Fertigteilhaus Mustersiedlung

Veitingergasse, Josef-Gangl-Gasse, Schlehenweg
29.09.2026

Bauzeit: 1953/54
Bauträger: Österreichisches Produktivitätszentrum
Planung: Roland Rainer, Carl Auböck
Geländeform: leicht abfallend
Objektanzahl: 15 Einfamilienhäuser 66 m2 - 112 m2
Typen: 15 Typen (10 freistehend, 2 gekuppelt, 3 zeilenförmig), Gestaltung durch einheitliche Fertigteile in verschiedener Kombination
Gartengröße: 250 m2
Gemeinschaftseinrichtungen: gemeinsamer Autoabstellplatz, Garagen
Baumaterial: Fertigteile
Verkehrserschließung: öffentlich: Autobus; in der Anlage: Privatwege
Typologie: Wohnsiedlung
Erhaltungszustand: gut, dennoch größere Veränderungen (Swimmingpool ...)
Anmerkungen: als Ausstellungssiedlung geplant

Baugeschichte

Die Musterausstellung vorfabrizierter Eigenheime in der Veitingergasse wurde durch die amerikanische Wirtschaftsmission angeregt - "Das amerikanische Eigenheim ist das Bollwerk der amerikanischen Freiheit"[1] - und durch das Österreichische Produktivitätszentrum 1953/54 errichtet.

In den Vereinigten Staaten hat die Vorfabrikation und damit die rasche und billige Herstellung von Einfamilienhäusern eine lange Tradition. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Produktion derartiger Eigenheime sprunghaft an. Die Voraussetzung dafür war u. a. die Finanzierungsmöglichkeit für schwächer Verdienende durch das sog. "Home Loan Bank System", eine Wohnbaubank, die nach einer Anzahlung von 10% der Gesamtkosten eine langfristige Ratenzahlung mit nur 4% Verzinsung gewährte. Dadurch war es einer großen Zahl vor allem junger Familien möglich, ein Einfamilienhaus - die in den USA bei weitem beliebteste Wohnform - zu erwerben. Der gängige Haustyp, das Ranch-Haus (Abb. 712), ist ebenerdig, ohne Keller und Dachboden, besitzt einen großen Wohnraum mit dem sog. "Picture-window", einem großen Fenster, mehrere Schlafräume sowie Küche und Nebenräume, ist mit allen technischen Haushaltserleichterungen ausgestattet und wird durch eine zentrale Luftheizung erwärmt.

Ein bis ins Detail durchdachtes System regelt Landerwerb, Produktion, Aufstellung und Verkauf. Die Vorware (850 Stück vorgeschnittenes, gefalztes, gebohrtes und numeriertes Holz) wird über Gleisanschluß zur Baustelle transportiert und dort samt den integrierten Leitungen und Einbaumöbeln zusammengebaut. Das Haus wird mit Asphaltschindeln gedeckt. Auf Wunsch liefert man die Bepflanzung der Gartenanlage mit. Eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten erleichtert die individuelle Gestaltung. Die Wandelemente bestehen aus geleimten Sperrhölzern, die bei geringem Gewicht große Festigkeit aufweisen.

1952 wurden in den USA 60 000 vorfabrizierte Eigenheime erzeugt. Im selben Jahr wurde der gesamte Erfahrungsschatz mit dieser Baumethode durch einen Planungsausschuß des Nationalverbandes der Heimbauer zusammengefaßt. Das so erstellte Haus hieß "Trade Secret House" ("Haus der Geschäftsgeheimnisse") und wurde später auch "Haus der Zukunft" genannt.

In Österreich wurde bereits in den dreißiger Jahren im Bundesland Oberösterreich eine Bauordnung zur Förderung der Vorfabrikation erlassen. Seit 1946 wurde das "Austria"-Holzwohnhaus in Putzmantelbauweise[2] erzeugt.

Es bestand daher auch in unserem Land bereits eine gewisse Tradition dieser Technik, als 1953 William K. Wittausch, ein amerikanischer Wohnbauspezialist, hierher kam und die Erfahrungen mit dem "Trade Secret House" bekanntmachte. Sie sollten an österreichische Verhältnisse angepaßt und in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Produktivitätszentrum in einer Musterausstellung "Das Österreichische Fertighaus" verwirklicht werden. Man hoffte auf eine Ankurbelung des Marktes im Inland, aber auch auf ausländische Interessenten.

Der Baugrund für die Ausstellung wurde von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt. Die Lage in unmittelbarer Nähe der Beamten-Siedlung "In der Hagenau" (1904) und der Werkbundsiedlung (1930-32) ermöglicht interessante Vergleiche.

Die Architekten Roland Rainer und Carl Auböck wurden beauftragt, ein System vorfabrizierter Holzelemente zur Herstellung vollständig eingerichteter und technisch bestens ausgestatteter Häuser vorzuschlagen. Der Holztafelbau hat sich gegenüber der Stahl- und Aluminiumbauweise durchgesetzt. Die Wärmeisolierung der Wände entspricht der von 51 cm dicken Ziegelmauern.

Um der Öffentlichkeit die verschiedenen Möglichkeiten der Grundrißbildung, die Konstruktion, die äußere und innere Gestaltung und die Möblierung zu zeigen, war eine Gruppe von 15 Häusern zu planen sowie deren Ausführung und Möblierung zu leiten. Die Ausstellung wurde im Herbst 1954 eröffnet und war sechs Wochen lang der Öffentlichkeit zugänglich. Sie wurde von 40 000 Besuchern gesehen. Die Häuser wurden zu günstigen Bedingungen zum Kauf angeboten: 15% der Gesamtkosten mußte der Bauwerber sofort erlegen, der Rest der Finanzierung erfolgte durch ein Darlehen der Bausparkasse im Rahmen der Wohnbauförderungsaktion aus ERP-Mitteln mit einer Laufzeit von 29 Jahren und 5,25% Verzinsung.

