wollte man das Objekt behalten, konnte man gegen Einrechnung der Leihgebühr den Kaufpreis entrichten. Eine Stierskulptur von Eduard gelangte auf diesem Wege in die Alte Schmiede und wurde dort gestohlen. Auch das Land Niederösterreich hat solche Skulpturen, diese wurden sogar öfters auf Tournee zu Auslandsausstellungen geschickt.
Die Veröffentlichung des Verlustes im Amtsblatt der Bundespolizeidirektion Wien
Vogel. Skulptur aus Holz. 1964, Höhe 18,5cm. Eine frühe, von den archetypischen Tierdarstellungen Diems abweichende Arbeit.
Eduard Diem – Leben und Werk
Einmal wollte sich Eduard eine solche Ausstellung in Znaim ansehen, kam aber leider zu spät: Die Ausstellung war bereits nach Iglau weitergezogen. Der Museumsleiter in Znaim, der Eduard nicht kannte, äußerte sein Bedauern, denn er bezeichnete sie als eine sehr interessante Ausstellung. Er beschrieb dem anonym bleibenden Eduard seinen Zugang zu den kubistischen Tierfiguren und es entwickelte sich ein anregendes Gespräch.
Das war etwa Mitte der 1990er-Jahre und Eduard versuchte auf Basis dieser Anregung eine Verbindung für gemeinsame Aktivitäten des Mödlinger Künstlerbundes und des internationalen Künstlerbundes art/diagonal mit Znaim zu initiieren. Doch dort fanden Wahlen statt und der neue Gemeinderat zeigte sich an solchen Veranstaltungen nicht mehr interessiert. Die Idee wurde auch von österreichischer Seite nicht unterstützt. Internationale Vereine wie die art/diagonal mit aktiven Mitgliedern in der Slowakei, Deutschland, Italien und Syrien haben grundsätzlich Nachteile in der Akquisition von Förderungen. Trotzdem sind solche Begegnungen anregend und führen zu interessanten Ausstellungen. Die jüngste geplante Ausstellung fiel leider der Corona-Pandemie zum Opfer.
Eduards künstlerisches Leben wurde auch von Eulen begleitet. Diese Tiere traten in sein Leben, als gleich zwei Galerien die Idee zu einer Gemeinschaftsausstellung mit Tiermotiven hatten. Das war eine Galerie bei Göllersdorf und diejenige am Doktorberg. Eduard wollte nicht mit Hund’ und Katz’ kommen, wie wahrscheinlich von ihm erwartet wurde. Hunde und Katzen vernachlässigte Eduard Diem bis zuletzt. Bei Hunden wollten die Kunden meist ein Porträt ihres Lieblings, bei Katzen war das weniger strikt, doch wurden Abstraktionen oder Überformungen ebenfalls abgelehnt.
Eduard aber erinnerte sich wieder an seine Kindheit und den jungen Kauz, der aus dem Nest im Dachgebälk gefallen war und den er mit rohem Fleisch füttern wollte. Aber es gelang leider nicht, ihn zu retten. Die von den Vogeleltern gebrachte Nahrung war wohl in artgerechter Weise verträglich gemacht worden. Er erinnerte sich auch an seine zweite Begegnung mit einer Eule, diese war etwas unfreundlicher. In der Nähe des elterlichen Haustores stand eine hohe Fichte. Eines Tages, als Edi das Haus verlassen hatte, knallte der Wind das Haustor zu und eine aufgeschreckte, weiße Schleiereule, die wohl in der Fichte geschlafen hatte, näherte sich ihm im Sturzflug. Gekonnt platzierte sie eine Bombe ihres scharfen Verdauungsproduktes auf Edi. Edi war überrascht über die Größe des Vogels und die Spannweite seiner Flügel.
Edi malte damals ein paar Bilder mit Eulen. Im Lexikon hatte er sich darüber informiert, wie viele Eulenartige es gibt. Auch hier wollte er nicht bei der getreuen Abbildung bleiben und er begann, formale plastische Lösungen zu suchen. Nicht die möglichst naturnahe Eule strebte er an, sondern eine den Gesetzen
Eulenskizze, Bleistift auf Papier, 20x10cm.
Eine rasch auf ein beliebiges Papier geworfene Skizze, wie sie zu hunderten wieder weggeworfen wurde.
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Eule, 2006, A4
Skizze für eine Skulptur,
Fineliner auf Papier
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Diese Skulpturen werden erst durch den Kopf mit den zwei Löchern zur Eule. Löcher statt Augen stellen das Schauen noch zwingender dar.
Wenn Eduard Diem eine ca. 10 cm große Plastik modelliert, die wie ein Vogel aussieht, ist es nie seine Absicht, einen Vogel quasi zu kopieren. Die Plastik soll unter Vermeidung von Wiederholungen von allen Seiten überraschende Lösungen bieten und auch im kleinen Format schon monumental vorstellbar sein. Ein Betrachter wird sich damit länger beschäftigen als mit einer naturgetreuen Nachahmung.
Eduard Diem – Leben und Werk
der Skulptur entsprechende Form. Eine Skulptur, die an eine Eule erinnert. Eduard hatte damals sehr wenig Platz zum Arbeiten und nur geringe Lagermöglichkeiten, daher beschränkte er sich auf kleine Modelle. Später konnte er sie größer ausführen, vielleicht sogar im Zuge eines konkreten Auftrages. Das kleine sogenannte Handmodell hatte auch den Vorteil, auf Details verzichten zu müssen.
Im Laufe der Zeit entstanden insgesamt etwa zwanzig verschiedene Eulen.
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Stürzender Stier in der Arena.
Bronzeguss, 1985, 16x26cm.
Gegossen in Budapest nach einem Original
aus dem Jahr 1985
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Fohlen.
Bronzeguss, 1973, Höhe 22cm.
Eines von zehn Stück aus der Gießerei Loderer nach einem Modell am Ende der 1960er-Jahre
Eduard Diem – Leben und Werk
Der Schreitvogel
Ob eine Skulptur gelungen ist, ergibt letztendlich ihre Gesamtform. Eine freistehende Skulptur muss von jeder Seite interessant sein, auch die Rückseite. Viele der Skulpturen Eduards sind wie Piktogramme angelegt. Bei einer Figur in Bewegung ist diese Bewegung mit einfachen Formen dargestellt. Ein Beispiel von vielen ist der während der Corona-Zeit 2020 geschaffene Schreitvogel.
Damals verwendete Eduard den Rest einer Dämm-Kunststoffplatte. Sie war nicht allzu groß. Darauf skizzierte er einen Vogel. Wie in einer schnellen Skizze schnitt er die linke Seite, das Bein nach vorn und den Körper wie ein Band im Bogen bis zum Hals. Die gleiche Form schuf er für die rechte Seite, mit dem Bein nach hinten. Als dritten Teil schnitt er Kopf, Hals und den Bogen des Körpers. Dann setzte er die drei Teile zusammen, die fertige Rohform zeigte einen Watvogel, auch Schreitvogel genannt. Die gebogene Schleife vom Bein bis zum Hals formte den Körper, die Stellung der Beine ließ das langsame Schreiten im seichten Wasser gut erkennen. Mit Zement gab ihr Eduard die endgültige Form.
Der unfertige Schreitvogel, fotografiert am 9. Juni 2020
Skizzen zum Schreitvogel
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Vogelfreund.
Zement patiniert, 2011, Höhe 44cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Der Mensch
Schon bald mutierten die Darstellungen von Eule und Stier zu menschlichen Tierfiguren. Sie sind ja auch in alten Kulturen zu finden, etwa der Minotaurus in der kretischen Mythologie. Mit ausschlaggebend für diese künstlerische Richtung war die Aussage, dass sich Herr und Hund im Lauf der Zeit immer ähnlicher werden. Unter dem zusammengefassten Titel „Hidden Faces“ sieht der Betrachter bei flüchtigem Hinsehen einen menschlichen Kopf. Auf den zweiten Blick kippt das Bild und wird zum Hundeporträt.
Immer wieder fielen Eduard Menschen auf, deren Physiognomie oder deren Gehabe ihn zum Zeichnen anregten. Der Architekt und Karikaturist Gustav Peichl hatte einmal gesagt, für seine Karikaturen müsse ein Mensch ein „Gesicht“ haben. Ein Kopf mit Zahlen weist auf einen Börsianer hin. Ein Gesicht mit dem Profil eines offenen Taschenmessers wird zum Porträt des „G’schupften Ferdl“ aus dem Lied vom Ottakringer Strizzi, brillant interpretiert von Gerhard Bronner.
Noch ein paar persönliche Worte von Eduard Diem zu den „Hidden Faces“:
Viele meiner Wege erledige ich mit der U-Bahn. Anstatt mich während der Fahrt mittels des Handys aus der Gegenwart zu beamen, finde ich bei den Passagieren immer wieder Anregungen für eine Zeichnung, wobei es mir aber nie um visuelle Ähnlichkeit geht. Viele sitzen – wenn sie nicht gerade mit dem Mobiltelefon beschäftigt sind – mit verschlossener Miene da. Freundliche oder heitere Gesichter sind selten. Egal, ich versuche mir zu diesem Gesicht eine mögliche Biografie zu denken. Die daraus folgenden Zeichnungen sind nicht immer das, was man mit einem flüchtigen Blick sieht, gleiten oft in ein anderes Bildmotiv über. Mein langjähriger Freund und Kunstkenner Gerhard Habarta meinte: ‚Beim zweiten Hinsehen kippen die Zeichnungen in eine andere Dimension‘. Ein Kunstkritiker aus Chicago fand den Namen ‚Hidden Faces‘.
Ein paar Worte Eduards zu seinen „Hidden Faces“
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Ziffernkopf.
Zement patiniert,
2005, Höhe 31cm
Eduard Diem – Leben und Werk
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Eduard und die Farbe
Farben haben in Eduards malerischem Werk eine herausragende Bedeutung, auch vor und nach der im nächsten Kapitel beschriebenen Anwendung von besonders farbintensiven Druckfarben. Auf sein Farbempfinden angesprochen, antwortete er einmal in folgender Weise, natürlich nicht ohne ganz beiläufig auch das Thema zu wechseln:
Noch vor Sonnenaufgang bin ich damit beschäftigt, das Frühstück vorzubereiten. Durch das Küchenfenster sehe ich ein weißes Haus auf dem Berg. Beim ersten Sonnenstrahl bekommt die Fassade einen Hauch Orange und wirkt mit zunehmender Helligkeit wie angepisst mit Katzenpisse.
Warum denke ich an Katzenpisse? Vielleicht wegen Salvador Dalí. Er hatte einen Ozelot, ein katzenartiges Raubtier, das aussieht wie ein Leopard ‚en miniature‘. Einmal, als er seine Aquarelle auf der Veranda zum Trocknen ausgelegt hatte, pisste sein Ozelot darauf. Dalí war entzückt. Bei der ersten Dalí-Ausstellung in Wien hatte dieser Ozelot den Bankdirektor Walter Flöttl in die Wade gezwickt. Der war weniger entzückt.
Bei unserer eigenen Wand, die wir weiß gestrichen haben, registriere ich diese Zwischentöne bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen kaum. Für uns ist diese Wand bloß weiß.
Auf Paros in Griechenland habe ich demgegenüber registriert, dass sich eine Farbe ändert, wenn man eine andere danebensetzt. In der Farbkomposition, in der Verteilung und Gewichtung der Farben, spielt dies eine Rolle. Die Frage ist nicht, ob ein Kilo Rot röter ist als ein Dekagramm, es ist die Nachbarschaft, die eine Farbe erstrahlen lässt. Harmonie oder Disharmonie. Ich habe mich auch dazu animiert, den sogenannten ‚Palettendreck‘ zu verwenden, um die Farben besser zueinander zu bringen.
Beobachten und Registrieren ist sehr wichtig. Künstler sind unbewusste Voyeure. Der englische Bildhauer Henry Moore hat sich die Formgebung seiner gegenständlichen Skulpturen oft an mehreren Einzelteilen sowie seine abstrakten Skulpturen am zerklüfteten Felsen am Meer abgeschaut. Auch der abstrakteste Künstler ist immer auf der Suche nach neuer Inspiration. Bis auf die Wenigen, die meinen, vom Himmel gefallen zu sein.
Um nochmals auf die Farbe zurückzukommen: Auch im normalen Leben ist Rot nicht gleich Rot, Grün nicht pures Grün. Eine schwarze christlich-soziale Partei ist nicht unbedingt den Erfordernissen genügend sozial eingestellt.
Eduard über sein Farbempfinden
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Grün Rot Blau.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1974, 65x50cm
Religionsgemeinschaften, die sich bemühen, das Seelenheil zu verkünden, müssen sich immer wieder dafür verantworten, was im wirklichen Leben passiert. Künstler werden durch ihre Sensibilität oft zu Aufdeckern solcher Widersprüche, was ihrer Beliebtheit nicht gerade förderlich ist. So hat der chinesische Künstler Ai Weiwei Strandgut, zurückgelassene Schwimmwesten und Kleider in einer Großausstellung präsentiert. Er ist mit seinen Projekten stets mitten in der Realität, was die Menschen zum Denken anregen soll. Die Regierungen wehren sich mit Totalignoranz.
Oder der österreichische Künstler Erwin Wurm, der mit dem ‚Fatcar‘ nicht nur den Turbokapitalismus, sondern auch die Übergewichtigkeit der Gesellschaft im Auge hat. Zur breiteren Wahrnehmung solcher Botschaften bedarf es allerdings eines vom Kunstmanagement hochgepuschten Marktwertes, doch auch dann bleiben sie meist wirkungslos.
Natürlich wurde auch mit den Künstlerkollegen immer wieder über Farben diskutiert, auch im Atelier von Fred Nowak. Einmal wurde darüber gestritten, ob in der Malerei auch Weiß als Farbe zu sehen sei. Anlass dafür waren Eduards Malereien auf Karton,
Eduard Diem – Leben und Werk
wo er häufig weiße Flächen stehen ließ, so wie es in der Aquarellmalerei längst praktiziert wurde. Eduard wollte damit erreichen, dass sich der Betrachter das Bild unbewusst selbst fertig denken würde und seiner Meinung nach funktionierte das auch.
Im Jahr 1919 griff Kasimir Malewitsch das Thema „Weiß als Farbe, ja oder nein“ auf. Er klebte ein weißes Quadrat auf die weiß grundierte Leinwand, um so darzustellen, dass Weiß keine Farbe sei. Für ihn war es eine Vollendung der Gegenstandslosigkeit, die Befreiung von jeglicher Farbe, da sie das gesamte Farbspektrum gleichzeitig abbildet. Dieser Beweis versetzte Experten, Kuratoren etc. in große Aufregung und er wurde als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der modernen Malerei erkannt. Das Bild war sofort verkauft.
Auf der Basler Kunstmesse 2021 wurde dieses Bild wieder angeboten. Es erzielte den höchsten Preis aller Verkäufe in der „Art Basel“. Es wäre interessant zu wissen, durch wie viele Hände das Bild in den letzten Jahrzehnten gegangen ist.
Zurück zum Disput unter Eduards Künstlerkollegen. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wie der damalige Streit unter Künstlern ausging. Es ist auch müßig, dem mit hoher Intensität nachzugehen. Den bestehenden Farbenlehren, wie sie wissenschaftlich in der Physik, Physiologie und Psychologie erklärt und interpretiert werden, stehen vielfältige künstlerische Auffassungen und Anwendungen gegenüber.
In der praktischen Anwendung ist es belanglos, ob nun Weiß eine unbunte Farbe ist oder ob sie das gesamte Farbspektrum in sich vereinigt, man geht ins Geschäft und kauft weiße Farbe, um damit die Wände zu streichen oder ein Bild zu malen. Oder Deckweiß, um Farben zu mischen etc. Der Rest wird vom eigenen Farbempfinden, von der Bildkomposition und vor allem von der angewandten Maltechnik, in der Weiß eben auch die blanke Leinwand oder deren Durchschimmern darstellen kann, bestimmt.
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Verschneite Kellergasse.
Acryl auf Faserplatte,
1967, 50x65cm
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„Die Galerie in der Goldgasse hat gegenwärtig einen Wiener Künstler zu Gast, dessen Arbeiten bemerkenswert sind. Bemerkenswert schon ob des ersten Eindrucks, den sie durch ihre intensive Farbigkeit erwecken, aber auch dank der verständlichen, also vernünftigen Themen, denen die in einer eigenartigen Technik geschaffenen Blätter gewidmet sind. Eduard Diem, ein Vierziger, hat sich diese auf der Verwendung von Buchdruck-Farben basierende Schaffensweise, die zu raffinierten Färb- und Stimmungseffekten führt, auf dem Weg vieler Versuche erarbeitet. Ihre Anwendung kommt besonders seinen landschaftlichen Darstellungen zugute, die Wirkung ihrer Machart ähnelt der von Bildern in der Gouache-Technik.
Eduard Diem, der sich im vorigen Sommer in einer Gemeinschaftsausstellung im Zwerglgarten-Pavillon den Salzburgern erstmals vorgestellt hat, darf darauf verweisen, in den Sammlungen des Unterrichtsministeriums und der Albertina vertreten zu sein, der Kreis seiner Ausstellungen nahm auch das Ausland schon mehrfach in sich auf. Diem ist Autodidakt, also keiner Richtung verhaftet. Er nennt sich selber einen Farbenfanatiker und diesem Fanatismus huldigt er nicht nur in Landschaftsmotiven, sondern auch in den Blättern mit gesellschaftskritischer Tendenz; seinem Bedürfnis, Kritik zu üben, entspricht die meist düstere, unheilschwangere Atmosphäre, die seinen Landschaften eigen ist. Diem sieht eine farbig brennende Welt und fühlt sich ihrer bildlichen Fixierung verpflichtet.“
Salzburger Volksblatt 19. März 1970
„Farbenbrand auf Bildern“
Eine Zeitungsmeldung zu einer Ausstellung in der Galerie in der Goldgasse
Der Kurier.
Offsetmalerei auf Karton,
1985, 50x65cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Unikatgrafiken
Das ist eine von Eduard Diem gerne gebrauchte und eigentlich falsche Bezeichnung. Die „Unikatgrafiken“ entstehen unter Verwendung von Offsetfarben oder anderen flüssigen Druckfarben. Natürlich wird bei der Verwendung von Druckfarben allgemein angenommen, dass es sich bei dem Ergebnis um einen Druck handelt. Auch die Optik und Haptik der glatten Oberfläche des von Eduard meist verwendeten Kartons mit einer Grammatur von 120 Gramm verleitet zu dieser Ansicht. Doch hier handelt es sich um eine Maltechnik, und zwar um jene spezielle Maltechnik, deren Farbintensität besonders bewundert wurde und die Eduards Selbsteinschätzung als „Farbfanatiker“ gerecht wurde.
Die Offsetfarben sind fett und von honigartiger Konsistenz. Die Grundtöne werden mit Transparentweiß zum gewünschten Farbton gemischt und mit einer Spachtel auf saugfähigem Grund aufgetragen. Sind die Farben gut gemischt, entwickeln sie eine besondere Brillanz und eine dem Aquarell ähnliche Transparenz.
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Neugierig.
Malerei mit verdünnter Offsetfarbe auf Karton,
1982, 50x65cm
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Zuerst werden Linien und kleine Flächen aufgetragen, um dann mit den größeren Feldern flott und großzügig umgehen zu können. Ist das Bild fertig, wird mit der Stahlspachtel der unterschiedlich starke Farbauftrag abgezogen oder mit einem Tuch weggewischt. Dann erweist es sich, ob das Bild gelungen ist oder nicht. Die jeweils ersten, vom unbehandelten Papier aufgenommenen Farben werden nach dem Wegwischen der darüber gelegten Farben wieder sichtbar. Zur Gestaltung des Bildes muss man sich die relevanten Farbfelder merken. Konturen können mit Wachskreide oder Stearin auf dem weißen Papier vorgezeichnet werden. Das schließt die Poren des Papiers und diese Stellen bleiben nach dem Wegwischen der überstehenden Farbe weiß. Für ein Bild verwendet Eduard vier bis höchstens fünf Farben und mischt sie miteinander. Zum Beispiel Rot, Gelb, Blau, aber auch Hellgrau und Beige. Dabei dachte Eduard oft an Picasso, der eine fehlende Farbe durch irgendeine andere gerade verfügbare ersetzte.
Der von Eduard bevorzugte Karton konnte platzsparend gelagert werden. Eine Leinwand kam aus eben diesem Grund nicht in Frage, mit ihrem Rahmen war sie einfach zu dick. Die für einen produktiven Künstler unvermeidbaren Platzprobleme werden sehr unterschiedlich gelöst. Die Malerin Jost und ihr ebenfalls malender Künstlergatte haben sich ein Gestell über ihr Bett gebaut, in das sie die Bilder einschlichten konnten.
Eduard hatte seit den 1960er-Jahren mit den Offsetfarben experimentiert und diese Maltechnik bis Anfang der 1990er-Jahre als einziger Künstler verwendet. Es gab Interessenten, die sich die Technik erklären ließen und manche probierten sie auch aus, doch in der Regel sind sie bei deren Anwendung gescheitert. Kurt Freundlinger hat einige Bilder mit dieser Technik gemacht, sie dann aber wieder aufgegeben. Ein hier anonym bleibender Lehrer wollte sie als eigene Entwicklung in der Galerie Blutgasse präsentieren. Doch der Leiter der Galerie, Georg Kerschbaum, durchschaute diesen Betrug gleich und warf den Mann hinaus.
Ein Mitarbeiter der Kunstakademie hatte sich diese singuläre Technik zeigen lassen und eine Beschreibung davon archiviert. Man kann diese Technik auch als eine Weiterentwicklung des Linolschnittes ansehen, bei welchem Schnitte sukzessive erweitert werden.
Eduard Diem – Leben und Werk
Collagen und andere Techniken
In der Malerei Eduards haben sich wiederholt die Motive geändert. Zuerst waren es naturalistische, später kritische Landschaften. Ende der 1970er-Jahre waren die Landschaften schon sehr stilisiert, aber noch nicht allzu sehr vom Naturalistischen entfernt. In den 1980er-Jahren überwog das Figurale und Abstrakte, und dabei ist Eduard Diem bis heute geblieben.
Es war um das Jahr 1985, als Eduard Diem seinen Malstil radikal änderte. Er war mit seiner Maltechnik zwar erfolgreich genug, um alle Bedürfnisse seiner Familie zu finanzieren, machte aber trotzdem Schluss damit. Er hatte das Gefühl bekommen, dass alles zu leicht von der Hand ging.
Bei einem Bücherabverkauf entdeckte er das Buch eines Fotografen, der Gesichter von Straßenpassanten in grobkörnigem Schwarz-Weiß-Aufnahmen abbildete. Er kaufte es, und die darin enthaltenen Porträts, insbesondere die Augenpartien, wurden zu den Blickfängen der neu entstehenden Bilder. Sie waren zur Hälfte gemalt und zur Hälfte Collage. Es entstanden auch Plastiken mit collagierter Oberfläche. Manche Plastiken bepflasterte er mit Werbeinseraten, zum Beispiel eine Venus von Milo mit Supermarktinseraten, und stellte diese dann aus, allerdings ohne Erfolg. Diese Aktionen waren ein Produkt der Gedanken Eduards über die moderne Vermarktung, der alles untergeordnet wird.
Um das Jahr 1990 beschäftigte sich Eduard mit verspiegelten Plastiken und Möbelstücken, die er im Schrebergarten aufstellte. Sie waren mit Dreiecken aus Plexiglasspiegel konstruiert. Dieses Material konnte man gut mit der Stichsäge schneiden. Der Effekt im offenen Raum war überwältigend, Surrealismus pur. Mit jeder Veränderung des Lichtes veränderte sich auch der Charakter des Ensembles.
Die fertige Sammlung wurde in einer Ausstellung in Gloggnitz gezeigt, konnte aber nicht verkauft werden. Für eine dauerhafte Lagerung waren die Exponate zu sperrig, daher musste sie Eduard wieder zerlegen und vernichten. Heute gibt es einen Künstler in New York, der Gegenstände verspiegelt und in die Natur stellt. Dies wird dort als ganz tolle Neuerung gefeiert. Damals war die Zeit wohl noch nicht reif für solche Extravaganzen und Eduard hatte damit kein Glück.
Das hinderte Eduard aber nicht an weiteren Experimenten mit neuen Dingen. Thematisiert wurde auch das Tabuthema Aids mit einer Persiflage auf den Telefonsex: Ein Telefon wurde rosa angestrichen, ein blaues Fell auf ein Ende des Hörers geklebt und auf das andere wurden Lippen modelliert.
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Dame mit Hut.
Collage mit Acryl auf Karton, 2004, 70x50cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard hatte sich auch mit dem Entwurf benutzbarer Möbelstücke beschäftigt. Hier drei Entwürfe zu Stühlen, entstanden um ca. 1990. Realisiert wurden sie nur mit vier Prototypen.
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Collage auf Plastik.
1998, Höhe 67cm
Love whisper.
Kleinplastik unter Verwendung eines alten Telefons, bemalt, 1990. Aids erschwerte damals die Prostitution, Telefonsex war ein Ausweg.
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Sekundenbilder
Gezeichnet hat Eduard schon „immer“, allerdings nur zu bestimmten Anlässen. Das konnten Karikaturen für eine Sportzeitung sein oder ein Geschenk für nahestehende Personen. Bei den „täglichen Zeichnungen“, manchmal auch als „Sekundenbilder“, „Doodles“, Skizzen etc. bezeichnet, handelt es sich um eine jüngere Facette in Eduards langem Künstlerleben. Um das Jahr 2000 begann er, Eindrücke aus dem täglichen Leben in schnellen Zeichnungen festzuhalten: menschliche Gesichter, Tiere, Situationen, später auch erfundene Sachen.
Anfangs war dies eine tägliche Übung, oft mit mehreren Blättern hintereinander, jetzt sind es vier bis acht Zeichnungen pro Woche. Insgesamt entstand auf diese Weise eine Sammlung von über 10.000 Zeichnungen. Die Ausführung ist unterschiedlich. Es können tatsächlich in Sekundenschnelle gezeichnete Striche sein, die eine markante Kontur ergeben oder von der Fantasie des Betrachters zu vervollständigen sind. Es kann aber auch ein mit Details und Schraffuren ausgeführtes Bild sein, das eine halbe Stunde oder mehr in Anspruch nimmt. Manchmal gehen den eigentlichen Zeichnungen Skizzen auf Papierabfällen voraus, und manchmal werden die bildgebenden Linien einer Zeichnung mit – später ausradierten – Bleistiftlinien entworfen.
Im Laufe der Zeit wurde aus diesen Skizzen eines der Markenzeichen Eduards, wobei vor allem die Kombination von menschlichen Gesichtern mit Tieren hervorsticht. Je nach Veranlagung des Betrachters sticht zuerst die eine Komponente ins Auge, erst beim zweiten Blick bzw. bei genauerem Hinsehen erschließt sich danach die andere. Oft ist es das aus Tierformen zusammengesetzte menschliche Gesicht, wobei entweder die Tiere oder das Gesicht erst auf den zweiten Blick erkannt werden. Daher auch die Bezeichnung eines Kritikers als „Hidden Faces“.
Die Gestaltung der prägenden Linien eines menschlichen Gesichtes aus anderen Elementen ist allerdings schon aus früheren Werken Eduard Diems bekannt, zum Beispiel das Porträt Salvador Dalís aus den Buchstaben seines Namens oder das aus Hunden geformte Gesicht. Letzteres wurde sogar ausgestellt, und zwar 1983 in Basel. Dies war allerdings eine der seltenen Ausnahmen, in denen Eduard seine Zeichnungen ausstellte, in österreichischen Galerien waren sie nie zu sehen. Käuflich erwerblich sind insgesamt acht in den Nuller- und Zehner-Jahren dieses Jahrhunderts produzierte Broschüren, in denen viele dieser Bilder zusammengefasst wurden. Die beiden jüngeren Broschüren des Jahres 2017 tragen die Namen „Gekritzeltes“ und „Hidden Faces“.
Salvador Dalí.
Feder mit Tusche,
1984, ca. Din-A4.
Dalí gezeichnet aus seinen Unterschriften
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Oben die Entwürfe zu den unten ausgeführten Zeichnungen,
realisiert zwischen 21. und 26. April 2021
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Gewohnheit des Beobachtens ist in diesem Buch schon mehrmals erwähnt worden. Hier eine Beschreibung mit Diems eigenen Worten:
Immer schon hatte ich die Gewohnheit, bei gesellschaftlichen Ereignissen und Events mich möglichst nicht im Zentrum des Geschehens aufzuhalten. Lieber beobachtete ich vom Rand aus, was sich so ereignet, auch um dahinter zu kommen, wie die Menschen wirklich sind und nicht, wie sie sich in der Öffentlichkeit darstellen.
Man sagt, Herr und Hund werden sich mit der Zeit immer ähnlicher. In der U-Bahn versuche ich, aus den Gesichtern der Fahrgäste herauszulesen, wie sie mit sich und der Welt zurechtkommen. Ich möchte nicht wissen, wie weit ich da mit meinen Vorstellungen daneben liege.
Eines Tages fing ich an, Passanten, von denen ich meinte, sie müssten einen Hund haben, als Herr und Hund in einem Porträt zu verschmelzen. Ich hatte vorher nie besonders viel gezeichnet. Jetzt machte es mir Spaß, diese ‚Hidden Faces‘, wie ein Kritiker die Zeichnungen definierte, mit zwei oder drei verschiedenen Dingen zu mixen. Der Kopf des Choreografen entsteht aus tanzenden Figuren. Der Banker setzt sich aus Zahlen zusammen. Es ist erstaunlich, wie bei einem Schüttelreim kann man damit nicht mehr aufhören. So sehe ich in meiner Fantasie immer neue Kombinationen. Ich zeichne, wie ein anderer in sein Tagebuch schreibt, fast täglich.
Diese Zeichnungen waren selten in einer Ausstellung zu sehen. So sind mir viele lange und breite Erklärungen erspart geblieben. Davon abgesehen bin ich ja der Meinung, dass jemand, der ein Bild durch ausgiebiges Betrachten eigenständig deuten kann, anstatt meinen Kommentar nachzuplappern, wesentlich mehr davon hat.
Zur Malerei auf Karton – meist waren es abstrahierte Landschaften mit weiß gebliebenen Flächen im Vordergrund – wurde ich oft gefragt, warum ich das Bild nicht fertiggemalt habe. Das Bild wird mit der Fantasie des Betrachters fertig, so war meine Antwort.
Mich wundert immer wieder, dass mich nie jemand fragte, warum der Himmel in den Bildern niemals blau, sondern stets der Harmonie der Farben untergeordnet ist. Auf die Frage bezüglich der weißen Felder rutschte mir einmal die freche Antwort heraus: ‚Das ist, weil die Farben so teuer sind!‘ Abgesehen davon, den Betrachter mit einzubeziehen, wollte ich die Spontanität der Entstehung ablesbar machen.
Einen weiteren Eindruck vom Wesen der täglichen Zeichnungen können die Abbildungen auf der rechten Seite geben. Sie stammen aus den Broschüren oder sind jüngere Arbeiten vom April 2021. Zu dieser Zeit waren diese Fingerübungen zu einem
Mitunter verwendet Eduard statt der praktischen und bequemen Fineliner auch andere Zeichengeräte, hier sind es Buntstifte in verschiedenen Farben. Das erfordert jedoch einen wesentlich stärkeren Druck auf das Papier.
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Eduard über seine Gewohnheit des Beobachtens
Vier Beispiele aus den veröffentlichten Broschüren
Eduard Diem – Leben und Werk
wohltuenden Ersatz für das abendliche Fernsehen geworden. Auf dem Sofa entspannt einen Zeichenblock im Format A4 und einen Fineliner oder ein anderes Zeichenwerkzeug zur Hand nehmen und spontan die jüngsten Eindrücke aus der Küche mit ihren interessanten Utensilien, deren tatsächlicher Verwendungszweck sich ja erst dem Sachkundigen erschließt, zu verarbeiten. Oder andere Themen aus der Fantasie aufzugreifen, wo sich Obst und Gemüse, Tiere, Zahlen und andere Muster zu oft skurril karikierten Köpfen zusammenfinden. Es kann daraus aber auch eine Aufarbeitung der Gegenwart werden, wie der Corona-Tod auf dieser Seite.
Im April 2021 war kein Zeichenblock mehr vorhanden und die prompte Nachbeschaffung war wegen des mit der Corona-Epidemie begründeten Lockdowns nicht möglich. Als Ersatz wurde ein alter Bestand Büttenpapier hervorgeholt und ins richtige Format geschnitten.
Der Corona-Tod lässt grüßen.
Fineliner auf Papier,
2021, ca. Din-A4
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Porträt Hilde Diem. Federzeichnung auf Papier, 1958, 30x40cm. Ein weiteres Beispiel für eine frühe Zeichnung
Krieg und Frieden.
Rohrfeder mit Tusche,
1982, 30x42cm.
Die Rohrfeder war aus Bambus geschnitzt.
Eduard Diem – Leben und Werk
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Die „täglichen Zeichnungen“
aus der 12. und 13. Woche
des Jahres 2021
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Weitere „täglichen Zeichnungen“ aus der 12. und 13. Woche des Jahres 2021
Die „täglichen Zeichnungen“
aus der 16. und 17. Woche
des Jahres 2021 (21. bis 26. April)
Eduard Diem – Leben und Werk
Im Jahr 1981 gelang es Gerhard Habarta auf der Basler Kunstmesse, den Picasso-Sammler Ernst Beyeler für eine Ausstellung im Wiener Rathaus zu gewinnen. Kulturstadtrat Helmut Zilk musste man nicht lange bitten. Bisher waren die in Europa gezeigten großen, wissenschaftlich aufbereiteten Ausstellungen an Wien vorbeigezogen. Gerhard Habarta präsentierte nun eine repräsentative Ausstellung durch alle Phasen Picassos von „musealem Zuschnitt“, wie eine Schweizer Zeitschrift schrieb. Ein Museum auf Zeit.
