Siedlung Hermeswiese / Lainz-Speising
Untere Hermesstraße, Hochmaisgasse, Lynkeusgasse, Leitenwaldplatz, Dvorakgasse, Trabertgasse
Bauzeit: Teil I: 1923-27, 1930; Teil II: 1923-27 (Kanal 1929); Teil III: 1929
Bauträger: Gemeinde Wien; Siedlergenossenschaft "Altmannsdorf–Hetzendorf", Kolonie Lainz-Speising
Planung: Karl Ehn (Gemeinde), Emil Krause (Gemeinde), Victor Reiter (Gemeinde), Heinrich Schlöss, Lucas Matthias Lang (Genossenschaft)
Geländeform: von O nach W leicht ansteigend
Objektanzahl: 104 Häuser (Gemeinde), 180 Häuser (Genossenschaft)
Typen: Teil I (K. Ehn): 4 Typen (64 m2 - 79 m2 Gesamtnutzfläche),
(V. Reiter): 3 Typen (23 m2 - 58 m2 Gesamtnutzfläche); Teil II (H. Schlöss, E. Krause): 4 Typen (64 m2 - 81 m2 Gesamtnutzfläche); Teil III (V. Reiter): 1 Type (ca. 70 m2 Gesamtnutzfläche)
Gartengröße: Teil I: 200 m2 - 300 m2; Teil II: 100 m2 bzw. 300 m2; Teil III: ca. 50 m2 - 80 m2
Gemeinschaftseinrichtungen: früher Geschäfte und Kinderfreibad mit Spielplatz (im Zweiten Weltkrieg zerstört), "Konsum"-Geschäft, Spielplatz (heute in Dvorakgasse 40a), Genossenschaftslokal (heute im Neubau in der Dvorakgasse)
Baumaterial: Teil I: 25 cm starkes Ziegelmauerwerk, Tramdecken mit nicht verputzter Untersicht, 11 Häuser an westlicher Querstraße: Stahlbetonskelettbau; Teil II: Hohlblocksteine, 5 Häuser mit Lehmziegeln; Teil III: innen 7 cm Gipsschlacke, 38 cm starkes Ziegelmauerwerk
Verkehrserschließung: öffentlich: Straßenbahn, Autobus, in der Anlage: Wohnstraßen
Typologie: heute Wohnsiedlung, Selbsterhaltersiedlung
Erhaltungszustand: gut; zahlreiche individuelle Veränderungen (Zubauten, Adaptierungen ...); Renovierung des Teiles I 1988/89, des Teiles II Juni 1987 bis Mai 1988 durchgeführt
Anmerkungen: 1929 Erweiterung durch Viktor Reiter: 9 Gemeindehäuser (Teil III)
Baugeschichte, Baubeschreibung
Ähnlich wie bei Siedlungen in anderen Bezirken versuchten Gemeinde und Genossenschaften bei der Anlage "Hermeswiese" eng zusammenzuarbeiten.
Die Gemeindesiedlung ("Hermeswiese I" [1]) wurde von Anfang an so angelegt, daß sie mit der etwas später errichteten Kolonie "Lainz-Speising" der Genossenschaft "Altmannsdorf-Hetzendorf "[2] ("Hermeswiese II") eine geschlossene Anlage bildet. Zuerst nur für Arbeiter und Angestellte der städtischen Elektrizitätswerke geplant, wurden die Häuser dann auch an andere Bewerber vergeben. Siedlermitarbeit im Ausmaß von mindestens 1000 Stunden war Bedingung. Mit der Planung des gemeindeeigenen Teiles (95 Häuser) wurde Karl Ehn betraut. Er sollte später mit dem Karl-Marx-Hof den symbolträchtigsten Bau des "Roten Wien" schaffen. Gegenüber der Blockbauweise des Karl-Marx-Hofes zeigt sich bei der Siedlung "Hermeswiese" eine andere Einstellung, die sowohl in Hinblick auf die Dimension als auch auf den Maßstab einen intimeren, menschlicheren Charakter aufweist. Die Siedlung wirkt als homogene Einheit und wurde von Ehn durch verschiedene Details als solche gestaltet. Er selbst hebt hervor: "Der Charakter der Siedlung, als ein in sich geschlossenes Gebiet, ist durch eine torähnliche Überbrückung der Haupteinfahrt in die Wohnstraße betont."[3] Es wurde bewußt auf ein dörfliches Gepräge (Uhrturm, Marktbrunnen) Bezug genommen. Ein anderes Vorbild besteht in den englischen und deutschen Gartenstädten.
