Siedlung Lockerwiese

Wolkersbergenstraße, Versorgungsheimstraße, Faistauergasse, Egon-Schiele-Gasse, Engelhartgasse, Waldvogelstraße, Ranzenhofergasse, Camillianergasse, Schirmböckgasse, Spitzweggasse, Seelosgasse, Franz-Petter-Gasse, Josef-Schuster-Gasse, Eugen-Jettel-Weg, Janneckgasse, Zillehof, Wilhelm-Leibl-Gasse

Bauzeit: 1928-32, 1938/39
Bauträger: Gemeinde Wien
Planung: Karl Schartelmüller
Geländeform: eben, Westteil leicht ansteigend
Objektanzahl: 774 Wohnungen, davon 602 in Einfamilienreihenhäusern, zentraler Wohnhausblock mit Geschäften
Typen: zwei Grundtypen von Reihenhäusern
(verbaute Fläche 30 m2, 40 m2)
Gartengröße: 70 m2 – 80 m2, in erster Linie nicht mehr Nutz-, sondern Wohngärten
Gemeinschaftseinrichtungen (zum großen Teil nicht mehr erhalten): Versammlungssaal, Bibliothek, Geschäfte (u. a. Konsum) Kinderspielplatz, Kino (auch Tanzsaal), Gasthaus, Sportplatz zwischen Egon-Schiele-Gasse und Waldvogelstraße
Baumaterial: Ziegel, Tramdecken
Verkehrserschließung: öffentlich: Autobus, Straßenbahn, Schnellbahn; in der Anlage: Wohnstraßen und Fußwege, Grünflächen
Typologie: Wohnsiedlung, Reihenhaussiedlung
Erhaltungszustand: relativ gut, Veränderungen vor allem im Detail
(Türen, Fenster, Windfänge, Dachgesimse)
Anmerkungen: heutige Ausstattung fast aller Häuser mit Badezimmer, häufig Windfangzubauten, gartenseitige Zubauten, Dachausbauten; Erweiterung der Anlage 1938/39 durch Karl Schartelmüller

Baugeschichte

Diese Anlage ist ein typisches Beispiel des vorübergehend verstärkten Interesses, das die Gemeinde Wien am Siedlungsbau ab 1926 zeigte.

Der alte Flurname "Lockerwiese" mag auf die z. T. mit Schilf bestandene "lockere Erde" des Baugrundes, der ehemals als Weideland Verwendung fand, hinweisen.

Die Bauführung für diese zweitgrößte Gartenstadtsiedlung Wiens übernahm die GESIBA als Generalunternehmerin; Siedlermitarbeit, wie noch beim Bau der Siedlung Hermeswiese üblich, war nicht mehr gefragt. Die fertiggestellten Häuser wurden der Gemeinde Wien übergeben, waren also, was die Verwaltung betrifft, allen anderen Gemeindewohnungen gleichgestellt. Dies ist insbesondere im Rahmen der Wohnungsvergabe von zentraler Bedeutung. Auch heute noch ist dieses Vergaberecht in Kraft, und lange Wartelisten sind ein Beweis für das enorme Interesse vieler Wiener, eine Wohnung in dieser Anlage zu erhalten.

Mit der Planung der Siedlung wurde Karl Schartelmüller beauftragt, der vor allem durch seine Arbeit "Am Freihof" (1923-30, 1938) im 22. Bezirk, der größten Genossenschaftssiedlung Wiens, bekannt geworden war. Der erste Bauabschnitt lag in der Camillianergasse. Die auffallende kontinuierliche Reduktion der gestalterischen Mittel im Zuge des Fortschreitens der einzelnen Bauphasen ist in erster Linie auf die Verknappung der finanziellen Mittel zurückzuführen.

In den Jahren 1938/39 erfolgte durch Karl Schartelmüller eine Erweiterung der Anlage um 120 Reihenhäuser und einen Block mit 12 Geschoßwohnungen und einem Parteilokal der NSDAP (h. Parteilokal der Sektion 6 der Wiener SPÖ). Die Erweiterung umfaßte die Wolkersbergenstraße ab Eugen-Jettel-Weg, die Engelhartgasse, die Wilhelm-Leibl-Gasse, die Faistauergasse und die Janneckgasse). Die Grundkonzeption dieser Ergänzung stammt bereits aus dem Jahr 1931. Die Grundrisse der zweigeschoßigen Reihenhäuser aus dieser Zeit ähneln jenen aus den Jahren 1928-32. Es wurde lediglich im Erdgeschoß die Küche mit dem Wohnraum zu einer Wohnküche verbunden, im Obergeschoß der Vorraum auf Kosten einer Kammer vergrößert. Die Benutzbarkeit des Gartens zur Nahrungsbeschaffung fand in den Jahren 1928-32 noch ihren Niederschlag in der Lage der Spüle und Küche unmittelbar am Gartenausgang, 1938 wurde die Wohnküche straßenseitig angelegt.

1950/51 kam es nach Plänen von Franz Mörth und Otto Schönthal, einem Otto Wagner-Schüler, zu einer eher konventionellen und simplen Verbauung des Sportplatzes mit vier Wohnhauszeilen.