Zu sehen war unter anderem die Ursache für das tektonische Beben, das die moderne Kunst in Bewegung gesetzt hatte: Zwei Studien zu den „Demoiselles d’Avignon“. Der Kubismus – für Picasso eine Denk- und Übergangsphase – wurde für viele Künstler dieses Jahrhunderts zur Weltanschauung. Die Größe der Schau bedurfte der Volkshalle des Rathauses und ohne Hilfe der Stadt wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen, nicht ohne Stadtrat Dr. Helmut Zilk.
Es war die erste große internationale Ausstellung, an der Eduard mitwirkte. Sie dauerte von November 1981 bis Jänner 1982.
In der Volkshalle hatten der vom Messebau kommende Helmut Kozak und seine Leute weiß gestrichene Pressspanplatten aufgestellt. Beim Eingang saß ein Kriminalbeamter. Als alle Bilder an die weißen Platten gehängt waren, begehrte ein Herr in einem abgetragenen Trenchcoat á la TV-Kriminalkommissar Einlass. Sofort wurde er vom Beamten gestoppt. Der Herr gab sich als Ernst Beyeler, Besitzer der Bilder, zu erkennen.
Alle waren nervös, ob Beyeler die Anordnung der Bilder zusagen würde. Er war einverstanden, meinte aber, dass alle Bilder zehn Zentimeter tiefer zu hängen sein. Die Einwendung: „Das machen wir immer so!“ ließ er nicht gelten. „Das Publikum muss sich vor der Kunst verneigen“, war sein Argument. Dass ihn der Sicherheitsbeamte nicht einlassen wollte, wertete er positiv. Allerdings wurde eine vor dem Eingang aufgezogene Picasso-Fahne in der ersten Nacht gestohlen.
Am 3. Adventsonntag war der Besucheransturm so enorm, dass der Eintritt limitiert werden musste. Die Gruppen warteten im Schneegestöber. Es kamen auffallend viele italienische Kulturtouristen. Um die Stimmung zu heben, erlaubten sich die Veranstalter den Spaß, die Eintrittskarten im Caorle-Italienisch zu verkaufen. Die Touristen lachten, auch die Wiener fanden das witzig.
Die Führungen durch die Ausstellung wurden gelegentlich auch von Eduard gemacht. Bei einer dieser Führungen fielen
Organisation
von Ausstellungen
Cover des Kataloges zur
Picasso-Ausstellung in Wien.
Veranstaltet wurde sie vom Kulturamt der Stadt Wien mit dem Amtsführenden Stadtrat Prof. Dr. Helmut Zilk, organisiert wurde sie vom Habarta Kunsthandel in Zusammenarbeit mit der Galerie Beyeler in Basel und dem Kunstverein Wien.
Auch der Katalog wurde vom Habarta Kunsthandel & Verlag in Wien herausgegeben.
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ihm zwei ältere Damen auf, die vor jedem Bild heftige Gebärden austauschten. Eduard versuchte in ihrer Nähe zu bleiben. Vor dem Porträt der Dora Maar drehten die beiden völlig durch. Eine schlug mit dem Schirm auf das Bild. Eduard stellte sie zur Rede und sagte, dass er sie zur Anzeige bringen müsse. Die nähere Untersuchung des Bildes zeigte keine Beschädigungen, Gott sei Dank war auf Hartfaserplatte gemalt worden. Eduard versuchte ihnen zu erklären, warum dieses Bild eines der besten Psychoporträts sei und auch den physischen Zustand der Person sehr gut darstelle. Die Damen lästerten über die Farben Rot, Blau, Beige und Grün im Gesicht. Eduard wies bloß darauf hin, dass die beiden selbst lila/blauen Lidschatten, Wangenrot und Lippenstift verwendeten und damit ähnliche Farben im Gesicht hätten wie Dora Maar im Porträt von Picasso. Eduard hielt die beiden Damen für ein zu hohes Risiko und begleitete sie zum Ausgang.
Bei einer anderen Führung bemerkte Eduard, dass einige Besucher nicht mehr richtig zuhörten. Er erzählte, dass Picasso
Diese Studie zu Picassos berühmtem Werk „Les demoiselles d’Avignon“ aus dem Jahr 1907 wurde in der Wien-Ausstellung gezeigt. Dieses Bild wird als der Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei angesehen, zugleich leitete es den Kubismus ein.
Zeichnung Eduard Diems zur Picasso-Ausstellung 1981
im Wiener Rathaus
Eduard Diem – Leben und Werk
1928 in Wien war, um sich die Bilder von Velazquez anzusehen. Im gleichen Fluss des Vortrags behauptete er auch, ein Sohn von Picasso zu sein, wovon dieser aber nichts wisse. Eduard wollte eigentlich nur die Aufmerksamkeit der Zuhörer testen. Zu seiner Verblüffung sahen daraufhin zwei Frauen wirklich Ähnlichkeiten bei Kopfform und Statur.
1982 gab es die nächste Großausstellung: Salvador Dalí im Palais Auersperg. Diese Ausstellung, die von März bis April 1982 währte, war eine Zusammenarbeit von Gerhard Habarta mit dem Perrot-Moore-Museum in Cadaqués, Spanien. Sie war allerdings die Frucht einer auf das Jahr 1973 zurückgehenden Vorarbeit Gerhard Habartas. Er fand es erstaunlich, dass trotz des großen Einflusses, den Salvador Dalí und der Surrealismus auf die Kunst in Wien nach 1945 ausgeübt hatten, noch keine umfassende Dalí-Ausstellung in Wien zu sehen gewesen war. Wien hatte aber auch Einflüsse auf Dalí. Die Faszination für Sigmund Freud und die Psychoanalyse wurden von Dalí immer wieder betont. Dalí hatte Freud durch den aus Wien emigrierten Schriftsteller Stefan Zweig kennengelernt.
Als Gerhard Habarta nun 1973 zu Besuch bei Dalí in dessen Haus in Port Lligat war, sprachen sie auch über die Möglichkeit
Cover des Kataloges zur
Dalí-Ausstellung in Wien. Auch dieser Katalog wurde von Gerhard Habarta gemacht, unter Verwendung von Material des Perrot-Moore-Museums.
Der Ozelot von Salvador Dalí. Druck mit Offsetfarbe von Catherine Perrot, 65x50cm. Dieser Ozelot zwickte Herrn Generaldirektor Walter Flöttl während einer Dalí-Ausstellung in die Wade. Catherine Perrot war mit Captain Moore, dem Privatsekretär, Manager und Verleger von Dalí, liiert. Sie war eine Art Hippie, die Moore am Strand getroffen hatte. Bei den von Eduard Diem organisierten Ausstellungen war sie immer anwesend.
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einer Dalí-Ausstellung in Wien. Dalí begeisterte sich für die Idee und skizzierte seine Vision der Inauguration dieser Ausstellung. Er würde, so sagte der Meister des Surrealismus, von den Brücken der Stadt die Donau rot färben. Durch die Champs-Elysees (was im Doppelsinn als Hauptstraße und in der wörtlichen Übersetzung als „wonnevolles, paradiesisches Gefilde“ zu verstehen ist) von Wien würde er Giraffen treiben. Und als besondere Attraktion würde er die Pferdeäpfel der Lipizzaner in Plexiglas eingießen. Dalí wies aber listig auf eine kleine Schwierigkeit bei der Durchführung seiner Ausstellung hin: Es würde schwer sein, die tausendmal reproduzierten Werke als Leihgaben für eine Ausstellung nach Wien zu bekommen. Dalí sollte recht behalten.
Erst fast ein Jahrzehnt später gelang es, die Ausstellung auf dem Weg von Schloss Heidelberg nach Florenz für eine Pause in Wien zu gewinnen. Deshalb war die erste große Dalí-Ausstellung in Wien nur kurze vier Wochen zu sehen. Es war eine umfassende Schau der Plastiken, Medaillen und Objekte des Künstlers und vor allem eine Sammlung von mehr als 200 Zeichnungen. Sie gab einen Einblick in den kreativen Schaffensprozess Dalís. Auch sie war ein großer Erfolg und feierte einen Rekordbesuch. Wien begann allmählich zu erwachen. Eduard war vom ersten Tag an dabei.
Noch im gleichen Jahr 1982 half er, die Dalí-Ausstellung in der Residenz in München zu organisieren. Sie dauerte von Mai bis Juni. Es war wieder eine Zusammenarbeit Habartas mit dem Perrot-Moore-Museum in Spanien. Wegen der Veranstaltung im Herkulessaal der Münchener Residenz musste sie jedoch als Kooperation mit der „Galerie Ruf“ stattfinden. Die Ausstellung sollte auf „österreichisch“ gemacht werden. Erste Aktion war die Anschaffung einer Kaffeemaschine und von Getränken für das Personal. Es gab Ermäßigungen für Zivildiener, Soldaten, Pensionisten, Behinderte und Arbeitslose. Die Vergünstigung für Arbeitslose wurde zumindest in Wien von so gut wie niemandem
Cover des Katalogs zur
Dalí-Ausstellung in München. Auch dieser Katalog wurde von Gerhard Habarta gemacht, wieder unter Verwendung des Materials des Perrot-Moore-Museums.
Gerhard Habarta 1973
mit Salvador Dalí
in dessen Domizil in Port Lligat
Eduard Diem – Leben und Werk
in Anspruch genommen. In München verlangte die Kassiererin von allen einen Ausweis. Es kostete Eduard viel Zeit, das abzustellen. Einmal kamen sechs Zivildiener mit einigen Behinderten in Rollstühlen. Es gab keinen Lift und die Rollstühle samt Insassen mussten zwei Stockwerke hinauf und hinunter getragen werden. „Beim Hitler hätte man die schon vergast“, hörte Eduard eine seiner Aufsichtspersonen sagen. Diese wurde sofort entlassen. Die Zivildiener erhielten von Eduard freien Eintritt für die gesamte Dauer der Ausstellung.
Die erschienene Schickeria war in München viel ausgeprägter, der Ton direkter und brutaler. „Ösi“ war gleichbedeutend mit „zurückgeblieben“ bis hin zu Kreisky-Kommunisten. Besucht wurde die Ausstellung auch von vielen Italienern. Eduard erinnerte sich an seinen Caorle-Spaß in Wien, geriet mit seinem Urlaubs-Italienisch aber an einen Münchener. Der brüllte: „Überall diese Scheißkanaken!“ und warf das Geld so auf das Pult, dass es zu Boden fiel.
Einmal stand ein junger Mann tagelang vor dem Eingang und hoffte, dass ihm jemand die Eintrittskarte bezahlte. Eduards Mitarbeiter meinten, dass er in seinem schlichten Gewand störend wirke und weggewiesen werden sollte. Doch Eduard trat zu ihm und sagte: „Sie haben Glück, Sie sind der zwanzigtausendste Besucher und haben freien Eintritt!“ Er verbrachte den ganzen Tag damit, in ein kleines Notizbuch zu schreiben und zu zeichnen. Eduard schenkte ihm einen Katalog und unbegrenzten freien Eintritt. Eduards Beobachtung der Ausstellungsbesucher zeigte demgegenüber, dass die Betrachtung eines Bildes durchschnittlich zwölf Sekunden dauerte. Nur wenige nahmen sich mehr Zeit oder sahen sich die Bilder mehrmals an.
Es war während dieses Aufenthaltes in München, als der Wirt der Pension, in der Hilde und Eduard wohnten, eine besondere Sendung im Fernsehen ankündigte. Die Frau von F. J. Strauß hatte einen Karikaturisten geklagt. Sie verlangte 20 Prozent von den Einnahmen, die er mit seinem Buch erzielt hatte. Ihrer Meinung nach war der Künstler nur wegen der Zeichnungen ihres Mannes so erfolgreich geworden. Es war vor Weihnachten, aber Eduard hielt den Streit für einen verfrühten Faschingsscherz. Der ganze Briefwechsel wurde im TV ausgebreitet. Der Künstler entgegnete, dass er mit seinen Zeichnungen auch zur Popularität des F. J. Strauß beitrug, damit stünden ihm 20 Prozent von dessen Einkommen zu.
Schließlich zog die Ausstellung nach Berlin Spandau in die Zitadelle weiter. Gemäß der Vereinbarung mit dem Kulturamt Spandau war das Stammpersonal zu beschäftigen. Allerdings waren die Damen an der Kassa gewohnt, pro Tag höchstens eine Schulklasse bewältigen zu müssen. Am ersten Tag brachten sie nur eine Handvoll Wechselgeld und Strickzeug. Die Damen waren erschrocken, als ihnen Eduard einige Rollen Münzen aushändigte. Er bat auch, zu jeder vollen Stunde die letzte Kartennummer
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aufzuschreiben. Die Kassierin meinte, das gehe nicht, denn da müsste sie in eine andere Gehaltsstufe kommen. Eduard merkte bald, dass die „Preußen“ alles buchstabengetreu machten und nicht aus der Situation heraus improvisieren konnten. Seine erste Maßnahme zu Beginn einer Ausstellung war es immer, eine Kaffeemaschine, Mineralwasser und Fruchtsäfte bereitzustellen. Nach zwei Stunden fiel Eduard auf, dass der Kaffee noch nicht angerührt worden war. Auf seine Frage, ob er nicht schmecke, hörte er: „Sie haben ja nicht gesagt, wann jeder Kaffee trinken darf“.
Im Rahmen der Ausstellung wurde auch Handelsware verkauft, zum Beispiel eine Kassette mit Bildern zu Dantes „Göttlicher Komödie“. Allerdings waren nur fünf Stück vorrätig und ein Kunde wollte 24 Stück als Weihnachtsgeschenke für seine Geschäftspartner kaufen. Eduard versprach, sie in Spanien, Wien, Paris oder sonst wo zu besorgen. Vorher aber ging er zu einer Buchhandlung beim Kurfürstendamm, in deren Schaufenster er eine dieser Kassetten gesehen hatte. Deren Chef war erstaunt, die benötigten 20 Stück konnte er aber kurzfristig liefern. Eduard vereinbarte, sie abzuholen und dann dem Interessenten gleich zuzustellen. Die Pointe: Die Adresse von Eduards Kunden lag genau gegenüber der Buchhandlung.
Die Berliner sind ein Mischvolk, wie die Wiener auch, und haben den gleichen Herzschlag. Sie sind viel weniger preußisch, als man ihnen nachsagt. Sowohl in Westberlin als auch in der DDR. Einmal wollte Eduard sehen, wie es in Ostberlin aussieht. Beim Checkpoint mussten alle einzeln durch eine Schleuse. Ein altes Ehepaar stand vor ihnen. Während der umständlichen Prozedur erlitt der Mann in der Schleuse einen Herzinfarkt, doch die Frau durfte nicht zu ihm.
Der Alexanderplatz war trostlos. Die Geschäftslokale waren nahezu leer. Eduard wollte das zwangsgewechselte Geld ausgeben und Konzertlangspielplatten kaufen. Doch der Verkäufer sagte ihm, dass sie nicht ausgeführt werden dürfen. In der Friedrichstraße gab es ein kleines Kaffeehaus. Von drei Tischen war einer besetzt. Als Eduard auf einen freien Tisch zusteuerte, rief die Serviererin: „Dort können Sie nicht sitzen, Sie können sich hier dazusetzen. Der andere Tisch ist im Rayon meiner Kollegin, die ist heute nicht da“.
Eduard eröffnete ein Konto bei der Berliner Bank am Spandauer Platz. Jeden Abend wurde die Geldbox in den Tresor geworfen, was einen enormen Lärm verursachte. Die Ausstellungsleute waren offensichtlich später dran als die umliegenden Geschäfte. Erschrocken sahen die Menschen aus ihren Fenstern. Eines Tages hatte Eduard besonders viel Geld in der Box. Aus irgendeinem Grund beschlossen aber seine Frau und er, zuerst essen und dann zur Bank zu gehen. Sie aßen in einem italienischen Restaurant und waren die letzten und einzigen Gäste. Da kamen zwei Männer herein und sprachen mit dem Wirt. Sie verlangten
Eduard Diem – Leben und Werk
Schutzgeld, aber der Wirt wehrte sich. Schließlich versuchte einer der Männer, die Geldbörse des Wirtes an sich zunehmen. Hilde wollte hinaus, doch Eduard hielt sie zurück, denn sie waren der einzige Schutz des Wirts. Es kam zu einem Gerangel und der Wirt versetzte dem Mann einen Schlag. Der Wirtin gelang es, die Polizei anzurufen und die zwei Gangster flüchteten. Der Wirt hatte sich bei dem Schlag den Mittelhandknochen gebrochen, aber er bedankte sich bei den Diems und bot ihnen für jeden weiteren Tag ein kostenloses Abendessen an. Sie haben dieses freundliche Angebot dankend abgelehnt. Als sie zwei Jahre später wieder in Berlin waren, gab es das Restaurant nicht mehr.
In der Nachbarschaft der Dalí-Ausstellung in Berlin gab es ein ägyptisches Restaurant. Dessen Wirt wünschte sich eine Sonderführung für eine geschlossene Gesellschaft und zwar an einem der Schließtage während der Feiertage. Er würde einen Pauschalpreis zahlen. Es ging darum, eine Hochzeitsgesellschaft für den Nachmittag zu beschäftigen, um das Gedeck für das Abendessen herrichten zu können. Die Gäste waren eine Familie, die in Vergnügungsparks die neuesten Attraktionen betrieb. Es erschien eine Armada teurer Luxuslimousinen mit top ausgestatteten Innenräumen, sogar das Armaturenbrett war mit Leopardenfell tapeziert. Die Damen trugen kostbare Kleider und teuren Schmuck. Der Doyen der Gesellschaft war ein eleganter Herr mit blonder Frisur, wie sie heute Donald Trump trägt. Er erwies sich, was die Bilder und auch die Künstler im Allgemeinen betraf, als sehr wissbegierig.
Hilde und Eduard besuchten während dieser Zeit auch einen Liederabend der amerikanischen Chanson- und Soulsängerin Eartha Kitt. Wegen eines langen Auftrittsverbots in den Vereinigten Staaten als Folge ihres politischen Aktivismus hatte sie Auftritte in Europa bevorzugt. Die Diems saßen in der Mitte der ersten Reihe und die Künstlerin holte Eduard auf die Bühne. In inniger Umarmung mit ihm sang sie melancholische Lieder. Am folgenden Tag waren Bilder von Eartha und Eduard in allen Zeitungen. An den folgenden Ausstellungstagen wurde er oft darauf angesprochen. Die „Königin der Nachtklubs“ starb im Jahr 2008.
Nach den Dalí-Ausstellungen in München und Berlin bekam Eduard von Captain John Peter Moore, der die Geschäfte für Dalí führte, den Auftrag, eine Dalí-Ausstellung in der Zitadelle in
Der Dalí-Katalog des Musee Perrot-Moore in Cadaqués,
die Basis für alle Kataloge
von Dalí-Ausstellungen
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Perpignan aufzubauen. Das von Katalanen bewohnte Perpignan ist die Hauptstadt des südfranzösischen Départements Pyrénées-Orientales. Die Stadt liegt 30 km nördlich der Staatsgrenze zu Spanien am Golf du Lion. Die Zitadelle ist ein streng denkmalgeschützter steinerner Rundbau auf einer Anhöhe in der Stadt.
Eduard, Hilde und ihre Tochter Eva wohnten in der Suite eines kleinen Hotels, das immer für Dalí reserviert war. Gala und Salvador Dalí fuhren oft über die Berge nach Perpignan. Gala lenkte das Auto und Salvador, der keinen Führerschein hatte, quälten dabei Ängste. Es gibt Lithografien zu diesem Thema. Schließlich wurde der Wagen zum Kunstwerk. Auf der Motorhaube steht eine Bronzeplastik von Ernst Fuchs. Im Wageninneren gibt es künstlichen Regen.
Wegen des Denkmalschutzes durften an den Steinwänden der Zitadelle keine Bilder aufgehängt werden. Eduard hatte vier Studenten als Helfer, um Stellwände aus Pressspanplatten und Vitrinen zu bauen. Die Zeit zum Einrichten der Ausstellung war allerdings sehr knapp bemessen. Eines der Bilder – es war nicht sehr groß, hatte aber einen schweren, antiken Rahmen – wollte Eduard in einer Vitrine gegenüber dem Eingang haben. Das Bild war schon platziert, aber es kippte in dem Moment, als Eduard auf der Stehleiter davor stand, um die Sicherheit der Aufhängung zu prüfen. Er konnte das Bild mit der Schulter auffangen, doch der Rahmen traf ihn auf den Kopf. Er blutete stark, musste aber auf der Leiter stehen bleiben, bis ihm die Mitarbeiter das schwere Bild abgenommen hatten. Dem Bild war nichts passiert. Captain Moore sah sich das Bild gar nicht an, sondern nahm sein seidenes Stecktuch und drückte es auf die Wunde. Er meinte, ein Arzt sei jetzt wichtiger.
Bis zur Eröffnung gab es noch viel harte Arbeit, doch die Franzosen weigerten sich prinzipiell, länger zu arbeiten. Ab 18 Uhr war er allein. Als zur Eröffnung die ersten geladenen Gäste – der Bürgermeister und prominente Leute der Stadt – eintrafen, war Eduard gerade fertig geworden. Durch die Hintertür eilte er ins Hotel, um sich umzuziehen.
Ausgestellt waren die üblichen Bilder und zahlreiche Grafiken aus dem Museum in Barcelona, das Captain Moore gehörte. Eduards Arbeit wurde anerkannt und gelobt. Unter den Gästen war
Fragment der Mauern der Zitadelle mit dem Eingang zur Burg und zum Palast. Blick auf den Place du Docteur René Puig entlang der Rue des Archers. © Wikimedia Commons / Christophe Marcheux
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Eduard Diem – Leben und Werk
das Brüderpaar, in dessen Pariser Druckerei viele prominente Künstler drucken ließen, und ein Rechtsanwalt, der Künstler in allen Belangen wie dem Urheberrecht etc. vertrat.
Die Eröffnung fand an einem Nachmittag statt, nach der Vernissage gab es ein Galadiner à la Dalí für erlesene Gäste. Gala und Salvador Dalí selbst weilten zu dieser Zeit allerdings in Amerika.
Als Anerkennung für seine Arbeit erhielt Eduard eine Originalskizze zu dem berühmten Gemälde „Avida Dollar“.
Am nächsten Tag fuhren die Diems nach Cadaqués. Dalí hatte sie zu einem dreiwöchigen Urlaub in einem seiner Häuser im Zentrum dieses Ortes eingeladen.
Cadaqués ist ein ehemaliges Fischerdorf an der Costa Brava in Katalonien, das zu einem beliebten Badeort wurde. Es grenzt an Port Lligat mit dem Wohnsitz Salvador Dalís. Salvador Dalí soll in Cadaqués oft am Strand gesessen sein und sich mit den Hippies unterhalten haben. Es war die Zeit der „Oben ohne“-Welle. Bikinioberteile wurden in den Geschäften fast gar nicht mehr angeboten. Dalí inszenierte dort auch etliche großartige Happenings unter Einbeziehung des Publikums, mit engagierten Tänzern und aufwendigen Requisiten.
Ein junger Mann aus Deutschland, der die Nähe Dalís suchte, hieß Richter, von den Einheimischen wurde er aber Christus genannt. Der Grund dafür waren wohl seine langen Haare und seine Riemensandalen. Einmal hatte er Dalí geholfen, einen Wurzelstock auszugraben. Das war knapp vor einem vereinbarten Fernsehinterview. „Den Wurzelstock bitte nicht wegwerfen“, ermahnte Dalí den neben ihm stehenden Richter. Als der sich abwandte, mit dem Wurzelstock auf der Schulter, fuhr eine der Wurzeln Dalí ins Auge. Vor der Türe stand bereits das Kamerateam. Dalí öffnete und wies auf die blutende Wunde: „Der Christus hat mir beinahe das Auge ausgeschlagen!“
An einem Tag während der dreiwöchigen Anwesenheit der Diems erhielt Captain Moore eine Auszeichnung der Stadt und
Casa Salvador Dalí in Port Lligat bei Cadaqués. Es handelt sich um eine vergrößerte ehemalige Fischerhütte, umgeben von einem künstlerisch gestalteten Garten. ©Wikimedia Commons
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In der Mitte Eva, Eduard und Hilde Diem 1982 während der Einladung im Haus von Captain Moore. Ganz links ein Geschäftspartner von
Salvador Dalí
wurde vom Bürgermeister geehrt. Auch die Familie Diem wurde in das Haus von Captain Moore eingeladen. Das Haus lag versteckt in den Felsen am Strand. Die Zufahrt hatte einen unscheinbaren Sandbelag und das Haus war erst zu sehen, wenn man unmittelbar davor stand. Die Gartenmauer zierte eine schwarze Dogge aus Keramik. Vor dem Haus waren eine Terrasse aus schwarz-weißem Marmor und ein Swimmingpool. Es gab auch zwei lebende Hunde, einer schwarz und einer weiß.
Im Zentrum der Stadt spielte täglich eine Musikkapelle katalanische Musik. Die Einheimischen vom Kind bis zu den Ältesten bildeten einen Kreis und tanzten den Nationaltanz.
Die drei Wochen waren rasch vergangen, Salvador Dalí hatten die Diems allerdings auch in Cadaqués nicht getroffen. Zu dieser Zeit weilte er in einem Schloss, das er seiner Frau geschenkt hatte.
Die Familie Diem wurde per Taxi nach Barcelona gefahren. Das Auto war vorher beim Service gewesen und ein eigenartiges Klopfen machte auf die lockeren Radmuttern aufmerksam. Gott sei Dank noch rechtzeitig und die Familie traf unversehrt in Barcelona ein. Nach einem Tagesaufenthalt in Barcelona traten die Diems den Rückflug nach Wien an.
Auch in Wien folgten nach der Picasso- und der Dalí-Ausstellung weitere Ausstellungen berühmter Künstler, zunächst im Jahr 1983 eine Henry-Moore-Ausstellung, ebenfalls im Palais Auersperg. Henry Moore hatte den Ehrgeiz, jede Großstadt mit einer seiner Großplastiken auszustatten. In Wien fand sich ein geeigneter Platz vor der Karlskirche. Auch Dalí hatte das Angebot gemacht, der Stadt Wien bei Übernahme der Gusskosten von 70.000 Schilling eine Plastik zu überlassen. Die Stadt lehnte ab.
Habartas Organisation von Ausstellungen ging aber weiter: Die nächste war dann im Winter 1983/84 eine Marino-Marini-Ausstellung im Wiener Messepalast. Eduards Erinnerungen an diese Ausstellung sind etwas unterkühlt: Der Messepalast konnte
Skizze zu „Avida Dollar“ von Salvador Dalí. Captain Moore gab sie Eduard Diem als Dank für die Arbeit an den Dalí-Ausstellungen. Möglicherweise das wertvollste Stück in Eduards Sammlung von Werken anderer Künstler
Eduard Diem – Leben und Werk
Coveransichten der Kataloge für die Moore- und die Marini-Ausstellungen in München.
Auch diese umfangreichen Kataloge wurden von Gerhard Habarta herausgegeben:
Habarta Kunsthandel & Verlag
in 1080 Wien, Orangerie
Palais Auersperg
nur ganz oder gar nicht beheizt werden, das Temperieren nur eines Bereiches war nicht möglich. Es war also kalt und Winterkleidung unabdingbar. So wie in Hainburg, wo gerade der Kampf um die Au tobte.
Die Moore-Ausstellung und die Marini-Ausstellung brachte Gerhard Habarta wie die vorangegangenen Ausstellungen ebenfalls nach München. Die Moore-Ausstellung von November 1983 bis Jänner 1984 und die Marini-Ausstellung von März bis April 1984. Da auch diese im Alten Herkulessaal der Münchener Residenz gezeigt wurden, war abermals die Zusammenarbeit mit der Galerie Ruf erforderlich.
Die Diems waren mittlerweile in München wie zuhause und die Organisation der Ausstellungen war zur Routine geworden. Zur Eröffnung der Ausstellungen und am Ende waren alle an der Organisation beteiligen Personen anwesend, an den vielen anderen Öffnungstagen hatte Eduard in der Regel die alleinige Leitung.
Henry Moore, der bedeutendste englische Bildhauer des 20. Jahrhunderts – sein Vater war Bergmann – goss seine ersten Bleiskulpturen in der Küche.
Marini mietete eine Garage. Dort entstanden viele Kopfskulpturen und nach einem Abguss nahm der Hauseigentümer die Originale als Zahlung für seine Miete. Thema der späteren Skulpturen Marinis war der Krieg: Stürzende Pferde, sterbende Krieger. Seine Ehefrau kam aus Salzburg.
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Links der Dank an Mr. und Mrs. Diem für die Mitarbeit an der Ausstellung in München, unterzeichnet von John Farnham and Ann Garrould von der Henry Moore Foundation. Sie kuratierten bzw. gestalteten die Moore-Ausstellungen in Wien und München.
Persönliche Widmung
Henry Moores auf einem Katalog als Dank für die Unterstützung während der Ausstellung
in München 1983/84
Eduard Diem – Leben und Werk
Diem restauriert Dalí
„Ein Künstler, der 25 Quadratmeter Dalí restauriert hat, muss alles können.“ So begann Eduard Diem eine Erzählung über eine bemerkenswerte Begebenheit bei einer Dalí-Ausstellung in Wien.
Es handelte sich um ein Hauptwerk der Dalí-Ausstellungen. Wegen seiner Größe musste es für den Transport und für die Lagerung immer wieder aus dem Rahmen genommen und auf eine Rolle gegeben werden. Es gab eine Interessentin aus Japan, die das Bild kaufen wollte, aber sie musste davor nach Paris fahren, um dort ein Kaufhaus zu verkaufen. Den Erlös wollte sie für den Erwerb des Dalí verwenden.
Die für die Ausstellung Verantwortlichen befanden aber, dass das Gemälde wegen des wiederholten Befestigens und Spannens auf dem Rahmen bereits so lädiert war, dass es ein Restaurator überarbeiten sollte. Das Bild stand im Besitz des Dalí-Sekretärs Captain Moore und dieser befürwortete das. Er nannte einen Spanier, der schon öfters solche Arbeiten für Salvador Dalí erledigt hatte, und der sollte das Bild restaurieren.
Dieser kam nach Wien und dokterte eine Woche herum. Da das Bild ein wichtiger Teil der Ausstellung war, musste daran außerhalb der Öffnungszeiten gearbeitet werden. Ich machte in dieser Zeit laufend Führungen und zeigte auch dieses Bild, sah daran aber keine Veränderung zum Positiven.
Nach einer Woche verschwand der Restaurator sang- und klanglos. Er hatte sich den Aufenthalt inklusive noblem Hotel für sich und seine Frau bezahlen lassen, hatte Wien besichtigt und dann war er abgereist.
Was sollten wir machen? In drei Wochen würde die Dame kommen. Also ging ich zu ‚Beck & Koller‘, kaufte die Materialien, informierte mich, was alles beim Restaurieren zu beachten sei und begann mit der Arbeit. Es war ein Riesenbild mit mindestens vier verschiedenen Techniken. Stellenweise war es wie ein Aquarell, dann wieder hatte es viel Farbauftrag. Ich arbeitete also von der Sperrstunde bis nach Mitternacht, und tagsüber machte ich die Führungen. Die Farben waren sehr geruchsintensiv und der Raum mit dem Dalí-Bild stank jeden Tag mehr. Ich musste die Leute schon weit vor dem Bild stoppen und lauter reden.
Dann ging die Ausstellung zu Ende und die Interessentin war nicht gekommen.
Etwa drei Monate später gab es die gleiche Ausstellung in München. Ein Kollege und ich hängten die Ausstellung in der gewohnten Einteilung, aber das große Bild fehlte. Das war
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Eduard Diem
über seine Restaurierung
eines Dalí-Gemäldes
ja verkauft worden, wurde uns bedeutet. Davon wussten wir aber nichts. Wir waren verärgert, weil wir dachten, es wäre hinter unserem Rücken verkauft worden und wir seien um unsere Provision betrogen.
Jahre später besuchte ich mit Freunden das Dalí-Museum in Barcelona. Wir fuhren auch nach Figueres, der Geburtsstadt Dalís, um das dortige Dalí-Museum – ein umgebautes Theater – zu besichtigen. Das Museum hatte auch einen schmalen Trakt, in dem von Dalí kreierte Schmuckstücke und Gegenstände wie Parfümfläschchen etc. in schwarzen Vitrinen gezeigt wurden. Auch Gags wie eine Brosche mit pulsierendem Herzen waren zu sehen. Dann öffnete sich der ebenfalls schwarz ausgeschlagene Gang und an der Rückwand hing das von mir renovierte Bild.
Der Museumsleiter wusste von der Japanerin, die es kaufen wollte, aber der Staat hatte das nicht bewilligt und die Ausfuhr untersagt.
Somit hängt eine meiner Arbeiten in diesem Museum.
Savador Dali,
Apotheose des Dollars.
1965–67/68, Öl, 400x500cm.
Salvador Dali beim Malen Galas während ihrer Teilnahme an der Apotheose des Dollars.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Die 1980er-Jahre hat Eduard als eine sehr erfolgreiche Zeit in Erinnerung. Ab dem Beginn dieses Jahrzehntes war er nur mehr freiberuflich tätig und die Einnahmen reichten für ein sorgenfreies Leben der Familie. Haupteinnahmequelle Eduards waren der Verkauf seiner Werke und das Management von Ausstellungen.