Die Wohnstraße (Lynkeusgasse) als Achse der gesamten Anlage steigt allmählich in Richtung Lainzer Tiergarten an. Ehn versuchte, Einförmigkeit an dieser relativ langen Strecke durch mehrere Unterbrechungen in den Baulinien zu vermeiden. Dies geschah einerseits durch die Errichtung eines zentralen Platzes, der später Gemeinschaftseinrichtungen aufnehmen sollte, andererseits (bei Type II) durch das Zurückversetzen der Schuppen und Kleintierställe um etwa dreieinhalb Meter hinter die Hauptfront, wodurch eine lebendige Gliederung der Straßenseite erreicht werden konnte. Diese Anbauten wurden später für Wohnzwecke zu Nebenräumen ausgebaut. Die ehemaligen Gemüsegärten sind heute größtenteils Ziergärten.
Die abwechslungsreiche Polychromie - Tür- und Fensterumrahmungen in Ziegelmauerwerk mit weißen Fugen, grüne Türen und Dachrinnen sowie weiße Fenstersprossen - vermittelt ein idyllisches Siedlungsbild (Abb. 642). Details, wie Eckbetonungen, unterstreichen den Willen zu Einheitlichkeit und Gemeinschaft.
Die Anordnung der aus vier sehr ähnlichen Typen bestehenden Häuser folgt im wesentlichen der Richtung der Wohnstraße (Ost - West), sodaß 80% von ihnen einen nach Süden gelegenen Wohnraum aufweisen. Die verbaute Fläche ohne Wirtschaftsbereich beträgt bei allen vier Typen ca. 41 m2. Im Erdgeschoß liegen die Küche und der ca. 17,2 m2 große Wohnraum sowie die Waschküche, die im Laufe der Zeit zum Badezimmer umfunktioniert wurde. Der kleine Vorraum verbindet Wohnzimmer und Küche. Der Aufgang zum Obergeschoß erfolgt vom Wohnraum aus über eine schmale, steile Treppe. Im Obergeschoß befinden sich je nach Type ein bis zwei Schlafzimmer. Der von einem der beiden Räume erreichbare Speicher (nur bei Type I und II) konnte zu einem zusätzlichen Zimmer ausgebaut werden. Auf eine Unterkellerung wurde verzichtet. Die ursprünglichen Torfstreuklosette außerhalb der Wohnung wurden im Zuge des Anschlusses an das städtische Kanalsystem durch wohnungseigene WC-Anlagen ersetzt. Sie befanden sich ursprünglich je nach Type in dem im rechten Winkel bzw. parallel versetzt an den Wohntrakt angebauten Wirtschaftstrakt, der durch einen Vorraum vom Garten aus bzw. durch die Waschküche begehbar war und aus Schuppen und Stall bestand (Abb. 645).
Die Siedlung "Hermeswiese I" wurde in mehrfacher Hinsicht erweitert. Der zentrale Platz wurde 1930 von Viktor Reiter verbaut. Er errichtete gegenüber der Einmündung der Strampfergasse in die Lynkeusgasse einen kleinen zweigeschoßigen Wohnblock, der durch Torbögen mit den benachbarten Häusern verbunden ist. In diesem Bau mit zwei Eingängen wird durch das Zurückspringen des Mittelteiles auf die Platzsituation reagiert. Die Anlage ist außen symmetrisch, innen vor allem im Erdgeschoß durch die Einrichtung eines Geschäftslokales asymmetrisch gestaltet. In dem Block sind zwei Kleinwohnungen (Vorraum, Wohnraum, WC), vier Wohnungen mit Vorraum, Zimmer, Küche, Kabinett, WC, sechs Wohnungen mit Vorraum, Zimmer, Küche, zwei Kabinetten, WC sowie ein Geschäftslokal mit Magazin eingerichtet. Ursprünglich befand sich hier eine Lebensmittelhandlung (Konsum), später ein Modegeschäft; Ende 1988 wurde dieses in eine Behindertenwohnung umgebaut. In keiner der Wohnungen befand sich ursprünglich ein Badezimmer. Das Flächenausmaß beträgt zwischen 23 m2 (Kleinwohnung) und 58 m2.