1953 wurde durch Adolf Wölzl mit Einfühlungsvermögen und Rücksicht auf die originale Konzeption eine Reihe von Dachausbauten durchgeführt.

Baubeschreibung

Insgesamt umfaßte die Siedlung ursprünglich 774 Wohnungen, wovon sich 602 in Einfamilienreihenhäusern, der Rest in zweistöckigen Wohnhäusern (zwei im Zentrum, zwei am Haupteingang, eines am Rand der Siedlung in der Faistauergasse) befinden. Die Siedlung liegt auf einer Gesamtfläche von ca. 220 000 m2, der Grünflächenanteil beträgt rund 88 000 m2. Die Hausgärten sind ca. 70 m2 groß. Gleichsam als Ergänzung zu ihnen besteht im öffentlichen Bereich ein erweitertes Angebot an Grünflächen, wie Grünstreifen auf der Hauptwohnstraße, Pergolen und Kinderspielplätze.

Die Gestaltung der Wohnhäuser orientiert sich am Erscheinungsbild der übrigen Siedlung; die Anbindung an die Reihenhausgruppen erfolgt durch niedrigere Zwischentrakte.

Das Besondere dieser Siedlung besteht in ihrer Konzeption, in der Art der Anordnung von Straßen, Wegen, Plätzen, Gärten und Häusern.

Im Sinne von Camillo Sitte, der in seinem Hauptwerk "Der Städtebau" (1889) die moderne, künstlich gestaltete Stadt kritisiert und für organisch gewachsene Stadtstrukturen eintritt, besteht in der Siedlung Lockerwiese ein Repertoire an überlegt eingesetzten städtebaulichen Elementen, die eine malerische und psychologisch befriedigende Raumgestaltung entstehen ließen. Einen wesentlichen Beitrag hiezu leistet die Gestaltung des Hauptplatzes, der einen langgestreckten, gekurvten Anger abschließt. Hier befanden sich die zentralen Einrichtungen der Siedlung, wie Geschäfte und Bibliothek (heute Verkauf von Sanitäreinrichtungen). Von den Gemeinschaftseinrichtungen bestehen noch die Trafik und vereinzelte Geschäfte, nicht mehr der Konsum; an seiner Stelle befindet sich gegenwärtig das Pensionistenheim.

Zu dem Hauptplatz führen alle Wege der Siedlung, auch wenn dies auf "Umwegen" geschieht. Sie lassen die Lebendigkeit eines natürlich gewachsenen "Ortes" verspüren in der Abstufung von Haus, Straße und Platz, der als Zentrum durch die höhere Verbauung akzentuiert wird. So wandelt sich der anonyme Raum durch Häuser als Wände im Freien zu einem menschlichen Schauplatz und vermittelt Geborgenheit und Vertrautheit.

Diese Qualitäten des Platzes sind in der gesamten Anlage nicht nur im betonten Zentrum zu erkennen, sondern auch in anderen lebendig gesetzten kleinen Bereichen wie auch in Sackgassen, die sich an ihrem Ende zu größeren Flächen erweitern.

Die Umschlossenheit eines Raumes und ein daraus erfolgendes Zusammengehörigkeitsgefühl werden aber auch an einzelnen Stellen der Siedlungseingänge betont, wie an der Faistauergasse; allerdings ist hier keine Abgrenzung nach außen gegeben; das "Tor" ist zu weit und zu offen. So wird die Verbindung zur Superblockbauweise nur angedeutet. Dieser städtebauliche Ansatz eines "Tores" läßt jedoch Assoziationen zur mittelalterlichen Stadt und ihren spezifischen Ausformungen zu, verleitet – nach E. Raith[1] – zu Spekulationen in diese Richtung. Sie werden nicht nur durch die "Tore" und "Türme" genährt, sondern auch durch die Gartenmäuerchen – gleichsam verkleinerte Stadtmauern – an der Versorgungsheimstraße. Auffallenderweise häufen sich diese Zitate gerade entlang dieses Straßenzuges.

An anderen Stellen – und dies ist bestimmender – wird man unmerklich, wie selbstverständlich, in die Siedlung hinein geführt. Die Baumassen verdichten sich langsam, gestuft, ohne Aufdringlichkeit. Es gibt keine harte Grenze zwischen außen und innen, wie es u. a. der Eingang an der Seelosgasse zeigt.