Eduard wurde wiederholt eingeladen, Bühnenbilder zu gestalten. Das frühe Beispiel der Bühne mit Großfotos für einen Gewerkschaftskongress wurde schon auf → Seite 170 erwähnt. Ein weiteres Beispiel ist ein vier mal acht Meter großes Bühnenbild für eine Veranstaltung des Wirtschaftsbundes im Hotel Intercontinental. Während der Finanzminister und der Handelsminister vor Bundespräsident Dr. Kirchschläger und dem Publikum diskutierten, musste ein Relief abgebaut werden, dann wurden darunter 40 Bildschirme sichtbar.
Den 1980er-Jahren vorangegangen ist aber eine merkliche Ernüchterung in Eduards Umgang mit dem sozialen und politischen Umfeld. Bis ins Jahr 1977 war er gerne bereit, Aktionen des kulturellen Wien zu unterstützen. Drehscheibe war meist der ebenfalls sehr aktive Otto Staininger, einer der drei hauptberuflichen Mitarbeiter des Wiener Volksbildungswerkes. Eine der Aktionen waren die im Einvernehmen mit dem Kulturamt der Gemeinde Wien (heute Kulturabteilung der Stadt Wien/MA 7) ab 1976 veranstalteten Kulturwanderwege. Am 16. Juni 1977 war es wieder soweit: Neben Walzermusik, Blumenraten, Verkehrsquiz, Schlagen einer Silbermünze etc. gab es auch ein UNICEF-Sparschweinschießen in der Zentralsparkasse im Ringturm. Beim Theseustempel im Volksgarten hatte man eine ganz besondere Attraktion: „Der bekannte Wiener Künstler Eduard Diem bot fachliche Hilfe beim Kartoffeldruck und Linolschnitt“.
Die Ernüchterung kam dann am 1. Oktober 1977. An diesem Tag wurde in Liesing das an der Stelle des alten Stadttheaters und -kinos errichtete „Haus der Begegnung“ eröffnet. Eduard war gebeten worden, zu diesem Anlass eine Ausstellung ansässiger Künstler zu organisieren. Zur Eröffnung waren der damalige Bundesminister für Unterricht und Kunst Dr. Fred Sinowatz und die Wiener Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner gekommen. Es gab viel Publikum und gute Stimmung, vor allem beim Buffet. Beim feucht-fröhlichen Abgang der beiden Politiker kam es zum Eklat: Arm in Arm hüpften die beiden die Stufen hinunter und sangen etwas, das für die Umstehenden wie „Scheißkultur – Scheißkultur“ klang. Für die Anwesenden war das ein Schock und Eduard reagierte mit dem Entschluss, sich nie wieder vom
Am Zenit
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Eduard Diem am 18. Juni 1977 vor dem Theseustempel im Wiener Volksgarten. Im Rahmen des Wiener Kulturwanderweges bot er Hilfe beim Kartoffeldruck und Linolschnitt (aus den Mitteilungen des Wiener Volksbildungswerkes).
Wiener Kulturamt engagieren zu lassen. Und dabei blieb es auch. Vielleicht war das aber eine Überreaktion, denn mit dem Leitspruch „Menschen samma alle“ und dem Milderungsgrund zu „viel Alkohol“ hätte man dies auch gemäßigter beurteilen können.
Der Rückzug aus diesem Bereich des kulturellen Wien hatte aber auch eine andere Konsequenz. Dabei handelt es sich keineswegs um finanzielle Einbußen, denn diese Tätigkeiten wurden kaum bezahlt, allerdings war ihm als Anerkennung für sein Engagement die Verleihung des Berufstitels „Professor“ signalisiert worden. Die dafür notwendige Unterstützung sei groß und dies vorzuschlagen stelle kein Problem dar. Diem hatte darauf mit wenig Begeisterung reagiert, so etwas wäre ihm sogar unangenehm, und nach dem Eklat in Liesing lehnte er solche Ehrungen grundsätzlich ab. Eduard war und ist kein Professor.
Doch irgendwie ist die bevorstehende Verleihung in die Öffentlichkeit gedrungen und Eduard wurde immer häufiger „Herr Professor“ betitelt, sogar in schriftlichen Einladungen zu Vernissagen. Eduard kämpfte einige Zeit dagegen an, aber hat irgendwann resigniert und aufgegeben. „Ist wurscht, wird eh nicht ernst genommen ...“. Als Folge konnte und kann die Anrede Professor bis heute vorkommen.
Eduards künstlerische Arbeit war von diesem Teilrückzug aus der Wiener Kultur aber nicht betroffen. Es folgten viele Ausstellungen, in denen Eduards Werke alleine oder gemeinsam mit anderen Künstlern zu sehen und zu kaufen waren. Sie wurden wiederholt von prominenten Persönlichkeiten eröffnet: von Bundeskanzler Bruno Kreisky, Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, Verteidigungsminister Dr. Werner Fasslabend, Wissenschaftsministerin Dr. Herta Firnberg, Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz, um nur einige zu nennen. Eine Ausstellung im Kulturzentrum von Lagos in Portugal wurde von Dr. Helmut Zilk eröffnet.
Bei den Jahresausstellungen im Künstlerhaus war Eduard einige Jahre als Gast vertreten. Fred Nowak und Helmut Kies
Hier ein Beispiel mit einer Einladung zur Einzelausstellung „Professor Eduard Diem“
Eduard Diem – Leben und Werk
Dr. Herta Firnberg beglückwünscht Eduard Diem im Jahr 1982. Eines der wenigen Fotos im Bestand Eduards, das ihn mit prominenten Persönlichkeiten zeigt.
rieten ihm, auch Künstlerhaus-Mitglied zu werden. Doch Eduard verzichtete. Er wollte mit seiner Arbeit weiterkommen und vernachlässigte die Pflege seines Ansehens in der Öffentlichkeit. Das gilt nicht nur im Zusammenhang mit der Künstlerhaus-Mitgliedschaft. Zum Beispiel besitzt Eduard nur wenige Fotos von den davor genannten prominent besetzten Ausstellungseröffnungen. Es kam ihm niemals in den Sinn, solche Dinge und vor allem andere Menschen für eine Imagewerbung zu benützen.
Und doch war er bekannt geworden und Anlaufstelle für die verschiedensten Wünsche. In den 1970er-Jahren bat ihn ein Gemeinderat aus Haugsdorf um Hilfe. In Jetzelsdorf hatte eine am Ortsrand neugebaute Pfarrkirche die alte ersetzt. Sie war zu klein geworden. Nach Fertigstellung und Weihe der neuen Kirche wurde die alte Kirche 1976 profaniert. Statt Pfarrkirche hieß sie fortan Weinkirche. Sie stand leer, verfiel und war ein Verkehrshindernis. Daher wurde ihr Abriss gefordert. Eduard wurde gebeten, an der Verhinderung des Abrisses mitzuwirken. Kaiser Joseph II., der einst per Kutsche auf dem Weg von Wien nach Prag durch den Ort gefahren war, soll den Bau der Kirche angeordnet haben. Eduard sprach mit Jörg Mauthe (Kurier) und Sebastian Leitner (Express). Durch deren Berichte wurde das Fernsehen aufmerksam und schließlich auch das Denkmalamt. Die Behinderung des Fernverkehrs durch die Kirche erwies sich als schwaches Argument, denn es gab schon damals Pläne für Dorfumfahrungen, welche die Bürgermeister aber verhinderten. Der eigentliche Grund für den Abriss war eine dorfinterne Fehde: Jemand wollte auf dem Platz eine Tankstelle als Konkurrenz zu einem anderen Tankstellen- und Kaffeehausbesitzer errichten. Um den Abriss notwendig erscheinen zu lassen, wurde das Dach beschädigt.
Nach dem Fernsehbericht bekam Eduard Morddrohungen. Seinen Eltern sollte beim Bäcker und beim Greißler nichts mehr verkauft werden. Das erinnerte Eduard an die Ausgrenzung des jüdischen Greißlers nach 1938. Die Aktion war aber erfolgreich
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Im Künstlerhaus fand auch die Ausstellung zum Osolio Kindermalwettbewerb im Jahr 1974 statt, den Eduard mitunterstützt hatte.
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„Feuerwehrmänner!
Denkt daran, wenn ihr die Kirche zusammenkrachen lässt: Hier wurdet ihr getauft. Hier habt ihr gebeichtet, wurdet unter diesem Dach getraut. Diese Glocken riefen euch zum Gottesdienst. Aber, es sei wie es sei! Die Kirche muss weg?
Warum muss sie weg? Weil sonst die Umfahrungsstraße droht, weil dann die Dorfstraße von der Gemeinde erhalten werden müsste. Das kostet Geld – und Geld ist einigen in Jetzelsdorf allemal nach heiliger als die Kirche! Da fällt mir die Geschichte von den 30 Silberlingen ein. Die Baubehörde hat beschlossen, genehmigt!
Besteht sie aus Straßenbaufachleuten? Wurden überhaupt Fachleute zu Rate gezogen?
Für eine vernünftige Fernverkehrsstraße sind auch einige Häuser vis a vis von der Kirche im Weg. Unten, bei der Kurve müsste die Straße gerade weitergehen (einige Häuser müssten natürlich weg) um dann in großem Bogen nach Norden einzuschwenken. Der Lärm und die Gefahr bleiben im Dorf. Eine wahre Schildbürgerlösung.
Wessen Interessen werden eigentlich vertreten? Geht es um das Wohl der Bürger oder um die Entlastung der Gemeindekasse?
Schmerzhaft:
Wenn das Signal zum Einsatz ertönt, sollt ihr die Kirche demolieren! Überlegt, ihr wackeren Feuerwehrmänner: Eine Kirche kann man nur einmal demolieren – um Freibier? Freibier gibt’s, gibt’s immer! Aber ...“
An die Haushalte verteilter Aufruf Eduard Diems
Eduard Diem
Eduard Diem
war mehrmaliger Gast
in der Weinkirche Jetzelsdorf. Seine letzte Personalausstellung war am 13. und 14. Juni 2019.
und die Kirche kam unter Denkmalschutz. Die beiden Wirtshäuser des Dorfes haben mittlerweile geschlossen.
Jetzt finden verschiedenste Veranstaltungen wie Ausstellungen, Hochzeitsessen etc. in der Weinkirche statt. Die Dorfobrigkeit bot Eduard aus Dankbarkeit die Veranstaltung einer Ausstellung in der Kirche an und diese fand auch reges Interesse. Etwa ein Dutzend Interessierte besuchten Eduard auch in seinem Atelier.
Für Eduard an oberster Stelle stand immer die Kreativität. Kaum zeigte er jemals Stolz über ein früheres Werk oder über etwas, das er als für besonders „überdrüber“ gut gelungen erachtete. In dem Moment, als er ein neues Projekt anfing, war das frühere bereits unwichtig und vergessen. In technischer Hinsicht ist er nahezu universell, zu malen und Plastiken zu formen liegt ihm auf vielfältige Art und Weise, er konzentriert sich aber stets auf ein gewisses Spektrum. Ausnahmen gab es aus früheren Zeiten, etwa eine Holzbarockfigur aus einer Mauernische in Hadersdorf. Die Figur war im Krieg durch Bombensplitter stark beschädigt worden, der Bauch und eine Hand fehlten ihr. Eduard wurde
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem erzählt über eine ausverkaufte Ausstellung seiner Werke. Der Data-Code enthält den Link zum Video.
in den 1960er-Jahren gefragt, ob er sie restaurieren könnte. Seinem Grundprinzip entsprechend – er sagte nie, dass er etwas nicht könne – meinte er, er werde schauen und nahm die Figur mit. Nach dem Modell der linken Hand schnitzte er eine rechte, mit dem Bauch hatte er allerdings Schwierigkeiten: Der Mittelteil fehlte und die Ränder waren ausgefranst. Nach seinen Vorstellungen erneuerte er diesen Teil mit flüssigem Holz. Erleichtert wurde die Arbeit durch die Mantelfalten, die einem natürlichen Fall entsprechend fortgesetzt und verbunden werden konnten. Eduard konnte die Figur zu aller Zufriedenheit retournieren.
Abschließend erwähne ich in diesem Kapitel noch zwei Begebenheiten, die einem prominenten Künstler widerfahren können: die seltenere ist eine ausverkaufte Ausstellung, die häufigere ist die Bitte um eine Spende.
Nun, dass alle Objekte einer Ausstellung verkauft wurden, hat Eduard Diem nur einmal erlebt. Das war in Villach und hatte besondere Gründe, über die er in einem Video erzählt. Mit nebenstehendem Datacode kann es direkt aufgerufen werden.
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Spendenaufrufe sind unser aller permanente Begleiter. Der Künstler erinnert man sich besonders gerne, wenn es darum geht, für einen guten Zweck zu spenden. In ihrem Fall sind es meist eines oder mehrere ihrer Werke zum Verkauf oder zur Versteigerung im Rahmen einer Benefizausstellung. Ein Beispiel, an das sich Eduard gerne erinnert, ist eine Benefizversteigerung im Dorotheum, bei der eine seiner Skulpturen um 24.000 Schilling ersteigert wurde. Lange war es für Eduard auch selbstverständlich, zwei oder drei seiner Arbeiten der Aktion „Licht ins Dunkel“ zur Verfügung zu stellen. Einige dieser Veranstaltungen für einen guten Zweck sind im Verzeichnis der Ausstellungen enthalten.
Eine dieser Ausstellungen soll noch besonders hervorgehoben werden, und zwar die Ausstellung „Helft helfen“ in den frühen 1980er-Jahren. 26 Künstler hatten ihre Werke zugunsten der Behindertenarbeit im Evangelischen Diakoniewerk Gallneukirchen zur Verfügung gestellt, den Ehrenschutz für deren Ausstellung hatte der damalige Finanzminister Dr. Herbert Salcher übernommen. Der Grund für diese Hervorhebung liegt aber nicht im
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Ohne Titel.
Acryl auf Leinen, 2021, 90x70cm
Eduard Diem – Leben und Werk
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Bereich der bildenden Kunst, sondern in der literarischen Qualität des Katalog-Vorworts „Und bewahrt euch alle ein fröhliches Herz“. Es sei in der Folge zur Gänze wiedergegeben:
In Gallneukirchen lag Schnee auf allen Straßen. Der erste Schnee im Jahr. Eine Gelegenheit zu fröhlichen Schneeballschlachten. Eine Gelegenheit zu fröhlichen Schlittenfahrten.
Aber wir waren ja unterwegs zum Martinstift und seinen behinderten Kindern. Der Weg war eisig und glatt, der Himmel darüber ein grauer Winterhimmel, trübsinnig und kalt.
Vor der Eingangshalle des Hauses spielten ein paar Kinder im Schnee. Ein Mädchen bewarf uns mit Schneebällen, purzelte in den Schnee, rappelte sich wieder auf und lachte über das ganze liebe, kleine Gesicht.
‚Noch vor einem halben Jahr hat sie das nicht allein gekonnt‘, sagte unsere Begleiterin, ‚sie leidet an einer spastischen Lähmung, und immer, wenn sie niedergefallen ist, mussten wir sie wieder aufheben. Jetzt kann sie allein aufstehen, und darüber freut sie sich natürlich, und das ist ja auch ein Grund zur Freude.‘
Und dieses lachende Mädchen im Schnee hat für uns alle den trüben Wintertag einfach weggezaubert.
Unser Besuch in Gallneukirchen war geplant als ein Besuch bei behinderten Menschen, die von gesunden Menschen betreut werden.
Da wurde nichts draus.
In Gallneukirchen leben sie miteinander, die Behinderten und die Gesunden. Sie genießen dieses Leben miteinander, freuen sich über die kleinen Fortschritte und sind gemeinsam traurig, wenn’s einmal schief geht.
Wir hatten gedacht, dass die Betreuung behinderter Menschen eine schwere Aufgabe ist. Das ist zweifellos so. Wir hatten gedacht, dass man diese Aufgabe nur bewältigen kann, wenn man seinen Nächsten lieb hat, mag dieser Nächste im Aussehen und im Benehmen auch noch so weit entfernt sein vom Normalen. Das ist vielleicht auch so, dass man ohne diese Nächstenliebe nicht zurecht kommt.
Aber – und das haben wir in Gallneukirchen gelernt: Man kann seinen Nächsten, auch wenn das ein behinderter Mensch ist, einfach gern haben, so wie wir eben unsere Freunde gern haben. Man kann, auch wenn man sein Leben mit Behinderten verbringt, morgens zum Dienst kommen ohne die Miene eines Märtyrers zu tragen, der sozusagen wild entschlossen ist zur Nächstenliebe. Man kann, auch wenn man sein Leben mit Behinderten verbringt, dabei ganz normal leben und ganz normal fröhlich sein, oder eben traurig, oder manchmal auch grantig, wie es gerade kommt.
Alle Menschen – jeder auf seine Art – sind in der Lage, uns Liebe und Zuneigung entgegenzubringen und haben daher ihrerseits Anspruch auf unsere Liebe und Zuneigung.
Und bewahrt euch alle
ein fröhliches Herz
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Dass behinderte Menschen vielleicht nicht so sind, wie wir sie haben wollen, sagt gar nichts. Vieles auf dieser Welt ist nicht so, wie wir es uns vorstellen, und wir müssen trotzdem damit leben. Und wäre alles auf dieser Welt so, wie wir es haben wollen, dann wäre die Welt wahrscheinlich erst recht unerträglich.
Tänzerin.
Plastik aus Gips patiniert,
1982, Höhe 60cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem
nach der Fertigstellung
des Südmährer-Denkmals.
Es besteht aus vier Steinsäulen mit den aus Bronze gegossenen Kreiswappen von Neubistritz, Zlabings, Znaim und Nikolsburg.
Darunter liegen vier Informationstafeln
über diese Kreise.
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Ein kleines Mädchen in Gallneukirchen hat für uns aus einem trüben und kalten Wintertag einen fröhlichen Tag unseres Lebens gemacht.
Danach haben wir diese Ausstellung gemacht. Natürlich auch, um damit Geld für das Diakoniewerk zu sammeln. In erster Linie aber, um allen Menschen, die das interessiert, verständlich zu machen, dass unsere Welt auch auf dieses kleine Mädchen in Gallneukirchen nicht verzichten kann.
In die beruflich erfolgreiche Zeit fallen auch Aufträge zur Gestaltung von Kunstwerken für den öffentlichen Raum. Über den Zuschlag für eine Skulptur in der Stadt Mödling wird in einem eigenen Kapitel berichtet.
Ein größerer Auftrag war im Jahr 1989/90 die Gestaltung der Südmährer Gedenkstätte auf dem Kreuzberg in Klein Schweinbart mit Ausblick auf Nikolsburg. Auftraggeber war die Gesellschaft der Südmährer zur Ausgestaltung des Kreuzbergs. Die Idee dazu hatte Rainer Elsinger, ein in Perchtoldsdorf lebendes Mitglied mehrer Sudetenvereine. Er war ein Opfer der damaligen Vertreibungen und managte zahlreiche Aktionen. Eduards Bedingung, das Denkmal zu machen, war es, dass es informativ sein musste und nicht nationalistisch missbraucht werden konnte. Vor 40 Leuten trug er dann sein Konzept vor, das von der Gedenktafel auf einem Grabmonument inspiriert war. Es herrschte Grabesstille. Ein Abgeordneter aus Bayern fand die Idee gut. Weil Eduard die Vertreibung miterlebt hatte, bot er schließlich an, das Denkmal
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Die Ruhende.
Skulptur aus Lindabrunner Konglomerat, 1981, ca. 150cm lang. Standort Großfeldsiedlung, Oswald-Redlich-Straße 36 /
Kürschnerstraße 11.
Auf diesem Foto ist sie noch am Entstehungsort im Garten Gerhard Labers zu sehen.
um den halben Preis zu machen, aber nur in der Art und Weise, wie er es vorgeschlagen hatte. Ein Jahr vor dem Fall des eisernen Vorhangs wurde das Denkmal „eröffnet“. Dr. Otto Habsburg und Kardinal Hans Hermann Groër hielten die Festreden. Nach der Feier gab es ein Mittagessen im Gasthaus. Eduard und Habsburg aßen Wiener Schnitzel. Auch von dieser Begebenheit hat Eduard kein einziges Foto. Ein Jahr später wurde die Grenze geöffnet und der eiserne Vorhang war Geschichte.
In Nikolsburg machte Eduard zwei Gedenktafeln an der Stelle des früheren jüdischen Friedhofs, jetzt ist dort eine Parkanlage. Als Bronzeteile abmontiert und gestohlen wurden, ließ er alle Bronzeteile abmontieren und aus Kunststoff nachgießen. Die Originale befinden sich nun im Museumsdorf Niedersulz.
Es waren noch weitere Projekte in und um Nikolsburg angedacht, etwa das Restaurieren und Ergänzen von Kreuzwegstationen. Zuerst wurden solche Projekte an Eduard herangetragen, aber dann doch Ausschreibungen organisiert und österreichische und tschechische Künstler eingeladen. Verwirklicht wurde nur wenig davon, denn die NÖ Landesregierung stellte sich taub.
Häufiger Schmuck im öffentlichen Raum sind Skulpturen und Brunnenanlagen. Hier kann Wien vor allem im innerstädtischen Raum auf ein reiches kulturelles Erbe aus der Monarchie blicken, aber immer wieder begegnet man auch modernen Kunstwerken. Es waren mehrere Instanzen, die im Laufe der Zweiten Republik Kunstförderung durch den Ankauf solcher Werke betrieben, von Banken und sonstigen Betrieben sowie
Eduard Diem – Leben und Werk
Es gibt auch noch diesen von Eduard Diem entworfenen Springbrunnen. Er steht allerdings nicht im öffentlichen Raum, sondern in einem Privatgarten in Langenzersdorf. Von Eduard stammt nur der Entwurf, gebaut wurde er von lokalen Handwerkern. Es handelt sich um eine verflieste Betonkonstruktion. Das war um das Jahr 1980.
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Wohnbaugenossenschaften bis zur Gemeinde Wien. Da gibt es etliche Künstler, die „gut im Geschäft“ waren, Eduard Diem gehörte nicht zu ihnen. Es sind nur zwei Skulpturen Eduards bekannt, die in Wien zur Aufstellung auf öffentlichen Plätzen angekauft wurden, beide aus Lindabrunner Konglomerat: „Die Ruhende“ aus dem Jahr 1981 und „Die Knieende" aus dem Jahr 1985. Die Ruhende ist in der Großfeldsiedlung im 21. Wiener Gemeindebezirk aufgestellt, „Die Knieende“ soll ihren Standort in der Maurer Lange Gasse im 23. Wiener Gemeindebezirk haben, ist dort aber nicht aufzufinden.
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Einer der Gründe, warum ich in Museen nur spärlich vertreten bin, ist mein ursprünglicher Beruf, mit dem ich ausreichend verdiente. Ich war nicht darauf angewiesen, im Unterrichtsministerium oder im Kulturamt etc. um Ankäufe zu betteln. Das Kulturamt hat allerdings mehrmals gekauft. An öffentlichen Aufträgen gab es nur zwei Skulpturen, diese waren aber das Ergebnis von Anfragen bei mir und nicht auf Initiative meinerseits. Es handelte sich um zwei Steinskulpturen, eine im 21. Bezirk und eine in der Maurer Lange Gasse. Wer weiß, ob die noch stehen, es hat sich ja seitdem viel geändert und solche Ankäufe wurden dann irgendwohin gestellt. Oft wurden diese Skulpturen von Sträuchern überwuchert.
Eduard Diem über öffentliche Ankäufe und Aufträge.
Die Skulptur in der Großfeldsiedlung besteht noch (siehe Foto auf → Seite 309), diejenige in Mauer ist nicht auffindbar.
Bewegt.
Plastik aus Zement patiniert,
2014, Höhe 200cm.
Auch sie steht in einem
privaten Garten.
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Fangemeinde
Schon öfters ist in den vorhergehenden Kapiteln von den Käufern der Bilder Eduard Diems gesprochen worden. Zunächst waren es öffentliche Instanzen wie der Österreichische Gewerkschaftsbund, die Kulturämter in Wien und Niederösterreich, aber auch einzelne Museen, deren Ankaufsprogramme Künstler unterstützten. Aber auch manche mehr oder weniger privatwirtschaftliche Unternehmen, wie etwa die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien, unterhielten Kunstfonds, die unter anderem Werke Eduard Diems erwarben.
Die wesentliche Einnahmequelle Eduards waren jedoch private Kunstinteressenten, die durch die mediale Berichterstattung oder durch eine der zahlreichen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen auf ihn aufmerksam wurden. Im Laufe der Jahre bildete sich eine „Fangemeinde“, die bei fast allen Ausstellungen anzutreffen war und von denen mehrere auch als Stammkunden in Erscheinung traten. Mit einzelnen Kunstinteressenten entwickelte sich sogar eine persönliche Freundschaft. Dazu gehören zum Beispiel die Sammler Udo Pacolt und Volkmar Käppl.
Udo Pacolt hat dies im großen Diem-Buch des Phantastenmuseums aus dem Jahr 2012 bekräftigt:
Kennen gelernt habe ich Eduard Diem vor etwa zwanzig Jahren anlässlich einer Ausstellung der Künstlergruppe ‚art diagonal‘, der ich als förderndes Mitglied beigetreten war. Als begeisterter Sammler österreichischer Kunst – meine finanziellen Mittel ließen Ankäufe allerdings nur in bescheidenem Rahmen zu – kannte ich einige Künstlerinnen und Künstler dieser Gemeinschaft persönlich und war an deren Ausstellungen sehr interessiert. Aus einem Grund, der mir nicht mehr in Erinnerung ist, war ich viel zu früh zur Eröffnung gekommen und platzte mitten in die Vorbereitungen. Dabei konnte ich beobachten, wie hilfsbereit Eduard Diem seinen Kolleginnen und Kollegen bei der Hängung und Platzierung der Kunstwerke an die Hand ging. Erst als alle zufrieden waren, kümmerte er sich um seine Bilder und Skulpturen, die bald meine Aufmerksamkeit völlig in Bann zogen. Die Kleinplastiken von Tieren hatten damals auf mich die stärkste Anziehungskraft. Sie faszinierten mich so sehr, dass ich meiner Tochter Tamara - sie war schon in früher Jugend oft meine Begleiterin bei Ausstellungs- und Atelierbesuchen - spontan eine Pferdeskulptur als Geschenk zum kurz bevorstehenden Geburtstag anbot. Ich war glücklich, als sie erfreut zustimmte und auf alle anderen von mir in Erwägung gezogenen Präsente verzichtete.
Persönliches von Udo Pacolt:
Edi Diem
– ein großer Künstler
und guter Freund
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Pferd. Bronze, 1963, Höhe 22cm.
Oben der im Buch des Phantastenmuseums 2012 abgebildete ältere Bronzeguss, unten ein Bronzeguss der Kunstgießerei Loderer in Feldbach aus dem Jahr 1974, fotografiert im September 2021. Das Modell war dasselbe, doch die Behandlung der Oberfläche ist eine ganz andere.
Eduard Diem – Leben und Werk
Bei näherer Betrachtung von Diems Tierskulpturen wenig später in seinem Atelier fiel mir bald auf, mit welch enormer Beobachtungsgabe und tiefem Einfühlungsvermögen er seine Werke schuf. Ich denke an die niederbrechende Ziege, die inzwischen im ‚Kasser art museum‘ in New Jersey neben einer Picasso-Statue ihren verdienten Platz gefunden hat, aber auch an die Plastik eines Tigers mit seinem an den Käfig bereits angepassten gebogenen Körper, an die teils müde und abgearbeiteten, teils elegant wirkenden Pferde, oder an den Vogel, dessen Augen traurig den vorbeifliegenden Artgenossen nachzublicken scheinen.
Bei vielen Gesprächen mit Eduard Diem, die oft bis tief in die Nacht dauerten und durch die ich seine soziale und politische Einstellung erfuhr, die sich mit meiner erfreulicherweise fast immer deckte, entstand eine Freundschaft, die mich mit Stolz erfüllte. Von Mal zu Mal erhöhte sich meine Wertschätzung für den Menschen und Künstler Diem, bei jedem Besuch in seiner Wohnung, die voll von seinen Bildern und Plastiken ist, und in seinem Atelier verliebte ich mich in ein anderes Kunstwerk und verleibte es meiner Sammlung ein, wobei er mir den Ankauf stets mit einem ‚Freundschaftspreis‘ erleichterte, wofür ich Edi – das mir angebotene Du-Wort betrachte ich als Auszeichnung – ewig dankbar sein werde.
Aquarelle, Zeichnungen, Gouachen und immer wieder Skulpturen von Edi Diem fanden in meiner Wohnung jeweils spezielle Orte, an denen sie von meinen Gästen stets bewundert werden, haben sie doch alle einen besonderen Reiz: das Relief der drei Grazien mit seinen konkaven und konvexen Ausformungen, das innig verliebte Paar, die schwebende Tänzerin, die edle ‚Sphinx‘, der aus einer Kerze geformte Frauenakt – sie alle sind von einer faszinierenden, erotischen Ausstrahlung und stellen in den verschiedenen Räumen meines Domizils wahre Schmuckstücke dar!
Ein anderer anonym gebliebener Kunstsammler formulierte seine Gewogenheit folgendermaßen:
Anlässlich einer Ausstellung in Salzburg habe ich das Bild „Stadtrand“ erworben. Ich habe an Sie schon mehrmals geschrieben und dann den Brief doch nicht abgeschickt, weil er mir immer emotionell übersteigert erschien. Das hängt mit der besonderen Wirkung Ihres Bildes zusammen.
Es ist ein schreckliches und mit seinem Schrecken faszinierendes Bild – schön und grausam zugleich, Leben und Tod, Zuflucht und Verzweiflung, immer beides in der Vereinigung von zwei Kontrasten, was die ungeheure seelische Spannung bewirkt, wie ich sie immer wieder empfinde. Dieses Bild ist als Kunstwerk schön, aber als Erlebnis ungemein erschütternd.
Es hängen sehr unterschiedliche Werke in meiner Sammlung auf enger Fläche neben- und übereinander, sie stören einander
Brief eines Kunstsammlers
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nicht, weil sie immer kontrastieren. Maler sind nur so lange darüber entsetzt, als sie das nicht gesehen haben, alles muss nebeneinander Bestand haben und sich selbst durchsetzen. Gerade Ihr Bild, Herr Diem, beweist das.
Ohne Titel.
Holz-Keramik patiniert, Keramikteile von Frau Editha Taferner. 2002, Höhe 127cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Als Familienmensch und unentwegt schaffender Künstler blieb Eduard kaum Zeit für andere Tätigkeiten, zum Beispiel für die Weitergabe seines Könnens und Wissens. Folgerichtig ist in seiner Vita kaum etwas über das Auftreten als Lehrer und Kursleiter zu finden. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine dieser Ausnahmen ist eine Malakademie für Künstler und Dilletierende, die er von 1987 bis 1997 in einem Dorf auf der griechischen Insel Paros und auf Madeira leitete. Bei den Teilnehmern scheint dies nachhaltige Eindrücke hinterlassen zu haben, einer von ihnen hat das untenstehende Gedicht über „Eduard Diems parotische Schule des Sehens“ niedergeschrieben. Neben dem Gedicht sind sechs Zeichnungen Eduards mit Motiven aus Paros abgebildet, die er einem Bekannten für dessen Familienalbum anfertigte.
Grün is net grün,
und blau is net blau,
wånn i so mål,
wia i denk und net schåu.
A Schiff schwimmt net
wia a Kork auf’m Wåsser,
beim Fårbaufträgn måcht’s
den Pinsel ruhig nåsser!
A Fölsn is ka Sand,
und a Meer is ka Strand,
wer Postkårtn målt,
måcht sie sölba a Schånd.
Ob’n is net unt’,
und hint is net vurn,
aufpassn, sunst geht
die Perschpektivn valurn!
Der Lehrer
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Gölb is net rot,
und a Auto is ka Boot,
oba weiß is die Villa,
und der Schåttn is lila.
Die steirischen Tannen
lasst’s bittschön daham
und målt’s in der Landschaft
die ausdörrten Bam.
Noch etwas sagt Edi
immer zu allen:
„Hört’s auf mit dem Zeichnen,
tuat’s endlich målen!“
Mit sarkastischem Lob
und mit Witz statt Kritik
leitet Eduard Diem
unser Malgeschick.
Wir haben von ihm gelernt
und mit ihm gelacht,
und nächstes Jahr
wird weitergemacht!
Paros – Drios, 16. September 1994
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Eduard Diem – Leben und Werk
Aber auch Eduard hat während dieser Kurse vieles erlebt, was bei ihm zu bleibenden Eindrücken geworden ist. Einiges davon fasst er folgendermaßen zusammen:
Schon beim ersten Malkurs in Paros merkte ich, dass die Teilnehmer aus unterschiedlichsten Gründen gebucht hatten. Etwa 20 % wollten in ihrer Malerei weiterkommen und gleichzeitig eine Auszeit vom Alltag haben. Ich limitierte den Malunterricht auf vier Stunden, damit das Gefühl, Urlaub zu machen und zu baden, zu wandern, abends gemeinsam zu essen und sich zu unterhalten etc. nicht zu kurz kam.
Die Kursteilnehmer kamen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Ein betagter Mann vom Max-Plank-Institut in München, stets gut gelaunt, malte seltsam düstere Bilder. Als ich ihn darauf ansprach, sagte seine Frau, die immer neben ihm saß: ‚Ich muss neben ihm sitzen und ihm sagen, welche Farbe er nehmen soll. Mein Mann ist farbenblind!‘ Ein Zahnarzt, jahrelang kam er in Begleitung seiner Freundin, machte Eheurlaub.