Die Rückseite des Baues weist im Erdgeschoß eine gegen die Mitte zu zweifach geschwungene Außenwand auf. Diese Auswölbungen dienen im ersten Stock als Basis für Balkone. Das Detail der gekurvten Wand ist bei dem 1929 ebenfalls von Viktor Reiter geplanten Gemeindebau an der Speisinger Straße in abgewandelter Form zu bemerken (->> Speisinger Straße 84-98).
Zu den Häusern der Gemeinde kamen von Anfang an von Heinrich Schlöss und Emil Krause errichtete genossenschaftliche Bauten - die Siedlung "Lainz-Speising" ("Hermeswiese II") - sowie 46 Einzelhäuser, deren Bau von der Gemeinde unterstützt wurde.
Schon 1920 konstituierten Angestellte des Lainzer Krankenhauses und des Versorgungsheimes einen Verein der Schrebergärtner-Kleintierzüchter und Wohnungsreformer.[4] Zugleich fanden Postangestellte in der Gemeinnützigen Kleingarten- und Siedlergenossenschaft Altmannsdorf-Hetzendorf Aufnahme. Beide Bevölkerungsgruppen bildeten die ersten Bewohner der Siedlung "Lainz-Speising".
Da anfangs für das Bauvorhaben keine öffentliche Unterstützung gefunden werden konnte, wurden vorerst mit Hilfe der englischen "Mission der Freunde" zwei Kernhaustypen links und rechts der heutigen Lynkeusgasse, ein Blockhaus nach dem Vorbild alpenländischer Bauernhäuser sowie vier Lehmstampfbauten in der h. Dvorakgasse erbaut. Erst 1923 konnten mit Hilfe von Krediten der Gemeinde Wien die Pläne von Heinrich Schlöss und Emil Krause Zug um Zug realisiert werden, wobei pro Siedlerfamilie 2000 Arbeitsstunden zu leisten waren.
Die 180 Genossenschaftshäuser (4 Typen) sind - die Wohnungs- und Grundstücksgrößen betreffend - den Gemeindehäusern in etwa gleich (64 m2 - 81 m2 inkl. Hoftrakte). Die Raumaufteilung ist unterschiedlich gestaltet. Spüle bzw. Bad und WC sind im Erdgeschoß von Anfang an integriert, der Stall ist innerhalb der rechteckigen Grundrißform untergebracht. Küche und Wohnraum sind zu einer Wohnküche zusammengefaßt. Im Oberstock befinden sich drei Schlafräume für maximal fünf Personen. Es bestehen jedoch auch Grundrißlösungen des Erdgeschoßes mit angebautem WC und Stall sowie mit der Trennung zwischen Wohnraum und Küche.
Das Äußere ähnelt jenem der Gemeindehäuser, wirkt jedoch schlichter. Der Versuch, eine ganzheitliche, zusammenfassende Gestaltung beider Siedlungsteile zu erreichen, ist deutlich spürbar.
1981 wurde für die Genossenschaft von Lucas Matthias Lang an der Stelle des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kinderfreibades in der Dvorakgasse ein aus vier Blöcken bestehender ein- bzw. zweigeschoßiger Zubau mit insgesamt 20 Wohnungen errichtet, in dem sich auch das Kolonielokal befindet.
1929 wurde an der benachbarten Speisinger Straße ein Gemeindebau von Viktor Reiter gebaut. Auch hier ist zu bemerken, daß der Architekt auf Bestehendes Rücksicht nahm; ein behutsamer Übergang ist erkennbar. Reiter schuf gleichsam als Zwischenstufe zwischen seinem Bau und den beiden bestehenden Siedlungsteilen zwei Gruppen mit drei bzw. sechs unterkellerten Häusern ("Hermeswiese III"). Die Grundrisse ähneln stark den Siedlungsteilen I und II. Ein kleiner Vorraum führt zu dem an der linken Seite gelegenen Wohnraum, rechts zur Küche, an die eine Spüle anschließt. Von der Küche aus gelangt man in den relativ kleinen Garten (ca. 50 m2 - 80 m2). Zwischen Küche und Wohnraum führt die steile Treppe in das Obergeschoß mit den zwei Schlafräumen.
Auch der zum großen Teil nur dreigeschoßige Wohnblock an der Speisinger Straße nimmt in Dimension und Verbauungsdichte Rücksicht auf die vorhandene Bausubstanz (-> Speisinger Straße 84-98).