Ein Gang durch die Straßen eröffnet immer wieder neue Blickpunkte, unerwartet und ohne Regelmäßigkeit. Durch die gekrümmten Wegführungen sind die Perspektiven nie offen, es bleibt beim überschaubaren Raum. So birgt die auf den ersten Blick unscheinbare Wohnstraße Ranzenhofergasse eine Fülle von bemerkenswerten gestalterischen Details: "(...) das Betreten des Raumes durch ein inszeniertes 'Tor'; Symmetrien über die Straße hinweg; der gekrümmte Straßenverlauf; die Verkröpfung des Straßenverlaufes; das Schließen der Perspektiven; der Umgang mit den Eckkonflikten; das Symmetrisieren der Straßeneinmündung, etc."[2]

Der Lageplan der Siedlung läßt erkennen, daß Symmetrie vermieden wurde, bezeugt aber die durchdachte lebendige Gestaltung und – trotz der gewaltigen Dimension der Gesamtanlage – die Bewahrung überschaubarer Distanzen. Bereits bestehende markante architektonische Bezugspunkte wie die Versorgungsheimkirche oder das Camillianerkloster "werden in diesem Entwurf in den räumlichen und konzeptionellen Kontext der Siedlung hereingeholt. Das Bild der Siedlung als Kleinstadt wird so komplettiert."[3]

Wenn Achsen existieren, dann sind sie gekrümmt oder versetzt geführt. Berechnete Blickpunkte sind nicht direkt, sondern etwas verschoben gewählt, wie die Entsprechung des Sgraffitobildes von Georg Samwald aus dem Jahr 1929 (Neuherstellung 1949 ebenfalls durch G. Samwald) an der Hauptplatzwand mit dem Blick zur Versorgungsheimkirche zeigt.

Das Wandbild führt einen idealen Zusammenklang von Wohnen im Sinne von familiärer Existenz und unmittelbarer Umwelt der Siedlung und ihrer Entstehung durch Entwerfen, Bauen und Pflanzen vor Augen. "Von einem mehrfach Fruchtbarkeit symbolisierenden Lebensbaum umgeben sieht man die glückliche Familie und ihr Kind, das gleichzeitig wohl auch die neugeschaffene Gartenstadt symbolisert. Die gesamte Darstellung, vor allem das wie in einer Krippe liegende Kind, erinnert an die vertrauten Bilder der Heiligen Familie."[4]

Der Intimität des Familienlebens entsprechen auch die von der Außenwelt völlig abgeschlossenen Gärten. So sollte in dieser Anlage beides möglich sein: Abgeschlossenheit und Gemeinschaft. Wie sich derzeit diese Siedlung als Gemeinwesen darstellt, ist im Zusammenhang mit der schon in der Vorbemerkung zu diesem Kapitel erwähnten gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu sehen. Es ist bezeichnend, daß der große Kinderspielplatz nicht benützt wird und daß Einrichtungen wie Siedlerheim, Kino oder Gasthaus aufgelassen wurden. Es besteht allerdings nach wie vor der "Siedlerverein Lockerwiese".

Trotz dieser Entwicklung bleiben die Qualitäten der Siedlung Lockerwiese als ein lebendiger und dem menschlichen Maß verbundener Organismus unbestritten. Dies betrifft jedoch nicht nur die Planung des Ganzen, sondern auch vielfältige Details, z. B. Ecklösungen, Eingänge, Fenster, Dachformen, Regenfallrohre, Gesimse und Reaktionen auf Straßeneinmündungen an der gegenüberliegenden Hausfassade. Lange Fassadendistanzen werden durch verschieden geformte Eingänge und Vorbauten rhythmisiert. Bei einigen gespiegelten Eingängen sind die Türlaibungen "(...) mit jeweils einer scharfen und einer abgerundeten Kante ausgeführt. (...) Die abgerundeten Kanten liegen dabei jeweils außen, so daß auch hier beide Hauseingänge stärker ihrer gemeinsamen als ihrer individuellen Symmetrie verpflichtet werden."[5] Der Wechsel vom Steildach ohne Ausbau zu solchem mit Mansarde ergibt ein lebhaftes Bild, vor allem in der breit angelegten Hauptstraße. Durchgehende Materialien wie Putz, Waschbeton oder Ziegel tragen zur verbindenden Einheitlichkeit und somit Ganzheit der Anlage bei.

Im ursprünglichen Farbkonzept der Siedlung wurde der Unterschied zwischen öffentlichen Räumen und Wohnungen hervorgehoben.

Bei den zweigeschoßigen Reihenhäusern sind zwei Grundtypen festzustellen, deren wesentlichster Unterschied in der Größe der verbauten Fläche liegt. Diese beträgt bei den kleineren Häusern ca. 30 m2, bei den größeren ca. 40 m2. In beiden Typen gelangt man durch den Vorraum in den gassenseitig gelegenen Wohnraum. Gegen den Garten zu befinden sich zumeist das Bad (ehemals Waschküche), WC und Küche. Von dort gelangt man in den hauseigenen Garten. Vom Vorraum aus erreicht man das Obergeschoß, das im wesentlichen aus zwei kleineren Zimmern und dem Schlafraum besteht. Alle Häuser sind gänzlich bzw. teilweise unterkellert. Die Wohnfläche liegt im allgemeinen zwischen 60 m2 und 70 m2.

[1] Raith: Zur Morphologie der Gartenvorstädte. Bd. 1. S. 257ff.
[2] Raith: Zur Morphologie der Gartenvorstädte. Bd. 1. S. 270.
[3] Ebda. Bd. 1. S. 250.
[4] Ebda. Bd. 1. S. 267.
[5] Ebda. Bd. 1. S. 283.

Quellen:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Übertragen von hojos
im September 2026