An den Bildern konnte man ablesen, ob es psychische Belastungen gab. Eine Frau aus Deutschland malte abstrakte, aggressiv wirkende Bilder. Sie malte auch nachts und dann vernichtete sie diese Bilder. Dann erfuhr ich von ihr, dass ihr Mann vor kurzem gestorben war und die Tochter sich erhängt hatte. Eine andere Dame, sie war aus Reichenhall, wirkte in der abendlichen Runde meist etwas abwesend. Schließlich erfuhr ich: Sie hatte Krebs in einem fortgeschrittenen Stadium und weitere Therapien brachten nichts mehr. Eine andere unkonzentriert und nervös wirkende Frau lebte in Scheidung und war in einen Streit um den Erhalt der gemeinsamen Firma verwickelt, zudem hatte sie Probleme mit den Kindern.
Ich begriff: Einen Malkurs zu leiten, erfordert mehr als gut mit Farbe und Pinsel umgehen zu können.
Und dann gab es natürlich auch Kursteilnehmer, die mehr wollten. Aus Deutschland eingeflogen landeten sie im Bett des Kursorganisators, der gern den Playboy spielte. Ein benachbarter Fischer hatte einen Hund, der sich jedes Jahr während der Malsaison diesem Playboy anschloss. Die Kursteilnehmerinnen beobachteten mit Interesse, vor welcher Zimmertüre der Hund schlief.
Ein Baumeister, von seiner Frau heruntergemacht und wüst beschimpft, war zum Alkoholiker geworden.
Zusammengefasst reichte die Palette der Kursmotivationen vom Interesse am Fortschritt in der Malerei, das mit einem Urlaubsgefühl verbunden sein sollte, über Flucht aus dem Alltag bis zur Psychotherapie. Ich versuchte, im Umgang mit den Malschülern alle Beweggründe zu berücksichtigen.
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Eduard Diems Eindrücke
aus den Malkursen
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Eduard fand aber auch Zeit, sich als Schriftsteller zu betätigen, z.B. mit der Geschichte vom Pelikan:
Es war einmal ein Pelikan,
den riefen alle Jonathan.
Der ging schon früh am Morgen
zum Strand, um sich ein Frühstück zu besorgen.
Im Wasser wimmelt es von Fischen,
er denkt: Die müsste man erwischen.
Er probiert’s mit einem Trick,
vielleicht hat er damit auch Glück.
Er sagt: „Mein lieber Fisch,
das Wasser ist wohl noch recht frisch?“
„Ach nein“ sagt der, „es ist wie immer,
die Wassertemperatur ist prima.“
Der Jonathan sagt zu dem Fisch,
das ist schon sakrisch,
„ich kann nicht schwimmen geh’n,
mein Weisheitszahn tut weh.“
Der Fisch sagt: „Nein, das glaub’ ich nicht,
einen Zahn im Schnabel gibt es nicht.“
Jonathan sagt: „Schau hinein,
dann wirst du seh’n
wo meine Zähne steh’n!“
Er beugt den Schnabel ins Wasser hinunter,
der Fisch schwimmt hinein, ganz munter.
Da wird der Schnabel schnell zugeklappt,
und das Fischlein ist geschnappt.
Der Fisch ist aber auch ganz schlau,
so ruft er: „Schau, da vorne die Fischlein,
die müssten doch leicht zu fangen sein!“
Da macht der Jonathan den Schnabel auf
und fragt: „Wo?“
Der Fisch nützte die Gelegenheit und floh.
Und die Moral von der Geschicht’,
mit vollem Schnabel spricht man nicht.
Eduard Diem – Leben und Werk
Ein Kind beginnt schon sehr früh zu zeichnen. Das Erste ist ein kreisförmiger Umriss eines Kopfes. Das Gesicht der Mutter ist immer da und somit das, was visuell als Erstes erfasst wird. Später entstehen die sogenannten Kopffüßler: Hände und Füße werden als wichtige „Werkzeuge“ wahrgenommen. Der Rumpf kommt erst später dazu. Dem Kind ist dessen Funktion noch nicht bewusst. In den ersten Jahren werden die Köpfe immer zwei Augen, Ohren, Nase, Mund und Frisur darstellen. Eine Seitenansicht ist noch sehr selten und kommt gewöhnlich etwas später.
Zwei Dinge sind wichtig, um einen Gegenstand darzustellen: Was sehe ich und wie ist er beschaffen. Picasso hat seine frühkubistischen Bilder so erklärt: „Wenn ich weiß, dass ein Topf zwei Henkel hat, male ich zwei Henkel. Im analytischen Kubismus wird wie bei einer Beschreibung der Gegenstand nach kompositorischen Gesichtspunkten wiedergegeben: Der Topf hat einen Boden und zwei Henkel, auch wenn er so steht, dass ich aus meinem Blickwinkel nur einen Henkel sehe.“
Seit Beginn der Menschheit, spätestens seit sie in Gruppen lebt, ist die bildhafte Darstellung ein wichtiges Element. Wildtiere, Jagdszenen, Götter in den Stein geritzt.
Erstaunlich und hochinteressant ist die Bildsprache der Aborigines in Australien, die ohne Abbild auskommt und präzise Nachrichten vermittelt. Die Tattoos der Polynesier sind nicht nur Körperschmuck, sie sind für Eingeweihte lesbar.
Rund um die Welt wurde von Anfang an bildnerisch gestaltet.
Eduard Diem spricht über Menschen und ihre Bilder
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Kleine Bucht auf Paros.
Aquarell auf Papier,
1992, 50x64cm
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Bucht in der Ägäis. Acryl auf Karton, 1995, 70x50cm.
Wer sieht das verborgene Gesicht?
Eduard Diem – Leben und Werk
Begegnungen
mit Künstlerkollegen
Schon in den 1960er-Jahren verringerten sich die Begegnungen Eduards mit Künstlerkollegen. Auch deren Präsenz verringerte sich. Viele gründeten Familien. Manche wurden Kunsterzieher, dann war der Unterhalt für die Familie gesichert.
Es blieb aber doch eine erhebliche Zahl an Künstlerkollegen, darunter auch erfolgreiche wie Hanno Karlhuber, die die Doppelgleisigkeit schafften. Karl Martin Sukopp lehrte Jahrzehnte lang auf der Kunstschule Lazarettgasse, aus der immer wieder interessante Künstler heranwuchsen. Karl Anton Fleck und Niki Rebhan waren in Druckereien beschäftigt. Der Bildhauer Herbert Wasenegger war bei Böhler im Büro tätig.
Die Künstlerclique wurde zusehends „bürgerlicher“. Ein eigenes Auto war noch selten und keineswegs so selbstverständlich wie heute. Die in den Außenbezirken oder überhaupt am Land lebenden Kollegen kamen nicht mehr so gerne in die Innenstadt. Karlheinz Pilcz, Oscar Asboth, Bernhard Kratzig und andere trafen sich regelmäßig zum Kegeln im „Galerie-Café Romanum“ in Perchtoldsdorf. Als dort eine Disco eröffnete, war es allerdings mit der Gemütlichkeit vorbei.
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Der bartlose Eduard und
Hilde Diem. Zwei Porträts von
Dominik Rebhan. Bleistift auf Papier, 1958, 30x21cm
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Einmal beschloss Eduard, seinen Kindern einen Sonnenaufgang zu zeigen. An einem Sonntag im November fuhr die Familie vor Sonnenaufgang zur Wotrubakirche in Wien-Mauer. Diese Sakralskulptur steht auf dem Georgenberg inmitten naturbelassenen, mit Sträuchern bewachsenen Geländes. Im Volksmund eine „Gstättn“. Dort trafen sie Arik Brauer mit seinen beiden Töchtern. Die Leute redeten nicht viel, sie beobachteten das sich wandelnde Morgengrau, bis die rote Sonne am Horizont erschien. In Andacht verharrend genossen sie das Schauspiel, wie sich der Himmel färbte und die Natur zum Leben erwachte.
Herbert Wasenegger hatte einen Schrebergarten. Eduard besuchte ihn dort, um dessen neue Steinskulpturen zu sehen. Wasenegger erzählte auch von den Schwierigkeiten mit den Nachbarn, die keinen Bildhauer nebenan wollten.
Niki Rebhan wohnte unweit der Galerie, die Eduard damals dank Ingenieur Katz unweit der Stiegergasse hatte. Sie trafen sich sehr oft und experimentierten an einer kleinen Offsetdruckpresse, die Rebhan zur Verfügung stand. Kurt Mikula, ebenfalls ein häufiger Gast Niki Rebhans, vergaß vor lauter Debattieren oft nach Hause zu gehen. Niki ging schlafen und Mikula blieb einfach im Schaukelstuhl sitzen. Eines Tages verschwand er nach Palma de Mallorca.
Helmut Kies fuhr noch immer stolz mit seinem Prunkschlitten durch die Stadt. Ernst Fuchs legte sich einen Rolls Royce zu und Helmut Leherb, der sich in Frankreich zum Popstar entwickelt hatte, einen vergoldeten Citroen.
Etliche Künstler wanderten ins Burgenland aus. Wander Bertoni, Gottfried Kumpf, Alfred Czerny, Anton Lehmden und Walter Pichler, um nur einige zu nennen. Das Burgenland warb regelrecht und half im Bedarfsfall mit günstigen Krediten. Immobilien und Lebenshaltungskosten waren günstiger. Auch Eduard erhielt ein Angebot. Eine Bank in Lockenhaus bot ihm ein Haus außerhalb des Dorfes an. Über die Wohnräume hinaus hatte es eine ehemalige Werkstatt und einen Lagerschuppen. Es war verlockend, lag aber doch zwei Autostunden von Wien entfernt, und damit würde kaum noch jemand zu Eduard kommen. Er sagte ab.
Peter Klitsch, Karl Korab und Arnulf Neuwirth gingen in das Waldviertel. Ein Grund für die niedrigen Liegenschaftspreise im Waldviertel und im Burgenland war auch die Angst der damaligen Regierungen, dass Russland diese Gebiete annektieren und dem kommunistischen Machtblock einverleiben könnte.
Hundertwasser hatte im Kreis Zwettl eine Bleibe, wo er in Ruhe arbeiten konnte.
Eine Besonderheit waren die aufgelassenen Dorfschulen. Auch sie wurden den Künstlern zum Kauf oder zur Miete angeboten. Wolfgang Denk und andere griffen zu. Ein großer Klassenraum war ideal als Atelier und das Wohnproblem war ebenfalls gelöst.
Eduard Diem – Leben und Werk
Ein Beispiel für die oft sehr engen Kontakte unter den Künstlern ist der in der Folge auszugsweise wiedergegebene Brief Herbert Waseneggers an das Ehepaar Diem aus dem Jahr 2011. Er gibt aber auch einen Einblick in die Frustrationen eines Künstlerlebens:
Meine Lieben, liebe Hilde, lieber Edi,
vorerst einmal herzlichen Dank für die Zusendung des Überraschungspakets.
Lieber Edi, das klingt überwältigend, wenn Du schreibst, 7.000–8.000 Blätter sind es schon (Anm: Gemeint sind die Sekundenbilder Eduards). Und die Aussage ist phantastisch. Deine Phantasien sind scheint’s unerschöpflich. Lustig, beeindruckend und vor allem Deine Linie. Sie erinnern mich an die Naschmarktblätter. Von allem ein bisschen, ein bisschen Ironie, Sarkasmus, beinharte Offenheit im Aufdecken, bissig, aber doch wieder kein Abklatsch, sondern dicht und klar in der Aussage. Mein Freund, ich gratuliere Dir dazu. Vor allem gefallen mir die klaren Linien, gipfelnd in den ‚Einlinienbildern‘. Als eines der schönsten(!) Blätter finde ich ‚das Gesicht über dem Meer, mit Vögeln‘. Greta war auch ganz entzückt und sie wiederholte mehrmals, ‚so was Schönes‘. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass die Blätter spontan entstehen, ohne Vorideen oder Skizzen? Schön, wie der Mäusekopf mit Hut in die Zacken des Mantels gesetzt ist. Wäre das nicht etwas für Buchillustrationen? Jedenfalls wünsche ich Dir noch viel Kraft, dass Du Dich durch die Physiognomien der Welt mit Tiercharakteren durchkämpfst. Sozusagen, mögen zu diesem Behelfe für Dich die Fernsehsendungen nicht enden... Danke für die Kostproben...
Die liebe Hilde sagte mir am Telefon, dass die Zeitschriften von einem ‚Felderer‘ herausgegeben werden und ich den nicht kenne. Aber dann sagte sie Wr. Neustadt und schön langsam dämmerte mir etwas. Ist das derselbe Fellerer, der Obmann des Niederösterreichischen Künstlerbundes war? Vor vielen Jahren nämlich sandte ich jemandem dieses Namens einige Blätter zur Besichtigung zu, wegen der Aufnahme in diesen Verein. Man hat sie einem Gremium vorgelegt und teilte mir in etwa mit, irgendwas von Dilettantismus ... und dass man solche Leute nicht in ihren elitären Reihen braucht ... oder so ähnlich.
Jedenfalls auch eine vielleicht wichtige Sache, die sich dieser Prof. Gotthard Fellerer mit diesen BravDa-Heften antut. Jedenfalls hat mich vor allem sein Bericht über den Ernst Fuchs sehr aufgewühlt. Ich konnte in der Nacht, da ich ihn gelesen hatte, nicht recht schlafen. Er holte mir mit unausgesetzten Gedanken die Vergangenheit wieder hoch und ich erinnerte mich an die Anfänge.
Es muss doch 1950 gewesen sein, da wir beide aufeinander stießen, bei der Gerda Matejka. Ich belegte damals etliche
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Brief Herbert Waseneggers
an das Ehepaar Diem
aus dem Jahr 2011
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Kurse, Malkurs, Grafik, Keramik, Karikatur, Anatomie, Foto und landete dann beim Aktzeichnen, wo wir sicher schon nebeneinander standen an unseren Staffeleien als Kellermaler. Wer zählt die Stunden, da man sich abmühte an den von der wilden Gerda herangezerrten Persönlichkeiten, um Portraits zu gestalten, mit Gouache, Kreide, Rötel und Tusche. Da diese Wilde unbedingt wollte, dass ich monumental werde und meine Arbeiten an von irgendwoher geschleiften Paravants in Lebensgröße absolvieren musste! Diese Wilde, von der man uns damals erzählte, dass sie sich vor unserer Zeit einmal ihre Kleider vom Leib gerissen haben soll, um den Studierenden zu zeigen, wie ein Aktmodell zu agieren habe. Und dann fanden wir zwei aus irgendeiner Sympathie heraus es nötig, dass man nach künstlerischer Erschöpfung noch stundenlang an der Ecke Ring/Babenbergerstraße diskutieren müsse, warum man uns ‚namhaften Künstlern‘ nicht die ihnen gebührende Achtung schenken wollte. Von da an war der Edi stets Impulsgeber für mich. Bei Fellerer taucht da der Name von den umtriebigen Personen wie Matejka und Muschik auf. Irgendwie wurde der Matejka auf Dich aufmerksam, Du gestaltetest Deine Auslagen mit Kunst – und schon wurde ich auch eingeladen, mich zu beteiligen, bei Kleiderbauer. Und der Muschik brachte sein Skulpturenbuch heraus, in dem ich auch schon mit 36 als ‚junger Bildhauer‘ Erwähnung fand. Und dann taucht da der Name Habarta bei Fellerer auf und erinnert mich, dass da auch Du mich auf die Fährte zu den ‚Sammlern‘ gebracht hast, wobei man mich nicht sammelte. Dann die ‚Galerie der
Die Bucht. Bleistift auf Papier. Die Zeichnung von Eduard Diem, die Herbert Wasenegger in seinem Brief anspricht.
Eduard Diem – Leben und Werk
Jungen Sammler‘, für die Du sehr aktiv warst. Und ich erinnere mich an die Situation in meinem Leben, dass ich wohl künstlerisch einiges geschaffen habe, dass ich jedoch in einer falschen Zeit unterwegs war. Du warst figurativ, ein bisschen abstrakt, aber nicht zu sehr, als dass Du nicht in die Zeit gepasst hättest. Ich fand mein Metier darin, zu vereinfachen, zu abstrahieren bis ins Extrem, und das passte nie ins Konzept der Welt, die jetzt wieder gegenständlich wurde. Fellerer erwähnt auch die damals schon herrschende Zwietracht zwischen den ‚Phantasten‘ und jenen um Msgr. Mauer, die Abstrakten. Und z.B. war es bis zuletzt Prachensky nur möglich, zu überleben, weil er einen Brotberuf hatte.
Fellerer erwähnt auch die ‚Kleine Galerie Fuchs‘, hinter dem Theater an der Wien, wofür ich auch den Impuls von Dir bekam. Dann kam da auch die von Dir im Artikel erwähnte Conny Hannes Mayer. Und dann erinnere ich mich des Otto Staininger.
Und zu den Abstrakten um Msgr. Mauer fand ich keinen Zugang, weil als Autodidakt da kein Zugang war. Und bei Hietz, über den Steinbruch St. Margarethen, fand ich nach anfänglicher Freundschaft dann nur mehr Brotneid und Eifersucht, nachdem ich meine Steine verkaufte. Dann erwähnt Fellerer u.a. Helmut Kies. Und da fallen mir all die Namen ein, die Habarta verehrte im Phantastischen Realismus. Für Habarta war daher meine Arbeit eher uninteressant. Du fandest glücklicherweise Zugang zu seinen Aktivitäten. Und das zeigt mir eben, was und wie ich auch arbeitete – allerdings ohne nach rechts oder links zu schauen – dass meine Arbeit NICHT GUT GENUG WAR, um irgendwie Anklang zu finden. Ich kratzte sozusagen nur an der Oberfläche der Kunst und man nickte mir bloß zu, war gefällig, aber überall stand irgendwas und irgendwo dagegen.
Und das sollte wohl so sein und ist auch keine Anklage, sondern nur ein Statement zur Lage. Du, lieber Edi, hast es irgendwie geschafft, mitzumischen, mitzureden und mitzutun in der Szene. Und Deine Impulse für mich haben mir viel geholfen in allerlei Hinsicht. Und mehr war für mich bezüglich Kunst nicht drinnen. Ich spezialisierte mich dagegen in der Spiritualität. Das war dann eigentlich mein Metier und da habe ich vielen, vielen Menschen etwas sagen können. Manche Leben, so eben wie meines, sind eine Ansammlung von Bemühungen, einmal mehr, einmal weniger. Wichtig ist, was es einem selbst bringt, was man selbst davon profitiert, wie es einen innerlich weiterbringt und wie man wächst.
Und so gesehen bin ich Euch herzlich dankbar für die Übersendung der Fellerer-Hefte. Viele andere Ansätze zu meinen Gedanken kommen über diese Hefte. Martinz z.B., deren Freundin mir eine Plastik abkaufte. Und dann die Erinnerung an den ‚Wiener Kreis‘ um H.C. Artmann, Rühm etc. die in ihrem Manifest seinerzeit nahe dem Porrhaus einen Klavierflügel
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zertrümmerten. Dann wird kurz Otto Mühl erwähnt. Aber von ihm hatte ich doch einiges profitiert, in seinem Atelier an der Rossauerlände, die Abfolgen von Hell zu Dunkel, die Auflösung eines Bildes, wie es einst Braque und Picasso taten. Aber mehr gab der Mühl nicht her für mich.
All das Sammelsurium an Gedanken kam in mir hoch. Vergangenes, das auch vergangen sein soll. War aber nett, wieder ein wenig hinabzutauchen in den Anfang. Dafür danke ich herzlich. Und gerade sehe ich noch ein Bild von Hans Muhr. Muhr, der anlässlich einer meiner Ausstellungen in der Neudeggergasse unmittelbar vor mir ausgestellt hatte und gerade seinen kleinen Golf mit seinen kleinen Arbeiten zum Abtransport füllte. Muhr, der dann seinen Weg machte, mit einfachen Wasserspendern für die Gemeinde.
Ich will Euch ja nicht fadisieren, aber da ich nun einmal dabei bin bei meiner Retrospektive, so fällt mir noch zum Schluss das Foto mit Prof. Dr. Siegfried Nasko in den BravDa-Heften in die Hände. Eine traurige Erinnerung. Als ich meine große Ausstellung, eine wirklich repräsentative Personale in St. Pölten im Regierungsviertel-Ausstellungsbrücke vorbereitete, sollte ich einen Laudator nennen. Ja, wen denn? Da fiel mir der Dr. Nasko ein, den ich schon viele Jahre kannte, auch vom Yoga – und der wollte es auch gerne tun. Aber zu der Zeit wusste ich wohl um die politische Situation in NÖ, aber ahnte nicht, dass diese derart krass ins Menschliche eingreifen würde. Die Stadt St. Pölten ist rot, das Land NÖ und die Regierung tiefschwarz. Als ich meine Wahl von Dr. Nasko bekannt gab, kam von Pröll unmittelbar die Weisung, ‚kommt nicht infrage!‘ Als er dann von seiner Reise zurückkam, bestimmte Pröll, dass meine Laudatorin die erst kurz vorher nominierte Landesrätin Dr. Bohuslav sein müsse. ‚Bei der Vernissage ein Herumgeschwafel!‘ So ging eine schöne Ausstellung ‚in die Binsen‘.
Und auch aus der projektierten Stahlplastik für Schwechat wurde in der reichen Gemeinde Schwechat aus Geldnot nichts. Auch weil man kaum gegen den Lokalmatador Sukopp aufkommen kann. Das neu erbaute Multiversum-Gebäude brauchte natürlich eingangs ein Wahrzeichen. Und dreimal dürft Ihr raten, wer den Auftrag dazu (ohne Ausschreibung) bekam. Richtig, eine Sukopp-Plastik steht jetzt dort.
Und als es recht gut aussah für eine Ausstellung am Flughafen – wieder einmal ein Tipp vom lieben Edi – und ich schon vorgesehen war als ausstellender Künstler ‚aus der Umgebung‘, vertröstete man mich auf die Lobby eines neuen Verwaltungsgebäudes, das im Bau war. Doch dann kamen die finanziellen Schwierigkeiten mit dem Sky-link, Skandale, Prozesse um die verlorenen Millionen, sodass auch der Kulturvorstand des Flughafens gehen musste.
Alles in allem in der Kunstszene war ich sicher nicht gut genug. Aber das macht mir nichts aus. Bin weder enttäuscht, noch
Porträt Eduard Diem.
Zeichnung von
Herbert Wasenegger.
Bleistift auf Packpapier,
1963, 45x32cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Eine enge Freundschaft verband Eduard Diem auch mit dem Bildhauer Gerhard Laber. Sie hatten einander bei dem Symposium in Labers Garten in den 1980er-Jahren kennengelernt.
Gerhard Laber hatte sich unter anderem auf die Herstellung von Requisiten für Film und Theater spezialisiert. Das konnte beispielsweise ein alter Helm sein. Den Rohling fertigte er aus Polyester und zum Färben holte er sich Eduard Diem. Der verstand es, den Helm auf Antik zu patinieren. Auf diese Weise arbeiteten sie oft zusammen, meist unter Zeitdruck, denn die gesetzten Termine waren immer knapp.
Eines der gemeinsamen Projekte war 1999 die Statue einer 100-jährigen Bibiane Zeller darstellenden Diskuswerferin. Sie war als überdimensionales Denkmal in einem Unterhaltungsfilm gedacht. Der Regisseur gab ihnen ein Foto mit dem Kopf der Frau Zeller, leider war es zwei Zentimeter groß. Es wurde mit Unmengen Styropor und Gips gearbeitet und wiederholt korrigiert. Nichts ist schwieriger als die Geburt einer 100-Jährigen.
Es war auch eine Herausforderung, den hier genannten Film zu finden und die Verwendung der Statue nachzuverfolgen. Doch
entmutigt und widme mich intensiv meiner spirituellen Entwicklung...
Herzlichst Euer Freund, mit Dank für alles,
Linolschnitt
von Herbert Wasenegger.
1960, 35x50cm
Eduard Diem betrachtet die fertiggestellte Plastik von Bibiane Zeller als 100-jährige Diskuswerferin. Sie war ein Gemeinschaftswerk mit
Gerhard Laber.
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Der Bildhauer Gerhard Laber war auch als Maler tätig, wie zum Beispiel mit dieser abstrakten Malerei in Mischtechnik auf Karton, 42x46cm. Ein Geschenk an Eduard Diem
in den weiten Archiven des ORF bzw. in dessen Cloud findet man so gut wie alles, eben auch diesen Film. Er heißt „Ene mene muh, und tot bist du“, präsentiert von der Terra Internationale Filmproduktionen GmbH des Norbert Blecha, die diesen Fernsehfilm in Coproduktion mit dem ORF herstellte. Regie führte Houchang Allahyari.
In „Ene mene muh“ wurde fast die komplette, ins Wiener ORF-Milieu passende Schauspielergarde mit Rollen bedacht, von Leon Askin über Herbert Fux, Waltraud Haas, Karl Merkatz, Gunther Philipp, Christine Schuberth, Kurt Sobotka bis eben auch Bibiane Zeller.
Die Statue war als Denkmal für die von Bibiane Zeller verkörperte Frau Kadletz als älteste Wienerin gedacht, kam aber nur ganz kurz und verdeckt als Grabmal dieser Frau Kadletz ins Bild. Warum eine 100-jährige Diskuswerferin darzustellen war, erschließt sich aus dem Film nicht.
Einen ganz ähnlichen Auftrag gab es für ein anderes Filmprojekt. Eduard sollte eine barocke Frauengestalt mit einem Siegeskranz in der erhobenen Hand formen. Die Zeit war knapp. Mit zwei Assistenten arbeitete er im Atelier in der Göllnergasse. Die zwei Helfer waren nicht begeistert, täglich bis nach Mitternacht zu arbeiten. Einmal gingen sie zu später Stunde in das nächste Beisl, um etwas zu essen und zu trinken. Das Lokal entpuppte sich als Sandler- und Obdachlosentreffpunkt. Ein Gast räumte seinen Plastiksack von der Bank, um für die Ankömmlinge Platz
Screenshot aus dem Film mit der Statue im Hintergrund. Davor Karl Merkatz, Marion Rottenhofer und Reinhard Nowak
Eduard Diem – Leben und Werk
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zu machen. Aus dem Sack holte er altes Brot und sonst allerlei Essbares heraus und bot es ihnen an.
Die Figur diente für eine Außenaufnahme im Schönbrunner Schlosspark. Eduard wunderte sich darüber, denn dort gab es ja ohnehin mehrere durchaus geeignete Frauenfiguren. In den Hauptrollen spielten Guido Wieland und Marianne Schönauer. Die Szene vor Eduards Figur wurde mindestens 15 Mal wiederholt. Die beiden ließen das geduldig über sich ergehen. Sie verhielten sich sehr professionell.
Eduard erinnert sich aber auch an viele andere Charaktere im Lichte seines früheren Brotberufes und der späteren Laufbahn als Künstler zurück. Da war zum Beispiel Otto Smetana. Er war Vollwaise, hatte eine Statur mit Ansatz zum Dickwerden und einen Hang zur Selbstironie. Er war ein Lehrling Eduards bei seiner Arbeit im Konfektionshandel. Diese Lehrlinge waren meist Schulabbrecher, die eine kaufmännische Lehre begannen und in Eduards Abteilung landeten.
Otto Smetana war damit beschäftigt, die Wände in einer Schaufensterpassage weiß zu streichen. Bald hatte er weiße Flecken an seiner Kleidung. Kurzerhand walzte er den ganzen Körper mit weißer Farbe, auch den Kopf. Wenn Passanten vorbeikamen, agierte er als Pantomime.
Ein anderes Mal verschnürte er Körper und Gesicht mit Nylonfäden und aus seinem eigenen Körper entstand eine Skulptur. Einen Schuh bemalte er rot, den anderen grün. So fuhr er auch in der Straßenbahn. „Ich mache das, um zu sehen, wie Menschen auf Überraschendes reagieren. Und weil es Spaß macht!“, war seine Erklärung.
Später wurde er Buddhist, Extremsportler, Vegetarier und er inszenierte ein Kulturzentrum bei Allentsteig. Im dortigen Kino agierte er auch als Filmvorführer.
Eduard erinnert sich auch an Gerhard Hrosek. Er war mit seinem Vater aus Brünn geflüchtet und suchte eine Anstellung. Eduard nahm ihn in der Werbeabteilung von Kleiderhahn, die er damals leitete, auf. Als Gerhard Hrosek Eduards Holz- und Linoldrucke sah, begann er unter Eduards Anleitung selbst welche zu machen. Sie waren expressionistisch und hatten meistens die Vertreibung aus der Heimat als Thema. Schließlich waren die Ergebnisse so gut, dass Eduard ihm Ausstellungen vermittelte. Sein Schüler fand sofort Beachtung. Natürlich wollte er sich auch beruflich weiter entwickeln und mehr verdienen. Schließlich ging er zu einer anderen Firma.
Eduard erinnert sich auch an Berry Hackl. Seine Eltern waren tot und er lebte bei seinem älteren Bruder. Er war sehr wissbegierig und wollte die Schaufenster für die Wintersaison gestalten. Die Wände bemalte er abstrakt mit weißer, hellblauer und hellgrauer Farbe und erzielte damit Effekte, die an Raureif erinnerten.
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Holzschnitt von Gerhard Hrosek, 35x26cm.
Sie sprachen auch über Plastiken und darüber, dass eine Plastik etwas Haptisches sei, das man mit den Händen „begreifen“ sollte. Angefeuert durch Eduards „Kunstreferate“ machte er zu Hause Kleinplastiken und brachte sie Eduard zur Begutachtung. Vor allem setzte er das Wort „begreifen“ um. Er hatte eine „Skulptur für die linke Hand“ gemacht. Eduard verhalf auch ihm zu einer Ausstellung. Der Gedanke von der begreifbaren Skulptur war für Eduard durchaus nachvollziehbar. Bei den großen Ausstellungen zu Henry Moore, Marino Marini und Rodin, bei denen Eduard über die Führungen bestimmen konnte, durften alle Objekte „begriffen“ werden. Er machte sogar Führungen für Blinde vom Blindenverband.
Nach abgeschlossener Lehre ging Berry Hackl in die Schweiz und wurde Bühnenbildner.
1972 veranstalteten die im „Café Romanum“ verkehrenden Künstler ein Faschingsfest. Das Motto war „Paris vor 1900“.
Eduard Diem – Leben und Werk
Faschingsfest 1972 im Café Romanum. In der Bildmitte Eduard, links unten Hilde Diem. Eduards Hut fand später Verwendung als Komponente einer Plastik. Die im Hintergrund erkennbare Dekoration aus Eduards Hand wurde von den Gästen gleich der Blumendekoration von Opernbällen mitgenommen.
Der verbliebene Rest
verbrannte später.
Eduard dekorierte die Wände mit Packpapier im Stil der damaligen Zeit.
Als Idee der Inhaberin und Galeristin Anna Kositznik war auch eine Mitternachtsshow angesagt. Tatsächlich kamen um Mitternacht zwei tolle, blonde Tänzerinnen zur Tür herein. Eine der beiden begrüßte Eduard besonders aufmerksam. Vielleicht war sie der Meinung, dass sie ihm ihren Auftritt zu verdanken hatte, dachte Eduard. Am Ende der Show riss sich eine der Tänzerinnen die Perücke vom Kopf. Es war Günter Adam, ein früherer Mitarbeiter Eduards in der Werbeabteilung von Kleiderhahn. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin hatte er ein Engagement als Travestiekünstler im Moulin Rouge.
Es war ein schönes Fest gewesen.
Keiner der zuletzt genannten Burschen hatte vorher eine Berührung mit der damaligen Kunstszene. Bei jungen Menschen gilt es zuerst, das Interesse zu wecken, Kreativität zuzulassen und zu fördern. Der Spruch von Joseph Beuys „Jeder ist ein Künstler“ ist insofern nicht ganz falsch, als ja tatsächlich in vielen ein künstlerisches Potenzial schlummert. Oft ist aber der abschreckende Rat zu hören: Lerne einen anständigen Beruf oder willst du als hungernder Künstler leben?
Abschließend noch etwas über die Banane, und zwar die mit Schablone aufgesprühte Banane als das persönliche Logo des Künstlers Thomas Baumgärtel. Wie an allen großen Museen Europas ist sie auch neben dem Eingang des Frohnermuseums in Krems zu sehen.
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Ein Fundstück: Ein Kollege mit einer Faschingsbemalung
von Eduard
Die Banane ist nicht nur der Beweis, dass der Künstler da gewesen ist. Er hat auch erkannt, welche Rolle die Banane in der vergangenen Politik gespielt hat und dass sie im heutigen Europa als Wohlstandssymbol dienen könnte. Ein besonderer Aspekt ist auch der hohe Wiedererkennungswert einer Banane. Es gäbe noch viele andere Aspekte der Banane, über die nachzudenken wäre. Die Banane passt nahtlos zu dem Werk des Künstlers und ist daher anders zu sehen als der Egotrip von Joseph Kyselak, der in der österreichischen Monarchie überall seinen Namen hinterlassen hatte.
Apropos Wiedererkennungswert: Eine Galerie hatte Bilder und Objekte eines Künstlers ausgestellt, der vor fünf Jahren gestorben war. Das Gespräch über die Werke endete mit dem Satz: „Er hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert.“ Für Galeristen als Mittler vom Künstler zum Publikum ist er oftmals wichtiger als die künstlerische Substanz der Werke.
Thomas Baumgärtel meinte jedenfalls: „Ein Kunstwerk, über das es nichts zu diskutieren gibt, ist bereits tot.“
Der Eingang des Frohnermuseums in Krems
mit der aufgesprayten Banane
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard malt ein Bild
Eduard wird oft gefragt, wie lange er an einem Bild arbeitet, und nie kann er es exakt beantworten. Die Arbeit an einem Bild beginnt mit einer gewissen Unruhe. Die weiße Leinwand lehnt provozierend an der Wand des Ateliers. Es entstehen Skizzen auf Notizzetteln etwa in Postkartengröße, hauptsächlich um die grobe Bildkomposition festzulegen. Dann kommt die Leinwand auf die Staffelei und Eduard steht davor, wie der Tormann mit der Angst vor dem Elfmeter. Doch irgendwann muss er die schöne, blütenweiße Fläche zerstören und die Konturen der Komposition markieren. Aber zu diesem Zeitpunkt kann sich noch alles grundlegend ändern.
