Hofrat Dr. Josef Kraft

Nachruf von Karl Wiesinger

Es ist ein Gebot der Pflicht und der Dankbarkeit, in diesem Buche eines Mannes in Ehren zu gedenken, der viel Zeit und Mühe für die Erforschung von Mauer in selbstloser Weise aufwandte und gründliche Forschungsarbeiten darüber veröffentlichte. Es ist dies Hofrat Dr. Josef Kraft, Staatsarchivdirektor, Wien, I., Herrengasse 11, den der Tod unverhofft aus dem Kreise seiner Lieben und seiner Freunde entführte.

Dr. Josef Kraft wurde am 16. Oktober 1879 zu Stinkenbrunn, Bezirk Mistelbach, geboren. Er besuchte das Gymnasium zu Hollabrunn, sodann die philosophische Fakultät der Universität Innsbruck, wo er im Jahre 1905 promovierte. Im Anschlusse daran widmete er sich dem Archivdienste am Landesarchiv in Innsbruck. Von dort kam er als Archivdirektor nach Wien, I., Herrengasse 11. Nun konnte er nach Herzenslust für seine heißgeliebte Heimat arbeiten.

Hofrat Dr. Josef Kraft vermählte sich am 21. März 1921 mit Fräulein Rosa Roßmüller und wohnte in Wien, XIII., Auhofstraße 142 A. Er starb am 19. Mai 1945 an Bauchfellentzündung und Herzschwäche im Krankenhaus zu Bad Hall, Oberösterreich, und wurde am 22. Mai 1945 in Pfarrkirchen, Post Bad Hall, beigesetzt. Er hinterließ die trauernde Witwe und die Tochter Elisabeth, die Medizin studiert. Ferne von seiner trauten Heimat, wo er nach seinem Tode ruhen wollte, hat ihn der Tod unverhofft hinweggerafft. Erinnerungsblätter, von der Familie herausgegeben, zeigen sein wohlgelungenes Bild.

Mit größtem Fleiße und peinlicher Gewissenhaftigkeit oblag er seiner Berufspflicht. Neben allen anderen wissenschaftlichen Arbeiten, die im Zusammenhange mit seiner Berufstätigkeit standen, war es besonders die große Liebe zu seiner angestammten Heimat Niederösterreich, die ihn aneiferte, sich der Erforschung derselben zu widmen, wobei ihm sein großes Wissen und Können, seine glänzende Kenntnis der lateinischen Sprache und die bewundernswerte Geläufigkeit im Lesen alter Handschriften sehr zustatten kam. Auf diese Weise konnte er besonders zahlreiche Arbeiten heimatkundlicher Natur der Nachwelt geben.

Seine Forschungsarbeiten galten unserem geliebten Mauer, Stinkenbrunn, Ober-St. Veit, dem Lande Niederösterreich und dem Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien.

In den Heimatjahrbüchern von Mauer sind seine Arbeiten festgehalten und es ist uns ein Herzensbedürfnis, diese hier im Zusammenhange zu bringen:

Die Hausbesitzer von Mauer vor hundert Jahren. H. 1931, S. 17—23.
Vom Freisingerhof in Mauer bei Wien. H. 1931, S. 71 bis 73. H. 1932, S. 17—26.
Die Zeit von 1500—1783 (Mauer). H. 1933, S. 38—88.
Die Seelsorger der Pfarre Mauer. H. 1933, S. 147—173.
Abt Gerhard Weixelberger des Stiftes Heiligenkreuz. H. 1934, S. 3—9.
Die Lehensurkunden über die Herrschaft Mauer. H. 1935, S. 97—106.
Die Herrschaft Mauer als Pfandschaft. H. 1936, S. 81—113.
Die Lehensurkunde von 1456 um die Herrschaft Mauer. H. 1937, S. 55—80.
Die Pfandschaftsinhaber der Herrschaft Mauer. H. 1937, S. 61—84.
Ein Bericht über die Türken zu Perchtoldsdorf im Jahre 1683. H. 1938, S. 85—103.

In den Monatsblättern „Ober-St. Veiter Pfarrnachrichten“ erschienen vom Jänner 1936 bis März 1938 die Aufsätze „Aus der Vergangenheit der Pfarre Ober-St. Veit, Schloß und Herrschaft an der Wien“, welche Arbeiten leider unvollendet blieben, weil das Blatt eingestellt wurde. Mit dieser sehr interessanten Arbeit ist Hofrat Dr. Kraft auch mit dem Orte Ober-St. Veit verbunden. Wie wir vernahmen, soll dieser Nachlaß in Buchform erscheinen.

Einen wahren Bienenfleiß wandte er für den Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien auf. Im Auftrage dieses Vereines, dem er durch viele Jahre als Ausschußmitglied angehörte, stellte er zwei Bücher zusammen, herausgegeben vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien, und zwar:

Inhaltsübersicht, erschienen Wien 1929, zu den Blättern des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich 1891 bis 1901, zu dem Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1902—1927 und zu dem Monatsblatt des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich 1902—1927. — 123 Seiten.

Inhaltsübersicht zu dem Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1928—1938 und zu dem Monatsblatt „Unsere Heimat“ 1928—1940, erschienen Wien 1942. — 144 Seiten.

In den Monatsblättern des Vereines aus den Jahren 1906—1927 sind 9 Aufsätze veröffentlicht, in der „Heimat“ aus den Jahren 1928—1938 finden wir 15 wissenschaftliche Arbeiten. Siehe obige Inhaltsübersichten!

Nur einige Arbeiten davon seien erwähnt: Der Mauererlehrbrief für Jakob Prantauer. — Die Kuruzzenschäden in den Orten Lichtenwörth, Unter-Eggendorf und Zillingsdorf. — Eine amtliche Beschreibung des Landes Niederösterreich. — Ein Versuch zur Bekämpfung des Flugbrandes im Marchfelde um 1770. — Pater Joachim Haspinger in Niederösterreich. —

Mancherlei Arbeiten sind in verschiedenen Zeitschriften und Kalendern abgedruckt.

Seine letzte Arbeit „Berühmte Männer Niederösterreichs“, die von größtem Sammeleifer Zeugnis ablegt, blieb im Manuskript.

Aus allem konnte man schließen, daß für ihn die Worte des Dichters Fontane gelten: „Der ist in seiner Seele treu, der seine Heimat liebt wie Du.“

Im Gegensatz zu dem tiefen Wissen und hohen Können, dem großen Sammeleifer historischer Daten, dem wahren Bienenfleiße, der treuesten und gewissenhaftesten Pflichterfüllung und der steten Hilfsbereitschaft standen die staunenerregende Bescheidenheit und Selbstlosigkeit, Einfachheit und Schlichtheit und Anspruchslosigkeit dieses charakterfesten Mannes. Wahrlich, er zählt zu den edelsten Menschen, die wir jemals kennen lernten und bewundern durften. Ein ausgezeichneter Mann und eine Zierde der Geschichtswissenschaft. Sein Scheiden bedeutet daher eine große Lücke in der Familie, in der Heimat, in der Wissenschaft.
Hofrat Dr. Josef Kraft, habe Dank, heißen Dank für die vielen ausgezeichneten Arbeiten über Mauer, das Du so gerne aufgesucht. Dein Name ist mit der Erforschung von Mauer für immer verknüpft, er wird immer in Ehren genannt werden. Die Treue Deiner Anhänger und Mitarbeiter geht auch über das Grab hinaus. Ruhe in Frieden!

Karl Wiesinger

Quellen:
Heimatjahrbuch Wien-Mauer 1947, S. 38-41

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im September 2026