Die Fertigteilhaus-Mustersiedlung in der Veitingergasse stellt einen in der Praxis bewährten Versuch dar, Ruhe und Naturverbundenheit bester Wiener Bautradition mit auf dem letzten Stand befindlichem Herstellungsverfahren sowie hohem technischen Komfort zu verbinden und unter günstigen Konditionen anzubieten.

Baubeschreibung

Der Bebauungsplan der Siedlung zielte darauf ab, das Innere der Anlage von jeglichem Straßenverkehr freizuhalten; die einzelnen Häuser sind nur über Fußwege zugänglich. Gechlossene Garagen und ein Auto-Flugdach liegen an der Veitingergasse. Nur eine kleine Stichstraße führt zur Erleichterung von Transporten in die Siedlung, endet aber dort sogleich mit einem Wendeplatz, an den eine geschützte, nur nach Süden offene Terrasse mit einem Wasserbecken für Kinder anschließt.

Die Häuser sind so angeordnet, daß ein uniformer oder schematischer Eindruck möglichst vermieden wird, vor allem, um zu zeigen, daß auch mit Häusern ähnlichen oder gleichen Aussehens eine abwechslungsreiche und wohnliche Gesamtwirkung erreicht werden kann.

Der tiefere Sinn des Bebauungsplanes besteht darin, für jede Familie ein Maximum an privater Sphäre und dabei doch deutlich fühlbare Zusammengehörigkeit zu erreichen.

Die Bedeutung der Konzeption der einzelnen Häuser lag neben der auf dem letzten Stand befindlichen technischen Ausstattung des Haushalts vor allem in der möglichst weitgehenden Vorfabrikation der wesentlichen Bauelemente. Rohrleitungen für die Warmluft sowie Wasser- und Abflußrohre wurden in die Fundamentplatten eingegossen, ein in der Wand eingebauter 1,40 m x 1,40 m großer Installationsblock zwischen Bad und Küche beinhaltet zwei Heißwasserspeicher, den Kasten für die Spülung des WC wie auch alle Zu- und Ableitungen aus den Naßräumen.

Ähnlich dem amerikanischen Vorbild wurden ebenerdige Einfamilienhäuser ohne Keller- und Dachgeschoß vorgeschlagen. Die Größe der Wohnfläche liegt zwischen 66 m2 und 112 m2, wobei zwei bis drei Schlafräume, sanitäre Räume und Schrankraum eingerechnet sind. Das 106 m2 große Eigenheim entspricht in seiner Konzeption am deutlichsten dem "Trade Secret House". Jeder Bau besitzt zwei Eingänge - einen Wohneingang und einen Wirtschaftseingang direkt in die Küche -, einen meist unmittelbar bei der Küche liegenden Abstellraum, eine vollständig eingerichtete Küche mit Herd, Spüle, Kühlschrank und Waschmaschine, ein Bad mit Einbauwanne, Waschbecken, Warmwasserbereitung und ein WC. Darüber hinaus ist jedes Haus mit Einbauschränken verschiedenster Art ausgestattet. Etwa die Hälfte aller Küchen sind von den Wohnräumen getrennt, mehrere besitzen Frühstücksplätze; die übrigen sind mit den Wohnräumen verbunden, jedoch mit Hilfe von Jalousien abtrennbar.

Alle Häuser werden durch eine gasgefeuerte, thermostatisch geregelte Luftheizung mit Warmluftaustrittsöffnungen im Fußboden unter den Fenstern beheizt. Als Hausdeckung dient ein Aluminiumrolldach (Furaldach).

Der große Wohnraum öffnet sich meist nach Süden zum Garten mit einer großzügig verglasten Längswand, die durch einen breiten Dachvorsprung gegen die steile Sommersonne geschützt ist. Der durch die flacher stehende, tief eindringende Wintersonne entstehende Wärmegewinn wird durch die thermostatische Regelung der Heizung wärmewirtschaftlich genutzt.

Immer sind die gebauten Wohnräume durch kleine Gärten ergänzt, die durch Mauern, Hecken bzw. eine hohe Windschutzpflanzung am Rande der Siedlung gegen Wind und Einblick von außen geschützt sind. Sie besitzen geräumige, gepflasterte Terrassen zwischen Rasen, Blumen und Bäumen, sodaß sie als "grünes Zimmer" einen ungestörten privaten Aufenthalt im Freien möglich machen. Schließlich wurden acht Häuser für die Dauer der Ausstellung vollständig eingerichtet. Dabei war es möglich, neben fortschrittlichen ausländischen Erzeugnissen auch österreichische Serienmöbel zu zeigen.

Das Farbschema beschränkte sich auf Weiß, Schwarz, Grau und die ungebrochenen Grundfarben Gelb, Rot und Blau. In fast jedem Raum wirken einige dieser Farben mit naturbelassenem Sperrholz von Einbauschränken, Wand- und Deckenelementen zusammen. Auch außen wurden neben naturfarbigem Holz und Eternit einige Häuser in den Grundfarben gestrichen.

[1] Wahlspruch der Bausparkassen-Liga der Vereinigten Staaten von Amerika.
[2] Das tragende Holzgerippe wird mit feuer- und ungeziefersicherem Mörtelputz und vorfabrizierten Platten verschiedener Zusammensetzung verkleidet.

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Übertragen von hojos
im September 2026