Schließlich wird die erste Farbe hingepinselt. Die erste Farbe erzwingt die nächste Farbe und so weiter. Das Ziel ist Lebendigkeit und Harmonie.
Das fertige Bild wird im Wohnzimmer unter den Fernseher gelehnt, dort findet es andauernde Aufmerksamkeit. Dadurch wird es eingehend kontrolliert und manchmal auch verändert oder ergänzt, bis Eduard damit zufrieden ist – oder es wird weggeworfen.
Das alles müsste Eduard auf die Frage nach der Maldauer erklären und die daraus resultierende Zeitspanne ist groß. Das Schaffen eines Bildes kann in zwei Tagen erledigt sein oder auch Wochen dauern. Oft gibt es auch lange Unterbrechungen. Wissen will man aber in der Regel nur, wie lange er den Pinsel schwingt.
Ich hatte Ende August und Anfang September 2020 die Gelegenheit, Eduard beim Malen eines Bildes zu beobachten und zu filmen. Der reine Malvorgang hat drei halbe Tage gedauert. Das Resultat meiner Beobachtung ist ein Video, großteils in einem extremen Zeitraffer.
Entstanden ist eines der meines Erachtens schönsten Bilder dieser späten Schaffensperiode Eduard Diems. Aber das ist natürlich sehr subjektiv und eigentlich ein Beweis für Eduards Aussage an anderer Stelle, dass man sich zum Verständnis eines Kunstwerkes mit dem Objekt und seinem Erschaffer näher beschäftigen muss.
Eduard Diem beim Malen des Bildes am 19. August 2020
Ganz rechts: ein Foto des Bildes, fotografiert unmittelbar nach der Fertigstellung am
8. September 2020
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Eduard Diem – Leben und Werk
Der „Allesverwender“
Eduard war immer offen für Experimente und die Verwendung neuer Materialien. In der aktuellen Phase seines künstlerischen Lebens bekommen Abfälle der verschiedensten Herkunft einen zentralen Stellenwert in der Gestaltung von Plastiken.
Einen Spaziergang durch den Wald beendet Eduard niemals ohne ein Stück verwittertes Holz. Irgendwann kann es in eine Plastik eingebaut werden. Aber auch die vielfältigen Formen von Plattenschnittholzresten inspirieren ihn zu neuen Formen. So werden im Baumarkt vorgefertigte Holzkeile zum Relief einer Gesichtsmaske, die wiederum an archaische Kulturen erinnert.
Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und Eduard ist bei seinen Beobachtungen bald aufgefallen, dass weniger eindeutige Kunstwerke länger betrachtet werden. Eine Plastik, die den Betrachter an ein Tier erinnert, beschäftigt diesen mehr als ein naturgetreu dargestelltes Tier.
Eduard bevorzugte während seines gesamten Künstlerlebens Dinge, die seine Fantasie aktivierten. Nie war es die Hauptmotivation, ob das, was er gerade machte, auch Anklang finden würde. Der Gedanke an die Verkäuflichkeit eines Objektes hemmt die Kreativität.
Jetzt, „in der Pension“, befreit vom allerletzten kaufmännischen Kalkül, mutierte Eduard Diem in gewisser Weise zum Hobbykünstler. Jede Woche präsentiert er stolz mehrere Blüten seiner Fantasie, die er mithilfe dieser „Abfälle“ – das können auch weggeworfene Gegenstände des täglichen Lebens sein – verwirklicht hat.
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Fantasie. Kleinplastik aus den Abfällen einer Sperrholzplatte, lackiert, Juli 2021
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diems
aktuelle Malweise
Eduard Diems Schwerpunkt seiner Malweise in den letzten zehn Jahren war und ist der Versuch, auf einer Leinwand ungegenständlich und unter Vermeidung einer Perspektive einen Effekt zu erzielen, der wie ein Relief aussieht. Dabei muss auch die Bildkomposition stimmen. Meistens gelingt ihm dies zu seiner Zufriedenheit. Gerhard Habarta kommentiert diese jüngste Phase des Malers Eduard Diem mit folgenden Worten:
Eduard Diem hat mehrere Leben gelebt. Jetzt ist er im Leben der Reife und er hat zu einer ganz neuen Art der Malerei gefunden. Sie fängt aber genau dort an, wo er vor 60 Jahren angefangen hat, nur ganz anders. Vor 60 Jahren machte er Holzschnitte, strenge Linien, glatte Farben. Und was macht er jetzt? Strenge Linien, glatte Farben, aber eben ganz anders. Er macht neue Kunst.
Nun könnte ich sagen, einer der alle Zeit lang seinen Stil wechsle, wisse nicht, was er will. Aber man weiß, was er will und man erkennt, das ist ein Diem. Und wenn Sie ein 50 Jahre altes Bild von Diem sehen, dann werden Sie sehen: Das hat was, das muss von Diem sein, obwohl es ganz anders aussieht.
Es ist ganz eigenartig: Die Bilder, die er jetzt macht, haben eine eigenartige Plastizität. Es sind flächige Bilder, aber dreidimensional. Sie kommen nach vorne, sie gehen nach hinten und die Formen sind einfach. Quadrate, Rechtecke, das kennt jeder, kann jeder, kein Problem. Aber das Miteinander der Formen und der Farben, das ist so kompliziert, verschränkt und so angeordnet, dass man nicht sofort wegschauen kann. Die Bilder bohren sich ins Auge. Er macht dreidimensionale Bilder in der Fläche, und das ist etwas sehr Schönes.
Eduard Diem ist ein fleißiger Maler. Er malt seine Bilder nicht im Kopf und erzählt nicht im Kaffeehaus, was er macht, sondern er geht morgens ins Atelier und fängt an zu arbeiten, hört mittags vielleicht kurz auf, um zu sehen, ob alle anderen noch leben, und dann malt er weiter, bildhauert er weiter, schnitzt er weiter. Der Eduard Diem ist ein fleißiger Künstler und das ist wichtig. Und deswegen muss auch der Beschauer ein fleißiger Mensch sein, er muss Kopfarbeit leisten. Er zwingt den Beschauer, seine Bilder nicht im Vorübergehen zu sehen und nicht als Dekoration, sondern als Bild, das an der Wand hängt und eine andere Dimension erzeugt.
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Gerhard Habarta kommentiert Eduard Diems aktuelle Malweise
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Ohne Titel. Acryl auf Leinen, 2018
Eduard Diem – Leben und Werk
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Von Kopenhagen
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Bis Washington
Eduard Diem – Leben und Werk
1962 fand in Kopenhagen ein internationales Jugendtreffen statt. Über die Galerie Junge Generation in der Blutgasse war aus diesem Anlass eine Ausstellung im Rathaus Kopenhagen vereinbart worden. Eduard fuhr deshalb nach Dänemark.
Schon die Fähre von Hamburg nach Kopenhagen war ein Erlebnis. Viele der Reisenden wussten von dem außergewöhnlich reichhaltigen Büffet, das es hier gab. Nach den Hungerjahren war das ein märchenhafter Anblick. Eduard hat in seinem Leben weder vorher noch nachher so eine hemmungslose Fressorgie erlebt. Ein Herr nahm etwa 40dkg Schinken und einige Löffel Kaviar. Der Kaviar stellte sich jedoch als Waldbeerkompott heraus.
Da Eduard wusste, wie teuer das Leben in Dänemark war, reiste er mit dem Zelt. Auf dem Campingplatz war von den Samen der Arktis bis zu Menschen aus Indien alles vertreten. Das Jugendtreffen wurde von einer Militärküche verköstigt. Von den im Campingbüro verteilten Essensgutscheinen konnte auch Eduard welche ergattern. Die Preise für alles und jedes waren nämlich in Skandinavien im Vergleich zu Österreich extrem hoch. Entsprechend höher war allerdings auch der allgemeine Lebensstandard. Alles erschien Eduard freier und toleranter. Seniorinnen gingen mit einer Tabakpfeife im Mund einkaufen. Mit dem Retourgeld spielten sie im Vorraum des Supermarkts. Allerdings fand Eduard bald heraus, dass die Menschen in Kopenhagen die deutsche Sprache nicht gerne hörten. Als Gegenmaßnahme bastelte er sich ein rotweißrotes Abzeichen.
Eine Familie – eine Lehrerin und ein Postbeamter mit zwei Kindern – zeigte ihm ihre Wohnung. Verglichen mit österreichischem Standard erschien sie Eduard utopisch ausgestattet. Der Mann war wegen der Kinder in Karenz, die Frau hatte ein höheres Einkommen. Kinderwagen schiebende Männer waren kein Problem, in Österreich war das noch lange Zeit ein No-Go.
Kopenhagen war aber auch die Geburtsstätte der Pornoindustrie. Ein Opa mit Enkelkind, der sich im Schaufenster Sexhefte ansah, gehörte zum Straßenbild. Geprägt war die Stadt von den vielen Radfahrern, die es schon damals gab. Um die Mittagszeit regnete es häufig, dann waren alle Dänen mit gelber Regenjacke und mit Hut unterwegs. Eduard kaufte eine dieser Garnituren für seinen siebenjährigen Sohn René. Der trug sie auf dem Schulweg und wurde prompt verspottet. Sogar von der Lehrerin!
Der Tivoli hatte ein anderes Niveau als der Wiener Prater. Es gab eine offene Konzertbühne und den sogenannten kleinen Tivoli. Dort gingen Eltern mit ihren Kindern abends hin. In einem
Kopenhagen
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Wald neben dem Tivoli hörte Eduard Jazzmusik. Junge Leute spielten, andere hörten zu. Nach einer Weile kam die Polizei und es gab eine Diskussion. Schlussendlich packten die Mädchen die Polizisten und tanzten mit ihnen.
In Österreich wurde zu dieser Zeit der Polizei angeordnet, Demonstrationen zu begleiten um Zusammenstöße zu vermeiden.
Promenade.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1962, 50x60cm
Eingang zum Schloss.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1962, 50x60cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Eine der ersten Ausstellungsbeteiligungen Eduard Diems betraf die Ausstellung österreichischer Grafik in der Franz Bader Gallery in Washington. Initiiert wurde sie von der Arbeitsgemeinschaft junger Sammler in der Treitlstraße in Wien. Nach großen Anstrengungen wurde die Ausstellung am 4. September 1963 durch den Geschäftsträger der österreichischen Vertretung in Washington, Dr. Robert Ladner, eröffnet. Dass die Ausstellung überhaupt zustande kam, war dem persönlichen Einsatz des Kulturattachés an der österreichischen Vertretung in den USA und Obmann der Arbeitsgemeinschaft junger Sammler, Dr. Ingo Mussi, zu danken. Unter anderem verwendete er seine persönlichen finanziellen Mittel für die Gestaltung der Ausstellung. Doch dann wurde sie zum großen Erfolg. Bei der Vernissage waren 200 geladene Gäste anwesend und zwei Bilder wurden verkauft, eines der beiden war von Eduard Diem. Bis zum 15. September war ein Drittel der ausgestellten Grafiken verkauft. Unter den Käufern befanden sich Mrs. Alice Longworth, die Tochter von Präsident Franklin D. Roosevelt, Marlene Dietrich und die Leiter bedeutender amerikanischer Sammlungen.
Die Teilnehmer an der Ausstellung und die Kritiken in den amerikanischen Medien geben einen schönen Einblick in die damalige österreichische Kunstszene.
Die Einladung
nach Washington
Die Einladung zur Ausstellung
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Hier die Kritiken der Washington Post und des Washington Star:
Die Galerie Franz Bader hat soeben eine von Ingo Mussi, Kulturattaché der österreichischen Botschaft, ausgewählte Ausstellung von Malereien und Grafiken zeitgenössischer österreichischer Künstler eröffnet. Die Künstler gruppieren sich um eine Wiener Galerie, eine Gruppe, die nicht durch einen gemeinsamen Stil, sondern durch persönliche Freundschaft miteinander verbunden ist. Die Arbeiten wurden bewusst nur von figurativen Künstlern ausgewählt. Die Idee dabei war es, dass der österreichische Charakter stärker zum Ausdruck käme als bei abstrakten Künstlern. Die Arbeiten lassen sich in zwei große Kategorien einteilen: warme und bezaubernde Aquarelle und zart gefärbte Druckgrafiken sowie mehr oder weniger vom Surrealismus herkommende Radierungen. Beide Kategorien verraten großes technisches Können und Beherrschung des Handwerklichen.
Unter den Aquarellisten ist Dominik Rebhan besonders interessant. Er verbindet samtige Lavierungen mit kalligrafischen Linien zu einem schönen Gleichgewicht von Farbe und Linie. ‚Toledo‘ ist eine sehr schöne Studie. Die zarten Striche Walter Zentners, Anton Lehmdens und Helmut Kies’ kommen in der durchgearbeiteten surrealen Bilderwelt sehr vorteilhaft zur Geltung und verbinden großartige Detailarbeit mit einer
Judd Ahlander in der Washington Post (Auflage 520.000, damals nach der New York Times die bedeutendste Zeitung des Landes)
Eine Eduard Diem gewidmete Malerei Walter Zentners aus dem Jahr 1972. Mischtechnik auf Faserplatte, 31x43cm
Eduard Diem – Leben und Werk
etwas unheimlichen Atmosphäre. Fred Nowaks Drucke, die dieses Jahr hier schon zu sehen waren, sind gute nüchterne Feststellungen, gut kontrolliert und hübsch in den Farben. Rudolf Hausner zeigt Studien des weiblichen Akts mit stark übertriebenen und fein ausgearbeiteten anatomischen Details, wunderschön gezeichnet. Die Arbeiten sind klein und unaufdringlich und vermitteln keinen Eindruck von der österreichischen Kunst als Ganzem, aber sie bilden eine attraktive Gruppe.
Die Galerie Franz Bader beginnt die neue Saison mit einer feinen Gruppe zeitgenössischer österreichischer Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken, ausgewählt von Dr. Ingo Mussi, dem Kulturattaché der österreichischen Botschaft.
Dr. Mussi betont, dass – so wie andere Länder – auch Österreich seine jüngeren Abstrakten hat. Die Gruppe, die hier gezeigt wird, besteht aber hauptsächlich aus Expressionisten, die dem Surrealismus zuneigen.
Dass in diesen Stilen noch eine Menge Leben steckt, ist ja keine Überraschung. Eine Überraschung ist es jedoch – und sollte es doch nicht sein – zu sehen, wie erkennbar österreichisch diese jungen Österreicher sind. Mehrere Bilder erinnern an den Einfluss Kokoschkas, noch viel stärker aber ist der Einfluss Klimts.
Fred Nowak ist einer dieser österreichischen Österreicher. Seine ‚Frau auf dem Diwan‘ ist nicht nur vom Sujet her wienerisch – hier kamen die Menschen ja zuerst auf die Couch – sondern auch von der Manier her. Ein abstrakter Farbenkreisel deutet das Thema an, aber der Kreisel ebenso wie die Beziehungen der Farben zueinander erinnern an die Wiener Variante des Jugendstils.
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Ein Telegramm, das auch den wirtschaftlichen Erfolg bestätigt
Frank Getlein im Washington Star (Auflage 350.000, Frank Getlein war Autor einiger Bücher über amerikanische Künstler,
darunter über Bon Shan,
und schrieb außerdem
für New Republic.)
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Die teilnehmenden österreichischen Künstler
Eduard Diem – Leben und Werk
Ebenso deutlich wienerisch sind die Arbeiten von Elisabeth Bauer-Stein, deren drei völlig verschiedene Sujets – ein molliger Torso, ein Clown mit Tänzerin und zwei nackte Mädchen, durch einen Schwan erschreckt – nur die eigentümlich melancholische Stimmung, das Gefühl von Fremdheit und Vorahnung gemeinsam haben.
Christof Donin führt noch eine andere Eigenschaft des Wiener Expressionismus weiter: die Beschäftigung mit dem Sexuellen. Seine Radierung ‚Lot und seine Töchter‘ stellt das Thema der alternden Lust und der jungen Geilheit, das auch im ‚Faun‘ variiert wird, dar.
Ebenfalls in der alten Manier zeigt Eduard Diem in einem in Purpur und Lavendel gehaltenen Aquarell eine Straßenkreuzung mit barocken Häusern, das allein durch Architektur und Farbe eben dieses Gefühl des etwas Überreifen und eines nahenden Endes vermittelt.
Vorstadt.
Öl- und Offsetfarben gemischt auf Faserplatte, 1963, 120x90cm
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Herbstliche Bäume. Ölfarbe auf Leinen, 1963, 40x46cm
Donaufischer. Ölfarbe auf Faserpatte, 1963, 39x54cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Mittwoch, Freitag und Samstag von vier Wochen im Jahr waren Fasttage (quattuor tempora = vier Zeiten). Es handelte sich um Tage der Buße, der geistlichen Erneuerung und des Gebets. Diese vier Quatemberwochen waren ursprünglich die Wochen nach dem ersten Fastensonntag, nach Pfingsten, nach dem dritten Septembersonntag und nach dem dritten Adventsonntag. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelten in Deutschland folgende vier Quatembertermine: Die Quatembertage liegen in der ersten Adventswoche, in der ersten Fastenwoche, nach Pfingsten und in der ersten Oktoberwoche.
Die Filialkirche Katzenberg wählte diese Tage der religiösen und geistigen Erneuerung zum Namensgeber für ihre Brauchtums- und Bildungsveranstaltungen. Eine dieser Veranstaltungen war eine von 23. Februar bis 6. März 1983 laufende Ausstellung mit dem Titel „Der Mensch – Aspekte ’80“. Einer der teilnehmenden Künstler dieser Ausstellung, die vom damaligen Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger eröffnet wurde, war Eduard Diem. Der Besucher dieser Veranstaltung sollte angeregt werden, über die Bestimmung und Würde, aber auch über die Schwäche und Gefährdung des Menschen nachzudenken. Die Veranstaltung sollte „eine allgemeine Besinnung auf das Wesentliche im Leben“ nach sich ziehen, wie Dr. Kirchschläger hinzufügte.
Die Worte des Bundespräsidenten waren einerseits sehr grundsätzliche, etwa die der Hoffnung, dass mit den vergangenen Katastrophen das Tief der Hoffnungslosigkeit durchschritten wurde und der Zukunftsglaube wieder lebendig würde. Er ging aber auch auf die Funktion des Künstlers als Propheten und Künder des Guten, aber auch des Unheils, ein. Und:
Ich wünsche auch einen guten Erfolg in der Richtung, dass Künstler und Betrachter einander näher kommen. Es machen uns manchmal die Künstler nicht leicht, sie zu verstehen, und wir machen es manchmal den Künstlern nicht leicht, wenn wir nur in sehr gewohnten Kategorien denken. Ich habe zu einer Art der Kunst einmal nur dadurch einen Zugang gefunden, weil ich den Künstler kennen lernte und – seit ich ihn kannte – wusste, dass er ein ehrlicher Mensch ist und dann erst habe ich begonnen, das zu verstehen, was er dargestellt hat. Ich glaube, dass eine solche Ausstellung dieses aufeinander Zugehen erleichtern soll, für uns, die wir Betrachter sind, und auch für den Künstler, der den Menschen, der nicht seine Kunst versteht, nicht von vornherein als einen Banausen oder als einen Unverständigen missachten möge.
Der Katzenberger Quatember
Eröffnungsworte
von Dr. Rudolf Kirchschläger
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680 Besucher wurden gezählt. Das Echo in den Medien – praktisch alle berichteten – war groß. Die Niederösterreichischen Nachrichten (St. Pöltener Zeitung) beschrieben Eduard Diem als bekannten Maler und Bildhauer, dessen Plastiken den Menschen in seiner Erdschwere zeigen, wie er verzweifelt versucht, aufzustehen, nach Höherem zu greifen. Künstlerisch stellte Diem dieses Ringen in einem Rhythmus von Flächen, Kanten und Rundungen dar. Eduard Diem zeigte vier Originale in Bronze: „Tänzer“, „Großer Sprung“, „Kauernde Figur“ und „Pirouette“, die auch käuflich erworben werden konnten. Die Richtpreise lagen zwischen 10.000 und 20.000 Schilling.
Interessiert ließen sich Herma und Dr. Rudolf Kirchschläger (Bildmitte) von Eduard Diem
den Sinn seiner Skulptur erklären.
Ikarus.
Gips patiniert, 1991, Höhe 64cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Lebhaft in Erinnerung blieb Eduard Diem natürlich der „Wiener Festwochenpreis für Plastik“ im Palais Auersperg im Mai und Juni 1983.
Der Ausgangspunkt dieser von Gerhard Habarta ins Leben gerufenen Veranstaltung war eine Ausstellung mit dem Namen „Anthropos“: Im Zentrum Wiens, von der Hofburg über den Michaelerplatz bis zum Josefsplatz, waren Beispiele europäischer Plastik aufgestellt worden. Experten waren der Meinung, dass nach 1945 Österreich und besonders Wien in der Plastik dominanter waren als der Rest Europas. Das wurde als Verdienst Fritz Wotrubas und seiner Meisterschule gesehen. Es fehlte aber an großen Übersichtsausstellungen und an einem internationalen Vergleich. Ein profaner Grund dafür war wohl, dass sich Plastiken aus Stein und Metall wegen der mangelnden Mobilität, aufgrund ihrer Größe und des Gewichts, dem herkömmlichen Kunstbetrieb entzogen. Durch „Anthropos“ und nun auch durch den Wiener Festwochenpreis sollte das geändert werden.
Auf Vorschlag einer Vorjury wurden 20 Künstler eingeladen, rund 70 Werke zu präsentieren. Zentrum dieser Präsentation war die Ausstellung je einer Plastik von Fritz Wotruba, Joannis Avramidis und Alfred Hrdlicka. Weiters vertreten waren Albrecht, Berger, Bottoli, Brenner, Fassel, Fillitz, Höllwarth, Ingerl, Kaiser, Lorenz, Moratti, Pillhofer, Sukopp, Traub, Truger, Turba, Zenzmaier und Eduard Diem. Der Autodidakt Diem zeigte unterschiedlich zu den anderen Teilnehmern, die sich hauptsächlich dem menschlichen Körper widmeten, fünf Tierplastiken. Tierplastiken waren zu dieser Zeit unter Künstlern weniger beliebt, überzog doch ihrer Ansicht nach eine Herde saft- und kraftloser Tiere aller Art aus den 1950er-Jahren die Vororte der Städte. Diems Tiere waren aber anders: „Knochen und Muskeln werden zu Formen des synthetischen Kubismus und spannen sich in allen Formen der darstellenden Geometrie zu kraftvollen Tierleibern“ (Olof Pellström). Und diese überformten Tierleiber zeigen deutlich eine arttypische Bewegung.
Die hochgradige Jury bestand aus Ann Garrould (The Henry Moore Foundation), Jean Clair (Center Georges Pompidou), Alfred Hrdlicka, Alfred Zöttl (Bronzegießer), Leopold Helbich (Poschacher Granitwerke), Walter Flöttl (BAWAG), Mary V. Moschary (Kasser Art Foundation in New Jersey) und Beppo Mauhart (Austria Tabakwerke). Sie erkannte Eduard Diem den Hauptpreis zu. Vor allem die sich am Boden verbeißende und zu einer Bronzekurve der Bewegung erstarrte Ziege hatte es ihnen angetan. Sie wanderte nachher in die „Kasser Art Foundation“ in New Jersey
Der Wiener Festwochenpreis für Plastik
Eduard Diem mit Mary V. Moschary und dem Bildhauer Gottfried Höllwarth im Garten des Palais Auersperg
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Die Seite des Ausstellungs-kataloges, die Eduard Diem vorstellt
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Das Plakat des Festwochenpreises für Plastik 1983
Eduard Diem – Leben und Werk
und fand dort einen Platz neben der größeren und berühmteren Ziege Pablo Picassos und in der Nachbarschaft eines Pferdes von Marini.
1982, ein Jahr zuvor, hatte Prof. Gerhard Habarta in diesem Palais Auersperg eine Henry-Moore-Ausstellung organisiert. Ann Garrould baute die Ausstellung auf, zusammen mit einem Assistenten von Henry Moore und Eduard Diem. Neben großen Skulpturen gab es noch viele kleine Bronzen, die ausgepackt und an der Wand stehend aufgereiht wurden. Ann Garrould fragte besorgt, ob da nicht eine Skulptur verschwinden könnte, es kämen ja Leute herein. Eduard beruhigte sie.
Eine halbe Stunde später kam ein Kriminalbeamter mit einem Fahndungsblatt, auf dem ein Bild von Friedrich Gauermann und eine Bronzeplastik abgebildet waren. Die Bronze war eine Plastik, die Eduard dem Kulturamt der Stadt Wien verkauft hatte. Sie war in der Galerie Alte Schmiede in der Schönlaterngasse ausgestellt und dort gestohlen worden.
Ziege.
Bronzeguss 1972, Länge 28cm.
Gewinner des Festwochenpreises für Klein-Plastik 1983
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Eine befreundete Kunstsammlerin hatte Niki Rebhan und mich zum Essen eingeladen. Wir kamen zu früh und wurden gebeten, uns einstweilen auf die Terrasse zu setzen. Sie war mit dem Kochen noch nicht fertig. Sie legte uns einen Batzen Ton auf den Tisch und sagte: ‚Wenn ihr Lust habt, könnt ihr euch einstweilen mit dem Ton beschäftigen‘. Während der anschließenden Unterhaltung mit Rebhan begann ich zu modellieren. Daraus wurde eine Ziege. Die Grundstruktur war ein Dreieck. Die Ziege machte einen langen Hals, wie wenn sie ein entferntes Grasbüschel erreichen wollte. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen und kannte die Eigenart der Ziegen: Sie waren damals in Niederösterreich an einer Kette angehängt und wollten immer das am weitesten entfernte Gras.
Ich habe also diese Ziege modelliert, ließ sie später brennen und davon einen Bronzeguss machen.
Mit dieser Ziege habe ich bei der Festwochenausstellung im Palais Auersperg den ersten Preis gemacht. Schließlich hat sie der amerikanische Kunstsammler, der auch in der Jury war, in seine Museumssammlung genommen. Sie kam neben die Ziege von Picasso. Das war eine Ziege mit einem Weidengeflecht als Körper. Ein tolles Stück. Trotzdem meinte der Museumsbesitzer, dass diese kleine Plastik stärker wirkt als diejenige von Picasso. Das war vielleicht ein Kompliment, aber ich habe es mir gefallen lassen.
Eduard Diem
am 9. Oktober 2018,
als er die Entstehungsgeschichte seines Beitrages für den Wiener Festwochenpreis für Plastik 1983 erzählte.
Eduard Diem
über die Entstehung der prämierten Ziege
Der Eduard Diem als Siegerpreis überreichte Bronzeguss der Venus von Willendorf. Eines der wichtigsten Stücke europäischer Plastik kommt aus Österreich. Allerdings wird es nicht im Kunsthistorischen Museum aufbewahrt, sondern im Naturhistorischen.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Im Jahr 1993 organisierte Frau Mag. Gabriele Göttert gemeinsam mit Eduard Diem eine Ausstellung österreichischer Künstler im „Centro Cultural“ von Lagos, einer alten Hafenstadt an der Algarveküste, nahe dem südwestlichsten Punkt Europas. Die Zusammenarbeit Eduard Diems mit dem Ehepaar Göttert hatte sich im Zusammenhang mit der Gründung des Clubs „art/diagonal“ ergeben. Bald nach der Anmeldung des Vereins war den Gründern bewusst geworden, dass ein internationaler Verein keinerlei Förderungen bekommt und zahlende Mitglieder geworben werden mussten. Diem und Konsorten wussten, dass Helmut Göttert an moderner Kunst interessiert war und klopften bei ihm an. Hoffnung gab auch Kollege Erhard Bail: Er war Mitarbeiter der Wiener Gebietskrankenkasse und Helmut Göttert war mit deren Modernisierung beauftragt. Die Künstler hatten Erfolg, Gabriele und Helmut Göttert wurden Mitglieder der art/diagonal. Die gemeinsamen Aktivitäten führten 1991 zur Gründung der Wiener Agentur „Art Contact“ durch Gabriele Göttert. Das Ziel war die Förderung von Kunst und Kultur in verschiedenster Weise, unter anderem durch diverse Veranstaltungen in Golfclubs.
Im Vorfeld der Ausstellung telefonierte Eduard mit dem Wiener Bürgermeister Helmut Zilk und fragte ihn, ob er zufällig in Portugal sein würde und ob es ihm möglich wäre, die Ausstellung zu eröffnen. Er war in Portugal und sagte unter einer Bedingung zu: Es dürfe vorher nichts darüber in der Presse erscheinen. Es war die Zeit nach dem Briefbombenattentat, das ihm die Hand zerfetzt hatte. Knapp vor der Eröffnung fuhr ein roter 4 CV vor. Helmut Zilk und seine Frau Dagmar Koller stiegen aus. Die Eröffnung konnte stattfinden. Wie Helmut den Bodyguard los geworden war, konnte sich Eduard nicht erklären. Die Ausstellung war auch geschäftlich ein Erfolg, unter anderem kaufte Bürgermeister Zilk zwei Bronzen Eduards. Sie begegneten sich später noch einige Male an der Westküste.
Im selben Jahr erwarben Gabriele und Helmut Göttert ein altes Bürgerhaus im Zentrum von Lagos. Das gekaufte Haus stand einmal im Besitz des Bürgermeisters und wurde deshalb „Casa do Governador“ genannt. Auf der Straßenseite richteten die Götterts eine Galerie als lokale Vertretung der Wiener Agentur ein.
Zur Eröffnung der Galerie organisierte Art Contact gemeinsam mit der Kulturabteilung von Lagos einen österreichisch-portugiesischen Kulturaustausch. Es gab zwei Vernissagen: „Lagos grüßt Wien“ am 8. Juli 1994 im Centro Cultural de Lagos mit Werken von Franz Bayer, Eduard Diem, Kurt Freundlinger, Max Gangl und Waltraut Repa, und „Wien grüßt Lagos“ am 9. Juli 1994 im
Österreichisch-portugiesischer Kulturaustausch
Die von Eduard Diem
1996 geschaffene Skulptur am Rande des Pools
in der Casa de Governador
in Lagos, Portugal
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Casa do Governador mit Werken von Künstlern aus Lagos. Das war praktisch die Eröffnung der Galerie im Casa do Governador. Diesmal übernahmen der „Präsident der Stadtverwaltung“ von Lagos José Valentim Rosado und der Wiener Bürgermeister Prof. Dr. Helmut Zilk den Ehrenschutz für dieses „Wien-Festival“.
Anlässlich des dreijährigen Bestehens der Galerie im Casa do Governador erhielt Eduard Diem den Auftrag zur weiteren Ausgestaltung des Anwesens. Man hatte sich entschlossen, für die Fassade des geschichtsträchtigen Hauses nicht die traditionellen Azulejos, das sind mit Blumen-, Vögel- oder Schiffmotiven bunt bemalte und glasierte Keramikfliesen, zu kopieren, sondern die traditionelle Technik mit moderner Kunst zu verbinden. Zur Erfüllung dieses Auftrages fuhr Eduard einen Tag pro Woche zu einem Keramiker in der nächsten größeren Stadt Portimao. Dort hatte er für einige Wochen einen Raum gemietet, um die Fliesen für die Fassade der Galerie zu formen und zu brennen.
Neben den für das Haus bestimmten keramischen Arbeiten und einer Windplastik aus Stahl (eine fliegende Schnecke) über dem Eingang in die Galerie schuf Diem auch die überlebensgroße Bronze eines Minotaurus für den Poolbereich. Ein kunstvoller Blickfang für die Atmosphäre des Gartens zwischen der üppigen Vegetation mit den vielen Obstbäumen und den blühenden Büschen.
Die Einladung zur Ausstellung
Eduard Diem – Leben und Werk
Eduard Diem nutzte auch die Möglichkeiten der Werkstätte, in der er arbeitete, und schuf auf den Rohlingen von Tellern und Schalen eine Reihe freier Werke. Diese wurden von der Farbigkeit des tropischen Gartens und den technischen Anregungen der uralten maurischen ornamentalen Technik bestimmt.
Die Eröffnung der Jubiläumsausstellung anlässlich des dreijährigen Bestehens der Galerie wurde abermals zu einem gesellschaftliches Ereignis, auch der österreichische Botschafter aus Lissabon war wieder anwesend. Mit seinem Lieblingswein aus dem Waldviertel, den er mitgebracht hatte, erntete er angesichts der guten portugiesischen Weine ein mildes Lächeln.
Nach der Eröffnung kam es im Gemeinderat zu Auseinandersetzungen mit der Opposition. Die Frau des Botschafters verstand es aber, den Disput souverän beizulegen. Vor dem Beitritt Portugals zur Europäischen Union war die Armut in ländlichen Gebieten Portugals erschreckend hoch. Eine Handvoll Blumen aus dem Garten und ein paar Eier wurden auf dem Wochenmarkt gegen einen Fisch eingetauscht. Der Supermarkt allerdings hatte bereits österreichische Preise.
Der Swimmingpool mit der Skulptur Eduards war in den folgenden Jahren in der Touristenzeitung abgebildet.
Einer der Berichte zur Jubiläumsausstellung lautete folgendermaßen:
Impressionen von der Ausstellungseröffnung
am 8. Juli 1994 im Kulturzentrum von Lagos. Im mittigen Foto sind Dr. Zilk, Mag. Göttert, Maria Lacerda und José Valentim Rosado zu sehen.
Dazu passend unten ein Zeitungsartikel mit der Überschrift:
Helmut Zilk: „Servus Lagos...“
„Dr. Alfred Missong, Österreichs Botschafter in Portugal, eröffnete in Lagos eine Ausstellung mit Gemälden und Skulpturen der heimischen Künstler Franz Bayer, Prof. Eduard Diem, Prof. Kurt Freundlinger, Max Gangl und Waltraut Repa. Unter den prominenten Gästen gesichtet: der Wiener Bürgermeister und Portugal-Fan Dr. Helmut Zilk mit seiner Frau Dagmar Koller, der österreichische Konsul an der Algarve, Hugo Sumpf, José Valentim Rosado, der Präsident der Stadtverwaltung von Lagos, der zusammen mit der umtriebigen Wiener Agentur ‚art contact‘ diese österreichischen Kulturaktivitäten in Portugal durchzog. ‚art contact‘-Chefin Mag. Gabriele Göttert meinte: ‚Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Die Kulturverbindung zu Portugal hat sich vertieft...‘“
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1993 eröffnete die österreichische Galeristin Gabriele Göttert Art Contact in Lagos, mit dem Ziel, den kulturellen Austausch zwischen Österreich und Portugal, genauer gesagt zwischen Wien und Lagos zu fördern.
1996 wurde das dreijährige Jubiläum unter Anwesenheit von 70 geladenen Gästen feierlich in der Casa do Governador, Rua Dr. Mendonca begangen. Höhepunkt stellte die Enthüllung zweier Skulpturen des bekannten österreichischen Kunstprofessors Eduard Diem dar. Auch für das einladende Kachelmosaik am Eingang der Galerie zeichnet der 66-jährige Skulpteur verantwortlich. Die Bronzeskulptur ‚Minotaur und Jungfrau‘, sowie das Metallmobile ‚Windgöttin‘ sind im permanenten Skulpturengarten der Casa do Governador zu bewundern.
Gabriele Göttert, die die Art Contact Reisegalerie in der Wiener Pressgasse leitet, hat in den vergangenen drei Jahren eine ganze Reihe von Kunst- und Kulturaustauschaktionen bewirkt. Unter anderem eine Ausstellung österreichischer Künstler im Centro Cultural von Lagos, eine Kunstreise für Mitglieder des Kulturkomitees der Camara von Lagos und des Palmares
Links oben Eduard Diem bei der Arbeit in der Keramikwerkstätte, links unten Hilde Diem und Mag. Gabriele Göttert mit dem bemalten Geschirr. Ganz oben einer der Teller, die Eduard Diem in dieser Werkstätte bemalte
Ein Bericht zur Jubiläumsausstellung
Eduard Diem – Leben und Werk
Golfclubs, einen jährlichen Kongress des Computerriesen Unisys in Lagos, sowie kürzlich eine Wienausstellung der preisgekrönten jungen Portugiesin Ana Pimentel und des algarveansässigen englischen Künstlers Roger Green.
Für die Zukunft hat die dynamische Galeristin große Pläne, u.a. die Eröffnung eines Wiener Kaffeehauses in der Casa Governador.
Ein anderer Auftrag für eine keramische Arbeit kam von Kommerzialrat Ferdinand Pierer. Eine Appartementsiedlung auf Mallorca sollte mit keramischen Straßentafeln ausgestattet werden. Eduard Diem hat die gewünschten sieben Tafeln ungefähr in der Größe eines Din-A3-Blattes entworfen und bei einem befreundeten Hafner in der Wiener Mozartgasse brennen lassen. Leider gibt es davon keine Fotos, mit einer Ausnahme: Eduard wurde das Foto einer beschädigten Tafel geschickt, um sie neu anzufertigen.
Oben: Die beschädigte
keramische Straßentafel
aus einer Appartementsiedlung auf Mallorca
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Minotaurus I.
Schwarzer Stift auf Karton,
1989, 100x70cm
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Ausblick.
Acryl und Druckfarben auf Faserplatte, 1993, 86x70cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Stahl-Föhre
Unter der Federführung des damaligen Obmannes des Mödlinger Künstlerbundes Johann Pleyer waren die kreativen Menschen der Region zur Gestaltung des ersten und nach wie vor einzigen Mödlinger Kreisverkehrs aufgerufen worden. Der Jury mit Vertretern aller politischen Parteien wurden sieben Entwürfe vorgelegt und sie entschied sich für die Skulptur des „international bekannten Malers, Plastikers und Bildhauers“ (Kurier vom 26. April 1999) Eduard Diem. Es ist eine zwei Meter hohe Föhre aus rostfreiem Stahl auf einem rund einem Meter hohen Naturstein-Sockel, eine Hommage an die „Breite Föhre“. Bewertet wurden von der Jury außer Form und Idee auch die Einfügung ins Stadtbild, die Beständigkeit des Materials und die Symbolik.
Jörg Miggitsch als damaliger Leiter des Kulturamtes bekam die Aufgabe, eine passende Eröffnungsfeier zu organisieren. Am 30. Mai 1999 war es soweit: Unter lautem Trommelwirbel kam das Kommando und ein LKW-Kran zog eine von der Modeschule genähte fünf Meter hohe Haube mit Stehvermögen und großer Schlaufe an der Spitze in die Höhe. Das Kunstwerk war enthüllt, es gab tosenden Applaus und natürlich auch zu essen und zu trinken.
Oben der Entwurf zur Stahlföhre und rechts das den Entwurf begleitende Motivationsschreiben an die Mödlinger Jury
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Produziert wurde die Edelstahlplastik von der renommierten Firma Anton Wottle aus Poysdorf im Weinviertel.
Eduard Diem – Leben und Werk
Die Mödlinger Föhre vor und nach der Enthüllung am 30. Mai 1999. Die Stahlskulptur mit einer Höhe von 2,60 Metern erreicht mit Steinsockel und Erdaufbau insgesamt 5 Meter. Die „Blecherne Föhre“, ätzte die Kronenzeitung, soll einige hunderttausend Schillinge gekostet haben (Anm: Es waren S 280.000.–). Warum setzte man keine echte Schwarzkiefer? Das wäre billiger gewesen! Und „grüner“... Auch unter Mödlinger Spaziergängern war das Kunstverständnis „nicht unumstritten“: Gottseidank, denn eine ungeteilte Zustimmung würde jeden Künstler verunsichern.
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Die Mödlinger Stahlföhre im Kreisverkehr an der Wiener Straße, fotografiert am 29. Juli 2022. Es gibt noch zwei weitere Skulpturen im öffentlichen Raum, die auf Initiative des Mödlinger Künstlerbundes entstanden: Ein Denkmal für Arnold Schönberg, gestaltet von Elisabeth Ledersberger-Lehoczky, und eine Plastik von Karl Nowak am Platz der ehemaligen Synagoge. Beide Male verzichtete Eduard auf die Teilnahme am Wettbewerb.
„Die Signale unserer Landschaften werden bestimmt durch die Emailschilder der Verkehrszeichen. Diese stringenten, befehlenden Piktogramme werden von uns unter Strafandrohung befolgt. Die alten Wegzeichen, Marterln und Denksteine an den Straßenrändern und Wegkreuzungen sind deklassiert zu folkloristischen Relikten von einiger kunsthistorischer Bedeutung. Die Wegkreuzungen, Entscheidungsstellen für Richtungsänderungen des Wanderers, wurden zum verkehrstechnisch beschleunigenden Kreisverkehr.
War die Wegkreuzung ein Moment der Entscheidung – in Märchen und Mythen mit Hexen, Teufeln und Lebensentscheidungen befrachtet –, so kann man den Kreisverkehr sozusagen in einer gekrümmten Geraden weiterfahrend verlassen, kann aber auch, sinnlos zwar aber möglich, den Kreis unendlich weiterfahren. Eduard Diem hat den Kreismittelpunkt des Verkehrskreises zum Standort seines Wegzeichens gemacht.
Von den flachen, strukturlosen Formen der Piktogramme ausgehend, entstanden Stahlplastiken. Den Stahlplastiken der ‚Playmates‘ folgte das erste Wegzeichen, die Mödlinger Föhre. Dem Standort entsprechend ist das Werk detailarm. Man hat nur Zehntelsekunden Zeit als Autofahrer die Verkehrssituation zu erkennen, zu entscheiden und zu nutzen. Und ein Bruchteil dieser Zehntelsekunden muss genügen, um das Kunstwerk zu erkennen und zu registrieren. Ein erschreckend kurzer Zeitraum, werden Puristen einwenden. Wenn man aber weiß, dass Museums- und Ausstellungsbesucher, die ja bewusst den Ort der Kunst aufsuchen, im Durchschnitt nur sieben Sekunden für ein Kunstwerk aufwenden, auch wenn es die Mona Lisa ist, dann kann das genügen.
Diem schneidet mit seinen flachen Stahlobjekten Löcher in den Hintergrund, die Landschaft, den Himmel. Sind Lichtreklamen vor den Hintergrund gesetzt, sozusagen Zeichen an der Wand, so sind Diems Stahlformen Schablonen, die jeden Hintergrund als Passepartout für seine gestaltete Form verwenden.“
Gerhard Habarta
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Eduard Diem – Leben und Werk
Diem trifft auf Krippel
Die Europa-Skulptur-Ausstellung des Jahres 1999 fand auf dem Wiener Neustädter Hauptplatz statt. Organisiert hat sie Gerhard Habarta, das Thema der Ausstellung waren Zeitzonen. Mittelpunkt der Ausstellung war eine Stahlplastik von Keith Haring aus den 1980er-Jahren mit dem Motiv eines großen Roten, auf dem ein Grüner den Handstand machte. Die Plastik hat eine Höhe von fast acht Metern.
An Höhe übertroffen wurde die Plastik nur von Eduard Diems Beitrag, einem Foucaultschen Pendel. Dessen Aufhängung hatte eine Höhe von zehn Metern. Ist das Pendel lang und die Pendelmasse schwer genug, kann damit die Erdrotation nachgewiesen werden. Eduards Pendel war eine Reliefkugel aus Kunstharz, bevölkert mit fremden, aber uns auf seltsame Art nahen Geschöpfen. Die Pendelspitze ragte in ein Sandbett, das die Bewegung des Pendels aufzeichnen und damit die Erdrotation sichtbar machen sollte.
In der Ausstellung waren neben jungen Künstlern auch die Meister der österreichischen Skulptur wie Joannis Avramidis, Anton Hanak, Fritz Wotruba etc. vertreten. Insgesamt waren mehr als 50 Kunstobjekte aufgestellt.
Oben: Eduards Entwurf des Foucaultschen Pendels. Rechts: Die von Eduard Diem entworfene Reliefkugel mit den Geschöpfen aus seiner Fantasie
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Während der Europa-Skulptur 1999 waren sogar zwei Ober St. Veiter Bildhauer am Wiener Neustädter Hauptplatz vertreten: Eduard Diem und Heinrich Krippel. Letzterer schwebte aber unbemerkt weit über den anderen Objekten, nämlich an der Wand des Wiener Neustädter Doms. Es handelt sich um das von Heinrich Krippel geschaffene und 1932 enthüllte Kriegerdenkmal.
Der am 27. September 1883 geborene Heinrich Krippel absolvierte von 1909 bis 1913 die Meisterschule an der Akademie der bildenden Künste in Wien unter Professor Edmund Hellmer. Sein Atelier war seit 1914 in Wien Ober St. Veit, Auhofstraße 127. 1923 erhielt er den 1. Preis im Rahmen des Wettbewerbs für ein Reiterdenkmal Atatürks und wurde in den folgenden Jahren mit Denkmälern für Kemal Atatürk in Ankara, Istanbul, Samsun am Schwarzen Meer und in Asiun-Karahissar im Inneren Anatoliens beauftragt. Es waren die ersten Bildnisskulpturen nach dem Untergang des Osmanischen Reiches. In Österreich hat er kühn erdachte Mausoleen, Grabdenkmäler und Brunnenfiguren, aber auch Porträtbüsten und verschiedene Kleinplastiken hinterlassen, unter anderem auch das Wiener Neustädter Kriegerdenkmal.
Er wird als einer der erfolgreichsten Bildhauer seiner Zeit bezeichnet. Sein Schaffen war an keine Schule oder Stilart gebunden, sein Wille war es, einen bestimmten geistigen Inhalt klar und eindeutig zum Ausdruck zu bringen. Das Wuchtige lag ihm genauso wie das Weiche und Liebliche.
Das Kriegerdenkmal
am Wiener Neustädter Dom. Fotografiert am 6. Juli 2009
Liegende.
Gipsmodell für Bronzeabguss,
1999, 20x75cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Der Lipizzaner
vor dem Michaelertor
Im Rahmen von „lipizzaner art“ wurden im Sommer und Herbst 2003 künstlerisch gestaltete Lipizzaner-Skulpturen an ausgewählten Standorten der Wiener Innenstadt aufgestellt. Es war die größte Wiener Freiluftausstellung.
Die Lipizzaner wurden den Vereinen der Wiener Einkaufsstraßen, dem Einzelhandel, der Gastronomie sowie nationalen und internationalen Unternehmen mit starkem Wienbezug zum Kauf angeboten. Die Pferde wurden in Lebensgröße aus glasfaserverstärktem Kunststoff hergestellt und für die Ausstellung auf einem Betonsockel montiert. Nachempfunden wurden die Lipizzaner der Figur „Piaffe“ von der Augarten Porzellanmanufaktur.
Die Firmen kauften die 50 Kilogramm schweren und zwei Meter hohen Lipizzaner-Rohlinge um 1.900 Euro und Künstler gestalteten die Pferde entweder als Werbeobjekt oder als reines Kunstobjekt. Eduard Diem gestaltete seinen Lipizzaner als Kunstobjekt ohne Werbung, aufgestellt wurde er auf dem Michaelerplatz neben dem Michaelertor. Dort stand er rund drei Monate bis zum 26. Oktober 2003 als begehrtes Fotomotiv für abertausende Touristen. Dann wurden die insgesamt 62 Lipizzaner-Skulpturen wieder eingesammelt und zum Überwintern in eine Lagerhalle gebracht oder den Besitzern zurückgegeben. Einige von ihnen wurden Anfang 2004 im Rahmen einer Abschlussveranstaltung in der Spanischen Hofreitschule zu deren Gunsten versteigert oder verkauft.
Vor dem Verkauf gab es noch eine Bewertung und Eduards Pferd wurde mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Davon verständigt wurde er allerdings nicht. Eduards Lipizzaner wurde vom Künstlerkollegen Ernst Fuchs für sein Museum erworben.
Als Eduard das Pferd inspizieren und – falls notwendig – restaurieren wollte, war es verschwunden. Ernst Fuchs gestand ihm, dass es gestohlen worden war. Es konnte nur ein Auftragsdiebstahl für einen echten Kunstliebhaber gewesen sein, vermuteten die beiden. Für einen Gelegenheitsdieb war es zu sperrig und auf dem Kunstmarkt nicht verkaufbar. Eduard fühlte sich geehrt, dass ein Kunstwerk aus seiner Hand dieses Risiko rechtfertigte.
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Eines der wenigen erhaltenen Fotos des Diem’schen Lipizzaners neben dem Michaelertor
Eduard Diem – Leben und Werk
Präsenz in Ausstellungen
Eduard Diems Präsenz in Personalausstellungen und bei Ausstellungsbeteiligungen währt nunmehr rund 60 Jahre. Die vollständige Dokumentation der über 200 Ausstellungen, die seine Kunstwerke zeigten, ist heute nicht mehr möglich. Es ist aber gelungen, den Großteil zu rekonstruieren, wenn auch in unterschiedlicher Detailtiefe.
Bild auf der Einladung zur Eröffnung der Diem-Ausstellung am 13. Jänner 1971 in der Galerie Romanum in Perchtoldsdorf
370
Der Einblick ist interessant, denn er zeigt den Fels Eduard Diem in der Brandung unzähliger Personalien unterschiedlicher Prominenz. Unter den „mit-ausstellenden“ Kollegen vor allem früherer Jahrzehnte finden sich Namen wie Arik Brauer, Jean Cocteau, Georg Eisler, Carl Fahringer, Paul Flora, Kurt Freundlinger, Adolf Frohner, Helmut Heuberger, Alfred Hrdlicka, Peter Klitsch, Franz Kaindl, Karl Korab, Fritz Martinz, Kurt Moldovan und unzählige andere. Sehr oft zeigt er seine Bilder und Skulpturen gemeinsam mit Eva Meloun, einer Kollegin aus dem Mödlinger Künstlerbund.
Die Einladungen zu den Ausstellungen, insbesondere zu den Personalausstellungen, enthalten aber auch immer wieder Würdigungen des Menschen und Künstlers Eduard Diem, wie zum Beispiel die im Kapitel „Medienspiegel“ dieses Buches wiedergegebenen „beiläufigen Bemerkungen“ von Otto Staininger.
Eine weitere profunde Würdigung steht in der Einladung für eine Vernissage am 10. Mai 1985 im Atelier Jörg Leitner in Graz:
Der Autodidakt findet seine Ausdrucksstärke gleichermaßen in der Malerei, Grafik und Plastik.
Er hat sich nie nach vorne gedrängt. Publicitywirksame Skandale kennt er nicht, den zumeist kurzlebigen Zeitströmungen hält er sich fern. Was ihn auszeichnet, sind ehrliche, dynamische Bilder, tiefverwurzelt in der gewaltigen österreichischen Landschaft. Diem malt nicht ab, er haucht seinen expressiven und leuchtenden Kompositionen Leben ein. Ob es der klare, steile Berg in seiner unnahbaren Schönheit ist, der windgepeitschte Baum in karger Heidelandschaft oder die kleine Ansiedlung neben der Straße, Diem schaut hinter die flüchtigen Konturen und geht den Dingen auf den Grund. Und wenn die Schlossmauer symbolhaft für das Ausgesperrtsein dasteht, der weiße Schimmel als Symbol für längst vergangene Kindheitstage auftaucht und die Kleinhäuslerhütte für die harte Arbeit auf bescheidenem Boden angesiedelt ist, so ist nichts gekünstelt oder erzwungen. Was Diem malt, ist real, ist im Wesen festgehalten. Die Bilder entstehen spontan und immer aus einem Erlebnis heraus. Wesentlich bei Diem aber sind Bewegung und Licht. Pralle Sonne oder Dämmerung, Föhn
371
Ankündigung der Personalausstellung Eduard Diems in der Galerie Ernst Fuchs. Nach der Ausstellung in der Galerie der Jungen Sammler 1960 war es die zweite Personalausstellung
Eduard Diems.
Würdigung in der Einladung
für eine Vernissage im
Atelier Jörg Leitner in Graz
am 10. Mai 1985
Eduard Diem – Leben und Werk
oder kalter Morgen, heißer Nachmittag oder Stille vor dem Sturm sind der Landschaft und der Figuration durch Künstlerhand eingegeben.
Diem liebt auch die Dinge und seine ehrliche Beziehung zu Natur und Zeit ist nicht zu verleugnen. Seine Freude auch mit kleinen, alltäglichen Situationen weist ihn als bescheidenen Menschen aus. Als Künstler, der mit beiden Beinen in der Welt steht, ist er anerkannt.
Eduard Diem kommt in diesen Einladungen auch selbst zu Wort, wie etwa in jener zur Eröffnung einer Verkaufsausstellung vom 6. April bis 11. Mai 1981 in der Galerie Maringer in St. Pölten. Darin erörtert er seine neue Farbtechnik:
Meine schwarz-weiß Druckgrafiken genügten mir nicht mehr. Ich wollte Farbe. Ich experimentierte viel. Materialdrucke, die alle nicht befriedigend ausfielen. Eigentlich wollte ich einen rein malerischen Effekt erreichen. Es sollte etwas von der Transparenz der Aquarellmalerei und der Farbigkeit der Ölmalerei haben.
Bei meinen Experimenten entdeckte ich, dass ein trockener, saugfähiger Malgrund die Farbe aufnimmt, eine zweite darübergelegte Farbe sich aber mit der ersten nicht mischt. Das heißt, wenn man beispielsweise ein Rot hinsetzt, ein Grün darüberlegt, die nun etwa 1 mm dicke Farbschicht mit der Spachtel wieder abhebt, kommt das vorher überdeckte Rot wieder zum Vorschein. Die Farben stehen klar nebeneinander. So fand ich eine Maltechnik, die ein spontanes Arbeiten erfordert, was meinem Temperament auch besser entspricht. Formale Sicherheit und präzise Wahl der Farben sind notwendig, da spätere Korrekturen schwer möglich sind.
An sich eignet sich jede Farbe für diese Arbeitsweise. Am liebsten arbeite ich aber mit Offsetfarben, die ich untereinander mische oder mit Transparentweiß abstimme, was den Nuancenreichtum der Farbe noch wesentlich erhöht.
Ab → Seite 378 folgt eine Zusammenstellung der eruierten Ausstellungsbeteiligungen.
Eule 1991.
Die Einladungen zu den Ausstellungen Eduards sind oft mit seinen Bildern geschmückt, wie z.B. mit dieser in der rechts beschriebenen Technik hergestellten Offsetfarben-Malerei.
372
Plakat zu Eduards Verkaufsausstellung in der Galerie Maringer 1981
373
Ein zeithistorisches Fundstück ist diese von Viktor Matejka am Neujahrstag 1971 verfasste Würdigung. Wie keine andere geht sie auf ganz persönlicher Ebene auf den Autodidakten Eduard Diem ein. Doch warum ist sie auf dem Briefpapier der Galerie Romanum getippt? Es ist zu vermuten, dass es ein Mitarbeiter der Galerie, vielleicht Frau Kositznik selbst, übernommen hatte, das handschriftliche Konzept Viktor Matejkas abzutippen.
Eduard Diem während der Vernissage zu seiner Ausstellung 1971 in der Galerie Romanum in Perchtoldsdorf
Eduard Diem – Leben und Werk
Plakat für die Gemeinschaftsausstellung von fünf Künstlern ab 6. November 1974 in der Galerie Austerlitz in der Währinger Straße 57
Sitzender Akt.
Öl- und Offsetfarben auf Faserplatte, 1966, 50x65cm
374
1975 zeigte die Galerie Austerlitz eine Einzelausstellung Eduard Diems. Das vom Künstler gestaltete Plakat links zeigt die sich aus ihrem Schneckenhaus befreiende und in die Welt hinausfliegende Frau. Oben ist die ebenfalls von Eduard Diem grafisch gestaltete Einladung zur Eröffnung dieser Ausstellung abgebildet.
Kurt Freundlinger, Eduard Diem und Ernst Zdrahal
am 20. November 1985.
Sie machten Pause nach der Wiedereröffnung
der Galerie Austerlitz
am neuen Standort
in 1120 Wien,
Schönbrunner Straße 277.
375
Eduard Diem – Leben und Werk
Generaldirektor Walter Flöttl eröffnete am 30. März 1982 die von Gerhard Habarta initiierte Personalausstellung Eduard Diems in der BAWAG-Foundation.
Blick in die im Jänner 1983 vom Salon des Nations à Paris im Centre International d’Art Contemporain veranstaltete Gemeinschaftsausstellung. Im Vordergrund sind die Plastiken Eduard Diems zu sehen.
376
Gespräch nach der Eröffnung.
An der Wand ein Bild von
Georg Eisler
377
Vogelflug. Mischtechnik auf Karton, 1983, 100x70cm
|
Jahr |
Datum |
Motto |
Veranstalter |
Galerie |
Ort |
|
1960 |
Eduard Diem |
Galerie Junge Sammler |
1010 Wien |
||
|
1961 |
Eduard Diem |
Galerie Ernst Fuchs |
Galerie Ernst Fuchs |
1060 Wien |
|
|
1963 |
Galerie Junge Generation |
1010 Wien |
|||
|
1965 |
Galerie Autodidakt |
1010 Wien |
|||
|
1965 |
Galerie Fünfhaus |
1150 Wien |
|||
|
1968 |
08.01. |
Eduard Diem |
Galerie Junge Generation |
Galerie in der Blutgasse |
1010 Wien |
|
1968 |
Galerie Lintas |
Wien |
|||
|
1968 |
Galerie Forum 67 |
4020 Linz |
|||
|
1969 |
Galerie in der Goldgasse |
5020 Salzburg |
|||
|
1971 |
13.01. |
Eduard Diem |
Galerie Romanum |
Galerie Romanum |
2380 Perchtoldsdorf |
|
1971 |
Festwochenausstellung Liesing |
1230 Wien |
|||
|
1971 |
Galerie Junge Generation |
1010 Wien |
|||
|
1972 |
Galerie Romanum |
2380 Perchtoldsdorf |
|||
|
1972 |
Galerie Ortner |
9500 Villach |
|||
|
1973 |
27.03. |
Eduard Diem |
Kleine Galerie |
Kleine Galerie |
1080 Wien |
|
1974 |
14.10. |
Eduard Diem – Mensch und Landschaft |
Koreska Galerie |
Koreska Galerie im Haus |
|
|
1974 |
Galerie Drugstore |
2340 Mödling |
|||
|
1974 |
Galerie Blutgasse |
1010 Wien |
|||
|
1975 |
12.11. |
Eduard Diem |
Zentralsparkasse, Zweigstelle Atzgersdorf |
Zentralsparkasse, Zweigstelle Atzgersdorf |
1230 Wien |
|
1975 |
19.11. |
Eduard Diem – Bilder und Plastiken |
Galerie Austerlitz |
Galerie Austerlitz |
1090 Wien |
|
1975 |
Galerie Arcade |
2340 Mödling |
|||
|
1975 |
Kleine Galerie |
1080 Wien |
|||
|
1976 |
14.01. |
Eduard Diem |
Club der Begegnung |
Libresso des Clubs der Begegnung |
4020 Linz |
|
1976 |
Hotel Sacher |
2500 Baden |
|||
|
1977 |
15.05. |
Eduard Diem |
Galerie am Doktorberg |
Galerie am Doktorberg, Kunst bei Kenst |
2391 Kaltenleutgeben |
|
1978 |
10.03. |
Eduard Diem |
Galerie der Stadt Wels |
Galerie der Stadt Wels |
4600 Wels |
|
1979 |
12.01. |
Eduard Diem |
Das Kunstfenster Gerda Knauf |
Das Kunstfenster |
9020 Klagenfurt |
|
1979 |
25.04. |
Eduard Diem – Unikat-Graphiken |
Stadtbücherei St. Pölten |
Kleine Galerie in der Stadtbücherei St. Pölten |
3100 St. Pölten |
|
1981 |
07.04. |
Verkaufsausstellung Eduard Diem |
Dr. Karl-Heinz und Heidemarie Maringer, Salon für Kunst und Kommunikation |
Galerie Maringer |
3100 St. Pölten |
|
1981 |
06.11. |
Eduard Diem |
Kulturreferat der Stadtgemeinde Mödling und Mödlinger Künstlerbund |
Kursalon Mödling |
2340 Mödling |
|
1981 |
WIFI |
Wien |
|||
|
1982 |
30.03. |
Eduard Diem |
BAWAG-Foundation |
Bawag-Foundation, Tuchlauben |
1010 Wien |
378
Personalausstellungen (Die Befüllung der Felder entspricht dem Wissensstand.)
|
1982 |
02.04. |
Eduard Diem – Unikatgrafik |
NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst |
Sonderausstellungsräume Stadtmuseum St. Pölten |
3100 St. Pölten |
|
1983 |
23.02. |
Der Mensch – Aspekte ’80 |
Katzenberger Quatember |
Filialkirche Katzenberg |
4982 Katzenberg |
|
1985 |
25.04. |
Eduard Diem |
édition étudiante |
Galerie Spectrum |
1010 Wien |
|
1985 |
10.05. |
Eduard Diem |
Rita und Jörg Leitner |
Atelier Jörg Leitner |
8010 Graz |
|
1986 |
04.12. |
Eduard Diem – Malerei auf Karton, Kleinplastiken |
Galerie/Literatur MEDIO Theater/Musik |
Gasthof Rahofer |
4484 Kronstorf |
|
1986 |
18.12. |
Eduard Diem – Malerei – Plastik |
Café Verde |
Café Verde |
1070 Wien |
|
1990 |
25.02. |
Eduard Diem |
Galerie am Doktorberg, Kunst bei Kenst |
Galerie am Doktorberg |
2391 Kaltenleutgeben |
|
1993 |
05.03. |
Eduard Diem, Maler und Bildhauer |
Raiffeisenkasse Retz – Pulkautal |
Raiffeisenkasse Retz |
2070 Retz |
|
1994 |
16.03. |
Eduard Diem –Landschaften |
Kulturreferat Marktgemeinde Loosdorf |
Schulgalerie Loosdorf |
3382 Loosdorf |
|
1994 |
29.04. |
100 Jahre RLB – Landschaften von Eduard Diem |
Raiffeisenbank Lilienfeld |
Raiffeisenbank Lilienfeld |
3180 Lilienfeld |
|
1994 |
14.10. |
Eröffnung neues Büro im „Jugendlichen Stile“ und Ausstellung Eduard Diem |
Tecom Analytical Systems |
Firmenräume T.A.S. |
2371 Hinterbrühl |
|
1994 |
07.12. |
Ausstellung Eduard Diem |
Landesverband der NÖ Kunstvereine und Marktgemeinde Gaweinstal |
Turnhalle und Aula Hauptschule Gaweinstal |
2191 Gaweinstal |
|
1995 |
10.06. |
Eduard Diem |
Gemeinde Mödling |
Kunststation Mödling |
2340 Mödling |
|
1997 |
04.11. |
Eduard Diem |
art/contact Reisegalerie |
art/contact Reisegalerie |
1040 Wien |
|
1998 |
06.03. |
Präsentation unserer Playmates von Professor Eduard Diem |
Anita & Cristian Altmann |
Privat |
2371 Hinterbrühl |
|
2004 |
19.03. |
Ausstellung Skulpturen und Bilder von Eduard Diem |
Galerie am Schlossberg |
Galerie am Schlossberg |
2112 Würnitz |
|
2004 |
02.04. |
Ein Leben mit der Kunst |
Mödlinger Künstlerbund |
Kunststation Mödling |
2340 Mödling |
|
2006 |
26.01. |
Eduard Diem –Verführungen |
Galerie MA-Villach |
MA-Villach |
9500 Villach |
|
2006 |
16.03. |
Eduard Diem – Verführungen 2 – abstrakt konstruktiv |
Galerie MA-Villach |
MA-Villach |
9500 Villach |
|
2006 |
12.05. |
Eduard Diem – Bilder und Skulpturen |
Haus der Begegnung |
Haus der Begegnung Liesing |
1230 Liesing |
|
2006 |
06.10. |
Verführungen |
Anton Wottle, Maschinen und Weinpressebau GmbH |
Firma Wottle |
2170 Poysdorf |
|
2006 |
Gauermann Museum |
||||
|
2009 |
10.09. |
Jubiläumsausstellung Eduard Diem |
Kulturamt der Stadt Mödling |
Galerie Sala Terrena |
2340 Mödling |
|
2012 |
24.03. |
Eduard Diem – Bilder & Skulpturen |
Palais Palffy, Österreichisches Kulturzentrum seit 1958 |
Palais Palffy |
1010 Wien |
379
|
2012 |
16.10. |
Eduard Diem –„Epochen“ |
Galerie am Salzgries |
Galerie am Salzgries |
1010 Wien |
|
2013 |
Sala Terrena, Mödling |
2340 Mödling |
|||
|
2014 |
Weinkirche Jetzelsdorf |
2053 Jetzelsdorf |
|||
|
2015 |
Rearte Galerie |
||||
|
2015 |
Amtshaus Hietzing |
1130 Hietzing |
|||
|
2019 |
09.05. |
Eduard Diem – „gestern & heute“ |
Bezirksvertretung Hietzing |
Festsaal Amtshaus Hietzing |
1130 Hietzing |
|
2019 |
13.06. |
Eduard Diem –„gestern & heute“ |
Weinkirche Jetzelsdorf |
2053 Jetzelsdorf |
|
|
2019 |
10.10. |
Eduard Diem –Jubiläumsausstellung zum 90. Geburtstag |
Mödlinger Künstlerbund |
Sala Terrena |
2340 Mödling |
380
Zwei Plakate zu Personalausstellungen Eduard Diems: zu der Ausstellung im Jänner 1979 im Klagenfurter „Das Kunstfenster“ und der von Manfred Wurm eröffneten Ausstellung im Liesinger Haus der Begegnung im Mai 2006
381
Ausstellungsbeteiligungen
|
Jahr |
Datum |
Motto |
Veranstalter |
Galerie |
Ort |
|
1957 |
Österreichische Plastik |
Dr. Felden-Matejka |
Wanderausstellung |
Russland |
|
|
1962 |
Kunst aus NÖ |
Wien |
|||
|
1962 |
Kunst aus Österreich |
Kopenhagen |
|||
|
1962 |
Volkshalle |
8600 Kapfenberg |
|||
|
1962 |
Kärntner Kulturtage |
9010 Klagenfurt |
|||
|
1963 |
Baders Gallery |
Washington |
|||
|
1963 |
Mary Washington College |
Virginia |
|||
|
1963 |
University of Cincinaty |
Ohio |
|||
|
1964 |
13.07. |
Kollektive Wien und die Wiener |
Galerie Junge Generation |
Galerie Junge Generation am Börseplatz |
1010 Wien |
|
1964 |
Kunstkabinett Funke |
Gelsenkirchen |
|||
|
1964 |
Haus am Wannsee |
Berlin |
|||
|
1964 |
Klagenfurt Künstlerhaus |
1010 Wien |
|||
|
1965 |
26.03. |
Malerkinder Malen – Gemeinschaftsausstellung mit Vätern und Kindern |
Galerie in der Blutgasse |
Galerie in der Blutgasse |
1010 Wien |
|
1968 |
Galerie Incontro |
Wien |
|||
|
1968 |
Zwerglgarten |
5020 Salzburg |
|||
|
1968 |
Olmütz |
CSSR |
|||
|
1969 |
28.02. |
Kunstgreißlerei |
Galerie in der Blutgasse |
Galerie in der Blutgasse |
1010 Wien |
|
1969 |
01.04. |
5 Jahre Galerie Autodidakt (58. Ausstellung) |
Galerie Autodidakt |
Galerie Autodidakt |
1040 Wien |
|
1970 |
Galerie in der Goldgasse |
5020 Salzburg |
|||
|
1970 |
Kinderdorf |
6100 Seefeld |
|||
|
1971 |
04.09. |
Das Gesicht |
Museum für Gegenwartskunst |
Galerie Schloss Neupernstein |
4560 Kirchdorf/Krems |
|
1971 |
Florenz |
||||
|
1971 |
Uppsala, Schweden |
||||
|
1971 |
Rom |
||||
|
1971 |
2700 Wiener Neustadt |
||||
|
1971 |
Künstlerhaus |
1010 Wien |
|||
|
1971 |
Museum für Gegenwartskunst |
Wien |
|||
|
1972 |
Fresno, USA |
||||
|
1972 |
Los Angeles, USA |
||||
|
1972 |
Sacramento, USA |
||||
|
1972 |
San Francisco, USA |
||||
|
1972 |
Santa Clara, USA |
||||
|
1972 |
Stockton, USA |
||||
|
1972 |
5280 Braunau |
||||
|
1972 |
Zentralsparkasse |
Wien |
|||
|
1972 |
Reinhardtseminar |
1140 Wien |
|||
|
1972 |
Uppsala, Schweden |
|
1972 |
Stockholm, Schweden |
||||
|
1972 |
Älvsborg, Schweden |
||||
|
1972 |
Art exchange – Austrian artists in USA |
Fresno Arts Center, Fresno und Club der Begegnung, Linz |
Mehrere Städte in den USA |
||
|
1973 |
14.05. |
Porträt Heute |
Zentralsparkasse der Gemeinde Wien |
Kassenhalle des Hauptgebäudes der Zentralsparkasse |
1030 Wien |
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1973 |
Södertälje, Schweden |
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1973 |
Galerie Blutgasse |
1010 Wien |
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1973 |
Wolkenstein |
Wien |
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1973 |
New York |
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1973 |
Drugstore |
2340 Mödling |
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1974 |
06.03. |
Österreichische Grafik |
Medborgarskolan Alingsås |
Alingsås |
Höganäs, Schweden |
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1974 |
20.03. |
Österreichische Grafik |
Bürgerschule und das Kulturkomitee in Säffle |
Kunstvereins in der Västra Storgatan |
Säffle, Schweden |
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1974 |
Österreichische Grafik |
Paul Patera, nach Schweden emigrierter Österreicher, gemeinsam mit Einrichtungen wie die beiden oben genannten |
In allen Universitätsstädten Schwedens, die beiden oben genannten sind Teil dieser Reihe. |
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1974 |
Ausstellung 5 Jahre C.d.B. |
4020 Linz |
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1974 |
Zwerglgarten |
5020 Salzburg |
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1974 |
Brucknerhalle |
4020 Linz |
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1974 |
06.11. |
Eros im Bild – Malerei, Grafik, Plastiken |
Galerie Austerlitz |
Galerie Austerliz |
1090 Wien |
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1975 |
Vöest |
4020 Linz |
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1975 |
Zentralsparkasse Liesing |
1230 Wien |
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1975 |
Mödlinger Künstlerbund |
2340 Mödling |
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1975 |
Kultur Bazar |
3430 Tulln |
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1976 |
Galerie am Bauernhof |
NÖ |
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1977 |
21.06. |
Urlaubsland Österreich – Kunst und Kultur |
Österreichische Fremdenverkehrswerbung |
Alte Schmiede |
1010 Wien |
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1977 |
Galerie am Doktorberg |
2391 Kaltenleutgeben |
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1977 |
Galerie am Schottenfeld |
Wien |
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1977 |
Krainerhütte |
2500 Baden, Helenental |
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1978 |
5280 Braunau |
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1978 |
Karlstein |
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1978 |
2130 Mistelbach |
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1978 |
2340 Mödling |
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1978 |
Wien |
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1979 |
BAWAG Foundation |
1010 Wien |
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1979 |
2391 Kaltenleutgeben |
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1979 |
5280 Braunau |
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1979 |
2054 Haugsdorf |
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1980 |
Wien |
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1980 |
2700 Wr. Neustadt |
382
383
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1980 |
3100 St. Pölten |
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1980 |
7122 Gols |
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1980 |
Basel |
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1981 |
Club der Begegnung |
USA |
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1981 |
Symposium |
Gerhard Laber |
Atzgersdorf |
1230 Wien |
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1981 |
Kunst im Weinviertel |
Secession |
Wien |
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1982 |
Minsk |
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1982 |
Wiener Kunstmesse |
München |
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1983 |
12.01. |
Englische und Österreichische zeitgenössische Kunst |
Le Salon des Nations a Paris |
Centre International d’Art Contemporain |
Carros, Frankreich |
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1983 |
23.02. |
Der Mensch – Aspekte ’80 |
Katzenberger Quatember |
Filialkirche Katzenberg |
3141 Katzenberg |
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1983 |
01.05. |
Wiener Festwochenpreis für Plastik |
Prof. Gerhard Habarta |
Orangerie des Palais Auersperg |
1080 Wien |
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1983 |
18.05. |
Wiener Festwochenpreis für Plastik |
Annemarie und Gerhard Habarta |
Park und Orangerie Palais Auersperg |
1080 Wien |
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1983 |
21.09. |
De Kuenstlergilde St. Lukas Antwerpen, Ausstellung Malerei – Grafik – Skulptur |
Klub Österreichischer Literaturfreunde und Autoren |
Galerie Modena Art |
1030 Wien |
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1984 |
12.07. |
Die menschliche Gestalt |
Ulrike Emich-Könekamp und Wilhelm Emich |
Galerie Prisma |
1010 Wien |
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1984 |
Internationale Plastiker-Ausstellung |
Paris |
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1985 |
22.01. |
Tierisch ernst bis unernst |
Ulrike Emich-Könekamp und Wilhelm Emich |
Galerie Prisma |
1010 Wien |
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1985 |
17.09. |
Entlang der Liesing – Graphik-Plastik-Tapisserie |
Günter Hörist und DI Reneé Prassé |
Künstler, die im Bereich der Liesing leben |
1230 Liesing |
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1985 |
20.11. |
Wiedereröffnung nach 10 Jahren mit Eduard Diem, Kurt Freundlinger, Ernst Zdrahal |
Galerie Austerlitz |
Galerie Austerlitz |
1120 Wien |
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1986 |
26.04. |
Landschaft-Ortsbild-Umwelt |
Mödlinger Künstlerbund und Kulturreferat Marktgemeinde Brunn am Gebirge |
Heimathaus Brunn |
2345 Brunn am Gebirge |
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1986 |
10.05. |
Wiener Festwochenpreis für Plastik |
Annemarie und Gerhard Habarta |
Park und Orangerie Palais Auersperg |
1080 Wien |
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1987 |
27.02. |
Ausstellung Künstlergruppe Spirale |
Kuratorium Palais Liechtenstein |
Palais Liechtenstein |
6800 Feldkirch |
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1987 |
16.08. |
Spitzenreiter der Expressiven Malerei |
Galerie am Doktorberg, Kunst bei Kenst |
Galerie am Doktorberg |
2391 Kaltenleutgeben |
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1987 |
24.11. |
Umwelt – unser Leben |
Mödlinger Künstlerbund |
Galerie im Z-Bildungszentrum |
1140 Wien |
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1989 |
30.08. |
L’Autriche Culinaire |
Österreichische Fremdenverkehrswerbung |
Brasil Inter Art Galerie |
Paris |
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1990 |
03.05. |
KUNSTforum Auktion für „Natur freikaufen“ |
Grüne Alternative Landstraße |
Bücher & Kunst Galerie & Café |
1070 Wien |
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1990 |
04.08. |
Aperspektiven |
Internationaler Künstlerclub art/diagonal |
Kartause Gaming |
3292 Gaming |
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1990 |
18.09. |
Künstlergruppe art/diagonal |
Wiener Städtische |
Galerie am Oberberg |
7000 Eisenstadt |
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1992 |
20.06. |
Symposium in den Weingärten Bisambergs |
Team Göttert, Kommunikation und Kultur am Bisamberg |
Hanak-Museum und Weingärten darüber |
2103 Langenzersdorf |
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1994 |
29.04. |
Homo Homini Lupus (Der Mensch ist des Menschen Wolf) |
Marktgemeinde Langenzersdorf und art/diagonal |
Kulturzentrum Langenzersdorf |
2102 Langenzersdorf |
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1994 |
07.06. |
Euro ARTikulationen |
Kammer für Arbeiter und Angestellte NÖ |
AK Mödling |
2340 Mödling |
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1995 |
20.04. |
art/diagonal zum Thema homo homini lupus |
Wiener Städtische |
Galerie am Oberberg |
7000 Eisenstadt |
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1995 |
19.05. |
Mödlinger Künstlerbund |
NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst und Stadtmuseum St. Pölten |
Karmeliterhof |
3100 St. Pölten |
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1995 |
01.06. |
Eduard Diem – Aquarelle, Skulpturen; Helmut Kies – Lithografien, Beistiftzeichnungen |
Graf und Gräfin Andreas Kuefstein |
Schloss Greillenstein |
3592 Greillenstein |
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1996 |
13.05. |
Reminiszenz – die alte Garde der „jungen Generation“ |
Kulturverband Favoriten |
Kulturverband Favoriten |
1100 Wien |
|
1996 |
15.11. |
75 Jahre Caritas – Benefizauktion für Mobiles Caritas Hospiz |
Dorotheum |
Palais Dorotheum |
1010 Wien |
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1997 |
23.10. |
art/diagonal – Visionen 21 |
Stadtgemeinde Karpfenberg |
Galerie des Kulturzentrums Kapfenberg |
8600 Kapfenberg |
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1998 |
24.01. |
Verwirklichung der Galerie Alte Hammerschmiede |
Kunstforum Alte Hammerschmiede |
2753 Markt Piesting |
|
|
1998 |
08.02. |
Neueröffnung der Galerie |
Kunstforum Alte Hammerschmiede |
Galerie Alte Hammerschmiede |
2753 Markt Piesting |
|
1998 |
07.05. |
Ausstellung Eva Meloun (neue Arbeiten – Öl auf Holz) und Eduard Diem (Bronzen) |
Mödlinger Künstlerbund |
Galerie am Weinkeller |
1210 Stammersdorf |
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1999 |
08.04. |
Berührungspunkte – art/diagonal, Internationaler Club bildender Künstler |
Magistrat der Stadt Steyr, Dienststelle Museum |
Schlossgalerie Steyr |
4400 Steyr |
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1999 |
23.04. |
art/diagonal |
Galerie Milos Alexander Bazovský, Österreichische Botschaft, Österreichisches Kulturzentrum Bratislava |
Galerie M.A. Bazovský |
Bratislava |
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1999 |
08.09. |
Europa ’99 Skulptur |
Kulturamt Wiener Neustadt |
Hauptplatz |
2700 Wiener Neustadt |
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2000 |
Art on Display |
Galeria do Governador |
Galeria do Governador |
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2001 |
11.10. |
Kunstauktion „Hilfe für Marlies“, 16.10.2001 |
Rotary Club Mödling |
Sala Terrena |
2340 Mödling |
|
2001 |
18.10. |
Genussmittel – 12 Künstler im Rahmen des Mödlinger Künstlerbundes |
Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss |
Aula der Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss |
1080 Wien |
|
2001 |
09.11. |
art/diagonal zum Thema Veränderung und Ursprung |
Stadtgemeinde Gloggnitz |
Schloss Gloggnitz |
2640 Gloggnitz |
|
2002 |
18.07. |
Die Zeichnung |
Galerie Ruf |
Galerie Ruf |
München |
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2003 |
12.03. |
Zeitspuren |
art/diagonal |
Galerie Wohlleb |
1030 Wien |
|
2003 |
13.11. |
Versteigerung für Behindertenhilfe Korneuburg – Bilder der Kunstgruppe 2105 (bekannte NÖ Künstler) |
Galerie am Schlossberg |
Galerie am Schlossberg |
2112 Würnitz |
384
385
|
2003 |
14.11. |
Zeitzeichen – Jubiläumsausstellung Mödlinger Künstlerbund |
NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst und Stadtmuseum St. Pölten |
Karmeliterhof St. Pölten |
3100 St. Pölten |
|
2005 |
07.05. |
Kunst macht glücklich – Skulptura Nord – Skulpturen und Plastiken österreichischer Bildhauer der Gegenwart |
Atelier Mannhard Zeh |
Atelier Mannhard Zeh |
3860 Heidenreichsstein |
|
2005 |
22.10. |
art/diagonal zum Thema Andere Wirklichkeiten |
Kulturamt der Stadt Gloggnitz |
Schlossgalerie |
2640 Gloggnitz |
|
2006 |
07.03. |
30 Jahre Kunst bei Kenst. Die Spitzenreiter aus 30 Jahren Galerietätigkeit in drei aufeinanderfolgenden Geburtstagsausstellungen |
Galerie am Salzgries, Kunst bei Kenst KG |
Galerie am Salzgries |
1010 Wien |
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2007 |
13.02. |
15 Jahre Kunst bei Kenst. Zeitlos – mit Arbeiten der Spitzenreiter |
Galerie am Salzgries, Kunst bei Kenst KG |
Galerie am Salzgries |
1010 Wien |
|
2007 |
08.10. |
31. Vernissage er-sie chtlich – Mitglieder des Mödlinger Künstlerbundes |
Landesklinikum Thermenregion Mödling |
Galerie des Klinikums |
2340 Mödling |
|
2007 |
06.12. |
Weihnachten |
art/diagonal |
Landhausgalerie Ausstellungsbrücke |
3100 St. Pölten |
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2008 |
16.05. |
Ausstellung Zwischenhoch |
Mödlinger Künstlerbund |
Kunststation Mödling |
2340 Mödling |
|
2008 |
03.06. |
20 Jahre art/diagonal |
art/diagonal |
Wiener Wasserturm |
1100 Wien |
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2009 |
07.05. |
Höhenflug |
Mödlinger Künstlerbund |
Kulturwerkstatt im Wasserschloss Kottingbrunn |
2542 Kottingbrunn |
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2009 |
03.09. |
Der mödlingerkünstlerbund stellt sich vor |
Art Wagram Kunst und Kulturverein |
Galerie im Neudeggerhof |
3471 Neudegg |
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2009 |
13.10. |
Kunst ohne Grenzen 20 Jahre art/diagonal |
Der Internationale Künstlerclub art/diagonal |
galerie time |
1010 Wien |
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2010 |
24.04. |
art/diagonal – Kunst ohne Grenzen, Internationaler Club Bildender Künstler |
Österreichisches Kulturzentrum Palais Palffy |
Große Galerie des Palais Palffy |
1010 Wien |
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2011 |
08.07. |
Europa und der Stier – oder Galerist Ruf entführt europäische Künstler in seine Galerie |
Galerie Ruf in Zusammenarbeit mit Galerie Fuhrmann |
Galerie Fuhrmann |
München |
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2011 |
24.09. |
Begegnung in Geras |
Seminarhotel Geras |
Festsaal des Hotels |
2093 Geras |
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2011 |
Phantastisches Museum, Palais Palffy |
1010 Wien |
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2012 |
13.06. |
Skulpturen, Plastiken und Bilder von sieben BildhauerInnen |
Galerie Ruf |
Galerie Fuhrmann |
München |
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2012 |
13.06. |
Skulpturen, Plastiken und Bilder von sieben BildhauerInnen |
Galerie Ruf |
Galerie Fuhrmann |
München |
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2012 |
05.09. |
Zusammentreffen |
Galerie SPP und der internationale Club Bildender Künstler art/diagonal |
Galeria SPP |
Bratislava |
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2013 |
24.08. |
20. Kunst und Wein |
Weinbauverein Haugsdorf/Jetzelsdorf |
Große Kellertrift in Haugsdorf |
2054 Haugsdorf |
|
2015 |
05.02. |
Zeitgenossen: Eduard Diem (Plastik), Phillipp Heckmann (Malerei und Collage), Abd. A. Masoud (Bilder und Plastiken) |
Rearte Gallery |
Rearte Gallery |
1120 Wien |
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2015 |
art/diagonal |
Galerie Wohleb |
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2015 |
Malerei & Skulptur |
Palais Palffy |
1010 Wien |
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2015 |
Phantastisches Museum, Palais Palffy |
1010 Wien |
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2016 |
25.11. |
Kunstinfusion im 4. Quartal 2016 |
Absdorf |
Galerie Alte Ordination |
3462 Absdorf |
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2017 |
07.04. |
Kunst ohne Grenzen |
art/diagonal |
Schloss Rothschild |
2651 Reichenau/Rax |
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2017 |
24.05. |
Diagonal Dialog |
Region Trnava und Galerie Jan Koniarek |
Synagóga - Centrum der zeitgenossischen Kunst |
Trnava |
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2018 |
art/diagonal |
Kunstzentrum Ziersdorf |
3710 Ziersdorf |
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2018 |
art/diagonal |
art/diagonal, Laa a.d. Thaya |
2136 Laa a.d. Thaya |
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2018 |
18.11. |
Klare Linien |
Galerie Sandpeck |
Galerie Sandpeck |
1080 Wien |
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2019 |
09.05. |
… kunst erobert den raum |
art/diagonal |
Kesselhaus Innsbruck |
6020 Innsbruck |
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2020 |
24.01. |
Perspektiven Reinhard Sandhofer und Freunde |
Kunst & Kulturverein Gauermann Museum |
Gauermann Museum |
2761 Miesenbach |
386
387
Rückenakt.
Aquarell mit Wachspastellstift auf Papier, 1996, 64x50cm
Links: Weiblicher Akt.
Acryl auf Leinen, 1994, 60x80cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Foto von der Ausstellung mit Bildern und Skulpturen im Seminarhotel Geras am 24. September 2011. Die Künstler Detlev Kreidl (links, im Hintergrund sein Werk „el retablo cerdo“) und Eduard Diem (rechts mit Bild ohne Titel). In der Mitte die Gastgeberin Gitta Scholz und Kunstfachmann Otto Staininger. Es ist fast ein Familienfoto: Diem ist Schwiegervater von Gittas Sohn Alexander Scholz.
Komposition.
Acryl auf Karton,
1983, 102x72cm
388
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Zum Ausklang erzählt Eduard Diem eine Episode aus der Galerie am Bauernhof.
Der Malerkollege Carl Zaradnik hatte bei Göllersdorf ein Bauernhaus umgestaltet. Kuh- und Schweinestall wurden zu Galerieräumen. In den späten 1960er-Jahren organisierte er eine Ausstellung in dieser „Galerie am Bauernhof“. Oskar Höfinger, ein Bildhauer namens Haider, ein junger Afrikaner, dessen Name mir entfallen ist, und ich waren dabei, unsere Objekte aufzustellen. Der afrikanische Kollege war sichtlich nervös. Als wir ihn darauf ansprachen, meinte er, er müsse achtgeben, nicht fotografiert zu werden. Er sei der Sohn eines Königs und zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wien geschickt worden. Er wollte aber unbedingt Bildhauer werden und auf keinen Fall die Nachfolge seines Vaters antreten. Zwei Dinge machten ihm Sorgen: Einmal sei es fotografiert zu werden, wenn er eigenhändig Podeste und Skulpturen aufstellte, was ihm seinem Rang entsprechend verboten war. Und dann, dass ein Bild von ihm in einer Zeitung erscheinen und sein Schwindel auffliegen würde.
Alien.
Materialmix patiniert, 2011, Höhe 45cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Präsenz in den
Online-Galerien
Auch den Galerien bleibt es nicht erspart, dass sich ein Teil ihres Geschäftes in das Internet verlagert. Eine Entwicklung, die mit dem Beginn dieses Jahrtausends ihren Ausgang nahm. Laufend entstehen neue Online-Galerien, die – meist zeitgenössische – Künstler aus allen Bereichen der Bildenden Kunst in virtuellen Verkaufsräumen präsentieren. Das führt zu einer einfachen und weltweiten Verfügbarkeit der Objekte, allerdings entfallen die reale Besichtigung der Objekte und die persönliche Begegnung mit den Galeristen, Künstlern und anderen Sammlern. Die weitere Entwicklung des Marktanteils der Online-Galerien ist vor allem wegen dieser Vor- und Nachteile ungewiss, auf jeden Fall steht es ganz oben auf der Agenda niedergelassener Galerien, diesen Prozess mithilfe ihrer eigenen Web-Präsenz zu verlangsamen.
Allerdings bekamen die Online-Galerien unerwartete Hilfe: Die Corona-Pandemie 2020/21 machte es praktisch unmöglich, mit Ausstellungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Dessen wurde auch Eduard Diem gewahr, als er von einer Mitarbeiterin der Online-Galerie „Galerie F“ mit Sitz in Kranenberg in Deutschland angesprochen wurde. Diese vertreibt Unikate direkt aus Künstlerhand oder mit verschiedensten Techniken erstellte und nummerierte Kopien. Zum Einsatz kommen alle digitalen Drucktechniken, Reliefs aus mehrschichtig übereinander gelagerten Materialien und vieles andere mehr.
Eduard Diem war offen für die Zusammenarbeit mit der Galerie F und stellte ein paar seiner jüngeren geometrischen und dreidimensional wirkenden Bilder zur Verfügung. Diese wurden zur Vorlage für ein im Digitaldruck hergestelltes, mehrschichtiges Relief. Hergestellt und von Eduard Diem signiert wurden 50 Stück. Diese können aus Europa und den Vereinigten Staaten zum Preis von je 200 US-Dollar gekauft werden.
Die enge Zusammenarbeit von Künstlern mit dem Entwickler-Team der Galerie F bringt somit auch neuen Schwung in die Weiterentwicklung der zeitgenössischen Kunst.
390
391
Ohne Titel.
Digitaldruck in vier Ebenen geklebt, 2021, 61x48cm.
Die originale Malerei stammt aus dem Jahr 2017.
Es wurden 50 Stück aufgelegt. Der Druck ist von Eduard Diem auf der Rückseite signiert.
Eduard Diem – Leben und Werk
392
393
Das Werk
Vorbemerkungen
Das Lebenswerk vieler Künstler ist leicht zu kategorisieren, weil ihr Schaffen von einem Erfolgszwang beeinflusst wird. Ein platzierbares Thema wird so lange wie möglich weiterdekliniert, andere Themen kaum weiter verfolgt.
Natürlich beschäftigt sich auch Eduard Diem immer wieder mit häufiger nachgefragten Kunstwerken, etwa mit seinen kubistischen Tierskulpturen. Doch sein Oevre ist endlos an Skulpturen in anderen Stilrichtungen sowie Zeichnungen und Malereien der verschiedensten Art. Bis ins hohe Alter probiert er neue Dinge und versucht sich an ungewohnten Techniken. Dementsprechend vielfältig beziehungsweise nicht eindeutig kategorisierbar ist sein umfangreiches Lager an eigenen Kunstwerken. Der finanzielle Erfolg stand nie im Vordergrund. Aber lassen wir Eduard selbst seine künstlerische Entwicklung und seine Techniken beschreiben:
In meiner künstlerischen Entwicklung sog ich alles für mich Neue auf wie ein Schwamm. Ich ließ mich aber nie einer bestimmten Richtung zuordnen. Neue Techniken veränderten auch den Stil. Ich begann mit Holz- und Linolschnitt, Aquarell und Ölmalerei. Den Schwarzweißdruck versuchte ich durch stufenweises Schneiden und das Übereinanderdrucken von Farben zu ergänzen. Mein damals siebenjähriger Sohn René sah mir zu, wollte das auch machen und hatte bald Beachtliches zustande gebracht. Ich experimentierte weiter und erkannte, dass ein fettfreier Malgrund Farbe aufnimmt und man eine andere Farbe darüber legen kann. Zieht man die zweite Farbschicht mit der Stahlspachtel wieder ab, kommt die erste Farbe zum Vorschein. Eine neue Technik war erfunden.
Im Kunsthandel herrschte damals ein Grafikboom. Weil ich auf Karton malte, nannte ich diese Bilder mangels einer verständlicheren Bezeichnung ‚Unikatgrafik‘ oder Malerei auf Karton. Bald hatte ich einen fixen Platz auf dem Kunstmarkt in Galerien und Kunstmessen. Auf dem Höhepunkt dieses Erfolges gab ich diese Technik wieder auf.
Statt dieser Malerei auf Karton und der Ölmalerei beschäftigte ich mich mit Collagen und der Acrylmalerei. Ich fing auch an, vermehrt zu zeichnen. In meiner Frühzeit machte ich Illustrationen für eine Tenniszeitung, Karikaturen für ein Krankenhaus und ganz früh Federzeichnungen zum Thema ‚Krieg‘, die ich in der Galerie Fuchs ausgestellt hatte.
Nun entstanden unter dem Sammelnamen ‚Hidden Faces‘ Zeichnungen, wo ein Kopf, etwas Figurales oder eine
394
„Eduard Diem ist ein Seher.
Aber keiner der Visionen hat, sondern einer, der Reales sieht und mit den unterschiedlichen Mitteln der Kunst
sichtbar macht.“
Gerhard Habarta
Eduard Diem beschreibt seine künstlerische Entwicklung und seine Techniken.
395
Landschaft ineinander übergehen, sich überlagern und mehrfach zu deuten sind.
Bildhauerisch arbeitete ich vorerst mit Ton, dann machte ich Modelle aus Gips. Etliches davon wurde in Bronze gegossen. Einige Skulpturen aus Sandstein und Lindabrunner Konglomerat folgten.
In den letzten Jahren fertigte ich die Modelle im Kern mit Hartstyropor und modellierte darauf mit Spezialzement. Das hat vor allem zwei Vorteile: Man kann komplizierte Formen für den Guss zerschneiden, der frostsichere Zement erlaubt es aber auch, Originalskulpturen im Freien aufzustellen. Schon aus Kostengründen können nicht alle Skulpturen in Bronze gegossen werden. In der Regel kommt das Modell erst auf Wunsch eines Interessenten in die Gießerei. Dort wird auf Basis des Modells eine Gussform hergestellt und dann gegossen. Der Rohguss wird nachbearbeitet und patiniert.
Meine jüngsten Plastiken wirken formal wie Silhouetten von Piktogrammen. Aber unmittelbar daneben entsteht ein Objekt aus Sperrholz und hundert Essstäbchen aus Bambus. Jedes Material ist geeignet zur Verwendung und um etwas darzustellen.
Diese Kurzbeschreibung ist höchst unvollständig und trotzdem eine Wiederholung von an vorderer Stelle bereits Gesagtem. Aber ich erachte sie als guten Einstieg in dieses Kapitel.
Noch eine Besonderheit vorweg: Der Beschreibung eines Kunstwerkes geht in der Regel die Zusammenfassung seiner Basisdaten voraus. Dabei handelt es sich um die Art des Kunstwerkes, Angaben zur angewandten Technik und des verwendeten Materials, um dessen Entstehungsjahr sowie um dessen Maße in Zentimetern (erst die Höhe und dann die Breite). Je nach Möglichkeit und Sinnhaftigkeit können diese Angaben allerdings stark variieren.
Solchen Angaben vorangestellt wird in der Regel der Titel der Arbeit. Hier geschieht dies allerdings nicht immer, denn Eduard Diems Zugang zur Betitelung seiner Werke ist sehr ambivalent. Im November 2020 fasste er dies folgendermaßen zusammen:
Ich habe mich immer gewehrt, meinen Bildern und Skulpturen mit einem Titel quasi eine Gebrauchsanweisung, was der Betrachter zu sehen hat, mitzuliefern. Das Betrachten eines Kunstwerkes erfordert geistige Tätigkeit zum Eintritt in einen anderen Kosmos. Man wird das Besondere vielleicht erst später verstehen. Schriftliche Abhandlungen über Kunstwerke sind oft mit in der Normalsprache gar nicht vorkommenden Fachbegriffen und Fremdwörtern – oft sind sie nicht einmal im Wörterbuch zu finden – gespickt. Damit soll die besondere Bedeutung unterstrichen werden. Ob ein Kunstwerk heute, später oder gar nicht angenommen wird, hängt von seiner
„Eduard Diem
ist in vielen Bereichen
der bildenden Kunst tätig.
Er lässt sich nicht einordnen
oder auf eine Technik,
ein Material oder eine Stilrichtung eingrenzen.
Das hat nicht mit Unentschlossenheit zu tun, sondern mit einem unbändigen Gestaltungswillen.“
Gerhard Habarta
Eduard Diems Zugang zur Betitelung seiner Werke
Kompatibilität mit dem Zeitgeist und der Verwendbarkeit für den Kunsthandel ab.
Bei meinen Führungen in den großen Dalí-, Picasso- und Moore-Ausstellungen gab es von mir keine ‚Gebrauchsanweisungen‘. Ich erzählte lieber über das Leben der Künstler von der Kindheit an: Über die Familie, wirtschaftliche und politische Verhältnisse etc. und ich merkte bald, dass man erst über diese Informationen etwa einen Picasso besser verstehen lernen kann.
Nun, diese Motive lassen sich durchaus nachvollziehen, doch habe ich Eduard Diem gebeten, seine Ablehnung von Werkstiteln für dieses Buch auszusetzen. Die Identifikation eines Bildes oder einer Plastik als Gegenstand einer Unterhaltung wird durch einen zugeordneten Namen sehr erleichtert. Eduard Diem war einverstanden und zahlreiche – oft sehr alte – Werke werden im Rahmen dieses Buches erstmals mit Titel veröffentlicht.
396
Skulptural.
Acryl auf Leinen, 2012, 80x60cm
Bild rechts:
Krise.
Mischtechnik auf Karton,
1988, 100x70cm
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„Ein Großteil der gezeigten Arbeiten Eduard Diems – mit Ausnahme einiger Aquarelle – ist mit Offsetfarben gemalt. Diese absolut eigenständige Maltechnik des Künstlers führt zu interessant bewegten Farbflächen, Überlagerungen und Lasuren. Ihre Betrachtung bietet ebensoviel Reiz wie Verständnis für die ehrliche Arbeit.
Eduard Diems Bilder sind Wiedergaben der Natur, gefiltert, verändert und angereichert durch seine künstlerische Persönlichkeit. Unwesentliches wird weggelassen, Farbiges in Kraft – aber auch Noblesse – gesteigert, Wichtiges im Sinne der persönlichen Aussage überhöht. Eigentlich bedürfen diese Bilder keiner Erklärung. Sie sind da, hingemalt mit künstlerischem Ernst und handwerklichem Können und sollen einfach dazu dienen, uns gefühlsmäßig anzusprechen, uns im besten Sinne des Wortes zu gefallen.“
Dem Verzeichnis zur Malerei sei hier ein Begleittext vorangestellt, der die Einladung zur Vernissage
der Personalausstellung
in der Koreska Galerie
am 14. Oktober 1974 auszeichnet.
Verzeichnis Malerei
Alexander Stefandel
Eduard Diem.
Porträt aus dem Jahr 1974
Diese Einladung beschreibt die Situation im Jahr 1974, als sich Eduard Diem intensiv mit der Verwendung von Druckfarben beschäftigte. Neben den erwähnten Aquarellen hat Eduard vor der Verwendung von Offsetfarben vor allem mit Ölfarben gemalt. Danach dominieren Acrylfarben und Mischtechniken mit hoher Kreativität.
Die Bedeutung Eduard Diems für die Malerei der Nachkriegszeit hebt die Kunstkritikerin Elisabeth Heller hervor. Ihrer Ansicht nach hat Eduard Diem mit seinen malerischen Werken eine Lücke in der österreichischen Nachkriegskunst gefüllt, nämlich jene der „Interpretation des Diesseits“. Die Darstellung der Welt des Traumes, der „jenseitigen Welt“, habe in den „Phantastischen Realisten“ und in den unzähligen Geistesverwandten der Wiener Schule längst ihre Meister gefunden, nicht aber eben die Interpretation des Diesseitigen, zumindest in der Form jener unmittelbar-expressiven Weltauslegung, die für ihre spezifischen Anliegen die skizzenhaft flüchtige, die Vermittlerrolle der jeweiligen Künstlerindividualtiät und die Trägerrolle des Materials in den Vordergrund rückende Sprache entdeckt hat.
Ein wirkliches „Werkverzeichnis“ ist für die malerischen Werke Eduard Diems wegen seiner nun schon oft hervorgehobenen Vielfältigkeit und seines großen Fleißes schon aus reinen Platzgründen unmöglich. An dessen Stelle sei ein Auszug seiner Werke präsentiert, der einen möglichst umfassenden Überblick über Eduard Diems malerisches Schaffen gibt.
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Umarmung.
Ölfarbe auf Faserplatte,
1986, 85x70cm
Eduard Diem in seinem Bilderlager,
fotografiert am 9. Oktober 2018
Das Werkverzeichnis enthält folgende Angaben:
Im weißen Objektfeld links unten: das Jahr der Entstehung (die Objekte sind nach Jahren geordnet)
Im weißen Objektfeld rechts unten: die Objektnummer
Unterhalb des Objektfeldes: Titel sowie Höhe und Breite in Zentimetern
Im Feld darunter: Materialart und ein eventueller Kommentar
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Verzeichnis Collagen
Collagen hat Eduard Diem von Mitte der 1990er-Jahre bis ca. 2010 gemacht. Dazu angeregt hat ihn ein Bildband eines amerikanischen Fotografen mit am Broadway aufgenommenen Gesichtsausschnitten. Es waren die Augen in den grobkörnig wiedergegebenen Schwarz-Weiß-Porträts, die ihn besonders fasziniert haben. Er hat diese und andere Ausschnitte verwendet, um sie mit der Prospektflut der Gegenwart aus Tourismus, Mode etc. und den Aktbildern aus Zeitungen zu verbinden. Somit haben die meisten Collagen einen eher zeitkritischen Hintergrund. Die Collage hat gegenüber der reinen Malerei den Vorteil, Themen plakativer und aggressiver zu vermitteln.
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Urlaub. Collage geflochten, 1999, 28x20cm
Gold Blau.
Collage mit Acryl auf Karton,
2009, 40x50cm
Das Werkverzeichnis enthält folgende Angaben:
Im weißen Objektfeld links unten: das Jahr der Entstehung (die Objekte sind nach Jahren geordnet)
Im weißen Objektfeld rechts unten: die Objektnummer
Unterhalb des Objektfeldes: Titel sowie Höhe und Breite in Zentimetern
Im Feld darunter: Materialart und ein eventueller Kommentar
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Dieses Werkverzeichnis enthält nur einen geringen Anteil der „Täglichen Zeichnungen“. Davon gibt es mittlerweile über 10.000 Stück, viel zu viele für ein überschaubares Werkverzeichnis, selbst für ein auszugsweises. Dieses Verzeichnis betont daher die Zeichnungen jenseits der Kategorie „Tägliche Zeichnungen“ und auch abseits der „Hidden Faces“. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um frühere Zeichnungen. Der rechts abgebildete „Paarlauf“ ist ein gutes Beispiel, um das Zeichentalent Eduard Diems zu veranschaulichen.
Verzeichnis Zeichnungen
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Paarlauf. Bleistift auf Papier, 1976, 30x24cm
Eduard Diem vor einigen seiner gerahmten Zeichnungen,
fotografiert am 9. Oktober 2018
Das Werkverzeichnis enthält folgende Angaben:
Im weißen Objektfeld links unten: das Jahr der Entstehung (die Objekte sind nach Jahren geordnet)
Im weißen Objektfeld rechts unten: die Objektnummer
Unterhalb des Objektfeldes: Titel sowie Höhe und Breite in Zentimetern
Im Feld darunter: Materialart und ein eventueller Kommentar
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Verzeichnis Drucke
Die ersten Drucke Eduards waren Holz- und Linolschnitte. Den anfänglichen Schwarzweißdruck versuchte er durch stufenweises Schneiden und das Übereinanderdrucken von Farben zu ergänzen. Wertvolle Einsichten in die Drucktechniken allgemein und vor allem zum Drucken mit Offsetfarben bekam Eduard während der Zusammenkünfte bei dem Grafiker Fred Nowak.
Die weiteren Experimente und der Umstand, dass nur ein fettfreier Malgrund Farbe aufnimmt, führten Eduard zu der in diesem Buch oft erwähnten Malerei mit Druckfarben auf Karton, deren Ergebnisse wie Drucke aussehen. Der damalige Grafikboom im Kunsthandel und der Umstand, dass Eduard seine Bilder „Unikatgrafiken“ nannte, führten zu einem fixen Platz Eduards auf dem Kunstmarkt in Galerien und auf Kunstmessen. Auf dem Höhepunkt dieses Erfolges gab er diese Technik wieder auf. Erfasst sind diese „Unikatgrafiken“ als „Malerei mit Offsetfarben“ im Verzeichnis „Malerei“. Das Verzeichnis „Drucke“ enthält nur ein paar Offsetdrucke, die auf Basis solcher Offsetmalereien zu Werbezwecken hergestellt wurden.
Eine gewisse Nähe zum Siebdruck brachte das freundschaftliche Verhältnis zu Herrn Leitinger, der eine Siebdruckerei gekauft hatte. Viele Künstlerkollegen ließen dort ebenfalls drucken.
Die Offenheit Eduard Diems für neue Techniken erweist sich in der jüngsten Zusammenarbeit mit der „Galerie F“. Er stellte ein paar seiner jüngeren geometrischen und dreidimensional wirkenden Bilder zur Verfügung. Diese wurden zur Vorlage für ein im Digitaldruck hergestelltes, mehrschichtiges Relief.
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Dorf.
Linolschnitt, 1956, 30x43cm
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Vorstadt.
Linolschnitt, 1959, 48x35cm
Am Dorfrand.
Probedruck eines Linolschnittes, 1960, 21x30cm
Das Werkverzeichnis enthält folgende Angaben:
Im weißen Objektfeld links unten: das Jahr der Entstehung (die Objekte sind nach Jahren geordnet)
Im weißen Objektfeld rechts unten: die Objektnummer
Unterhalb des Objektfeldes: Titel sowie Höhe und Breite in Zentimetern
Im Feld darunter: Materialart und ein eventueller Kommentar
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Verzeichnis
Plastiken, Skulpturen
und Objekte
Vorweg ein wenig Theorie: Die Begriffe Plastik und Skulptur werden heute weitgehend synonym benutzt. Kunsttheoretiker unterscheiden allerdings: Bei der Skulptur, meist aus Holz geschnitzt oder aus Stein gehauen, wird Material entfernt. Eine Plastik wird aus formbarem Material wie Wachs oder Ton aufgebaut, also Material hinzugefügt. Bei den Arbeiten von Eduard Diem handelt es sich demnach überwiegend um Plastiken, meist um Kleinplastiken. Kleinplastiken sind handlicher und entstehen oft als Handmodell bzw. als Entwurf für eine spätere Ausführung in der jeweils gewünschten Größe. Allerdings ist der Übergang von der kleinen zur großen bzw. monumentalen Plastik fließend.
Beschritten hat Eduard Diem verschiedene Wege der Abstraktion, um durch Verschleifung, Reduktion oder Überzeichnung schließlich das für ihn Wesentliche herauszuarbeiten: die Form, die Eigenschaft, die Bewegung, den Ausdruck, den Gedanken etc. Den Körper bzw. Teile desselben ersetzt Diem gerne durch runde oder kubische Elemente, durch eine Hohlform oder den Umriss bis hin zum Icon.
Eduard Diem blieb allerdings bei der stabilen Plastik, Erweiterungen des 20. Jahrhunderts wie Installationen oder bewegliche Objekte macht er nicht.
In der Kleinplastik bietet sich dem Künstler die Möglichkeit traditioneller plastischer Gestaltung, sie kommt aber offenbar auch den künstlerischen Phänomenen der Gegenwartskunst entgegen, welche neue Stoffe und Techniken einbezieht. Die jüngste Entwicklung zeugt von der Tendenz, das Flüchtig-Vergängliche spürbar zu machen: Die Oberfläche wird mehr denn je bewegt. Grate werden aufgesetzt, Furchen gezeichnet oder graviert, fallweise wird sie auch bemalt. Geschick oder Missgeschick beim Guss werden in die Gestaltung einbezogen. Eine zusätzliche Ausdruckskraft erhält die Kleinplastik durch die Eigenschaften des verwendeten Materials.
Die von Diem verwendeten Materialen sind vielfältig: Während und nach der Akademiezeit war es meist Ton, dann Gips und zuletzt vorwiegend Zement bzw. (Klebe-)Mörtel auf einer Trägerform aus verschiedenen Materialien, oft Styropor oder Hartschaumplatten. Durch Beschichtung der Oberfläche mit verschiedenen Lacken werden die Plastiken witterungsbeständig gemacht und meist in Bronze patiniert.
Bei Bedarf können auf Basis dieser Plastiken Metallgüsse hergestellt werden. Die Metallgussarten dienen oft der Vervielfältigung der Plastik und werden zumeist nicht vom Künstler selbst, sondern von einem Gießer ausgeführt. Der Bildhauer bestimmt
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Eduard Diem mit seiner Plastik „Goliath“. Zement patiniert,
2012, 235cm
jedoch durch seine Wahl der Gussart und des verwendeten Materials den Charakter seines Bildwerkes. Durch die vom Künstler ausgeführte Nachbehandlung des Schleifens, Polierens und Patinierens erhält die Plastik die von ihm gewünschte Oberfläche.
Im Zusammenhang mit seinen Handmodellen ist Eduard Diem auch der Digitaldruck sehr willkommen. Er bietet die Möglichkeit, aus einer kleineren Ton- oder Gipsplastik eine neue Version in beliebiger Größe herstellen zu lassen. Früher musste er diese in aufwendiger Handarbeit selbst erstellen und daraus in der Gießerei die zum Bronzeguss notwendige Form machen lassen. Henry Moore wäre diese Technik, die es zu seiner Zeit noch nicht gegeben hatte, sicherlich sehr zustatten gekommen, denn viele seiner Großplastiken sind nach Handmodellen hergestellt worden.
Eine der Spezialitäten von Eduard Diem sind seine aus Metallplatten geschnittenen Objekte, wie z.B. die Mödlinger Föhre. Hier darf gefragt werden, sind sie eine Plastik oder doch eine Skulptur?
Immer wieder experimentiert Eduard Diem mit anderen Materialien wie Glas, Spiegeln, Schnüren etc. In jüngerer Zeit bevorzugt Eduard Diem Abfälle bzw. Restmaterialien und aussortierte Gebrauchsgegenstände, die er zu den fantastischsten Formen zusammenfügt.
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Daphne.
Bronzeguss patiniert,
1995, 62cm hoch
Eduard Diem in seinem Plastiken-Lager,
fotografiert am 9. Oktober 2018
Das Werkverzeichnis enthält folgende Angaben:
Im weißen Objektfeld links unten: das Jahr der Entstehung (die Objekte sind nach Jahren geordnet)
Im weißen Objektfeld rechts unten: die Objektnummer
Unterhalb des Objektfeldes: Titel sowie Höhe und/oder Breite in Zentimetern
Im Feld darunter: Materialart und ein eventueller Kommentar
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Eduard Diem – Leben und Werk
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Schlusstakt
Eduard Diem – Leben und Werk
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Epilog des Künstlers
Ist man von dem Virus befallen, Künstler werden zu wollen, sind wohlwollende Warnungen von Angehörigen oder Freunden meist wirkungslos. Das Ziel wird mit autistisch anmutender Beharrlichkeit verfolgt.
Bringt man eine Ausstellung zustande und werden ein paar Werke von einer Galerie in Kommission übernommen, ist ein wichtiger Schritt getan. Aber Achtung: Die Galerie wird kommerziell aussichtsreiche Sachen bevorzugen und den künstlerischen Aspekt erst in zweiter Linie berücksichtigen. Darüber hinaus wird der Künstler gerne zu einer möglichst gleichbleibenden, leicht lesbaren Darstellung gedrängt, denn künstlerische Vielfalt ist dem Publikum nur schwer zu vermitteln. Das führt zu ständiger Wiederholung, das Kopieren des Anfangserfolges lässt die Arbeit zum Firmenlogo degenerieren.
Ich glaube auch nicht, dass die Zunahme der Galerien die Erfolgschancen der jungen Künstler erhöht, denn das aktuelle Kunstschaffen findet nicht mehr die einstige Aufmerksamkeit. In meiner Anfangszeit als freischaffender Künstler fanden Ausstellungen einen fachkundigen Widerhall in allen Tageszeitungen. Die Kunstkritiker befassten sich mit Form und Inhalt, verglichen oft mit in der Kunstwelt ähnlichen Vorbildern. Auch ich wurde wiederholt mit anderen Künstlern verglichen, z. B. mit Carl Hofer (Anm.: ein Schweizer Künstler) und Emil Nolde. Manche Kunstkritiker blieben in ihren Formulierungen rücksichtsvoll, um die Künstler nicht zu entmutigen. Arnulf Neuwirth etwa, den meine damaligen Zeichnungen sicher nicht überzeugten, schrieb: „Diem arbeitet auf hellnilgrünem Papier.“ Damals war noch alles wertvoll, worauf man zeichnen konnte, und ich hatte nur diesen Stoß grünes Papier zur Hand, das eigentlich gar kein Zeichenpapier war.
Die Idealisten unter den Galeristen waren auch zu einer intensiveren Unterstützung junger Künstler bereit. Waren sie von einem Künstler überzeugt, förderten sie ihn durch einen Vorschuss, dem später die Verkäufe gegengerechnet wurden. Reichten die Einnahmen aus den Verkäufen nicht aus, buchte der Galerist die Differenz aus, ließ den Künstler aber trotzdem nicht fallen.
Auch das Fernsehen war am Kunstgeschehen interessierter als heute: Unter anderem enthielt das tägliche Vorabendprogramm eine Galeriesendung, in der acht bis zwölf Kritiker Kunstwerke zeigten und diskutierten. Doch die den Künstlern zu bezahlenden Tantiemen wurden den Rundfunkanstalten zu teuer und die Sendungen wurden eingestellt.
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Aber eines hat sich nie geändert: Um mit einem Thema, einer Idee erfolgreich zu sein, muss der Zeitpunkt stimmen und der „Entdecker“ zur rechten Zeit da sein. Das kann ein Kunstkritiker, ein prominenter Kunstmanager oder -sammler sein.
Ein prominentes Beispiel ist der bildende Künstler Franz West. Er arbeitete für ein bezahltes Nachtmahl, bis er eines Tages ein Bettgestell zusammenschweißte, quasi als Antwort auf die „überkandidelten“ Skulpturen von Damien Hirst. Das gefiel jemandem mit Einfluss, die Kunstszene „fuhr drauf ab“ und West ist heute in jedem Museum vertreten.
Der Weg zum Erfolg ist auch an der Popart, die von Amerika nach Europa überschwappte, gut nachvollziehbar. Die künstlerische Verarbeitung von allem, was die Popularität der USA ausmachte, kam gut an: Die Filmindustrie, die Turtle Soup, Coca-Cola, Schießscheiben, die Flagge etc. Eben alles, was die ganze Welt kannte. Das mag auch ein zeitgerechter Impuls gegen einen gewissen Minderwertigkeitskomplex in der nordamerikanischen Kunstszene gewesen sein, genährt aus der bis dahin langsamen Kunstentwicklung. Auch die Druckgrafik entwickelte sich weiter und fand Eingang in die Massenflut bunter Werbeprospekte. Porträts mit orangen, roten und blauen Kontrasten machten Mut, auf das neue Image stolz zu sein. Der Erfolg ließ auch auf bekannte Idole zurückgreifen: Mao Tse-tung, Che Guevara und Marilyn Monroe und das in verschiedensten farblichen Variationen. Natürlich ist die Kunst viel tiefgründiger, aber das wurde sofort verstanden und mit Begeisterung aufgenommen.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer wieder an einen Moment während einer Durchquerung der Sahara. Zwischen Dünen lag eine etwa 100 Meter lange Ebene, abgegrenzt mit leeren Ölfässern. Das war ein ehemaliger Flugplatz der Ölindustrie, die dort Probebohrungen gemacht hatte. Aus dem Sand ragte ein halb versunkenes, riesiges Cola-Plakat. Sogar eine Box Colaflaschen haben wir gefunden.
Es ist mir auch ein Bedürfnis, über meinen „zweiten Geburtstag“ zu sprechen, den 8. Mai 1945, das Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Ausmaß der Schrecken des Krieges wurde nach und nach bekannt, aber die Aufarbeitung fand kein Publikum. Je mehr jemand von den Kriegsfolgen betroffen war, umso mehr war er bemüht, zu vergessen. Schließlich wurde mir klar, dass es für einen Großteil der Menschen unmöglich war, mit dieser Realität umzugehen, und sie mussten in die Verdrängung flüchten. Das konnte ich auch an den KZ-Überlebenden beobachten, mit denen ich engeren Kontakt hatte. Keiner wollte von sich aus über diese Zeit reden.
Einer meiner Kollegen bei Herzmansky hatte Mauthausen überlebt. Er war allgemein beliebt. Für alle, die ihn darum baten, malte er Glückwunschbillets für Geburtstage, Jubiläen etc. Außer der Personalchefin und mir wusste niemand über seine Vergangenheit Bescheid. Schließlich schrieb er ein Buch über die Zeit
Eduard Diem verwendet gerne Restmaterialien oder ausgesonderte, dem Wegwerfen preisgegebene Dinge für seine späteren Skulpturen. Ausgangspunkt dieses Kopfes war der keramische Teil auf den Haaren, welcher Eduard von einem Freund als nutzloser Staubfänger überlassen wurde. Wer denkt da nicht an Roy Lichtensteins „The Head“ in Barcelona?
Eduard Diem – Leben und Werk
im KZ. Als dies publik wurde, begann ein Mobbing, das ihn dazu veranlasste, den Job trotz bestehenden Kündigungsschutzes aufzugeben.
Ein Bericht des Bayrischen Fernsehen über Dachau war auf dem Buch von Viktor Matejka „Widerstand ist alles“ aufgebaut. Viktor, zu dem ich ab 1957 ein sehr freundschaftliches Verhältnis hatte, war einer der ersten Österreicher in Dachau. Aber auch er hatte nie über seine sechseinhalb Jahre in Dachau gesprochen.
Auch ich selbst habe mit meiner Familie nie über die Verhaftung und den Verlauf der Vernehmung bei der Gestapo in Znaim gesprochen. Diese Hemmung der Betroffenen, sich mitzuteilen, ist offenbar schwer zu überwinden.
Demgegenüber war ich während meiner Auslandsaufenthalte überrascht, wie freundlich wir in Ländern mit größten Kriegsschäden und unzähligen Opfern behandelt wurden. Keine Gedanken an Rache und Vergeltung, selbst am Balkan, wo vorwiegend Österreicher eingesetzt waren. Das gleiche Volk metzelt sich Jahrzehnte später in einem ähnlich grausamen Bürgerkrieg gegenseitig nieder. Das führt zur Erkenntnis, dass weder Völker, Nationen oder Rassen sich in ihren Anlagen unterscheiden. Das Gute sowie das Böse trägt jeder Mensch gleichermaßen in sich.
Eduard Diem
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Kaffeehaus. Mischtechnik auf Karton,
1988, 100x70cm
Eduard Diem – Leben und Werk
Und wozu?
Unter allen Zeitgenossen herrschte Einstimmigkeit in der Bezeichnung Viktor Matejkas als Freund der Kunst und insbesondere der Künstler. Auch Herbert Lederer tat dies in seinem Beitrag in dem Buch „Wer war Viktor Matejka?“ Aber darin legt er Matejka auch die Ansicht in den Mund, dass mit Kunst „etwas Vernünftiges“ gemacht werden sollte, es demnach in der Kunst auch viel Unvernünftiges gibt. Und vernünftig ist eine Kunst nur dann, wenn sie „etwas bewirken“ will.
Verschiedene Menschen wollen Verschiedenes bewirken. Viktor Matejka war ein linker Politiker und über lange Zeit Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Man kann also davon ausgehen, dass ihm die politische Erziehung hin zum guten, durch und durch sozialen Menschen ein Anliegen war und die Förderung der Künstler dieses Kalkül hatte.
Viele Kunstwerke, auch jene der Bildenden Kunst, auch solche von Eduard Diem, folgen diesem Anspruch, zum Beispiel mit zeitkritischen Motiven wie einer expressionistischen Industrielandschaft vor rotem Himmel oder einem kaputten Auspuff im Wüstensand.
Aber muss Kunst immer dieses hohe Ziel haben? Reicht es nicht, wenn Kunst nur gefallen will und den privaten oder öffentlichen Raum schmückt. Wenn sie Gegebenheiten bloß darstellt. Wenn sie dem Künstler ein Einkommen ermöglicht. Wenn sie dem Künstler Freude macht oder ihm die Möglichkeit gibt, zu zeigen, was er kann. Wenn sie einen Wirtschaftssektor belebt. Oder wenn sie als Wertanlage dient?
Und was genau wäre unvernünftige Kunst? Was sagt dazu Eduard Diem? Er schrieb in einem Brief vom 10. August 2021:
So kann man das nicht stehen lassen. Matejka hat wirklich jeden, der einen Pinsel in der Hand hatte, ermutigt, weiterzumachen. Aber er war immer neugierig zu sehen, wie es weitergeht und was noch daraus wird. Ob es vernünftig ist oder unvernünftig, das geht am Ziel vorbei. In einer Diktatur beispielsweise ist es ‚vernünftig‘, der vorgeschriebenen Linie zu folgen. Das dient auch dem Regime und womöglich auch der Karriere. In China sah ich die Arbeit eines Künstlers, bestehend aus einem Aquarium, drinnen Papier aus dem Reißwolf. Der Titel: ‚Manifest von Mao Tse-tung‘. Der Künstler erklärte, er wollte mit dem Manifest etwas anderes machen, was aber verboten wurde. Ich finde, eine präzisere Aussage gibt es gar
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Eduard über vernünftige
oder unvernünftige Kunst
nicht. Es ist mit dieser Arbeit auch der Schwenk zum Kapitalismus gemeint.
Eine junge Kollegin hat alte Kästen und Truhen mit alten Motiven bemalt, um ihre Familie zu ernähren. Aus einem inneren Bedürfnis heraus malte sie Bilder. Erste Ausstellungsbeteiligungen waren möglich. Heute ist sie eine sehr geachtete Künstlerin und von Kollegen anerkannt und geschätzt.
Hätte Egon Schiele nur ‚schöne‘ Bilder gemalt, gäbe es heute kein Leopold-Museum, von dem über den Tourismus ganz Wien profitiert.
Hätte ich Jobs angenommen, die mir im Laufe der Zeit angeboten wurden, hätte ich mehr Geld verdient und heute eine höhere Pension. Zufrieden und glücklich wäre ich aber nicht geworden.
Unvernünftige Kunst gibt es gar nicht. Auch die Malerei der Künstler in Gugging ist eine wichtige Artikulation und daher vernünftig.
Im Essl-Museum sah ich eine Ausstellung des deutschen Künstlers Jonathan Meese. Bei Auftritten im Fernsehen bekam ich eher den Eindruck, man wolle ihn als schrulligen Wirrkopf vorführen. Die Bilder und Objekte in der Ausstellung zeigten in Art-Brut-Manier Dinge aus der Vergangenheit. Ich fand mich darin nicht zurecht. Dieser Mix aus Action-Painting, Jean Dubuffet, Hakenkreuz, Kritzeleien wie auf Pissoirwänden, vermischt mit politischen Symbolen, und das eben mit chaotischen Fernsehauftritten ergänzt. Wenn ich jetzt, zehn Jahre später, darüber nachdenke, meine ich, Meese wollte den ganzen Ballast der Vergangenheit für sich bearbeiten. Der Kunstmarkt hat aber entdeckt, man könne damit auch Geld machen, also müsse es auch Kunst sein. In Deutschland ist der Ausdruck ‚Meese-Syndrom‘ für Chaos bereits Umgangssprache.
Der Gugginger Malerstar August Walla beschäftigte sich auf ähnliche Art mit seiner Vergangenheit. Rudolf Hausner malte seine selbstanalytischen Bilder in altmeisterlicher Technik.
Der Guru Joseph Beuys sagte, jeder könne Künstler sein. Er meinte wohl, alles sei geeignet, künstlerisch bearbeitet zu werden.
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Eduard Diem – Leben und Werk
Nun, vernünftig hin oder her, Eduard Diem ist jedenfalls ein aufmerksamer Beobachter nicht nur von Gesichtern, sondern auch des aktuellen Weltgeschehens. Das hier aufzeigbare Verbesserungspotential ist unendlich und bestimmt das Motiv und die Botschaft vieler seiner Kunstwerke.
Natürlich bedauert Eduard auch die Misshandlung der Umwelt. In diesem Zusammenhang erinnert er sich oft an einen Malkurs auf Madeira mitten im Ozean. Das war in den 1990er-Jahren. Von der Höhe des schroffen Vulkanfelsens auf das Meer blickend, sah man schon damals einen durch den Wellengang bewegten Schmutzgürtel rund um die Insel.
Folgerichtig fließt auch das Umweltthema immer wieder in seine Kunstwerke ein. Ein Beispiel ist schon 20 Jahre her. Damals erstand er bei Ikea weißgestrichene, als Kerzenständer gedachte Rechtecke. Wir wissen bereits: Eduard verwendet vieles für seine Plastiken, auch Abfälle und Gegenstände des täglichen Lebens.
In einer sehr alten Kultur galt der Würfel als Symbol für die Erde. Eduard baute einen solchen Würfel, etwas kleiner als die quadratische Öffnung in dem Rahmen des Kerzenständers, und montierte den an der Oberfläche behandelten Holzwürfel so hinein, dass eine Beweglichkeit simuliert wird. Der Rahmen, welcher den Würfel nunmehr begrenzt, steht für die Landversiegelung, für das Co2-Problem etc. Um es noch drastischer darzustellen, ist auch ein dürrer Zweig angebracht.
Natürlich haben auch viele Kollegen von Eduard Diem solche Themen aufgegriffen und manche sind im Kunsthandel gepuscht worden. Das Resultat beschränkte sich jedoch auf einen reichlichen Geldsegen.
Kleinplastik mit Umweltbezug
aus dem Jahr 2000:
Die eingeschnürte Erde
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Der Kuss.
Bronzeguss, 2000, Höhe 23cm.
Ausgeführt von der Gießerei Loderer. Das Original war eine Gipsplastik ebenfalls aus dem Jahr 2000.
Eduard Diem – Leben und Werk
Ein letztes Tempo:
Vom Banausen zum Künstler
Der kunst-gerecht arbeitende Handwerker der Antike, der „Künstler“, den es (dem heutigen Begriff nach) noch nicht gab, hatte als Banause keinen Anteil an der Geisteskultur. Die Kunst des Dichters wurde als der des Bildhauers überlegen angesehen. Für Sokrates gab es zwischen der bildenden Kunst und dem geistig sittlichen Leben des Menschen keine Berührungspunkte. Für Plato war die bildende Kunst schädlich und verwerflich, da nur die äußere Form nachahmend, und lediglich nützlich als Verfertiger der im Kult benötigten Bilder.
Als Element allgemeiner Bildung und Wert für eine ästhetische Erziehung wurde die bildende Kunst erst von Aristoteles anerkannt, wenn auch weit hinter Dichtung und Musik. Als man damit begann, den einstmaligen Banausen zu beachten, zeigte sich die schöpferische Kraft griechischer Kunst bereits als erloschen.
Während des Mittelalters vollzog sich ein erneuter Rückzug ins Handwerkliche. Kein „Künstler“ ist am Werk, sondern der Arbeiter, der vom Besteller einen Auftrag entgegennimmt. Den Boden bildeten Religion und Kirche. Aus Handwerkerfamilien entstanden die Malerzünfte, zu denen auch Glasmacher, Vergolder, Rahmenschnitzer und Papiermacher zählten. Im Mittelpunkt der Arbeit standen Kenntnis und Können. Der Künstler blieb anonym.
Die Emanzipation der Kunst war ein Produkt der beginnenden Renaissance. Mathematisch-wissenschaftliche Grundbegriffe wurden eingeführt. Die antike Philosophie lieferte die Argumente für die Entwicklung eines veränderten Standesgefühls. Schließlich setzte Leonardo da Vinci die Kunstanschauung mit der Weltanschauung gleich; die Malerei galt ihm als der Dichtkunst und Musik überlegen. Der Weg zum „göttlichen“ Künstler, zum „divino“ (den später noch ein Mann wie Dalí zu personifizieren suchte) wurde freigelegt durch Michelangelos Triumph von Originalität und Subjektivität über die Tradition. Der moderne Künstlerkultus war geboren worden. Die Unabhängigkeit vom Auftraggeber wurde gegen eine neue Abhängigkeit vom Bildungspublikum und einen wiederum zur Erschlaffung führenden Akademismus eingetauscht.
Im 20. Jahrhundert sah sich der Künstler in zunehmendem Maß von jeder Form von „Gesellschaft“ isoliert. Er wurde zu seinem eigenen Auftraggeber, entwarf seine eigenen Programme und schuf aus einem eigenen Bewusstsein heraus. Zu dessen Verständnis mussten sich Denken und Empfindungen der Betrachter mit denjenigen des Künstlers treffen.
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Der erste Teil dieses
„letzten Tempos“ folgt einem Beitrag in einem Katalog zur Wanderausstellung „Was kann Kunst? – Kann Kunst was?“
Diese Wanderausstellung über die damalige Gegenwartskunst wurde von der Niederösterreich-Gesellschaft für Kunst und Kultur gegen Ende der 1970er-Jahre veranstaltet. Die Texte in diesem Katalog stammen großteils von
Kristian Sotriffer.
Franz Marc wusste, „dass die Kunst desto künstlerischer war, je religiöser sie gewesen“. Er war es auch, der gemeint hatte, die Kunst ginge „an der vergifteten Krankheit des Individualitätenkultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit“. Ähnlich hatte vor ihm schon Arnold Böcklin geurteilt: „Alle, die sie da sind, wollen sie nicht in, sondern mit ihrer Kunst etwas erreichen, versuchen es so oder so, sind Streber, Affairisten, Jongleure; der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden“.
Künstler sind also geworden wie wir alle und können daher auch so beurteilt werden wie wir alle. Sie stehen auf keinem Podest mehr. Aber sie sind nach wie vor in dem Maß notwendig, als sie uns auf Zusammenhänge hinweisen, die uns im Alltag meist entgehen.
Und Eduard Diem?
Eduard Diem ist ein Künstler von weitreichenden technischen Fähigkeiten und hoher Kreativität. Er ist in der Fachwelt sehr bekannt und kennt fast jeden, der schon länger in diesem Metier tätig ist. Aber der Öffentlichkeit ist er praktisch unbekannt und seine Werke erzielen nur durchschnittliche Preise.
Dafür gibt es viele Gründe. Er ist ein Künstler, dem all die oben genannten „menschlichen“ Prädikate von der Eitelkeit bis zum Strebertum fremd sind. Er hat sich niemals der Eskapaden eines Salvador Dalí bedient, er hat niemals gezielt in seine Karriere investiert wie ein Friedensreich Hundertwasser, er war niemals Teil sich gegenseitig fördernder Künstlercliquen oder gar von Seilschaften aus Kunstkritik und Kunsthandel. Er blieb immer ein einfacher und bescheidener Mensch, der von seiner Kunst leben, aber seine Freiheit, vor allem seine künstlerische Freiheit, durch nichts einengen lassen wollte.
Und das ist ihm gelungen.
Aber ist Eduard Diem auch ein Genie („göttlich“ will ich lieber nicht verwenden)?
Nur, was ist ein Genie auf dem Gebiet der bildenden Kunst? Ist es zum Beispiel jemand, der photorealistisch malen kann oder der jeden Künstler so kopieren kann, dass auch ein Experte die Fälschung nicht von einem Original zu unterscheiden weiß? Nein, hier stehen „nur“ Kenntnis und Können im Vordergrund, wie bei einem sehr guten Handwerker, aber keine Originalität. Ein Genie definiert sich nicht durch diese Art der Perfektion, sondern vom Geiste her. Es soll die Menschheit zum Denken anregen und über eine Kreativität verfügen, die zu einer künstlerischen Weiterentwicklung führt. Pablo Picasso, der die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt hat wie kein zweiter, oder Gerhard Richter, der seine Ideen in unglaublich vielfältiger Weise ausdrücken kann, sind prägnante Beispiele von Genies. Wenn man aber Geist, Kreativität und Anregung wertet, ohne dabei eine zu elitäre Messlatte anzulegen, kann auch der Österreicher Erwin Wurm, der mit dem
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Eduard Diem – Leben und Werk
„Fat Car“ oder dem „Fat House“ wahrnehmbare Gesellschaftskritik betreibt, als Beispiel für ein Genie gelten.
Auch Eduard Diem vereinigt alle Komponenten eines Genies in seiner vielfältigen Arbeit. Aber das Publikum erkennt solche Fähigkeiten erst dann, wenn der Marktwert von Kritik und Handel hochgepuscht wurde. Also braucht ein Genie nicht nur die entsprechenden künstlerischen Voraussetzungen, sondern auch ein gehöriges Public-Relations-Talent. Das hat Eduard Diem nicht und er will es auch nicht haben. Seiner Ansicht nach würde es seine künstlerische Freiheit einengen.
Manche Kunstexperten gehen allerdings zu weit, wenn sie Eduard Diems extremer Vielfalt nur die sich selbst zitierende Einfalt gegenüberstellen. Hier könnte man zu dem Irrglauben gelangen, dass vor allem die „Vielfalt“ den wahren Künstler ausmacht und das Finden und Weiterentwickeln eines Stils zur bloßen Masche degeneriert. Doch viele der großen Maler blieben der von ihnen entwickelten Line treu. Deren Weiterentwicklung konnte die genialsten Facetten derselben „Art und Weise“ offenlegen. Man denke nur an „Die drei Philosophen“ des italienischen Renaissancemalers Giorgione mit dessen intensiver und vielfältiger Darstellung eines Themas in einem Bild.
Beispiele konsequenter künstlerischer Weiterentwicklung sind auch die „Dioskuren“ Herwig Zens und Gerhard Weissenbacher. „Zwillingshaften“ Arbeiten während der gemeinsamen Akademiezeit folgten diametral entgegengesetzte künstlerische Wege. Gerhard Weissenbachers Originalzeichnungen wurden zu meditativ dichten Schöpfungsakten, die zum Wesentlichen hinter dem Sichtbaren führen. Zeitlos und allgemeingültig.
Und hier schließt sich der Kreis: Gerhard Weissenbacher lebt und arbeitet in Ober St. Veit. Wie Eduard Diem.
Erwin Wurm:
Fat House, 2003.
Wie der „Fat Car“ soll auch Wurms „Fat House“ die kleinbürgerlichen Statussymbole in einem „verfetteten“, aufgeblähten Zustand zeigen.
Wikimedia Commons
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Gerhard Weissenbacher: Weltmaschine
Pinsel, Tusche, 2020/21, 32x26cm
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Als letztes Foto dieses Buches Eduard Diems unbetitelter
polierter Bronzeguss
aus dem Jahr 2021